fRosema rie, fäosemarie...
Roman von Käthe Metzner.
17. Fortsetzung. - Nachdruck verboten!
Der Fürst schätzte den Intendanten sehr, und auf der anderen Seite hatte Doktor Brunner ehrliche Sympathien für Lueberg, der die Kunst nicht nur liebte, sondern sie mit seinen reichen Mitteln schon oft gefördert hatte.
Auch Brunner hatte an diesem Abend den Eindruck gehabt, als wenn Fürst Lueberg wenig Interesse für seine Pflegetochter bezeige, und er hatte sich im Stillen sogar gefragt, wie es doch seltsam sei, daß es auch Männer gäbe, auf die Rosemaries auffallende Schönheit so ganz ohne Bedeutung bliebe.
Um so mehr überraschte es ihn jetzt, als er merkte, daß der Fürst das Gespräch geschickt auf sie lenkte, so daß sie bald zum Mittelpunkt ihrer Unterhaltung wurde.
Plötzlich aber sagte Lueberg ernst und entschlossen:
„Ich habe mehr als das übliche Interesse an Ihrer Pflegetochter, Herr Doktor. Ich möchte sie zu meiner Frau machen und wäre Ihnen ewig dankbar, wenn Sie sich, da Sie nun um meine Pläne wissen, gelegentlich einmal mit einem Worte für mich verwendeten."
Er sah in der gedämpften Beleuchtung nicht, wie Doktor Brunner die Farbe wechselte, und hörte in seiner eigenen freudigen Erregung nicht, daß seine Stimme zitterte, als er erwiderte:
„Aber gewiß, Durchlaucht, nur... ich bin von Ihrem ehrenvollen Antrag allzu überrascht..."
„Es ist gut, mein lieber Doktor! Ich danke Ihnen. Und — es muß nicht heute oder morgen sein. Ich kann warten, bis Rosemaries Herz sich mir zuneigt. Sie scheint mimosenhaft scheu zu sein.
Die Herren verabschiedeten sich.
Lueberg ging in der festen Hoffnung, heute einen guten Schritt vorwärts gekommen zu sein. Jetzt erst wußte er, daß Rosemaries Bild in seiner Seele schon so fest verankert war, daß er sie erringen mußte, um jeden Preis.
Doktor Brunner aber saß noch lange in seinem Arbeitszimmer. Eine Zigarre nach der anderen rauchte er, und schon umwogte ihn fast undurchdringlich blauer Dunst. Er grübelte und grübelte.
Wie oft noch würde einer seine Hand nach Rosemarie ausstrecken. Aber er durfte nicht anders. Er mußte ihr von der Werbung des Fürsten berichten.
Und leise stellte er sich die bange Frage, wie sie entscheiden würde.
Aber so viel er auch sann, eine Antwort auf I
diese Frage fand er nicht. Er wagte sie auch nicht. Wenn Rosemarie die Werbung des Fürsten annahm, gewiß, dann war sein Traum, sie als Nachfolgerin ihrer Mutter umjubelt zu sehen, ausgeträumt. Dann lebte sie fern von ihm das Leben einer reichen, hochgeachteten Frau, und die Bande, die das Schicksal damals in huldvoller Laune geknüpft hatte, zerschnitt es wieder mit rascher Hand.
In dieser Nacht fand Brunner keinen Schla: mehr. Aber gewaltsam schob er alle Gedanken an Rosemaries Zukunft von sich ab. Noch war es nicht so weit. Noch war sie sein geliebtes Töchterchen, dem sein künstlerischer Ehrgeiz eine Bühnenzukunft erträumte.
Wenn sie die Werbung des Fürsten ausschlug? Er rief sich ihre Worte vom Nachmittag ins Gedächtnis zurück: „Je höher ich stehe, um so tiefer ist dann der Absturz." Nein, noch mehr hatte sie gesagt: „Und mein Herz wird nicht sprechen. Niemals. Bei keinem wieder."
In diesem Zusammenhang tauchte plötzlich der Plan auf, den er am Nachmittag gefaßt hatte. Da setzte er sich ohne Zögern an seinen Schreibtisch und schrieb einen langen herzlichen Brief an Tante Berta.
„... Rosemarie ist manchmal so einsam. Ich habe gesehen, wie glücklich sie war, wie sie auflebte, als Sie die paar Tage hier waren. Sie entbehrt in meinem Junggesellenheim allzusehr der mütterlichen Fürsorge.
... Kommen Sie, verehrte gnädige Frau. Es kann doch nicht allzu schwer sein, Ihren Haushalt dort aufzulösen. Die finanzielle Seite der Dinge betrachten Sie selbstverständlich als geordnet. Rosemarie ahnt nichts von diesem Briefe. Es soll für sie eine große Ueberraschung sein, die schönste wohl, die es für sie geben kann." Noch lange schrieb Brunner, und es machte ihm keine Mühe, für die Frau herzliche, warme Worte zu finden, die ihm durch ihr schlichtes, taktvolles Wesen in so lieber Erinnerung geblieben war.
Als er am nächsten Morgen mit Rosemarie am Frühstückstisch saß, war sein Gesicht etwas blaß und übernächtigt, jo daß Rosemarie die scherzhafte Frage an ihn richtete, ob die Herren noch lange gefeiert hätten.
Brunner konnte Luebergs Werbung nicht lange mit sich herumtragen, ohne Rosemaries Einstellung zu kennen.
In vorsichtigen Worten teilte er ihr mit, was sie doch einmal hören mußte.
Rosemaries Bestürzung war grenzenlos. Dieser Mann begehrte sie zur Frau?
Doktor Brunner sah, wie ihre innersten Empfindungen sich auf ihrem Gesicht widerspiegelten. Ein. kurzes Schweigen war zwischen ihnen. 'Rosemarie sah den Fürsten, wie sie ihn vom gestrigen Abend
I her in Erinnerung hatte... und doch wurde ihr die Entscheidung nicht schwer.
| „Fürst Lueberg ist dein guter Bekannter, Onkel! Und du schätzt ihn gewiß sehr... Vielleicht wirst du mich dumm schelten, vielleicht undankbar... aber seine Werbung kann ich nicht annehmen."
Rosemarie stockte und wagte nicht, den Blick zu erheben.
„Ich könnte seine Liebe nicht erwidern, wie er es verdiente. Alles, was ich ihm gäbe, wäre Lüge, weil ich Wolfgang Wangenheim nicht veraeffen kann." Ihre Stimme bebte. ,Zaß mich der Kunst dienen, Onkel! Nur ihr soll mein ganzes Herz gehören, und bitte, bitte, verzeihe mir, wenn ich den Fürsten kränken muß!"
Noch immer hielt Rosemarie den Kopf gesenkt. Sie fürchtete Doktor Brunners Enttäuschung.
In dessen Gesicht aber stand ein freudiges Leuchten. Langsam hob er ihren Kopf und schaute in die wunderbaren blauen Augen.
„Kindchen, wie kannst du nur so etwas denken? Hast du vergessen, was ich gestern sagte? Keiner darf kommen, keiner! Eine Schaffende muß frei sein!"
Da neigte sich Rosemarie über seine Hände und küßte sie in dankbarer Zärtlichkeit.
*
Wie eine Bombe schlug Brunners Brief in Tante Bertas ruhigen Alltag.
Viel war in der Schneiderstube in diesen Wochen von Berlin und Rosemarie gesprochen worden. Die jungen Mädchen wurden nicht müde, all das Wunderbare zu hören, was Tante Berta in den wenigen Tagen erlebt hatte.
In sehnsüchtigem Glanze hatten die jungen Augen aufgeleuchtet. Begehrte nicht jede von ihnen vom Schicksal ein Glück? Viel Wünsche und Hoffnungen wurden in diesen Tagen in die Kleider genäht.
Endlich waren die Wellen der ersten Erregung schon wieder langsam verebbt, als das launische Schicksal schon wieder an die Tür klopfte.
Frau Bergmann sollte für immer nach Berlin übersiedeln? Sie sollte ihre kleine Wohnung, ihre alten, lieben Gewohnheiten aufgeben?
Ueber Tante Bertas Wangen rollten die Tränen. Daß sie in ihrem Alter noch einmal vor so ent- cheidende Umwälzungen gestellt wurde, wer hätte das jemals geahnt?
Und was sollte sie tun? War ihr die Einsamkeit hier nicht manchmal unerträglich erschienen?
Rosemarie brauchte sie, schrieb Doktor Brunner. Durfte sie da noch zögern?
Aber so rasch ging dieser Entschluß nicht. Tag und Nacht grübelte sie. Zurückkehren würde Rosemarie hierher doch niemals, wo so vieles die alten Wunden aufreißen würde. Und einen Beweis ihrer Schuldlosigkeit konnte sie auch niemals erbringen.
Vielleicht war es doch das Beste, wenn auch sie von hier wegging. Aber in ihrer mütterlich sorgenden Art vergaß Tante Berta auch nicht die beiden jungen Mädchen, die nun schon seit mehr als zwei Jahren fleißig und treu bei ihr arbeiteten.
War es nicht möglich, daß sie durch ihr Fortgehen den beiden eine Zukunft schaffen konnte? Sie hatte einen großen, guten Kreis von Kundinnen. Wenn die Mädchen auch weiterhin so tüchtig waren, konnten sie gut in ihre Fußstapfen treten.
Tage gingen darüber hin, ehe Tante Berta all das reiflich in Erwägung gezogen hatte.
So still und unaufmerksam war in Frau Bergmanns kleiner Schneiderstube fast noch nie gearbeitet worden.
Die jungen Mädchen machten traurige Gesichter. Ja, damals, als sie für ein paar Tage nach Berlin gefahren war, war alles anders gewesen. Aber jetzt? Für immer?
Sie würden ihre Stellung verlieren — aber was noch schlimmer war, eine so liebe, gütige Vorgesetzte würden sie niemals wieder finden.
Endlich war in Tante Berta der Entschluß gereift.
Sie selbst hätte sich niemals in Rosemaries neues Leben gedrängt, aber wenn das Kind selbst es wünschte, wenn sie sich nach ihr sehnte?
Frau Bergmann hatte sich ihr Leben lang vertrauensvoll von Gottes Hand leiten lassen. Wenn es in seinem Plan lag, ihr Leben noch einmal so zu verändern, so mußte sie sich fügen.
Als sie das ihren jungen Mädchen mitteilte, gab es große Augen und ehrlich betrübte Gesichter, aber dann entrollte sie ihnen ihre Absichten.
Glück und Freude trugen ihre Worte in die jungen Herzen.
Sie durften hierbleiben, konnten das kleine Atelier mit den Nähmaschinen und allem übernehmen?
Oh, wie fleißig wollten sie sein und sich der großen Güte Frau Bergmanns würdig erweisen!
Tante Berta leitete nun alle Dinge in die Wege. Manchmal wurde ihr bei dem Gedanken an einen Abschied für immer das alte Herz doch recht schwer, und sie wünschte heimlich, alles rückgängig machen und hierbleiben zu können.
Aber rief nicht aus weiter Ferne eine Stimme nach ihr, die , die sie liebte?
Und dann war der Tag ihrer Abreise herangekommen.
Der Zug brauste hinaus in den grauen, kalten Dezembertag. Noch lange standen die jungen Mädchen auf dem Bahnsteig und winkten und winkten...
Tante Berta fuhr hinein in eine unbekannte Zukunft, aber in der Heimat, die hinter ihr in Dunst und Grau versank, ließ sie zwei dankbare Herzen zurück...
(Fortsetzung folgt.)
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