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D. 264 Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger lGeneral-Anzelger für Gberheffen)

Samstag, 10. Novemver 1934

Schiller.

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war eine Form des Denkens, Empfindens und Wol-

Wie unser Bild zeigt, werden warme Kleidungsstücke in den Verteilungsstellen des Winterhilfswerks sachgemäß anprobiert, so daß jeder bedürftige Volksgenosse die passende Größe bekommt.

lich geringen Zeitspanne entsteht aus einem unge­heuren Willen zur Form, einer schöpferischen Ge­

staltungskraft ohnegleichen, die alle inneren und äußeren Widerstände zu Boden ringt, in kristallener Reinheit und unangreifbarer Meisterschaft Werk um Werk: ein Kronschatz des deutschen National­theaters.

Als 18jähriger begann Schiller die Arbeit an feinem ersten großen Drama, denRäubern"; als er im Mai 1805 für immer die Augen schloß, lag auf dem Schreibtisch das unvollendete Manuskript desDemetrius". Wir wissen, wieviel Unvollendetes der 45jährige mit in sein Grab nahm; wir kennen

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und Krönung im klassischen Jahrhundert der deut- -schen Dichtung begreifen gelernt.

erhob sich sein starker Wille, seine schöpferische Phan­tasie, sein idealistischer Schwungden Sternen zu" ... siegreich immer wieder und bis zuletzt über die Enge und Kleinheit des Daseins, über die dumpfe, niederziehende, erwürgende Materie.

Dies heute zu wissen, mag in der Tat wichtiger fein, als bei der vorhin erwähnten Gemeinschaft mit Goethe zu verweilen und etwa zu bedenken, wie da der Schillersche Genius über den eigenen Umkreis hinausstrahlt, in die fremde, doch benachbarte und

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Um zum Ausgangspunkt zurückzukehren: we- -fentlicher vielleicht als die Tatsache dieser Gemein­samkeit, des belebenden, ergänzenden und befeu= lernten Austausches nach fahrelangem Aneinander- vorbeileben scheint die einfache Feststellung: was uns von Schiller heute ganz nah rückt, was ihn lebendig und gegenwärtig fein läßt, ist feine mensch­liche Haltung, seine große, kämpferische Persönlich­keit. Es gibt keine strahlendere Verkörperung jenes ; deutschen Idealismus als eben Schiller. In ihm

Zum 175. Geburtstage.

.. Und hinter ihm, in wesenlosem Scheine Lag, was uns alle bändigt, das Gemeine ..." Am Samstag, dem 10. November 1759, also vor genau 175 Jahren, wurde mitten im Siebenjährigen Kriege dem Leutnant Johann Kaspar Schiller, die­weil er im Romannschen Regiment des Herzogs von Württemberg, einer französischen Hilfstruppe Karl Eugens gegen Friedrich von Preußen im Felde stand daheim zu Marbach fein zweites Kind, sein einziger Sohn geboren; nach sechs Monaten, als der Vater aus dem Winterquartier heimkehrte, hat er zum ersten Male das Bübchen in seine Arme geschlossen, nicht ahnend, daß das winzige Wesen eine der Berühmtheiten aus dem schwäbischen Genie- lande und einer der größten Männer seines Volkes werden würde.

Als Friedrich Schiller, 45 Jahre später, am 9. Mai 1805, in die Ewigkeit eingegangen war, faßte Goethe im Epilog zurGlocke" Stolz und Trauer um den zu früh geschiedenen Freund in die oft wiederholten WorteDenn er war unser." Wenn wir, die Nach- geborenen, heute des großen Mannes gedenken, jottten wir uns darauf besinnen, mit wieviel gutem Recht und guten Gründen die Deutschen in dieser Zeit das Schmerzlich-Unwiderrufliche der Totenklage in ein Gegenwärtiges und Unvergängliches zu wandeln und zu sagen berechtigt wären: er i st unser.

Auf einige dieser Gründe ist gestern schon, in an- derm Zusammenhang, hingewiesen worden, und auch heute kann nur an diese ober jene Züge im Gesamtbilde erinnert werden; die geistig-menschliche

befreundete Welt Goethes hinein, wie er an dessen tiefstem und mächtigstem Werk innerlich mitgeschaf- fen, es gefördert und weitergetrieben und die An­regung zu jener ideellen Rundung gegeben hat, die das Ganze in einer großartigen Bogenspannung vom Prolog im Himmel bis zu den Engelchören des verklingenden zweiten Teiles überwölbt und har­monisch zusammenfchließt.*

Vor allem aber darf gerade heute das Nächstlie­gende nicht vergessen werden: daß vor 175 Jahren in Schiller dem deutschen Volke und der gesamten Kulturwelt einer der genialsten dramatischen Dichter geschenkt wurde, dessen Werke noch immer den festen Kern und eisernen Bestand jedes klassischen Repertoires bilden. Eben aus dem flüchtig ange­deuteten Bilde von Schillers Charakter und seeli­scher Grundhaltung läßt sich das dramatisch sich äußernde Temperament des Dichters so natürlich wie folgerichtig ableiten: wie sein ganzes Leben von einem ewigen Spiel innerer und äußerer Kräfte und Gegenkräfte bewegt war, das spiegelt sich,

der wilde, bohrende und zweifelnde Kampf eines Menschen, der nie mit sich zufrieden, der unbestech­lich und unerbittlich war gegen sich selbst und die eigene Leistung, um die Gestaltwerdung seines dich­terischen Wesens. Und bis ans Ende seiner Tage währte Schillers Ringen um den Stoff und mit dem Stoff in feinen dichterischen Händen, bis ans Ende der heroische, sich ausopfernde und verzeh­rende Kampf gegen Mißverständnis und Ablehnung, gegen Arm"t und Krankheit, gegen das Elend und die ewige Misere des Alltags.Und fetzet ihr nicht . ... ...

bas Leben ein" bie berühmten Worte des frieb-i künstlerisch verdichtet, geläutert, gesteigert, vergei- ländischen Reiterliebes können in einem anderen, stigt, ins Allgemeine erhoben, auf die großen und un­tieferen Sinne auch für Schiller selbst gelten: er vergänglichen Gegenstände der Menschheit bezogen hat sein Leben eingesetzt, seine ganze, große, glü- und mit wachsender Reise immer entschiedener nach hende Persönlichkeit um eines Werkes willen, das strengen Gesetzen von griechischer Klarheit stilisiert, in

Erscheinung Schillers auch nur im Umriß anzu­deuten, würde freilich den bescheidenen Rahmen eines Zeitungsaufsatzes sprengen und ein hoffnungs­loses Unternehmen fein. Vielleicht ist gerade unsere Zeit dazu angetan, ein neues lebendiges Verhältnis zu Schiller zu finden, der immer, wie wenige außer --------v-------- _

ihm, im schönsten Sinne ein Nationaldichter und lens gereift, um die uns die Welt beneidet hat, und ein Dichter des Volkes gewesen ist. Schiller ist wohl die uns heute und für alle Zeiten Verpflichtung nie so sehr als Klassiker betraget und empfunden und Vorbild bedeuten muh. Schillers ganzes Leben worden 'wie Goethe, dessen riesige und universale war ein ewiger Kampf: zähneknirschende Aufleh- Persönlichkeit von jeher die vollkommene Populari- nung des jungen Karlsschülers gegen die geistige tat ausschloß. Schiller aber weift als Mensch und Knebelung und Demütigung unter der Fuchtel eines als Künstler gerade jene Wesenszüge auf, die ihm banausischen Herzogs das verzweifelte und erbit- das Herz «des Volkes erobert haben und immer aufs terte Ringenums Menschentum" hat Walter von neue gewinnen. Wir möchten nicht mißverstanden Molo im ersten Teil feines großen Schiller-Romans werden: es liegt uns nichts ferner, als die alten, wunderbar geschildert. Damalsschon beginnt auch törichten und heute wohl endgültig begrabenen Gegenüberstellungen und Gegensätze wieder auszu- framen, in denen sich früher zuweilen eine platte, engstirnige und philisterhafte Bettachtungsweise ge­fiel; es ist so ungerecht wie sinnlos, die beiden Wei­maraner aneinander messen oder am Ende gar gegen­einander ausfpielen zu wollen. Die Formulierung: Schiller oder Goethe? ist wohl ein für allemal erle­digt; es ist uns auch mit den mehr oder minder akademischen Antithesen vonnaiv" undsentimen- talisch", von apollinisch und dionysisch zum min­ibesten an einem Gebenktage wie biefem wenig gebient, unb wir haben längst den Weimarer Freund- -schaftsbund, die harmonische, wechselseitig aussttah- lende und einander befruchtende Zweiheit, den Dop-

pelklang Goethe und Schiller nicht als pathetisch vor hende Persönlichkeit um .....- ------- --------- - , v - ... . . .

Hie Nachwelt gerückte Denkmalspose, sondern als ch unsterblich gemacht hat; er hat sich eingesetzt der grandiosen Kette seiner Dramen. In einer lacher- leb'möiges Erlebnis, als die beglückende Gipfelung ohne Schonung, ohne Rücksicht, mit unerschütter- unb Krönung im klassischen Jahrhundert der deut- lichem Herzen, er ist mit dem Leben fertig gewor- " ' den wie kaum ein anderer Mensch, immer aufs neue

die mancherlei Projekte und Fragmente, mit denen er sich beschäftigt hatte: da ist die Geschichte des englischen Kronprätendenten Warbeck, da sind Vor­arbeiten zu einemThernistokles", zu denMal­tesern", zurPolizei", vielleicht dem interessantesten der Entwürfe, aus welchem das große Kriminalstück klassischen Stils hätte hervorgehen können. Nicht ab- zuschätzen vermögen wir, was es für die Geschichte des deutschen Geistes, die Geschichte unseres Dramas und Theaters bedeutet haben würde, wenn der schwächliche und nie geschonte Kör­per nur noch zehn, nur noch fünf Jatze stand- gehalten und dem herrischen Geist des Dichters ge­dient hätte. Lassen wir uns genug sein an dem, was zwischen den eben bezeichneten Polen beschlossen liegt; welch eine imponierende Fülle selbst dann noch, wenn wir alles abziehen und beiseite legen, was nicht zum eigentlich volkstümlichen Werk Schil­lers gehört: die Erzählungen, die großen historischen, philosophischen und ästhetischen Schriften, die Über­fettungen und die Gedichte, von denen freilich die Balladen aus dem berühmten Jahre 1797 eine Ausnahme bilden, weil sie uns noch von der Schule her geläufig und zu einem unveräußerlichen Be­standteil unseres geistigen Besitzes geworden sind.

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Wir haben vor acht Tagen in einer Betrachtung zur Woche des deutschen Buches an den gewaltigen Erfolg desWerther" erinnert; von ähnlicher Wirkung auf die Zeitgenossen ist Schillers erstes großes Drama gewesen; die Berichte von der denk­würdigen Uraufführung derRäuber" zu Mann­heim am 13. Januar 1782 erzählen davon mit un­vergleichlicher Anschaulichkeit. Der Dichter, der heim­licherweise wider das ausdrückliche Verbot feines Herzogs der Vorstellung beiwohnte, erlebte feinen großen Triumph: er sah sich zum ersten Male Über­wältigend bestätigt in der ganzen jungen Kraft des dichterischen Genies, er durfte den lange mühsam verhaltenen wilden Schreiin tirannos aus sich herausschleudern, alle Verzweiflung und Empörung einer geknechteten Jugend, eines tausendfältig ge­quälten und gedemüttgten Herzens, einen Schrei,, der weithin vernommen wurde und begeisterten' s Widerhall fand.

Aus der gleichen Seelenftimmung entstand die 'Luise Millerin", ein bürgerliches Trauerspiel, von kaum geringerer Wirkung schon deswegen, weil es den Zeitgenossen ein Leichtes war, die unter ihnen lebenden Modelle zu den Gestalten des Dramas zu erkennen; man konnte mit den Fingern auf sie weisen und ihnen ihre Schande im Spiegel der Schaubühne vor Augen führen: das gab auch die­sem Drama feine mitreißende Zeitnähe und auf­wühlende Aktualität. Zwischen beiden Stücken stand derFiesko" von dem Fiasko der ersten Vor­lesung haben wir bei früherer Gelegenheit, anläß­lich einer Aufführung in Gießen, eingehender ge- ' sprachen; doch wurde gleichzeitig auch auf zwei wesentliche Tatbestände hingewiesen: daß nämlich das genuesische Revolutionsdrama ein glänzendes, selbst den modernen Beschauer fast verblüffendes Theaterstück sei, ein funkelndes Feuerwerk und Fech- terspiel; und daß mit diesem Stück der junge Schil­ler zum ersten Male sein eigentliches, meisterlich bestelltes Feld betreten habe, den Schauplatz des großen historisch-politischen Dramas.

Es würde viel zu weit führen und kann begreif­licherweise nicht Sinn und Aufgabe dieser Zeilen sein, die Reihe der folgenden Dramen Stück um Stück Revue passieren zu lassen; wir haben von den drei Jugenddramen etwas eingehender gesprochen, weil sie sowohl in der Schule als auch auf dem Theater ein wenig zu kurz zu kommen pflegen (was allerdings zum mindesten für die Schule eine gewisse Berechtigung hat), weil sie ihren unverrück­baren Platz in der Schillerschen Lebensgeschichte haben, weil sie trotz manchen Mängeln und Ein­wänden, die uns längst geläufig wurden schlecht­hin schön sind und immer wieder hinreißend in ihrem großen Schwung, mit ihrem glühenden Atem, weil sie die Herzensdokumente, Bekenntnisse und Spiegelungen einer unvergleichlichen Dichterjugend

WieDas Wunschkind" entstand.

Von Ina Seidel.

Dieser Beitrag ist dem neuen Buch der Dichterin Ina Seidel entnommen, das in der Deutschen Verlags-Anstalt erschien und unter dem TitelDichter, Volks­tum und Sprache" eine Reihe bedeu­tender Reden und Aufsätze vereinigt. Was Ina Seidel über die geheimnisvolle schöpfe- rische Tätigkeit des Dichters und über den unslösdaren Zusammenhang von Volk und Dichter zu sagen hat, gewinnt heute, wo Aufgabe und Stellung des Dichters im Staat klar umritten find, besondere Bedeu­tung.

Den ersten Niederschlag aus der Entstehungs- ssphäre dieses Werkes finde ich in einer Notiz aus »dem Jahre 1912, die einfach heißt:Wunschkinder mnd Zufallskinder". Der Gedanke der in dieser Formel festgehalten wurde, beschäftigte mich seit iich in meinem 22. Jahr Mutter wurde: der Gedanke, ivb nicht ein herzlich erwünschtes und ersehntes Kind von vornherein mit stärkeren Lebensantrieben iund gleichsam schicksalsfähiger in die Welt kommen müßte, als ein beiläufig gezeugtes, ein unwill­kommenes und mit heimlichem Seufzen begrüßtes. Dieser Gedanke war nicht erklügelte Theorie, son- tbern das Ergebnis von Beobachtungen, er war mür erschienen wie eine Offenbarung über eines öer ttiessten Geheimnisse des Lebens, in der die Losung «für manches bittere Rätsel begründet lag.

Es war im Juli 1914, kurz ehe der Krieg aus- Sdrach und sicherlich unter dem Druck der unsagbaren ^Spannung, die uns alle damals beherrschte unter Lern Zwang der Vorahnung, Bangigkeit und Ent- sschlossenheit zum Aeußersten, die jeden nicht völlig Lumps vor sich Hinlebenden unwiderstehlich beweg­ten und zum Ausdruck drängten, daß der Plan zu LernMutterbuch", der schon lange nebelhaft braute, Plötzlich in großen Zügen zusammenschoß. Das erste Kapitel, noch vor Kriegsausbruch niedergefchrieben, st im Manuskript noch vorhanden, wenn es auch miemats in jener ersten unreifen Form in das Buch (Überging.

Es war mir in jenen Tagen klar geworden, daß tier Wunsch nach einem Kinde in einer kinderlosen Frau wohl niemals stärkere Gewalt haben kann, vls angesichts des Auszuges des geliebten Mannes in den Krieg, in den Kampf bis aufs Blut. Daß in (liefern Verlangen ein volkserhaltendes Ledensgefetz Kraft gewinnt, bas wußte ich damals noch nicht über machte es mir nicht klar.

Da ich bas Buch von vornherein auf bie Ent­wicklung bes gemeinsamen unb burdjeinanber be­dingten Schicksals von Mutter und Sohn in mir angelegt fanb, war es unmöglich, bie Erzählung in der Gegenwart beginnen zu lassen. Ich ahnte ja damals noch nicht, wie lange dies Werk mich be­schäftigen sollte. Es war die erste Prosaarbeit, die ich begann, und vermutlich gedachte ich sie binnen Jahresfrist zu beenden. Da ich aber keine Utopie schreiben wollte, konnte ich das Leben des jungen Helden, das zwanzig Jahre dauern und mit einem neuen Krieg seinen Abschluß finden sollte, nicht im Jahre 1914 beginnen lassen. Ich brauchte als Schau­platz für dieses Leben einen historischen Zeitraum, der sich voll überblicken ließ; da es sich in dem Buch um tief menschliche Geschicke handelte, die sich zu allen Zeiten und unter allen Umständen in gleicher Weise wiederholen konnten, kam es mir auf das Jahrhundert gar nicht fo sehr an. Ich brauchte nicht weit in die Abläufe der deutschen Geschichte zurückzugehen: wie von unsichtbarer Hand erschloß sich mir jener große Zeitraum zwischen dem ersten Koalitionskrieg und dem Ausbruch des ersten Be­freiungskrieges: 17921813! Ich brauchte mir den Grund für meinen Bau nicht erst abzustecken und überhaupt was galt hier noch Wille und Plan? War es nicht vielmehr so, daß eine Wünschel­rute in meiner Hand ausschlug, als ich über diese Spanne deutscher Vergangenheit hinging: hier setze den Spaten an hier will eine Quelle zutage hier ruht ein ungehobener Schatz!?

Ich habe bei der Arbeit an diesem Buch immer wieder das Gefühl gehabt, nicht zu erfinden, son­dern Verschüttetes ans Licht zu befördern und Ver­gessenem Stimme zu leihen. Ich sage es in Demut, daß meine Hand, die diese Schicksale niederschrieb, geführt worden ist. Ich weiß es nicht, warum ich den ersten Teil des Romans nach Mainz verlegte, eine Stadt, von deren Bedeutung ich zunächst wenig Vorstellung hatte. Es war wohl so, daß ich die Absicht hatte, den Helden in einer süddeutschen Stadt aufwachsen au lassen, und daß es nahelag, d i e Stadt zu wählen, in der das deutsche Koali­tionsheer sich sammelte. Dies aber, daß dieser Held eine preußische Mutter und einen süddeutschen Vater bekam, dies geschah absichtslos, nur weil es eben sein mußte, wie denn die Schlußfolgerungen und Ergebnisse der ursprünglichen einfachen Verbindun­gen und Voraussetzungen des Romans sich alle erst im Verlaufe der Arbeit zu einer Tragweite aus­wuchsen, die niemand mehr überraschte als mich selber.

Die Spannungsvorgänge des Buches ergeben sich aus den Gegensätzen, zwischen deren Polen seine Welt schwebt: Internationalismus, im Idealbild

des napoleonischen Europa einerseits und vater­ländischer Geist, kristallisiert in einem von Preußen her bestimmten Deutschtum andererseits; Katholizis­mus und Protestantismus; Preußen und Reichs­deutschland. Endlich in den naturbedingten ver­schiedenen Erlebniswelten von Mann und Frau, von denen in diesem von einer Frau geschriebenen Buch die Voraussetzungen der Frau zweifellos den gleichen und vielleicht einen unwillkürlich stärker betonten Raum einnehmen müssen als die des Mannes. Hierzu bekenne ich mich unbedingt.

Ich greife nun zurück auf das, was ich über die langsame Entstehung des Werkes zu sagen habe, das, 1914 begonnen, ja erst 1930 fertig vorlag. Mehr als zehn Jahre erging es mir mit dem Stoff wie Penelope mit ihrem Teppich: immer wieder löste ich auf, zerstörte, verwarf und spannte die Fäden von neuem immer wieder wandte ich mich erschöpft von der Aufgabe ab und begann und vollendete anderes. Alle meine anderen bis 1930 erschienenen Profaarbeiten liegen demnach als an- geschwemmte Inseln in dem großen Strom der un­terbrochenen Arbeit amWunschkind" oder münden hinein, um diesen Strom mit ihrer Masse und ihrem Gefälle zu verstärken. Ich hatte sehr viel mehr historische Tatsachen zu bewältigen, in mir auf­zulösen, mich von ihnen durchdringen zu lassen, als ich ursprünglich angenommen hatte; ich hatte vor allem auch persönlich mehr Schicksal abzumachen und zu verarbeiten eigenes und fremdes und vor allem das uns allen gemeinsame deutsche jener Jahre, ehe ich die von mir von Anfang an so klar erschauten Umrißlinien meiner Gestalten und ihrer Schicksale vollauf erfüllen konnte. So ging die Zeit über mich hin; ein großer Sterbetag meiner Gene­ration stand vier Jahre lang unverrückt über der Welt, aber auch ein großer Tag ihrer Bewährung.

Oer CRohi.

Von Mara Mägander.

Gibt es etwas Schöneres als einen Münchener Kellerabend, wo der volle Maßkrug auf dem Tisch steht und die Sorgen des Alltags im Licht der blauen Dämmerung verschwinden!

Hei, das schmeckt! Der Mann in der Lederhose wetzt das Messer, während die Frau im Himmel- blauen Dirndlkleid die vielversprechenden Pakete auswickelt. Man ist gerade im besten Schmausen, da naht sich ein vornehmes Paar. Sichtlich nicht auf bayrischem Boden gewachsen. Sie zart, klein, mit einem süßen Blumengesicht, wie man es auf englischen Postkarten findet. Er sehr schlank, sehr elegant. Ausländer. Amerikaner vielleicht?

Da der Garten bei dem schönen Abend überfüllt ist, setzen sich die Fremden zu dem bayrischen Ehe­paar. Größere Gegensätze gibt es kaum.

Interessiert blickt die junge Fremde zu, wie die Bayern essen; besonders hat es ihr der Radi an­getan, der mitten auf dem Tisch prangt. Sie flüstert ihrem Begleiter etwas zu. Der verschwindet dienst­beflissen und erscheint gleich darauf mit einem kindskopfgroßen ausgewachsenen Rettich. Außerdem trägt er einen Käse und dicke Brotscheiben in der anderen Hand. Triumphierend wie eine seltene Kriegsbeute. Es ist ganz offensichtlich: die Fremden haben vor, eine echt bayerische Brotzeit abzuhalten.

Unschlüssig dreht die junge Fremde den Riesen- rabi in den winzigen gepflegten Händen. Zu komisch sieht das aus. Die Bayern schaun eine Weile zu. Schließlich erbarmt sie das verzweifelte Gesichtchen. Das goldene Münchener Herz siegt:

Geb'ns her! I richt'n Eahna."

Eine derbe Hand greift nach dem Radi. Er wird sachgemäß geschnitten, zünftig gesalzen und wieder fest zusammengepreßt auf den Teller gelegt.

Oh danke, das sein eine komische Wurzel."

Wenn er rooant, nacha is a ferti."

Der Rettich meint. Er weint so sehr, daß der Teller überfließt. Entsetzt schaut die kleine Miß ihren Begleiter an. Vollkommen ratlos. Wie ißt man so etwas? Ob man wohl die Gabel zu Hilfe nehmen darf ober---

Gericht' hab i Eahna den Radi, aber essen müssen's scho selber!"

Die können leicht lachen. Aber so blamieren will sich die kleine Miß doch auch nicht; also saßt sie mit plötzlichem Entschluß den triefenden Rettich mit beiden Händen, und der herzförmig geschminkte Mund beißt mit Todesverachtung hinein.

Der Rest ist Schweigen. Man sieht nur noch ein totenblasses Gesichtchen unter dem großen schwar­zen Hut; dann verschwindet die kleine Miß mitsamt ihrerkomischen Wurzel" unter dem runden Tisch.

Nach einigen Sekunden sind die beiden Plätze leer. Auf dem Teller liegt das übrig gebliebene Rettichschwänzchen und weint heftig über so viel Unverstand ...

Hochschulnachrichten.

Professor Dr. Friedrich Koch, Oberarzt an der Medizinischen Universitätsklinik in Frankfurt, ist auf den durch die Emeritierung von Professor Dr. Otfried Müller freigeworbenen Lehrstuhl für Innere Mebizin an ber Universität Tübingen berufen worben. Professor Koch ist gebürtiger Gie­ßener.