Nr. 213 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Dberheffen)
Mittwoch, 12. September 1934
Was gibt es Neues in der Medizin ?
Don Dr. v. Wölffel.
Wie schütze ich mich vor Pilzvergiftung?
Wer selber Pilze sucht, setzt sich natürlich leichter der Gefahr einer Pilzvergiftung aus als der, der Pilze kauft. Doch gibt es auch hier in Bezug auf die Behandlung der Pilze noch genug zu beachten. Für den Pilzsucher kommt vor allen Dingen das Gebot in Frage, nur Pilze zu sammeln, die er unbedingt kennt. Die Einzelheiten wird er zwar erst nach langer Hebung beherrschen, aber ein paar Hauptmerkmale, an denen man giftige Pilze erkennt, seien hier genannt. Die drei Arten des Knollenbiätter- schwamms werden zum Beispiel leicht mit den ihnen ähnlichen Champignons verwechselt. Die Blätter- schwämme unterscheiden sich jedoch von den Cham- pignons die weißen Lamellen und durch eine, von einer zerschlissenen Hülle umgebene Knolle am unteren Stielende. Während die Champignons angenehm und sogar aromatisch riechen, haben die Blätterschwämme einen dumpfen Kartoffelgeruch an sich. Auch der Standort ist bezeichnend für die Pilzart. Champignons wachsen nur auf Wiesen oder lichten Waldrändern, die Blätterschwämme dagegen nur im Schatten des Waldes. Der Birkenpilz ist unter Birken zu finden, der Butterpilz an Wegrändern, der Edelreizker mit blutrotem Saft — nicht zu Der» wechseln mit dem Giftreizker mit milchigem Saft — meist unter Wacholdergebüsch. Krempling, Pfefferling und Maronenröhrling wachsen im Kiefernwald.
Neben der genauen Kenntnis der Pilzarten ist es nötig, einfache Vorschriften beim Sammeln und Zubereiten zu beachten. Es dürfen keine Teile von Pilzen ausgenommen werden, die ein anderer fortgeworfen hat. Nasse und weiche Pilze sind zu meiden. Man achte auf Maden und bewahre Pilze nie länger als 24 Stunden auf. Die Pilze sind nur trocken und ausgebreitet zu lagern. Pihgerichte dürfen nicht vom Mittag auf den Abend und nicht von einem auf den anderen Tag aufbewahrt werden. Das Mitkochen von Zwiebeln und silbernen Löffeln sichert nicht immer die Bekömmlichkeit. Tritt nach Pilzgenuß Unbehagen oder Uebelkeit ein, dann gehe man sofort zum Arzt.
Was ist Rheumatismus?
Mit dem Ausdruck Rheumatismus werden die verschiedensten Krankheiten belegt, obwohl Rheumatismus immer nur das äußere Anzeichen für eine solche Erkrankung ist. Für die Heilung des eigentlichen Leidens ist dementsprechend noch nichts getan, wenn lediglich die rheumatischen Beschwerden beseitigt werden. Der Kranke wird sich mit dieser symptomatischen Therapie beruhigen, der Arzt geht der Sache aber auf den Grund. Rheuma- tische Erkrankungen gibt es ungefähr ebenso viele wie die Krankheiten, die Kopfschmerz oder Durchfall als Symptom haben. Nur sind sie den Kranken viel lästiger, weil sie durch das Rheumasymptom größere Schmerzen bereiten und außerdem in vielen Fällen zu langem Krankenlager zwingen. Akuter Gelenkrheumatismus führt zum Beispiel oft zu einem Herzfehler, der chronische Gelenkrheumatismus führt zum Beispiel oft zu einer chckj ch mus zu allmählicher Verkrümmung der Hände und zu Bewegungsbehinderung von Beinen, Armen und Kiefergelenken. Wie Prof. Dr. Siegfried Gräff, Hamburg, in „Forschungen und Fortschritte" aus- führt, müssen zur Verhütung solcher Krankheiten bereits die Bedingungen ausgeschaltet werden, unter denen die Krankheiten zur Entwicklung kommen. Die Bedingungen können durch ererbte Anlage und
erworbene Anfälligkeit gegeben sein, aber auch durch Einwirkungen, die von der Außenwelt Herkommen und unter denen das Eindringen von Krankheitserregern am wichtigsten ist. Von der Bedeutung der erebten Anlage bei rheumatischen Erkrankungen ist noch ziemlich wenig bekannt, dafür weiß man schon mehr über die Infektionskrankheiten Bescheid. Aber auch hier ist man noch nicht bis zur letzten Erkenntnis vorgedrungen, denn über die Namen der Erreger selber gehen die Meinungen der Aerztewelt, nicht nur in Deutschland, auseinander. Es steht also noch die Lösung grundsätzlich wichtiger Fragen aus, denn der akute Gelenkrheumatismus, die rheumatische Herzklappenentzündung mit der Folge des Herzklappenfehlers und der Herzmuskelschädigung, oer» schiedene Formen des chronischen Gelenk- und Muskelrheumatismus verlangen zu ihrer Heilung eine durch gründliche Kenntnisse des Erregers festgelegte Behandlung.
Gesetz zur Bekämpfung der Papageienkrankheit.
Nachdem die bisherigen Maßnahmen gegen die gefährliche, hochfieberhafte Luftröhren- und Lungenentzündung der Papageienkrankheit sich als nicht ausreichend erwiesen haben, wurde vom Reichskabinett das „Gesetz zur Bekämpfung der Papageienkrankheit" erlassen. Wie schlimm es mit dieser Erkrankung stand, geht daraus hervor, daß von hundert Fällen mehr als zwanzig mit dem Tode endeten. Vor ungefähr fünfzig Jahren wurde die Papageienkrankheit zum erstenmal beobachtet und ist seitdem mehrmals eingeschleppt worden. In den letzten Monaten haben sich nun die Erkrankungsfälle so gehäuft, daß das Gesetz notwendig wurde. Danach muß ab 1. Oktober der Handel mit Papageien und Sittichen, den Keimträgern dieser Krankheit, gemeldet werden. Die genaue Buchführung wird zur Pflicht gemacht. Der Händler wie auch der Besitzer der Tiere müssen jeden Krankheits- und jeden Todesfall der Polizeibehörde anzeigen. Diese läßt dann durch den beamteten Arzt die näheren Untersuchungen vornehmen. Jeder, der verendete Tiere vor erfolgter amtlicher Besichtigung beseitigt, macht sich strafbar. Ansteckungsverdächtige Tiere sind auf Anordnung der Polizeibehörden zu entfernen. Aehnliche Vorschriften gelten auch bei menschlichen Erkrankungen oder Todesfällen. Auch hier muß, selbst wenn nur ein Verdachtsfall vorliegt, Anzeige erstattet werden. Danach ist Absonderung der Kranken und Desinfizierung der Oertlichkeit erforderlich. Alle diese Vorschriften sind genauestens zu beachten, da im Unterlassungsfall das Gesetz Strafen vorsieht.
Mr ist etwas ins Ange geflogen!
Einen Fremdkörper im Auge darf man nicht durch Reiben zu entfernen suchen. Meistens wird das Staubteilchen schon durch die Tränen fortgeschwemmt. In manchen Fällen führt das Eindringen von Fremdkörpern in das Auge zu schweren Verletzungen. Hier muß man besonders vorsichtig bei der Behandlung Jein. Ziemlich häufig sind Kalkverletzungen des Auges, die bei dem Arbeiten mit gebranntem oder ungebranntem Kalk, mit Mörtel, Zement und in der Landwirtschaft durch kalkhaltige Düngemittel entstehen. Um die im Bindehautsack liegenden Kalkteilchen zu entfernen, benutzt man am besten einen feuchten Wattebausch. Da aber die eingebrungenen Fremdkörper Schmerzen bereiten und das Auge daher zugekniffen wird, muß man es vor der Behandlung unempfindlich
machen. Diesen Zweck erfüllt eine dreiprozentige Kokainlösung. Man rufe aber auf jeden Fall einen Arzt.
Aime durch die Nase!
Die Nase hat außer ihrer Eigenschaft als Riechorgan noch weitere, gesundheitswichtige Funktionen zu erfüllen: sie ist an der Atmung in entscheidender Weise beteiligt. Bevor die Luft in die tieferen Atmungswege gelangt, durckstreicht sie die Schleimhäute der gewundenen Nasengänge und wird dadurch oorgewärmt. Außerdem wirken die feinen Härchen, mit denen die Nasengänge besetzt sind, als Filter für die Staubbeimengungen, die in den tiefergelegenen Atmungsorganen zum Teil erheblichen Schaden anrichten würden. Durch anhaltend behinderte Nasenatmung können katarrhalische oder entzündliche Reizungen in der Luftröhre und in der Lunge entstehen. Kinder werden oft von einer chronischen Anschwellung der Drüsen im Nasenrachenraum befallen, die sie an der Nasenatmung verhindert. Diese Störungen sollten möglichst rechtzeitig behandelt werden. Entschließt man sich zu spät zur ärztlichen Untersuchung, bann bleibt oft nichts anberes übrig, als bie Drüsen zu entfernen. Das ist aber mit Rücksicht auf bie gefunbheitswich- tige Tätigkeit bet Drüsen nicht gerabe wünschenswert. Atmet bas Kinb beftänbig burch ben Munb, bann gehe man also lieber sofort zum Arzt. Um so
Achtung —
Das Arbeitamt Dortmunb schreibt uns:
Die aus bem Jnbustriegebiet ftammenben Lanb- helfer haben bes öfteren von Haus aus Nachrichten barüber erhalten, baß bie Arbeitsbeschaffung gewaltige Fortschritte macht unb bie Beschäftigungslage sich wesentlich gebessert hat. Wenn diese Meldungen auch zutreffen, d. h. tatsächlich wieder Tausende Arbeit und Brot erhalten haben, so dürfen die Landhelfer aus Dortmund nicht glauben, daß sie nun auch Arbeitsstellen in ihrer Heimat erhalten könnten.
Trotzdem seit Februar 1933 im Dortmunder Bezirk rund 30 000 männliche Arbeitskräfte in Beschäftigung gebracht werden könnten, wurden am 31. August d. I. noch an Arbeitslosen gezählt:
9614 im Bergbau,
4903 in der Eisen- und Hüttenindustrie, 789 im Holz- unb Schnittstoffgewerbe, 464 im Bekleibungsgewerbe,
2517 im Baugewerbe,
1923 im Verkehrsgewerbe,
9337 an ungelernten Arbeitern.
Etwa 80 v. H. ber angeführten arbeitslosen Volksgenossen finb über 25 Jahre alt unb zum größten Teil verheiratet. Viele von ihnen finb schon viel länger arbeitslos, als bie Jugenblichen. Diejenigen Volksgenossen, bie baheim mit Frau unb Kinbern bittere Not in all den Jahren gelitten haben, zu allererst in Brot und Arbeit zu bringen, ist heiligste und dringendste Aufgabe der zuständigen Stellen, insbesondere des Arbeitsamts.
Diese Aufgabe wird in der jüngsten Verordnung des Präsidenten der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung unb Arbeitslosenversicherung vom 30.8. 34 ganz deutlich zum Ausdruck gebracht.
Nach dieser Verordnung dürfen Jugendliche unter 25 Jahren nur noch mit Zustimmung des Arbeitsamtes eingestellt werben. Solange nun noch Jugendliche in der Landwirtschaft unb im Freiwilligen Arbeitsdienst untergebracht werben können, wirb kein Arbeitsamt die Zustimmung zur Einstellung eines Jugendlichen erteilen. Es ist deshalb zwecklos, wenn Landhelfer aus Dortmund ihre Stellung bei den Landwirten
besser, wenn es sich bann herausstellt, baß biß Munbatrnung nur eine bumme Angewohnheit des Kindes ist, bie man mit liebevollem Zureben roieber beseitigen kann.
Krämpfe bei Kindern.
Bei vielen Kinbern ruft schon eine kleine Erkältung ober eine vorübergehende Steigerung der Temperatur einen Krampfanfall hervor. Solche Kinder bringen die Neigung zu Krämpfen gleich auf die Welt mit. Bei Anfällen dieser Art treten gewöhnlich Zuckungen an einzelnen Gliedmaßen, aber auch im Gesicht und am Rumpf, auf. Noch erschreckender auf die Umgebung wirkt das sogenannte Wegbleiben ber Kinder, bas meistens vom zweiten bis zum fünften Lebensjahr vorkommt. Dabei will bas Kinb, von einem plötzlichen Schreck, Zorn ober Aerger befallen, losschreien, bringt aber feinen Ton hervor, sonbern wirb ganz bleich unb stürzt zu »oben. Der Atem setzt aus, unb bas Kinb liegt eine Weile, meist bewußtlos, steif am ©oben. Nach einigen Minuten erfolgt ein tiefer Atemzug, bas Kinb steht auf unb fühlt sich so wohl wie vorher. Man hat es hier mit übermäßiger Reizbarkeit bes Nervensystems zu tun. Hiergegen haben sich einfache, reizlose Kost, Luftbäder, Hautpflege als heilsam erwiesen. Daß dem Kinde heftige Gemütserregungen möglichst ferngehalten werden müssen, dürste jelbstverständlich sein.
Laydhelser!
aufgeben, um in der Industrie Arbeit aufnehmen zu wollen. Hier in der Landwirtschaft haben sie noch ihre Arbeit und ihren Lohn, in Dortmund werden sie noch lange warten müssen, bis sie Arbeit erhalten.
Das ernste Streben unseres Führers und Reichskanzlers ist darauf gerichtet, alle Volksgenossen wieder in Arbeit zu bringen. Auch bie Jugenblichen werben wieder in ihrem alten Beruf tätig werben, zunächst müssen aber bie älteren unb verheirateten Volksgenossen Arbeit erhalten. Für die Jugendlichen ist dies Warten ein Opfer, aber haben die älteren Volksgenossen nicht schon große Opfer im Weltkrieg gebracht? Sind nicht oi? l e Väter und Brüder der Land Helfer noch arbeitslos? Unsere Landhelfer haben sich freiwillig zur Landhilfe gemeldet und dadurch schon ein Opfer gebracht. Sie werden auch weiterhin gerne Opfer bringen, kommt doch auch für sie einmal die Zeit, wo sie daheim wieder Arbeit erhalten werden, soweit sie nicht Lust Haden, in der Landwirtschaft zu bleiben. Diejenigen Landhelfer, die mindestens ein Jahr in der Landhilfe tätig waren, sollen später auch bevorzugt ir Arbeit gebracht werden.
Die Landhelfer mögen bedenken, daß sie durch ihr Opfer mit unb für Adolf Hitler kämpfen für ein neues glückliches Deutschland! kein Land- Helfer wird seine Stelle verlassen, sondern weiterhin mithelfen am Wiederaufbau des deu^ schen Vaterlandes!
Daten für Mittwoch, 12. September.
1808: General August Graf von Werder in Schloßberg bei Norkitten, Ostpreußen, geboren (gestorben 1887). — 1819: Feldmarschall Leberecht von Blücher in Krieblowitz gestorben (geboren 1742). — 1829: der Maler Anselm Feuerbach in Speyer geboren (gestorben 1880). — 1836: der Dramatiker Christian Dietrich Grabbe in Detmold gestorben (geboren 1801). — 1852: der englische Staatsmann Herbert Henry Asquith in Morley geboren (gestorben 1928).
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Vornan von Anny von panhnys.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Derlag, Halle (S.)
15. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Achtzehntes Kapitel.
Eben schlug es von der Bornheimer Kirche fünf Uhr, da schellte Kommissar Schwarz am Türchen des kleinen Hauses, und Frau Olden öffnete. Aus einem Zimmer klangen ungeschickte Klavierübungen, unb Frau Olben fragte nach bem Begehr bes Frembem Der schlug ben Aufschlag seines Rockes zurück, ließ bie Messing-Erkennungsmarke flüchtig auffunkeln.
„Ich bin Kriminalkommissar Schwarz und möchte Herrn Olden sprechen. Es handelt sich um die entwendeten Taler."
„Sooo?" machte die blasse Frau langgedehnt. „Mein Mann unterrichtet gerabe; aber bie Stunbe muß gleich aus sein. Soll ich ihn rufen?"
Er wehrte ab:
„Lassen Sie mich eintreten unb führen Sie mich in ein Zimmer, wo wir uns beibe vorerst unterhalten wollen. Ich habe die Taler bei mir, Frau Olben, unb Sie werben wohl feststellen können, ob es sich um die. bei Ihnen gestohlenen Taler handelt."
„Natürlich kann ich das!" bestätigte Frau Steffi unb forberte ben Kommissar zum Nähertreten auf. Als er bie Hälfte bes ziemlich langen Flurganges durchschritten hatte, verstummten bie einförmigen Klavierübungen. Unb als er eben feinen Hut auf ben Kleiberftänber hängte, öffnete sich dicht vor ihm eine Tür, unb eine sehr einfach gefleibete, mollige Weißblonde, mit keckem Gesicht unb sehr hellen Augen, trat aus bem Zimmer, gefolgt von einem breitschultrigen, grauhaarigen Herrn, ber ihn fragenb ansah.
Schwarz schaute verblüfft auf bie Weißblonbe. Ein bißchen anbers als sonst hatte sie sich ja zureckt- gemacht; bennoch — er ftanb der einstigen „Bella Susina" gegenüber.
Eben sagte Werner Olden:
„Also, auf Wiedersehen am Freitag, Fräulein Zolfmann!"
Der Kommissar lächelte Olden an:
„Sie sind der Herr des Hausey. Musiklehrer Olden — nicht wahr?"
Der Gefragte nickte nur. Sein Gesicht war eine einzige große Gegenfrage.
Schwarz nickte.
„Gut — ich wünsche, Sie in wichtiger Angelegenheit zu sprechen, Herr Olden! Aber vorher mochte iich einen Irrtum richtigstellen. Die Dame, der Sie «anscheinend Klavierstunden erteilen, heißt nicht Zolf-
mann, sondern Susanne Beßler, genannt Suse Beßler."
„Der Mensch ist verrückt!" rief die Blonde wütend unb stülpte bie Kappe mit rafenber Geschwinbigkeit auf, wollte eben überhastig in ihren Mantel schlüpfen. Doch Schwarz legte ihr bie Rechte so fest auf bie Schulter, baß feine fünf Finger wie eine Pranke balagen und den bunten Blusenstoff festhielten.
„Lassen Sie mich los!" empörte sich Suse Beßler.
Er wehrte ab:
„Fällt mir gar nicht ein, Bella Susina! Erst wollen wir uns alle gemeinsam etwas unterhalten."
Werner Olden begriff gar nichts; aber er öffnete weit die Tür zum Musikzimmer, und der Kommissar schob die Tänzerin hinein. Hier klärte sich bald alles. Und Werner Olden mußte einsehen, daß ihm die Taler schon ein paar Tage eher entwendet worden waren, bevor er sie vermißt hatte.
Schwarz lächelte:
„Fräulein Suse Beßler liebt die einfachen Kleider sonst nicht und die einfache Figur auch nicht, außerdem zieht sie sich sonst die Augenbrauen schwarz nach und spielt ganz große Dame; aber hier hat sie nur Klavierschülerin gespielt, wahrscheinlich, um die Taler zu entwenden. Ich meine, mit den Talern muß es schon etwas Besonderes auf sich haben! Sinnlos sind die Inschriften bestimmt nicht."
Suse Beßler wollte heimlich das Zimmer verlassen, aber Schwarz hinderte sie daran.
„Wir gehen zusammen, Fräulein Beßler! Ihr Freund Merten wartet im Präsidium schon sehnsüchtig auf das Wiedersehen mit Ihnen!"
Aus den beiden Verhafteten war nichts heraus- 3ubetommen. Suse Beßler erklärte schließlich, es handle sich um einen Gelegenheitsdiebstahl, weil ihr die Taler so bequem zur Hand gewesen, und „die Dinger wären ja auch wertlos". Sie hatte sie Merten geschenkt, weil ja der für „solches Zeug" etwas Interesse gehabt. Merten gab, in die Enge getrieben, zu, die Taler von der Beßler erhalten zu haben, beteuerte jedoch, daß er geglaubt, sie waren ihr Eigentum. Sie unterstützte seine Aussage, und man konnte nicht recht an ihn heran.
Abends schon machte Kriminalrat Boldt einen Spaziergang nach Sachsenhausen, jenseits des Mains, und berichtete Detlef Weftkamp, daß die Taler bereits wieder nach Bornheim zurückgekehrt waren. v
Detlef Westkamp freute sich sehr und dankte dem Freunde lebhaft. Der lachte:
„Wir haben nur unsere Pflicht getan. Er wurde ernst: „Daß wir diesen Menschen aus der Leihbücherei werden freigeben müssen, ist ärgerlich; aber — na ja aber —, wir können ihn nicht festsetzen, und die Beßler wird auch verhältnismäßig gut davonkommen. Aber dir rate ich, mein Junge, gucke dir Schwiegerpapas Talerchen recht genau an! Die Inschrift hat irgend etwas zu bedeuten. Ich konnte mich ja nicht damit befassen, das ist
Sache des Besitzers. Aber du solltest dich da rühren, Detlef!"
Er aß im Gärtnerhause zur Nacht, und bann begleitete Detlef den Jugendfreund heim. Sie gingen Arm in Arm über den „Eisernen Steg", unter dem die dunklen Mainwasser ihren Weg zogen, und von drüben grüßte der Saalhof, in dem einst Kaiser Karl gewohnt. Sie schritten daran vorbei, gingen den Römerberg hinauf. Friedlich lag der Platz mit den uralten Häusern vor ihnen. Hier schien die Zeit stillgestanden zu haben.
Wenn die nächtlichen Schatten über dem alten Rathause, dem Romer, und den mit ihm vereinten nachbarlichen Patrizierhäusern und den anderen uralten Häusern liegen, die den Platz säumen, wenn das Tagesleben der modernen Gegenwart keinen Mißklang in das Bild mehr bringt, dann versinkt das Jetzt völlig, bann ist bas Einst roieber erwacht, bann weht mittelalterlicher Geist hier, wo noch so vieles echt geblieben. Dann rauscht ber alte Gerechtigkeitsbrunnen laut unb lauter, bann schreiten würbige Ratsherren zur wichtigen Nachtsitzung in ben Römer, bann schaut aus Haus Liechtenstein ein blondes Adelsfräulein zum Sternhimmel auf, seufzt und denkt an ihren Ritter, unb aus ben Gaffen ringsum tönt manchmal ber wuchtige Schritt eines Handwerksmeisters, der aus der „Eule" ober bem „Höfche" vom Schoppen kommt, ober eines fahrenben Gesellen, ber Herberge sucht.
Detlef Westkamp blickte in bie Runbe.
„Wie verzaubert ist bas hier unb weit herum!" Bolbt nickte.
„Wenn man’s mit Phantasieaugen ansieht — ja!" Er machte eine weit ausholenbe Hanbbewegung. „Aber für ben nüchtern Blickenben finb bie Gassen, bie vom Römerberg abzweigen, nicht besonders poetisch. Es gibt viel Bravheit, viel sauberes Kleinbürgertum barin, aber auch viel Schmutz unb Fäulnis in bem engen Gassengewinkel."
Neunzehntes Kapitel.
Werner Olben saß mit Frau unb Tochter beim Nachtessen. Man sprach über bas Ereignis bes Tages, bie Rückkehr ber Taler unb bie weißblonbe Klavierschülerin. Donata erinnerte sich an bie sehr hellblonbe überelegante Dame, bie sie eines Tages, als sie gerabe von Tante Röschen gekommen war, in beren Lokal hatte treten sehen. Die Ähnlichkeit mit Betty Zolfmann war ihr bamals aufgefallen. Nun wußte man ja Befcheib.
Ihr Vater sagte freunblich:
„Morgen kannst bu beinen Liebsten einlaben; es war ja blöbe von mir, ihn zu verbächtigen. Aber zum Glück weiß er ja nichts bavon, unb bu wirst es ihm wohl kaum erzählen, Möbel!"
Donata schüttelte ben Kopf.
„Nein, Vater, bas werbe ich bestimmt nicht tun! Aber —"
„Was benn aber? Hast ja recht, Kinb, es war nicht gut gebacht von mir — so'n Mensch wie 9XMt=
famp hat immer reine Hänbe, ber stiehlt nicht. Aber ber Schein war gegen ihn. Trotzbem hätte ich nicht auf bie Jbee kommen bürfen. Kurz unb gut: ich schäme mich mal roieber morbsmäßig. Damit wollen wir bie Geschichte enbgültig beiseite schieben unb nicht mehr baran tippen. Er gefällt mir unb beiner Mutter sehr gut, ber junge Mensch — unb genau besehen, imponiert er mir, weil er sich so ganz schlicht zum Beruf seiner Väter bekennt unb ben ftubierten Herrn ablegt wie ein Kleibungsstück. Ja, oas imponiert mir, wenn ich mit meinem Mädel auch lieber ein bißchen höher hinaus gewollt hätte."
Er lächelte:
„Er hat aufmerksam zugehört, als ich ihm was vorspielte aus meiner Symphonie. Hab's ihm angesehen: es hat ihn gepackt. Hat mich gefreut, baß er Verstänbnis bafür hat."
Nach einer Weile wieberholte er:
„Also — labe ihn für morgen abenb ein, unb es würbe uns freuen, wenn er feine Mutter mitbrächte zum Abenbbrot. Die vorherige gegenseitige Besucherei können wir uns ersparen."
Er wechselte bas Thema.
„Uebermorgen beginnen schon bie Proben zu meiner ,Milben Jagb'. Ich fahre nach Mainz hinüber, ich muß babei sein —" Er wollte noch etwas sagen, als es anklopfte. Die Aufwärterin, die wöchentlich ein paarmal abends ins Haus kam, weil es Werner Olden tagsüber störte, trat ein.
„Ein Mann wartet draußen auf dem Flur, er sagt, er hätte was Wichtiges zu bestellen."
Werner Olden hatte sich erhoben.
„Er soll reinkommen!"
Ein kleiner, dürrer Mann ftanb gleich barauf auf ber Schwelle. Man kannte ihn. Er war Tante Röschens Faktotum seit mehr als breißig Jahren.
Ganz verstört sah bas magere Altmännchen aus. Sein sonst lebhaft gefärbtes Gesicht war grau
Er brehte seine speckig glänzenbe Mütze zwischen ben Hänben, unb es klang, als meine ber kleine Kerl innerlich, währenb er leise sagte:
„Sie finb boch bie einzigen Verwanbten von Frau Rösche, unb ba bin ich rasch zu Ihne ge- komme — sie is geftorroe, is umgefalle, un be Doktor maant, ,s wär Herzschlag."
Jetzt erhoben sich auch Frau Steffi unb Donata. Die Nachricht schien ihnen unglaublich zu fein. Tante Röschen, bie immer bas blühenbe Leben selbst gewesen war, sollte tot fein? Das war nicht jo rasch zu begreifen.
Fragen bebrängten ben Heiner. Er blickte traurig.
„Ich waaß nix weiter, als baß sie heut vormittag noch g'sunb geroefe is unb heut aroenb umfiel wie ä Bäumche, roo mer mit be Axt umgehaache hat." Jetzt kullerten ihm ein paar dicke Tränen über das faltige Gesicht. „Se ist tot, un ich maan, dees könnt's gar net gerne uff bera Welt, baß so ä Frau aack fterroe muß."
'Fortsetzung folgt.)


