geographischen Vergleiche genügen, um die beispiellose Geburtenschwache, die biologische Selbstverstümmelung des deutschen Volkes klar erkennen zu lassen. Seit 1926 reichen, wie ich in meinem Buch „Volk ohne Äugend" (2. Ausl., Berlin 1934) eingehend nachgewiesen Hape, die Gebärleistungen des deutschen Volkes nicht.mehr aus, um seinen bloßen Bestand zu erhalten. Das Jahr 1932 schloß mit einem Geburten-Defizit von 29 v. H., das Jahr 1933 mit einem Geburten-Defizit von 31 v. H. ab.
Das Jahr 1933 hat also noch keinen sichtbaren Umschwung in der Geburtenentwicklung gebrackst und — gerechterweise muß man hinzufügen — kaum auch noch bringen können. Was im Jahre 1933 als unmittelbare Auswirkung des politischen Umschwungs erwartet werden konnte — nämlich eine starke Zunahme der Eheschließungen — ist in vollem Maße, ja über Erwarten hinaus, et^getreten. Durch die Wiederkehr des Vertrauens in die politische Staatsführung, durch den umfassenden und erfolgreichen Kampf gegen die Arbeitslosigkeit, durch die Wiederbelebung der Wirtschaft, sind viele Eheschließungen, die unter dem Einfluß der schweren Wirtschaftskrisis aufgeschoben waren (schätzungsweise wurden etwa 330 000 Ehen infolge der Wirtschaftskrisis aufgeschoben) nackge- holt worden. Schon in der ersten Hälfte des Jahres 1933, also noch vor der Gewährung der Ehestandsdarlehen, ist die Zahl der Eheschließungen allenthalben gestiegen und die Zunahme erreichte namentlich seit der Gewährung der Ehestandsdarlehen (das ist seit 1. August 1933) ganz gewaltige Ausmaße, so daß das Jahr 1933 mit einer Rekord- zahl von 631 000 Eheschließungen ab- schließt; das sind 120 000 oder 25 v. H. Eheschließungen mehr als im Jahre 1932.
Bevölkerungspolitisch gesehen sind Eheschließungen Versprechen. Wir wollen nur hoffen, daß es keine leeren Versprechungen bleiben, sondern daß der Zunahme der HeiraTdn in angemessenem Abstand auch eine entsprechende Zunahme der Geburten folgt. Eine Auswirkung der Heiratshochflut auf die Geburtenentwicklung wird im allgemeinen erst im Jahre 1934 zu erwarten sein.
Im übrigen hängt die Entwicklung der Geburtenzahl selbstverständlich nicht nur von der Schließung neuer Ehen, sondern auch — und zwar in entscheidendem Maße — von der Einstellung der be- stehenden Ehen zur Fortpflanzungsfrage ab. Der ungewöhnlich scharfe Absturz der Geburtenkurve in den letzten Jahren war zweifellos bis zu einem gewissen Grade durch die schwere Wirtschaftskrisis bedingt; jedenfalls ist das Tempo des Geburtenrückganges durch die Wirtschaftskrisis erheblich verschärfte worden. Es kann deshalb erwartet werden, daß nach der erfolgten Wiederkehr des allgemeinen Vertrauens in die politische Staatsführung und in die wirtschaftliche Zukunft von den „aufgeschobenen" Geburten wenigstens ein Teil nachgeholt wird. Wie weit diese Hoffnung in Erfüllung geht, bleibt abzuwarten, kann jedenfalls nach den bisher vorliegenden Ergebnissen noch nicht abschließend beurteilt werden.
Theoretisch müßte man jedenfalls im Hinblick darauf, daß wir jetzt mitten in der sogenannten Nachholungsperiode stehen, als auch im Hinblick auf den gewaltigen Anstieg der Eheschließungen, also mit Rücksicht auf diese beiden außergewöhnlich geburtenfördernden Maßnahmen, eine starke Z u - nähme der Geburtenzahl erwarten, zumal der Gesamtbestand an jungen zeugungsfähigen Ehen, sozusagen die „Gebärmächtigkeit" innerhalb der Gesamtbevölkerung heute größer ist als sie je zuvor war. Diese Tatsache muß man sich vergegenwärtigen, wenn man die Zahlen der neuesten Bevölkerungsentwicklung prüft. Sie ist geeignet, den Optimismus, der da und dort an Einzelfeststellungen über die Zunahme der Geburtenzahlen getnüpft' worden ist, vorerst doch noch etwas zu dämpfen. Damit sollen die an sich erfreulichen Zunahmen der Geburtenzahlen in ihrer Bedeutung keineswegs verkleinert werden, sie sollen lediglich an einem objektiven und untrüglichen Maßstab gemessen werden. Denn nichts w^ire verhängnisvoller, als wenn wir in dieser Lebensfrage des deutschen Volkes uns
Irgendwelchen Täuschungen und Illusionen hingeb en wollten.
Tatsache ist, daß die aufs Tausend der Bevölkerung berechneten Geburtenziffern im Durchschnitt aller deutschen Großstädte erstmals im Mai 1933 ein wenig über die Vorjahrszahlen, die allerdings mit 11 aufs Tausend der Bevölkerung beispiellos tief lagen, angestiegen sind. Dieser erste Anstieg dürfte heniger in einer Zunahme der Zeugungen als in einem Rückgang der Abtreibungsseuche, die ja gerade unter der Grvß- stadtbeoölkerung weit verbreitet war, zurückzufüh- ren sein und ihren Grund ebenfalls in der Wiederkehr des Vertrauens der Bevölkerung in die wirtschaftliche und politische Weiterentwicklung teilweise darin haben, daß sich im Volke mit dem Durchbruch der nationalsozialistischen Bewegung eine strengere moralische Auffassung durchsetzte, in deren Atmo- sphäre die Abtreibungsseuche nicht mehr wie bei der laxeren Auffassung der früheren Zeiten sich breit machen kann. Gegen Ende des Jahres 1933 wurde in den Großstädten auch die Geburtenkurve des Jahres 1931 überholt und im Frühjahr 1934 erreichte die großstädtische Geburtenziffer mit 13,5 aufs Tausend ungefähr wiweder ihren Stand vom Frühjahr 1930 (13,9 aufs Tausend). Dieser letztere Anstieg deutet wohl in der Hauptsache auf eine Zunahme der Zeugungen hin; wie weit diese Zu- nähme nun auf „Nachholungen" in früher ge- schlossenen Ehen oder auf die Zunahme der Eheschließungen zurückzuführen ist, muß dahingestellt bleiben.
Diese Erfolge zeigen, daß es durchaus möglich ist, auch heute noch die Fortpflanzung eines im Kern gefunden DLikes günstig zu beeinflussen und daß vor allem eine Gesundung der geistigen Atmosphäre im öffentlichen Leben auch das Gedeihen der Familie zu fördern geeignet ist.
Aber so erfreulich diese Erfolge sind, so reichen sie doch bei weitem nicht aus, um die Passivität unserer Lebensbilanz auszugleichen. Müßte doch in den deutschen Großstädten, die nach meinen früheren Berechnungen schon im Jahre 1927 ein Geburtendefizit von über zwei Fünfteln hatten, die Geburtenhäufigkeit noch um über 70 v. H. an st ei gen, um den bloßen Bevölkerungsstand der deutschen Großstädte aus eigener Kraft zu erhalten. Und das auch heute noch für die Reichsbevölkerung im ganzen sich ergebende Geburten-1 defizit von rund einem Drittel könnte nur dann!
Buntes
Kuriose Wirtshäuser.
Die Romantik alter Gasthäuser offenbart sich uns jetzt wieder in der Reisezeit bei dem Besuch idyllischer Städtchen und Dörfer, und der Zauber vergangener Gemütlichkeit ist wohl nirgends so lebendig wie an diesen stimmungsvollen Stätten mit ihren altertümlichen Wahrzeichen und lauschigen Winkeln. Diese Wirtshaus-Romantik hat sich in England besonders reich erhalten. Ein Londoner Blatt wirft die Frage auf, welches wohl das kurioseste Gasthaus in England sei, und führt einige Herbergen an, die diesen Ruhm für sich in Anspruch nehmen könnten. Da gibt es z. B. in Gravesend einen Ausschank, dessen metallener Schanktisch einen höheren Silbergehalt aufweist als die heute in Umlauf befindlichen Münzen und zu dem fünf Treppen aus den verschiedensten Richtungen führen. Dieses Lokal besitzt seit 1798 das „Vorrecht", daß es stets mindestens durch zwei Ketten zugleich verschlossen sein muß. Das merkwürdige „Vorrecht" bedeutete nicht etwa eine Vergünstigung für den Gastwirt, sondern war deswegen eingeführt worden, weil die in dem Wirtshaus verkehrenden weggelaufenen Seeleute durch die verschiedenen Ausgänge und Verstecke leicht flüchten und sich verbergen konnten, wenn man sie mit Gewalt wieder auf die Schiffe zurückbringen wollte. Längst haben die Razzien nach entwichenen Matrosen aufgehört, aber die Ketten „zieren" noch immer das alte Wirtshaus. Ein ande-
ausgeglichen werden, wenn im gesamten Reichsdurchschnitt die Geburtenhäufigkeit um mindestens 45 v. H., also um rund die Hälfte ansteigen würde. E r st dann wäre gerade die Bestandserhaltung des deutschen Volkes gesichert.
Dieses Ziel, nämlich ErhaltungdesVvlks- bestandes nach Zahl und Art, das man vom völkisch-biologischen Standpunkt wohl als das Mindestziel bezeichnen muß, wird aber schwerlich automatisch, das heißt, allein durch den Stimmungsumschwung im Volke erreicht werden. Die seelische Umstimmung des Volkes in dieser seiner Lebensfrage ist aber die erste Voraussetzung, auf Grund deren überhaupt erst an die biologische Rettung des Volkes herangegangen werden kann. Erst durch diese seelische Umstimmung ist die Atmosphäre geschaffen, in der die praktischen bevölkerungspolitischen Maßnahmen zur Rettung des Volkes vor seinem biologischen Zerfall zum Erfolge führen können.
Daß derartige Maßnahmen, wie sie Reichsminister Dr. Frick vor etwa Jahresfrist in programmatischer Weise um rissen hat, insbesondere Maßnahmen zum Ausgleich der Familien- l ast en, vor allem Förderung der erb gefunden kinderreichen Familien, nach wie vor dringend notwendig sind, bedarf für den, der die neueste Ge- burtenentwicklunb — so erfreuliche Zeichen der Hoffnung sie auch aufweist — unvoreingenommen prüft, keiner weiteren Begründung.
Im übrigen dürfen wir auch nicht vergessen, daß auf die starke Zunahme der Eheschließungen, die wir voraussichtlich in diesem und auch im nächsten Jahr noch haben werden, etwa von 1936 ab — in Auswirkung des Geburtenausfalls der Kriegsjahre und dann des sich anschließenden Nachkriegsgeburtenrückganges — schlagartig einen starken Heiratsrückgang und damit eine allmähliche Schrumpfung der „Gebärmächtigkeit" zu erwarten haben. Das würde aber bebueten, daß dann aus dem veränderten Bevolkerungsaufbau ein weiterer oder ein erneuter Rückgang der Geburtenzahl zu erwarten märe, sofern es nicht gelingen sollte, die eheliche Fruchtbarkeit zu heben. Mit «dem heutigen Stand der ehelichen Fruchtbarkeit wäre die völkisch-biologische Krisis unabwendbar. Eine aufbauende positive Bevölkerungspolitik ist darum heute dringender denn je — und man darf gerade im Hinblick auf die Erfahrungen des vergangenen Jahres hinzufügen — hinsichtlich ihrer praktischen Wirksamkeit auch aussichtsvoller als je.
Allerlei.
rer Ausschank in Bishopsgate hat das sicher einzigartige Hausgesetz, daß kein Gast mehr als ein Glas Bier an einem Abend trinken darf. Das Anrecht auf besondere Merkwürdigkeit besitzt auch ein kleines Landgasthaus, das sein Bier selbst braut und fein anderes verschenkt. Der Stoff, der hier auf den altertümlichen geschnitzten Bänken getrunken wird, ist nach einer Brauregel hergestellt, die viele Jahrhunderte alt ist, aber auch den heutigen Kehlen vortrefflich mundet.
Bei den letzten Keuertänzern Europas.
Feuertänze, bei denen Tänzer in Ekstase unversehrt durch die Glut springen, finden sich noch bei manchen asiatischen Sekten, so bei arabischen Derwischen, bei Parsen und Schamanen. Aber in Europa ist diese merkwürdige Form der Verehrung des heiligen Feuers fast völlig ausgestorben. Nur noch an der bulgarischen Küste des Schwarzen Meeres, und zwar in einem einzigen Dorf gibt es Feuertänzer oder vielmehr Feuertänzerinnen. Von ihrem Kult, der nur am 3. Juni, dem Tage des heiligen Konstantin und der heiligen (Elena" geübt wird, erzählt Grete Sykora in einem Aufsatz „Ruinenstädte und Feuertänzer am bulgarischen Pontus" in der Slavischen Rundschau. Von der einsamen Stadt Meesemvria mit ihren 43, z. T. völlig zerfallenen Kirchen, die von der mehr als 2000jährigen Geschichte des Ortes Kunde geben, wandte sich die Verfasserin ins Gebirge und erreichte
unter vielen Muhen das abgelegene Dorf Vurgari. In dem Kirchlein waren bereits die Feuertänzerin- nen versammelt, die vor den Ikonen der Heuigen Konstantin und Elena Kerzen und Weihrauch brannten. Da ertönt der Ruf: „Weg frei!" Die Anführerin der Tänzerinnen, die greife Baba Nuna, kommt mit schrillen Schreien herausgerannt: „Sie tanzt in Zuckungen vor der Kirche, wobei sie bio Arme seltsam in die Luft wirft. Ihr Gesicht ist wächsern, die Augen sind verdreht, Schaum steht vor ihrem Munbe. Dazu spielen Trommeln und Dubelsack. Dies wiederholt sich etliche Male, wobei auch noch vier andere Frauen abwechselnd auf ähnliche Weise tanzen."
Früher nahmen die Männer an diesem Kult teil, jetzt aber nur noch Frauen. Und nur in Vurgari herrscht noch der Brauch. Die Gabe scheint sich in bestimmten Familien fortzupflanzen; doch * wird wohl bisweilen eine andere Frau „erfaßt" unß wagt den Tanz auf der Glut. Die Tänzerinnen sagen, sie täten es zu Ehren des heiligen Konstantin, sie müßten vorher tagelang fasten, und es komme dabei allein auf den „richtigen Glauben" an. Wer nicht glaubt, erleidet schwere Brandwunden. Vielleicht lebt hier ein Rest parsischer Feueranbetung fort. Wenn es dämmert, wird das große Feuer auf dem Dorfplatz entzündet, und trotz des Regens schlagen die Flammen hoch empor. Die Menschen drängen sich um die Glut. Nun naht die feierliche Prozession: „An der Spitze gehen die Frauen, die Ikonen im Arm, mit kurzen schrillen Schreien, in Ekstase. Jemand gießt Wasser ins Feuer und breitet die Glut gleichmäßig aus. Alles ist voll Rauch, die Augen tränen. Zwei der Frauen tanzen in der Glut; zuerst die Baba Nuna, vielleicht eine Minute lang ober länger; die Bewegungen sinb biefelben wie am Mittag; sie setzt die Füße nicht schneller; die Glut bedeckt sogar manchmal den Fuß von oben. Dann eine jüngere, bie dabei das Bild des heiligen Konstantin trägt; sie geht zweimal rasch quer durch die Glut. Rings um das Feuer, tanzen die anderen Frauen ..
Nach 25 Jahren wiedergefunden.
Die Mitglieder einer Familie namens Jnferrera, die beim Erdbeben von Messina 1908 getrennt wurden, haben sich nach merkwürdigen Wechselfällen des, Schicksals nach 25 Jahren wieder zusammengefun» den. Angelo Jnferrera, sein Frau und feine vier Kinder wurden in der Nacht der Katastrophe unter den Trümmern ihres Hauses begraben. Die Frau war zermalmt worben, und der Mann, der zwischen zwei Balken eingeklemmt und selbst schwer verletzt war, sah, wie man bie verstümmelte Leiche heraus- zog. Er würbe babei ohnmächtig und würbe bann auf einen russischen Dampfer gebracht, der den Opfern zu Hilfe kam. Dort teilte man ihm irrtümlicherweise mit, daß feine ganze Familie zugrunde gegangen fei, worauf er in feiner Verzweiflung bat, ihn nach Rußland mitzunehmen. Tatsächlich aber waren seine zwei Töchter und ein Sohn am Leben geblieben. Dieser Sohn Andrea wurde dann Seemann und fuhr auf einem Dampfer, der zwischen Genua und Odessa verkehrte. Während seiner letzten Anwesenheit in Odessa fragte er ein junges Mädchen nach dem Wege und erhielt von ihr zu seiner Verwunderung eine Antwort auf Italienisch. Die beiden kamen ins Gespräch, und das Mädchen lud ihn ein, sie zu besuchen, da ihr Vater, ein Italiener sich über einen Landsmann sehr freuen würde. Als der Matrose der Einladung folgte, fragte ihn der Vater nach feinem Namen und sah ihn wie entgeistert an, als der andere sich als Andrea Jnferrera aus Messina vorstellte. Er erzählte ihm hastig, er stamme ebenfalls aus Messina und fein wirklicher Name fei auch Jnferrera; den Namen La Spada habe er als den seiner verstorbenen Frau erst in Rußland angenommen; er habe einen Sohn Andrea gehabt, aber der sei bei dem Erdbeben umgekommen. In Rußland habe er sich wieder verheiratet und besitze eine Tochter. Es war bas junge Mädchen, das den unbekannten Halbbruder in das Haus seines Vaters eingelaben hatte. Das Ergebnis der Wiebererkennungsfzene war, daß die Familie jetzt glücklich in Messina vereinigt ist, wo die beiden
mein einfi war
■ß:
§
Vornan von Klothilde von Gtegmann
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag Halle (S.)
6 Fortsetzung. Nachdruck verboten!
„Und jetzt, Vater? Jetzt soll ich sie auch im Stich lassen? Das glaubst du doch wohl selbst nicht von mir?"
„Nein, das glaube ich nicht", war die ruhige Antwort des Vaters. „Das glaube ich nicht, und ich erwarte es auch nicht. Fahre ruhig einmal hinüber zu deiner kleinen Freundin. Laß noch ein, Zwei Tage vergehen, bis sich der erste Schmerz bei ihr gelegt hat, dann habe ich nichts dagegen einzuwenden. Ich komme auch nächstens einmal hinaus, um zu hören, was nun aus der kleinen Ebele werben wirb, bie so allein in ber Welt steht. Wenn ich ihr in irgenb etwas helfen kann, so wirb es geschehen."
Er nickte seinem Sohn herzlich zu unb roanbte sich lieber seinen Papieren zu. Malte ftanb noch einen Augenblick ba. Dann beugte er sich plötzlich vor und drückte seine Sippen kurz unb heiß auf die Vaterhanb. Unb bann, mit rotglühenbem Kopfe, war es aus dem Zimmer.
Kaum war Malte verschwunben, ba legte ber | Doktor Blomberg ben Halter hin unb sah mit einem | sorgenvollen Gesicht nach ber Tür.
Der heiße Kuß Maltes, des sonst so scheuen Jungen, hatte ihm beutlicher gezeigt als alle Beobachtungen bisher: Malte hin an ber kleinen Ebele mehr, als es gut war. Je eher er von biefer Knabenliebe loskam, um so besser. Wer weiß, wieviel Ebele von dem Blute des Vaters geerbt hatte.
Ja, wäre sie unter die Obhut der Mutter, ber heißgeliebten Jugenbfreundin aus ber beutschen Heimat, aufgetcadjfen! Aber zu früh war Hilbegard Hartmut, die Mutter, gestorben. Das roilbe, unge- bärbigc Blut ber Glyns lebte vielleicht auch in Ebele. Nein, es war gut, wenn bie Kinder beizeiten getrennt wurden.
Er wandte sich feiner Arbeit zu, indessen sich Malte in seinem Zimmer, glücklich lächelnd, die kleine Spieluhr hervorholte: Er drehte den Mechanismus an, unb schon ertönte bie silberhelle, wehmütige Melobie: „Aus ber Jugenbzeit, aus ber Jugenbzeit, klingt ein Lieb mir immerdar ...
Alles funktionierte wieder. Malte lauschte, bis ber letzte Ton bes Liebes verklungen war. Ein Leuchten stand in feinen Augen. Mut unb Hoffnung zogen durch feine Seele mit dem glühenden Ueberfchwang der heranreifenden Jugend.
Dies Spielwerk, bas er für die geliebte Freundin wieder in Ordnung gebracht, erschien seiner Jungenphantasie als ein Symbol: Einmal, wenn er er
wachsen, wenn er ein Mann war, würbe er auch bas Leben Ebeles wieber zusammenfügen mit feinem eigenen Dasein.
Fünftes Kapitel.
Mit schreckgeweiteten Augen ftanb Malte Blomberg ein paar Tage darauf in der Diele bes Schlosses Swanebloe. Vor ihm ber alte Kersten, der angesichts ber Verzweiflung in ben Augen bes Jünglings feine mühsam erlangte Fassung kaum bewahren konnte.
„Ja, ja, Herr Malte, wir müssen uns alle barein finben, daß die Baronesse Ebele nicht mehr hier ist. Gestern abend ist sie mit der englischen Erzieherin abgereist. Es ging alles Hals über Kopf. Wir wußten gar nichts davon. Jraend ein entfernter Verwandter aus Englanb hat Die Kosten für ihre Erziehung übernommen. Aber warum es denn fo schnell fein mußte, bas haben wir alle nicht begriffen. Das Fräulein Ebele hat bie ganze Nacht gemeint. Wie sie fort ist, ba sah sie aus, um ins Grab gelegt zu werden."
Ein erstickter Laut ließ ihn aufhören. Malte hatte sich abgeroanbt, damit ber alte Diener feinen Schmerz nicht fähe. Aber er konnte es nicht verhin- bern, daß ber Schmerz aus ihm herausfchrie.
„Nun, nun, junger Herr", versuchte der alte Kersten zu trösten. „Fräulein (Ebele wird ja wieder hierher zurückkvmmen, und sie wird sicherlick; dem Herrn Malte auch einmal schreiben. Sie yat mir noch Grüße aufgetragen — ja, und einen Brief hat sie mir gegeben."
Er schlürfte auf feinen unsicher gewordenen Füßen schnell davon.
Malte ftanb regungslos inmitten der Halle unb sah auf bas Paket in feinen Hänben. Nun war sie fort, feine liebe, kleine Ebele. Nun würbe er sie nicht mehr wieberfehen, ihr Lachen nicht mehr hören, nicht mehr fröhlich mit ihr durch bie Wälder von Swanebloe streifen. Alles war versunken mit Ebele: das Glück ber Kindheit, bie Kinbheit selbst. Er fühlte nichts mehr. In feinem Herzen war etwas zerbrochen. Unb als ber alte Kersten wiederkam unb kopfschüttelnd sagte: „Das begreife ich nicht! Fräulein Ebele hat boch ben Brief auf ben Schreibtisch im Herrenzimmer gelegt, unb nun ist er fort", ba nickte Malte nur ganz still. Das mußte wohl alles fo fein. Ebele war fort, ber Brief, in bem fie ihm vielleicht noch ein liebes Wort zum Abschieb gesagt, war fort — nichts mehr war von ber Jengen Jugenbzeit ba; nur bie kleine Spieluhr, bie er in ber Hand hielt. Langsam ging Malte Blom- berg aus der Halle, mit feinem ungeschickten Jun- ftieg auf ben kleinen Schlitten, ben er felb|t lenkte, unb fuhr davon, ohne sich noch einmal nach Schloß Swanebloe umzusehen.
Auf dem Rücksitz schaukelte der kleine Karton mit der stummen Spieluhr.
Spät am Abend, als alles im Hause schlief, holte Malte den Karton mit dem Spielwerk hervor, lieh
bas Uhrwerk schnurren unb bie zarte, silberne Melobie ertönen. Und nun erst löste sich die Erstarrung des ersten Jugendschmerzes, loste sich in heißen Tränen. Aber unverrückbar ftanb in feiner Seele ein Ziel: Ebele wieberzufinben!
*
In bem Empfangsraum des Pensionats von Miß Crab auf der englischen Insel Wight saß die Vorsteherin im Gespräch mit Liewen.
„Also, wir haben uns verstanden, Miß Crab", fuhr Liewen fort. „Es liegt mir daran. Die junge Dame, die ich Ihnen durch ihre englische Erzieherin überbringen lasse, zu einer vollkommenen Lady erzogen zu sehend Alles, was zu ihrer Ausbildung nur irgend nötig ist, soll aufgeroanbt werden. Sie brauchen in diesem Punkte an nichts zu sparen. Ich lege" — hier lächelte er zynisch — „auch keinen großen Wert auf sehr genaue Abrechnungen. Sie werden also an der jungen Dame einige Jahre lang eine sehr gute unb zahlungskräftige Pensionärin haben. Ich stelle nur eine Bedingung: Es darf keinerlei Verbindung zwischen Ebele unb ihrer Heimat aufrechterhalten werben. Die Uebermittlung ber Nachrichten an ben Vormunbschaftsrichter gehen von Ihnen an mich und von mir an ihn. Jegliche Korrespondenz, bie etwa aus ber Heimat an Ebele kommt, haben Sie einzubehalten unb mir zuzusen- ben. Desgleichen haben Sie Briefe zu überwachen, die Ebele schreibt — unb biefe Briefe ohne Ebeles Wissen mir zur Kontrolle zu fenben. Das alles sinb Maßnahmen, die Sie vielleicht nicht verstehen, bie aber in Ebeles eigenstem Interesse notwendig sind. Sie muß von ber Erinnerung an ihre Heimat losgelöst unb in ein ganz anberes Leben hineingeleitet werden. Diese sentimentalen Erinnerungen an ein Zuhause, das überdies durch den Lebenswandel von Ebeles Vater in ben letzten Jahren keinen guten Ruf mehr hatte — biefe (Erinnerungen müssen versinken. Ebele muß lernen, die Welt mit ben Augen ber großen Dame zu sehen. Denn nur fo wird fie später als meine Gattin roürbig repräsentieren können."
Miß Crab nickte zustimmenb unb lächelte; man sah so ihre sehr langen, spitzen Zähne, die an bie einer Ratte erinnerten. Dieser Herr von Liewen hatte bie Bestimmung über bie kleine Waise. Es war nur klug, sich zu fügen. Um so klüger, als hier ein gutes Geschäft winkte.
Seit bie allgemeine Geldknappheit die Welt ergriffen hatte, war es auch mit dem Pensionat von Miß Crab ein wenig bergab gegangen. Die jungen Mädchen, deren (Eltern nach Gelb nicht zu fragen hatten, würben immer seltener. Kein Wunder, daß ber Hinweis bieses Herrn von Liewen bezüglich der Abrechnung ein Wink für Miß Crab war, sich in allem nach feinen Wünschen zu richten. Abgesehen davon war eine Pensionärin, um die sich nicht hundert besorgte Verwandte bekümmerten, sehr bequem.
„Ich verstehe Sie vollkommen, Mister Liewen!" aab sie also mit süßem Lächeln zur Antwort. „Haven Sie sonst noch besondere Wünsche für die spezielle Erziehung Ihrer Schutzbefohlenen, so bitte ich, diese Wünsche nur zu äußern. Sie werden korrekt erfüllt."
Liewen sah an der Engländerin vorbei, als überlege er, ober als wollte er vermeiden, ihren Augen zu begegnen.
Dann fragte er wie beiläufig:
„Ja, was mich interessieren würde, Miß Crab: fühlen sich die jungen Mädchen eigentlich bei Ihnen sehr glücklich unb zu Hause? Ist Die Erziehung bei Ihnen sehr nach ben modernen Grundsätzen, die den Kindern alles zuliebe tut und keinerlei Strenge mehr für richtig hält? Ober teilen Sie meine Meinung, daß man bfe Jugend ein wenig streng unb knapp halten muß, um fie richtig zu erziehen?"
Miß Crab lächelte wieder ihr süßestes Lächeln, aber in diesem Lächeln lag etwas, was Liewen bestätigte, daß bie Auskünfte, die er über Miß Crabs Institut für schwer erziehbare junge Damen erhalten, die richtigen waren.
Unb schon entgegnete bie Vorsteherin:
„Ich bin entzückt, Sir, baß ich bei einem so welterfahrenen Manne wie bei Ihnen, meine Ansichten bestätigt finbe. Ich bin nämlich durchaus Iyrer Meinung, bah eine gewisse Strenge für bie Erziehung ber Iugenb nötig ist. Trotzdem ich diese Grundsätze streng innehalte, darf ich doch sagen, daß meine lieben Mädchen hier sehr an meinem Pensionat hängen, unb baß fie ungern von hier fort- gehen. Schon bas Zusammensein so vieler junger Menschen, die Freundschaften, die sich anknüpfen, Einladungen zu den Ferien ..."
Hier unterbrach Liewen den Redestrom der süßlich lächelnden Dame mit einer brüsken Hanbbe- wegung.
„Wir wollen einmal ganz aufrichtig miteinander reden, verehrte Miß Crab, denn von einem gegenseitigen Verstehen hängt viel für mich und noch mehr für Sie ab. Wenn ich vorhin sagte, daß Ebele in allem zu einer vollkommenen Lady erzogen werden soll, fo meine ich das in bezug auf die Ausbildung. Darin soll nichts gespart werden. Sie muß Sprachen lernen, tanzen, Sport treiben, alles können, was eine elegante Dame braucht. Was ober ihre Person anlangt, darf sie in keiner Weife verwöhnt werben. Sie muß fo gehalten werden, daß sie sich hier nicht zu glücklich fühlt, unb baß es etwa Tränen unb Szenen fetzt, wenn man fie von hier fortnimmt. Verstehen Sie?
Ich bin von Ebeles Vater zu ihrem zukünftigen Gatten bestimmt. Aber ber Altersunterfchieb ist ja beträchtlich. Wer weiß, was für Märchenträume in fo einem unreifen Köpfchen herumfpuken — unb welchen Romanhelden sich fo ein kleines Ding zum Gatten ersehnt?!
(Fortsetzung folgt)


