(Rosemarie,
(Rosemarie...
Roman von Käthe Metzner.
15. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Doktor Wangenheim sah den Justizrat erstaunt an. Warum schmunzelte der nur andauernd so? Wie oft schon hatte er mit ihm verhandelt, aber das war ihm noch nicht passiert. Nahm er seinen Auftrag nicht ernst?
Aber der kleine Justizrat schien ihm die Gedanken von der Stirn abzulesen; er sagte erklärend:
„Sie wundern sich über meine gute Laune, S)err Doktor? Entschuldigen Sie bitte vielmals, aber ich hatte eben einen kleinen angenehmen Zwischenfall."
Doktor Wangenheim lachte. Also das war es!
„Ich werde Ihnen sofort Nachricht geben, wenn ich eine Spur gefunden habe", sagte der Justizrat zuversichtlich und drückte Wolfgang Wangenheim die Hand.
Als Doktor Wangenheim gegangen war, ging Justizrat Hohl noch einmal zu seinen Akten und nahm sich das Bündel „Neuß" heraus. Die Sache machte ihm Spaß. Das arme Ding, die Rosemarie, was muhte das Mädel alles erduldet haben und vielleicht noch erdulden, ehe es einmal in den Besitz seines großen rechtmäßigen Vermögens kam, das ihm laut Testamentsbestimmung gehörte?
Freilich, der Kunstmaler Neuß mochte richtig gehandelt haben, als er die Klausel einsetzte, daß dieses riesenhafte Vermögen seinem Kinde nur dann zufiel, wenn es sich verlobte. Und zwar mit einem würdigen Manne verlobte, der Rosemarie um ihrer selbst willen heiratete. Andernfalls verfiel mit dem Ablauf ihres achtundzwanzigsten Lebensjahres der größte Teil einer Stiftung zugunsten notleidender Künstler, und Rosemarie bekäme nur einen geringen Pflichtteil.
Süft einen Groll hatte Justizrat Hohl auf den Kunstmaler Ehrenhard Neuß, der schon geistesgestört ein so grausames Testament hinterlassen, das ihm der Wahn eingegeben hatte, seine Frau habe ihn nur um des Geldes willen geheiratet.
Doktor Hohl schätzte Wolfgang Wangenheim. Er freute sich von ganzem Herzen, daß die kleine Neuß einen so ausgezeichneten Mann bekommen sollte. Auch an Rosemarie hatte er ja schließlich gesteigertes Interesse, wenn es sich hierbei auch nur um die Vollziehung des letzten Willens des Kunstmalers Niuß handelte.
Aber ach, vorläufig lagen ja die Dinge noch im weiten Felde. Erst hieß es, einmal die Spur aufnehmen lassen, die zu Rosemarie Neuß führte. An Geld fehlte es ja nicht. Er könnte die besten Detektive beauftragen.
Finden mußte er sie so schnell wie eben möglich, das war er schon Wolfgang Wangenheim schuldig.
7. Kapitel.
Spätnovember. Schwere dunkle Wolken zogen über Berlin. Ab und zu trieb der Wind schon Schneeflocken gegen die Scheiben.
Rosemarie stand sinnend am Fenster ihres vornehm und behaglich ausgestatteten Wohnzimmers. Jahre waren vergangen, seitdem sie arm und unscheinbar in dieses Haus kam. Doll unendlichen Dankes war ihre Seele gegen Doktor Brunner, der ihr so rasch die Wege ebnete, die sie gehen mußte, um eine erfolgreiche Künstlerin zu werden.
Ein Schauer lief ihr über den Rücken. Was wäre wohl ohne ihn aus ihr geworden? Hätte sie immer den Mut aufgebracht, tapfer weiterzukämpfen, sich durchzuhungern, wenn es darauf ankam?
Rosemarie dachte an ihre erste Zeit in Berlin. Wie schwer war es gewesen! Wie hätte sie von. den paar Pfennigen, die sie als Statistin verdiente, einen Bühnenunterricht bestreiten sollen?
Unwillkürlich faltete' sie ihre Hände zu einem Dankaebet gegen Gott, der ihr Geschick so gütig gelenkt hatte.
Unermüdlich wollte sie Weiterarbeiten, wollte sich in zäher Ausdauer den ganz großen Erfolg erringen, der den Namen ihrer Mutter so unsterblich gemacht hatte.
Vielleicht, wenn dann ihr Name, ihr Bild durch die Blätter der Illustrierten und Tageszeitungen ging... vielleicht fiele es dann durch Zufall auch einmal Wolfgang Wangenheim in die Hände, und er würde wohl einmal, ach einmal wenigstens zu- rückdenken an die Stunden, die sie zusammen verlebt hatten?
In diesem Augenblick, als ihre Gedanken mit dieser Möglichkeit spielten, wurde ihr plötzlich klar, daß ihre Arbeit in all den Jahren fast ausschließlich auf dieses Ziel hin geleistet war.
Wie wenig hatte sie innerlich Anteil genommen an all den äußeren Freuden und Vergnügungen, die das neue Leben ihr bot!
„Ich kann mich oft selbst nicht verstehen", sagte sie in stillem Selbstgespräch, „daß ich, nachdem alles so gekommen ist, mit Wolfgang noch immer in solcher geistigen Verbundenheit lebe, von mir aus gesehen. Er dagegen hat mich gewiß schon lange vergessen. Nur ich, ich werde nie darüber hinwegkommen. Bei allem, was ich tue und denke, frage ich mich noch immer, was wohl Wolfgang dazu sagen würde. Es ist nicht totzukriegen, so sehr ich mich dagegen wehre, und nun will ich es auch nicht mehr. Nur ruhiger bin ich jetzt geworden. Aber wie mühsam hab ich mir das bissel Ruhe und Sonne, die ich jetzt in mir trage, erkämpft, und wie nötig brauche ich sie, weil ich doch so vielen Menschen davon geben will. Doch keinen Dank — Dank bindet — ich aber will frei fein, um schaffen zu können!
Wenn nur nicht solche Tage waren wie dieser, an denen aus Träumerecken die Erinnerung aufsteigt und einen würgt, daß man kaum atmen kann. Dann folgen wieder müde, graue Tage, in denen die Gegenwart nichts ist — gar nichts."
Aber dann trat wieder jener Abend ihres ersten Auftretens in ihr Denken. Wie hatte das Publikum gerast, getobt vor Begeisterung! Hatte sie denn wirklich Künftlerblut in den Adern? Hätte sie der Beifall so kalt lassen dürfen?
„Beifall der Menge", dachte sie schmerzlich, „wo mein Herz nach dem einen, nur nach dem einen verlangt."
Wie lange würde sie noch hierbleiben? Bald mußte sie ein Engagement nach außerhalb annehmen. Dann kam sie wieder unter neue, fremde Menschen. Ewig heimatlos.
Die Sehnsucht nach Tante Berta war in ihr. Wenn sie die liebe alte Frau wenigstens hier hätte! Wie schön war es gewesen in den paar Tagen! Sie verstand einen ohne viele Worte. Ach, und wie wohl es tat, ihre treuen, sorgenden Hände um sich zu haben!
Es klopfte.
Auf Rosemaries „Herein!" betrat der Diener das Zimmer, um sie zu Tische zu bitten.
„Schon so weit?" Sie warf einen schnellen Blick auf ihre kleine, feine Armbanduhr.
Oh, wie peinlich, Onkel Brunner warten zu lassen! Sie hatte wieder einmal über allem Träumen und Sinnen Zeit und Stunde vergessen.
Als sie das große Speisezimmer betrat, saß Doktor Brunner schon bei Tisch.
„Na, Kind", sagte er heiter, „hast mich wohl ganz vergessen?"
„Ach, Onkel, das graue Wetter! Ich glaube, das bringt einen auf dumme Gedanken!"
Rosemarie aß nur spärlich und mit wenig Appetit.
Aber Doktor Brunner, der sonst sehr auf all das achtete, nahm heute wenig Notiz davon. Etwas ganz anderes schien ihn sehr stark zu beschäftigen. Ein Weilchen schwieg er noch, aber dann mußte er sich Rosemarie mitteten.
„Rosemarie, denke nur, heute morgen beim Reiten im Tiergarten hat die Tinius einen Unfall gehabt."
„Ach, wie gräßlich, Onkel! Es ist doch hoffentlich nicht gefährlich", sagte sie mit teilnahmsvollem Gesicht.
„Gefährlich? Na, lebensgefährlich nun gerade nicht, aber eine langwierige Sache. Wahrscheinlich Knöchelbruch."
Rosemarie erblaßte.
„Die Aermste", sagte sie in ehrlichem Mitleid. „So mitten in der Saison... Ja, was soll denn da werden?"
Doktor Brunner lächelte. Was für ein wundervoller Mensch Rosemarie mar! Immer dachte sie zuerst an das Schicksal der anderen, niemals
an sich. Fühlte sie denn gar nicht, wie günstig durch diesen Unfall der Tinius» die Dinge nun für sie selbst lagen? Aber solche Gedankenverbindungen hatten in Rosemaries reiner, argloser Seele wohl gar feinen Raum.
„Ja... was werden soll?"
Doktor Brunner überlegte nicht lange. Es war ja alles schon bestimmt. Er hatte heute morgen bereits mit seinen Mitarbeitern alles reiflich de- sprachen.
„Du wirst einspringen, Kind, und bis zur Wieder« genefung der Tinius hier spielen!"
„Ich — soll für die Tinius einfpringen?" sagte sie zitternd. Ihre Augen waren vor Erregung ganz groß und dunkel.
Fieberhaft rasten ihre Gedanken. Sie würde nicht fortgehen müssen. Sie konnte hier bleiben bei ihrem lieben Doktor Brunner, konnte hier spielen auf dieser herrlichen Bühne, deren Verhältnisse sie so genau kannte... Und doch ging plötzlich ein Schatten über ihr schönes Gesicht und machte es ganz ernst.
„Auf dem Unglück einer anderen fall ich meinen Erfolg aufbauen? Wird mir das zum Segen fein?" fragte sie leise.
Doch in diesem Augenblick wurde Doktor Brun« ner energisch.
„Nun mache aber mal einen Punkt, Rosemarie! Wenn du es nicht bist, ist es eine andere, die die Rollen der Tinius übernimmt."
Zum ersten Male, solange sie beieinander waren, daß Doktor Brunner Rosemarie gegenüber einen etwas barschen Ton anschlug. Im Theaterleben mußte man diese persönliche Feinfühligkeit manchmal etwas zurückstellen, wenn man hochkommen wollte. Alle Achtung vor Rosemaries vornehmer Denkungsart, aber in diesem Augenblick war sie nicht angebracht. Jede andere hätte einen Luftsprung gemacht über eine solche Nachricht.
Rosemarie war bei Doktor Brunners Worten erschreckt zusammengezuckt. Langsam überwand sie ihre Bedenken. Er hatte ja recht, irgend eine mußte ja einspringen.
„Kind, wenn du wüßtest, wie sie auf dich warten! Die Tunius hätte sich wohl sowieso nur noch diese Spielzeit hindurch halten können. Hast du ihre letzten Kritiken gelesen? Sie hat gewaltig nachgelassen. Ich glaube, es ist eher ihr Glück als ihr Unglück, daß dieser kleine Unfall heute kam. So hat sie wenigstens noch einen ehrenvollen Abgang."
Ueberzeugend klangen Brunners Worte und besiegten Rosemaries letzte Hemmungen.
„Es muß wohl alles so kommen, wie es kommt. Wie die Blinden müssen wir die Dinge aus der rätselvollen Hand des Schicksals entgegennehmen und wissen nicht, ob sie Glück ober Leid für uns bergen."
„Na, trinken wir in diesem Falle auf Glück, Kindchen."
(Fortsetzung folgt.)
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