ltt.269 Zweites Blatt Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien)Keitag, 1b. November 1934
Wie Clemenceau Wilson betrog.
Sie Entstehung der Lüge von den Gaarfranzosen.
Von Professor Dr. Friedrich Grimm.
In der Hanseatischen Verlagsanstalt Hamburg erscheint soeben ein neues Werk des be- ' kannten Essener Rechtsanwalts: „Frank- reich an der Saar". Dieses Buch ist eine scharfe Waffe im Kampf um die Saar, die in diesem Werk niedergelegte Wahrheit über die Frage der Zugehörigkeit des Saargebiets zu Deutschland verdient gerade in den nächsten Wochen weiteste Verbreitung.
Am 28. März 1919 kam es zu der ersten großen Auseinandersetzung über die Frage des Saargebietes während der Friedenskonferenz vonVerfailles. In dem Hotel des Präsidenten Wilson in Paris fand an diesem Tage jene denkwürdige Sitzung der „Großen Drei" statt, in der die Meinungen aufeinanderplatzten. T a r d i e u und Loucheur waren von Clemenceau zu der Beratung hinzugezogen, die Männer, in deren Person die Forderungen der historischen Rheinlandpolitik Frankreichs mit den Bestrebungen des modernen Wirtschaftsimperialismus des comite des forges sich so unselig vereinten. W i l s o n saß da mit „dem fragenden Lächeln, das die Einwendungen ankündigte". Tardieu trug seine Denkschrift vor und machte sich damit zum Anwalt der „historischen" und „wirtschaftlichen" Ansprüche Frankreichs. Lloyd George wollte den französischen Anspruch auf das Eigentum an den Gruben anerkennen. Aber auch er wandte sich gegen die Grenzen von 1814. Er wollte kein „neues Elfaß-Lothrin- gen" schaffen. Wilson hatte lange schweigend zugehört. Dann ergriff er das Wort. Die Szene wurde von dramatischer Spannung.
Der Präsident lehnte alle Ansprüche Frankreichs ab, die historischen und die wirtschaftlichen. Er erklärte sich damit einverstanden, daß Frankreich so viel Kohlen erhielte, als seinem Kriegsverlust an Kohlenerzeugung entsprach. Er weigerte sich aber, Frankreich das Eigentum an den Saargruben zuzugestehen. Er lehnte die Grenzen von 1814 ab. Er widersetzte sich auch der Bildung irgendeines Staatswesens mit autonomer Verfassung. „Frankreich selbst", so sagte er, „hat sich bereit erklärt, die Grenzen von 1 8 7 0 als Grundlage des Friedens anzunehmen; von den Grenzen von 1814 war keine Rede. Diese Grundlagen binden die Verbündeten."
Deutlich trat da die Rechtsgrundlage hervor, die die Gegnermächte verpflichtete, Wilsons Programm und seine Annahme durch den Vertrag vom 5. November 1918, dem auf Wilsons Anregung alle Verbündeten zugestimmt yatten. In der Saarfrage gab es kein Verhandeln mehr. Die Saarfrage war in der allseitigen Annahme des Programms der vierzehn Punkte festgelegt worden.
Wilson fuhr fort: „Die Grenze von 1814 entspricht übrigens keiner wirtschaftlichen Realität. Sie würde den Ruin des Saargebietes bedeuten."
Ruin des Saargebietes! So sprach der amerikanische Präsident 1918. Heute aber erhebt sich eine neue Propaganda und möchte den Saarländern den Status quo aus wirtschaftlichen Gründen schmackhaft machen.
Der Präsident beschwor die Franzosen. Er wuchs einen Augenblick über sich selbst hinaus zu einer bei ihm ungewöhnlichen Größe. Er fühlte sich als Anwalt des Rechts, als Vertreter des Weltgewissens. Er sah die Gefahren, die sich da aufrichteten, das Gespenst Richelieus, des Begründers der französischen Rheinpolitik, neu erstanden in der Person des alten Tigers, der da vor ihm saß: kalt, undurchdringlich, der Vertreter einer alten Welt, einer Welt des Unverstandes, der Selbstsucht und der Gewalt. Wilson appellierte a n d i e Einsicht Frankreichs: „Es gibt keine intel
ligentere Nation als die französische. Ich lege, ihr freimütig meinen Standpunkt auseinander. Ich fürchte ihr Urteil nicht. Ich habe eine so hohe Auffassung von dem Geist der französischen Nation, daß ich glaube, sie wird stets einen Grundsatz annehmen, der auf die Gerechtigkeit gegründet ist und mit Billigkeit durchgeführt werden wird." Wilson wollte, daß das deutsche Land den Deutschen verbliebe. Er kämpfte gegen eine Verblendung, von der Clemenceau in einer merkwürdigen Selbstverurteilung gesagt hat, daß es die „Besessenheit eines Volkes gewesen sei, das der Sieg außer Rand und Band gebracht" habe.
„Ich bin bereit", so fuhr Wilson fort, „Frankreich die Nutzung der Gruben für eine bestimmte Zeit zuzugestehen. Ich bedauere, diese Einwendungen erheben zu müssen. Ich bitte um Entschuldigung. Es ist mir peinlich, Frankreich widersprechen zu müssen. Aber ich konnte nicht anders handeln, ohne meine Pflicht zu verletzten."
Wilsons Pflicht! Es ist, als ob heute eine friedlose Menschheit aufstünde wider Wilson-Pilatus, der seine Pflicht so klar sah und doch seine Hände in Unschuld wusch.
Bis dahin hatte Clemenceau seine Mitar-
Der nachstehende Artikel gibt einen kleinen Ueberblick über einige besonders interessante Fortschritte, die auf dem Gebiete der Photographie in allerletzter Zeit erzielt werden konnten.
Oer Karbenfilm ist -a!
Farbenfilm? Wir haben so etwas gelegenlich im Kino gesehen und es war ziemlich scheußlich: wir sahen „kolorierte" Filme, deren giftgrüne und grellrote Farbtöne an Häßlichkeit und völliger Unähnlichkeit mit den wirklichen Naturfarben kaum zu überbieten waren. Nun — das waren eben nur recht kümmerliche Vorstufen zum wirklichen, also nicht nachträglich „kolorierten" Farbenfilm, mit dem sich zahlreiche Wissenschaftler schon seit geraumer Zeit sehr eingehend beschäftigen. Diese Bemühungen haben jetzt zu recht erfreulichen Erfolgen geführt: es gibt neuerdings einen in Deutschland hergestellten farbigen Film (den sogenannten Agfacolor-Linsenrasterfilm), der für sehr viele Zwecke bereits eine durchaus befriedigende Lösung des so lange vergeblich umkämpften Probims des Farbenfilms bedeutet. Auf dem kürzlich in Hannover abgehaltenen Kongreß tzer Deutschen Naturforscher und Aerzte führte Prof. E g - gert (Leipzig) einige mit dem neuen Material aufgenommene Farbenfilme vor. Hier sahen die Teilnehmer zum ersten Mal Farbenfilme, die wirklich diesen Namen verdienten: es wurden Aufnahmen von Rosengärten, bunten Volkstrachten usw. gezeigt, die durchaus „naturecht" wirkten und bewiesen, wie sehr die Kinofilme gewinnen werden, wenn die neuen Verfahren erst allgemein anwendbar sind. Ganz so weit ist es allerdings heute noch nicht; zwar ist das Problem des Farbenfilms nunmehr bereits in „publikumsreifer" Weife gelöst, aber noch bleibt die Aufgabe, das farbige Original ohne allzugroße Kosten und in der gleichen Echtheit auf die Filmkopie oder den Papierabzug zu bringen.
beiter Tardieu und Loucheur sprechen lassen, eine weise Regie. Jetzt trat er aus der Zurückhaltung hervor: „Sie vergessen das Gefühl und die Erinnerung", fo sprach schneidend der alte Hasser, der Menschenfeind, „die Welt wird nicht von reinen Grundsätzen geleitet. Sie wollen uns in wirtschaftlicher Hinsicht Genugtuung geben. Ich danke Ihnen. Aber die wirtschaftlichen Notwendigkeiten sind nicht alles. Unsere Erfahrungen haben in uns das tiefe Gefühl für b i e Wiedergutmachung erweckt, die man uns schuldet. Es handelt sich nicht um materielle Reparationen. Das Bedürfnis moralischer Wiedergutmachung ist nicht minder groß."
„Es gibt dort einhundertfünfzigtausend Menschen. Das sind Franzosen! Diese Menschen haben 1918 Bittschriften an Poincare gesandt. Die haben auch ein Recht auf Gerechtigkeit."
„Sie wollen die Rechte der Deutschen respektieren? Ich will das auch. Aber berücksichtigen Sie das Recht dieser Franzosen, wie Sie das historische Recht Böhmens und Polens zu beachten haben!"
Clemenceau hatte gesprochen. Der alte Tiger rang mit Wilson, dem Professor, der seine Grundsätze so gut und Europa so schlecht kannte, daß er durch eine Lüge entwaffnet war. Auf dieser Lüge beruht das Saarstatut. „Bis zwölfeinhalb Uhr hatte diese erschütternde Sitzung gedauert", so schreibt Tardieu. „Um zwei Uhr trafen wir uns wieder, Clemenceau, Loucheur und ich, im Kriegsministerium, machten unsere Bilanz und arbeiteten weiter an der Befreiung der Saarfranzosen."
Diese Dinge sind aber bereits energisch in Angriff genommen worden, und die ersten farbigen Filme werden wohl bald in unseren Kinos auftauchen. Mit einer der Üblichen Kleinkameras (Leica, Conta usw.) kann man aber schon jetzt ganz ausgezeichnete farbige Aufnahmen machen und mit den gebräuchlichen Amateurapparaten sogar farbige — und zwar sehr gute! — Filme Herstellen. Für den Amateur ist also nunmehr das Problem des Farbenfilms gelöst!
Oas Neueste vom Fernsehen.
Eine besonders aktuelle und zukunftsreiche Aufgabe der modernen Photographie besteht darin, gemeinsam mit den Technikern und Physikern die allgemeine Einführung der drahtlosen Bildübertragung, des „Fernsehen s", möglich zu machen. Es ist ja bekannt, daß man für besondere Zwecke Bilder, Dokumente, Steckbriefe usw. schon seit einiger Zeit auf diese Weise übertragen kann. Das interessiert aber die meisten von uns erheblich weniger als das „drahtlose Fernkin o", mit dessen Hilfe es möglich fein wird, irgend ein wichtiges Ereignis am Fernseh-Empfänger zu Hause 'miterleben zu können. Kürzlich gingen durch alle deutschen Zeitungen Berichte über die neuesten Fernseh-Versuche der Reichspost am Brocken, bei denen es gelang, einen von Berlin übertragenen Film in recht guter Wiedergabe zu empfangen. Es ist anzunehmen, daß wir schon in absehbarer Zeit einen im Preise erschwinglichen Fernseh-Empfänger haben werden, wenn auch im Augenblick noch zahlreiche technische Schwierigkeiten überwunden werden müssen, ehe das „Fernkino für Jedermann" Wirklichkeit wird.
Ein sehr wesentlicher Fortschritt auf diesem Gebiete ist darin zu erblicken, daß es jetzt gelungen ist, die Zeitspanne zwischen dem Ablauf des photographisch aufzunehmenden Ereignisses (etwa einer politischen Kundgebung, einer sportlichen Veranstal
tung usw.) und seiner Uebertragung im „Fern* fino" in geradezu erstaunlicher Weise herabzudrücken. Diese Zeitspanne ist so kurz, daß wir am zukünftigen Fernseh-Empfänger dem Ablauf des zu übertragenden Geschehnisses praktisch ohne Zeitverlust folgen werden. Das wird durch einen neuen Apparat ermöglicht, mit dessen Hilfe der zur lieber* tragung verwandte Film in weniger als einer halben Minute nach der Aufnahme entwickelt, fixiert und drahtlos übertragen werden kann. Die Uebertragung geschieht vom noch nassen Film, wobei gleichzeitig auf elektrischem Wege das Film- Negativ in ein Positiv — also fertig zur Vorführung am Empfänger — umgewandelt wird.
Oer lebende Magen wird photographiert!
Ein besonderes Hexenkunststück der madernen Photographie wurde kürzlich auf m e d i z i n i sch e m Gebiete erreicht. Bei den relativ häufigen Erkran- kungen des Magens ist es für den Arzt naturgemäß außerordentlich wichtig, den Magen von innen sehen und beobachten zu können. Schon seit einiger Zeit verwendet man zu diesem Zweck sogenannte „Gastroskope", das sind lange Rohre, in denen sich optische Linsen befinden, mit denen man direkt vom Mund aus in den Magen hineinsehen kann. Neuerdings ist nun die Magenphotographie erfunden worden, bei der eine winzige Kamera in den Magen eingeführt und kleine Aufnahmen von der Magenschleimhaut gemacht werden. Zwei deutsche Forscher haben einen von außen lenkbaren Magen-Photoapparat konstruiert, mit dem man nach Belieben jede gewünschte Stelle der Magenschleimhaut einstellen und auch um Ecken herum und in Buchten hinein photographieren kann. Dieses Verfahren ist für Arzt und Patient ungemein wichtig, weil es ganz genaue Abbildungen des Magens liefert, mit deren Hilfe eine frühzeitige Erkennung schwerer Magenkrankheiten, besonders des Krebses, möglich ist.
Belichtungszeit:
1 Millionstel Sekunde!
In den letzten Jahren ist das Tempo der phototechnischen Entwicklung immer rascher geworden, so rasch, daß der Photo-Amateur ihr nur mit großen Schwierigkeiten zu folgen vermag. Die Empfindlichkeit der handelsüblichen Filme konnte in erstaunlicher Weise gesteigert werden (sie ist heute rund zehnmal so groß wie im Jahre 1924!), die infrarot-empfindliche Platte reagiert auf Lichteindrücke, die für unser Auge gar nicht vorhanden sind, Zeitlupe und Zeitraffer erobern der Photographie Gebiete, die ihr vollständig verschlossen zu jein schienen. Es ist heute möglich geworden, mit Hilfe der beiden zuletzt erwähnten Verfahren die verstecktesten Geheimnisse der Natur aufzuspüren — es gibt einige wissenschaftliche Filme aus der letzten Zeit, die bei aller Sachlichkeit des Themas etwas geradezu Unheimliches an sich haben, weil sie uns Vorgänge in unserem Körper zeigen, bei denen wir bisher nie geglaubt hätten, sie jemals im Film Zehen zu können. So wurden unlängst auf einem wissenschaftlichen Kongreß Filme vorgeführt, die — am lebenden Objekt ausgenommen! — mit aller Deutlichkeit die feinsten Lebenserscheinungen in den Zellen und Adern des Körpers zeigen; ein anderer Film verschaffte dem erstaunten Beschauer Einblicke in die ungeheuer komplizierten Vorgänge, die sich bei der 'allerersten Teilung und Entwicklung der befruchteten Eizelle eines Wirbeltieres abspielen. Ein dritter, besonders unheimlicher Film schließlich führte die Entwicklung und das Verhalten von bösartigen (Krebs!) Zellen im lebenden Körper vor. Es ist heute tatsächlich so, daß der modernsten Photographie kaum ein Gebiet mehr verschlossen ist; mit Mikrofilm, Zeitraffer usw. entschleiert sie das Geheimnis irgendeines „unsichtbaren" Bakteriums, während sie auf der anderen Seite neue Sterne in unbekannten Tiefen des Weltalls auf-
Hexenkünste der Photographie.
Oer Farbenfi!m ist da. — Oas Neueste vom Fernsehen. — Oer lebende Magen wird pholographiert.
Von ©r. H. Schäler.
Unrasiert und fern der Heimat.
Seegeschichten von Heinrich Hauser.
Die Faßgurken.
In einer warmen regnerischen Nacht schleichen wir mit sechs Mann nach achtern. Auf dem Achterdeck liegen große Kohlenhaufen, die Reserven, die erst im Verlauf der Reise in die Bunker geschafft werden soll. Vom achtern Mast hängt eine Sonnen- brennerlampe herab, die das Deck taghell beleuchtet. Von der Brücke her kann das Deck eingesehen werden. Kriechend, zentimeterweise, die wenigen Schattenstellen sorgsam benutzend, so überwinden mir in stundenlanger Arbeit dieses Hindernis. Endlich stehen wir vor der Tür des Provianthauses, die natürlich verschlossen ist. Sie wird von Fachleuten erbrochen. Eine jchmale Treppe steigen wir hinab in den Bauch des Schiffes, das in der hohen Dünung stampf, so daß die Schraube unter uns donnernd aus dem Wasser schlägt.
Verdammt nochmal! Wir sind noch immer im Vorraum, zum eigentlichen Proviantkeller führt eine zweite Tür, die ist so stark, daß wir sie nicht erbrechen können. Aber da steht unter der Treppe ein Faß. Einer leuchtet mit Streichhölzern hinein: es sind saure Gurken. Keine große Beute, aber besser als nichts. Wir kanten das Faß an Deck und rollen es nach vorn. Vor dem Kohlenhaufen angekommen, merken wir, daß wir das Faß unmöglich über den Berg bringen können, ohne Aufsehen zu erregen. Also kauern wir uns in eine dunkle Ecke und [reffen soviel als möglich saure Gurken in uns hinein.
Sonderbar: das Zeug schmeckt komisch. Einige fangen an zu stöhnen, unheimliche Geräusche werden laut. Wir sind vergiftet! Der Magen kehrt sich um. Einer hält so eine saure Gurke in das Licht des Sonnenbrenners und findet sie weiß von Schimmel. Der Proviantmeister hat also das Faß schon ausrangiert, es sollte über Bord geworfen werden.
Nach dieser bitteren Erfahrung habe ich immer einen guten Grund, mich vor Beutezügen dieser Art zu drücken.
Ein Kerl muß sich wehren können.
Eines Abends macht sich ein junger Matrose über das Bild des Mädchens luftig, das über meiner Koje hängt. Damit ist endlich Schluß bei mir: „Zieh die Jacke aus und komm an Deck, wenn du ein .Kerl bist."
Im Versaufloch unter der Back fangen wir an jzu ringen. Van der Back her schauen die Heizer i3u und feuern uns mit Rufen an, von der Brücke
her die Steuerleute. Sogar der Rudersmann läuft vom Rad weg und beugt sich über die Reeling.
Der Seemannsringkampf ist eine Art „Catcn as catch can“, es setzte auch Schläge dabei. Die Wut läßt mich alle Zaghaftigkeit vergessen. Ich gehe drauf wie ein Stier und merke zum größten Erstaunen, daß her andere, trotz viel kräftigerer Muskelbildung gar nicht so stark ist, wie ich erwartet habe. Wir keuchen, stöhnen, knirschen mit den Zähnen, rollen auf dem glatten Eijendeck herum. Ein paar Mal werde ich gegen die Verschanzung ge= jchleudert, wie eine Ratte, die ein Hund abschüttelt. Ich werde immer wütender. Nach zehn Minuten habe ich den andern im Schwitzkasten. Sein purpurroter Kopf liegt zwischen meinen Rippen und meinem Arm gepreßt. Ein paar Mal jrage ich: „Willst du Ruhe geben?" Er stöhnt: „Nein".
Und er gibt nicht eher Ruhe, bis ich ihn platt an Deck habe, und als er wieder hochkommt und nochmal anfangen will, habe ich ihn in drei Minuten zum zweiten Male glatt unter mir.
Die ganze Mannschaft pfeift und johlt: „Ho, Matrose, der sich vom Leichtmatrosen vertrimmen
Von dem Tag an bin ich „ein feiner Kerl" und voll ausgenommen. Eine schon auf der Schule erprobte Lehre hat sich wieder als richtig erwiesen: nur wer den Mut hat, sich zu wehren, der gilt.
Zum zweiten Mal vergesse ich das nicht.
„Ein gräßlich schönes
Original-Trauerspiel."
Theaterreklame in der guten alten Zeit.
Der Wochenspielplan in der Tageszeitung und an den Anschlagsäulen, der allabendliche Theaterzettel und zu Anfang der Spielzeit ein einfacher Prospekt, der die Spieler einführt, den Spielplan als Einheit erläutert und zum Abonnement einladet — das sind im großen ganzen die Reklamemethoden, auf die sich die deutschen Bühnen in der Gegenwart beschränken. Selbstverständlich hält auch die Kritik an den Aufführungen in den Tageszeitungen das Interesse für das Spiel auf den Brettern, die die Welt bedeuten, wach, und als sicherstes Werbungsmittel sind darum die künstlerische Höhe der Darstellung und die Auswahl guter Stücke anzusprechen. Die eigentliche Grundlage für eine stetige Theaterarbeit ist aber die große Gemeinde der treuen Theaterbesucher, die nicht durch Reklame an- gelockt zu werden brauchen, sondern die der Künst- lcrschar und ihrem Leiter für ihre gewissenhafte künstlerische Arbeit höchsten Dank wissen.
Wenn wir in der Geschichte des Theaters zurückgehen, so sehen wir nicht nur ein ganz anders geartetes Theaterwesen vor uns, sondern auch ein gewandeltes Publikum, das sich nicht durch solch stille Werbungsmittel hätte in die Vorstellungen führen lassen. Die Theaterdirektoren mußten mit ihren Ankündigungen ans Herz auch derjenigen rühren, die dem „Komödiantentum" zunächst griesgrämig und mißbilligend gegenüberstanden. Streichen wir rund zwei Jahrhunderte von unserer Jahreszahl ab, da kommt uns eine von einem Direktor Jahnsen geschriebene Ankündigung einer Theateraufführung im Jahre 1740 in die Hände. „Mit gnädigster Erlaubnis wird heute von der Jahnsischen Schauspieler-Gesellschaft aufgeführt, und zwar zum allerersten Male, ein ganz neues und gräßlich schönes Original-Trauerspiel in sechs Akten und mit einem Prologus, mit Chören, Hymnen, Schlachtgesängen und mimischen Gruppen: „Fenzel- mus, Kaiser in Liliput" oder „Die Menschheit im Negligee" ober „Undank und Strafe des Rächers". Hohe Gönner! Viel von diesem Stück vorher zu sagen, würde Sie um einen schauerlich schönen Genuß bringen; daher schmeichle ich mir heute mit Ihrer stets über Alles schätzbaren Gegenwart. Entzückt und mit Tränen in den Augen werden Sie den Schauplatz mit Zufriedenheit verlassen. Die Dekorationen sind neu und die Garderobe auch eigens dazu verfertigt." Fürwahr, wer sollte einer fo freundlichen Einladung zu solchen Genüssen widerstehen können! Aber Direktor Jahnsen lüftet nun noch ein wenig den Zipfel des Vorhangs und verrät uns eine besonders packende Szene aus dem Drama. „Aber ich kann doch nicht umhin, eine kleine Effektszene herauszusetzen, damit Sie, hohe Gönner, urteilen können, was Sie Großes zu erwarten haben. Der große Kaiser Fenzelmus tritt mit gezogenem Damaszener vor die Rebellen: „Kennt Ihr mich nicht mehr, Ihr Mistfinken? Wollt Ihr hinunterfchlucken in Euren Teufelsmagen die Majestät des Kaisers? Lohnt Ihr so meine Huld? Welcher Teufel hat Euch herausgeschnellt, und welche Furien lehrten Euch, der Tugend den Strick an den Hals werfen? Seht mich an, Ihr Esel! Verkennt Ihr einen meiner Züge? Ich bin Fenzelmus, Euer Kaiser, der die Feinde des Vaterlandes schlug, der den König Tolgimuz aufs Eis schleuderte, daß ihm der Kopf' krachte — der Euch alles gab — alles schenkte, was Euch fehlte, Hallunken! — Und er, der Bube Hopaquentin, der Nachdruck des Satans, diese Makulaturseele, die ich aus dem Schlamm zog und auf trockenen Boden pflanzte, wagte es, mit mir zu rechten, mich zur Verantwortung zu ziehen? — Mich! der kein,e Antwort geben darf, ohne sich l zu entehren? — Aber ich will hin. will ihm inst
Auge sehen, ihm das Herz aus dem Leibe reißen und ums Maul schlagen, will ihn durch Sonne, Mond und Sterne, durchs ganze Firmament peitschen, daß die blutigen Striemen noch am Auferstehungstage zu sehen sein sollen, damit er fühlen lerne, welche gräßliche Hyäne der Undank ist. Und Ihr — Blutegel uni) Skorpionen-Seelen! Euch werde ich die Glieder stückweise ausreißen, sie vor Euren Augen braten und mir schmecken lassen, und die Völker der Erde zum Schmause einladen. Fürchterlich will ich auftreten! Ich will Taten tun, daß alle Höllen aus Schreck gähnen und die Furien ihr Schlangenhaupt zu schütteln vergessen." Sv folgt eine überraschende Szene auf die andere; darum kommen Sie, hohe Gönner! Denn dieses Trauerspiel kostet mich sehr viel. Aber was opfere ich nicht gern, um Ihre hohe Zufriedenheit zu erlangen! Jahnsen, Direktor."
Hochschulnachrichten.
Professor Dr. Wilhelm Goetsch von der Universität M ü n ch e n ist zum Ordinarius für Zoologie an der Universität Breslau ernannt worden.
Der ao. Professor Dr. Johannes Knauer von der Universität Breslau ist zum Ordinarius für Kinderheilkunde an der Universität Bonn ernannt worden.
Professor Dr. Erwin Fues, Ordinarius an der Technischen Hochschule Hannover, ist zum o. Professor der theoretischen Physik an der Universität Breslau ernannt worden.
Professor Dr. Wolfgang W i l m a n n s, Ordinarius für landwirtschaftliche Betriebslehre an der Universität Jena, hat den an ihn ergangenen Ruf an die Universität Leipzig als Nachfolger von Geh. Rat Professor Dr. Falke angenommen und wird seine Leipziger Lehrtätigkeit mit Beginn des Wintersemesters aufnehmen.
Der Prioatdozent Dr. Paul R a e t h j e n an der Universität Königsberg ist als Nachfolger des verstorbenen Professors Wigand ab 1. Oktober d. I. zum Ordinarius für Meteorologie an der Universität Hamburg ernannt worden.
Der Privatdozent Dr. Fromm von der Technischen Hochschule in Berlin ist als Ordinarius auf den Lehrstuhl der Materialkunde und Festigkeitslehre an der Technischen Hochschule in Danzig berufen worden.
Auf den neu errichteten Lehrstuhl für mechanische Technologie an der Technischen Hochschule in Aachen ist Dr.-Jng. Max Matthes berufen worden.


