dahin keine allgemeine Regelung getroffen worden ist, in Quinta das Alte Testament zu behandeln sein.
Keine irreführenden Preisangaben in Anzeigen!
Das Einigungsamt für Wettbewerbsstreitigkeiten bei der Industrie - und Handelskammer München hat dieser Tage folgenden gu Lacht- lichen Spruch erlassen:
„Die alleinige Hervorhebung des niedrigsten Spitzenpreises durch Fett- oder größeren Druck in Mischanzeigen entspricht nicht den Grundsätzen der einwandfreien Werbetätigkeit." In der heutigen Wirtschaftswerbung ist nur für solche Anzeigen Platz, bei welchen eine Irreführung des Publikums nicht in Betracht kommt. Mischanzeigen mit Blickfang auf den niedrigsten Preis in einer Druckweise, die über die höheren Preise hinwegsehen läßt, sind zur Irreführung des Publikums geeignet.
Eine Bielzahl von Lesern pflegt erfahrungsgemäß die Anzeigen über Warenangebote nur flüchtig zu überlesen; durch den ausfälligen Druck der niedrigsten Preisziffern aber wird die Aufmerksamkeit auf diese hin und von den weniger auffällig gedruckten höheren Preisziffern abgelenkt.
Mischanzeigen dieser Art verstoßen demnach gegen § 1 UnlWG.; sie sind überdies durch die VII. Bekanntmachung des Werberats der Deutschen Wirtschaft vom 21. März 1934, Ziffer 4, ausdrücklich als unzulässig gekennzeichnet.
Wenn in Mischanzeigen die Spitzenpreise durch besonderen Druck hervorgehoben werden sollen, so wird eine Irreführung nur dadurch vermieden, daß in folgender Weise verfahren wird: Sowohl die niedrigsten als auch die höchsten Spitzenpreise erhalten Fettdruck und zwar in gleicher Höhe wie die übrigen dazwischen liegenden Preisziffern.
Drei verdiente polizerbeamte treten in den Ruhestand.
Die Hessische Polizeidirektion Gießen teilt mit:
Mit Ende dieses Monats treten drei allgemein hier bekannte und geschätzte Polizeibeamte in den wohlverdienten Ruhestand. Es sind dies: die Polizeiinspektoren Wilhelm Schwinn, Wilhelm Schmidt und der Kriminalsekretär Wilhelm Seitz.
lieber ihre polizeiliche und sonstige Tätigkeit dürfte folgendes interessieren:
Polizeikommissar Schwinn, der am 14. Oktober 1896 bei der reitenden Batterie des früheren Feldartillerie-Regiments Nr. 25 in Darmstadt eintrat und als Unteroffizier abging, trat am 9. Oktober 1901 als Schutzmann bei dem Polizeiamt Darmstadt ein. Nach vorzüglicher Dienstleistung im Außen- und Kriminaldienst unterzog sich Polizei- inspektor Schwinn im Jahre 1913 der Polizei- kammissarprüfung, die er mit bestem Erfolg bestand. Am 15. November 1918 zum Oberwachtmeister bzw. Polizeimeister befördert, wurde er mit Wirkung vom 1. November 1921 vom Polizeiamt Darmstadt unter Beförderung zum Polizeikommissar nach hier versetzt und mit der Führung des 2. Polizeibezirks, dessen Vorsteher er heute noch ist, beauftragt Seine (Ernennung zum Polizeiinspektor erfolgte am 1. April 1927.
Polizeiinspektor Schmidt trat am 1. Oktober 1897 in die Marine ein und wurde der 2. Matrosen- Division zugeteilt. Aus dem Linienschiff „Woerth" bzw. Artillerie-Schulschiff „Carola" machte er in den Jahren 1900 bis 1901 den Chinafeldzug mit Auszeichnung mit und kehrte im Jahre 1901 als Oberbootsmannsmaat in die Heimat zurück. Im Juli 1901 kam Polizeiinspektor Schmidt zur hiesigen Polizei, war daselbst im Außen- und Kriminaldienst nrit ebenfalls vorzüglicher Dienstfül)rung tätig, um alsdann am 15. März 1921 zum Polizeioberwacht- meifter bzw. Polizeimeister befördert zu werden. Die Polizeikommifsarprüfung legte er im Jahre 1921 mit fthr gutem Erfolg ab, wurde am 1. Januar 1925 zum Polizeikommissar befördert und er
hielt daraufhin die Leitung des 1. PoNzeibezirks, dessen Borsteher er heute noch ist. Die Ernennung zum Polizeiinspektor erfolgte am 1. April 1927.
Kriminalfekretär Seitz diente vorn 16. Oktober 1894 bis 1. Oktober 1899 in der 10. Kompanie des früheren Infanterie - Regiments (2. Großh. Hess.) Nr. 116 in Gießen, als Unteroffizier abgehend. Am 2. Oktober 1899 trat er bei dem Polizeiamt Gießen als Schutzmann ein. Infolge sehr guter Führung wurde Kriminalsekretär Seitz am 1. April 1920 zur Gewerbepolizei kommandiert, um am 1. Februar 1922 zum Gewerbewachtmeister ernannt zu werden. Am 1. Januar 1932 wurde er zum Kriminalsekretär ernannt.
Alle drei, jetzt in den Ruhestand tretenden, aus der alten Schule hemorgegangenen Beamten, haben neben vorbildlicher Dienstauffassung zu allen Zeiten, auch in den schwersten Zeiten ihrer Polizeibeamten- laufbahn, ihren oft nicht leichten Dienst in mustergültiger Weise versehen. Bei den Vorgesetzten wie bei den Untergebenen gleich hoch geachtet, genießen sie auch das volle Vertrauen der Gießener Bevölkerung. Ihr Ausscheiden aus dem Polizeidienst, das in den Fällen Schwinn und Schmidt freiwillig und unter Bekundung des nationalen Interesses, um jüngeren Kräften Platz zu machen, erfolgt, findet, wie bereits gesagt, am Ende dieses Monats statt.
Den überaus pflichttreuen und mit der Polizei eng verwachsenen Beamten wird noch ein langer, bei bester Gesundheit reichgesegneter Lebensabend gewünscht.
Warum ziviler Luftschutz?
Von der Hessischen P o l i z e i d i r e k t i o n Gießen werden wir um die Aufnahme folgender Ausführungen gebeten:
Die Statistik über die Luftstreitkräfte der Rüstungsstaaten besagt, daß zu Beginn dieses Jahres insgesamt 25 000 Kriegsflugzeuge in der Welt start- bereit waren. An erster Stelle steht selbstverständlich Frankreich mit 4500 Apparaten, wobei die kriegs- verwendungsfähigen Derkehrsflugzeuge nicht mitge- rechnet sind. Die Vereinigten Staaten und Rußland verfügen nach dieser Statistik über je 4000 Flugzeuge, es folgt Japan mit etwa 3000 und England mit 2400 Maschinen. In weitem Abstand folgt Italien, bei dem die Zahl 1500 genannt wird. Die Tausendgrenze überschritten haben Polen und Rumänien, wenig darunter liegen Spanien, die Tschechoslowakei und Jugoslawien. Für uns ist die Tatsache bemerkenswert, daß die Deutschland direkt benachbarten Staaten beinahe über ein Drittel der gesamten Kriegsflugzeuge der Welt besitzen. Mit diesem Rüstungsstand ihrer Kriegsflugzeuge geben sich insbesondere unsere Nachdarstaaten aber keineswegs zufrieden. Die vorgeschlagenen Bauprogramme sehen in allen Staaten eine wesentliche Vermehrung der Luftstreitkräfte, in einzelnen Fällen sogar eine Verdoppelung vor. Deshalb ist der zivile Luftschutz in Deutschland eine zwingende Notwendigkeit. Seine Organisation muß jeder unterstützen, der sein Vaterland liebt; wer sie sabotiert, begeht Verrat am Vaterland.
Darum werde Mitglied im Neichsluft- schutzbund. Anmeldungen können erfolgen bei der Ortsgruppe Gießen, Gartenstraße 2, und den Polizeibezirken. Der Jahresmitgliedsbeitrag beträgt 1 Mark.
*
Jugend und Luftschutz. Der Reichsjugendführer sagt: „Erlerne die Regeln des Luft- und Gasschutzes und beherzige sie; du trägst damit wesentlich zur Sicherung deiner Heimat und ihrer friedlichen Arbeit bei.
Oebietsausschuß Oberhessen-Wetterau.
Der Gebietsausschuß Oberhessen.Wetterau im Landesverkehrsoerband Rhein-Main hielt gestern nachmittag unter dem Vorsitz des stellvertretenden Gebietsführers, Bürgermeisters Dr. Hamm (Gießen) im Alten Stadthvus eine Sitzung ab. Nach einem Bericht des stellvertretenden Gebietsführers
Dr. Hamm über die Sitzung der Gebietsführer vor einigen Tagen in Wiesbaden besprach man eine Reihe von werbetechnischen Maßnahmen verschiedenster Art und faßte entsprechend Beschlüsse, von deren Durchführung eine Förderung des Gebietes Oberhessen-Wetterau im Fremdenverkehr erwartet werden kann. Weiter wurde u. a. mitgeteilt, daß der Landes-Derkehrs-Derband Rhein-Main sich jetzt ein eigenes Bilderarchiv schaffen will, zu dessen Ausstattung im Laufe des nächsten Jahres ein Photo-Wettbewerb durchgeführt werden soll. Die Amateurphotographen seien jetzt schon auf diesen Wettbewerb hingewiesen, damit sie im Laufe dieses Sommers geeignete Aufnahmen in Stadt und Land machen. Als Preise für die besten Bildereinlieferun- gen sind freie Ferienaufenthalte bzw. freie Wochen- endbefuche vorgesehen. Ferner soll im nächsten Frühjahr ein Werbe-Preisausschreiben in allen illustrierten Zeitungen Deutschlands erscheinen, bei dem das Gebiet Oberhessen-Wetterau mit etwa 30 Bildern vertrete^ sein wird. Zum Schlüsse der Sitzung wurde noch ein Bericht über die Tätigkeit des Gebietsausschusses erstattet, ferner wurden Fragen der Mitgliederwerbung besprochen.
($icsrcner SBorfu*nin-ir.tvrcisc
* Gießen, 12. Juni. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Süßrahmbutter, das Pfund 1,45 bis 1,50 Mark, Landbutter 1,30 bis 1,35 Mark, Matte 20 Pf., Käse, das Stück 4 bis 10, Eier (inländische) Klasse S 10%, Klasse A 10, Klasse B 9%, Klasse C 9, Klasse D 8, ungestempelte 7%, Wirsing (grün), das Pfund 15 dis 20, Spinat 15, Römischkohl 10 bis 15, Bohnen (grün) 25 bis 30, Spargel 25 bis 40, Erbsen 20 bis 25, Tomaten 45 bis 50, Zwiebeln 15, Rhabarber 8 bis 10, Kartoffeln (alte) 3% Pf., der Zentner 3,50 bis 4 Mark, (neue), das Pfund 12 Pf., Aepfel 20 bis 30, Kirschen 23 bis 25, Erdbeeren 50, Blumenkohl, das Stück 10 bis 45, Salat 8 bis 10, Salatgurken 30 bis 35, Oberkohlrabi 8 bis 10, Lauch 5 bis 10, Rettich 10, Radieschen, das Bund 8 Pf.
BornoNzcn.
— Tageskalender f ü r Dienstag: Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Ihre Durchlaucht, die Verkäuferin".
** Goldenes Arbeitsjubiläum. Am vergangenen Samstag feierte Herr Heinrich Volz, Bahnhofstraße 8, ein seltenes Jubiläum. Es waren an diesem Tage 50 Jahre verflossen, feit er als Geselle bei Herrn Schuhmachermeister Christian
Weeg, dem Vater des jetzigen Geschäftsinhabers gleichen Namens im Neuenweg 11 in Arbeit trat Dem Jubilar, der heute noch rüstig seiner Arbeit nachaeht, gingen zahlreiche Glückwünsche zu, u. a. ein Glückwunschschreiben des Reichspräsidenten von Hindenburg und eine Urkunde der Handwerkskammer Darmstadt. Bei einer schlichten Feier im Caf6 Ebel, zu der die Schuhmacherinnung einae- laden hatte, hob der Jnnungsführer in feiner Ansprache besonders hervor, daß die ununterbrochene Tätigkeit in einer Arbeitsstelle über ein halbes Jahrhundert hinweg nicht nur ein Zeichen seltener Treue fei, sondern auch ein Zeichen der Verbundenheit, die Meister und Geselle in gleicher Weise ehre. Aus dieser Verbundenheit, die heute noch stark im Handwerk verwurzelt sei, hätten sich auch Meister und Gesellen der Innung zusammengetan und ein Geldgeschenk gesammelt. Der Jnnungsführer konnte mit den guten Wünschen der gesamten Innung dem Jubilar einen namhaften Geldbetrag überreichen.
** Der Sunitäfcr fliegt. Wer an sonnigen Junimorgen den schmalen Wiesenpfad hinwandert, sieht verwundert in das hundertfältige Schwirren, Auf- und Niedersteigen der schwärmenden Junikäfer. Im Graswald der hochgewachsenen Wiese zwischen Kraut und Blumen ist ihr liebster Aufenthalt. Weil die Junikäfer in den Monaten Juni und Juli, also um die Sommersonnenwende, fliegen, werden sie auch Sonnwendkäferchen genannt. Bei starkem Auftreten werden die kleinen Verwandten des Maikäfers schädlich, befallen Kohl, Bohnen und Erbsen und tun sich auch im Erdbeerbeet gütlich. Die das Erdreich durchwühlende Larve ernährt sich von Gemüsewurzeln und ist deshalb dem Gärtner und Bauern verhaßt. Der Zoologe kennt den Junikäfer als AmpfiTmallus Solstitialis.
*♦ Oeffentliche Stadtratssitzung. Am kommenden Donnerstag, 14. Juni, 17 Uhr, findet im Sitzungssaal des Stadthauses Bergstraße eine öffentliche Stadtratssitzung statt, für die eine umfangreiche Tagesordnung von 15 Punkten vorliegt.
** Die Zustellungsbescheide über die Kanal-, Straßenreinigungs- und Müll ab fuhr geb ähren betrifft eine Bekanntmachung in unserem heutigen Anzeigenteil.
** Straßensperrung. Wegen Vornahme von Straßenbauarbeiten wird die Ludwigstraße zwischen Riegelpfad und Leihgesterner Weg wird mit sofortiger Wirkung auf unbestimmte Dauer für jeglichen Fahrzeugverkehr gesperrt.
Gedanken zur Verkehrs-Erziehungs-Woche.
Erwachsene Menschen lassen sich nicht gern erziehen. Das Wort allein riecht schon nach Schulmeister, nach Pedanterie und nach dem Gefühl, als Junge behandelt zu werden. Derkehrserziehung freilich ist schon eine Sache für sich. Denn das gibt sich schließlich jeder selbst zu, daß er auf dem Gebiet der Verkehrsdisziplin nicht immer hundertprozentig einwandfrei handelt. Bor allen Dingen aber ist jeder davon überzeugt, daß außer ihm selbst alle anderen Menschen seiner näheren und weiteren Umgebung Verkehrserziehung dringend nötig haben. — Nicht selten freilich trifft man auch die Leute, die mit dem überlegenen Lächeln des Allesbesserwissers darauf Hinweisen, daß es doch bisher auch ohne solche Extratouren gegangen fei. Der Verkehr fordert nun einmal Opfer, Zufall und höhere Gewalt können wir nicht ausschalten, und unvermeidbare Unfälle wird es leider immer geben.
Greifen wir uns einmal diesen letzten Typ der Nörgler heraus. Es sei ihnen ohne weiteres zugegeben, daß es unalückselige Zusammentreffen von unvorhersehbaren Zufällen gibt, die nach menschlichem Ermessen nicht zu beeinflussende Unglücksfälle im Gefolge haben. Wenn aber ein Autofahrer unvorschriftsmäßig fährt, weil er zuviel getrunken hat, und der andere chm nicht mehr aus- weichen kann, weil er mit zu hohen Geschwindigkeiten daherrast, so sind das keine unvermeidbaren
Zufälle, es ist nicht höhere Gewalt, sondern grob- fahrlässiges Verschulden beider Beteiligten. Der eine durfte gar nicht am Steuer sitzen, weil er umnebelt ist, der andere darf nicht solche Geschwindigkeiten fahren, daß er feinen Wagen nicht jederzeit in der Gewalt behält. Derartige menschliche Schwächen und Fehler find nun bei fast allen Unfällen irgendwie beteiligt.
Denn selbst wenn die Unfallursache scheinbar im Material liegt, wenn eine Bremse versagt ober eine Achse bricht, so hat es in sicher drei Viertel der $äUe der Besitzer des Wagens an der nötigen Sorgfalt und an der pflichtmähigen Instandhaltung und Wartung fehlen taffen.
Mit den Aufkommen der Autotechnik und des motorisierten Fahrzeugs haben sich die Zeiten und die Wertungen gegen früher so grundlegend verändert, daß nicht nur der Automobilist, sondern auch der Pferdefahrzeuglenker, der Radfahrer und der Fußgänger sich anders zum Verkehr einstellen müssen. Wenn früher zum Beispiel ein übermütiger Bengel einem Kutscher einen Schneeball ins Gesicht warf, jo war das ein harmloser Dummerjungenstreich. Wenn heute ein lässiger Fußgänger einen Autofahrer „zum Spaß ärgert", so gefährdet er damit in geradezu verbrecherischer Weise Leben, Gesund-
MS mein einst war...
Vornan von Klothilde von Siegmann.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag Halle (S.)
2 Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Zweites Kapitel.
Ein Herr kam aus dem vorderen Teil des Ladens schnell nach hinten. Herr Andersen dienerte, tief und beachtete die jungen Menschen nicht mehr, die durch seine Worte in leise Angst versetzt worden waren.
„Was mag er haben?" flüsterte (Ebele, die jetzt gar nicht mehr hochmütig aussah, sondern wie ein ängstliches kleines Mädchen. „Er sprach so sonderbar, so, als ob er etwas Böses gegen mich oder meinen Vater sagen wollte."
Malte hatte das gleiche Gefühl wie Edele. Aber er mußte sich wohl täuschen. Die Andeutungen von Krämer Andersen konnten doch nicht richtig von ihm verstanden worden sein. Es war doch nicht möglich, daß der Baron auf Swanebloe hier etwas schuldig war. Das war ja Unsinn! Sicherlich hatte sich Kaufmann Andersen einen Scherz erlaubt.
Malte kam nicht weiter zum Nachdenken, denn der Herr, der in den Laden getreten war, kam jetzt im Gespräch mit Kaufmann Andersen auf Edele zu. Es war ein großer, schlanker Mann mit einem markanten Gesicht, in das die Zeit und vermutlich auch das Leben viele häßliche Linien eingegraben hatte. Dennoch war dieser Mann noch nicht alt — vielleicht Ende der Zwanzig.
Er war mit äußerster Eleganz gekleidet, wie man sie hier in der kleinen norwegischen Stadt sonst kaum kannte; ein schwarzer Mantel, mit Pelz reich verbrämt, lag um seine schlanke Gestalt, die etwas vorgebeugt ging, als wollte der Mann mit dem scharfen, spähenden Blick Immer auf irgend eine Beute zustoßen.
„Oh, sieh da, Fräulein Edele!" Er ergriff mit einer übertriebenen höflichen Verbeugung die Hand des jungen Mädchens. „Was machen wir denn hier? Suchen wir uns eine hübsche Puppe aus, die uns das Christkind bringen soll?"
Sein Ton war scherzend, aber es lag eine Heber- heblichkeit darin, die Edele das Bult in das Gesicht trieb. Doch Schlimmeres lag in seinen Augen, und das sah nur Malte, der bescheiden zurückgetreten war, als her elegante Fremde an (Ebele herangekommen war. Malte wußte selbst nicht genau, was es war, aber die Blicke des Fremden krochen über (Ebeles Gestalt hin, wie — wie eine Spinne!, muhte Malte widerwillig denken.
„Mit Puppen spiele ich schon lange nicht mehr, Herr von Liewen!" gab Edele schnippisch zur Antwort. „Die interessieren mich nicht mehr!^
„Und was interessiert bann das Fräulein Edele?" fragte der elegante Herr schmeichlerisch zurück.
Edele zuckte mit den Achseln und drehte sich um. Sie konnte diesen neu aufgetauchten Freund des Vaters, der sich seit einiger Zeit auf Schloß Swanebloe breit machte, nicht leiden.
Aber hier griff der geschäftstüchtige Herr Andersen ein.
„Ich wüßte schon etwas, was das gnädige Fräulein interessiert!^ sagte er dienstfertig und öffnete rasch den Kalten, in den er das Wunderwerk der kleinen Spieldose einaepackt hatte. Schnell ließ er das Uhrwerk wieder schnurren.
Das Zanberwerk bewegte sich, während die silber- feine Melodie ertönte.
Edele hatte all ihren Widerstand gegen den unangenehmen Herrn von Liewen vergefsen. Mit glänzenden Augen und lächelndem Munde folgte sie der Bewegung des kleinen Schiffchens, über dem der Mond aufging, und der Bewegung des kleinen, bunten Puppenfräuleins, das schmerzlich die Arme ausbreitete.
Liewen stand halb neben Edele. Seine Augen tasteten ihr Gesicht ab, jeden einzelnen Zug, glitten herab zu ihrer noch kindlichen Gestalt und den schmalen Füßen. Dies Kind würde einmal eine Schönheit werden, vor der die ganze Welt auf den Knien liegen würde. Schon beim ersten Male, als er sie gesehen, hatte er das mit dem Blick des Kenners erfaßt. Er lächelte, aber es war ein böses Lächeln, das die beiden jungen Menschen nicht verstanden.
„Sehr schön!" sagte Liewen mit spöttischer Stimme, als das Wunderwerk still stand. „Und das gefällt Ihnen so gut, Fräulein Edele?"
Ihr „Ja!" klang sehr sehnsüchtig und Überzeugend.
„Das gnädige Fräulein meint, der Herr Vater soll ihr das teure Spielwerk zu Weihnachten schenken!" warf Kaufmann Andersen ein. Seine Blicke trafen die Augen des Herrn von Liewen. Der kniff die Lider zusammen.
„Der Herr Baron wird vielleicht nicht so viel Geld ausgeben wollen, mein kleines Fräulein Edele. — Wieviel kostet es denn, Andersen? Aber das ist gleich. Schicken Sie mir die Rechnung ins Hotel und packen Sie die Spieluhr für Fräulein Edele ein."
Dann, als wollte er ein Dankeswort gar nicht abwarten, grüßte er freundlich das kleine Mädchen, nickte dem Kaufman von oben herab zu. Malte beachtete er gar nicht. Und schon war er aus dem Laden herausgcgangen.
Kaufmann Andersen hatte einen lauernden Blick hinter dem Fremden hergeworfen, und der gleiche lauernde Blick traf nun die kleine Edele.
„Ein nobler Herr! Ein feiner Herr, der Herr von Liewen!" murmelte er und packte eilfertig die Spieldofe gut ein.
Ehe Edele und Malte noch irgend etwas zu sagen
vermochten, schlang schon Herr Andersen einen Bindfaden um das Paket.
„Hier!" sagte er zu Malte. „Der junge Kavalier wird sicher so freundlich sein, dem gnädigen Fräulein Edele das Paket zu tragen. Hab die Ehre! Hab die Ehre!"
Er dienerte und lächelte. Sein rotes, pfiffiges Gesicht strahlte eitel Freundlichkeit und Ergebenheit.
Edele und Malte gingen stumm aus dem Laden. (Ebeles glänzende Augen waren nur auf den Karton gerichtet, den Malte mit einem wütenden Gesicht so steif von sich fort trug, als wäre irgend ein böses Gift darin.
„Sei vorsichtig, Malte, schlenkere nicht so. Da, jetzt hast du an die Mauer gestoßen! Sei doch nicht so ungeschickt. Du wirst mir meine Spieldose noch kaputt machen."
Mit einem Ruck blieb Malte stehen:
„Du solltest das Zeug dem Manne zurückgeben!" sagte er auf einmal. (Ein wütender Zug war in seinem mageren und offenen Jungengesicht.
„Was fällt dir ein!? Warum soll ich denn das Geschenk zurückgeben?"
„Weil das ein böser Mensch ist, Edele. Ich habe es an feinen Augen gesehen. Du solltest von ihm keine Geschenke annehmen. Gib die Spieldose zurück!"
„Nein! Ich denke ja gar nicht baranr Auch (Ebeles Gesicht wurde böse „Keine Freude gönnst du mir."
„Edele! Ich gönne dir ja alles, alles, nur nimm von dem Menschen nichts. Ich kann mir nicht helfen: er meint cs nicht gut mit dir. Aber ich meine- es gut mit dir, Edele. Das weißt du doch?! Wenn ich groß sein werde, wenn ich ein berühmter Mann fein werde, kaufe ich dir alles, was du dir nur wünschest."
„Jetzt wünsche ich mir aber die Spieldose!" war die Antwort des Mädchens. „Die kannst du mir doch nicht schenken, und gerade die will ich jetzt haben!"
In die grauen Augen des Jungen kam etwas Wildes, Gefährliches:
„Wirst du das Zeug dem Kerl zurückgeben oder nicht?"
Er trat hart vor sie hin. In dem Licht der vor ihnen stehenden Straßenlaterne war ein Funkeln in seinem Blick. Edele stampfte mit den Füßen auf den Boden:
„Nein! Gib mir meine Spieldose her!"
Sie versuchte, ihm den Karton aus der Hand zu winden. Da riß er an der Schnur, daß sie in ihre Hand schnitt und sie mit einem leisen Aufschrei los- liefe. Mit einem wilden Wurf liefe Malte den Karton auf die Erde sausen. Hart schlug er auf den gefrorenen Schnee auf.
„Da haft du deine Spieldose!"
Es gab einen feinen Klang, wie wenn etwas zerspringt — der Karton öffnete sich unter dem wuchtigen Aufprall. Edele schrie auf:
„Nun hast du sie kaputt gemacht!"
Malte kam zur Besinnung. Er wachte aus seinem wilden Jähzorn auf. Mit bleichem Gesicht kniete er nieder und öffnete behutsam den Karton, indessen (Ebele, mit Tränen auf dem schonen, kindlichen Gesicht, daneben stand.
Maltes Hände zitterten, als er die Verpackung jetzt ganz loste. Da lag die Spieldose; das kleine Fräulein lag kläglich am Boden, das Schiffchen war abgebrochen.
„Weine doch nicht, Edele!" bat Malte bedrückt. „Ich werde es schon wieder ganz machen, bann bringe ich es bir roieber."
Da beugte sich Ebele, außer sich vor Zorn, zu Malte hernieber, und ihre kleine Hand schlug mit rafenber Wut auf Maltes Wange.
„Nie mieber sollst bu zu mir kommen! Behalte bie kaputte Spieluhr! Nie will ich roieber etwas von ihr hören — unb von dir auch nicht, bamit du es nur weißt."
Damit roanbte sie sich um unb lies, so schnell sie konnte, ben Weg hinab Malte kniete noch immer im Schnee bei dem zerstörten kleinen Kunstwerk, unb sah ganz still ber Gespielin nach. Dann rieb er sich Sie geschlagene Wange. Aber er wußte nicht, ob sie es war, bie wirklich so schmerzte, ober ob es etwas anberes war, was er nicht verstand.
Drittes Kapitel.
Malte saß in seinem kleinen Zimmer. Es war spät nachts, unb alles im Hause schlief längst. Er hatte bas Schlüsielloch dicht verstopft. Niemand sollte aus bem Lichtschein schließen, baß er zu so später Stunbe noch auf war.
Vor ihm auf bem Tisch ftanb bie kleine Spieluhr unb lagen allerlei Geräte seines großen Werkzeugkastens, ben er zum Geburtstag von bem Vater erhalten. Mit heißem Kopf mühte sich Malte, bas zerbrochene Spielwerk in Drbnung zu bringen. (Er war von klein auf leibenschaftlicher Bastler gewesen. Sein Lebensziel ftanb schon jetzt unverrückbar fest: er würbe Ingenieur werben. Behutsam tasteten seine Finger an bem zarten Mechanismus bes Uhrwerks herum, lösten Schrauben, untersuchten — unb halb lag bie ganze Spielbose, in einzelne Teile zerlegt, vor ihm. Jetzt hatte er es. An dieser Schraube mußte man ansetzen, um den Mechanismus wieder in Ordnung zu bekommen. Vorsichtig packte er das auseinandergenommene Werk ein. Anderntags würde er Weiterarbeiten, und es würde gelingen, wenn es auch noch so schwierig war.
Bald, bald würde er Edele ihre geliebte Spieluhr heil und gan,3 wieder zurückbringen, dann würde sie ihm nicht mehr böse sein. Er kannte ja ihren Jähzorn, den sie vom Vater, dem Baron, geerbt — aber ebenso schnell war sie auch wieder gut.
(Ein heißes Leuchten kam in seine Augen, machte sein Gesicht über seine Jahre reif.
Kleine, liebe Edele!, dachte er.
(Fortsetzung folgt.)


