llr. 88 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Montag, (6. April W
Das geistige Gesicht Polens.
Von Anna Ball.
Wollte ein Künstler dieses Gesicht in einer Zeichnung festhalten, müßte er die für einen Westeuropäer nie ganz durchsichtigen slawischen Züge mit Zügen etwa lateinischer Prägung zu einem merkwürdigen Ganzen verbinden. Und vielleicht wäre in dieser, dem Deutschen wenig geläufigen Mischung die wesentlichste Ursache dafür zu suchen, daß uns das geistige Antlitz des benachbarten Polens bis in diese läge ferner und fremder geblieben ist, als zum Beispiel das des räumlich so entfernten Amerika.
In der Tat, es ist nicht leicht, diese slawische Problematik, die mit einem Schimmer fast französisch anmutenden Esprits überglänzt und mit der Patina jahrtausendalter katholischer Tradition überzogen ist, richtig zu erfassen. Als zweites aber, und vielleicht noch schwerer zu nehmendes Hindernis auf dem Wege zum richtigen Verständnis der gegen» wärtigen polnischen Kultur kommt das merkwüroige Verhältnis des Geistes zur Politik hinzu — die für einen Uneingeweihten nicht sogleich begreifbare Haltung der geistigen Welt gegenüber der Wirklichkeit, eine Haltung, die nur unter Berücksichtigung geschichtlicher Zusammenhänge, sowohl solcher älteren Datums, als auch der Ereignisse der letzten anderthalb Jahrzehnte, zu erklären ist.
Es ist allgemein ein ungewöhnliches Zurücktreten der innerpolitischen Uneinigkeiten vor oem Dienst am Ganzen, am Aufbau und vor allem am Schutz des Staates zu beobachten. Feindliche Brüder bilden nach außen hin eine breite Schutzfront, die alle eint. Der Patriotismus hat hier von alters her eine bevorzugte Stellung. Das gehl so weit, daß z. B. viele, die im Prinzip mit linksradikalen Anschauungen sympathisieren, dennoch für das Verbot der Kommunistischen Partei in Polen sind, weil — ein kommunistisches Polen bei der engen Nachbarschaft mit Rußland nur noch eine Provinz der großen USSR. wäre; und selbst die im allgemeinen pazifistisch Gesinnten haben nichts gegen den Kultus des polnischen Heeres einzuwenden, denn — lieber ein militaristisches Polen als ein schwaches, ist die Parole.
Deswegen findet man in der Literatur, im Theater, in der bildenden Kunst des Landes so erstaunlich wenig Opposition gegen die herrschende Ordnung. Man wird hier dem Herrn und Gebieter des Landes, dem Marschall P i l s u d s k i, nie vergessen, daß man ihm die Unabhängigkeit verdankt.
Um die Schichtung der geistigen Welt Polens richtig zu verstehen, muß man berücksichtigen, daß zu jener Zeit, als Pilsudski mit der Bildung der polnischen Legionen begonnen hatte, zu ihm die Besten der Intelligenz gestoßen waren: die früher das geistige Banner der Freiheit geschwungen haben — Dichter, Künstler, Politiker, Journalisten, Gelehrte —,fühlen sich nun zur Tat verpflichtet und traten ein in das nationale Heer; und da der Marschall gleichzeitig für die national Gesinnten der starke Held und für die links Gerichteten der sozialistisch denkende Staatsmann war — so scharte sich um ihn die Blüte der polnischen Geistigkeit, ohne Unterschied der Anschauung und der Partei. Und so kommt es, daß man noch heute nicht wenig Geistesarbeiter im Militärrock findet — der Geist trägt des öfteren Uniform und die Uniform trägt Geist —, so kommt es aus natürlichem Wachstum, daß der alte Soldat und Haudegen Wenjawa- D u g o s z e w s k i glänzende Monographien schreibt und kunsthistorische Essais von großer geistiger Grazie veröffentlicht. Wenjawa-Dugoszewski, der Stadtkommandant von Warschau, ist Doktor der Medizin und General der Kavallerie. Nach Dienstschluß — spät in der Nacht — kommt er gern ins „Jps", das Warschauer literarische Kaffeehaus, und erörtert dort, ein Zivilist unter Zivilisten, temperamentvoll die ewigen Probleme der Dichtkunst und der Malerei. Auf beiden Gebieten kann er mit eigenen beachtlichen Leistungen aufwarten.
Sieht sich der Fremde einmal die neueren Erzeugnisse polnischen Geistes näher an, so staunt er
Feuilleton vor ^20 Jahren.
Heinrich von Kleists »Berliner Abendblätter"
Von Hans Heßler.
Am 1. Oktober 1810 übernahm Heinrich von K l e i st die Redaktion der „B e r l i n er Abendblätter", deren kleine wohlgedruckte Oktavhefte von je vier Seiten die letzte Zeit seines Lebens begleiten sollten. Man muß sich vergegenwärtigen, daß Napoleon damals über Deutschland herrschte, daß die Zeitungen unter Zensur standen, daß alles, was gesagt werden mußte, nur andeutungsweise gesagt werden durfte. So ist das „Gebet des Zoro- aster" zu verstehen, in dem Kleist im ersten Heft in feierlicher Sprache seine Aufgabe verkündete, seine Mitmenschen „furchtlos und liebreich aus der wunderlichen Schlafsucht wecken, in der sie befangen waren ... die Lasterhaften zu schrecken, die Irrenden zu warnen ..." Unter diesem napoleonischen Druck müssen auch die kleinen Tagesbegebenheiten gewertet werden, die er seinen „Abendblättern" anhängte. Was diese im einzelnen zu bedeuten haben, wie sie entstanden, wie sie auszulegen sind, darüber hat Reinhold Steigin seinem grundlegenden Werk Heinrich von Kleists Berliner Kämpfe" gearbeitet, aber auch ohne fachliche Kenntnis ist leicht zu sehen, daß das folgende „Vermischte" dazu bestimmt war die soldatischen Tüchtigkeiten des Ausharrens und der Opferbereitschaft zu erwecken, gemäß dem Vorsätze, den Kleist in seinem Heft angekundigt hatte. Diese kleine Notiz lautet:
^rnn Aöfifdies Exerzitium, das man n mach e n so l l t e. Ein französischer Artillerie- kavitön der beim Beginn einer Schlacht, eine 23at« terie bestimmt, das feindliche Geschütz in Respekt zu halten oder zugrunde zu richten, placieren will, stellt sich zuvörderst in der Mitte des ausgewahlten Platzes sei es nun ein Kirchhof, em sanfter Hügel oder die Spitze eines Gehölz, auf: er druckt sich, während er den Degen zieht, den Hut m ^J^en, unb inzwischen die Karren, tm Regen der femo liehen Kanonenkugeln von allen Setten rasselnd um ihr Werk zu beginnen, abprotzen, saßt er, mit Der gebauten Linken, die Führer der oerschledenen Ge- schütze (die Feuerwerker) bei der Brust und mit der Spitze des Degens auf einen Punkt des Erd habens hinzeigend, spricht er: „Hier stirbst du. wobei er ihn ansieht - und zu einem anderen: hier du!" und zu einem dritten und vierten und allen folgenden: hier du! hier du? hier du! — und zum letzten: „hier du!" — Diese Instruktionen an bk ArtilleristeL. beitimmi und mwerklausuliert, an
vor allem über das Unpolitische, das Tendenziöse der Inhalte und der Mittel. Diese politische Farb- losiakeit ist größer, als es infolge der zuchtvoll gehandhabten Freiheit des Wortes unbedingt erforderlich wäre. Die Romane des auch in Deutschland bekannten Ferdinand Goetel, der feinsinnigen Erzählerin Zosja Naukowska, der Maria Dombrowska, deren letzte Romantrilogie „Tage und Nächte" mit dem diesjährigen Staatspreis für Literatur ausgezeichnet worden ist, behandeln in modernen Formen „ewige Themen", ebenso wie der von der jüngst gegründeten Dichterakademie als erster preisgekrönte Roman von Michael Choromanski, der den originellen Titel „Eifersucht und Medizin" führt; der Dichter Kazimir Wierzynski hat die Schönheit der sportlichen Wettkämpfe entdeckt und für seinen „Olympischen Lorbeer" im Jahre 1928 den Olympischen Preis für Literatur bekommen.
Und selbst in der bildenden Kunst haben sich zahlreiche Junge von der starken Tradition der national-romantischen Schule endlich freigemacht und auf die Suche eigener Wege begeben — teilweise gegen erbitterten Widerstand der zünftigen Kunstkritik, die noch immer polnischen Geist in Der Kunst mit Matejko gleichsetzt und Wyczul- k o w s k i s Bauernszenen für den erschöpfenden Ausdruck „polnischer Seele" hält. Leider kann man die Werke dieser Gruppe junger Künstler nirgenbs gesammelt sehen, sie haben weder in Warschau, noch in Krakau, das eine Art polnischen Münchens ist, einen ständigen Ausstellungsraum. Leider. —
Da aber die Malerei in Polen — wie heute wohl überall — der am wenigsten populäre Kunstzweig ist, so bleibt als Meßinstrument für das öffentliche Interesse an Dingen der Kultur am Ende doch das Buch und die Zeitschrift (auch das Theater, aber das ist ein Kapitel für sich). Und da fällt es auf, daß die wöchentlich erscheinenden „Wiadomosci Literackie" ihre Leser in den breiten Schichten der Bevölkerung und nicht nur unter den sogenannten „Intellektuellen" findet. Man kann diese Zeitung an ihrem Erscheinungstag überall in den Straßen Warschaus, und ebensogut auf dem Ladentisch irgendeines Kolonial- oder Manufakturwarenhändlers wie auf dem Schreibtisch eines Rechtsanwalts sehen. Ihre Beliebtheit verdankt sie zum großen Teil den geistreichen zeitkritischen Aufsätzen Boy-Zelenskis und des sehr schlagfertigen Publizisten Antoni Slonimski.
Es ist kein Zufall, daß ein literarisches Blatt in Polen eine für unsere Verhältnisse ungewöhnliche Popularität genießt; denn hat man auch endlich den Selbstzweck der Kunst entdeckt, so vermeidet man es trotzdem geflissentlich, in eine unfruchtbare Absonderung zu verfallen. Im Gegenteil, das Bestreben geht allgemein dahin, nicht Spitzenleistungen für roenioe hervorzubringen, sondern die Errungenschaften Der Kultur den breiten Schichten des Volkes zugänglich zu machen. Die äußere Geftali des polnischen Buches ist z. B. sehr gepflegt. Man sucht aber nicht so sehr, erlesene Einzelaus- aaben für gezählte Liebhaber des schönen Buches herzustellen, als vielmehr das allgemeine Niveau des Buches zu heben: so werden die Schulbücher mit wertvollen Holzschnitten geschmückt, so werden Erhebungen über das ansprechendste Schriftbild angestellt, um dem Volke die geistige Speise in einem möglichst zweckdienlichen Gefäß zu bieten.
In die gleiche Linie gehören die Bemühungen, die Volksschule zu einer wahren Bildungsstätte zu gestalten: nicht auf die höheren Schulen, sondern auf die Volksschulen werden das meiste Geld und die meiste Sorge verwandt (die neueste Gesetzgebung für Unterrichtswesen befaßt sich hauptsächlich mit dem Ausbau der Volksschule), und zwar sind die Schulen um so besser, je ärmer, je proletarischer der Bezirk. Man kann in den düsteren Arbeitervierteln Warschaus musterhafte Grundschulen sehen, in denen der ganz kleine Mensch körperlich und geistig durchgebildet und — eine sehr beachtliche Leistung bei Kindern, die in den traurigsten Verhältnissen, zum Teil in Elendsquartieren aufwachsen — zufrieden und sogar glücklich gemacht wird.
dem Ort, wo die Batterie aufgefahren wird, zu sterben, soll, wie man sagt, wenn sie gut ausgeführt wird, in der Schlacht die außerordenlichste Wirkung tun."
In dieser kleinen Geschichte ist viel von Kleists Wesen enthalten: die anschauliche Darstellung der Begebenheit, die hämmernde, prägnante Sprach- gebung und vor allem die männliche, herb-preußische Gesinnung. Anders die folgende kleine Notiz (vom 9. Oktober 1810). Hier handelt es sich um die Ironisierung eines Polizeiberichtes, dessen amtlich-zopfigen Stil, dessen Umständlichkeit und bürokratischen Geist Kleist offenbar geißeln wollte; er mußte daher eine Erklärung bringen, daß diese Fassung von der Redaktion herstamme:
Tagesereignis: Am 3. d. M. hat sich in Charlottenburg ein fremder Hund mit einem Strick um den Hals eingefunden und ist, nachdem er sich mit mehreren Hunden gebissen hatte und aus mehreren Häusern verjagt war, auf den Hof des Herrn Geh. Kommerzienrat Pauli geraten. Daselbst wurde er von sämtlichen Hunden angefallen, und weil er sich mit ihnen herumbiß, so hielt man ihn für toll, erschoß ihn und alle Paulische, von ihm gebissene Hunde und begrub sie ehrlich. Dieses Faktum hat zu dem Gerücht Anlaß gegeben, daß in Charlottenburg ein toller Hund Menschen und Vieh gebissen habe. Menschen sind gar nicht gebissen, das Vieh aber, das er biß, ist teils getötet und begraben, teils in Observation gesetzt. Zudem, da er sich gutwillig aus mehreren Häusern verjagen ließ, ist nur zu wahrscheinlich, daß der Hund gar nicht toll gewesen."
Im Folgenden erzählt Heinrich von Kleist ohne Hintersinn eine Anekdote. Bach, als seine Frau starb, sollte zum Begräbnis Anstalten machen. Der arme Mann war aber gewohnt, alles durch seine Frau besorgen zu lassen dergestalt, daß, da ein alter Bedienter kam und ihm für den Trauerflor, den er kaufen wollte, Geld abforderte, er unter stillen Tränen, den Kopf auf einen Tisch gestützt, antwortete: „Sagt's meiner Frau."
Eine scherzhafte Episode berichtet Kleist unter dem Titel: Rätsel. Ein junger Doktor der Rechte und eine Stiftsdame, von denen kein Mensch wußte, daß sie miteinander in Verhältnis standen, befanden sich einst, bei dem Kommandanten der Stadt, in einer zahlreichen und ansehnlichen Gesellschaft. Die Dame, jung und schön, trug, wie es zu derselben Zeit Mode war, ein kleines schwarzes Schönpflästerchen im Gesicht, und zwar dicht über der Lippe, auf der rechten Seite des Mundes. Irgend ein Zufall veranlaßte, daß die Gesellschaft sich auf einen
Die geistig Schaffenden Polens sind mit einem Idealismus Jugendlicher und oft mit einer Selbstlosigkeit ohnegleichen am Werk. Es ist alles von dem Ehrgeiz beseelt, der kurz etwa so zu formulieren wäre: „Endlich ist uns die Ehre zuteil geworden, mit zu den .Großen* zu zählen; nun müssen wir auch zeigen, was wir sind!" Es könnte nach
denklich stimmen, daß trotz dieser Begeisterung Dem neuen Polen bis heute aus einer Fülle von Talenten noch fein überragendes Genie gewachsen ist. Wahrscheinlich aber braucht das Genie zu seiner Entstehung die Atmosphäre der schöpferischen Muße, die durch nichts anderes zu ersetzen ist.
Vom ewigen Wechsel der Mode.
Die Frühlingsmode überschüttet uns wieder mit einer Fülle von Neuheiten, und da steigt wieder die alte Frage auf, warum wohl die Kleidung, in unserer Zeit allerdings fast nur die weibliche, einem ewigen Wechsel unterworfen ist. Dieses Grundproblem der Modepsychologie wird in einem Buch behandelt, das soeben in London erschienen ist. Es ist der Katalog der Kostüm-Sammlung des Londoner Museums, der von Thalassa Cruso bearbeitet worden ist. Diese junge Kennerin der Modegeschichte hat in den letzten zwei Jahren die reichen Kostümschätze des Museums zum ersten Mal geordnet und aufgestellt und damit dieser Lokalsammlung einen ersten Rang unter den Kostüm-Abteilungen der Museen verschafft. Die Sammlung bietet jetzt einen fast lückenlosen Ueberblick über die Tracht von der Zeit der Königin Elisabeth bis in die jüngste Vergangenheit. Merkwürdigerweise wird der Bestand umso unvoll st ändiger, je näher die Gegenwart heranrückt. „Die Brokat-Stoffe und die goldbetreßten Röcke des 18. Jahrhunderts wurden stets aufbewahrt, weil man es für zu schade hielt, solche Kostbarkeiten wegzuwerfen," schreibt sie, „aber niemand dachte daran, Großvaters Sonntagsrock und Großmutters Hochzeitskleid aufzuheben. So kommt es, daß Kostüme der letzten 20 Jahre oft schwerer aufzutreiben sind, als solche vergangener Jahrhunderte, denn die Stoffe sind viel weniger dauerhaft, die Menschen wechseln ihre Kleidung viel rascher und werfen sie achtlos fort."
Dieser Wechsel, der sich in der Mode in immer schnellerem Tempo vollzieht, kann nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen erklärt werden. Äewiß haben Fabrikanten und Schneider ein Interesse daran, stets neue Stoffe auf den Markt zu bringen und stets neue Kleider anzufertigen. Aber das Publikum ist keine so wankelmütige Masse, wie man nach solcher Auffassung annehmen müßte, sondern setzt manchen Neuerungen erfolgreichen Widerstand entgegen. So ist z. B. der vor einigen Jahren gemachte Versuch, wieder den bis über die Knöchel reichenden Rock für die Tageskleider einzuführen, gescheitert. Miß Cruso führt für die Mode- Wandlungen fünf Haupteinflüsse an: den von b e - rühmten Persönlichkeiten, wie etwa der Kaiserin Eugenie, die öffentliche Meinung, die z. B. in der Cromwell-Zeit in England eine
ganz schlichte Tracht einführte oder in der französischen Revolution sich von dem Regelzwang des Rokoko gründlich befreite oder bei nationalen Strömungen das Volkstümliche betont, dann den ausländischen Einfluß, der in den letzten Jahrhunderten hauptsächlich von Frankreich ausging, den Einfluß der Fabrikanten und Händler und schließlich den von Handel und Kriegen, der im Weltkrieg deutlich zu Tage trat.
Aber damit ist der Urgrund dieser Erscheinung gewiß noch nicht erfaßt. Er beruht wohl darin, daß der Mensch nun einmal ein Wesen ist, das d i e Ad- rn e ch s e l u n g Hebt, und, von Eindrücken leicht übersättigt, dann im Gegensatz eine neue Sensation sucht. Man hat aus dieser Freude am Gegensätzlichen auch die Entwicklung der Kunststile herleiten wollen, und jedenfalls ist im Verlauf aller Moden stets zu beobachten, wie bestimmte Formen immer mehr gesteigert und übertrieben werden, bis sie sich sozusagen selbst ad absurdum führen, worauf dann der Gegenstoß einsetzt, der das Pendel wieder nach der anderen Richtung ausschlagen läßt.
Die Frauen haben außerdem noch ein besonderes Interesse, stets anders und verwandelt zu erscheinen, um auf den Mann in immer neuer Gestalt einzuwirken. Deshalb hat ein Weiser den Wechsel der Mode dem Manne mit dem Vers erklärt: „Du sollst mit Deiner Frau von morgen Deine Frau von heute betrügen." In seinem tiefsinnigen Roman „Sartor Resartus", der eine ganze Kleiderphilosophie enthält, behauptet Carlyle, die Mode sei dazu erfunden worden, um das Selbstbewußtsein des Menschen zu stärken, gemäß dem alten Spruch: „Kleider machen Leute", und als wichtigen Beweggrund für die Sucht nach Neuigkeiten in der Mode wird für die Frauen angegeben, daß sie sich hauptsächlich deswegen gut anziehen, um den Neid ihrer Geschlechtsgenossinnen und die Bewunderung des anderen Geschlechts zu erregen. Jedenfalls läßt sich der Moden-Wechfel nicht nur aus äußerlichen Dingen ableiten, sondern er ist tief in der menschlichen Natur begründet. Eine Erscheinung wie die Mode entspringt elementaren Bedürfnissen, so daß wir aus ihr ebenso ryie aus alten Ueberüeferungen der Sitte und des Brauches die Wandlungen ablesen können, denen die Entwicklung des Menschen unterworfen ist.
Der Wald als Wafferregulalor.
Die geheimnisvolle Arbeit von Laub und Wurzeln im Haushalt der Natur.
Das unsichtbare Leben des Waldes, fein mit Schwerzugänglichem und Unsichtbarem erfülltes Wesen, das schweigende Wachsen und das große Reifen seiner Werke, das menschenferne Leben des Wildes, dies alles hat den Wald mit dem Zauber des Geheimnisses umgeben, der in Sagen und Märchen wiederklingt unb sich auch heute noch ins Bewußtsein der Menschen hebt, die in seinem Bereich leben. Verborgenes Tun, das alle Bezirke des menschlichen Daseins irgendwie in seinen Bann zieht, sei es Frieden ober Krieg, sei es Glück ober Verbrechen, geht im Walbe um, benn Der Wald ist wirklich ein großer Zauberer. Er wandelt die Menschen mit seinem Werden und Vergehen, er bestimmt den Inhalt ihres Schaffens, ja, er meißelt die Züge des Gesichtes, er prägt den Ausdruck des Auges, er gibt der Landschaft sein Bild. Dies alles wissen die Menschen, aber nur wenige wissen vom schweigenden Werk der trinkenden Wurzeln im Boden, nur wenige wissen, wie weit Das bloße Dasein der belaubten Decke über Der Erde
wirkt und was der Wald für das Leben über und unter der Erde bedeutet.
Viele werben von bem furchtbaren Schicksal bes Ortes P e ch l ü g e gehört haben, hart an ber Ostgrenze, nörblich ber Warthe. Manchen wirb ber Bericht nachdenklich gestimmt haben, er wird sich fragen, wie war das möglich? Rings um Pechlüge stand einst Wald, bis b i e Forleule kam und im weiten Umkreise den Baumbestand vernichtete, so daß alles abgeholzt werden mußte. Seither stieg das Grundwasser. Wiesen unb Aecker ertranken. Eines Tages stanb es in den Kellern der Häuser. Machtlos mußten die Bewohner zusehen, wie es immer weiter heraufquoll unb endlich über die Schwelle flutete. Heute stehen von den sechs Gehöften von Pechlüge fünf leer, qon rund 30 Einwohnern sind noch sieben geblieben, die einen aussichtslosen Kampf — nur noch gegen den Hunger führen. Hängt dieses Schicksal mit der Wald- oernichtung zusammen?
Eine Zahlenzusammenstellung über den Was»
Augenblick aus dem Zimmer entfernte, dergestalt, daß nur der Doktor und die besagte Dame darin zurückblieben. Als die Gesellschaft zurückkehrte, fand sich, zum allgemeinen Befremden derselben, daß der Doktor das Schönpflästerchen im Gesichte trug: und zwar gleichfalls über ber Lippe, aber auf der linken Seite des Mundes.
Wie Kleist eine tatsächliche Begebenheit in feine Sprache umgoß, zeigt das folgende Tagesereignis :Das Verbrechen des Ulanen Hahn, der heute hingerichtet war, bestand darin, daß er dem Wachtmeister Pape, der ihn, eines kleinen Dienstvergehens wegen, auf höheren Befehl, arretieren wollte und deshalb, von ber Straße her, zurief, ihm in die Wache zu folgen, indem er das Fenster, an dem er stand, zuwarf, anwortete: von einem solchen Lassen lasse er sich nicht in Arrest bringen. Hieraus verfügte der Wachtmeister Pape, um ihn mit Gewalt fortzuschaffen, sich in das Zimmer desselben: stürzte aber, von einer Pistolenkugel des Rasenden getroffen, sogleich tot zu Boden nieder. Ja, als auf den Schuß mehrere Soldaten herbeieilten, schien er sie, mit den Waffen in der Hand, in Respekt halten zu wollen und jagte noch eine Kugel durch das Hirn des in seinem Blute schwimmenden Wachtmeisters; ward aber gleichwohl, durch einige beherzte Kameraden, entwaffnet und ins Gefängnis gebracht. Se. Maj. der König haben, wegen der Unzweideutigkeit des Rechtsfalls, ungesäumt mit ber Vollstreckung des, von den Militärgerichten gefällten, Rechtsspruchs, der ihm das Rad zuerkannte, vorzugehen. —
Noch einige Worte über das Schicksal der „Abendblätter", die zunächst außerordentlich gut einschlugen, das es in Berlin nur zwei dreimal wöchentlich erscheinende Zeitungen gab und die täglichen Abendblätter etwas ganz Neues barfteüten. Aber da Kleist alle Gebiete des Lebens rücksichtslos besprach, schuf er sich Feinde. So I f s l a n d, dem er vorwarf, daß er „französische Nichtigkeiten" aufführe, daß man Goethes Stücke am Nationaltheater nur selten sehe und daß die Kritiker der Berliner Zeitungen durch Freibilletts und Geschenke bestochen worden wären. Als Kleist französische Niederlagen in Portugal meldete, mußte er die Nachricht widerrufen. Endlich tobten sich auf dem Rücken der „Abendblätter" die Kompetenzkonflikte zwischen den Ministerien und Behörden aus mit dem Erfolg, daß Kleist zwar politische Artikel bringen durfte, aber nur solche, die schon in anderen Zeitungen gestanden hatten. Damit waren die „Abendblätter" tot.
Warum man kurfürstlicher Bibliothekar werden mußte.
Es war früher nicht leicht, ein gelehrter Mann zu werden unb wissenschaftlich zu arbeiten. Denn an bie ersten Hilfsmittel, an bie Bücher, heranzukommen, war nur wenigen Auserwählten vergönnt. Im Aprilheft von Velhagen & Klafings M o - n a t s h e f t e n fchilbert Prof. 2>r. Hermann D e g e- r i n g die Prunkstücke der Preußischen Staaibiblio- thek und bei dieser Gelegenheit plaudert der gelehrte Verfasser auch darüber, wer die seit dem Großen Kurfürsten „öffentliche" Bibliothek benutzen durfte: „Nur die Generale und die Wirklichen Geheimen Räte waren zur Benutzung zugelassen, und selbst diese hatten in der Regel nur das Recht, die Bücher in der Bibliothek einzusehen, wo noch dazu die Benutzungszeit auf nur wenige Stunden in der Woche beschränkt war. Außerdem konnten durchreisende Gelehrte von großem Ruf auch wohl Zutritt zu der Bibliothek erlangen. Die eigentlichen unbeschränkten Benutzer der Bibliothek waren die kurfürstlichen Bibliothekare, unb die Verleihung dieses Titels war in der Hauptsache oft mehr die Gewährung dieses Benutzungsrechtes zum Zwecke einer bestimmten wissenschaftlichen Aufgabe als Verpflichtung zu eigentlicher bibliothekarischer Arbeit. Für den Zustand der Bibliothek als einer höfischen Repräsentationseinrichtung ist ein charakteristischer Beweis die vom Großen Kurfürsten 1687, nicht lange vor seinem Tode angeordnete Uniformierung der Bibliothek, deren Bände alle einen gleichmäßigen Einband von rotem Leder unb mit oergolbetem Rücken erhalten sollten. Die Ausführung dieses Planes scheiterte freilich nach spärlichen Anfängen an den hohen Kosten ebenso wie der geplante Prunkbau für die Bibliothek. Aber es ist doch durch die als Ersatz des Umbindens an zahlreichen Bänden ausgeführte Ueberarbeitung des Rückens mit roter Lackfarbe und Goldpreffung manch wertvoller alter Lederband arg verschandelt. Ueberhaupt war und blieb der königlichen Bibliothek auch während des ganzen 18. Jahrhunderts mehr der Charakter eines Buchmuseums bewahrt. Erst in den letzten Jahren der Regierung Friedrichs des Groß-ni wurden der Benutzerkreis und die Benutzungszeit wesentlich erweitert: doch wurde dafür die Entleihung außerhalb der Bibliothek grundsätzlich verboten, und erst durch die Schleiermachersche Reform, bie tm Zusammenhang mit ber Begründung der Universität (1811) uno der Neuordnung der Akademie steht, wurde die Benutzung der Bücherschätze auch außerhalb der Bibliotheksräume allen literarisch interessierten Einwohnern Berlins zugestanden."


