Nr. 16- Dritter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)Dienstag, H.ZuliM-
Aus der Provinzialhaupistadi.
Hurra, wir reisen!
Von Hete Ursel Hild.
Das ist eine Sehnsucht aller: einmal im Jahre den Staub der Stadt von den Füßen schütteln, einmal im Jahr an Erholung denken, an die Flucht aus den Steinmauern der Stadt, an „Ferien vom Ich". Einmal im Jahre ganz ausspannen! Das volle Leben der Ferien, des Urlaubs ganz genießen. Herzlicher Gedanke! Und das ist auch in jedem Jahr die gleiche Frage: reise ich in ein Heilbad, wo Packungen und Massagen warten? Rohkost und Diät dem Körper neue Kräfte zuführen sollen, wo heilsame Brünnlein fließen und alle Organe erneuern wollen? oder soll die Reife an die See gehen, in die Berge, wird man in die Weite reisen oder hübsch in nächster Nähe des Wohnhortes ausspannen?
Wenn ein fester Entschluß über das „Wohin" der Ferienreise gefaßt ist, dann geht man in die Reisebüros, studiert die Zeitungen, die Bäderanzeigen, liest Faltblätter und Prospekte, rechnet und plant, stellt Wanderfahrten zusammen. Eine Reise zu Wasser oder zu Lande? Fahrten mit Faltboot, mit dem Motorrad, mit dem flinken Wägelchen, mit dem Fahrrad mit und ohne Sozia, mit und ohne Kajakfrau. Dann kommen die sonstigen Reisevorbereitungen an die Reihe, die viel Zeit und Umsicht und Kopfzerbrechen machen. Es gilt eine vernünftige und schöne Reiseausrüstung zu beschaffen. Denn zu Hause haben wir nicht nur die Auswahl, sondern auch die beste Gelegenheit billig zu kaufen. Wer z. B. vergessen hat, sich genügend Zahnbürsten, Taschentücher oder Kravatten, Kragen und Strümpfe einzupacken, oder wer gar in letzter Minute noch ein Paar Tourenstiefel ersteht und keine Gelegenheit mehr hat, dieselben auszutreten, wer unterwegs feine Töchter mit Strandanzügen und Badeschuhen, den Sohn womöglich mit einem Paddelboot versehen soll, dem wird aus dem erträumten Sommeridyll gar bald ein Leben der Verzweiflung, unaufhörlicher Qualen und des schauerlichsten Mißgeschicks werden
Darum soll jeder, der eine Ferienreise antreten will, sich vorher einen wohlüberlegten Plan machen von all den kleinen und großen Dingen, die uns je nachdem zum Himmel oder zur Hölle werden können. Und was dann fehlt, das soll er — seine bessere Hälfte an die Hand nehmend — in den ihm vertrauten Geschäften seiner Heimatstadt rechtzeitig einkaufen. Dann wird es ihm niemals an Rasierseife, an Zahnpasta, an Kragenknöpfchen, an Hautkreme oder an dem bewährten Allheilmittel: Karmelitergeist mangeln, wenn er sich morgens erhebt, wenn die Sonnenstrahlen es zeitweise zu gut mit ihm meinen, oder wenn auf einer Gebirgswanderung plötzlich die Füße den Dienst versagen: dann wird sein Urlaub ein einziger Sonnentag sein.
Ich kenne Menschen, die es verstehen, ihre Ferienreise zu organisieren. Sie tragen vier lange Wochen vorher eine große Vorfreude im Herzen. Ihre Koffer sind nicht allzugroß, aber in ihnen ist alles enthalten, bis auf die Schnürsenkel. Sie sind immer wohlversehen und wenn sie heimkommen, dann strahlen sie vor Frische, Gesundheit und Lebenslust. Ich kenne aber auch andere Menschen, die erst im letzten Augenblick, 5 Minuten vor der Abfahrt des Zuges, em Paar Strümpfe, Zahnbürste und ein Nachthemd in ihre Koffer werfen. Abgehetzt und aufgeregt fahren sie meist ab. Oft sehen sie nur noch die Schlußlichter ihres fahrplanmäßigen Zuges, nachdem sie Im Dauerlauf den Bahnsteig erklommen. Natürlich haben sie da Licht im Badezimmer brennen lassen und schon beim ersten Aufenthalt müssen sie entdecken, daß sie keine Haus
schuhe bei sich haben. Diese meine Freunde kommen meist früher heim als sie beabsichtigten, denn sie haben unterwegs, dank vieler sinnloser Einkäufe, die sie zu Hause billiger hätten machen können, Pleite gemacht. Nun, wo sie zurückkehren, sind sie abgespannter, aufgeregter, nervöser und unfreundlicher als zuvor. So ist es mit der Ferienreise. Und dann liebe Freunde, bedenkt auch dies: wenn Ihr vernünftig und reichtzeitig Eure Reise vorbereitet, dann hat auch Eure heimische Geschäftswelt teil an Eurer Ferienfreude.
Kreisleiter-Tagung Des Gaues Heffen-Naffau.
Das G a u p r e f s e a m t teilt mit:
Bereits zwei Tage nach der in Berlin stattgefundenen Gauleitertagung waren am Montag die Kreisleiter und Gauamtsleiter des Gaues Hessen-Nassau in Frankfurt a. M. vor dem Gauleiter versammelt, um die Arbeitsrichtlinien im Sinne der Berliner Tagung entgegenzunehmen. Aus den Darlegungen des Gauleiters über Grundsätzlichkeiten im Verhältnis zwischen Partei stellen und Staatsbehörden aing eindeutig hervor, daß ein Zwiespalt oder auch Kompetenzzweifel zwischen Behörden und Partei nicht zu entstehen brauchen. Aufgabe beider Seiten sei unermüdliche gegenseitige Stützung der Autorität. Den über zweistündigen vielseitigen Ausführungen des Gauleiters über alle Zweige der Parteiarbeit folgten nach kurzer Aussprache knappe Dienstanweisungen einzelner Gauamtsleiter. Horst-Wessel-Lied und Treuegelöbnis beschlossen die vom stellvertretenden Gauleiter Regierungsrat Reiner geleitete disziplinierte Tagung.
Gteuerersparniö Durch rechtzeitige Ersatzbeschaffung.
Die Reinhardtsche große Steuerreform sieht bekanntlich für Betriebe mit ordnungsmäßiger Buchführung eine wesentliche Steuerersparnis dadurch vor, daß die Aufwendungen für Ersatzgegenstände vom steuerpflichtigen Gewinn absetzbar sind. Voraussetzung ist dabei, daß die Ersatzbeschaffung vor dem 1. Januar 1935 vorgenommen wird. In der „Deutschen Steuerzeitung" wird nun darauf hingewiesen, daß bereits jetzt die Möglichkeit dieser Steuerersparnis besteht, da das neue Einkommensteuergesetz schon auf das Einkommen Anwendung findet, das für 1934 zu veranlagen ist. Der steuerpflichtige Gewerbetreibende und Landwirt brauche nur in Höhe seines mutmaßlichen Gewinnes das Anlagekapital zu ersetzen, um mit seinem 1934 erzielten Gewinn einkommens- und gewerbesteuerfrei zu bleiben. Die Verbilligung, bzw. Steuerersparnis, die er dadurch erzielt, werde sich auf 10 bis 65 v. H. seiner gemachten Aufwendungen belaufen, wenn man den neuen Einkommenssteuertarif zugrunde lege und die sich anschließende Gewerbesteuerverminderung mit berücksichtige.
Polizeibericht.
Festnahmen:
Am 13. Juli wurde hier der Vertreter der deutschen Krankenversicherungs-AG., Berlin-Schöneberg, Martin Reck, geb. am 17. August 1909 zu Rosenheim, wegen Unterschlagung, Betrugs und Urkundenfälschung festgenommen und dem Amtsgericht zugeführt. Er kam in Untersuchungshaft. Reck hat erhebliche Beträge unterschlagen.
Am 15. Juli wurde der auf Wanderschaft befindliche Gärtner Georg Rosenplänter, geb. am 5. Januar 1890 zu Göttingen, wegen Betrugsversuchs festgenommen. Auch er kam in Untersuchungshaft
Das Fest der Kinder
Das Kasperltheater fand ein aufmerksames und dankbares Publikum.
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Das Wurst- und Brezelschnappen machte allen großen Spaß. (Aufnahmen: Photo-Pfaff.)
In Reiskirchen wurde am 14. Juli durch die dortige Gendarmerie der am 18. Juli 1911 zu Nierstein am Rhein geborene Gärtner Jakob Hammel auf Grund eines Ausschreibens festgenommen. Er hatte ein noch fast neues Fahrrad in seinem Besitz, das er am gleichen Tage vor der hiesigen Bezirkssparkasse entwendet hatte. Hammel wurde dem Amtsgericht zugeführt.
Diebstähle:
Von einem Fahrrad, das in der Nähe des Theaters aufgestellt war, wurde eine Aktenmappe mit
einem neuen Buch betitelt „Wurms Handbuch für Religionsgeschichte" entwendet. — In der Nacht zum 11. Juli wurde im „Alten Feld" ein Gartenhäuschen erbrochen und folgende Gegenstände entwendet: Ein brauner Filzhut, gez. A. B., eine schwarze Lüsterjacke, eine graue fast neue Hose, ein neuer brauner Damenkittel, ein weißes Kopftuch, ein Paar schwarze Herrenschnlirschuhe und ein Paar schwarze Damenhalbschuhe.
Sachdienliche Mitteilung erbittet die Kriminalpolizeistelle.
Verreiste Menschen.
Von Or Walther Allerhand.
Nun ist die Stadt ein bißchen schläfrig geworden. Heruntergezogene Gardinen muten an, als hätten die Häuser die Augen geschlossen zu kurzem Sommerschlaf. In den Anlagen gibt es Bänke, auf denen niemand sitzt. Besonders Mamas und Kinder sind fast vollzählig verreist, während zurückgebliebene Papas, die die Budenangst haben, allabendlich in Wirtshausgärten und Hemdärmeln ihre Melancholie mit Bier löschen.
Die Menschen sind verreist.
Aber nicht auf Reisen. Sie sind genau so seßhaft tote daheim, nur ein kleiner Szenenwechsel hat stattgefunden und auf neuem Schauplatz geht das alte, bürgerliche Schau- oder Trauerspiel weiter.
Es gab Menschen, die mir sagten: Morgen reise ich! Und am nächsten Tage sah ich sie mit Liegestühlen und Hutschachteln zum Bahnhof trotten. Merkwürdig, was Menschen unter „Reisen" verstehen.
Ich habe noch Zeit. Ich will warten bis der Som mer ans Abschiednehmen denkt. Dann will ich mit den Schwalben hinter dem Sommer Herreisen und die Sonne suchen.
Aber langsam beginne ich mich vorzubereiten. Immer öfter schicke ich meine Gedanken auf Reisen, weit voraus, lang voran. Ich bereite mich langsam vor wie für eine große Andacht, indem ich mich manchmal loszuläsen beginne von meinem Alltag. Aus großen Kursbüchern schreibe ich mir Züge ins kleine Notizbuch. Ich weiß, ich werde keinen dieser Züge benützen. Die Züge aus meinem Notizbuch find mir noch immer davongefahren, weil irgendein Alpental, eine kleine Kirche zwischen Zypressen, die tolle südliche Buntheit eines Fischerdorfs mich einen Tag lang an Stätten festhielten, wo der Zug nur eine Minute bleibt.
Und trotzdem blättere ich in meinem alten Kursbuch wie ein Pfarrer in seiner alten Bibel blättert, und meine Andacht ist nicht geringer und die Offenbarungen dieses alten Kursbuches sind nicht weniger beseligend.
Ja reifen sie denn überhaupt, diese vielen? Sie selbst und ihre Wirte haben doch alles darangesetzt, daß [je sich — wie zu Hause fühlen. Wozu dann die Reise, wozu den dreifachen Preis bezahlen für dieses Surrogat-zu-Hause? Während ich es für wesentlich halte, daß nichts, aber auch gar nichts so ist wie zu Hause, weshalb ich mir möglichst entfernte Landstriche suche, in denen ich niemanden aus meiner Heimat treffe, wo sogar die Ochsen anders gebogene Hörner haben als daheim und die Katzen anders gescheckt sind. Nichts darf an daheim und an Alltag erinnern, weil das den eigentlichen Sinn des Reisens zerstören würde: die Romantik und die Andacht.
Viele verreisen, aber wenige sind unterwegs. Sie verlangen auf der Reise ihre Bequemlichkeit, ihre Ordnung. Als ob nicht Reisen das gerade Gegenteil von Bequemlichkeit und Ordnung wäre, nämlich Unraft, Bewegung, Begegnung mit Unvorhergesehenem, Erlebnis des Unerwarteten, eine entschiedene Absage an die zwangsläufige Ordnung des Alltags ; und des Daseins. Wie verschrumpft ist das Gefühl für Welt und Weite, wenn wir in der Fremde die Erinnerung an die Heimat brauchen, um zufrieden zu sein. Wir kennen es nicht mehr, was man „die Leidenschaft nach der Welt" nennt.
i Und dann, wer da reift, um zufrieden zu fein, der 1 tut wohl eine Reise ins Land der Enttäuschung. Etwas stimmt immer nicht: bald die Speisekarte, bald ist das Bett zu kurz, das Klima zu heiß oder zu rauh, zu trocken oder zu feucht. Den Jdealzuftand zu suchen, darf man nicht auf Reisen gehen. Reisen heißt entbehren, heißt manchmal in harten Betten liegen und schlaflose Nächte in Kauf nehmen, verdorbenen Magen und schlechte Bedienung. Reisen heißt leben und leben heiß nicht, faul und fett bas reine Bett von zu Hause und die heimische Küche genießen.
Meist unterscheidet man jchon am Gepäck den Reisenden vom Verreisten. Je größer das Gepäck, desto kleiner der Sinn für das Reisen, der sich endlich bei den großen Schrankkoffern rimerareifenber Engländer als überhaupt nicht vorhanden erweist. Woran das „wonderful" englischer Ladys m „Aemelfi" (gemeint ist Amalfi) gar nichts ändert.
Omnia mea mecum porto, all mein Gut trage ich mit mir, es mochte der stolze Ausspruch eines Weisen sein bei Reisenden ist es bestimmt nicht ein Zeichen 'der Weisheit. Wer so vieles von daheim braucht, der beweist nur, daß er es nicht versteht, im Fremden Heimat zu finden. Kofferpacken das heißt für Tausende Aufregung, Kummer und Kopfzerbrechen unfreiwilliges, mißvergnügtes Sichbe- schränkenmüffen. Aber dem wirklichen Wanderer, und Wanderer kann man auch sein, wenn man im v-Zuq sitzt dem wirklichen Wanderer bedeutet Kofferpacken ein lachendes Abschiednehmen von allem Tand und Kleinkram seiner Tage: ich fahr' weg und du bleibst hier! Es ist ein Sichloslosen von all den lächerlichen Bedürfnissen eines Jahres, ein Freiwerden von den kleinlichen Fesseln unserer Burgerlichkeit von Sofakissen, Pantoffeln und Hausrock.
Durch Koffer aber offenbaren sich Menschen noch in anderer Weise. Wie ihr weiterer Reiseweg durch Zimmerbestellkarten und Telegramme festgelegt ist, hinterläßt ihr bisheriger Reiseweg sorgsam gehütete Spuren in Gestalt von Hotelvignetten auf ihren Koffern. Wie eine Weinbergschnecke hinterläßt ihre Reise eine Spur auf ihrem Koffer. Du willst ein Wanderer sein? Eine wandelnde Litfaßsäule bist du,. Herr mit den verklebten Koffern. Und diese Dame? Mit dem Hut in der Hand kommt man vielleicht durch das Land, aber mit der Hutschachtel unter den
Gepäckstücken kann man die Welt umsegeln und ich weiß, man hat nichts von der Welt gesehen. Man braucht keine Hutschachteln, um etwas zu sehen, man kann sie dazu gar nicht brauchen.
Wanderer muß jeder Reisende sein, auch wenn er nicht zu Fuß gehen kann. Was freilich das Schönste wäre. Aber man muß auch als Bahn- reisender ein Wanderer bleiben, man muß das Herz haben, einen Zug wegfahren zu lassen, wenn ein Ort schön ist, zu schön um durchzufahren. Man muß achten, daß sich nicht das Wort Nietzsches an einem erfüllt: „Sie steigen wie Tiere den Berg hinauf, dumm und schwitzend, man hatte ihnen zu sagen vergessen, daß es unterwegs schöne Aussichten gäbe."
Wie sich der Reisekünstler oder der Reisestümper durch das verraten, was sie auf die Reise mitnehmen, verraten sie sich auch durch das, was sie von der Reise mitbringen: Erinnerungen:
„Es gibt: a) materielle Erinnerungen, b) geistige Erinnerungen, und wenn sich einer, wie es bisweilen oortommt eine Gattin von der Reise mitbringt, noch c) eine Legierung von geistiger und materieller Erinnerung. Diese Andenken sind die seltensten und kostspieligsten, wenngleich zollfrei.
Am schwersten mit Erinnerungen belastet sind die wirklichen Wanderer. Aber ihr Koffer bleibt dabei leicht. Nur ein paar Stück Schmutzwäsche find darin und vielleicht ein paar abgelaufene Fahrscheine, die zumindest ich mit Vorliebe den raffenden Händen des Bahnportiers der Endstationen entziehe. Weil an ihnen so viel Glück und Freude hängt. Alle anderen Erinnerungen aber tragen die Wanderer in ihrem Geist und in ihrem Herzen. Sie blättern jahrelang in diesem Bilderbuch ihrer Erinnerung. Und manchmal sind es nicht Bilder, manchmal ist es einfach ein großes Leuchten, das ausstrahlt von dem Rückerinnern an das große Erleben des Reifens, und manchmal wie eine Sonne, die alles durchwärmt. Karl Stieler hat einmal von der Einnerung gesagt: „Nur eines gibt es, das bleibt ewig jung und keiner nimmt’s, du bift’s, Erinnerung, du bist die Patina am Erz des Lebens." Das gilt nur von den Erinnerungen der wirklich Reisenden, der Unterwegv-Menschen, deren Erinnerungen mit den Jahren immer stärker werden, wie Wein, der ajtert, immer sehnsüchtiger und lockender, je mehr die Last des Alters den wirklichen Weg in die Weiten der Welt erschwert.
Die Menschen waren verreist, das ist wahr. Die Fensterläden waren geschlossen und die Polstermöbel mit Staubschiitzern bedeckt. Aber die wenigsten waren auf Reisen losgelöst vom Daheim und vom Alltag, von Uhr und Ordnung, hingegeben dem Zufall und Abenteuer. Man hat sich in der Fremde gefreut, Bekannte aus der Heimat zu treffen, trank in Rom einen Münchener, hat Neapel gesehen und ist nicht gestorben, sondern rechnet es zu den größten Vorzügen dieser Stadt, daß man dort ein richtiges Wiener Schnitzel mit Häufelsalat bekam.
Aus der Geschichte der Butter.
Die kürzlich durch Gesetz verordnete Standardisierung der deutschen Butter gibt Veranlassung zu einem Rückblick auf die Geschichte der Butter. Wer als der eigentliche „Erfinder" der Butter angesprochen werden kann, ist allerdings nicht völlig geklärt. Es wird angenommen, daß schon manchen alten Hirtenvölkern der Butterungsoorgang bekannt war, doch vielleicht gab es nur die Käsezubereitung. Die lateinischen Schriftsteller bekunden übereinstimmend, daß die Germanen den Genuß von Milch und Milchprodukten sehr geschätzt haben, und Plinius kann nur die Butterzubereitung meinen, wenn er berichtet, daß bei großer Kälte die Milch erst erwärmt werde, aus der man ein festes Produkt schaffe, und das Butterfaß, das er beschreibt, muß mit den heute noch in vielen Gegenden gebräuchlichen große Aehnlichkeit haben. Im 17. und 18. Jahrhundert haben die Gelehrten sich jedenfalls noch den Kopf darüber zerbrochen, ob Tacitus unter „lac concretum“, der Milchform, die er als die gewöhnliche Speise der Germanen bezeichnet, Käse oder Butter gemeint habe. Die Römer sollen jedenfalls die Zubereitung der Butter von den alten Deutschen gelernt haben. Den Griechen aber ist diese Kunst wahrscheinlich durch die Scythen vermittelt worden. Herodot berichtet, daß das Nomadenvolk der Scythen Pferdemilch in hölzernen Gefäßen stark geschüttelt und das von Ihr abgenommen hat, „was sich oben auf fetzt, weil es dieses für schmackhafter und schätzbarer halte, als das, was sich darunter sammelt." Noch deutlicher beschreibt Hippokrates die Butterbereitung der Scythen, und er gibt auch der aus der Milch gewonnenen Substanz zum ersten Male den Namen „Butyron", der in unserer deutschen Bezeichnung fortlebt, die sich aus dem althochdeutschen butera entwickelt hat. Der griechische Dichter Anaxandrides erzählt, daß bei der Heirat des Jphi- crates mit der Tochter des thrakischen Königs Cotys die Griechen zum ersten Male Butter gegessen hätten, die ihnen von den Thrakiern oder Scythen vorgesetzt wurde Im allgemeinen wurde die Butter allerdings nicht als Speise, sondern als Salbe und Heilmittel verwendet. Der große Arzt Galen, der ihre Heilkräfte genau beschreibt, empfiehlt sie als Salbe: Plinius hält sie für besonders heilkräftig, wenn sie mit Honig vermischt als Mittel beim Zahnen der Kinder aber auch bei Mundgeschwüren von Erwachsenen verwendet wird. Daneben kommt di» Butter als Brennmaterial für Lampen an Stelle von Del vor. Zur Zubereitung von Speisen wurde sie nur in Ermangelung von Del verwendet. Der Klassiker der vornehmen antiken Küche Apicius spricht überhaupt nicht von ihr und andere Schriftsteller erwähnen nur so nebenbei, daß man beim Zubereiten von Gemüsen und beim Backen in Ermangelung von Del auch frische Butter verwenden könne. Die Tafelbutter war ihnen ganz unbekannt.


