MM MM.
Roman von Gert Rothberg.
Urheberrechtsschutz: Fiinf-Türme-Derlag, Halle (S.).
13. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Olga Schieber wußte auch, daß sie sich keine Hoffnungen zu machen brauchte. Und für eine leichtsinnige Liebelei war sie sich zu schade, und sie sagte ihm das auch. Sie sagte ihm frei und offen, daß sie an der ersten furchtbaren Enttäuschung fast zugrunde gegangen war, und daß sie nie wieder einem Manne vertrauen könne.
Da hatte er gelacht. Ein frohes, übermütiges Lachen, hatte das Glas erhoben:
„Recht haben Siel Dreimal recht! Aber wir zwei, wir wollen uns heute abend ein paar vergnügte Stunden machen, und Sie sollen ohne Reue daran zurückdenken können. Sie sind ein lieber, vernünftiger Kerl. Sie imponieren mir. Also auf eine selbstlose Freundschaft am heutigen Abend."
Die Kelche stießen zusammen.
Die Berani sah herüber. Wie sich diese Schieber in den geschenkten Sachen benahm! Die dachte wohl, sie sei etwas! Aber der Seeoffizier dort drüben schien zu viel getrunken zu haben. Die Schieber war weder schön, noch interessant. Sie begriff ihn nicht. Er war ein großer, fescher Mann, und er konnte wahrhaftig andere Ansprüche machen.
Die Berani sah noch mehr. Der Arndt von Berken schaute die kleine Blonde nicht mehr an. Der stand meist neben seinem Freunde Udo Bodenstem. Uebrigens, was hatte denn dieser famose Udo pllrtz- lich für eine abweisende Kälte in seinem hübschen Jungengesicht? Wollte der seiner Dummheit, ihrer Zofe Blumen und Schmuck zu schenken, etwa noch durch sein heutiges Benehmen die Krone aufsetzen? Du lieber Gott, sie hatte sich nichts aus ihm gemacht; sie hatte nur gedacht, sie könne durch ihn etwas über Arndt von Berken erfahren. Aber da hatte sich der liebe Udo ja auch schon um jede Frage herumgedrückt. Was fiel dem Jungen ein? Und sie vermißte ihn doch. Er war ja ganz amüsant gewesen mit seinen feurigen Liebesbeteuerungen Was hatte er nur?
Die Berani winkte sich ihn heran. Und er kam. War ganz aufmerksamer Kavalier.
„Udolein, was ist los? Sie sind ganz anders als sonst."
„Ich kann nicht dafür."
„Habe ich Ihnen etwas getan?"
„Nein! Ich kann nur Fluchen an einer Frau nicht vertragen, gnädige Frau."
„Was sagen Sie da?"
„Ich bin ein Trottel; ich hätte gar nichts sagen sollen. Frauen können die Wahrheit nicht vertragen, und wenn man sie beschwindelt, sind sie böse."
„Sie sind ja unausstehlich. So kenne ich Sie gar
JBenn man heiraten will, ist es die höchste Zeit, unausstehlich zu werden. Schließlich will man doch einen Ehetyrannen rausstecken —wahr.
Da ließ sie ihn einfach stehen. Sie war wütend auf ihn. Denn aus seinen verflixten blauen Augen hatte nur Hohn geleuchtet.
Was fiel denn diesem Flegel ein? Sie wollte ihn nicht mehr beachten. Und die Berani wandte sich dem Prinzen Reizenstein Zu, der mißmutig herumstand. Augenscheinlich war für ihn alles Licht untergegangen, seit die Mila Kranz das Fest heimlich verlassen hatte.
„Na, Hoheit! Es gefällt Ihnen nicht auf meinem ^Gnädige Frau, wie können Sie das denken! Es" gefällt wir ausgezeichnet." .
Der Prinz quälte sich em Lächeln in bas schmale, interessante Gesicht.
Es schien mir so! Natürlich bm ich glücklich, wenn es Ihnen bei mir gefällt. Ich hatte mich sehr gesorgt, als ich hörte, daß Sie in Hannover gestürzt waren, Hoheit."
Er beugte sich überrascht zu ihr. Küßte ihr die
„Zuviel Gnade. Es war nicht allzu schlimm."
Sie stand vor ihm in ihrer rassigen, schlanken Schönheit, und die schimmernde Haut mit dem leich-1 ten Bronzeton fesselte ihn plötzlich stark. Aber diel Liebe zu der blonden Mila Kranz saß vorläufig' noch zu fest. Heute und morgen würde er sie nicht' vergessen können. Aber — Liane Berani konnte ihn fesseln, das wußte er schon jetzt.
Und die Berani lächelte stolz, als er für den ganzen weiteren Abend an ihrer Seite blieb.
Einmal dachte sie: Arndt von Berken gefällt mir! Er gefällt mir mehr, als mir bisher je ein Mann gefiel. Aber ich muß vernünftig fein. Erstens ist j er bestimmt anders als die Männer, die mir zu Füßen liegen, und zweitens muß ich sehen, den Prinzen Reizenstein zu fesseln. Ich brauche eine neue Reklame. Wenn man die Berani plötzlich überall mit dem Prinzen sieht, wird es heißen, die Kranz ist aus verschmähter Liebe verschwunden.
Und die Berani schritt aufrecht und stolz neben des Prinzen schlanker Sportfigur.
Kapitänleutnant von Bodenstein aber sagte lächelnd zu Olga:
„Ihre kleine Freundin? Natürlich nehme ich die gleich mit unter meinen Schutz. Wir gehen noch ins Cafe Hauser! Dort kann man gemütlich sitzen, und getanzt wird auch. Berken mag doch mitkommen und natürlich mein Vetter Bodenstein! Das soll schon noch gemütlich werden."
Olga wäre gern mitgegangen, aber sie war sich ihrer Verantwortung bewußt. Sie mußte mit Käthe nach Hause. Und sie sagte das auch noch einmal ihrem Kavalier.
Der entschuldigte sich auf einige Minuten, hatte keine Ahnung, daß Arndt von Berken und Käthe Randolf sich kannten, und redete drüben auf seinen Vetter und Berken ein.
Die Herren nickten lächelnd.
„Die Olga ist ein famoser Kerl. Ich mochte gern noch ein bißchen mit ihr plauschen. Kommt doch mit. Das Blonder!, das reizende, das nehmen wir auch mit. Und mein lieber Vetter ist halb und halb verlobt. Es ist also nur in Ordnung, wenn der heute das fünfte'Rad am Wagen ist."
Ich denke nicht daran. Zweitens muß ich jetzt ins Hotel. Immerhin kann es möglich sein, daß die Frau Schwiegermama aufpaßt, wann ich passiere.
„Donnerwetter", sagte der Seeoffizier überwältigt, „bist du aber zahm geworden!"
Die Herren lachten, und Udo ging wirklich. Er ging keine Minute zu früh. Als er mit der Droschke vor dem „Kaiserhof" vorfuhr, sah er, daß im Zweiten Stock ein Fenster geöffnet wurde und die Mama heraussah. Er grüßte scheinheilig hinauf, worauf sich die weiße Spitzenhaube sofort zurückzog.
Udo aber ging vergnügt durch die Halle und ließ sich dann hinauf zu seinem Zimmer fahren.
SiebentesKapitel.
Im Cafe Hauser klangen süß und schluchzend die Geigen. Es war zwei Uhr nachts. Aber hier war erst gegen drei Uhr Schluß. Und verschiedene Paare kamen noch lachend ober schwatzend herein. Die noch kamen, waren in bester Laune, und die schon, den ganzen Abend hier waren, die waren es erst recht.
Die ungarische Kapelle war hervorragend. Und die schweren, dunkelroten Samtvorhänge schlossen die einzelnen Abteile dicht ab vor den Blicken Zudringlicher.
Der Kapitänleutnant von Bodenstein tanzte jede Tour mit Olga. Und sie lachten und scherzten. Arndt von Berken aber saß mit Käthe Randolf in einer Ecke, und er hatte sie gefragt:
„Gefällt Ihnen dieses Leben hier in Berlin?"
„Dieses Nachtleben gefällt mir ganz gewiß nicht. Ich bin viel lieber in Frau Kulicks kleinem, bescheidenem Heim."
„Ja, wie kamen Sie dann aber heute in den Salo« der Berani?"
„Ich weiß es nicht. Meine Freundin Olga kennt sie schon lange, verehrt sie sehr, und wenn einmal etwas schief geht, braucht sie sich nur an die Berani zu wenden. Sie hatte uns nun für gestern abend zu sich geladen. Ich habe aber das Gefühl, daß wir irgendeinem Zweck dienen sollten."
„Das ist wohl möglich! Kamen Sie nach Berlin, um Filmschauspielerin zu werden?"
„Nein! Nein! Ich habe — meine Tante hatte mich in unserer kleinen Heimatstadt in einem großen Büro kaufmännisch ausbilden lassen. Ich habe auch die Handelsschule besucht. Ich kann Stenographie und Schreibmaschine. Auch Buchführung. Und ich war längere Zeit arbeitslos. Meine Tante aber lebt auch in armseligen Verhältnissen und geht
waschen und scheuern zu fremden Menschen. Ich konnte ihr nicht noch zur Last sein. Sie muß ja schon feit Jahren den Onkel mit ernähren. Da bin ich gegangen. Ich habe es aber meiner Tante gesagt, und sie war einverstanden. Sie gab mir noch Geld. Und ich hoffte, in Berlin in einem großen Büro oder auch in irgendeinem kleinen Arbeit zu finden. Sie — ich fuhr damals--gerade nach
Berlin." ,
„Ich verstehe! Darf ich noch mehr wissen?
„Ich stand dann am Bahnhof und wußte nicht wohin und hatte solche Angst. Da kam eine kleine, alte Dame und sagte, ich könnte bei ihr für ein Billiges wohnen. Da bin ich mitgegangen. Es war unsere gute Mama Kulick. Eine Woche konnte ich bezahlen, dann hatte ich nichts mehr. Aber sie hat mich trotzdem bei sich behalten. Und bei ihr wohnt noch Olga Schieber. Sie wurde meine Freundin und hat mir die Stellung als Filmkomparsin verschafft. Sie tut denselben Dienst im Atelier. Und — und die Berani hat uns Kleider geschenkt!"
„Ach so!"
Um seinen Mund lag ein sonderbares Lächeln.
Käthe sah vor sich nieder, wagte nicht, ihn anzusehen. Er würde doch nun bloß über sie lächeln, die ihm als Filmnachwuchs vorgestellt worden war, und die nun eingestehen mußte, daß sie eine der vielen Nullen war, die es beim Film gab.
; Er dachte nach.
Verantwortung war es immerhin. Die Kleine war schön, das war nicht zu leugnen, und vielleicht machte sie doch eine ganz gute Karriere? Wer konnte das heute wissen? Wenn man sie herausriß, in die ländliche Stille eines Gutes als Sekretärin verpflanzte — wer weiß, ob das kleine Mädel die ganze Wohltat nicht dann später verwünschte und sich zurücksehnte in die schillernde, bunte Welt, die sie nun einmal tennengelernt hatte, wenn ihr auch das Schlimmste bisher erspart geblieben war.
„Fräulein Käthe, wenn Sie heute plötzlich einen ! Posten angeboten bekämen — sagen wir, als Guts- । sekretärin — würden Sie diesen Posten annehmen? Sie müßten sich natürlich darüber klar sein, daß es , ein nüchterner Beruf ist dem jetzigen gegenüber, und daß Sie vielleicht bann doch nicht wieder zurück könnten, wenn das Verlangen wieder über Sie I kommt."
Käthe Randolf sah den Mann an mit den schönen, klaren Augen. Und er las in diesen klaren Mädchen* äugen wie in einem Buche. Käthe sagte:
„Ich wäre unendlich dankbar, wenn ich diesen Posten bekäme. Ich habe die Natur, die Felder und Wälder so lieb. Ich verzichte gern auf das Nachtleben, wenn ich dafür einmal Rehe sehen könnte. Und ich will mir Mühe geben, den Posten auszu- füllen. Ich würde mich ganz gewiß nicht mehr zurückfehnen."
„So!"
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