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Sludentensuhrer-Taglmg auf demGleiberg

bürg zum Kreise V, Gießen zum Kreise VI, Frank­furt zum Kreise V wieder und Darmstadt zum Kreise VI gehört hätten. Bei dieser Auseinander- aerissenheit sei keine erfolgreiche, von Kamerad­schaftsgeist getragene Zusammenarbeit möglich, auf die es gerade jetzt ganz besonders ankomme. Der G e i st, der im e r st e n G l e i b e r g l a g e r ge­herrscht habe, müsse es fertigbringen, daß in dem kommenden Kreis vorbildliche Arbeit geleistet werde und daß man den Geist der positiven Auf­bauarbeit über das Kreisgebiet hinaustrage und gleichsam Vor- und Kerntrupp der ganzen Deutschen Studentenschaft werde. Man habe in Berlin das feste Vertrauen, daß wir gewillt seien, daran mitzuarbeiten. Dieses Vertrauen verpflichte uns Wertvolles und wirklich Neues zu leisten. Vor allem käme es ganz besonders auf die kameradschaftliche Zusammenarbeit einmal unter den Studentenschaftsführern und einzelnen Amts­leitern, das andere Mal mit allen uns befreundeten Organisationen an. Gerade unser Reichsstatthalter Sprenger, dessen Sorgen immer der deutschen Jugend gelten, stehe in freundschaftlichem Verhält­nis zu unserer Arbeit und habe dafür stets großes Interesse gezeigt. Was den Mitarbeiter st ab betreffe, so werde man nur die besten Leute zur Arbeit heranziehen, denn man brauche eine G e - mein schäft von Befähigten. Dabei sei es ganz gleich, ob der eine in Gießen, oder in Darm­stadt, oder in Frankfurt sitze, es käme nur darauf an, daß der, der ein Amt führt, Tüchtiges leiste. Nach Besprechung von einzelnen, internen Fragen schloß der Komm. Kreisleiter seine mit großem Beifall aufgenommenen Ausführungen.

Die anschließende Freizeit wurde dazu be­nutzt, um in den trauten Winkeln der Burg im Kreise der Kameraden manche wichtige Frage zu erörtern. So ist der Gleiberg wieder um eine histo­rische Stunde reicher geworden.

Am Sonntag fand wie gestern bereits kurz gemeldet auf dem Gleiberg, der heute schon durch seine Schulungslager und Studententagungen zu einer historischen Stätte innerhalb der Deutschen Studentenschaft geworden ist, der erste Kreistag des neuzuerrichtenden Kreises Rhein- Main der Deutschen Studentenschaft statt. Die kommissarische Führung über diesen Kreis erhielt der Reichsinspekteur der Deutschen Studen- tenschast und Hochschulgruppenführer des National­sozialistischen Deutschen Studentenbundes Hochschul­gruppe Gießen Pg. Bernhard Edler von G r a e v e.

lieber dreißig Vertreter von Hoch- und Fach- sckulen unseres Rhein-Main-Gebietes waren er­schienen, um die neuen Richtlinien und Aufgaben zu erhalten.

Kommissarischer Kreisleiter von Graeve eröff­nete die erste Zusammenkunft, hieß die Kameraden aus dem Gleiberg herzlich willkommen und führte dann u. a. eiroa folgendes aus: Es sei nicht das erste Mal, daß sich die Studentenschaftsführer des Ryein-Main-Gebietes hier in dem Schulungslager eingefunden hätten, und sicherlich auch nicht das letzte Mal. Wenn man vor einigen Wochen zu­sammengekommen sei, um in positiver Kritik etwas neuzugestalten, so habe der heutige Sonntag die Ausgabe, das endlich erreichte Ziel, nämlich die Konstituierung des neuen Kreises, vorzubereiten. Gerade der neu zu bildende Kreis habe das den anderen Kreisen voraus, daß er nicht willkürlich zusammengesetzt sei, sondern daß alle Hoch- und Fachschulen in einem Wirtschafts­gebiet, nämlich in dem Gebiet unseres Reichsstatt­halters und Gauleiters Sprenger lägen. Nur mit Ausnahme der Kreise Ostpreußen und Schlesien, die als Grenzmark eine besondere Note hätten, grenze sich fein anderer Kreis ganz regional ab. Wie seither die Kreiseinteilung in unserem Gebiet gewesen sei, sehe man am besten daraus, daß Mar-

Unser neuer Iioman.

Nachdem wir gestern den RomanWas mein einst war" von Klothilde von Stegmann zum Abschluß gebracht haben, beginnen wir in der heutigen Nummer desGießener Anzeigers" mit der Veröffentlichung eines neuen Romanwerkes, dessen Autor in unserem Leserkreise bisher noch nicht bekannt geworden ist, der sich aber, wie wir glauben, nicht vorteilhafter einführen könnte als mit diesem seinem neuesten Werk:

Zwei Männer und Hilda"

von Hermann W. Walder

so heißt unser neuer Roman, in dem sich eine zarte Liebesgeschichte mit einer dramatisch außer­ordentlich bewegten und geschickt gesteigerten, an Überraschungen reichen Handlung verbindet. Wir sind überzeugt, daß dieser Roman, dessen natür- kicher Spannung vom ersten bis zum letzten Kapitel sich niemand entziehen kann, mit der gleichen Be­geisterung von unseren Leserinnen und Lesern in Stadt und Land ausgenommen werden wird, wie die erfolgreichsten unter seinen Vorgängern.

Hier bringen wir einen Zeitungsroman, wie er sein soll: flüssig und fesselnd geschrieben, voller Konflikte und echter Leidenschaften, mit einem packenden Auftakt und einem versöhnlichen und innerlich befriedigenden Ausklang. So wird auch dieser Roman, mit dem wir einen neuen Autor vorstellen, seinen Weg machen und allenthalben ungeteilten Beifall finden.

Tag der Hunderttausend.

Vom Gaupresseamt wird uns mitgeteilt: Am 25. und 26. August findet in Frankfurt a. M. eine der größten HJ.-Kundgebungen statt, zu der der Reichsjugendführer Baldur von Schirach sowie

zahlreiche andere bedeutende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens erscheinet werden. Die Tage des großen Treffens, zu dem 100 000 Hitlerjungen des Gebiets 13 Hefsen-Nafsau aufmarschieren und ein Treubekenntnis zum Führer, $u Volk und Vater­land ablegen werden, sollen die Größe und ur­wüchsige Kraft der Jugend des neuen Staates und ihre innnige Verbundenheit mit der gesamten Be­wegung bezeugen. Dem großen Ereignis geht ein« HJ.-Ausstellung auf dem Frankfurter Messegelände voran. Sie wird am Sonntag, 19. August, 11 Uhr vormittags eröffnet werden und einen interessanten Einblick in die Arbeit der Oberbanne, und die ver­schiedenen Abteilungen der Gebietsführung (Orga­nisation, Sozialamt, Verwaltung, ärztliche Betreu­ung, Schulung, Sport, Presse, Propaganda, Rund­funk usw.) vermitteln. Die Vorbereitungen für die Frankfurter Tage, über die wir fortlaufend berichten werden, sind in vollem Gange.

Verhütet Waldbrände!

Durch die Waldbrände der letzten Tage sind un­geheure Werte deutschen Volksvermögens vernichtet worden. Die Ursache war in den meisten Fällen sträflicher Leichtsinn und Nichtbefolgung gesetzlicher Bestimmungen. Vom Reichsforstmeister wird nach­drücklichst darauf hingewiesen, daß jegliches Um- aehen mit Feuer, insbesondere Rauchen, Abkochen, Anzünden von Lagerfeuern im Walde und auf allen durch den Wald führenden Wegen verboten ist. Zu­widerhandelnde setzen sick nicht nur empfindlichen Strafen aus, sondern fino auch in jedem Falle für den Schaden haftbar.

Jeder deutsche Volksgenosse, der sich im Walde aufhält, hat von sich aus für den Schutz der deut­schen Forsten zu sorgen und Leichtsinnige an ihrem sträflichen Tun zu hindern. Den Anordnungen der Forftbeamten und Waldhüter zum Schutze des

Waldes ist unbedingt Folge zu leisten; jedermann hat unverzüglich einen Waldbrand der nächste Forst- oder Polizeidienftstelle zu melden und ist zur Hilfeleistung beim Löschen verpflichtet. Daz zum Löschen erforderliche Gerät, (Spaten, Hacke) ist von der Bevölkerung zur Verfügung zu stellen, Die Leiter der Schulen und bte Führer der Hitlerjugend und des Jungvolks werden besonders dringend ersucht, aufklärend zu wirken.

Gießener Wochenmarktpreise.

* Gießen, 10. Juli. Auf dem heutigen Wochen markt kosteten: Süßrahmbutter, das Pfund 1,40 Mk Landbutter 1,30 bis 1,35 Mk., Matte 20 Df., Käse das Stück 4 bis 10, Eier (inländische), Klasse S101/»' Klasse A 10, Klasse B 9%, Klasse C 9, Klasse D 8,' ungestempelte 7S, Wirsing (grün), das Pfund 15 Weißkraut 15, Gelbe Rüben, das Bund 10, Rote

Oie letzten

Arbeitsbeschaffungs-Lose

Ziehung am 21. und 22. Iuli

1 ä Millionen Mark Gewinne

Rüben 10, Spinat, das Pfund 15 bis 20, Römisch, kohl 8 bis 10, Bohnen (grün) 25, (gelb) 25, Erbsen 15 bis 20, Tomaten 25 bis 30, Zwiebeln 12, Rha­barber 8, Kartoffeln (alte) 5S Pf., der Zentner 5 Mk., (neue), das Pfund 8 bis 10 Pf., Himbeeren 25 bis 30, Birnen 26 bis 28, Kirschen 15 bis 25, Heidelbeeren 20 bis 25, Stachelbeeren 12 bis 15, Johannesbeeren 10 bis 12, Tauben, das Stück 40 bis 50, Blumenkohl 10 bis 50, Salat 5 bis 10, Salatgurken 20 bis 30, Einmachgurken 5, Ober­kohlrabi 8 bis 10, Lauch (Süppengrünes) 5, Rettich 5 bis 10, Sellerie 25, Radieschen, das Bund 10 Pf.

Bornotlzcn.

Tageskalender für Dienstag: Licht­spielhaus, Bahnhofstraße:Die 4 Musketiere". - Sparerbund, Ortsgruppe Gießen, 20.15 Uhr,Hin­denburg", öffentliche Versammlung; Redner: Mi­nisterpräsident a. D. Pg. Prof. Dr. Werner.

*

** Das Fest der silbernen Hochzeit begehen am heutigen Dienstag die Eheleute Joses Gries und Frau, geb. Müller, Sandgasse 33 wohn- haft.

** Neuzuteilung oberhessischer Kreise zu Handwerkskammer-Nebenstellen.^ Das Hessische Staatsministerium hat durch eine Anordnung vom 29. Juni, die in der gestrigen Darmstädter Zeitung" amtlich bekanntgegeoen wurde, folgendes angeordnet:Der dem Bezirk dec Handwerkskammer - Nebenstelle Friedberg unter­stellte Kreis Friedberg wird der Handwerkskam­mer-Nebenstelle Offenbach a. M., die Kreise Bü­dingen und Schotten werden der Handwerkskam­mer-Nebenstelle Gießen zugeteilt."

** Eine oberschlesische Kinder-Stu­diengruppe, bestehend aus sechs Mädels und sechs Jungen im Alter von 14 bis 17 Jahren unter Leitung einer Führerin, weilt seit gestern abend in unserer Stadt. Die Gäste stammen aus der Gegend von Kattowitz (Polnisch-Oberschlesien) und haben sich auf Einladung der DDA.-Frauengruppe Darm­stadt zu einem Besuche in das Rhein-Main-Gebiet begeben. Zuerst weilten sie in Darmstadt, dann haben sie eine Rheinfahrt unternommen, hierauf wurden Frankfurt a. M., Friedberg und Bad-Nau- heim besucht, seit gestern weilen sie nun hier, wo sie bis zürn nächsten Sonntag verbleiben werden. Die Besucher werden von der hiesigen Frauen­gruppe des VDA. betreut, sie sind in Gießener

Aus der Vrovlnzialhaupiffadi.

Das Stadtkind auf dem Lande.

In diesem Sommer ist ein großer Teil unserer Stadtkinder während der Schulferien wieder auf dem Lande untergebracht. Darüber hinaus ist auch schulentlassene Jugend zur Ableistung des Land­jahres auf dem Lande. Das ist für Land und Stadt und für die deutsche Zukunft bedeutungsvoll. Bringt es doch eine Annäherung zweier verschiedener Wel­ten, ein gegenseitiges Sichkennenlernen und Ein- anderachten. Denn gerade das Kind ist am meisten aufnahmefähig, ist biegsam und aufgeschlossen für Neues, es hat noch die Weite und Lebensfähigkeit des sich Wundernkönnens und des Ergriffenwerdens vom größten Wunder dieser Welt: Der Natur.

Dem Bauern freilich hat manchmal die Umstel­lung auf das naturentwöhnte Gemüt der Stadt­kinder einige Schwierigkeiten gemacht. Aber schon die ersten Versuche des vergangenen Jahres haben gezeigt, daß sich das Stadtkind sehr schnell auf die Erfordernisse des Landlebens umstellen kann und daß der Bauer auch sehr bald . seine Freude daran findet, den Stadtkindern all das, was ihnen neu ist, zu zeigen. Freilich kann es Vorkommen, daß auch dort ungeeignete Kinder sich nicht einzufügen vermögen. In diesem Falle aber stehen dem Bauern Mittel zur Verfügung, um rechtzeitig einen Scha­den von seinem Hof abAuroenben. Es kommt ja nicht darauf an, daß diese Stadtkinder einen prak­tischen Nutzen in der bäuerlichen Wirtschaft dar­stellen, es kommt vielmehr darauf an, daß sie nach Ueberwindung der ersten Fremdheit Gefallen am Mitschaffen in kleinen Hilfsarbeiten finden, die auch sonst Kindern auf dem Lande anvertraut wer­den. Und da hat die Erfahrung gezeigt, daß die Stadtkinder gerade das Neue und Ungewohnte an­zieht, daß sie sich schnell auf ihre kleinen Pflichten einstellen können, die ihnen ein Spiel sind und Freude machen, eben weil sie so ganz anders sind, als all das, was sie sonst in der Enge der Stadt kennenlernten. Und wenn sie in ihr späteres Leben diese Kindheitseindrücke mit hinausnehmen, die ja immer die stärksten sind, so wird sich damit für die Dauer die Achtung vor bäuerlicher Arbeit verbin­den, die der beste Weg ist, um auch Verständnis für die Forderungen des Bauern zu erhalten. Der Bauer aber wird Einblick gewinnen in manche trostlose Not, die in den Städten herrscht und die er, der auf freier Scholle lebt, und der schwer für sie arbeitet, bisher nicht kannte und von deren seelentötender Wirkung er sich bisher oft keine rechte Vorstellung machen konnte.

Sy ist die Verschickung von Stadtkindern auf das Land Bindemittel für das ganze deutsche Volk, eine Brücke, die fester ist, als jedes menschliche Bauwerk es fein kann. Denn keine Fahrt und kein Jugend­lager kann das geben, was die Arbeit auf dem Bauernhof schenk*:Die Befreiung aus der Städte Schuld". Die meisten Großstadtkinder wachsen ja so auf, wie es Rilke schildert:

Da wachsen Kinder auf an Fensterstufen, die immer in demselben Schatten sind, und wissen nicht, daß draußen Blumen rufen zu einem Tag voll Weite, Glück und Wind, und müssen Kind sein und sind traurig Kind."

Aus parteiamtlichen Bekanntmachungen

Der NSLB. Kreis Gießen und der Reichsbund Volkstum und Heimat haben von dem Leiter der Ausgrabungen auf dem Glari­ll e r g die Mitteilung erhalten, daß die für den 11. Juli geplante Besichtigung nicht stattfinden kann. Infolgedessen wird dieser Besuch auf später ver­schollen.

Im NSLB. Kreis Schotten finden am morgigen Mittwoch, 11. Juli, folgende Konferen­zen statt: Um 15 Uhr bei Groh in Ulrichstein; um 15 Uhr imSolrnser Hof" in L a u b a ch; um 14,15 Uhr in der Turnhalle für die Arbeitsgemein­schaft für Turnen; ferner in Gedern bei Stie- beling.

Zwei Männer und Hilda

Vornan von Hermann W. Walber.

Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.) (Nachdruck verboten.)

Ich lasse bitten!"

Heinz Wolterstorfs erhob sich aus seinem Sessel und zog seinen Arbeitskittel aus. Als seine Sekre­tärin eben die Damen Geyerling meldete, war ein heller Freudenschimmer über fein Antlitz gegangen. Seit fast einer Woche hatte er Hilda Geyerling nicht äu Gesicht bekommen. Daß er sie nun schon vor oem in wenig Tagen stattfindendenBall der Ingenieure" wiedersehen würde, schien ihm eine gute Vorbedeutung.

Dann aber fügte die Sekretärin hinzu, daß sich in Begleitung der Damen Herr von Kirchhofen befände. Die Freude wich tiefem Unmut.

Immer dieser Lasse! Was nur alle Welt an ihm finden mag!" Heinz Wolterstorfs erschrak. Da hatte er ja wahrhaftig laut gedacht, und jede Sekunde konnte der Besuch über die Schwelle des Zimmers treten.

Und nun stand sie vor ihm, schön, herzlich und fröhlich, und reichte ihm ihre Rechte zur Begrü­ßung. Warm umfaßten seine Blicke die hohe, eben­mäßige Gestalt des jungen Mädchens, tief beugte er sich über dessen schmale Hand. Auch Hildas Kusine und Freundin, die Liesgreta Geyerling, er­hielt einen Handkuß.

Mit einer korrekten Verbeugung und kurzem Handschlag, höflich und doch leicht betont-förmlich, begrüßte Heinz Wolterstorff sodann den Begleiter der Damen, den er schon bei verschiedenen Gelegen­heiten in jüngster Zeit getroffen hatte und der ihm deshalb bereits bekannt war. In den Mundwinkeln Hans von Kirchhofens, der sofort merkte, daß er bei dem Direktor der Geyerling-Werke kein gern gesehener Gast war, zuckte es von verhaltenem Spott, als er dessen Förmlichkeit beobachtete, und in seinen Mienen lag ein stiller Triumph.

Herr von Kirchhofen hat den Wunsch, unser Werk zu besichtigen. Auch Liesgreta hat es noch nicht gesehen. Herr Wolterstorff, Sie haben wohl die Freundlichkeit, unser Führer zu sein!" wandte sich Hilda Geyerlina an den Direktor, der sofort mit einer leichten Verbeugung erwiderte:

Ich stehe Ihnen zur Verfügung!"

Es hatte ihm an der Aufforderung etwas nicht gepaßt, dieser Ton des Selbstverständlichen nämlich. Das klang für den Fremden gerade so, als fei er ein Angestellter, der ohne weiteres auszufuhren hatte, was man von ihm verlangte. Im ersten Augenblick wollte ein leiser Aeraer hierüber in ihm hochkommen. Aber dieses Gefühl schmolz vor dem Liebreiz der Sprecherin dahin. Der Hilda Geyerling hatte jedenfalls eine bewußte Kränkung ferngelegen.

Unter lebhaftem Plaudern machten sich die vier dann auf den Weg zu den nahen Fabrikanlagen.

Geheimrat Geyerling, der Gründer und Besitzer der Geyerlina-Werke, hatte vor etwa anderthalb Jahren das Zeitliche gesegnet. Er hinterließ seiner Frau und der Tochter in den Werken, die weit über tausend Mann beschäftigten, ein namhaftes Vermögen. Beruhigt konnte er nach glücklichem Leben die Augen schließen, zumal er wußte, daß die Fortführung seiner Lebensarbeit bei dem flei­ßigen, umsichtigen, energischen Direktor Wolterstorff in besten Händen lag und gesichert war. Auf dem Sterbebett ließ er sich von ihm versprechen, daß er den Werken die Treue halten wolle, und um ihm dieses Versprechen leicht zu machen, interessierte er ihn finanziell in stärkerem Maße als bisher.

In jener Stunde, unter vier Augen am Kranken­bett, hatte Heinz Wolterstorff dem alten Herrn, der ihm immer ein väterlicher Freund gewesen war, eingestanden, daß er Hilda liebte und um sie werben wolle. Der Kranke gab ihm freudigen Herzens hierzu das Recht. Ja, er wollte sogar den Frei- weroer spielen. Das aber lehnte der junge Direktor ab. Er wollte sich die Geliebte selber erobern und jegliche Beeinflussung durch dritte Personen ver­mieden wissen.

Seitdem gingen lange Monde ins Land. Das Trauerjahr verstrich. In feinem Takt vermied er jegliche Annäherung. Allmählich begann bei Geyer­lings das gesellschaftliche Leben wieder, wenn es sich auch vorerst in bescheidenerem Rahmen hielt als früher.

Inzwischen hatte man Liesgreta ins Haus ge­nommen, das Kind eines Verwandten, eine Voll­waise. Das stille, liebe Wesen des Mädchens machte es bald zu einer gern gelittenen Hausgenossin, Die man nicht mehr entbehren mochte.

Wolterstorff traf in letzter Zeit verschiedentlich mit den Damen zusammen. Seine Tage waren an sich mit rastloser Arbeit ausgefüllt, von früh bis spät. Gesellschaftliche Verpflichtungen waren ihm ein notwendiges liebel; er konnte sich ihnen natür­lich nicht ganz entziehen. Bei einigen Abendgesell­schaften hatte er Hilda getroffen uno sich ihr gewid­met, so viel es ging, ohne aufzufallen. Aber darüber hinaus schob er letztlich häufiger geschäftliche Gründe vor, um die Villa Geyerling aufsuchen zu können.

Hatte er mit seinem Werben Fortschritte erzielt? Manchmal schien es ihm so, und so war sein Herz von Freude erfüllt. Erst in den letzten Tagen waren Schatten auf seine Freude gefallen. In Hildas Levenskreis war dieser Hans von Kirchhofen ge­treten, und ganz offensichtlich brachte sie ihm zu­mindest Interesse entgegen.

Woher Kirchhofen kam, wußte eigentlich niemand so recht. Er war ein schlanker, großer Mensch, nach bestem Schnitt gekleidet, mit weltmännischen Ma­nieren, ein glänzender Unterhalter, der weitgereist schien und über vielerlei Erfahrungen und Erlebnisse verfügte.

Vor wenigen Wochen tauchte er mit einem Male in der Berliner Gesellschaft auf. Er kam und siegte. Sein gewandtes Auftreten, die rasch um sich grei­fende Vermutung, daß er über gewaltige Reich- tümer verfügen müßte, nach seinem Lebensaufwand zu urteilen, verschafften ihm im Handumdrehen Freunde. Für zahlreiche Mütter wurde er eine neue Hoffnung zugunsten der Töchter.

Bei dem Gang durch die Werke zeigte sich, wie sehr Wolterstorff hier in feinem Element war. Und doch mußte er sich mehrere Male arg zusammen­nehmen. Stolz wies er Hilda die Betriebseinzel­heiten; er erklärte ihr den Produktionsprozeß, zeigte ihr die Neuerungen. Seine Erläuterungen gab er nur ihr, die anderen mochten zuhören und sehen, was sie davon mitbekamen.

Immer wieder aber schweiften seine Gedanken ab. Ein unbestimmtes Gefühl, daß seiner Liebe Gefahr drohe, ließ ihn nimmer los, so sehr er sich auch dagegen wehrte. Es wurmte ihn bitter, daß dieser Mensch störend in fein Lebensrad eingreifen könnte.

Und dann dieser Hochmut, diese Blasiertheit in dem Gesicht des anderen. Gewiß wurde er von ihm nur als Angestellter angesehen, der bei dieser Be­sichtigung notgedrungen mit in Kauf genommen werden mußte. Aber aller Unmut schwand immer wieder dahin, ob der Herzlichkeit und Natürlichkeit, mit der Hilda sich gab. An diesem Mädchen war so gar nichts Geziertes und Gekünsteltes. Das be­ruhigte Wolterstorff etwas.

Die vier hatten die Hauptabteilungen besichtigt. Der Rundgang dauerte bereits länger als eine Stunde. Mit Rücksicht auf die Damen wurde er jetzt abgebrochen.

Am Werkeingang verabschiedete man sich von dem Direktor unter Dank mit Händedruck, der zwischen den beiden Männern wieder höchst for­mellen Charakter trug. Ihre Blicke flössen inein­ander, und sie kündigten einander Kampf, harten, unerbittlichen Kampf, der nur mit Sieg oder Niederlage enden konnte.

Heinz Wolterstorff, der eine Einladung, mit« zufahren, wegen Mangel an Zeit abgelehnt hatte, sah dem Auto nach, bis es um die nächste Straßen­ecke verschwunden war. Dann ging er in sein Arbeitszimmer, vertiefte sich in die Korrespondenz und versuchte so, alle quälenden Gedanken zu ver­gessen.

Hans von Kirchhofen fuhr seine Damen ins Tennisklubhaus, wo er seinen Feldzug zur Erobe­rung der schönen und vor allem reichen Jndustri- ellentochter fortsetzte. Nun, nachdem er die Geyer- ling-Werke persönlich gesehen und sich von deren finanzieller Bedeutung überzeugt hatte, war erst recht der Plan in ihm wach geworden, Herr dieses Besitztums und auch Herr des schönen Mädchens au werden. Den Wolterstorff würde er schon aus dem Sattel zu heben wissen!

Die Fabrikuhr schlug vier Uhr. Im selben Augen­blick ging auch die Sirene. Schichtwechsel.

Walter Knauer stellte den Motr ab und machte sich zum Heimgang fertig.

Die Scherzworte seiner Arbeitskollegen überhörte er. Er war sichtlich mit seinen Gedanken woanders.

War das wirklich Hans Kirchhoff gewesen, der eben mit dem Direktor und den beiden Damen an seinem Arbeitsplatz für kurze Zeit gestanden hatte?

O ja! Er hatte ihn gleich erkannt, den vornehmen Herrn, den man mit von Kirchhofen anredete, er­kannt, trotz der pikfeinen Schale, in der er steckte.

Das war Kirchhoffs Gang, genau feine Statur, feine Sprache.

Im Gesicht war er zwar etwas verändert. Daran trug aber sicher nur der kleine gestutzte Schnurrbart schuld, während er damals immer glattrasiert war.

Damals...

Knauers Antlitz zeigte düstere Falten. Es mußten trübe (Erinnerungen sein, die sein Innerstes erfüllten.

Saubere, lange enge Gänge.

Tür zu Tür, die zu schmalen Zellen führten.

Monat um Monat hatten er und Hans Kirchhoff hier gearbeitet und gewartet... auf die Stunde der Freiheit.

Er, der Handwerker, der durch böser Freunde Beispiel an den Trunk und zu Streit gekommen war, im Zorn einen Iechkupan zum Krüppel schlug und dafür mehrere Jahre Strafanstalt erhielt und Hans Kirchhoff, ein Bankbeamter, den Liebes­und Wettleidenschaften zu Unredlichkeiten größten Ausmaßes veranlaßten und dessen Betrugsgebäude ebenfalls zusammenbrach, so daß er im Zuchthaus endete.

Monat um Monat warteten sie beide auf die Freiheit, die sie lockte.

Und Dann kam der Tag, an dem sich für Walter Knauer die eiserne Pforte öffnete. MU guten Er­mahnungen und einigen dreißig Mark Arbeitsgeld wurde er entlassen.

Er war bereit und festen Willens, sich ein neues Leben zu zimmern.

Wenige Tage später schlug auch für Hans Kirch­hoff die Entlassungsstunde

Gemäß einer Verabredung trafen sie beide zu­sammen.

Walter Knauer wollte noch nicht nach Hause. In dieser Stimmung vermochte er keinem bekannten Menschen gegenüberzutreten.

So unternahm er einen Spaziergang mitten durch das dichteste Gewühl der Großstadt, in der Hofft nung auf Ablenkung.

Die (Erinnerungen ließen ihn aber nicht los...

Die in der Einsamkeit der Zuchthauszelle zu Freunden geworden waren und in der schweren Zeit alles Leid und die kärgliche Freude gemeinsam getragen hatten, wollten auch weiterhin Zusammen­halten.

Was indessen geschah?

(Fortsetzung folgt.)