Die echte und die falsche Dora lies Roman von Anny von Panhuys.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.) 17. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Edda von Stöbnitz fühlte, wie sich der Druck auf ihrer Brust löste. Wie hatte sie überhaupt die Detektivin bemühen brauchen! Selbstverständlich! Wo sollte Doralies Wolfram denn sonst hin als zu ihrem Vater! Das schien ihr mit einem Male ganz klar. Ihr Lächeln war jetzt nicht mehr gequält, war sonnig und froh, was ihrem Gesicht jugendlichen Reiz gab. Sie wiederholte: .
„Natürlich wird sie nach Hause ausgekniffen sein. Sie lachte laut auf vor Freude, weil sie sich nun nicht mehr zu bangen brauchte. „Doralies scheint es doch in sich zu haben. Du kennst sie ja besser als ich. Ich fange jetzt auch an, zu begreifen, daß Doralies eine ganz andere ist, als ich sie kenne. Denn was du mir vorher über ihren Charakter geschrieben, kannst du dir doch nicht aus den Fingern gesogen haben. Ich kannte allerdings, bis zu der befremdenden Flucht, nur eine sehr korrekte, damenhafte, sich tadellos benehmende Doralies."
Fritz Wolfram zog die etwas breiten schwarzen Brauen hoch: „Wenn sich Doralies korrekt, damenhaft und tadellos zu benehmen versteht, muß sie das hier sehr schnell gelernt haben. Soweit ich sie kenne, ist ihr das nicht einen halben Tag möglich. Er schüttelte mit dem Kopfe. „Unglaublich scheint mir das."
Er bat:
„Darf ich die vorhin von dir erwähnten paar Zeilen lesen, die Doralies dir hinterlassen hat?"
Edda von Stübnitz trug den Brief bei sich und reichte ihn dem Schriftsteller.
Fritz Wolfram las:
„Liebe gute Tante Edda!
Zwar habe ich kein Recht, Dich so zu nennen; aber einmal wage ich es noch, weil es zum letzten Male ist. Ich habe Dich liebgewonnen wie eine gute Mutter, und daß ich Dein Haus ver- , lassen muß, ist schwere Strafe für meine Luge. Niemand soll mich suchen, niemand sich um mich kümmern, das bitte ich Dich von Herzen, Tante Edda. Ich erkläre nichts, denn das Rätsel, das Dir mein Brief aufgibt, wird Dir bald von Mooshausen aus gelöst werden. Suche mich nicht, ich möchte Zeit gewinnen, um etwas Entfernung zu legen zwischen Dein Haus und meine Person. Eine Lüge treibt mich fort. Ich schäme mich in Grund und Boden wegen der Lüge. Wenn du erst die Wahrheit weißt, dann vergib mir, liebe Tante Edda. Schimpfe nicht zu sehr auf mich, wenn meine Lüge auch überflüssig und schwer
war. Denke ein wenig milde darüber! Du hast ja ein gutes Herz. Verzeihung für die Lüge! Laß mich, bitte, lautlos verschwinden. Ich möchte nicht am Pranger stehen müssen! Keine Sorge — ich tue mir nichts an! Selbstmord ist eine schwere Sünde. .
Es wagt Dich noch einmal zu küssen, die Du nanntest Doralies.
Edda von Stübnitz hatte sich von der in bestimmtem Ton gemachten Aeußerung, Doralies wäre sicher nach Hause gefahren, wo sie denn sonst hin solle, ganz beruhigen lassen, doch die alte Angst beschlich sie gleich wieder, als sie beobachtete, wie das Briefblatt in der Hand des Mannes bebte, und wie sich beim Lesen sein Gesicht veränderte. Ganz farblos wurde es. Und ein Blick traf fie jetzt, der tat ihr weh, denn unverhohlener Vorwurf lag darin.
Jetzt sprang Fritz Wolfram auf.
„Um des Himmels willen! So harmlos, wie ich eben noch alles angesehen, ist das Verschwinden von Doralies anscheinend doch nicht. Jetzt bezweifle ich fast, daß sie nach Hause gereist ist. Was für eine Lüge sollte sie denn auch so sehr belastet haben? Diesen Doktor Konstantin maa übrigens der Teufel holen! Wer weiß, was sich das arme Ding nach seiner moralischen Salbaderei für Blödsinn in den Kopf gesetzt hat! Der Brief klingt ja, als hätte Doralies wer weiß was auf dem Gewissen, und das kann ich nicht glauben!" Er lief durch das Zimmer. „Ich möchte nicht am Pranger stehen müssen! Was soll das heißen? Das ist doch Unsinn! Doralies kann Dummheiten begehen, aber nichts Strafwürdiges und schwer Verwerfliches."
Er stand jetzt mit blitzenden Augen vor Edda von Stübnitz.
„Habt ihr,, du und dieser Doktor Konstantin, mein Kind gequült, daß sie, in Angst gejagt, irgend eine Bagatelle als schlimmes Vergehen ansehen mußte?"
Edda von Stübnitz berichtete genau, wie man sich bei Tisch unterhalten, und schloß:
„Doralies ist überhaupt sehr tief, richtiger wohl noch, sogar etwas schwerfällig veranlagt."
Er antwortete:
„Man muß Doralies wirklich tüchtig zuaesetzt haben, um sie so völlig zu verwandeln, denn sie ist bestimmt nicht allzu tief veranlagt, schwerfällig aber schon gar nicht. Sie ist ein frohes, gesundes und übermütiges Kind, das bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit lacht." Es grollte Zorn in seiner Stimme. „Wie falsch muß sie hier behandelt worden sein, daß sie sich so unnatürlich gab, und eine wie schlechte Menschenkennerin bist du, Edda, daß du dich von ihr so irreführen lassen konntest!"
Es brach wie ein Schrei aus seiner Brust:
„Wo ist mein Kind?! Nachdem ich den Brief gelesen habe, glaube ich nicht mehr daran, daß sie heimgereist ist! Herrgott! Mir ist ganz schwindlich vor Angst!"
Edda von Stübnitz sah jetzt alles wieder wie vorher — nein, noch viel schlimmer. Der erregte Vater machte ihr ja schon Vorwürfe, und fie wußte nichts zu erwidern als das Wenige:
„Ein frohes, übermütiges Ding ist Doralies bestimmt nicht. Ob ich Menschenkennerin bin oder nicht, mag dahingestellt bleiben. Das aber weiß ich: du kennst deine eigene Tochter schlechter als ich, oder sie müßte eine gerissene Komödiantin sein. Dafür aber halte ich sie nicht. Alles, was du mir über sie geschrieben, paßt gar nicht zu ihr. Es ist, als wenn wir zwei ganz verschiedene Personen kennen. Sowohl ich als auch mein Mann und Doktor Konstantin beurteilen Doralies gleich. Wir halten sie alle für ernst, tief, auch ein wenig verträumt; finden, ihr Wesen ist das einer tadellos erzogenen jungen Dame."
Er zuckte mit den Achseln.
„Es hat keinen Zweck, darüber zu streiten. Jetzt ist nur eins wichtig: Wo ist mein Kind? Was soll ich tun? Sie schreibt: Laß mich lautlos verschwinden. Ich möchte nicht am Pranger stehen müssen!" Er fuhr sich mit beiden Händen an die Schläfen: „Was soll ich tun? Was soll ich tun?"
Aus seinem Gesicht wich der letzte Blutstropfen. Ihm fiel die späte Abendstunde von neulich ein. Er erzählte mit fliegendem Atem sein Erlebnis, wie er in hellem Mondschein Doralies auf dem Flur seines Hauses gesehen zu haben glaubte, und daß ihn eigentlich eine unbestimmte Angst hergetrieben hatte.
Edda von Stübnitz überlief es kalt, und mit entsetzten Augen sahen sich beide an. Aber keiner wagte zu sagen, daß ihm unheimlich zumute war.
Frau Edda sprach zuerst. Sie bekannte:
„Doktor Konstantin hat schon eine namhafte Detektivin mit Nachforschungen nach Doralies betraut, und ich rate dir, nach Hause zu depeschieren, ob Doralies dort angekommen ist." Sie erklärte: „Mein Mann hat einen sehr schweren Prozeß vor sich; er glaubt Doralies erkältet im Bett ihres Zimmers. Der Prozeß dauert mehrere Tage, und ehe er nicht beendigt ist, soll mein Mann nichts von dem Vorgefallenen erfahren. Er braucht Ruhe und Sammlung."
Fritz Wolfram blickte düster vor sich hin und überlegte, daß Doralies Edda von Stübnitz im Brief gebeten: Laß mich lautlos verschwinden, melde nichts davon der Polizei! Doralies bat so, also durfte auch er nicht auf die Polizei laufen und dort von seiner Angst um Doralies reden.
Er wußte ja nicht, um.was es bei ihr ging. Die Worte: Lüge! Pranger! Selbstmord ist Sünde! Diese Worte tanzten um ihn herum, wie mit schweren, täppischen Schritten, schienen sich über ihn lustig zu machen.
Er kam zu einem Entschluß.
„Laß die Detektivin vorläufig weitersuchen! Ich gehe jetzt in mein Hotel. Unterwegs werde ich ein Telegramm an meine Haushälterin aufgeben. Die
Antwort will ich im Hotel abwarten. Ich möchte jetzt natürlich keine Minute versäumen. Je eher die Depesche fortkommt, desto besser!"
Sie wollte ihm anbieten, das Telegramm hier aufzusetzen; aber sie unterließ es, fürchtete sich vor seinem Gesicht, in dem jetzt kein bißchen mehr von der Wiedersehensfreude war, die es bei feinem Eintritt übersonnte.
„Ich werde dir sofort telephonieren, sobald ich Antwort aus Mooshausen erhalten habe!" versprach er und reichte ihr, nur von Vatersorge erfüllt, flüchtig die Hand.
Edda von Stäbnitz empfand das mit leichter Traurigkeit. Nachdem er gegangen, erstattete sie Doktor Konstantin ausführlich Bericht.
Der schüttelte verwundert mit dem Kopfe.
„Eine sehr merkwürdige und befremdende Geschichte ist das. Eines aber ist sicher — Doralies Wolfram ist ganz anders veranlagt, wie ihr Vater sie sieht. Er muß ein Spießer allerschlimmster Sorte sein, der jede Harmlosigkeit der fugend als wilden Streich ober dergleichen auffaßt!"
Edda von Stäbnitz gab das nur ungern zu; so glaubte sie den Jugendfreund nicht zu kennen. Dennoch, wie Fritz Wolfram seine Tochter geschildert, so war Doralies nun und nimmermehr.
♦
Berta Hensel hatte Lutz Gärtner abfangen und ihm melden müssen, er könne von jetzt an bei hellem Tage ins Haus kommen, ihr Vater wäre abgereift. Und so kam er schon am Nachmittag, war sehr froh darüber, und beide faßen nun im Wohnzimmer Hand in Hand auf dem Sofa und redeten von ihrer Liebe.
„Wenn du das nächste Mal heim nach Deutschland kommst, bittest du Vati mutig um meine Hand. Er wird dann nichts dagegen haben, daß wir uns heiraten", versicherte sie mit leuchtenden Augen.
Sie trug ein grünes Samtkleid, moosgrün mit weißem Seidenkragen und sah darin entzückend aus. Ihr Gesicht strahlte vor Frohsinn. Es war nach Tisch, und Doralies bat Frau Hensel, Kaffee zu bereiten. Die brachte denn auch bald das Getränk, und lachend machten sich die beiden Glücklichen ans Trinken und Essen, denn „Hänschen" hatte immer selbstgebackenen Kuchen im Hause.
Draußen klingelte es zweimal scharf und kurz. Frau Hensel ging öffnen und trat bald darauf ein bißchen erregt wieder ins Zimmer, rief schon von der Tür her: „Zwei Telegramme für dich, Doralies — gleich zwei, das ist doch sonderbar."
Doralies fand es auch sonderbar, aber sie stellte das nicht erst fest, riß lieber rasch das Telegramm auf. Es war lang.
Sie wurde beim Lesen rot und blaß. Ganz verdattert stand sie da, stotterte endlich: „Aber bas ist boch ruppig von Regina..."
Sie brachte vor Erregung nichts weiter heraus.
(Fortsetzung folgt.)
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