ltr.138 Zweites Blatt
Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
§amstag,l6.Zuni 1934
Frankreichs innere Erstarrung.
Von unserem rt-Korrespondenien.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Paris, Juni 1934.
Die hausbackene Langweiligkeit der Lösungsversuche aller Fragen der französischen Innenpolitik wird einige Monate, bis zum Herbst, vorherrschen. Der Gei st des Mißmuts und der Verdrossenheit regt sich in kleinen Demonstrationen, im herkömmlichem Gezänk der Kammerzelebri- täten und macht sich in einer Fülle von Gerüchten Luft, die sich vor allem darum drehen, ob d a s Kabinett Doumergue irgendwie v e r - jungt werden könnte. Aber wenn auch von einem gewissen Gegensatz zwischen Doumergue und dem Außenminister Varthou in dem Sinne gespro- chen wird, als ob Varthou als Ministerpräsident eine jüngere und bessere Schar um sich versammeln wurde, so steht dem doch entgegen, daß einmal die beiden Staatsmänner sehr gut aufeinander eingespielt sind und Männer der jüngeren Generation von Format fehlen.
Einige Jahre vor Sedan versuchte Napoleon III., oie Jugend für den Verwaltungsdienst heranzuzie- hen. Man erkannte, daß unter einem starren Sy- chem die aufstrebenden Talente keine Ellbogenfrei- h.eit fanden und folgerichtig auf die Bänke der Opposition gerieten. Heute wird die gleiche Klage vernehmbar, aber auch die Opposition hat n u r h a l b e Talente und keine Genies. In diesem Zusammenhang muß die geschichtliche Erfahrung vermerkt werden, daß eigentlich seit Napoleon L und Talleyrand Frankreich keinen Staatsmann schärferer Prägung aufzuweisen hat. England hatte nacheinander Palmerston, Disraeli, Gladstone, Lord Salisbury, und es fand immerhin noch die Möglichkeit, einem solchen Feuerbrand wie Lloyd George «Arbeitsmöglichkeit zu geben, einen Churchill zu ertragen, dem großen imperialistischen Feldzug Chamberlains des Aelteren zu folgen. In Frankreich gibt es seit Talleyrands Zeiten nur die Mittelmäßigkeiten aus der Advokatur, jene Doktoren beider Rechte, die in ihrer Jugend radikal und in ihrem Alter Bourgeois sind. Sie sind irgendwie alle vom selben Stoff: der advokatorische Paragraphenaustifteler P o i n c a r 6, der in fanatischen Vendöerhaß glühende Clemenceau, die Männer des Dorkriegsgeistes Doumergue und Varthou. Neuerdings betonen die Franzosen sehr, der Kollektivismus, das organsatorische Prinzip, die Gleichrichtung seien nicht Ausdruck französischer Veranlagung. Der Franzose sei individualistisch. Er ist gewiß nicht organisationsfähig und auch nicht Organisator, aber als Politiker und Wirtschaftler, als Vertreter der geistigen Berufe und in jeder Hinsicht bleibt er doch abhängig von jenen Querverbindungen, die Partei und vor allem Familie und Sippe bedeuten und mit der Kirche und der Tradition sich derart verfilzen, daß ausgeprägte und kämpferische Persönlichkeiten in diesem romanischen Milieu undenkbar sind. Die größten Lärmtrompeten gegen den französischen Klerikalismus, wie Jean Saures, zum Beispiel ließen es zu, daß nicht nur ihre Kinder fromm erzogen wurden, sondern machten alle kirchlichen Zeremonien aus Familienrücksichten mit. In England dagegen herrscht wohl die Familie, manchmal auch eine Querverbindung, auch eine gewisse Gleichförmigkeit des Denkens, aber dieser doch germanisch beeinflußte Boden des Volkstums hat ausgeprägte Persönlichkeiten hervorgebracht, während, in genügendem Abstande gesehen, ein Franzose dem andern gleicht und damit ein gewisses Schema vorherrscht, das nur gelegentlich in Krampfanfällen zerbrochen wird, um durch ein neues ersetzt zu werden. Dem germanischen Prinzip ist die Evolution zu eigen, die ständige und beharrliche Fortentwicklung, dem romanischen in seiner gallischen Ausprägung der Revolution, der Putschismus, zwischen dessen einzelnen Aus
bruchen die Monotonie des Konservativismus liegt. Die revolutionären Genies Frankreichs, die nicht nur zerstörten, sondern auch aufbauten, sind an einem Finger zu zählen. Es gibt nur eins dieser Genies, Bonaparte, den Korsen aus vielleicht genuesischer Blutmischung, ein Imperator, dessen Französisch immer einen italienischen Akcent trug.
Es bleibt eigentümlich, daß jene Querverbindungen der französischen Politik das Bild eines Stromes geben, an dessen Oberfläche viele Wirbel erscheinen, die aber nicht in die Tiefen dringen. Aeußerlich hat Frankreich in drei Menschenaltern mehr Ministerwechsel, Parteienballungen und Parteienoerfall innerhalb eines großen Rahmens der Monarchie oder der Republik erlebt als irgend ein anderes Land. Es stand am Rande des Abgrundes der Kommune oder, wie zu Boulangers Zeiten, der Militärdiktatur, die tatsächlich auch während des Weltkrieges herrschte. Frankreich erlebte nacheinander kurze Epochen der Klosterstürme, der Vertreibung des Klerus oder der Bigotterie. Alle diese Erscheinungen haben aber den Grundcharakter nicht umgepflügt. Irgendwie ist der Franzose ohne Erleben aus den Ereignissen. Daß Leben Handeln ist, wird stets versichert. Der Franzose ist stolz auf seine Aktivität. Aber ein so feiner Kenner Frankreichs wie Anatole France notierte, wenn der Franzose wirklich politisch handele, zeige sich bei ihm die K u n st des Z e r st ö r e n s als der einfachsten Form des Handelns, und Voltaire nannte die Franzosen schlechthin das grausamste und zerstörungs- lustigste aller europäischen Völker. Handelt der Franzose nicht in dieser Art, dann bewegt er sich in den vorgefaßten Meinungen, die ihm jetzt Doumergue und Barthou kredenzen und mit denen er sehr zufrieden ist, weil sie Altvertrautes bieten. Aller Lärm über die einzelnen innerpolitischen Fragen sind nur kleine Wirbel an der Oberfläche des in festen Ufern gebannten französischen Stromes, die Unruhe und Unrast bewegt sich zwischen den Betonwänden, die der Franzose sich selbst zog, aus dem innersten Gefühl für deren Notwendigkeit gegenüber der Angst vor dem revolutionären Elan, der ihn von Zeit zu Zeit wie eine Krankheit überfällt.
Nur gelegentlich zeigt sich die Unausgeglichenheit des französischen Gegenpoles der gallischen Veranlagung. Der 6. Februar glimmt nach. Der Kampf zwischen revolutionären Gelüsten und dem Derkal- kungsbestreben geht durch alle französischen Querverbindungen, man fühlt dumpf, irgend wann könnte aus diesen Reibungen ein elektrischer Funke aufspringen, der wie ein Querschläger Gewebe Zerreißt, aber, wie im französischen Parlament und Parteiwesen, keine führenden Persönlichkeiten vorhanden sind, so ist auch die Physiognomie der französischen Gegenwart seit 1919 eigentlich unverändert. Wie seit Montaigne, dem letzten Neuschöpfer, die französische Sprache erstarrte, ist auch das französische Denken erstarrt. Wenn heute noch sogar in feinet Wohnungseinrichtung der Franzose auf vergangene Stile zurückgreift, dann ist es nicht verwunderlich, daß auch in der Politik das Alte trotz aller Erfahrungen der Kriegs- und Nachkriegszeit durch Männer wie Doumergue und Barthou Frankreick führt. Unter diesem System stirbt jede Jugendlichkeit. Wenn bei den Neusozialisten und den Frontkämpfern ein Mann mit einem etwas wei- teren, mit einem europäischen Horizont auftaucht, der auf die deutschen und englischen Methoden schaut und nicht in Dorkriegskoalitionen denkt, wird er beiseitegeschoben, oder er kehrt auf halbem Wege um, wie Marquet. Eine politische und wirtschaftliche Erneuerung Frankreichs auf evolutionistischem Wege erscheint daher ausgeschlossen. Nichts dafür ist bezeichnender als der Versuch, eine Wahl- re f o r m zu erreichen. Sie ist die Vorbedingung für jede Staatsreform. Im Kammerausschuß fand sie ein stilles Begräbnis und in der französischen Öffentlichkeit wurde dieser erste Ansatz, dem jetzigen System mehr Elastizität zu verleihen, mit einem skeptischen Achselzucken abgetan.
Nur als in Genf der an und für sich zahme englische Versuch, Frankreichs Außenpolitik mit der
europäischen Gegenwart zu verbinden, unternommen wurde, wurde Frankreich lebendig. Shakespeare läßt in „Heinrich V." den König Karl von Frankreich sagen: Frankreich und England, deren Küsten selbst / Dor Neid erblassen, / Sei des andern Glück. Damit ist der fundamentale britisch-französische Gegensatz, zwischen Galliertum und einer germanisch beeinflußten Nation, klar ausgedrückt.
Heute will Frankreich den Ehrgeiz haben, daß kein einziger Kanonenschuß, keine einzige Veränderung auch bei anderen Nationen, erfolgt ohne Frankreichs Genehmigung. Aber die Ursachen dieser Haltung entfernen dieses gegenwärtige Frankreich immer stärker von einem Europa, das eine Neuordnung der zwischenstaatlichen Verhältnisse als Lebensbedürfnis empfindet.
Reichsminister Dr.Goebbels in Warschau.
Reichsminister Dr. Goebbels begrüßt die Ehrenkompanie am Grabmal des Unbekannten Soldaten, wo er einen Kranz niederlegte.
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Das Defizit in der deutschen Lebensbilanz.
3ur neuesten Geburtenentwicklung im Deutschen Reich.
Von Dr. $- Brrrgpörfer, Direktor beim Statistischen Reichsamt, Berlin.
Die Ergebnisse der Statistik der Bevölkerungsbewegung, die das Statistische Reichsamt soeben in seiner Zeitschrift „Wirtschaft und Statistik" (Jahrgang 1934, Nr. 10) für das Jahr 1933 veröffentlicht hat, dürften manchen Optimisten überrascht haben. Die Reichszahl der Geburten hat im Ähre 1933 noch nicht zugenommen — wie nach den von den einzelnen Städten und Städtegruppen gemeldeten Geburtenzunahmen da und dort wohl erwartet wurde —, sondern weiter abgenommen. Im ganzen betrachtet war das Jahr 1933 ein neues Rekordjahr des Geburtentief st andes.
Die Zahl der Lebendgeborenen, die 1901 noch 2 032 000 betragen hatte und die bis zum Jahre 1931 auf rund 1 032 000 zusammengeschrumpft und im Jahre 1932 unter die Millionengrenze, nämlich auf 978 000 abgesunken war. ist 1933 bis auf 957 000 zurückgegangen.
Sieht man von den beiden letzten, völlig abnormen Weltkriegsjahren 1917 und 1918 ab, so gibt es in der deutschen Bevölkerungsstatistik, die auf rund hundert Jahre zurückreicht, kein einziges Jahr mit einer s o geringen Geburtenzahl. Selbst vor hundert Jahren hatten wir innerhalb des heutigen Reichsgebiets bei damals 301 Millionen Einwohnern alljährlich über 1 bis 1,251
Millionen Geborene; mit wachsender Bevölkerungs- Zahl nahm auch die Zahl der Geburten zu und erreichte 1901 (bei 56 Millionen Einwohnern) mit über zwei Millionen ihren Höchststand. Seitdem ist die Geburtenzahl — trotz weiter gestiegener Beoöl- kerungszahlungewöhnlich scharf zurückgegangen und liegt nun seit zwei Jahren unter der Millionengrenze. (Entfielen um die Jahrhundertwende noch 37 Geburten auf 1000 der Bevölkerung, so im letzten Jahr nur noch 14,7, also weniger a l s dis Hälfte
Deutschland hatte in den letzten Jahrzehnten unter allen Völkern Europas den schärfsten Geburtenrückgang und es marschiert — international betrachtet — an der Spitze der Geburtenbeschränkung. Es hat s e l b st Frankreich, das klassische Land des Geburten- rückganges, wo aufs Tausend der Bevölkerung im- Hierhin noch über 17 Geburten entfallen, auf dem Wege nach abwärts längst überholt. Wenn ich hinzufüge, daß beispielsweise Japan bei gleicher Einwohnerzahl mehr als doppelt soviel Geburten hat wie das Deutsche Reich und daß Polen bei einer halb so großen Einwohnerzahl annähernd die gleiche Geburtenzahl hat wie das Deutsche Reich, so dürften diese historischen und
Oie Gefangenen im alten Hut.
Von Hans Friedrich Blunck.
Da mar einmal ein Hexer bei Plön, der hieß Kuhleback, und hatte im Wald ein Zauberei gefunden, in dem es sang und klang. Er wollte eilig damit nach Haus, um es zu zerschlagen und nach- zuschauen, was es wohl für ein Wunder berge. Und weil er über den großen See mußte, warf er feinen Hut ins Wasser. Das war ein rechter Hexenhut, er trug ihn wie ein Schiff, wohin er wollte.
Nun war gerade um dieselbe Zeit ein Student unterwegs, der wollte eigentlich über den Büchern sitzen und die Heilkunde lernen. Er hatte sich aber ein neues Puckerboot gekauft und mußte unaufhörlich damit über den See fahren, solche Freude hatte er daran. Er hat, weil er schließlich ein schlechtes Gewissen bekam, allerhand Bücher mit an Bord genommen, dazu Schädel und Knochen, an denen er studieren wollte. Aber lieber noch sauste er über das Wasser hin und her und redete dabei mit dem kleinen Klabautermann an Bord und mit Takte- buttbutt — das ist der Knirps in der Maschine. Wie er seiner gewahr geworden? Nun, vielleicht hatte der Student in alten Büchern erfahren, wie man übersichtig wird. Vielleicht hatte er sich auch bei allem Studieren ein fröhliches Herz bewahrt, so daß der kleine Takkebuttbutt Zutrauen zu seinem Herrn gefaßt hatte.
Nun kommt den Dreien, wie sie wieder einmal quer über den See flitzen und der kleine Tackebuttbutt nur so rattert und knattert, da kommt ihnen ein verrückter alter Hut entgegen, ein fremder Mann darin, der fährt fast ebenso schnell wie sie selbst. Das ist etwas so Sonderbares: Takkebuttbutt kommt aus der Maschine hoch und lehnt sich über Bord, um dem da drüben eins auszuwischen. Er ist dabei aber unvorsichtig und fällt, wie sie dicht an dem Hut vorübersteuern, kopfüber hinein, alle Vogel über dem See ziepen vor Schreck, und alle Wasserfrauen, die unten am Grund des Wassers neugierig dem verhexten Hut nachfahren, meinen auch, es wird dem Knirps nun gewiß entsetzlich schlecht ergehen. Das meint besonders sein Herr, der Student, der sich über den Unfall sehr erschrocken hat; er rennt gleich mit dem Bootshaken nach vorn und will das sonderbare Schiff anhalten, um seinen Freund wie- der herauszubekommen.
Aber der alte Hexer Kuhleback ist dem jungen Burschen weit über, er lacht über den Vorwitz, und weil ihm das Boot nicht schlecht gefällt, stülpt er es mit allem Drin und Dran — denkt nur mal an ■— in seinen Hut hinüber. Der Zauberhut wächst einfach ein Stück, vielleicht kann er noch viel mehr Ladung tragen, ich weiß nicht wieviel.
Das haben sie nun von Takkebuttbutts Vorwitz Da sitzen sie mitsamt ihrem schönen Boot zu Unterst in einem alten Hui, der Student, der Klabauter und Takkebuttbutt. Und der Hut fährt rasend schnell über das Wasser, niemand von ihnen weiß wohin.
Nun hat aber auch das Zauberei, das derHeren- meifter gefunden hatte, unten im Hut gelegen. Und die Drei hören, wie sie mausestill dasitzen und sich bedrückt angurfen, hundert kleine Laute, Finkenschlag und Starenpfiff, kläffende Hunde, brüllende Kühe, Hühnergegackel, wehende Bäume und ich weiß nicht was alles in dem sonderbaren Ding summen und sausen. Sie werden deshalb sehr neugierig und schlagen ein winzig kleines Loch in die Schale, um nur eben einmal hineinzuschauen. Da sehen sie einen herrlichen Hof mit vielen Buchen rundum. Gewiß kommt dem alten Hexer viel auf dies Zauberwerk an, sagen sie sich Und weil sie ihm gern einen Schaden täten, nimmt der Student sein Messer, schneidet schräg über sich ein Loch in die Hutwand und stößt das Ei ins Wasser.
Sofort merkt der Alte da oben aber, was unten für ein Unfug geschehen ist; der Hut hält an, Kuhleback schilt entsetzlich und will nach dem Ei tauchen. Aber damit ist schon ein kleines Wasserfräulein auf und davon; es ist ihr gerade in die Hände gefallen.
Der Hexenmeister muß also gewaltig schwimmen. Gerade bevor sie in ihr Haus schlüpfen kann, kriegt der Alte das Waterfröken — das Wasserfräulein meine ich — zu fassen, und weil sie ihm so viel Mühe gemacht hat, nimmt er sie zur Strafe bei den Haaren und stopft sie unten in den alten Hut zu den anderen Gefangenen.
Die wären in der Zwischenzeit gern auf und davon gegangen, aber sie haben ihr Boot nicht so rasch über den Rand des Hutes hinüberheben können, der Alte war zu flink wieder da. Und jetzt haben sie ja auch gute Gesellschaft, der Student versucht die kleine Nixe zu trösten, er fragt sie, woher sie komme, wo sie wohne und dergleichen. Aber das arme Ding schluchzt nur in einem fort, solche Furcht hat es vor dem Zauberer, und den andern wird auch immer unheimlicher zumut.
Wie sie nun wieder eine Weile gefahren sind und sich den Kopf zerbrechen, wie sie davonkommen sollen, da meint der Klabauter: was mit dem Hut des Hexenmeisters möglich sei, das müsse Loch auch mit seiner alten Mütze angehen. Sie schneiden also wieder ein Loch in die Filzwand, fassen sich alle an den Händen, der Klabauter stülpt sich die Mütze auf und zieht alle Leute gegen das Wasser nach draußen. Kuhleback ist ihnen indes weit über. Er merkt gleich, kaum daß sie durchgeschlüpft sind, daß etwas nicht in Ordnung ist, fischt die Vier zwischen seinen fünf Fingern hoch, streicht mit der Hand über den Schnitt im Hut, so daß Lein Wasser mehr hin-
eintommt, schimpft abscheulich und tut alle Leute mit ihrem schlechten Gewissen wieder in den untersten Filz
Da müssen sie beinahe verzagen; sie kommen gegen den schlimmen Alten nicht mehr an. Einmal bringen Takkebuttbutt und der Klabauter noch ihr Boot in Gang, das gleitet auf einmal über den Hutrand hinaus, plumpst ins Wasser und will davonfahren. Aber der Alte harkt es mit seinem großen Stiefel wieder herein, als sei es ein alter Stock Einmal versucht die kleine Nixe auch mit ihrem Fischschwanz die im Wasser zu Hilfe zu winken, aber e$ hilft nichts, daß sie Bescheid gibt, keiner von den ihren ist so stark wie Kuhleback in seinem Hut.
Endlich will der Student es noch ein letztesmal versuchen Er hat die Hoffnung, davonzukommen, fast aufgegeben, aber er will dem alten Zauberer wenigstens noch einmal einen tüchtigen Schrecken einjagen, ehe er sie alle für immer in feiner Ge- walt hat. Er tut also den Oelmantel um und setzt sich einen alten Pferdeschädel auf — den hatte er in der Bootskammer, um daran zu studieren. Und er leiht sich etwas Rauch von Takkebuttbutt, erbittet sich einige Strähnen vom grünen Haar der Nixe und vom weißen Bart des Klabauters und übt sich, alles zwischen den Pferdezähnen hinauszublasen. Dann tut er sich noch Kreide in die Stimme und hebt sich auf einmal mit einem entsetzlichen Blöken und Blasen gegen den Hexenmeister hoch.
Und er hat den schlimmen Kuhleback wahrhaftig da getroffen, wo ihm sein böses Gewissen am wenigsten Ruhe ließ. Der arge Geselle meint nämlich, der Böse selbst steige aus der Tiefe hoch, um ihn heimzuholen: er brüllt vor Schreck, wie er den Pferdekopf sieht, heult noch furchtbarer als der Student, springt mit einem Satz auf den Rand des Hutes und streicht mit einem scheußlichen Schweif von Gestank vogelschnell über das Wasser von bannen
Da sind die armen Gefangenen den bösen Kuhleback glücklich los. Der Zauberhut, der nun keinen Herrn mehr hat, kreiselt von selbst an einen Bootssteig; sie umarmen einander, Klabauter, Takkebuttbutt, Wasserfräulein und Student und springen einer nach dem anderen an Land. Dabei läßt der Bursch, der vor Vergnügen über die gelungene List pfeift, und tollpatschig tanzt, das Zauberei fallen. Was glaubt ihr? Das Ei zerplatzt mit einem lauten Knall, es wächst ein herrlicher Hof daraus hervor, viele Tiere und Knechte und Mägde stehen schon bereit, die neuen Herren zu empfangen.
Und sie bleiben alle beieinander; das Erbe des Hexenmeisters gefällt ihnen herrlich, sie verraten niemandem etwas davon. Wäre ich nicht eines Tages beim Baden in die Bucht geschwommen, wo
bei mir eine alte Krickente die ganze Geschichte ver- schnatterte, dann wüßte heute noch kein Mensch davon.
Wie entstand das Labyrinth?
Die Vorstellung des Labyrinths ist uns heute ganz geläufig, ohne daß wir über den Ursprung dieses Urbildes eines vielverschlungenen Irrgartens nähere Angaben zu machen wüßten. Man hat die Idee des Labyrinths mit den kultischen Anschauungen vom Lauf der Sonne in Zusammenhang gebracht und in ihm ein uraltes mythisches Symbol erblicken wollen. Dazu trug auch die Verknüpfung mit dem Tanz bei, die in früher Zeit auftritt, indem die kunstvolle Verschlingung des Reigens gleichsam die gewundenen Wege des Irrgartens wiederholte. Richtiger dürfte es fein, bei der Erklärung des Labyrinthes von dem geschichtlichen Hintergrund auszugehen, wie dies 'Richard H i l m a n n in einer Abhandlung zur Geschichte der Labyrinth-Dorstellung und seiner Verwendung als Ornament getan hat, über die Professor Georg L i p p o l d in der „Deutschen Literaturzeitung" berichtet. Das Labyrinth ist ursprünglich mit den Ruinen des riesigen Palastes von Knossos auf Kreta verknüpft; die vielgewundenen Gänge, die Treppen und Magazine dieser gewaltigen Anlage erweckten in der leicht beweglichen Phantasie der Griechen Vorstellungen von einem Ungeheuer, das in einem Irrgarten hauste, und so entstand die Sage vom Minotauros. Doch dürfte der Mythos schon der vorgriechischen Kultur angehören, denn es gibt bereits in Knossos ein Fresko, das einen Irrgarten darstellt. Später ist dann das Labyrinth eng mit dem sog. Maeander-Omament verbunden, dessen Bezeichnung dem gewundenen Lauf des Maeander-Flusses seine Entstehung verdankt. Die Rundform des Labyrinths tritt neben die rechteckige Form; sie entspricht auch besser dem runden Knäuel des sich abwickelnden Ariadne-Fadens, der in der Sage von der Befreiung der dem Ungeheuer geopferten Jungfrau eine so wichtige Rolle spielt. Labyrinth und Tanz, die so oft zusammen auftreten, waren ursprünglich zwei ganz verschiedene Dinge; sie sind nur an dieselbe Vorstellung geknüpft, indem eine Anlage von vielfach gewundenen niedrigen Mauern dazu diente, den Weg für kunstvolle Reigentänze zu regeln. Auch dazu mag schon das alte Labyrinth von Knossos gedient haben. Der Mäeander wird dann das häufigste Zeichen für das Labyrinth, doch ist das nur eine Uebertragung, denn dieses Flächenornament ist organisch aus der Textilkunst entstanden und läßt sich aus der Technik des Webens ableiten.


