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sind, weil sie endlich auch unentbehrliche Grundlagen späterer Entwicklung bilden: vom Naturalismus zum Stildrama, von der Prosa zum klassischen Vers, vom Persönlichen zum Ueberpersonlichen, vom Einzelschick­sal zum Volksschicksal, vom revolutionären Aufbruch des Sturmes und Dranges zur adligen Reife voll­kommener Dichtung.

Manch einer, dem in der Schule Sinn und Augen­maß dafür gefehlt hat, mag erst bei einer zufälligen und verspäteten Wiederbegegnung betroffen und zur Bewunderung hingerissen worden sein um ein Beispiel zu wählen von der schlechthin meister­lichen dramatischen Kunst der Stuart-Tragödie, die in der kristallklaren Szenenarchitektur ihrer fünf Akte, in der Verteilung von Spiel und Gegenspiel gleichsam" nach dem Goldenen Schnitt bis heute nicht übertroffen worden ist.

Vielleicht mag ein anderer heute darüber nach­sinnen, was für ein Wunder an großer Historie (und zugleich an psychologischer Einfühlung) in der Dreiheit des Wallenstein-Dramas Gestalt gewann;

I rote hier ein Stoff bewältigt und vergeistigt wurde, ! an dessen formloser, spröder und entmutigender s Masse Schiller fast zu verzweifeln meinte; man i mache sich die geringe Mühe, einmal eine Vor- ! arbeit zu diesem Werk nur flüchtig zu betrachten, die in Gestalt derGeschichte des Dreißigjährigen Krieges" auf uns gekommen ist...

Es hieße Eulen nach Athen tragen, wollte man abschließend des langen und breiten an die großen nationalen Parolen erinnern, wie sie Schiller in der Jungfrau von Orleans" und vor allem spater im Teil" seinem Volke geschenkt hat: die letzten Worte des sterbenden Attinghausen und der feierliche Chor des nächtlichen Rütlischwures sind, fast losgelost schon aus ihrem dichterischen Umkreis, aeflugelte Worte im politischen Katechismus der Deutschen und geliebter Besitz eines ganzen Volkes gewor- den In solchen Versen, in solchen Szenen ist Schiller uns heute gegenwärtig wie kaum je zuvor ist er unser als ein großer Künstler, ein großer Mensch, ein großes Vorbild seiner Nation.

Frankreichs Imperialismus am Mittelmeer.

I.

Canal des deux mers.

Von Major Hans Rohde.

In dem BegriffLe canal de deux mers" (Kanal der beiden Meere) kommt der gewaltige französische Plan zum Ausdruck, den Golf von Biskaya und das Mittelmeer durch einen Groß- fchiffahrtsweg miteinander zu verbinden. Dieser Plan, der die französische Oesfentlichkeit seit langem bereits immer und immer wieder besd)äftigt, hat in der letzten Zeit beachtenswerte Schritte auf dem Wege zu seiner Verwirklichung getan. Er ist nach jeder Richtung hin von derart weittragender Bedeu­tung, daß es sich wohl lohnt, sich mit ihm einmal etwas eingehender zu befassen.

. Zunächst einmal seine Vorgeschichte. Sie reicht bereits bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts zurück. Es war unter Franz I. (15151547) und nach diesem unter Richelieu (15851642), daß man sich in Frankreich zum ersten Male mit dem Gedanken einer solchen Wasseroerbinduna zu beschäftigen begann. Der erste Schritt zu ihrer Ver­wirklichung aber wurde erst unter Ludwig XIV. (16431715) mit der Erbauung bescanal du Midi" von Toulouse nach Agde am Mittelmeer, der zweite Schritt erst 175 Jahre nach dessen Fertig­stellung mit der Erbauung descanal lateral" von Toulouse die Garonne entlang nach Bordeaux unter dem zweiten Kaiserreich getan. Beide Kanäle aber hatten, eine so beachtlich technische Leistung besonders dercanal du Midi" in der damaligen Zeit auch darstellte, nur rein örtliche Bedeutung. Schon im Jahre 1867, also elf Jahre nach der Fertigstellung descanal lateral", begann man des­halb in Frankreich die Möglichkeit m nähere Er­wägung zu ziehen, sie zu einem auch für größte See- und Kriegsschiffe benutzbaren Großschiff­fahrtsweg auszubauen.

Einer der eifrigsten Befürworter eines solchen Ausbaues war der Senator und spätere Minister­präsident D u c l e r c. Seine Bemühungen blieben jedoch ohne Erfolg. Es war die Zeit der Besetzung von Tunis und der damit verbundenen politischen Spannungen im Mittelmeer, die es der französi­schen Regierung geraten erscheinen ließen, diesen Spannungen und insbesondere dem Gegensatz zu England nicht noch weitere Nahrung zu geben. Nicht anders erging es einem Projekt, das drei Jahre später von dem französischen Ingenieur Louis V e r st r a e t der Kammer vorgelegt wurde. Seine Verwirklichung wurde besonders Ende des vorigen Jahrhunderts zu einer Zeit ernsthafter er­wogen, als der französisch-englische Gegensatz im Mittelmeer und in Nordafrika zu kriegerischen Ver­wicklungen beider Mächte zu führen drohte. Sie wurde damals von hierzu besonders eingesetzten

Kommissionen von Fachleuten eingehend geprüft, dann aber schließlich doch wieder aufgegeben, angeb- lief), weil die eingeforderten Gutachten sie als un­durchführbar bezeichnet hatten, in Wirklichkeit jedoch, um nicht die inzwischen eingetretene englisch-franzö- fische Entspannung in der Faschoda-Afsare und die sich damit anbahnende englisch-französische Entente gegen Deutschland zu stören.

Der Gedanke descanal des deux mers" hat dann mehr als ein Vierteljahrhundert, lang die fron- zösische Oesfentlichkeit nur noch wenig beschäftigt. Erst im Jayre 1928 wurde er von dem damaligen Minister der öffentlichen Arbeiten Anbite T a r -

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dieu wieder ausgegrtffen. Den Anstoß hierzu gab diesmal wiederum die politische Lage im Mittel­meer, insbesondere die seit dem Kriege eingetretene Verschärfung des italienisch-französischen Gegen­satzes, wenn man nach außen hin auch in erster Linie wirtschaftliche Gründe sowie die in Süd frank- reich häufigen Ueberschwemmungskatastrophen ins Feld führte, die durch den Bau des Kanals unmög­lich gemacht werden sollten. Soweit die Vorgeschichte des französischen Planes. Was über feine technische Seite bekannt geworden ist, läßt sich wie folgt zu­sammenfassen:

Für den geplanten Großschiffahrtsweg sind z w e i Ausgangspunkte am Golf von Bis­kaya vorgesehen, einer an der Gironde-Mündung und der andere rund 100 Kilometer südlich von dieser bei Arcachon, letzterer aber nur für den Fall, daß er von der Marine für notwendig er­achtet werden sollte. Weiterhin soll sein Bau nicht etwa durch einen Ausbau der beiden bereits be­stehenden Kanäle, descanal lateral" und des

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zu einem Ausflug nach Taor-

kommen waren

sich kaum ermuntern und merkte, als er schließlich

einen Herzschlag lang durch einen sich öffnenden Spalt der Tür des Schicksals gesehen hätten aber es schloß sich die Tür schon wieder, ehe wir etwas Genaues erkennen konnten, und wir standen

Merkwürdige Rettungen

Äon Wilhelm von Scholz

, bei dieser Rettung aus einer so gründlich die Gesamtheit zweier Geschlechter wütenden

und zu der Feier von überallher herbeigekommen waren, wurden ausgerottet, als hätte sie das Schick­sal dazu eigens zusömmengerufen. Das junge Paar aber, dessen Hochzeitstag zum Todestag für den Hauptteil ihrer Angehörigen wurde, blieb vom Untergänge verschont. Es hatte sich an jenem

unruhigenden Dämmerzustand, dem er sich nicht zu entreißen vermochte, den Entschluß, seine Frau zu wecken, ehe er schlaftrunken wieder ins Bett sank. Er fanb Die Frau nicht schlafend sondern in voller Bewußtlosigkeit in ihrem Bett liegend, wurde in seinem Schrecken nun Heller wach, spürte Gasge­ruch, nahm alle Energie zusammen, öffnete die Fen­ster und telephonierte der Polizei. Es gelang, das Ehepaar mit den Kindern am Leben zu erhalten. Mittels Sauerstoffapparaten brachte man die schon tief Betäubten ins Bewußtsein zurück. Die falsche

Vor kurzer Zeit ging eine Nachricht durch die VKMUJUIU. ........

glätter, daß ein JwJJtliAerschwarzen Tage vielleicht eigensinnig und gegen ba^u em, rote fid) nachher herausstellte,Falsch Wunsch der anderen, die deshalb nicht mitge« verbunden für mehrere Menschen zum Lebens- f waren au einem Ausflug nach Taor- *"T;ßls&w&Ä- £ää s'ch kaum ermuntern und merkte, als er schließlich Gesamtheit zweier Geschlechter wütenden

wach geworden schweren Schwindel Koptschmer.!^^^ ^ überfällt uns, wenn wir uns das darin zen, uebelteit. Mit Anstrengung stand er auf tappte Eaq, tretende böse und gute Geschick recht uer- taumelig zum Apparat, hörte dort nur daß der ° bärtigen und vor die Seele stellen, eine feit- Anruf ihn Nicht betresse, und saßt m dem ihn be. Stimmung, Es ist uns zumute, als ob wir itnrithmorthon Tlnmmoriiiftnnh hpm er fleh nicht au 1. _ , ., " , 1. . . / <_.rt.....

da, im Verstand nicht klüger als zuvor, aber im Gefühl beunruhigt, überschauert zugleich und be­glückend um dieses bereichert: daß wir nun um die Wirklichkeit von Schicksal wissen; daß es sich uns zwar nicht in Person gezeigt, aber doch ein Stück Saum seines Gewandes rasch vor unserem Blick Te,-ph°nv-rbindung hatte'di- ganze Familie g°. U.°°«che,

Es ist immer wieder verlockend, über einen sol­chen Schicksalsfall zu grübeln, sich vorzustellen, wie bas Leben ber Eltern und ihrer Kleinen an einem Haar gehangen hat, unb wie nun eine Unaufmerk­samkeit des Beamten, die uns meist nur ärgerlich macht, das größte Glück der Gefährdeten wurde.

Wie erklärt sich solch ein Fall? Die Frommen werden das Wirken eines Schutzengels, die Mate­rialisten einen bloßen Zufall, die Okkultisten ein, vielleicht auf den Drähten des Fernsprechers sich fortpflanzendes, dunkles Hilfebegehren aus dem Unterbewußten des schlafenden Mannes annehmen, bas schließlich ben Beamten erreichte und zu ber, Rettung bebeutenben, falschen Stöpselung im Fern- fprechschalter brachte. Eine sichere Erklärung gibt roeber bie eine noch bie anbere Auffassung, wenn auch die erste und die letzte unbedingt fühlen lassen, baß der Mensch nie allein ist, sondern immer in Netzen von Verbindungen und Beziehungen steht, von denen er abhängt.

Daß es im Kriege deutlicher als sonst sichtbar werden muhte, ist einleuchtend. Man hat vielmals von einzelnen bestimmten Leuten gehört, denen immer wieder gerade bann ein Zufall au Hilfe kam, wenn sie in Gefahr waren. Ich weiß von einem Regimentsarzt, der einmal vom Essen mit dem Regimentsstab im Graben zu einem Schwerver- mundeten geholt wurde, ein andermal im Lazarett den nach irgendeinem Mittel im Nachbarunterstand vergeblich suchenden Assistenzarzt zurückrief und selbst in den Nebenkeller ging: beide Male schlug ein Volltreffer in den Raum ein, in dem sich der Regimentsarzt kurz zuvor befunden hatte, und tötete alle darin Anwesenden, sowohl dort den ge­samten Regimentsstab wie hier den Assistenzarzt und bie Verwunbeten. Aber auch biese mertroür- bigen Rettungen scheinen, obwohl sie von außen kommen, boch an die Person gebunden; denn bie beiben Fälle sind nur bie besonbers hervorstechen­den von einer ganzen Anzahl, die gerade diesem selben Stabsarzt begegnet find.

Als am 25. Dezember 1908 das furchtbare Erd­beben Messina vernichtete, ging auch eine große Hochzeitsgesellschaft zugrunde. Fast zwei ganze Fa- milien, die über mehrere Lander zerstreut lebten

*

Es geschieht auch eigentlich, daß sich solch ein man möchte fast sagen: beabsichtigtes günstiges Eingreifen in unser Schicksal eines Handgriffes be-

Canal du Midi", sondern vollkommen unab­hängig von diesen erfolgen. Der neue Kanal soll von Bordeaux aus zunächst ein kurzes Stück dem Unterlauf der Garonne folgen und dann bis kurz vor Toulouse auf der Südseite des Flusses entlanggeführt werden. Bei Toulouse soll er bie Garonne auf einer Kanalbrücke überschreiten und von hier aus dann über Carcassonne bis Narbonne am Mittelmeer roeitergeleitet wer­den, wo beherrschende Höhen und ein daoorliegen- des Seengebiet die Ein- und Ausfahrt in den Kanal sichern. Seine Gesamtlänge soll etwas mehr als 400 Kilometer betragen, feine Breite und Tiefe so gehalten sein, daß er auch für größte See- Ichisfe und Kriegsschiffe benutzbar wird. Weit wichtiger als alles dies ist jedoch die politische Seite des französischen Vorhabens, seine Bedeutung in verkehrstechnischer und wirtschaftlicher, vor allen Dingen aber militärischer und machtpolitischer, mit anderen Worten geopolitischer Beziehung.

DerCanal des deux mers würde zunächst ein­mal eine wesentliche Abkürzung ber burch den Golf von Biskaya unb bie Meerengen von Gibraltar aus der Nordsee und dem Nordatlantik nach dem Mittel­meer führenden Verkehrswege bedeuten. Diese Ab­kürzung würde auf der Strecke HamburgMarseille beispielsweise mehr als 40 v. H. gegenüber dem Wege über Gibraltar betragen und damit der Kanal außer einer erheblichen Zeitersparnis auch eine nicht minder große Verbilligung des gesamten Ver­kehrs nach dem Mittelmeer unb über dieses Meer bringen. Beides würde ohne Zweifel zwar bis zu einem gewissen Grade durch eine langsamere Fahrt der Schiffe auf der Kanalstrecke sowie durch die Schleusengebühren wieder ausgeglichen werden, nach Ansicht der für ben Kanalbau eintreten» ben französifchen Kreise trotzdem aber noch bedeu­tend genug fein, um diesen zu lohnen. Vor allen Dingen aber würde Frankreich durch ihn eine innere Linie und sichere Verbindung zwischen seinen beiden Hauptseefronten im Mittelmeer und tm Atlantischen Ozean erhalten. Frankreich würde in der Lage sein, seine Seestreitkräfte innerhalb wenig mehr als 24 Stunden von etnemMeerindas andere zu verschieben, ohne daran durch England gehindert werden zu können.

Damit würde der englische Stützpunkt bei G i - b r a 11 a r wenn auch nicht völlig entwertet wer­den, so hoch jedenfalls einen großen Teil seiner heutigen militärischen Bedeutung verlieren. Auf der anderen Seite aber würden die französischen Mit- telmeerfüften mit Marseille und Toulon, bie In­seln Korsika und Sardinien sowie vor allen Dingen Die Balearen mit Port Mahon auf Menorca ganz außerordentlich an Wert gewinnen. Sind die Balearen schon heute eine geopolitische Schlüssel­stellung ersten Ranges im Mittelmeer, so würden sie es durch ihre Lage in der Flanke ber Kanal­mündung und der au ihr führenden Schiffahrtsstraßen noch in weit größerem Maße werden. Aus diesem Umstande erklärt sich ohne Zweifel auch das ge­steigerte Interesse, das Frankreich für die Balearen unb Spanien als ben Besitzer ber Inselgruppe, für ihre Neutralisierung bzw. ihren Ausbau zu einem Flotten- und Luftstützpunkt erster Ordnung bekun­det.

Der Bau desCanal des deux mers würde also alles in allem eine grundlegende Veränderung der gesamten geopolitischen Lage im Mittelmeer zur Folge haben. Ihr Schwergewicht würde zu einem großen Teile von Gibraltar und dem Südteil des westlichen Mittelmeeres nach dessen Nordteil in ein geographisches Viereck verschoben werden, das durch die Balearen, die französische Mittelmeerküste unb die Jnfeln Korsika und Sardinien gebildet wird. Die Machtstellung Frankreichs würde sowohl im Mittelmeer als auch im Atlantischen Ozean eine erhebliche Stärkung erfahren, b ie Machtstel­lung Englands und Italiens aber eine nicht minder große Einbuße erleiden. Daß man sich in England und Italien hierüber und über die sich daraus ergebenden Folgen vollkommen im Ha­ren ist, beweist die Aufmerksamkeit, mit ber diese beiden Länder den französischen Plan und feine weitere Entwicklung verfolgen. Schrieb doch schon, um nur ein Beispiel hierfür anzuführen, am 26. Fe­bruar 1925 biePall Mall Gazette", bah, wenn

der französische Plan tatsächlich verwirklicht wer­ben sollte, dies England vor die Fragen stellen werde, entweder seine Seestreitkräfte im Mittelmeer erheblich zu verstärken ober aber die Hoffnung ! aufzugeben, dieses Meer im Ernstfälle halten zu können.

Diese Ansicht stammt, wie gesagt, schon aus dem Jahre 1925. Ob sie in diesem Maße auch heute noch zutrifft, vermag vielleicht nur der Fachmann zu entscheiden. Soviel aber dürfte wohl in jedem Falle feststehen, daß sowohl England als auch Italien alle Veranlassung haben, durch den französischen Plan und seine neueste Entwicklung benuruhigt zu sein, daß insonderheit Italien Recht hat, wenn es in der Verwirklichung des französischen Planes eine schwere Gefährdung seiner Sicherheit sieht, in seiner neuesten Entwicklung aber ein weiteres Kennzeichen jenes französischen Imperialismus im Mittelmeer und in Europa erblickt, der die Welt nicht zur Ruhe kommen läßt.

Hauswirsschaß alsteuf".

Von Or. H Bo-mann

Wie bie meisten Ausdrücke des sozialen Lebens hat auch das WortBeruf" mehrere, von einander abweichende Bedeutungen, deren Verwechslung jede Erörterung sozialer Fragen erschwert. Für die deutsche Wirtschaftspolitik wurde naturgemäß die amtliche Reichsstatistik maßgebend, die unter Beruf" bie Art und Weise versteht, in der jemand seinen Lebensunterhalt erwirbt. Beruf ist mit Erwerbsgelegenheit gleichgestellt, ober noch schärfer: mit Art des Gelbverdienens. Denn alsErwerb" gilt nicht die Selbstversorgung sondern der Verkehr auf dem Markte, die Art, rote der einzelne durch Arbeit für andere das Geld ver­dient, mit dem er das zum Leben Nötige kauft.

Bei solcher Betrachtung mußte die Hauswirtschaft völlig ausfallen. Einen hauswirtschaftlichen Beruf hat oas Dienstmädchen, bie Köchin, Die Zofe, bas Kindermäbchen, der Chauffeur, ber Hausaärtner, also alle die Personen, die gegen Lohn in fremden Haushaltungen arbeiten. Die Hausfrauen selbst und die mitbelfenben Familienglieder aber sindberuflosj denn sieerwerben" ja nicht, sondern leben vom Ein­kommen desjenigen, der einenBeruf", also durch einen Gelderwerb ben Haushalt speist. Einen Beruf haben die Hausfrauen nur, wenn sie dem Ehemann in seinem Berufsgeschäfte helfen, also namentlich in ber Landwirtschaft und im Laden. Millionen von Bäuerinnen, die zu drei Vierteln Hausfrauen und Mütter sind und höchstens zu einem Viertel an einer Ueberschußproduktion für den Markt mst- wirken, wurden durch die Statistik zuberufs­mäßigen", b. h. gelboerbienenben ßanbroirten um­gefälscht.

Nach dem Kriege setzten die organisierten Haus­frauen durch, daß bei der Zählung von 1925 auch Die Haushaltungen besonders und eingehend statistisch erfaßt wurden. Das war sehr wertvoll, änderte aber nichts an der Tatsache, daß die Reichs- statiftik immer noch nur demErwerbstäti­ge n" einen Beruf zuspricht. DenBeruf" ber Kinbererziehung üben also nur die bezahlten Lehrer unb Hortnerinnen aus, nicht aber die Millionen Mütter. Und den Küchenberuf haben nur die Gast­wirte, Garköche, Hausköchinnen, nicht aber die Millionen Hausfrauen, die selbst ihren Herd be­treuen.

Trotzdem hat sich bie Ansicht burchgesetzt, daß Hausfrau- und Mutter-fein grundsätzlich auch ein ehrenwerter Beruf ist. Und langsam wächst die An­sicht, baß er nicht nur ber größte, sondern auch der wichtig st e aller Berufe ist. Denn wenn man unterBeruf" nicht nur Gelderwerb, sondern Lebensaufgabe versteht, so kann über den sozialen Vorrang der Hausfrauen und Mütter gegenüber allen Erwerbstätigen gar kein Streit entstehen. In keinem Erwerbszweige wird so viel und so Nützliches gearbeitet, wie in den achtzehn Millionen deutschen Haushaltungen. Diese Haushaltungen sind nicht nur Konsumgemein­schaften, wie gemeinhin gesagt wird, sondern auch Produktionsgeme^n schäften, in

dient, der uns zuerst schmerzt, ärgert, verdrießt. Ein Herr war im Landhaus von verreisten Freunden zu Gast, das er ein wenig mit hüten sollte. Spät nach Hause gekommen, kramt er noch in dem Schub­kasten eines vom Licht entfernter stehenden Tisches, wo er in ber Eile einen Brief weggelegt zu haben glaubt, obwohl ber Kasten nicht leer war. Seine Hanb tastet noch unter der Tischplatte nach dem Schreiben, als er plötzlich einen feinen Stich unb Schmerz spürt. Er öffnet die Labe nun ganz unb findet ein langes scharfes Dolchmesser japanischer Arbeit, das als Umschlag- und Buchaufschlitzer bie­nen mochte. Im selben Augenblick hort er ein Knacken unb Rascheln halb hinter sich bei einer ver­hangenen Tür. Ein Einbrecher ist im Zimmer unb stürzt sich, nun er entdeckt ist, sofort auf den Herrn, der verloren gewesen wäre, hätte ihn die Waffe nicht rechtzeitig auf ihre Anwesenheit auf­merksam gemacht, sich ihm gewissermaßen selbst in die Hand gedrückt. So überwältigte er den An­greifer.

Gerade dieser Fall einer merkwürdigen Rettung scheint mir besonders schon. Ist es doch, als hätte der lange Dolch wie eine gefährliche wachsame Schlange den Einbrecher schon vom Augenblick seines Einschleichens an beobachtet und nicht mehr aus dem Auge gelassen, sich sogleich nach dem Ein­treten des Zimmerbewohners mit dem in Verbin­dung gesetzt, um sich auf den Feind stürzen zu können.

Die Verpersönlichung von Sachen, die sich uns aufdrängt und in die uns umgebende Dingwelt

I geheimnisvolles Leben eingießt, ist das Fesselndste an diesen Rettungen; und doppelt fesselnd, weil die Gegenstände nur einen Augenblick zu leben scheinen, um im nächsten schon, wenn wir auf sie aufmerksam geworden sind, in ihre starre Sach­lichkeit zurückzufallen und stumm, leblos vor uns daftehen, als hätten sie niemals Leben gehabt und mitgewirtt. Und doch scheint sich in ihrem Schwei­gen das gesunde Wissen zu verbergen, daß sie ein­mal einen menschlichen Herzschlag lang leben und handeln durften.

Das hat auch eine Standuhr getan, und zwar lustigerweise zu einer Stunde, als sie nicht aufge­zogen war, was ihr Herr in drängenden Sorgen und Entschlüssen vergessen hatte. Sie, die stets be­trächtlich nachging und ihren Besitzer schon manch­mal zu wichtigen Besprechungen, zu Einladungen unb zum Zuge hatte zu spät kommen lassen, war zwanzig Minuten vor zehn stehengeblieben und ruhte schon einen Tag lang in ber gleichen Zeiger­stellung. Nun war dieser Zeitpunkt, genauer: brei- üiertel auf zehn, für ben in Schwierigkeiten unb Gefahr Geratenen, ganz verwirrten Mann, der zwi­

schen seinen Geschäften noch durch die plotzW Erkrankung seiner Frau abgelenkt unb in Anspruch genommen war, ein besonbers wichtiger, nicht zu oerfäumenber Termin, an besten Wahrnehmung seine Rettung hin. Der Besuch bes Arztes unb lange Telephongespräche hatten ihn bie Zeit völlig vergessen lassen; er war eben im Begriff, eine end­lose, schwierige Durchrechnung seiner Schulden zu beginnen, über ber er sicher nicht beachtet hätte, daß es schon halb zehn vorbei war. Da traf fein Auge zufällig auf bie stehende Uhr.

Er wußte nicht, baß sie nicht ging, aber sie kam ihm hoch anbers vor als sonst, so baß er etwas länger yinschcmte. Jäh fiel ihm ihr stetes Nach- gehen und zugleich mit überwältigendem Schreck ber in seinen Gedanken ausgelöschte Zeitpunkt auf ber Uhr ein, an bem er sofort zu hanbeln hatte. Der Herzschlag stockte, weil er sich sagen mußte, daß er dies Wichtigste ja schon versäumt habe. Er traute seinen Augen nicht, als seine Taschenuhr, die stets richtig ging, genau dieselbe Minute an­zeigte wie die stehengebliebene Standuhr, so daß er noch gerade zurecht kam.

Jeder Mensch hat solche und ähnliche Zufälle, die für ihn Schicksal wurden, erlebt unb vielleicht auch versucht, sie sich zu erklären. Wahrscheinlich vergeb­lich! Wir können uns ba mit einem schönen Goethewort trösten, das in denUnterhaltungen »* ir Ausgewanderter" steht und sich auf ähn- orfälle bezieht:Diese Dinge brauchen nw» erklärbar zu sein. Es genügt, daß sie wahr si^ Heber diese tiefe, sich bescheidende Weisheit werden auch wir nicht hinauskommen.

Oer ßinfatt.

Es war eine luftige Gesellschaft, nur Fräulein Charlott saß, so hübsch und jung sie war, unbetei­ligt dabei, streckte ihr Näschen hochmütig in Die Luft, und wenn sie beim Pfänderspielen zu einem Kuß verdonnert wurde, lehnte sie eine solche Zst' mutung entrüstet ab. Schließlich legte Schlang fein Portemonnaie auf den Tisch, wandte sich zu Char­lott und sagte:Mir fällt ba etwas ein: Ich wette ben gesamten Inhalt meines Portemonnaies, bag ich Sie küssen kann, ohne Sie zu berühren."

Lächerlicher Unsinn", schüttelte Fräulein Char­lott den Kopf und warf einen Blick auf das Porte­monnaie,aber meinetwegen, die Wette gilt.

Schlang nahm Charlott beim Kopf und küßte 1« auf den Mund, bis ihr der Atem wegblieb. -Dann stülpte er das Portemonnaie um, reichte die beiden Sechspfennigmarken, die als einziges Ijerausfielen, Fräulein Charlott unb sagte: Sie haben die Wette geroonnen."