S)ie echte und die falsche Doralies Roman von Anny von Panhuys.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Derlag, -alle (6.)
16. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Sie glaubte, ihren Ohren nicht trauen zu dürfen und blinzelte scheu empor. Da saß der alte Herr und sah ungemein belustigt aus, lachte über das ganze Gesicht, hatte sich schon vergnügte Fältchen um Augen und Mund gelacht.
Regina begriff das Lachen nicht. Aengstlich sah sie ihn an.
Er wurde ernst; aber es sah fast aus, als würde es ihm schwer. Und nun sagte er langsam:
„Liebes Fräulein Graven, diese Doralies Wolfram ist ja eine ungewöhnlich phantasiebegabte junge Dame; man sollte meinen, sie hätte ein Filmlustspiel in die Wirklichkeit übertragen. Sie haben aber auch allerhand achtungswerte Dreistigkeit zusammengebracht; doch ganz so tragisch, wie Sie nun das Geschehene ansehen, ist es wirklich nicht. Bewahre! Es spielen ja keinerlei unedle Motive da hinein. Und es ist niemand dabei geschädigt worden. Die einzige Geschädigte sind am Ende nur Sie selbst, denn so viel ich begriffen habe, wurde es Ihnen, trotz aller Unsicherheit Ihrer Lage, sehr schwer, das Haus der Frau von Stübnitz zu verlassen. Die Sache ist wirklich nicht so schlimm wie Sie Ihnen scheint." Seine Stimme hatte einen beruhigenden Klang. „Das läßt sich mit ein bißchen gutem Willen wohl alles wieder zurechtschieben. Und ich glaube bestimmt, soviel haben Sie dabei gelernt, daß Sie sich nie mehr auf solche Dummheiten einlassen werden."
Regina verhielt sich ganz still vor jähem Glück. Sie hatte mindestens erwartet, Jobst Freese würde sie mit schroffen Worten aus seinem Hause weisen, oder wenn er härter urteilte, die Polizei benachrichtigen. Sie wagte kaum zu glauben, was doch wohl nicht anzuzweifeln war, daß der bedeutende Rechtskundige einfach über sie lachte, und das, was sie getan hatte, ganz milde nur eine Dummheit nannte.
Zu sprechen vermochte sie nicht, aber große Tränen standen in ihren Augen.
Jobst Freese, der ein bedeutender Menschenkenner war und gemeinen Schwindel von Unüberlegtheit genau unterscheiden konnte, nickte ihr zu.
„Ueber die Sache reden wir noch etwas, Fräulein Graven. Jetzt aber tupfen Sie erst mal gründlich die Augen trocken, und dann nehmen Sie ein Stenogramm auf. Ich möchte sehen, was Sie können."
Oh wie freudig flatterte jetzt das Vöglein Hoffnung auf; alle Angst war verweht, nur im Herzen blieb ein Schmerz, der galt einem, der die Lüge haßte. Einem, dem sie nie und nimmer zu beichten gewagt hätte, was sie dem alten Herrn eben gebeichtet.
Eine Minute später saß Regina Graven am Schreibtisch Jobst Freeses und stenographierte nach einem Diktat. Eine halbe Stunde darauf übertrug ie das Stenogramm in die Maschine und schließlich agte der alte Herr zufrieden:
„Ich glaube, Sie werden den Ansprüchen, die ich an meine Sekretärin stelle, gerecht werden, und wenn Sie wollen, schließen wir den Vertrag ab. Sie können hier im Hause wohnen und essen. Ich fordere ungefähr sechs Arbeitsstunden von Ihnen als Höchstleistung. Als Gehalt schlage ich monatlich hundert Mark vor." Er hielt ihr die Hand hin. „Einverstanden?"
Regina war wie benommen vor Glück. Ihr war zumute, als stände sie unter einem mächtigen Schutz. Wenn ein Jobst Freese über das, was Doralies und sie getan, gelacht hatte — wer durfte da noch streng darüber urteilen?!
Der alte Herr bestimmte:
„Sie werden hier sofort richtig angemeldet als Regina Graven aus Mooshausen, und damit ist der Form Genüge getan. Im übrigen ist wohl anzunehmen, daß sich im Stäbnitzschen Hause alles von selbst ordnet. Die Dame mirtl an den Vater telegraphieren, und dann dürfte alles, was diese tolle Doralies Wolfram und Sie ausgeheckt haben, rasch zusammenbrechen. Sicher sucht man schon jetzt nach Ihnen, und damit das erst nicht weite Kreise zieht, müßte man natürlich vorbauen."
Regina bat schüchtern:
„Bitte, Herr Landgerichtsdirektor, helfen Sie mir. Ich möchte niemand, weder Herrn noch Frau von Stübnitz, unter die Augen treten — auch..."
Sie stockte.
„Auch Doktor Konstantin nicht!" vollendete jetzt Jobst Freese. „Er hat ja den Anlaß gegeben, daß Sie das Haus verließen." Er wurde sehr ernst. „Sie sollten ihm eigentlich von Herzen dankbar sein, denn ohne ihn hätte die Komödie noch länger gedauert, und es wäre der Augenblick gekommen, daß alles, was jetzt noch als törichter Streich durchgehen kann, und worüber ich zu lachen vermochte, schon eine schärfere Bezeichnung verdient hätte. Ich rate Ihnen, schreiben Sie für alle Fälle gleich an Doralies Wolfram die volle Wahrheit. Noch besser, telegraphieren Sie ihr. Sie soll die ganze Sache aufklären. Damit scheiden Sie vielleicht vollständig aus und entgehen allen Unannehmlichkeiten."
Der Vorschlag leuchtete Regina natürlich ein, und es wurde sofort eine ausführliche Depesche abgesandt.
„Nun kann meiner Ansicht nach nicht mehr viel geschehen!" meinte Jobst Freese.
Regina traten wieder Tränen in die Augen, aber diesmal vor Freude. Sie konnte jetzt endlich frei und leicht aufatmen. Ein schwerer Druck war ihr vom Herzen genommen. Wie dankbar war sie dem gütigen Jobst Freese — wie dankbar!
Auf dem Wege zum Hause des berühmten Verteidigers malte sich Fritz Wolfram immer wieder aus, wie sehr sich Doralies freuen würde, ihn hier zu sehen. Sie hatte nicht aus Mooshausen fortgewollt, jetzt kam er sie zu holen. Sie war eben ein bißchen Wildkatzennatur, fühlte sich am wohlsten im Haus und Garten ihres Daheims, in der kleinen Stadt, wo sie jeder kannte. Ihre letzten Briefe hatten merkwürdig vernünftig geklungen. Aber wie mochte sie sich dazu gezwungen haben, so zu schreiben? Edda von Stübnitz, die nur einmal ein Kärtchen geschrieben, würde wahrscheinlich froh sein, den blonden Tunichtgut loszuwerden, denn Doralies mußte in den mehr als zwei Wochen schon allerlei in ihrem Hause angestellt haben.
Er lächelte ganz vergnügt bei dem Gedanken.
Es war gegen Mittag, als er an der Tür des Stäbnitzschen Hauses läutete. Der Diener öffnete und nahm die Karte in Empfang.
Eben war die Detektivin gegangen, als Frau Edda die Karte gebracht wurde. Sie zeigte sie Peter Konstantin, der sich noch bei ihr befand und sie nun etwas erschreckt und verwirrt ansah. Beide verstanden sich auch ohne Worte. Es war außerordentlich befremdend, daß der Vater von Doralies gerade jetzt in Berlin erschien, wo Doralies erst vor Stunden zu Hause angekommen sein konnte.
Sie sagte hastig zu dem Diener:
„Ich lasse bitten!" Zu Peter Konstantin aber sagte sie: „Gehen Sie jetzt nur gleich ins Bureau, lieber Doktor, falls mein Mann zurückkommt."
Hier in diesem Zimmer war sie, falls ihr Monn heimkam, vor seinem Besuch ziemlich sicher. Vormittags zeigte er sich hier nie.
Doktor Konstantin verschwand eben schnell durch eine seitliche Tür, als schon durch die Tür vom Flur her Fritz Wolfram eintrat.
Die zwei, die sich aus Kindertagen kannten und zwischen denen einmal ein kleiner zarter Liebesroman gespielt, standen sich nach langer Zeit gegenüber.
Die Frau mit dem frischen Gesicht und der Mann mit den verträumten Augen reichten sich die Hände. Er küßte die Rechte der Jugendfreundin.
„Ich danke dir vor allem, Edda, daß du mein Mädel so gastfreundlich — nein, so mütterlich lieb bei dir ausgenommen hast."
In seinen schwarzen Augen war eine matte Zärtlichkeit, als er die Frau ansah. Zärtlichkeit von der Erinnerung an eine Zeit, wo er Edda geliebt hatte mit täppischer erster Liebe.
Edda von Stübnitz, die das unerwartete Wiedersehen mit dem Jugendfreunde wohl tiefer, wärmer empfunden haben würde, wenn die Flucht von
Doralies sie nicht ganz beherrscht hätte, wußte nichts zu erwidern. Sie sagte sich zwar, Doralies war ja noch hier gewesen, als Fritz Wolfram schon voW Mooshausen abgereist sein mußte; sie sagte sich ganz nüchtern, er konnte noch nichts davon wissen, daß Doralies ihr Haus verlassen, aber daneben drängte sich doch gewaltsam ein kleines, zaghaftes Hoffen empor: er müsse etwas von Doralies wissen und käme deshalb so plötzlich.
Wie eine Frage lag das wohl in ihrem Blick.
Er lächelte:
„Ich hatte mit einem Male Sehnsucht nach meinem Wildfang, beschloß, Doralies abzuholen und dich von ihrer immer ein bißchen beunruhigenden Gegenwart zu befreien. Denn wenn du dich auch nicht beklagt hast, weiß ich doch bestimmt: Doralies hat sich schon die größte Mühe gegeben, dein Hvus auf den Kopf zu stellen."
Edda-» von Stübnitz, die genau wußte, Doralies konnte, selbst wenn sie heimgefahren wäre, ihren Vater nicht mehr zu Hause angetroffen haben, erschrak sichtlich, nachdem sie nun diese Gewißheit hatte.
Fritz Wolfram war das Erschrecken Frau Eddas nicht entgangen. Er blickte etwas befremdet.
„Wo ist Doralies? Würdest du sie nicht rufen oder rufen lassen?"
Kein Zeichen der Bejahung, keine Antwort kam zurück.
Stumm standen sich die beiden gegenüber: der Mann mit fragendem, etwas verwundertem Blick, die Frau mit verwirrten Augen.
Ein geängstigter Vater fragte:
„Wo ist Doralies? Fehlt ihr etwas? Ist sie krank? Sprich, Edda! Ich ängstige mich!"
Edda von Stübnitz atmete schwer. Sie zeigte auf einen Stuhl.
„Nimm, bitte, Platz, Fritz!" Sie setzte sich auch, denn sie fand das Stehen plötzlich unbehaglich. Sie versuchte zu lächeln. Das Lächeln hielt nicht an.
Dann gab sie Antwort:
„Doralies ist seit gestern fort, und ich nehme an, sie ist heim nach Mooshausen gereist, obwohl sie ihr ganzes Gepäck hiergelassen hat. Sie ist einfach fortgegangen, hinterließ mir nur ein paar Zeilen. Doktor Konstantin, der junge Kollege und Mitarbeiter meines Mannes, zog bei Tisch gegen sinnlose Lügen ins Feld, da muß sie sich irgendwie getroffen gefühlt haben. Jedenfalls verließ sie heimlich das Haus. Ich nehme an, sie ist heimgefahren, und eure Züge haben sich gekreuzt."
Ueber Fritz Wolframs scharf herausgearbeiteten Zügen lag jetzt ein Ausdruck, der zwischen Verblüffung und Aerger schwankte.
Beinahe polternd klang es, als er zugab:
„Natürlich wird sie nach Hause ausgekniffen sein. Wo sollte sie denn auch sonst hin?"
(Fortsetzung folgt.)
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