Nr. VA Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Dienstag, 12. Juni 1934
Aus Oer provmzialhauptstaOt.
Hausfrauen sparen für die Arbeitsbeschaffung.
Man hat nicht zu Unrecht die deutschen Hausfrauen mit als den wichtigsten Wirtschaftsfaktor in Deutschland bezeichnet. Es ist nicht übertrieben, zu behaupten, daß 60 bis 80 v. H. des ganzen deutschen Volkseinkommens Tag für Tag durch die Hand der Hausfrau gehen; mit anderen Worten: bei mindestens 30 Milliarden Mark jahrein, jahraus entscheidet der Wille deutscher Hausfrauen darüber, wieviel für Kleider, wieviel für Essen und TrinLen, wieviel für Vergnügen und Reisen und vieles andere ausgegeben werden darf.
Die Hausfrau bestimmt auch maßgebend, ob und wieviel gespart werden soll. Damit aber haben die deutschen Hausfrauen als die „Finanzminister der Familie" eine außerordentliche Verantwortung für die deutsche Wirtschaft. Wir alle wissen, und unser Führer Adolf Hitler hat es zu Beginn der diesjährigen ArbeitLfchlacht dem deutschen Volke erneut verkündet, daß die Millionen unfreiwillig feiernder Volksgenossen wieder in Arbeit und Brot gebracht werden können, wenn zuvor die verdienenden Volksgenossen Sparkapital in genügendem Umfange bereitgestellt haben. Da es nun zum erheblichen Teil an den Millionen deutscher Hausfrauen liegt, ob gespart werden soll oder nicht, haben sie gleichsam das Schicksal der noch Arbeitslosen in Händen.
Glücklicherweise sind die deutschen Hausfrauen schon immer und besonders seit dem Jahre 1933 sich ihrer Verantwortung bewußt gewesen; sie haben Mark auf Mark gelegt und damit jene Milliardensumme an heimischem Kapital zusammentragen helfen, die zum Bau von Wohnhäusern, zur Gewährung von Betriebskrediten an den Mittelstand usw. dient. Sie werden auch, darin sind die berufenen Kreditinstitute der deutschen Wirtschaft sich einig, in diesem Jahr nicht müde werden und die für die Arbeitsschlacht erforderlichen gewaltigen Beträge an die Hand geben. Eins aber wissen auch Deutschlands Hausfrauen, nämlich, daß man das ersparte Geld nicht im Strumpf, im Küchenschrank oder im Ofen aufbewahren darf (wo es von Feuersgefahr, Diebstahl usw. bedroht ist und außerdem keine Zinsen trägt), sondern daß man es einer Stelle anvertraut, die das Geld getreulich verwaltet und es auf dem schnellsten Wege einem Handwerker oder Gewerbetreibenden ausleiht, der damit Aufträge vergeben und somit Arbeitslose einstellen kann. Die deutschen Hausfrauen handeln nach der Erkenntnis, daß sie ihr Geld, soweit sie es von ihrem Wirtschaftsgeld erübrigen können, zu ihrer Sparkasse oder Bank hintraqen und daß sie Kinder und Hausgehilfen zum Sparen anhalten müssen; hierbei sind sie dessen eingedenk, daß zu- nebmend durch das Sparen bei den deutschen Sparkassen und Banken bisher noch von Arbeitslosigkeit betroffene Volksgenossen wieder in den Arbeitsgang der Volksgemeinschaft eingeschaltet werden.
AuSparteiamtlichenBekanntmachungen
Die Ortsgruppe Gießen-Nord hält ihre nächste Ortsgruppenversammlung gemeinsam mit der Ortsgruppe Gießen -Ost am Freitag, 22. Juni, um 20.30 Uhr im Cafe Leib ab. Redner des Abends ist Bürgermeister Pg. Haug.
Die Zellen 2, 3 und 4 der Ortsgruppe Gießen- Nord versammeln sich am Mittwoch, 13. Juni, 20.30 Uhr, in der Wirtschaft Hofmann, Wetzsteingasse 10, zum Zellenabend. SS.-Sturmbannführer Hainbach spricht.
Der NSLB. Kreis Schotten hält am 13. Juni Konferenzen ab und zwar in Schotten (Darmstädter Hof) um 15 Uhr, in L a u b a ch (Schützenhof) ebenfalls um 15 Uhr und in Ulrich- st e i n bei Pfannstiel um 14 Uhr.
Nr. Trompete.
Don Hans B. Wagenseil.
Dr. Trompete war im Konstantinopel der Kriegsjahre eine stadtbekannte Persönlichkeit. Er war einer der beim Deutschen Roten Kreuz-Lazarett beschäftigten Aerzte und hatte seinen Spitznamen daher, daß es ihm offenbar unmöglich war, anders als im lautesten Kommandoton, also gleichsam mit Fanfarengeschmetter, zu sprechen. Mochte nun diese Gewohnheit daher kommen, daß der Doktor gewöhnt war, vor vollen Hörsälen zu sprechen, oder wollte er damit eine gewisse Forschheit betonen, — der Doktor war klein und rundlich! — Tatsache jedenfalls bleibt, daß sich gegen elf Uhr Vormittags vor den Fenstern des Roten Kreuz-Lazarettes ein buntes Völkergemisch zu versammeln pflegte, um den bis auf die Straße hinaus hörbaren Tonfilm der Visite mitzuerleben. Schlag elf Uhr flogen die Flügeltüren auf und mit dem Trompetenstoß: „Guten Morgen, meine Paschi!" betrat Dr Trompete den Saal. Die „Paschi", einfache, anatolische Soldaten, verbeugten sich hieraus, bis hinter die Ohren grinsend, mit einem „Merhaba Pasam!" Der Doktor schaute sich erst mißtrauisch im Kreise um, schoß dann wie ein Eber auf einen Unalücklichen los, brüllte einen Neuankömmling an, bezichtigte die gesamte türkische Armee der Schlappheit und des Simulantentums und brachte es jedenfalls fertig, im Handumdrehen die Bude auf den Kopf zu stellen.
Der Türke liebt im allgemeinen lautes Wesen uno übertriebene Lebhaftigkeit nicht. Trotzdem war der Doktor ein beliebter Mann. Niemand hat em feineres Gefühl dafür, ob ein Mann ein mitfühlendes Herz im Leibe hat, als diese armen wlllkurae- plagten anatolischen Teufel. Hier aber.barg bie rauhe Schale einen goldenen Kern. Kein Mann dieser Armee der nicht, wenn er Urlaub haben wollte sich an Dr. Trompete gewandt hatte. War also einer dieser krummgeschossenen Patienten so weit daß er auf Erholungsurlaub hoffen durfte, ließ e? sch bei Dr. Trompete meldem Der Doktor chi weißen Mantel, sonst aber gestiefelt und gespornt, hockte auf einem Schemel und ließ die Reihe der Bittsteller an sich vorüber defilieren. Nie noch hat es so viele im Sterben liegende eisgraue alte türkische Väter, die in ihrer letzten Stunde nach ihren Söhnen verlangten, gegeben wie zu jener Z°D°r D°,°r." erklärte atfo etwa Ibrahim „Pascha" mit lebhaftem Gebärdensmel, inbem er die Wange wehmütig wie em Zahnleidender m b sinke Hand stützte, „sei krank, sehr Jranf. Doch bei Allah! merhaba Pasa, es ift xnatyc uno Ibrahim mutz iofort hinlausen" — ^rah-mver- anschaulichte Das, indem er trippelnd wie eine Maus
Zungvolkdauerlager bei Meber-Boos.
Um Pfingsten wurden die Ferienlager unsrer Jüngsten eingerichtet und bezogen. Die großen Jungenmassen jener Zeit sind allerdings nun wieder in Schule und Berus, aber ein kleines Dauer- tager bleibt den ganzen Sommer über dort oben im Vogelsberg.
Die gute Zusammenarbeit aller nationalen Dienststellen ermöglicht den Fortgang dieser großartigen Jugendeinrichtung. Die NSV. Lauterbach und die Kreisleitung Lauterbach sorgen in vorbildlicher Weise für die Jungens. Was gab es für große Augen, als Kisten voll Büchsenfleisch, das besonders gern gegessen wird, angebracht worden sind. Die Gesamtkost ist durch diese glänzende Vorsorge gut und reichlich. Für noch größere Abwechslung soll Sorge getragen werden Viel Milch wird den Jungen zu- geführt und zwar als Milchkakao und Buttermilch.
Es ist nicht hoch genug einzuschätzen, welche Werte bei einem solchen Lager für die Gesundheit gewonnen werden. Den ganzen Tag in der kostbaren, klaren Lust unsres Vogelsberges zu verbringen ist ein schönes Erlebnis.
Aber bei aller Verpflegungsoorsorge, Unterkunftsbeschaffung und landschaftlicher Schönheit kann ein Lager unbefriedigend sein, wenn nicht die rechte Leitung vorhanden ist. Der Oberbannführer Blu - menröder und der neuernannte Jungvolkführer im Oberbann Oberhessens Kurt Dikerhof, die sich beständig selbst vom Fortgang des Lagers überzeugen, haben den Gießener Stammführer Helmut Schreiber mit dieser besonderen Aufgabe betraut. Ein disziplinvoller Kameradschaftsgeist ver
einigt Lagerführer und die Jungens. Man spürt einen Jungengeist, der bestimmt in dieser Art noch nicht in allen Lagern vorhanden ist. Die oft ängstlichen Eltern können über diese Einrichtung völlig beruhigt sein. Ja, es ist schon so, daß dem stürmischen Verlangen, noch einmal ins Lager zu dürfen, das bei allen Lagerteilnehmern durchbricht, von den Eltern aber aus Wirtschafts- und Schulgründen leider nicht stattgegeben werden kann.
Es wäre auch merkwürdig, wenn ein echter Jungvolkjunge von dem ganz auf Bubenart eingestellten Lagerbetrieb nicht restlos begeistert sein könnte.
Wer nicht eingeweiht ist, vermag den Gießener Jungbannführer Hannsmuth Grether, der stets begeistert empfangen wird, nicht herauszufinden aus den Jungenreihen, wenn die Jungen abendlich am Feuer fitzen. Obwohl das Lager von allen vier oberhessischen Jungbannen beschickt wird, so ist doch die Leistung der Gießener Führer augenscheinlich. Der Gebietsführer Kramer hat in Änerkennung dieser Tatsache dem Gießener Jungbann neue, große Zeltplane zugewiesen.
Die Nieder- und Obermooser Bevölkerung hat ihrer Bewunderung über das Lager und seiner Führung Ausdruck verliehen. Ueber Pfingsten waren natürlicherweise bei den annähernd tausend Jungen einige Jungenstreiche vorgekommen, die nun aber vergessen sind. Heute sind die Umwohner stolz auf „ihr" Lager und auf „ihre" Jungens. Und die Jungen haben das Stückchen Vogelsberg auch sehr lieb gewonnen. P.
Das Berkehrsgewerbe im Wirtschastsbezirk Heffen.
Eine Anordnung des Landesführers des Verkehrsgewerbes.
Durch Verfügung des Herrn Reichsverkehrsministers sind für die gewerbliche Derkehrswirtschaft folgende Reichsverbände mit der ausschließlichen Vertretung und dem alleinigen Recht der Organisierung beauftragt worden:
1. Reichsfach st and des Deutschen S p e- ditions- und Lagerei-Gewerbes, Sitz Berlin, mit den Fachgruppen: Bahn- spediteure (bahnamtliche Rollfuhrunternehmer), Sammelspediteure, Kraftwagenspediteure, freie Rollfuhrspediteure (Vollmachtspediteure), Auftragsspediteure, Möbelspediteure, Lagerhalter und Binnenumschlagsspediteure.
2. Reichsoerband des Kraftfahrgewerbes, Sitz München, mit den Fachgruppen: Droschkenverkehr, Mietautoverkehr, Omnibusverkehr, Güternahverkehr, Güterfernverkehr.
3. Reichsoerband der Fährbetriebe Deutschlands, Sitz München, mit den Fachgruppen: Schwer- und Baufuhrwerksunternehmer, städtische Vertragsfuhrunternehmer, Abfuhrunternehmer.
Für den Wirtschaftsbezirk Hessen, der umfaßt: Freistaat Hessen, Provinz Hessen-Nassau (Regierungsbezirk Wiesbaden und Kassel) ohne die Kreise Dillenburg und Herrschaft Schmalkalden und ohne die im Kreis St. Goarshausen gelegenen Orte Oberlahnstein, Niederlahnstein, Braubach, Friedrichs- segen, Nievern und Fachbach, sowie ohne den Unterwesterwaldkreis, fordere ich, als Landesführer der obigen Reichsverbände, sämtliche Unternehmer der vorbezeichneten Verkehrsgruppen auf, sich schriftlich zu einem der vorbezeichneten Verbände unter Angabe der Fachgruppe binnen einer Frist von zehn Tagen in meinem Büro, Frankfurt a. M., Handelskammer, Börse, anzumelden.
Ich weise darauf hin, daß laut Verfügung des
durchs Zimmer lief — „und dem guten Alten die Augen schließen." Hier schloß Ibrahim mit den Lidern klappernd die Augen.
„So!" fauchte der Doktor. „Und wie lange glaubst du, daß du zu diesem Zwecke Urlaub brauchst?"
„Sechs Monate," forderte Ibrahim unerschüttert.
„Bist du verrückt?" brüllte der Doktor so, daß die Kaffeetassen auf dem Rauchtischchen schepperten.
Nun aber erläuterte Ibrahim sehr wichtig, wie der Weg mit dem Ochsenkarren allein schon fünf Wochen beanspruche, für drei Schwestern (hier zeigte Ibrahim Daumen, Zeige- und Mittelfinger) je einen Mann suchen (Ring-, kleiner Finger und nächster Daumen) macht wiederum sechs. Also zwölf Wochen, kommt hinzu die alte Mutter . . . (hier spreizte Ibrahim sämtliche Finger) . . .
„Halt, k e s !" unterbrach der Doktor. „Die Mutter wird gestrichen. Zehn Wochen. Abtreten!"
Jetzt wand sich Ibrahim wie ein Derwisch. Er tjeulte und streute pantomimisch Asche auf fein Haupt, bis endlich ein Stoß aus der Trompete von Jericho verkündete, daß ihm drei Monate zugebilligt feien. Damit hatte Ibrahim nicht nur Urlaub, sondern auch das Anrecht auf eine Schachtel Zigaretten erworben. Es hatte sich nämlich der Brauch herausgebildet, daß jeder Mann, der zu Dr. Trompetes Stube gehörte, bei feiner Entlassung eine Schachtel Zigaretten geschenkt bekam. Diese Schachtel Zigaretten war nicht nur eine Schachtel Zigaretten, sondern sie war ein Orden, eine Auszeichnung, das sichtbare Symbol dafür, daß man zu Dr. Trompetes Paschis gehörte.
So weit ganz schön und gut. Aber vor den Preis haben Die Götter den Schweiß gefetzt. Dieser sonst nicht der Gehenna verfallene Ungläubige ritt nämlich neben sonst allen guten Eigenschaften ein Steckenpferd, das den wackeren Muselmanen bei aller Gutwilligkeit restlos unverständlich und bis in die Seele verhaßt blieb. Dieses Steckenpferd war die Folterkammer. Die Folterkammer, oder wie das Runenfchild an der Türe verriet, die „Heilgymnaftikkammer" hatte der Doktor eigenhändig eingerichtet. Es liefen da über allerhand Räderwerk an Schnüren Gewichte, die man mit dem zerschossenen Arm oder Bein auf- und abziehen mußte wie eine Pumpe; es gab einen Barren und sogar ein künstliches Pferd. All das, damit die verletzten Glieder nicht steif bleiben sollten. Nun hätte man ja diesen Unfug dem Doktor zuliebe nut» machen können, wenn nicht nachher Mustapha stundenlang vorgeführt hätte, wie Selim auf dem Pferde gesessen und wie ein böser Dschinn hm und her geritten sei, immer hin und her, ohne auch nur um eines Haares Breite vorwärts zu kommen! Das aber war eine Schmach und eines Mannes unwürdig. Man war doch kein im Tretrad gehender Wasserbüffel!
Herrn Reichsverkehrsministers die Betriebe sich den autorisierten Verbänden anschließen müssen. Es haben sich alle Verkehrsbetriebe bei mir zu melden, gleichgültig, ob sie einem bestehenden Verbände bereits angehören oder nicht, oder ob sie sich in der Zwischenzeit schon direkt bei einem der obigen drei Reichsverbände angemeldet haben.
Dr. W. N i e c z, Landesführer des Verkehrsgewerbes im V^irtschaftsbezirk Hessen.
Das Hausi^rgewerbe in der Stadt Gießen.
Die Polizeidirekti-on Gießen teilt folgendes mit:
Für die Folge müssen alle Personen, die in Gießen wohnhaft find oder eine gewerbliche Niederlassung besitzen, und im Bezirk der Stadt Gießen auf öffentlichen Wegen, Straßen, Plätzen oder an anderen öffentlichen Orten oder ohne vorgängige Bestellung von Haus zu Haus
1. Waren feilbieten oder
2. Waren bei anderen Personen als bei Kaufleuten oder solchen Personen, welche die Waren Herstellen, oder an anderen Orten als in offenen Verkaufsstellen zum Wiederverkauf anbieten, oder Warenbestellungen bei Personen, in deren Gewerbebetriebe Waren der angebotenen Art keine Verwendung finden, aufsuchen, ober
3. gewerbliche Leistungen, hinsichtlich deren dies nicht Landesgebrauch ist, anbieten oder Bestellungen auf solche aufsuchen wollen,
im Besitz eines Hausiererlaubnisscheines fein. Die Erteilung dieser Erlaubnis wird von dem Nachweis eines Bedürfnisses abhängig gemacht. Anträge werden bei den Polizeibezirken entgegengenommen.
Falls Personen, für deren Gewerbebetrieb die vorstehenden Ausführungen zutreffen, im Besitze eines Wandergewerbescheines sind, so benötigen sie außerdem noch einen Hausiererlaubnisschein. Wandergewerbescheine berechtigen nur zur Ausübung des Gewerbes außerhalb des Wohnsitzes oder der gewerblichen Niederlassung. Die Polizeibeamten
Dennoch wagte niemand gegen den Stachel zu löten. Bis denn endlich Mehmet oglu Hassan kam und östliche und westliche Welt heftig aufeinander prallten. Wie Mehmet unter die Soldaten gekommen war, bleibt ein Geheimnis der ottomanischen Werber. Denn er hatte bereits einen von silbernen Fäden durchzogenen Bart, war ein Art Patriarch, ein bereits mit Kind und Kindeskind gesegneter Mann. Jedenfalls hatte Mehmet oglu Hassan einen Durchschuß durch das Ellenbogengelenk des rechten Armes erhalten. Der türkische Feldscher aber hatte ihm den Arm so kunstvoll verbunden, daß er jetzt ein schönes festgewachsenes Dreieck bildete, in das man die Gebetskette, den Tabaksbeutel und zur Not auch den Tschibuk bequem einhängen konnte. Damit war Mehmet zufrieden. Weniger zufrieden war der Doktor. Er hielt dem Patriarchen mit Hilfe des Dragomans einen Vortrag, in dem er ihm die Vorteile der Folterkammer schilderte und ihn dazu verurteilte, alltäglich eine Stunde lang ein Dreipfundgewicht übers Rädchen zu ziehen. Der Sohn Hassans ließ sich diesen Urteilsspruch vom Dragoman erklären und antwortete mit einer entschlossenen Weigerung. Nie noch kamen die Lauscher des Tonfilms mehr auf ihre Kosten! Der Doktor wetterte und schrie, daß sich die Trompetentöne schrill überschlugen. Trotzdem endete es damit, daß Mehmet sich würdig in die Grätsche niederließ, gesunden und kranken Arm über der Brust verschränkte und damit die Unterredung als beendet erklärte. Umdrängt von seinen bewundernden Glaubensgenossen erklärte er später, der Doktor sei nichts als ein ungläubiger Giaur, der sich in Allahs Ratschluß einzumischen erdreiste. Solle sein Arm steif bleiben, so bleibe er es. Kismet!
Der Doktor nun vermochte über diese Beleidigung nicht hinwegzukommen. Von diesem Tage an würdigte er Mehmet oglu Hassan keines Blickes mehr; er übersah ihn einfach bei der Visite. Mehmet seinerseits ließ, wenn der Doktor wutfunkelnd vor- überging, die Hand gemessen durch den Bart rieseln. Darüber vergingen einige Monate. Endlich aber stand auf Namensliste derer, die um Entlassung nachsuchten, auch der Mehmet oglu Hassan — „Paschas".
„Kann entlassen werden!" fauchte der Doktor nur den türkischen Heilgehilfen an.
„. . . Und be—kommt Si—garetten?" fragte die Ordonanz gespannt.
„Don mir aus!" fanfarte Dr. Trompete wütend. Raffte dann aber eilends Bücher und Mantel zusammen, um nicht selbst Zeuge seiner Niederlage sein zu müssen.
Am Nachmittag desselben Tages erlebten die Spaziergänger auf der dichtgedrängten Galata- Brücke ein seltsames Schauspiel. Ein Trupp Urlauber bepackt mit ihren Bündeln, querte eben die
sind angewiesen, bei Zuwiderhandlungen Strafanzeigen vorzulegen.
1543 Studierende
an der Landes-Universität.
Von der Presse st elle der Universität Gießen wird mitgeteilt:
Die Zahl der Studierenden beträgt im laufenden Semester 1543. Im Wintersemester 1933/34 betrug- die Zahl 1831 und im Svmmerseinester 1933 1996.
Konferenz der Geistlichen des evangelischen Dekanats Gießen. Im Markussaal trat am Montag die Konferenz der Geistlichen des Dekanats Gießen zusammen, die von Dekan G u ß m a n n - Kirchberg mit der Losung des Tags und Gebet eröffnet wurde. Sein besonderer Gruß galt dem zum ersten Male in diesem Kreis weilenden Propst Knodt. Nach einer Reihe amtlicher Mitteilungen hielt Landesjugendpfarrer H a a ß einen Vortrag über kirchliche Jugendarbeit. In mancherlei Proben machte er mit dem gesamten Denken der Hitlerjugend Der. traut, die als revolutionäre Volksjugend gewertet sein will. Die Front in den kirchlichen Verbänden ist völlig zu lösen und besonders auch die Christenlehre interessant zu gestalten. Für den Kindergottesdienst sollen auch männliche Kräfte geschult werden. Die Konfirmandenstunde wäre durch Konfirmandenlager zu ergänzen; Sachsen steht mit seinem Konfirmandendienst an der Spitze. Mit Christenlehrpflichtigentreffen hat man schon gute Erfahrungen gemacht. Volksmissionarische Lager werden auch von Hitlerjugend gern besucht. Wer neben der Hitlerjugend steht, kommt auch am besten zu ihr. Die eindrucksvollen Ausführungen wurden durch eine lebhafte Aussprache beantwortet. Den Eindruck der Verhandlungen faßte Propst Knodt in einem Schlußwort zusammen.
Das Alte Testament im Lehrplan der hessischen Schulen. Der Evangelische Preßverband teilt mit: Unsere hessischen höheren Schulen erfreuen sich seit Jahren eines ausgezeichneten Lehrplanes für den evangelischen Religionsunterricht; es ist wohl einer der besten in Deutschland. Aber in doppelter Beziehung hatte er den Anschluß an die neue Zeit verpaßt. Einmal beruhte er auf der Voraussetzung einer dreijährigen Vor- ober Grundschule, so daß die Obertertia als die Konfirmationsklasse behandelt wurde. War dieser Mißstand schon seit langem offenbar, so mußte nach dem Umbruch des vorigen Jahres noch mehr als früher ins Auge springen, daß dem Alten Te st am ent doch ein zu großer Raum gewährt worbe nwar: es trat breimal auf, gleich in ber Sexta, bann roieber in Quarta unb mieberum in Unterfefunba. Das war bes Guten entschieben zuviel, besonbers erscheint es nicht richtig, baß bie kleinen Sextaner ihren ersten Religionsunterricht in ber höheren Schule aus bem Alten Testament erhalten unb nicht sofort zu Jesus geführt werben.
Es finb nunmehr neue Lehrpläne in Vorbereitung, sowohl in Hessen als auch im Reich unb in Preußen unb im übrigen Deutschland Wann diese zum Ziel kommen werden, kann heute noch niemand sagen. Um aber den beiden obengenannten Mißständen sofort zu begegnen, hat das hessische Ministerium im Einvernehmen mit der Kirchenregierung eine vorläufige Ordnung getroffen, wonach in diesem Jahre in Sexta unb Quarta Neues Testament behanbelt werben soll, bie Sextaner, bie im fünften Schuljahre stehen, finb durch- aus imftanbe, bie bisherigen Unterrichtsgegenstände ber Quinta auszunehmen. Ebenso werben bie Quartaner in bie Evangelien eingeführt, um wenigstens barin für den Konfirmanbenunterricht vorbereitet zu fein. Im nächsten Jahre würbe bann, wenn bis
Brücke in Richtung auf Stambul, als ihm, von Pera kommenb, bie runbliche Gestalt Dr. Trompetes entgegenkam. Plötzlich löste sich aus bem Trupp ein bärtiger Mann, stürzte auf ben Doktor los, zelebrierte erst mit ber ganzen umstänblichen Feierlichkeit bes Orientalen einen tiefen Salaam, um bann im Ueberfchwang ber Gefühle ihn zu umhalfen unb einen fchmatzenben Kuß auf beide Wangen zu drücken!
Trompete machte sich heftig schnaubend los, trompetete dem Trupp wütend etwas nach und bekam dafür ein dreifaches Hurra hinterhergeschickt.
»Ihre Durchlaucht die Verkäuferin.-"
Wir haben die Operette „Meine Schwester unb ich" vor längerer Zeit hier auf bem Theater gesehen unb gehört, unb wir fanben bamals, baß das Merkchen mit entschiedenem Talent bemüht war, in Handlung, Text und musikalischem Stil aus den ausgefahrenen Gleisen einer zählebigen Tradition auszubrechen. Die Ufa hat das Stück mit Glück für ben Tonfilm transponiert. Karl Hartl schrieb das Drehbuch unb führte Regie: babei ist der hübsche unb ganz lustspielhafte ©runbgebanfe erhalten geblieben, auch bie besten Melobien von Benatzky würben übernommen, aber bennoch ist etwas Neues herausgekommen mit allerlei heiteren, felbftänbigen Einfällen unb Überraschungen; unb mit einer Ausstattung, nebenbei bemerkt, bie ber Ufa viel Gelb gekostet haben bürfte. Vor allem hat man sich die Beweglichkeit der Kameratechnik zunutze gemacht und ist großzügig ins Freie gegangen, hat sogar einen ansehnlichen Dampfer auf der „Fahrt ins Blaue" als wild schwankenden Schauplatz des zweiten Aktes gechartert und überdies, fast unmerklich, ein paar zeitgemäße kleine Retuschen angebracht. Ein hübscher Regieeinfall, der im Libretto nicht vorkam, war die Einführung des Gartenfestes mit Mozart-Schäfermelodien aus „Baftien und Bastienne", wodurch die Handlung einen musikalisch und szenisch sehr anmutigen Rahmen erhält. Liane Haid ist Durchlaucht und Verkäuferin in einer Person, eben „meine Schwester und ich", ihr eigener Zwilling sozusagen, eine kapriziöse unb kokette kleine Person, bie sich zum Verwechseln ähnlich sieht; am nettesten in ber unmöglichen unb lustigen Schwindel- szene mit Andr6: bas ist Willy Forst, ein unbekümmerter und verliebter junger Mann, der schon in der Operette und auf ben Schallplatten die wohl- gelungenen Hauptschlager sang. Der Komiker Paul Kemp, diesmal von etwas krampfhaftem Humor, Gülstorfs, Tiedtke, Lingen und Meye- rintf spielen auch mit. — Im Beiprogramm zeigt das Lichtspielhaus ein Lustspiel, einen Kulturfilm, die neue Wochenschau und einen Vorspann zu „Inge und die Millionen" mit Wegener und Brigitte Helm.


