Das Rätsel einer Frühlings nacht Vornan von Geri Gothberg.
Urheberrechtsschutz: Fünf Türme-Verlag, Halle, Saale
27. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
„Graf — hm! Wie heißt der Graf, der große Graf?"
„Graf Härtlingen?"
„Ja, richtig! Graf Härtlingen. Der gefällt mir. Ich werde einige Male herüberkommen, weil ich mich mit ihm unterhalten will. Die anderen Leute sind mir — schnippe."
„Schnuppe wahrscheinlich!" berichtigte die Fürstin trocken. Innerlich war sie begeistert von dem Temperament dieses jungen Geschöpfes, das sich absolut niemals in eine Schablone pressen lassen würde. Aber es ging natürlich nicht, daß sie das so offen zeigte; in der deutschen Gesellschaft ging das nicht.
„Graf Härtlingen, Gertraude und Sie, Fürstin- Tante, sind die einzigen, die mir gefallen. Ich mag die anderen nicht. Uirklich!"
„Sie reisen auch nächstens alle ab. Auch Graf Härtlingen wahrscheinlich. Das heißt, er wird sich erst noch — hm!"
„Was denn, Tante Fürstin?"
Dolores Augen sprühten vor Neugier.
„Ich meine nur, der Mann ist längst verheiratet." „Ach!"
„3a! Leider!" sagte die Fürstin ernst.
Dolores stocherte mit der Reitgerte in dem echten kleinen Teppich, der an der Wand hing.
„Möchten Sie nicht die Gerte ein bißchen dort auf den Tisch legen, Dolores?"
Dolores klemmte die Gerte unter den Arm.
„Ich steche nicht mehr in den Teppich. Darf ich jetzt heim zu Dietz Langenbirkholz?"
Die Fürstin stand auf. Gütig strich ihre Hand über das dunkle Haar des kleinen Wildlings.
„Ich glaube, es gefällt Jl)nen in Langenbirken. Und der Dietz ist bestimmt em lustiger Bursche. Der paßt sehr gut zu Ihnen!"
In den großen, dunklen Mädchenauaen stand plötzlich Angst. Scheu rang es sich von den roten Lippen:
„Ist er — sein er auch eine Mädchenjägerei?"
„Ein Mädchenjäger? Einen Mitgiftjäger meinen Sie wahrscheinlich? Nein, mein Kind, das ist Dietz Langenbirkholz bestimmt nicht. Er ist selbst sehr reich und braucht nicht nach Geld zu heiraten."
Dolores' Gesicht hellte sich auf.
„Oh, das ist schön. Ich habe solche Angst vor
Mädchenjäger. Mädchenjäger? Falsch! Mitgiftjäger! Ein Mann, der nur mein Geld will!"
Da wußte die Fürstin, daß dieses reiche Mädchen sich im stillen ängstigte, daß es einem gewissenlosen Mitgiftjäger in die Hände fallen könnte. Also war diese kleine, wilde Dolores nicht so oberflächlich, wie sie nach außen hin schien und auch scheinen wollte. Sie freute sich, daß sie sich wieder einmal in einem Menschen gut ausgekannt hatte.
Die Fürstin zog das junge Mädchen an sich.
„Ich werde mich freuen, wenn Sie recht oft herüberkommen, Dolores!" sagte sie herzlich.
„Ich uerde kommen. Ich uill ein Fest mitmachen. Schön uill ich sein, sehr schön. Auf Uidersehen, Tante Fürstin!"
Jean, von seiner Herrin gerufen, begleitete die junge Dame korrekt hinunter. Sie drehte sich um und gab ihm einen Nasenstüber. Das war Jean doch noch nicht vorgekommen, und sein faltiges Gesicht war nur noch eine einzige Grimasse.
Ein Auto stand bereit. In diesem nahm Miß Leehourt Platz, und Dolores ritt wieder den Waldweg entlang, während das Auto auf der breiten, schönen Landstraße hinfuhr.
Am Walde erwartete Dietz Langenbirkholz die junge Dame.
„Na, wie war's denn?" fragte er eifersüchtig.
„Oh, es seien sehr nette Leute dort drüben. Ich uerde oft hinreiten. Graf Härtlingen gefällt mir sehr. Ich uill mich mit ihm unterhalten; ich uill —"
Verdutzt brach sie ab.
Dietz hatte sein Pferd gewendet und jagte wie der Teufel am Walde hin. Was war denn das? Hatte er ihr einen schlechten Reiter nur vorgespielt?
Sie preschte hinter ihm her, holte ihn jedoch nicht ein. Da kamen ihr die Tränen. Weshalb nur mochte er plötzlich so häßlich zu ihr fein? Etwa wegen der Bemerkung, daß ihr Graf Härtlingen gefiele?
Ratlos hielt die kleine Dollarprinzeß auf ihrem weißen Pferde am Waldrande. Dietz ritt weiter, war schon auf Langenbirkener Flur. Er blickte sich nicht um nach ihr, kümmerte sich nicht um sie. Endlich folgte ihm Dolores; aber in ihrem Herzen war heller Zorn. Dazu also hatte sie Dietz Langenbirkholz dort drüben in Kleven so gelobt? Daß er sich ihr gegenüber nun so benahm? Sie wollte nicht mehr mit ihm reden, gar nicht mehr ansehen würde sie ihn, und nun gerade würde sie jeden Tag einmal nach Schloß Kleven reiten oder fahren. Ja, fahren wollte sie. Denn dann konnte sie den Damen dort wenigstens einmal ihre Toiletten zeigen.
Trotz und Schmerz trieben der kleinen Dolores von neuem die Tränen in die Augen. Ganz traurig kam sie in Langenbirken an, wo sich zunächst kein Mensch um sie kümmerte. Endlich kam ein Stallknecht, dem sie das Pferd übergab.
Von Dietz war nichts zu sehen. Daß er sie oben von seinem Zimmer aus beobachtete, konnte sie nicht wissen.
Dietz Langenbirkholz freute sich, diebisch, als die schwarzen, noch tränennassen Augen die Fensterfront absuchten.
„Aha, das bist du nicht gewöhnt; aber ich werde dich mir schon erziehen, mein Kindchen!" sagte er leise vor sich hin.
Dolores machte sich am Abend sehr hübsch. Sie wählte ein dunkelrotes Samtkleid.
Als Dolores dann das Speisezimmer von Langenbirken betrat, fand sie nur die Dame des Hauses und deren Gesellschafterin vor. Frau Langenbirkholz begrüßte ihren jungen Gast sehr herzlich und meinte, daß diese Toilette eigentlich zu schade sei für das einfache Abendessen.
Man wartete noch ein wenig auf Dietz, der sich hatte entschuldigen lassen.
Endlich kam er.
Aber er war im Gesellschaftsanzug, und Dolores freute sich sehr, daß sie sich auch so sorgfältig angekleidet hatte. Dietz war zu allen drei Damen gleich freundlich und höflich; er erklärte dann aber, daß er noch in die Stadt wolle. Er hätte feinen Klub ganz und gar vernachlässigt und müsse das wieder gutmachen. Wann er heimkomme, könne er nicht sagen, aber spät werde es sicherlich.
Dolores sah ihn entgeistert an.
Das — konnte er ihr antun? Er wollte fort, in die Stadt, sich amüsieren, und sie wollte er den ganzen langen Abend den beiden alten Damen überlassen? Ja, war denn das nur möglich? Er, der doch gesagt hatte, er fahre nicht mehr in den Klub, es fei daheim viel, viel schöner, seit sie, Dolores, in Langenbirken sei? Und jetzt wollte er doch wieder in die Stadt fahren?
Dietz küßte den Damen die Hand.
Sein Blick, ging aber an Dolores gleichgültig vorüber. Und da hätte sie am liebsten laut aus- geweint.
Ruhig entfernte er sich.
Aber in ihm sah es nicht so ruhig aus. Er liebte Dolores aufrichtig, unh es wurde ihm schwer genug, ihr Schmerz zuzufügen; doch er mußte ihren Trotz und ihren Eigenwillen, ihre Launen zähmen, sonst kam kein echtes, großes Glück nach Langenbirken.
Und so fuhr Dietz Langenbirkholz eben im Auto zur Stadt und sah sich nicht mehr nach der kleinen Dolores um, die auf dem Söller stand und fassungslos dem Wagen nachblickte.
Wie gut Dietz jetzt wieder ausgefehen hatte! Und wie gleichgültig und höflich er zu ihr gewesen war! Einfach — unerträglich war es gewesen. t
Dolores stampfte mit dem zierlichen Fuß auf.
„Ich mache mir nichts aus ihm. Weshalb stehe ich hier? Ich werde mich amüsieren in Kleven. Ja, in Kleven. Gleich morgen fahre ich hin, denn lange sind die Gäste nicht mehr dort, und dann reift ja auch Graf Härtlingen mit fort", dachte sie zornig.
Aber dann war es doch sehr merkwürdig.
Dolores wartete in dieser kalten, stürmischen Herbstnacht auf die Heimkehr Dietz Langenbirkholz's
Doch er kam in dieser Nacht überhaupt nicht heim.
Und Dolores litt tausend Qualen.
So weh hatte ihr noch nie im Leben ein Mensch getan, wie Dietz Langenbirkholz es durch sein Fortbleiben in dieser Nacht tat. Aller Trotz war fort, Dolores meinte:
„Dietz, ich lieben dich doch, ich lieben dich!"
Aber auch diese inbrünstigen Worte riefen den Mann nicht heim.
15. Kapitel.
Die sonnigen Herbsttage schienen nun endgültig vorüber zu sein. Der Wind trieb das Laub vor sich her; er holte das letzte noch von Baum und Strauch herunter. Hastig wurden große Körbe Obst und Nüsse hereingeschafft, denn ein kalter, harter Frost- schauer lag früh über den Fluren.
Die Herren, die passionierte Jäger waren, wollten anderntags noch einmal hinaus. Vor der Abreise wollten sie doch noch etwas schießen. In den letzten Tagen hatten sie sich sowieso den Damen widmen müssen, wenn sie ihre Kavalierpflichten nicht ganz und gar vernachlässigen wallten.
Und so freuten sie sich nun auf diesen letzten Jaadtag.
Rudolf Härtlingen war auch mit von der Partie. Horst Bredow schloß sich diesmal aus. Er hatte sich mit Edelgarde ausgesprochen, und nun hatten sie sich geküßt und sich heimlich verlobt.
Fürstin Kleven freute sich sehr, als Horst ihr zu- flüsterte:
„Tante Agnes, es ist alles gut!"
Gertraude stand draußen auf der Holzveranda, auf die ein leiser Sprühregen fiel. Unfreundlich genug sah es ringsum aus; aber es war ihr, als schiene die Sonne hell, als sei es Frühling, als jubilierten die Vögel und blühten die Blumen.
Das machte das Glück, das große Glück, das in ihrem Herzen blühte und alles ringsum hell und licht erstrahlen ließ.
Die Dämmerung neigte sich tiefer, und der Regen wurde stärker.
„Gertraude, wie kannst du so leichtsinnig sein? Willst du dich durchaus erkälten?"
Eine zärtliche, heiße Männerstimme.
Im nächsten Augenblick drückten sich zwei Lippen auf die ihren.
„Kleines Mädel du! Ueberall hab ich dich gesucht. Jetzt komm aber schnell mit ins warme Zimmer."
Gertraude legte wieder mit jener glückseligen Bewegung den blonden Kopf an die breite Brust des Mannes.
„Es ist so unfaßbar, das Glück, so unirdisch, Rudolf, daß ich fast nicht daran zu glauben vermag!" flüsterte sie.
(Fortsetzung folgt.)
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