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S)ie echte und die falsche Doralies Roman von Anny von Panhuys.

Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.)

12. Fortsetzung. Nachdruck verboten!

Er setzte sich an den Frühstückstisch und faltete seine Serviette auseinander.

Frau Hensel, der Schuldbewußten, schien es, als blinzele er sie spöttisch an. Sie dachte: Nun mußte es kommen, wovor sie sich fürchtete. Sie fühlte ganz deutlich das Zittern ihrer Knie.

Am liebsten wäre sie auf den nächsten Stuhl niedergesunken.

Der Schriftsteller goß sich Kaffee ein und zuckerte ihn stark, sprach weiter:

Von dem Punsch beflügelt ging meine Phantasie durch und machte sich über mich auf höchst originelle Weise lustig." Er trank einen Schluck Kaffee, setzte die Tasse nieder.Denken Sie nur, Frau Hensel, gestern abend vor dem Schlafengehen glaubte ich Doralies an der Hintertür stehen zu sehen. Ganz deutlich. So deutlich, daß ich vor Schreck keinen Laut hervorbringen konnte. Der Mond drängte sein Licht durch die schmale Scheibe oben in der Tür, und ich sah Doralies so natürlich, daß ich wirklich glaubte, sie wäre es selbst. Das Mondlicht war aber plötzlich verschwunden und mit ihm zugleich Dora­lies. Ich suchte dann unten herum, rief, lief schließ­lich nach oben zu Ihnen, und erst da oben vor Ihrer Tür wurde mir mit einem Male klar: ich war das Opfer meiner Einbildungskraft geworden. Die drei Glas Punsch zeigten mir Doralies, an die ich beim Nachhausegehen viel gedacht hatte."

Er beschäftigte sich mit einem Butterbrötchen.

Verrückt!, was ich Ihnen da erzählt habe nicht wahr, liebe Frau Hensel? Heute muß ich ja selbst darüber lachen."

Berta Hensel schaute noch ein bißchen mißtrauisch drein, aber sein harmloses Lächeln überzeugte sie, datz er nicht spottete, sondern daß es ihm voll­kommen ernst war mit dem, was er gesagt.

Sie hatte schon das erste Wort des Bekenntnisses auf der Zunge gehabt, jetzt lächelte sie ein bißchen krampfhaft:

Sonderbar muß das gewesen sein, gestern abend sehr sonderbar!"

Das Zittern Ihrer Knie ließ nach und sie konnte wieder klarer denken. Zunächst war sie an der Klippe großer Unannehmlichkeiten vorbeigeschifft, und damit war sie vorläufig zufrieden.

Sie verließ das Zimmer bedeutend leichteren Herzens, als sie es betreten.

Später, als Fritz Wolfram einen kleinen Morgen­spaziergang angetreten hatte, brachte sie Doralies

Frühstück und berichtet ihr, wie ihr Vater die Be­gegnung mit ihr auslegte.

Doralies begann zu lachen, bog sich vor über­mütigem Lachen, behauptete, das wäre einfach zum Radschlagen.

Frau Hensel empörte sich schließlich:

Zum Lachen und Freuen hast du noch gar keinen Grund. Wirst schon noch allerlei Aerger haben und ich ebenfalls."

Ach was! Wenn Lutz erst abgereist und es so weit ist, werde ich mit Vati reden, und dich schütze ich selbstverständlich! Das ist doch Ehrensache!" ver­sprach Doralies und biß vergnügt in eines der fertiggemachten Butterbrötchen, auf das sie noch reichlich Honig geträufelt.

Frau Hensel meinte:

Sei von dieser Minute an sehr vorsichtig! Ich rate dir! Halte dich von jetzt' an tagsüber lieber in meiner Stube auf, dein Vater könnte doch mal oben bei dir hineinsehen!"

Doralies versprach, dem Rat zu folgen.

* ,

Fritz Wolfram hatte indessen einen kleinen Spaziergang nach dem nahen Tannenwald an­getreten. Er wurde von Kopfschmerzen geplagt und hatte gar keine Arbeitslust. Nachdenklich ging er durch den sehr kühley Herbstmorgen, und trotzdem er sich über das Bild seiner Einbildung vom Abend zuvor selbst lustig machte, fühlte er sich plötzlich wieder sehr stark bedrückt.

Daß er Doralies zu sehen gemeint, das war Ein­bildung, darüber war er sich einig. Das war eine Halluzination. Aber hieß es nicht, daß sich manch­mal Menschen in Stunden großer Gefahr oder in den letzten Augenblicken denen zeigen, die sie lieben?

Doralies liebte ihn, hing sehr an ihm.

Er war von jäher, heißer Angst erfüllt, die er nicht los wurde, so sehr er sich auch dagegen wehrte, sie abschütteln wollte. Angst um Doralies, die doch sein größtes Glück bedeutete.

Er machte sich Vorwürfe, sie gegen ihren Willen fortgeschickt zu haben.

Warum nur? Weil sie sich manchmal ein bißchen jungenhaft und zu impulsiv benommen. Zn allem aber, was sie tat, zeigte sie ein gutes, teilnahms­volles Herz.

War ihre Ursprünglichkeit und Frische nicht viel­leicht gerade ihr bester Reiz? Sie fühlte sich wahr­scheinlich in Berlin gar nicht recht wohl.

Aber wenn Doralies etwas zugestoßen wäre, hätte Edda von Stübnitz bestimmt telegraphiert.

Trotzdem er sich das sagte, blieb die Angst, und ganz unbändige Sehnsucht nach seinem Mädelchen gesellte sich dazu, überfiel ihn plötzlich.

Er mußte denken, Frau Hensel würde wahr­scheinlich belustigt lachen, wenn er ihr sagte, er wolle nach Berlin reisen, um Doralies zu sehen und wie­der herzuholen. Natürlich würde und mußte sie be­lustigt lächeln über den schwachen Vater.

Der Gedanke störte ihn: Frau Hensel, die Ver­

traute von Doralies, die schon sehr lange im Hause lebte, könnte vielleicht eine entsprechende Bemer­kung machen, warum er Doralies denn eigentlich erst fortgeschickt hätte.

Und das wollte er nicht.

Er schritt schneller aus. Der kühle Herbstwind tat ihm wohl, der Kopfschmerz schwand allmählich.

Er entschloß sich, Frau Hensel nicht die volle Wahrheit zu sagen; es genügte noch vollständig, wenn sie die aus Berlin erfahren würde.

Er machte kehrt, ging zurück. Nach einem Weil­chen blieb er stehen.

Vor ihm, in der kalt blinkenden Herbstsonne, ganz nahe, lag das Schlößchen auf sanfter Anhöhe. Klein und zierlich lag es da, rechts und links von niedrigen Türmen flankiert, die dichten, spiegelnden Fensteraugen starrten weihin in die friedliche Land­schaft. Der Vorgarten zeigte noch sattgrünen Rasen, die kleine Fontäne aber ruhte von der frohen Sommerarbeit. Alles schien ihm zu still. Er emp­fand die Sehnsucht nach Doralies übermächtig. So­lange sie hier gewesen, war das Schlößchen doch von Leben erfüllt.

Sie besaß Talent, auch ganz allein Fröhlichkeit um sich zu verbreiten.

Eine wundervolle Gottesgabe war das.

Er ging weiter; sein Entschluß war gefaßt. Er wollte nach Berlin, Doralies überraschen; aber Frau Hensel brauchte das nicht zu wissen. Er wollte ihr erklären, er reise für ungefähr acht Tage nach dem Bodensee. Der lag in ganz anderer Richtung.

Schon nach dem Mittagessen packte er einen klei­nen Koffer, der immer zur Hand sein mußte, und erklärte Frau Hensel:

Ich werde heute abend nach Konstanz abreisen und von dort ein paar Orte am Bodensee besuchen. Post brauchen Sie mir nicht nachzusenden, es lohnt nicht. In einer knappen Woche gedenke ich zurück zu sein; meine Rückkehr melde ich durch Karte oder Telegramm."

Frau Hensel mußte sich sehr zusammennehmen, um dem berühmten Manne nicht ein strahlendes Gesicht zu zeigen. Dem Himmel sei Dank!, dachte sie, nun fielen doch der ewige Zwang und die ewige Angst für Doralies und sie ein Weilchen weg.

Bis ihr Vater wiederkäme. mußte sich Doralies eben grünblid) auf ihre Beichte vorbereiten.

Sie half eilfertig beim Packen und meldete, so­bald sie abkommen konnte, Doralies das Neueste.

Auch Doralies atmete auf und freute sich.

Eine ganze Woche lag vor ihr, in der sie frei im Hause herumgehen, in der sie Radio hören konnte und tagsüber im Park Spaziergänge machen durfte. Und nun konnte Lutz sogar am Tage Herkommen, das war auch wohl richtiger als so ein Stelldichein im Park zu abendlicher Stunde.

Gegen 20 Uhr fuhr Fritz Wolfram fort, aber nicht, wie Frau Hensel und Doralies glaubten, in der Richtung Konstanz, sondern er fuhr Berlin ent­gegen. Er wollte Doralies ohne Anmeldung über­

raschen, malte sich schon in den buntesten Farben aus, mit welcher Lebhaftigkeit sie ihm um den Hals fliegen würde.

Gar nicht rasch genug fuhr der Zug für seine Vatersehnsucht.

Otto von Stöbnitz war noch einmal vor dem ersten Verhandlungstage vormittags zu der von ihm verteidigten Mörderin ins Gefängnis gefahren, und feine Frau konnte sich mit Doktor Peter Kon­stantin ungestört über das unterhalten, was sie beide jetzt einzig interessierte. Sie saßen in einem der traulichen Zimmer, und Frau von Stöbnitz seufzte gequält:

Ich habe diese Nacht kein Auge schließen können vor wahnwitziger Angst: Wo ist Doralies ge­blieben?"

Er versuchte ruhig zu scheinen, und doch merkte die kluge Frau, er war so wenig ruhig wie sie selbst.

Er antwortete:Sie wird in ein Hotel gegangen sein und dort ausgeschlaßen haben. Jetzt wird sie vielleicht ein bißchen nachdenken und dann wieder hierher kommen."

Die Dame des Hauses schüttelte mit dem Kopfe.

Eine, die aussieht wie Doralies, kommt nicht mir nichts dir nichts zurück, wenn sie so weggegangen ist. Eine wie Doralies Wolfram kommt nicht wieder wie ein bockiges kleines Mädel, das nachgibt. Es ist ja auch eigentlich nichts geschehen. Wir können ja nur mutmaßen. Die Mutmaßungen aber dürften stimmen. Ihre scharfe Kritik der Lüge trieb sie fort Ohne Gepäck entfernte sie sich. Nichts hat sie bei sich, nichts fehlt außer dem kleinen Handtäschchen. Ich will und darf meinen Mann aber jetzt nicht beunruhigen und mit hineinreißen in unsere Angst. Es könnte ihm morgen schaden; seine ganze Stim­mung für die Verhandlung könnte darunter leiden. Der Prozeß muß erst vorbei sein drei Tage kann er dauern. Für ihn liegt Doralies erkältet oben in ihrem Zimmer. Das ist leider auch eine Lüge, lieber Doktor. Sie sehen, mir kommt es nicht darauf an, in solchem Falle zu lügen. Und wehe Ihnen, wenn Sie vorläufig etwas von der Wahrheit gegen mei­nen Mann verlauten lassen!"

Wie ost beteuerte ich Ihnen schon ich verrate bestimmt nichts!" erwiderte er.

Sie zuckte mit den Achseln.

Ich traue einem Wahrheitsfanatiker wie Ihnen ganz und gar nicht, nachdem Sie uns die böse Geschichte eingebrockt."

Um seinen Mund legte es sich wie Bitternis.

Glauben Sie mir doch, Frau von Stäbnitz, wenn ich das zurücknehmen könnte, was ich in Doralies Wolframs Gegenwart geäußert habe, ich würde es gern tun; aber es geht doch nicht!"

Es klopfte.

Der Diener brachte eine Visitenkarte. Frau von Stäbnitz sagte ein wenig zu lebhaft:

Ich'lasse bitten!" (Fortsetzung folgt.)

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