Das Rätsel einer Frühlingsnacht
Vornan von Gert Nothberg.
Urheberrechtsschutz: Fünf Türme-Verlag, Halle, Saale
24 Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Gertraude erhob sich, griff mit den Händen in die Zweige, rang vergeblich nach einem armseligen Wort, das sie ihm sagen konnte. Er ergriff plötzlich diese suchenden zitternden Hände:
„Gertraude! Weshalb mußte uns der Weg zusammenführen? Ich weiß es ja, daß Sie anders sind als Ihre Schwester — ganz, ganz anders. Und doch treibt mich diese Aehnlichkeit von Ihnen fort. Ich habe Lelia sinnlos geliebt! Habe an sie und ihre Reinheit geglaubt und wurde von der Höhe des Glücks hinabgestürzt in schwärzeste Finsternis. Nicht einmal die Trauer um Lelia durfte ich als mein Heiligtum behalten, denn nach und nach wurde mir immer klarer, wer und wie sie in Wirklichkeit ae- wesen war, und daß ich mich wie ein Blinder benommen hatte. Verzeihen Sie mir, Gertraude, wenn ich nicht so zu Ihnen bin, wie Sie es als nahe Verwandte erwarten können. Doch — es ist mir unmöglich. Sie gleichen ihr äußerlich viel zu sehr, als daß ich in Ihrer Nähe mein seelisches Gleichgewicht behalten könnte."
Gertraudes Lippen zitterten. Nch immer hielt er ihre Hände mit schmerzhaft festem Druck in den seinen.
Sie versuchte, sich zu befreien, doch er hielt sie nur um so fester.
„Gertraude! Ich möchte Ihnen gern etwas Gutes tun. Sie wollen das Geld Ihres Vaters nicht, Gertraude, dann bitte, sagen Sie mir, ob ich etwas für Sie tun kann."
„Nein! Die Frau Fürstin ist so gut zu mir, so voll mütterlicher Liebe, daß ich nicht wüßte, was Sie, Herr Graf, für mich tun könnten!" flüsterte Gertraude.
„Herr Graf? Sehr förmlich für einen Schwager. Aber ich durfte um unser beider willen nchts sagen, mußte schweigen-, wir mußten uns fremd sein, damit nicht noch einmal die Vergangenheit Stoff bot für langweilige Stunden fremder Menschen", sagte er, und seine großen Augen blickten mit einem sonderbaren Ausdruck in ihre blauen Sterne.
Er ließ behutsam ihre Hände fallen, verbeugte sich tief:
„Ich bin froh, daß ich Ihnen endlich einmal sagen durfte, wie leid es mir tut, daß Sie das unschuldige Opfer der Vergangenheit sind!" sagte er, sich wieder aufrichtend.
„Ich — danke Ihnen!"
Es war nur ein Hauch. Gertraude schwankte nach vorn. Härtlingen fing sie auf. Der blonde Kopf ruhte einige Minuten lang an seiner Brust, das Haar duftete zu ihm empor, und ihn durchzuckte es wie von einem elektrischen Schlag.
Da richtete sich Gertraude auf, erkannte die Situation und strebte im nächsten Augenblick auch schon von ihm fort.
Besorgt blieb er vor ihr stehen. Ein unbeschreibliches Gefühl durchfuhr ihn. Ihm war, als muffe er das zarte schöne Geschöpf auf seine Arme nehmen, es weit, weit forttragen, als müsse er sagen:
„Ich liebe dich! Komm fort von den Menschen! Was gehen sie uns an? Was geht uns beide die Vergangenheit noch an. Nur du bist da und ich. Und ich liebe tut)'/
„Bitte, die anderen — Herrschaften haben mehr Recht auf — Ihre Gesellschaft als ich, Rudolf Härtlingen!" sagte Gertraude.
Er verbeugte sich stumm, dann ging er, aber er warf noch einen langen, rätselhaften Blick auf sie, die mit tief gesenktem Kopf dastand an dem Gesträuch, dessen glühend rote Hagebutten sich, wie Korallen leuchtend, um sie aufrichteten.
Gertraude hörte auf den raschen, festen Schritt. Ein Zittern lief durch ihren Körper.
„Rudolf Härtlingen! Rudolf Härtlingen!"
Die Natur schien den geliebten Namen zu flüstern, die Vögel schienen diesen Namen zu rufen.
„Ich liebe dich! Ich liebe dich!" flüsterte Gertraude, und langsamen, schleppenden Schrittes ging sie wieder ins Schloß zurück.
*
Lächelnd blickte die Fürstin Agnes Kleven auf das bunte, fröhliche Leben um sie herum. Das junge Volk beteiligte sich eifrig am Tanz. Aber auch die älteren Herrschaften schienen nicht abgeneigt, sich zu ein paar Wiener Walzern im Kreise zu drehen. Gertraude, in einem weißen Spitzenkleide, eine wundervolle, große, mattgetönte Rose auf der Schulter, sah hinreißend aus. Ihre blauen Augen leuchteten dunkel und geheimnisvoll.
„Sie ist wieder die Schönste", dachte die Fürstin, und ihr Blick suchte einen großen, breitschultrigen, eleganten Mann, der inmitten einiger Herren stand. Aber sie sah, daß sein Blick immer wieder zu Gertraude hinüberschweifte.
Gräfin Uchterberg trat zu Tante Agnes und flüsterte mit ihr. Sie hatte die Festordnung übernommen, und sie wollte jetzt die Vorträge bringen.
„Gewiß, Melanie. Sehr gut, das Arrangement. Später haben doch verschiedene Herrschaften nicht mehr das nötige Interesse für das Gebotene. Das darf nicht fein. Es ist künstlerisch wertvoll, was sie zu hören bekommen, also sollen sie auch alle gebührend bei der Sache sein", meinte die Fürstin.
So wurde also jetzt bekanntgegeben, daß Fräulein von Bredow einige Gedichte vortragen, Herr von Kramer ein Aiolinsolo spielen und Fräulein
Gertraude Schwarzkoppen einige Lieder singen werde.
Man gruppierte fid) schleunigst in bequeme Sessel, nachdem man der Fürstin gedankt, daß sie auch an künstlerischen Genuß gedacht habe, und dann war einige Minuten Stille.
Komteß Bredow war wirklich eine Künstlerin auf dem Gebiete des guten, seelenvollen Vortrags, und Herr von Kramer machte seine Sache ausgezeichnet. Sie ernteten beide viel Beifall und mußten sich sogar zu einer Zugabe verstehen.
Und dann kam Gertraude! Schlank, fast schmal stand sie dort oben auf dem Podium zwischen den Oleanderbüschen.
Graf Härtlingen wechselte plötzlich vorsichtig den Platz. Ganz hinten am Fenster stand noch ein leerer Sessel. Darin ließ er sich nieder, und nun wandte er den Blick nicht mehr von der blonden Frau dort, zu der ihn ein heißes Sehnen zog, und die doch Lelias Schwester war!
Und nun sang sie.. Süß und leise klang es zu ihm herüber.
Totenstill war es, als dieses erste Lied beendet war. Dann aber wollte der Beifall gar kein Ende nehmen.
Graf Härtlingen rührte sich nicht. Er hatte die Stirn in die Hand gesenkt und saß ganz still auf seinem Platz.
Und Gertraude fang das zweite, das dritte Lied. Aber sie gab nichts zu. Sie konnte es nicht. Als sie ihr drittes Lied beendet und der Beifall sie umrauschte, hatte er eine Bewegung gemacht, als wolle er vor nach dem Podium stürzen. Aber da traf ihr leidvoller Blick den feinen, und er setzte sich wieder hin.
„2ß>er das ist ja ungeheuerlich, diese Kunst hier in Kleven zu vergraben. Diese junge Dame muß ins Leben hinaus. Durchlaucht, das ist entschieden Eigennutz. Diese Stimme dürfen Sie nicht für sich allein behalten", sagte erregt Professor Poldenheim.
Er hatte kaum noch Ruhe. Gleich anderntags wollte er zu seinem Freunde, dem Generalintendanten, fahren. Der würde dieses schöne Mädchen mit der herrlichen Stimme keine Minute länger hier in Kleven lassen. Und — na ja, es war wirklich fast ein Verbrechen, der jungen Dame nicht zu ihrem Glück zu verhelfen.
Allgemeines Gratulieren und Bewundern. Dieser Stimme gegenüber wagte sich kein Neid hervor, wenn auch Gertraude gerade dadurch nun erst recht zum Mittelpunkt geworden war.
Die Fürstin war mit dem Erfolg von Gertraudes Gesang zufrieden, aber anders, als man gemeinhin denken konnte. Sie hatte die tiefe Ergriffenheit, ja, Erschütterung Härtlingens nur zu gut gesehen, und sie dachte:
Liebe, kleine Gertraude, es wäre doch mehr als seltsam, wenn es dir nicht gelingen würde, die Liebe Rudolf Härtlingens zu gewinnen. Wenn es dir nicht gelingen sollte, den wesenlosen Schatten
deiner schönen, ach, so leichtsinnigen Schwester Lelia zu verdrängen!
Gertraude stand später, als der Beifallssturm sich endlich gelegt, neben der Fürstin. Sie plauderten miteinander, wenn auch Gertraude noch tief erregt war.
Da stand plötzlich Härtlingen neben ihnen.
„Gestatten Durchlaucht, daß ich Fräulein Schwarzkoppen die Hand küsse — für das, was sie uns allen heute geschenkt hat."
Und er drückte einen heißen Kuß auf Gertraudes kleine Hand, die sich ihm zitternd entgegengestreckt hatte. .
„Nach dem heutigen Erfolg werden mir wohl bald die Bühnenlaufbahn wählen?" fragte er dann, und feine Augen drangen in die ihren.
Gertraude schüttelte den schönen, blonden Kopf.
„Nein, ich bin froh, daß ich hier so verborgen leben Fann. Es gelüftet mich nicht nach Erfolg und Ehren."
In seinen Augen blitzte es auf, bann sagte er be- dauernd:
„Es ist jammerschade um diese Stimme. Durchlaucht, wie denken Sie darüber?"
Die Fürstin zuckte die Schultern, dann meinte sie mit feinem Lächeln:
„Nun, man soll nichts für und nichts dagegen sagen. Vielleicht wird meine kleine Gertraude mir eben doch noch eines Tages davonfliegen. In die weite Welt hinaus, dem Ruhm und dem Erfolg entgegen."
Gertraude trat zur Fürstin, schmiegte die weiche Wange an die feine, welkige Greisinnenhand:
„Schicke mich nur nicht fort, Tante Agnes! Ich bleibe ja so gern bei dir."
„Einmal wird's aber doch sein. Wenn es nun auch nicht gerade die Kunst ist, die dich aus meinem stillen Kleven fortholt, so doch ganz gewiß ein Mann."
Als sei das die natürlichste Sache von der Welt, so gleichmütig sagte es die alte Dame. Und sie wußte doch, daß keines der beiden Zuhörenden diese Worte gleichgültig aufnahm. Fürstin »Kleven war ihrer Sache sicher.
In Härtlingen klang bereits eine Saite mächtig für Gertraudes wundersame Schönheit und ihr liebes, stilles Wesen. Wie hätte es denn auch anders sein sollen? Es kam doch nur, wie es kommen mußte.
Jetzt begann wieder der Tanz. Die Herren kamen durch den Saal auf die Ecke zu, wo die Fürstin saß, und wo Gertraude und Härtlingen nebeneinander standen.
Härtlingen übersah im Augenblick die Situation, verbeugte sich, bat Gertraude um diesen Tanz, dessen Klänge soeben den Saal durchtönten.
(Fortsetzung folgt.) I
Hausbesitzerverein e.V.
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Wir verweisen unsere Mitglieder auf den am Donnerstag, 15. Februar 1934, nachmittags 3y2 Uhr, im CafS Leib statt findenden 924 D
Vortrag älter Luftschutz und ersuchen um recht zahlreiche Beteiligung Der Vereinsführer.
Lichtspielhaus, Gießen
Heute Mittwoch zum letzten Mal:
Gruß und Kuß Veronika
mit Franziska Gaal — Pani Hörbiger
Ab Donnerstag das grandiose Film werk:
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