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M. 38 Zweites Blatt

Glehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Mittwoch, 14. Februar 1934

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Aus der Provinzialhauptstadt

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Der Führer vertraut seinem Gefolgsmann; aber dieser fällt ab. Es gibt auf diesem Gebiet licher Beziehungen keine objektive Sicherheit. Ich vertraue. Ich kann mein Vertrauen nicht begründen. Ich kann nur persönlich eintreten für einen, dem ich vertraue, mich zu ihm bekennen. Aber ich muß wissen, daß ich bann persönlich hafte und mit meinem Vertrauen stehe ober falle. Jedes Urteil über einen

Elefantenplage in Tanganjika.

Die Elefanten sind im Gebiet von Tanganjika wieber zum Gegenstand des Tagesgesprächs gewor­ben. Besonbers in ben Küstenprovinzen treten sie sehr zahlreich auf. Von bort kommen verschiebent- lich Hilferufe nach Schutz gegen bie Verheerungen, die bie Dickhäuter unter ber Ernte der eingeborenen

Der Erfolg ist bemerkenswert. In ber Lindi-Pro- vinz, im sübwestlichen Zipfel, sinb im Jahre 1932 allein 413 Elefanten erlegt worben, bei einem Mu­nitionsverbrauch von durchschnittlich nur 4,2 Schüs­sen für ein Tier. Die eingeborenen Jäger, bie von ber Regierung Nahrungsmittel, Gewehr, Munition unb einige Schillinge, im Monat erhalten, müssen sich oft ben größten Gefahren aussetzen, benn bie Jagd auf Elefanten ist auch heute noch ein aben­teuerliches Unternehmen. Bei einer solchen Streife nach Elefanten wurde ein Eingeborener von einer Herde ber grimmigen Dickhäuter umzingelt. Zum Glück gelang es ihm, noch einen Baum zu er­klimmen, ber aber von einem ber großen Tiere um­gestoßen würbe. Der schwarze Jäger hatte genü- genbe Geistesgegenwart, um seinen Hauptangreifer zur Strecke zu bringen, worauf sich ber Rest ber Herbe davonmachte. Ein Jagbaufseher berichtet von einem anberen Vorfall. Ein eingeborener Jäger hatte eine Elefantenherbe, bie eine Anpflanzung vernichtet hatte, verfolgt unb einen ber Uebeltäter getötet. Daraufhin stürzten bie anberen Tiere auf das Gebüsch zu, hinter bem sich ber Schütze ver­borgen hatte. Auf seiner Flucht verlor er bas Ge­wehr, stolperte unb fiel in einiger Entfernung zu Boden. Die Elefanten standen bei dem Gewehr.

Glücklicherweise kam der Wind aus einer Richtung, die den aufs äußerste gereizten Dickhäutern ben in unmittelbarer Nähe üegenben Eingeborenen nicht verriet. Jrn Westen des Kilirnanbscharos würbe ein seltsames Tier mit brei Stoßzähnen erlegt. Der britte Stoßzahn befanb sich oberhalb der beiben Augen im Schädel bes Elefanten unb war bort als Folge eines erbitterten Kampfes mit einem Ri­valen steckengeblieben. Die von ber Regierung zur Verfügung gestellten Jäger genügen bei weitem nicht, um bem Anwachsen ber Herben Einhalt zu gebieten. Wie weit sich diese Tiere vorwagen, be­weist ein Vorfall, den ein britischer Offizier erzählt hat. Ein Elefantenbulle war am Tage vorher von einer Kugel getroffen worden. Der Schütze hatte die Spur jedoch verloren unb sich beshalb ins Lager zurückbegeben. Einige Stunben später erschien bort bas verwunbete Tier unb trampelte alles nie» ber, was sich ihm in ben Weg stellte, wobei ein Eingeborener getötet wurde. Heber bie Hälfte ber im Tanganjika-Gebiet erlegten Elefanten mürbe in ber Linbi-Provinz zur Strecke gebracht. Ihre Ge­samt-Anzahl ist schwer zu schätzen. Es wirb übri­gens aus dieser Gegenb von zwei Fällen berichtet, in benen junge Elefanten von Löwen angefallen unb getötet würben, ohne baß bie älteren Tiere in ber nächsten Umgebung bas verhinbern konnten.

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Der Maulwurf im Winter.

Im Anschluß an bie im Feuilleton vom 12. d. M. erschienene kleine Betrachtung über bas Winterlebe» bes Maulwurfs werben uns von Herrn Oberst a. D. N. Kock, Gießen, bie folgenben gegenteiligen Be­obachtungen freunblicherweise zur Verfügung ge­stellt:

Von einem Winterschlaf (bes Maulwurfs) kann keine Rebe sein, er ist auch im Winter bei strenger Kälte stets unterwegs unb scheut es nicht, selbst weit über 30 Zentimeter in ben Erbboben herunterzu­steigen, ebenso wie Regenwürmer unb Kerbtiere der Beschaffenheit bes Bobens folgen. Nebenbei dürste es bekannt sein, daß ber Maulwurf außer ben ge­nannten Tieren auch Wühlmäuse, Schnecken, Ma- ben, Puppen, Frösche unb selbst Fleisch von Vögeln unb Säugetieren nicht verschmäht. Daß er bei fest- gefrorenem Boden keine Hügel aufwirft, ist für die Annahme des Schlafs kein Beweis. Durch Maul­wurfsfänger ist sogar einwandfrei festgestellt, daß er sich manchesmal Wintervorräte anlegt. Ich habe erst kürzlich an einem Tage einer längeren stren­gen Frostperiode gesehen, wie eine Saatkrähe einem Bussard einen eben über der Erde gefangenen Maulwurf abtrieb, um ihn sich selbst als Beute an- zueignen, was ihr allerdings erst nach einem nicht alltäglichen Kampf gelang."

lehrer und Normalschüler, die es gar nicht so schwer haben, sich gegenseitig zu begreifen. Es werden doch auch sonst im Leben überall Urteile verlangt: über Lehrlinge, über Offiziere, über Pfarrer, die sich um eine Stelle bewerben warum sollen wir unsere Schüler nicht beurteilen können?Nur keine künstlichen, psychologischen Hemmungen! Mit fri­schem Blick, Sinn für jugendliches Wesen, und einer gesunden Portion Menschenkenntnis wird es schon gehen ... Der Lehrer, der es nicht wagt, einen Schüler zu beurteilen, ganz rund, aanz bestimmt, ganz handfest, der taugt nicht zum Lehrer. Wenig­stens nicht für die Prima ..."

Doch ergibt sich noch eine Schwierigkeit. Viele unserer Schüler sind verschlossen. Sie geben sich nicht, wie sie sind. Sie tragen eine Maske. Jeder erfahrene Pädagoge weiß von den 3mei Seelen in der Schülerbrust. Der Junge zuhause unb auf ber Straße ist ein ganz anderer Mensch, als der auf der Schulbank. Es geht die Rede vom Strafeen- engel und vom Hausteufel. Etwas ähnliches findet sich bei jedem Insassen unserer Anstalten vor. Jeder Schüler hat zwei Gesichter. Wenn man sich mit dem Vater eines Jungen über diesen Punkt ausspricht, macht man oft die seltsamsten Erfahrungen. Man lobt dem Vater gegenüber bas brave, sittsame Be­tragen bes Sohnes und hört, daß er zuhause ein unbändiger Bengel sei. Oder umgekehrt. So sitzt der Schüler wie hinter einer Wand. Die Schule bildet für ihn eine Umgebung, in der er nicht warm wird. Andere tauen auf und fühlen sich wie zuhause. Wir wollen auf die Gründe dieser Erscheinung nicht ein­gehen. Es genügt, daß sie besteht. Und das Ver­ständnis der Kinder erschwert. Auch die Erfahrung machen wir, daß der Schüler bei dem einen Lehrer mitarbeitet und seine Kräfte anspannt, weil er sich von der Persönlichkeit des Lehrers zum letzten auf- gerufen fühlt ober vom Stoff gefesselt ist; in ande­ren Stunden läßt er sich gehen. Es gibt Lehrer, die aus dem Bemühen, das eigentliche Wesen des Schülers zu erfassen, Hausbesuche machen. Sie wol­len den Schüler in feinen vier Wänden sehen. Sie wollen die Bedingungen kennen lernen, unter denen er lebt, arbeitet, wird. Bleibt die Pflicht der Charakter beurtei- l u n g auf dem Lehrerstand lasten, so wird mancher Klassenlehrer dieses Beispiel nachahmen. Inzwischen wird er gut tun, mit seinen Jungen auf dem Klassenspaziergang menschliche Füh­lung zu gewinnen. Er kann unendlich viel lernen. Auch die Turnstunde und der Wehrsport sind höchst aufschlußreich.

Schwache Karnevalskopie in Gießen.

Das Faschingstreiben am gestrigen Faschings­dienstag zeigte in unserer Stadt nur eine sehr mäßige Kopie des Karnevals der Hochburgen Sr. Tob lität bes Prinzen Karneval. Zwar herrschte bei dem schönen Vorfrühlingswetter des gestrigen Tages im Stabtzentrum, besonders natürlich im Seltersweg und auf dem Kreuzplatz, ein riesiger Menschenver­kehr, der aber eigentlich nichts anderes war als ein Nachmittags-Schiebespaziergang von Männlein und Weiblein im bürgerlichen Gewand, während im Gegensatz zu früheren Jahren diesmal das Trei-

Zacharbeit im AationalsozialiMchen Lehrerbund

Von dem Kreisarbeitsleiter für die höheren Schulen Dr. Adolph.

Der Roman der Kunstseide.

Zum 50. Geburtstage einer bedeutsamen Erfindung

In diesem Jahr feiert die Kunstseide ihren 50. Ge­burtstag, denn im Jahre 1884 nahm Graf Hilaire de E h a r d o n n e t das französische Patent Nr. 165 394, das die erste praktische Verwirklichung dieser Idee brachte unb bie Grundlage für bas Auf­blühen einer Rieseninbustrie fchuf. Nach einem Er­satz für die kostbare unb seltene Seide hat man seit undenklichen Zeiten gesucht, war aber über kuriose Experimente und Theorien nicht hinausgekommen. Schon die alten Aegypter wollten die Spinnweben zu einem Gespinst verwenden, das ähnliche Eigen­schaften wie die Seide haben sollte.

In späteren Zeiten mühte man sich ebenso ver­geblich aus Glas gesponnene Fäden zu diesem Zweck zu verarbeiten, aber niemals gelang es, irgend etwas herzustellen, was auch nur im entferntesten den Ausscheidungen des bescheidenen Seiden­wurms entsprochen hätte. Erst zu Anfang des 19. Jahrhunderts rückten verschiedene Feststellungen und Entdeckungen eine gedeihlichere Arbeit auf diesem Gebiet in das Bereich der Möglichkeit.

So kann man die Erfindung des Holzpapiers als eine Vorstufe der Kunstfeiden-Fabrikation auf­fassen denn was der wackere Webermeister Keller aus Hainichen in Sachsen zufällig beobachtete und für bie Papierfabrikation ausnutzte, muhte auch weitere Gebauten anregen. Keller hatte S-Hnbern zugesehen, die sich eine Kette aus Kirschkernen machen wollten und dazu die Steine in die. Ver- tiefungen eines Holzbrettchens legten, um bie Locher zum Durchfäbeln mit einem Schleifstein herzustellen. Keller, ber bas selbst als Junge oft gemacht hatte, erinnerte sich, baß bie Holzfasern, bie sich dabei los­lösten, wenn sie in Wasser fielen, bieses milchig trübten. Er ging sofort nach Hause, schnff em Stuck Holz mit einem gewöhnlichen Schleifstein an unb fing bas von biefem abtropfenbe Wasser auf. Als er Tropfen auf bas Tischtuch spritzte, würbe bas Wasser von bem Tuch aufgesaugt, wahrend der Holzschliff in Form eines feinen Papierblattchens liegen blieb.

Dieser Holzschliff sollte auch für die Kunstseide- Erfindung von Bedeutung werden. 1845 entdeckte S ch ö n b e i n die Nitro-Zellulose oder Schießbaum­wolle, und zehn Jahre später nahm der Schweizer Audemars ein Patent auf ein Verfahren, aus­gelöste Nitro-Zellulose in feine Fäden umzuwandeln, die erKunstseide" nannte. Aber weder dieser Ver­such, noch andere Methoden, künstliche Fäden zu gewinnen, brachten praktische Erfolge, bis Char-

Oie menschlicheBewertung der Schüler

i.

Die Lehrerschaft der höheren Schulen ist vor eine verantwortungsvolle Aufgabe gestellt, wie sie in derartiger Schwere, solange es eine deutsche Schul­geschichte gibt, noch niemals an sie herangetreten ist. Sie soll die A u s w a h l d e r für bas Hoch­schul st u b i u rn in Frage kommenden Schüler treffen. Und zwar nicht nur nach Ge­sichtspunkten der Leistung, sondern des ganzen Menschen. Damit wird eine Frage aufgerollt, die nicht nur in der Elternschaft schwere Sorgen auf- rührt, sondern auch uns Lehrern redliches Kopf­zerbrechen macht. Ich weiß sehr wohl, daß die hier auftauchenden Probleme nicht theoretisch gelöst, sondern höchstens durch eine ganz neu zu erringende Praxis und Tradition bemeistert werden können. Aber ich fühle mich verpflichtet, als Kreisarbeits­leiter einige Erwägungen zur Debatte zu stellen. Ich werde in drei Artikeln sprechen: 1. Don den grundsätzlichen Voraussetzungen jeder menschlichen Beurteilung, 2. von ben Maßstäben unb 3. vom tatsächlich geübten Siebverfahren.

Die grundsätzlichen Voraussetzungen.

Die Beurteilung von Sachen ist verhältnismäßig leicht. Die meisten Dinge haben ihren Preis, der sich nach Angebot und Nachfrage, persönlichen Lieb­habereien, Mode unb bergl. richtet. Angesichts hö­herer Geistesschöpfungen, z. B. Kunstwerke, gehen bie Geschmacksurteile schon weit auseinanber. Auf dem Gebiet der Religion, der Moral, der Politik entscheiden niemals objektive Vernunftsstäbe, sondern persönliche Ueberzeugung, Gewissen, Einsatzbereit­schaft. Wie aber verhält es sich mit ber Beurtei­lung lebendiger Menschen? Hier wird sicherlich das dornenreichste Gebiet betreten.

Wir behaupten: Unser Urteil über Menschen grün­det sich auf Verstehen, Liebe und Vertrauen. Es ist, wie man heute in ber Philosophie zu sagen pflegt, existentiell", nichtrational" bedingt.

Verstehen ist man verzeihe bas Frembwvrt ein Resonanz-Phänomen. Es hängt davon ab, ob ich mit bem anberen in Resonanz stehe ober nicht, ob ich auf ihn abgestimmt bin ober nicht, ob bie Saiten meines Wesens zu klingen anfangen ober nicht, wenn ich ihm begegne. Zwei Menschen ver­stehen sich, wenn sie biefelbe Seelenstruktur in sich tragen, ober sich gegenseitig zu einer Einheit ergän­zen. Ist ein solcher Zusammenklang gegeben, bann wirb ein gegenseitiges Verstehen möglich fein, viel­leicht ohne Worte; ist er ber inneren Veranlagung nach ausgeschlossen, so kommt es nie zu wirklichem Verstehen.

Nur in ben seltensten Fällen erwächst Verstehen von selbst. Gemeinhin muß es unter Menschen er­rungen werben. Die meisten Menschen sinb verschlos­sen. Sie sperren ben Zugang zu sich ab. Es gilt, um ihr Verstänbnis zu ringen. Der sicherste Schlüs­sel zum Herzen bes anberen ist bie Lieb e, wie denn auch umgekehrt das rechte Verstehen die Liebe begründen kann. So ist es vielen der Person Hit­lers gegenüber gegangen. S i e begannen z u lieben, als s i e verstanden ...

Liebendes Verstehen begründet mein Ur­teil über den anderen. Und doch bleibt ein solches Urteil immer ein Wagnis. Ich kann mich in bem anbere irren. Er hält nicht, was er verspricht.

Noch ein Drittes: ber Schüler ist nicht fertig. Er ist noch in ber Entwicklung. Er wächst seiner eigent­lichen Bestimmung erst noch entgegen. Germanen sind spät reif. Oderhessen noch später. Es mögen stärkste, zukunftkräftige Keime in dem Schüler ver­borgen liegen: ber Lehrer kann sie nicht sehen. Die entscheidenden Wandlungen setzen in unserem Klima erst im Anfang der zwanziger Jahre ein. Ich hab« da selbst seltsame Erfahrungen gemacht. Unaus­gebackene, zerrissene, spöttisch-überlegene Gesellen waren schon nach kurzer Zeit geglättet, männlich fest, geradlinig. Hitler ist in seinem Leben im­mer von einem sicheren Instinkt geführt worden. So hat er sich auch zeitig aus der Schule gemacht. Aber ob ihm wohl, wenn er Abiturient geworden wäre, ber Direktor bie fommenbe Führerlaufbahn vorausbescheinigt hätte?

Wir haben vom Verstehen geredet, von der Resonanz, von der Verschlossenheit des Schülers, von seiner inneren Unentwickeltheit. Es bleibt das Thema: Liebe und Vertrauen. Wir wollen hierauf nicht weiter eingehen. Die Mutter wirb sagen: Nur ich verstehe mein Kinb ganz. Der Vater: Ich habe ein festes Vertrauen in meinen Sohn, baß er seinen Lebensweg gehen wirb. Der Lehrer weiß bavon nichts; benn er kennt meinen Jungen nicht bem innersten Kerne mach ... Der Lehrer seiner­seits barf antworten: Ich habe Vergleichsmöglich­keit, eine lange Erfahrung in ber Beurteilung von Menschen unb einen unvoreingenommenen Blick. Ich richte nach bestem Wissen unb Gewissen. Ich ur­teil? aus Liebe unb einem letzten menschlichen Ver­trauen ...

Doch bie eigentlichen Schwierigkeiten beginnen erst. Wir stellen uns einen Jbeal-Lehrer vor, ber aus liebenber Sachlichkeit unb reifer Menschen­kenntnis urteilt. Das Bilb feiner Primaner steht klar vor feinem inneren Blick. Er hat ein intuitiv sicheres Urteil über jeben einzelnen. Damit ist jedoch an sich noch gar nichts getan. Er muß fein Urteil, fein Vertrauen auch aktenmäßig begründen. Er muß eine Charakterisierung des Schülers in Amtsdeutsch unb offiziellem Schriftsatz geben. Er muß das menschliche Bild, das er von seinem Schüler in der Seele trägt, umsetzen in ein behörd­lich verwertbares Formular. Er muß ein Gutachten abgeben mit allen Grenzen, Schwächen und Unzu­länglichkeiten eines solchen. Er muß den lebendigen Menschen hineinpressen in Kartothek und Register. Er muß einen Bericht machen, lieber die Maßstäbe, die er dabei allenfalls verwenden kann, soll das nächstemal die Rede sein.

bonnet die Losung des Problems gelang. Der Graf studierte am Pariser Polytechnikum und war Schuler des berühmten Pasteur, der sich damals gerade mit dem Studium der Krankheiten des Seidenwurms beschäftigte.

Die nahe Berührung, in die Chardonnet dabei mit bem merfroürbigen Insekt kam, regte feine er- finderischen Kräfte an. Er sah, daß der Seidenwurm auf ben Blättern bes Maulbeerbaumes unb ber Eiche lebte, baß ber gummiartige, als Seibe be­kannte Stoff aus zwei winzigen Deffnunaen aus- gefchieben wurde und daß derGummi", sobald er der Luft ausgesetzt war, sich sofort in der Form eines feinen Faden oerfeftigte. Chardonnet ver­suchte nun, dieses Verfahren ber Natur mit mecha­nischen Mitteln nachzuahmen. Der Hauptbestanbteil der Blätter war Zellulose, unb es hanbelte sich dar- um, bie Zellulose in einen löslichen Stoff umzu- roanbeln, bie aufgelöste Zellulose burch kleine Oeff- nungen zu pressen, wie es der Seidenwurm tat, und sie dann wieder auf irgend eine Weise in eine unlösliche Form überzuführen. Nach diesem Prinzip ging Chardonnet vor und gelangte durch streng wissenschaftliche Folgerungen zum Ziel.

Bei dem ersten Verfahren, das er sich patentieren liefe, gewann er die Zellulose aus Holzschliff, der aus Maulbeerbaum-Stämmen verfertigt war; ben Holzschliff oerroanbelte er in Nitro-Zellulose, bie aufgelöst unb burch Deffnungen in erhitzte Luft ge­preßt würbe; badurch erhielt bie Nitro-Zellulose Fadenform. Die Fäben waren aber sehr leicht ent- zündbar, unb so würbe bie Herstellung von ber französischen Regierung zunächst verboten. Nach- bem bie Fäben von bem gefährlichen Salpeter be­freit unb bie technischen Schwierigkeiten bei ber Herstellung im Großen beseitigt waren, konnte zur Fabrikation bes neuen Erzeugnisses geschritten werden.

Chardonnet rief 1891 bie erfte Kunstfeibe- f a b r i f in feiner Heimat Besanxon ins Leben unb stellte im ersten Jahr 13 Tonnen her. Die großen Gewinne, bie babei erzielt würben, spornten zur weiteren Ausbehnung an, unb bie Probuktion wuchs mehr unb mehr; sie stieg von ben 26 000 Pfunb im Jahre 1891 auf 5 Millionen Pfunb 1902, auf 20 Millionen Pfunb 1912, auf 75 Millionen Pfunb 1922 unb 450 Millionen Pfunb 1930.

Mit ber gewaltigen Zunahme ber Herstellung ging bie Verbesserung bes Verfahrens unb Ver- eblung bes Erzeugnisses Hanb in Hanb. Der Fäben ber Kunstfeibe macht heute ben Anspruch, besser, stärker unb feiner als bie Naturseibe zu sein, unb feibene Sachen sinb baburch Kreisen zugänglich ge­worben, für bie sie vor bem Krieg ganz uner» schwinglich waren. C. K.

Verstehen, Liebe und Vertrauen müssen bei unserem Urteil über ben andern Zusammen­wirken. Antipathie trübt das Bild, Ressentiment entstellt es vielleicht unbeabsichtigt, Haß verzerrt es bewußtermahen. Abneigung, gekränktes Selbst­gefühl, Haß sind keine sicheren Wegbereiter. Aber wie steht es mit ber nüchternen und klaren Sachlich­keit? Auch diese führt nicht zum Ziel. Ich kann phy­sikalische Vorgänge und Versuchskaninchen mit kalter Objektivität beurteilen, aber keine Menschen. Denn die interesselose Beobachtung, bie ben anderen als bloßes Objekt behandelt, führt gerade nicht zu seinem Herzen, seinem innersten Wesenskern, seinemCha­rakter". Hier gibt es hur bie Sachlichkeit unvorein­genommener Liebe ... Hier gibt es nur bie Sach­lichkeit eines reifen Menschentums, das den anderen verstehend zu umfassen und aus feiner Wesensmitte aus zu deuten sucyt. Hier gibt es nur bie Sachlichkeit einer letzten, wagenden Intuition ...

Nachdem wir diese allgemeinen Erwägungen an- gestellt haben, schreiten wir zur praktischen Anwen­dung. Besteht zwischen Lehrern und Schülern das, was wir als Resonanz bezeichnet haben? Findet sich die innere Uebereinftimmung, bie allein Verstehen ermöglicht? Hat der Lehrer die Mafe- stäbe, um ben Charakter bes Schülers zu beurteilen? Rein theoretisch konnte man behaup­ten, daß es Lehrer gibt, bie biefe Maßstäbe ganz gewiß nicht in sich tragen. Z. B. ganz junge Refe­rendare, bie noch keine menschliche Erfahrung haben, bie mit dem Stoff kämpfen, mit einer gewissen Angst in die Klasse kommen unb befangen sinb. Diese können ein Urteil über Primaner, von bem möglicherweise deren Lebensschicksal abhängt, offen­bar nicht abgeben. Ober ich unterstelle, allerdings rein abstrakt, daß es auch unter Lehrern seelische Küm­merlinge geben konnte, die nicht die nötige innere Weite haben, um einer vielgestaltigen Jungenschar gerecht zu werden. Möglicherweise ist ein Lehrer auf Grund seiner besonderen geistigen Veranlagung einseitig abgestimmt, so daß er nur die ihm ent­sprechenden Charaktere wirklich zu erfassen ver­mag. Eine seine ästhetische Lehrer-Natur wird bie Rauhbeine und Flegel, die handfesten Kerle und Ruppsäcke unter seinen Schülern vielleicht ganz falsch einschätzen, da er keinen Sinn für männlich soldatisches Wesen hat und über der rauhen Schale den st a r f e n Kern nicht sieht. Ein rein ver­standesmäßiger Kopf wiederum bleibt unberührt von ber poetisch gestimmten Seelen kraft gärender Jünglinge. Es gibt sicherlich auch müde und alt ge­wordene Lehrer, die verbittert ober mit persön­lichen Sorgen belastet sinb unb keine innere Spann­kraft mehr haben, der stürmischen Jugenb gerecht zu werben. Sicherlich wirkt auch der Unterschied der Generationen ein. Ein redlicher, in strenger Selbst­zucht grau gewordener Herr kann das eigenartige Gebaren mancher Häuptlinge undFührer" unter den Jungen wirklich nichtverstehen"! Aber auch ganz äußerliche Schranken richten fiA auf. Ein Leh­rer hat die Klaffe erst seit ein paar Monaten in die Hand. Er ist ganz neu, er kennt feine Leute nicht. Aber er muß sie beurteilen. Wenn man sich diese Bedenken zu Bewußtsein bringt, kann man pessi­mistisch werden. Die Eltern werden verzagen. Die Schüler werden sagen: Die guten und braven, die Musterschüler und Streber, bie bekommen die gute Charakterzensur, und wir anderen, wir Wilden, die wir die besseren Menschen sind, wir gehen leer aus unb fallen neben hinaus. Unsere Nachfolger, bie werben es besser haben. Die werden sich beizeiten in der richtigen Weise einstellen. Die werden Schmuser undSchuster" werden. Doch gemach! So stehen die Dinge benn doch nicht. Wir haben nicht nur geniale Lehrerpersönlichkeiten, bie ihre Schüler mit Liebe auf bem Herzen tragen unb um ihr Verständnis ringen wir sind im großen unb ganzen doch heute normale Menschen, Normal­

Bevölkerung anrichten. Die Elefanten sind geradezu zur Landplage geworden. Seit zwanzig Jahren hat man eine so große Menge nicht feststellen können. Trotz der zahlreichen Abschüsse scheint ihre Zahl nicht abzunehmen. In Uganda z. B. wurden jährlich 1400 bis 1500 Tiere getötet, und zwar vor allem durch Jagdaufseher, die im Solde der Regierung stehen. Das gleiche System wendet man jetzt auch in Tanganjika an. Eine der größten Schwierigkeiten bilden die Wilddiebe unter ben (Eingeborenen, so daß die Kontrolle über die tatsächlich erfolgten Ab­schüsse selten zuverlässig ist. Der Preis, der für das (Elfenbein auf dem Markt gezahlt wird, ist noch im- §rofeer Anreiz. Im Jahre 1932 wurden alle derartiger Jagdfrevel durch die Ein- geborenen-Bevölkerung festgestellt. Der einge­borene Landwirt ist im allgemeinen gegen bie Ver­wüstungen, die von ben Elefanten auf feinen Fel­dern angerichtet werden, machtlos. Die gewaltigen Tiere stampfen die (Ernte, die unter so vielen Mühen hochgezogen wurde, nieder. Man hat jetzt die euro­päischen Jagdaufseher durch (Eingeborene verstärkt.

Aschermittwochs-Elegie.

Er ist tot, ber Prinz von Narretanien! Sein Hof­staat mit ihm; unb eine Schar feister Kater hält bie Totenwache ...

Was schmerzt benn so tief? Der Alltag, ber mit allzu vertrautem Gesicht ins private Leben herein­grinst? Oder bas Schicksal des Narrengewandes, das betäubend duftende Mottenkugeln vor dem Raub­tierfraß im Dachkammerkasten nun wieder schützen? Sonst was, das dich melancholisch stimmen konnte, teurer Freund?

Das war noch ein letztes Aufjauchzen. Ein Em- porbranben ber Fröhlichkeit. Man teilte fein Herz unter Verehrerinnen, schenkte es ber unbekannten Zigeunerin, der kleinen Ballettratte oder dem ftffeen Kolumbinchen. Und notabene: das alles mit einem tüchtigen Schuß Romantik, endend in rosenbestreu­tem Heimweg und einem verdammt prosaischen Er­wachen am frühen Aschermittwochmorgen.

In allen Farben noch leuchtet Konfetti zwischen ben Pflastersteinen. Müde hängen in den Tanzsälen bie Drapierungen von ber Decke herab; handfeste Putzfrauen schichten geräuschvoll bie Stühle über­einander, reifeen das letzte Fenster auf, um vollends etwas atmosphärisch bereinigend zu wirken. Schal und verlassen die Nischen, da zwölf Stunden zuvor

im Zauber des Dienstags noch die Närrinnen und Narren aller Stände und Grade weilten; in der Ecke hinten ein zusammengekehrter Haufen Scherben ... Zerbrochene Gläser, in denen der Sekt perlte, und der Rotwein bie Lichtreflexe fast zauberhaft auffing, gestern ja, gestern noch ...

Wischt dem Alltag die Trübnis nun aus dem Ge­sicht! Ein Stofe in bie eigenen Rippen, und bie Arbeit schmeckt wieder wie vor Beginn ber närri­schen, fröhlichen Zeit. In die Rumpelkammer mit allem Flitterstaat! Unsere Zeit braucht Menschen mit offenen Augen! Und einem frohen Herzen auch

ck. gn. 777 eig.