Allgenzeugenbenchie von Flüchtlingen.
Auch zahlreiche Nichtmarxisten unter den Opfern der Kämpfe um die marxistischen Hochburgen.
Preß bürg, 13. Febr. (DNB.) Von Teil- nehrnern der Kämpfe der beiden letzten Tage in Oesterreich bzw. von Augenzeugen erhält man hier Berichte, die in einer ganzen Reihe von Fällen mit den amtlichen Verlautbarungen der Wiener Regierung nicht in Einklang stehen. Recht heftig tobten danach die Kämpfe um die gedehnten Wohnbauanlagen derGemeindeWien, der Wohnhausanlage von Sandleithen, die sich vom Wiener Gemeindebezirk Hernals nach jenem von Ottakrina hinzieht. Diese Wohnhausanlagen beher- berger Jehntausende von Mietern, meist Arbeiter, wohl aber auch Angestellte. Mehr als die Hälfte dieser Mieter kann den Marxisten zugezählt werden, der Rest den Nationalsozialisten, die sich am Kampfe nicht beteiligten, trotzdem aber die Gebäude nicht verlassen konnten, weil sie teils durch die schwerbewaffneten sozialdemokratischen Schutzbündler, teils durch die Belagerung von Polizei und Militär daran gehindert wurden. Unter den Hunderten von Toten und Verwundeten, die in diesem riesigen Ge- bäudekomplex eingeschlossen sind, befinden s i ch auch zahlreiche unschuldige, an den Kämpfen überhaupt nicht beteiligte Opfer, die selbst Antimarxisten waren. Nachdem eines der vielen Häuser aus diesem Komplex am frühen Dienstagnachmittag von Polizei und Militär besetzt worden war, erwies es sich daß es bereits vollkommen zusammengeschossen und sämtliche Insassen entweder tot oder schwer verwundet worden waren. Erst dann gelang es der Exekutive, dieses zur Ruine geschossene Gebäude
zu besetzen. Unausgesetzt fahren Sanitätsautos und Leichenwagen vor, um die Opfer fortzuschaffen.
Besonders heftig tobten d i e Kämpfe um das Arbeiterheim in Ottakring, das gleichfalls als Festung ausgebaut erschien. Es verlautet gerüchtweise, daß die Explosion des im Bezirk Ottakring gelegenen Gasometers von Artillerie der Regierung durch einen Fehltreffer erfolgte. Nicht minder heftig waren die Kämpfe um die größte Ge- meindewohnbauanlage von Wien in Heiligen- st a d t und um den Bahnhof dieses Vorortes. Die Polizei stürmte mehrmals den Bahnhof, der im Laufe des Tages mehrmals den Besitzer wechselte. Auf beiden Seiten müssen Dutzende von Toten und Verwundeten geblieben fein.
Der Karl-Marx-Hof. dieser einer mächtigen natürlichen Festung gleichende Wohnbaukomplex wurde Dienstag in den Nachmittagsstunden unter Artilleriefeuer genommen. Die Marxisten erwiderten das Feuer heftig. Einige Gebäudeteile wurden vom Artilleriefeuer umgelegt. Was alles . unter den Trümmern liegt, läßt sich gar nicht fest- j stellen. Auch hier wohnen zahlreiche Nicht- । m a r £ i ft e n, die die Opfer der Kämpfe wurden. 1 In den Vormittagsstunden fuhr in gedeckten Stel- i langen eine Batterie Feldhaubitzen auf, die den S ch l i n g e r h o f unter Feuer nahm. Bis zur Mittagsstunde tobte der Kampf auf beiden Seiten. Aufforderungen, sich zu ergeben, schlugen die Aufständischen rundweg ab. Auch waren die Nichtmarxisten eingeschlossen und die unbeteiligten
I Opfer.
Auch im Lande noch schwere Kämpfe.
Preßburg, 13. Febr. (DNB.) In Linz waren nach den hierher gelangten Meldungen noch am Dienstagvormittag die Kämpfe bei der Werft „Clirnax" sowie bei dem Linz beherrschenden Freiberg besonders heftig. Am Freiberg liegt das Jesuitenkloster, am Südwestabhang stehen die Pulvermagazine, die es den Aufständigen besonders angetan haben sollen. Die Kämpfe um das sozialdemokratische Parteiheim waren grauenvoll. Man spricht in Linz im Gegegensatz zu den amtlich 24 als tot gemeldeten Personen von mehr als 60 Toten und über 100 zum großen Teil schwer Verletzten. Die Kämpfe um die Südbahn waren besonders schwer, aber auch die in der Nähe des Krankenhauses. Die erst kürzlich erbaute Disterberg-Schule wurde von Artillerie beschossen. In den äußeren Stadtteilen von Linz tobte der Kampf zwischen 15 und 16 Uhr noch unentschieden hin und her.
Recht übel für die Regierung liegen die Dinge offenbar in Steiermark. Eine Telephonverbindung besteht von dort nach den übrigen Ländern nur aus dem Ennstal. Darüber hinaus nach dem Süden hin ist man auf Nachrichten angewiesen, die von Motorradfahrern weitergebracht werden. Den erfolgreichsten Kämpfer gegen den Marxismus, den bekannten Gendarmerieoberstleutnant Meisner, hatte die Regierung Dollfuß vor 14 Tagen gleich einer Reihe anderer nationalsozialistischer Führer grundlos verhaftet und ins
Konzentrationslager gebracht. Darum herrscht noch jetzt in der Steiermark die größte Aufregung und Empörung, weiß man doch, daß zur Zeit, als man die Nationalsozialisten massenhaft verhaftete und einkerkerte, förmlich vor den Augen der Regierung die Aufrüstung der Sozialdemokraten erfolgte. Dies erklärt auch die große Anzahl von Toten.
In B r u cf an der Mur waren die Marxisten noch Dienstagmittag vollständig Herr der Lage. Die Exekutive, durch Ueberanstrengung und zahlreiche Verluste geschwächt, erwies sich als völlig ohnmächtig. In Steyr war der Kampf äußerst hart. Der Schutzbund ist mit modernen Karabinern, Maschinenpistolen und Handgranaten und mit guten Uniformen ausgerüstet. Seine Stärke schätzt man auf rund 2000 Mann. Die Stellung des Schutzbundes lag unter schwerem Haubitzenfeuer, durch das auch vier Häuser zerstört wurden. Dann wurde diese Stellung mit Unterstützung von Maschinengewehren gegen 16 Uhr durch Truppen des Bundesheeres aufgerollt. Ein Drittel der Schutzbundabteilungen soll sich ergeben haben, der Rest zog sich zurück. Unter den Verhafteten befand sich auch der Bürgermeister S i ch e l r e d e r, der hier I bas Kommando geführt hatte. Auch außerhalb der Stadt dauert der Kampf noch an mehreren Stellen an.
Was wird in Oesterreich?
Oer Nationalsozialismus fordert das Selbstbestimmungsrecht für das österreichische Volk.
Berlin, 14. Febr. (DNB.) Unter obiger Heber» fchrifi heißt es in einem Artikel der Nationalsozialistischen Parteikorrespondenz u. a.:
Die blutigen Ereignisse in Oesterreich haben mit einem Schlage die unhaltbaren politischen Zustände in diesem Lande aller Welt offenbar gemacht. Diejenigen, die den Nationalsozialismus als Träger des Bürgerkrieges und als Gefahr für den Bestand des Staates vor der Welt denunzierten, haben sich nun selbst als die Schuldigen an der Katastrophe erwiesen. Es gibt nur eine Möglichkeit, dem Chaos in Oesterreich unmittelbar ein Ende zu setzen und damit diesen Brandherd in Mitteleuropa auszutreten. Sie besteht darin, unverzüglich einen Schlußstrich unter das Willkür- regiment Dollfuß - Fey zu ziehen und dem österreichischen Volk selbst das Bestimmungsrecht über sein Schicksal in die Hand zu geben. Zu einer wirklichen Befriedung und Gesundung des österreichischen Staates bedarf es keiner höchst zweifelhaften internationalen Hilfsstellung durch den Völkerbund, sondern das österreichische Volk ift allein
in der Lage, seine Verhältnisse zu ordnen, wenn sich ohne Zögern diejenigen Kräfte zusammenfinden, die das Recht haben, das Volk in Oesterreich zu Der treten und eine Regierung zu bilden, die alle diejenigen Elemente ümfaßt, die willens sind, einer solchen grundlegenden Neuordnung der politischen Verhältnisse in Oesterrdich ihre Unterstützung zu geben, und die über die Kräfte verfügen, sie gegen jeden Angriff zu verteidigen. Die Legitimation einer solchen Regierung konnte nur in einem sofortigen Appell an das österreichische Volk liegen. Damit würden endlich die legalen Kräfte an die Stelle von illegalen Abenteurern treten, die Oesterreich heute zum Schauplatz chaotischen Bruderkrieges zum Schaden des Volkes machen. Die Nationalsozialisten Oesterreichs, deren Kraft und Stärke im deutschen Volke Oesterreichs unangreifbar verwurzelt ist, wissen mit der gleichen Sicherheit, daß ihre Stunde kommen wird, wie sie wissen, daß Dollfuß' Stunde geschlagen hat. Je eher und schneller sie kommt, um so besser für das schwergeprüfte österreichische! Volk.
Das Echo im Ausland.
London übt scharfe Kritik an Dollfuß
London, 14. Febr. (DNB.-Funkspruch.) Die Ereignisse in Oesterreich nehmen das Hauptinteresse der Blätter in Anspruch. Es wird zwar nicht bezweifelt, daß die Regierung Dollfuß doch schließlich Herr der Lage werde, aber man hebt hervor, daß sie sich sehr schweren Problemen gegenübersehen Dürfte. Im „News Chronicle" wird von Gerüchten berichtet, nach denen das DiplomatifcheKorps in Wien an Dollfuß heranzutreten beabsichtige, um das Ende der Feindseligkeiten herbeizuführen, die in einigen Bezirken zur Abschlachtung Unbewaffneter, barunterjyrauen, geführt hätten. Der konservative „Daily Telegraph" schreibt, die Gegner der Sozialisten hätten nicht geschickt operiert. Sie hätten ihre Absicht, die sozialistische Organisation zu unterdrücken, schon lange vorher deutlich gemacht und ihnen doch die Möglichkeit zum Widerstand gelassen. Infolgedessen sei eine solche Menge Blut vergossen worden, wie bei keinem Handstreich dieser Art in Europa. „Morning Post" glaubt, daß Dollfuß, wenn er feinem eigenen Willen hätte folgen können, irgendeine Art der Verständigung mit den Sozialisten gesucht hätte. Er habe aber durch den politischen Druck der Nationalsozialisten die Handlungsfreiheit verloren und sich in die Arme der Heimwehr geworfen. Sie habe jetzt den Preis für ihre Unterstützung gefordert. Dies sei die Erklärung der jetzigen Ereignisse.
„Manchester Guardian" schreibt, der Bundeskanz
ler „mit feinen halbverdauten Formeln von einem christlichen Ständestaat" habe sich einer g e - waltsarnen Organisation verkauft in der Hoffnung, daß sie allein Oesterreich vor den Nationalsozialisten retten könne. Die Heimwehr werde sich sicherlich über ihren „Sieg" über den Austromarxismus freuen, aber sie habe, obwohl sie sich dessen vielleicht nicht bewußt sei, einen großen Schlag für den Nationalsozialismus getan. — Das Rothermere-Blalt „E v e- n i n g News" schreibt: Die Berichte über die Kämpfe in Oesterreich werden selbst die eingeschworensten Feinde Hitlers davon überzeugen, daß diese Angelegenheiten in Deutschland besser geregelt werden. Die schweren Verluste waren viel größer als bei irgendeinem Zusammenstoß zwischen Hitlers Braunhemden und seinen roten Widersachern. Kein Land in Europa könne sich die kostspielige Zwecklosigkeit der Sozialdemokratie oder die mit ihr verbundene Zeitverschwendung und das teure parlamentarische System so wenig leisten wie Oesterreich. Wiederum verlasse ein Land bas parlamentarische System und wende sich mit neuer Hoffnung dem Faschismus zu. „Die Zeit schreitet vorwärts."
Die Arbeiterpartei und der Gewerkschaftskongreß gaben eine gemeinsame Erklärung heraus, in der es u. a. heißt: „Die österreichische Arbeiterbewegung leistet dem Angriff einer erbarmungslosen Diktatur Widerstand. Die österreichische Regierung kann nicht einmal auf dieUnterftützung von mehr als einem kleinen Teil des Volkes Anspruch erheben. Die Verfassung ist an die Seite gesetzt
worden, das Parlament ist für beinahe ein Jahr nicht einberufen worden. Schlag auf Schlag ist gegen die grundlegenden bürgerlichen und politischen Freiheiten des österreichischen Volkes geführt worden. Die österreichische Arbeiterbewegung hat ihr Aeußerstes getan, um den Bürgerkrieg zu vermeiden. Die österreichische Regierung hat darauf bestanden, diesen heroorzurufen." — Zum Schluß wird die Solidarität mit den österreichischen Arbeitern und ihren Führern im Kampf um die demokratischen Einrichtungen ausgesprochen und moralische und finanzielle Hilfe der englischen Arbeiterbewegung angeboten.
Auch Paris ist unzufrieden
Paris, 14. Febr. (DNB.-Funkspruch.) Die Ereignisse in Oesterreich finden in Paris große Beachtung. Interessant ist eine Enthüllung des „Echo de Paris". Seit langem, so -schreibt das Blatt, sei Dollfuß entschlossen gewesen, mit dem Marxismus aufzuräumen. Der Einspruch der französischen Regierung habe die Durchführung dieser Absicht bisher verhindert. Bar- thou habe, als er das Außenministerium übernahm, diesen Einspruch Paul-Boncvurs b e ft ä t i g t. Als am letzten Montag beunruhigende Nachrichten aus Wien eintrafen, hätte aber der Quai d'Orsay leider mit seinem Wiener Vertreter keine Verbindung bekommen können. *
Oesterreich kann, so schreibt „Journal des D ö b a t 5 , nur durch eine klar blickende, energische Politik gerettet werden, von der aber leider nichts z u merken ist. Während Polen dem Dritten Reich freie Hand läßt, verfolgt Italien sein Sonderspiel, das in erster Linie durch seine Feindschaft gegen die Kleine Entente bestimmt wird. England folgt dem Beispiel des Pontius Pilatus. Frankreich ermuntert wohl in seiner am Mon
tag überreichten Note Oesterreich, sich an den Völkerbund zu wenden, aber es sagt nicht, ob es die feste Haltung einnehmen will, die allein die Lage retten kann. „Das ist schlimmer als Sadova (Königgrätz)!" schließt das Blatt seinen Kassandraruf. Die Dollfußsche Völkerbundsaktion
London, 14. Febr. (DNB. Funksvruch.) Vielfach wird in der Presse der Ansicht Ausdruck gegeben, daß die Österreichische Regierung von dem angekündigten Völkerbundsschritt vorläufig Abstand nehmen dürfte. „Daily Telegraph" schreibt zum Beispiel, die französische Regierung ermutige wohl Wien, den Schritt zu unternehmen, aber in britischen Kreisen glaube man nicht, daß er tatsächlich erfolgen werde. Dollfuß bemühe sich zwar um Italien, Rom habe aber schon die ganze Zeit abgeraten, sich an den Völkerbund zu wenden. Die österreichische Regierung sei jetzt ferner beschäftigt, alle sozialistischen und kommunistischen Organisationen, wie das parlamentarische Regime zu unterdrücken. Sie könne sich daher nicht länger auf b a s 5ß o b I« wollengewisserMüchtemit sozial! st i- schen oder halbsozialistischen Regierungen verlassen. Schließlich wünsche der Vorsitzende des Dölkerbundsrates, der polnische Außenminister Beck, ebenso wenig wie Mussolini, daß der österreichisch-deutsche Streit in Genf zur Sprache gebracht werde. Seit Abschluß des polnisch-deutschen Paktes sei Warschau bemüht gewesen, zu vermeiden, sich in irgendeinen Streit zwischen Deutschland und einer dritten Macht hin- einziehen zu lassen ober dabei Partei ergreifen zu müssen.
Frankreichs Antwort auf die deutsche Abrüstungsnote.
Keine Antwort auf die gestellten Fragen. — Barthou lenkt wieder in das alte Fahrwasser ein.
Andeutungen derpariferpreffe
Paris, 14. Febr. (DNB.-Funkspruch.) Die Presse befaßt sich mit dem Inhalt der französischen Abrüstungsnote. „M a t i n" schreibt unter anderem, der neue französische Außenminister Barthou habe dem aus der Zeit Paul-Boncours von den Dienststellen des Quai d'Orsay vorbereiteten Antwortentwurf vollkommen umgearbei- t e t. Der Wortlaut der Note werde veröffentlicht werden, sobald die Wilhelmstraße davon habe Kenntnis nehmen tonnen. Der neue Text sei höf - lich aber entschieden und laufe darauf hinaus, daß die französische Regierung von den deutschen Ausführungen Kenntnis nehme und erkläre, ohne auf di e gestellten Fragen z u antworten, daß es Frankreich nicht möglich fei, irgendeine Maßnahme ins Auge zu fassen, die eine Rüstungsangleichung Deutschlands zum Ziele habe. Die von Barthou ausgearbeitete Antwort sei im letzten Kabinettsrat einmütig g e - billigt worden.
„Petit Parisien" erklärt, jede Aussprache über die deutscherseits gestellten einzelnen Fragen fei solange überflüssig, solange nicht eine Verständigung über die Grundsätze erzielt sei. Das Blatt nimmt in diesem Zusammenhänge ebenfalls auf eine eventuelle Rüstungsangleichung Bezug. „Echo de Paris" glaubt darauf Hinweisen zu können, daß die sranzösische Regierung jetzt lediglick) geneigt sei, an einer allgemeinen Avrüstungsaussprache teilzunehmen, d. h. daß die Verhandlungen in Genf weitergeführt werden müßten. „Oeuvre" will wissen, daß die französische Antwort Ziemlich trocken gehalten sei und sich darauf beschränke, die deutsche Einstellung zum Abrüstungsproblem a b z u l e h n e n. Die französische Antwort werde einige Sätze enthalten, denen zu entnehmen sei, daß Frankreich in seiner letzten Note und in seinem letzten Abkommensentwurf die äußerste Grenze seiner Zugeständnisse angegeben habe.
Das „Journal des D6bäts" glaubt die Auffassung gut unterrichteter politischer Kreise wiederzugeben, wenn es behauptet, man sei sich in französischen Regierungskreisen darüber klar, „daß die Forderungen des Reiches alle nützlichen Verhandlungen unmöglich machten und daß die Verantwortung an einem Scheitern der Abrüstungskonferenz einzig und allein Deutschland zufalle, das feine Rüstungsforderungen aufrechterhalte, ohne überhaupt d i e Garantiefrage anzuschneiden, die für die Festigung der Sicherheit notwendig sei." (!) London stellt Verfiel ung fest.
Geringe Aussichten für den englischen Abrüstungsplan.
London, 14. Febr. (DNB.-Funkspruch.) Zur Abrüstungslage schreibt der „Daily Telegraph": Henderson und seine Kollegen hätten am Dienstag widerwillig zugeben müssen, daß mit dem Amtsantritt der neuen französischen Regie- r u n g eine entscheidende Aenderung in der Abrüstungsfrage eingetreten sei. Dies scheine in der französischen Abrüstungsdenkschrift, die Henderson am Montag erhalten habe, klar gemacht worden zu sein und dürfte noch deutlicher aus der französischen Antwort auf die letzte deutsche Denkschrift hervorgehen. Das Kabinett Doumergue werde es a b l e h n e n, einer baldigen Aufrüstung Deutschlands ober einer Abrüstung Frankreichs zuzustimmen. In weiten Kreisen glaube man, daß diese französische Politik die Aussichten des britischen Abrüstungsplanes gefährde. Es werde vielleicht sogar schwer fein, sie mit den weniger weitgehenden Bestimmungen des italienischen Planes zu versöhnen.
Der Pariser Korrespondent der „Times" meint, daß die französische Antwort auf die deutsche Denk- schnst zwar die Tür für weitere direkte Verhandlungen nicht schließe, aber den deutschen Standpunkt in allen wichtigen Fragen u n« annehmbar finde. Es bestehe reichlich Grund zu der Annahme, daß die französische Regierung in dieser Beziehung eine etwas ft eifere Hal- t u n g einnehmen werde als ihre Vorgängerin. Aber sei es nicht überraschend, zu hören (wenn auch noch keine amtliche Bestätigung oorliege), daß die französische Regierung auf den unbedingten Sicherheitsgarantien beharre und jedes weitere Abrüsten Frankreichs ablehne, falls es von irgendwelchem deutschen Aufrüsten begleitet fei?
Man glaube auch, daß die französische Regierung daraus bestehen werde, die deutschen Verbände bei jeder Berechnung der Mannschaftsstärke mitzuzählen. Endlich nehme man an, die französische Regierung habe zu verstehen gegeben, daß die jetzige Lage nicht unbegrenzte Zeit fortbauern könne unb baß eine entscheibenbe Lösung in ber nahen Zukunft gefunben werben müsse.
Edens Sn-ornwtionörcife.
Genf, 13. Febr. (DNB.) Das Dölkerbundssekre- tariat teilt mit, baß bas Büro her Abrüstungskonferenz in Lonbon beschlossen habe, bas Präsidium der Abrüstungskonferenz zum 10. April ein» zuberufen. Man sei der Ansicht gewesen, daß es bet dem gegenwärtigen Stand der Abrüftungs- frage unmöglich sei, Entscheidungen zu treffen, da diese die vorgesehenen Verhandlungen des englischen Lordsiegelbewahrers Eden in den Hauptstädten ungünstig beeinflussen könnten. Falls eine an den Verhandlungen beteiligte Macht es wünschen sollte, könnte die Tagung des Präsidiums auch bereits vor dem 10. April stattfinden. Wie Reuter meldet, wird Eden am 16. Februar nach Paris abreisen. Er beabsichtigt, sich am 19. Februar nach Berlin und am 21. Februar nach Rom zu begeben.
Wieder Nutze in Paris.
Das Kabinett Doumergue stellt sich der Kammer vor.
Paris, 14. Febr. (DNB. Funkspruch.) In den Wandelgängen ber französischen Kammer herrschte am Dienstag trotz ber bevorstehenden Vorstellung ber Regierung Doumeraues nur wenig Leben und Treiben. Gruppen von Abgeorbneten besprachen die allgemeine Lage, man war sich im allgemeinen darüber einig, daß die Partei st reitigkeiten nun endlich einer nutzbringenden Arbeit Platz machen müßten. Es wurde sogar in Erwägung gezogen, den früheren Ministerpräsidenten D a l a b i e r zu bitten, in ber Donnerstagsitzung ber Kammer nicht zu erscheinen, da seine Anwesenheit möglicherweise zu ernsten Zusammenstößen zwischen ber Rechten unb ber Linken führen könnte. Außerbem will man im Interesse ber Wie» berherstellung ber Ruhe an ben Abgeorbneten H e n- r i o t herantreten unb ihn bitten, seinen Jnterpella- tionsantrag auf gerichtliche Verfolgung Dalabiers unb seiner verantwortlichen Minister wegen ber Unruhen fallen z u lassen-. In gut unterrichteten parlamentarischen Kreisen rechnet man bamit, daß die Regierung Doumergue am Donnerstag eine Mehrheit von etwa 450 Stimmen auf sich vereinigen werde.
Hessens Finanzlage Ende Dezember 1933.
LPD. D a r m ft a b t, 13. Febr. Nach dem amtlichen Ausweis stellt sich bie Finanzlage des Landes Hessen Enbe Dezember 1933 im laufenben Rechnungsjahr wie folgt: Im orbentlichen Haushalt finb 54,1 Mill. Mark Einnahmen verzeichnet unb zwar aus 23,894 Mill. Mark Reichssteuern unb 28,633 Mill. Mark ßanbesfteuern, von benen 11,176 Mill. Mark an die Gemeinden über» wiesen werben, aus Überschüssen ber Betriebe 0,884 Mill. Mark, aus ber Rechtspflege 1,784 Mill. Mark, aus Schule, Wissenschaft, Kunst unb Kirche 0,194 Mill. Mark unb aus ber übrigen Canbes- oerroaltung 9,882 Mill. Mark.
Die Gesamtausgaben Ultimo Dezember betragen 58,587 Mill. Mark unb zwar für allgemeine Verwaltung einschl. Polizei 8,724 Mill. Mark für Rechtspflege 5,381 Mill. Mark, für Verkehrswesen 0,154 Mill. Mark, für Schule, Wissenschaft, Kunst unb Kirche 17,899 Mill. Mark, für soziale Maßnahmen unb Gesundheitswesen 3,942 Mill. Mark, für bas Wohnungswesen 0,001 Mill. Mark für Schulbendienst 3,052 Mill. Mark, für Ruhegehälter 12,171 unb für sonstige Ausgaben 7,263 Mill. Mark.
5m außerordentlichen Haushalt stehen 0,907 Mill. Mark Einnahmen 1,963 Mill Mark Ausgaben (darunter 1,240 Mill. Mark für Woh- nungsroefen) gegenüber.
Der Monatsausweiv stellt, wie bas Staats- preffeamt bazu mitteilt, bas Ergebnis eines Monats bar, in bem keine Lanbessteuern fällia waren. Das Zurückbleiben der Einnahmen um


