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Nr. 59 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)Samstag, 10. Mrz19Z§

etwa seine täglichen Waschungen unterlassen, weil er Wassergeld zahlen muß, oder weil die Seife etwas kostet? Ganz gewiß nicht. Wem aber seine Bäume lieb und wert sind, ob sie nun im freien Felde oder im gehegten Garten stehen, will das Beste von ihnen haben: gute Erträgnisse und gesundes Ob st. Kann er beides von Bäu­men verlangen, die nicht von Moosen und Flechten gereinigt sind, die keine glatte Rinde, sondern eine dicke Borke haben, unter der alles Ungeziefer über­wintert: Blutenstecher, Blattflöhe, Blutläuse, Schild­läuse, Spinnmilben, Raupen der Gespinstmotte, des Apfelwicklers und was sich sonst noch aufzählen ließe?

Die bevorstehende oder bereits begonnene IDin- tersprihung der Obstbäume mit Obstbaum- karbolineum bildet allein die Grundlage einer planmäßigen Schädlingsbekämpfung und tötet die überwinternden Eier der Blattläuse, Vlatt- flöhe, Apfelblattfauger, Frostspanner, Ringel- fpinner, Kirschblütenmotten usw. Durch die neue Polizeiverordnung vom 26. Februar 1934 ist die Obstbaumpflege im Kreise Gießen unter heilsamen gesetzlichen Zwang gestellt worden.

So weit das bei der vorgeschrittenen Jahreszeit noch

möglich ist, wird die Spritzung nunmehr unver­züglich vorgenommen werden.

Arbeitsamt Gießen im Interesse der Ar­beitslosenbeschäftigung der Sache angenommen.

Die Instandsetzung der Obstbaumbestände zur Er­langung brauchbarer und konkurrenzfähiger Ernten, damit zur Verringerung ausländischer Einfuhr, so­wie die Förderung der deutschen Volksernährung werden etwa 20 bis 30 derzeit noch beschäftigungs­losen Volksgenossen auf etliche Wochen Beschäfti­gung geben. Zu diesem Zwecke ist vom Arbeits­amt Gießen ein Antrag auf Gewährung eines namhaften Zuschusses an dgs Landesarbeitsamt in Frankfurt a. M. gerichtet worden. Die Gewährung dieses Zuschusses darf mit Bestimmtheit erwartet werden.

Zwecks Durchführung der Schädlingsbekämp­fung im Obstbau auf Grund obiger Verord­nung find alle Obstbäume abzukrahen, zu bürsten und zu reinigen. Die Baumkronen sind sachgemäß zu lichten und vor allem auch von allen dürren Aesten zu befreien. Zur Durch­führung oder Duldung dieser Maßnahmen sind die Besitzer (Eigentümer) der Obstbäume oder die Nutzungsberechtigten (Pächter usw.) bezw.

deren Vertreter verpflichtet.

Die Notwendigkeit und der Umfang der Maß­nahmen wird von einer Kommission geprüft, welcher der Bürgermeister oder sein Vertreter, der örtliche Führer für Obstbau, der Ortsbauernführer, ein Baumwärter und zwei vom Kreisbauernführer, am Obstbau interessierte Bauern oder Landwirte

Die Pflege der Obstbäume in der Gemarkung Gießen

Schon seit Jahren bemühten sich einsichtsvolle Obst­baumbesitzer darum, eine einheitlich durch- geführte Obstbaumpflege zu erreichen. In Gießen hat es sich in dankenswerter Weise die Haupt­stelle für Pflanzenschutz am Landwirtschaftlichen Institut der Universität angelegen sein lassen, diese Bestrebungen in jeder Weise zu fördern. Leider stießen diese, wenn auch nicht gerade auf offenen Widerstand, so doch auf recht geringes Wohlwollen solcher Stellen, die in erster Linie dazu berufen ge­wesen wären, sich mit aller Kraft für eine zwangs­weise Einführung der Schutzbespritzung der Obst­bäume und aller hiermit in Zusammenhang stehen­der Maßnahmen einzusetzen. So kam es, daß bei der ersten freiwilligen Winterspritzung der Obstbäume vor drei Jahren von etwas über 20 000 Obstbäumen der Gemarkung deren nur 8000 ge­spritzt wurden, daß diese Zahl vor zwei Jahren auf etwas über 5000 Bäume sank und daß, von den Spritzungen einzelner Baumanlagen abgesehen, die Winterspritzung im vergangenen Jahre leider ganz unterblieb.

3m nationalsozialistischen Staat ist das nun anders geworden. Eigenbrötelei und Selbst­sucht bringen niemals allgemeinen Nutzen. 7vo nun gar hohe volkswirtschaftliche Werte auf dem Spiele stehen, wie beispielsweise beim deutschen Obstbau, kann es nicht dem einzelnen Baumbesiher überlassen bleiben, zu entschei- den, ob er das $ einige dazu beitragen will, seine Bäume in gehöriger Weise zu pflegen, sondern er muß, so ihm der Sinn hierfür fehlt,

augehören.

Von allen Baumbesitzern usw. darf erwartet wer­den, daß sie den vorgesehenen Arbeiten im eigenen . o___y___o und im allgemeinen Interesse volles V er-

" Trägerin der zu leistenden Arbeiten ist dielständnis entgegenbringen und sowohl Stadt Gießen mit dem ihr zur Verfügung dem mit der Aufsicht betrauten Feldschutz-, als auch gestellten Personal. . dem Spritzpersonal jedes wünschenswerte

In dankenswerter Weise hat sich aber auch das E n t g e g e n t o m m e n zeigen.

Aus der Provinzialhauptstadt.

zur Erfüllung feiner Pflichten angehalten werden.

Wer das Glück hat, ein Stück deutscher Erde sein Eigen zu nennen und es nutzen zu dürfen, um aus ihm wie aus einem klaren Borne, stets neue Le­benskräfte zu schöpfen, wie das Millionen von Mit­menschen leider nicht beschieden ist, wer Blumen und Früchte ziehen kann, muß sich als Verwalter eines Gnadengeschenks fühlen und danach sein Handeln einrichten. Neben der hohen sittlichen Freude am Obstbau liegt aber auch ein greifbarer materieller Nutzen.

Jedem deutschen Menschen alltäglich feinen deutschen Apfel!

Wie weit sind wir, leider, noch von der Erfüllung dieser Forderung entfernt. Statt dessen wandern alljährlich Hunderte von Millionen deutscher Mark ins Ausland, weil das Inland noch nicht genügend fachlich geschult, volkswirtschaftlich und national noch nicht genügend erzogen ist. Vollkommen verfehlt wär es, die Einfuhr ausländischen Obstes irgend­welcher Art mit deutschen gesetzlichen Zollmaßnah­men zu bekämpfen. Zwangsmaßnahmen des Aus­landes und neuer Kampf gegen Deutschland wären die unausbleibliche Folge. Nein, Selbsthilfe durch größere und artmäßig vorzüglichere Ödst­er,zeugung kann uns allein helfen.

Fort deshalb mit allen alten Baumftrünken, die den Platz versperren und die die Brut- siälten des Ungeziefers find, fort mit allen kaum genießbaren und schlecht haltbaren Sor­ten, die dem Baumbesiher nur ein Aerger sind! heran aber an den Fachberater, an den sach­verständigen Baumschulbesiher, der für die Sortenechtheit und die tadellose Beschaffenheit seiner Iungbäume einsteht und heran an die niemals ruhen sollende Verbesserung der Obst­baumbestände! Und darum erst recht heran an die ordnungsmäßige, regelmäßige Vaumpflege.

Die Erfahrung ist der beste Lehrmeister. Sie lehrt, daß die verhältnismäßig geringen Kosten der Baum- pflege sich dutzendfach bezahlt machen. Wird jemand

Das Himmelsblau wird stark und rein

Es ist noch gar nicht lange her, als ich am Fen­ster stand und hinausschaute in ein wüstes Sturm­wetter. Regen und Schnee schlugen an die Schei­ben. Auf der Straße war niemand zu sehen. Neben mir standenin paar Zimmerpflanzen, die hier im Schutz der Wärme an das Licht gestellt worden waren. Sie grünten und blühten. Während ich sie betrachtete und an das Wetter draußen dachte, sah ich auf einem großen bunten Blatt ein kleines Tier­chen sitzen. Es war ein Marienkäferchen. Es war der erste Frühlingbote. Ganz flink kletterte es auf den Pflanzen hin und her. Dann klappte es feine Flügel auf und flog höher.

Mit diesem kleinen Wesen wehte auf "einmal ein Stück Leben, ein Stück vom kommenden Frühling in das Zimmer. Wiesen mit leuchtenden Blumen, grüne Getreidefelder und rauschende Wälder erstan­den vor meinem Auge. Das Schneetreiben draußen war vergessen. Ich wandte mich zurück ins Zimmer und hatte meine Freude an. dem kleinen Käfer. Der Tag war erhellt. Mochte es auch noch so arg stür­men, ich hatte die Gewißheit in der Hand, daß nun bald der Frühling kommt.

Und es dauerte nur noch einige Wochen. Die Sonne vollbrachte das Wunder. Ein Duft vom kom­menden Frühling liegt über dem Lande. Noch sieht man kaum etwas, aber man fühlt es. Es bereitet sich etwas vor, jeder Sonnenstrahl schiebt es weiter vor. Die Meisen versuchen ihren ersten Gesang, die Bienen summen schon im hellen Schein.

Die Frühlingssonne nimmt der Landschaft die Härte, die Schärfe. Noch stehen die Bäume kahl und starr. Schwarz heben sie sich gegen den klaren Him­mel ab. Die Aeste, einst gebeugt von der Last der lachenden Früchte, hängen nach unten. Ader wir wissen, daß unter der rauhen Rinde das Leben schon fließt, daß der Saft steigt und ein Dehnen und Strecken durch die Zweige geht.

Jetzt ist die Zeit gekommen, um hinauszuwan­dern in die erwachende Natur. Jeder einzelne Bote der kommenden Jahreszeit ist uns willkommen. Wir grüßen die zarten Weidenkätzchen, die sich aus der dunkelbraunen Hülle herausgewagt haben, wir streicheln ihr zartes Fellchen. Lange wirds nimmer dauern, dann leuchten sie im tiefsten Gelb und geben den Bienen ihren Blütenstaub zum Füttern des jungen Nachwuchses.

Auch am Haselbusch hängen die länglichen Kätz­chen. Jeder Windzug löst bei ihnen eine Wolke von Blütenstaub. Und wenn man genauer zuschaut, dann bemerkt man auch die roten, weiblichen Blüten an den Enden der Zweige, wie sie bereit stehen, um den Blütenstaub zu empfangen. Da muß man immer wieder stehen bleiben. Hier wird der neue Frühling geboren. Hier pulst das Leben. Später, wenn alles blüht und duftet, werden wir verwirrt von der Fülle des Reichtums.. Jetzt aber schauen wir hinein in die Geheimnisse der Natur. Wenn mir eine schwellende Knospe aufbrechen, sehen wir schon, wohl verpackt und ordentlich aufgerollt, die zarten Blättchen und Bluten. Wir schauen in das Herz der Dinge.

D^s ist das Schöne in diesen Tagen. Wir wissen wohl, daß noch Stürme und Fröste kommen können, daß ;ber launenhafte April noch zu erscheinen hat, aber beim Anblick der erwachenden Natur vergessen wir dies alles. Wir freuen uns nur, daß wieder einmal ein Winter zu Ende geht.

Durch die Menschenherzen ein Stürmen weht, und die Kraft, die tot und versteinert steht, gebannt in Stumpfheit, in Träge gefangen, die reckt sich und atmet in jähem Verlangen ...

(Maria Kahle.)

Keine Lehrstellenvermittlung durch die Schulen.

Die Ministerialabteilung für Bildungswesen, Kul­tus, Kunst und Volkstum hat an die Direktionen der

EinladungenfürdenGauteiter

Ich erhalte in letzter Zeit so viele Einladungen zur Teilnahme an Gedenkfeiern, Eröffnung von Ausstellungen und Besichtigungen zu Terminen, die in meiner Arbeitseinteilung keine Berücksichtigung mehr finden können. Es wird mir nach wie vor nicht möglich fein, allen Einladungen Folge zu leisten.

Um eine Einladung berücksichtigen zu können, muh ich bitten, diese mindestens vier Wochen vor der beabsichtigten Veranstaltung zur Kenntnis zu geben, damit ich gegebenenfalls eine Teilnahme möglich machen kann. Gez.: Sprenger.

höheren Lehranstalten und die Kreis- und Stadt- schulämter eine Verfügung über die Berufsberatung und Lehrstellenvermittlung gerichtet, in der unter Hinweis auf ein früheres Ausschreiben betont wird, daß nach den gegebenen Richtlinien alle Schulen sich der Lehrstellenvermittlungen irgendwelcher Art zu enthalten haben. Lehrmeister, die sich an die Schule wenden, ebenso Lehrstellensuchende, müssen an die Berufsberatung verwiesen werden.

Zum Gammelsonntag am 11. März.

Wahr ist, daß die Straßensammlungen sich häu« fen, wahr ist aber auch, daß d i e Not in un­serem Volke noch groß ist. Jeder prüfe sich vor seinem Gewissen am 11. März, ob er für seine bedrängten Volksgenossen in Wahrheit schon ge­opfert habe. Der Sozialismus ist Volks­gemeinschaft. Wenn der Volksgenosse hungert, ist kein Opfer zu groß.

Die Gauführung des WHW.

Kaust morgen die Märzplakette!

Der Verkauf der Wärz-Plakette für die Winterhilfe findet am morgigen Sonntag im kreise Gießen zum Preise von 10 Pfennig pro Stück statt. 3m Hinblick auf die immer noch große Not ist bei dem Verkauf der Plakette selbstverständ­lich der Opferfreudigkeit nach oben hin keinerlei Grenze gesetzt. Der Preis von 10 Pfennig stellt nur die Winde st grenze dar. Wer einen höheren Betrag bezahlt, kann sich mit Genugtuung sagen, daß er eine gute T a t in dem Kampfe gegen hunger und Kälte voll­bracht hat!

Winterhilfswerk des deutschen Volkes 1933/34.

Kreisführung Gießen.

Von der Gießener Frauenschaft wurden aus eigenen Mitteln, unter Leitung der Führerin, Pgn. Ilse W r e d e , nachstehende Kleidungsstücke gespendet bzw. angefertigt und dem Gießener Win- terhilfswerk zur Verfügung gestellt:

15 Herrenhemden, 7 Frauenkleider, 21 Kinder­kleider, 58 Knabensporthemden, 22 Herrenunter­hosen, 120 Paar Frauen-, Herren- und Kinder­strümpfe, 18 Paar Damenhandschuhe, 12 Meter Wäschestoff, 2 Frottierhandtücher, 1 Unterjacke, 1 Kinderjäckchen, 26 Leib- und Seelunterhofen, 19 Damenschlüpfer, 4 Unterröcke, 5 Hemden, 24 Schür­zen, 8 Kinderunterhofen, 2 Paar Gamaschen, 2 Mützen, 1 Knabenanzug, 2 Spielhöschen und 1 Kindermantel.

Diese Opferwilligkeit, sowie selbstlose Einsetzung zur Linderung der Not unter den Hilfsbedürftigen sei den Frauenvereinen und ähnlichen Organisa­tionen zur Nachahmung empfohlen!

Heil Hitler!

gez.: K1 ö ß, Kreisführer des WHW.

F. d. R. gez.: M o ha u p t, Kreisgeschäftsführer des WHW.

Thomas und Wisi.

Aus einer Kinderstube.

Von JRuff) Schaumann.

Dies sind kleine Striche um Thomas und Wisi, nicht anders, als Vogelzehlein sie im Schnee hinter­lassen. Vöglein, die bald davonfliegen, Schnee den die Sonne bald schmilzt. Ostervöglein, Schnee, Sonne, die ihr in Gottes Hand ruht, fallt mir nimmer aus Gottes Hand!

Wocki - Wocki.

Es war Thomas, und Thomas war alleine da. Ein Jahr und ein wenig darüber. Er war klein und war zart. Aus klein und zart zusammen wird zärtlich. Nichts war, das Thomas störte, gut zu fein. So war er ein kleiner freundlicher Sohn. Ach, er baute so gern. Er hatte so kleine Klötze und so eckige Steine, rot wie sein eigenes Röckchen, das man ihm über das graue Kittelchen tat, sollte er auf die Straße gehen, blau wie Mutters Kleid, gelb wie die Sonne. Er hatte fein Bauzeug und eine große Geduld, und es wurden viele Häuser für Thomas durch Thomas, es waren Häuser zum Wohnen, so dachte er, er saß vor seinem Haus: Mein Haus", sagte der kleine Junge,Vaters Haus", sagte er wieder, es war so viel kleiner als er. Thomas hatte auch Tiere und Bäume und eine seltsame Sprache, die aus ihm selber war. Er sagte: Galgal" und das sollte Schildkröte heißen. Er sagte Wocki-Wocki", das find die Enten, die im Park auf dem See und die aus Holz oder Ton. Er schrie:velos", das heißt: schnell, und:fralax", das heißt: böse. Es waren noch nicht vielFralax" in seinem kleinen Leben.

Thomas stellt feine Tiere auf und feine Baume. Er denkt, er wäre mit ihnen allem, em kleiner Adam im Paradies, bevor Gott die Eva geschickt. Er sitzt mit gekreuzten Beinen, er sitzt so heute noch oft, ein winziger Muselmann. Er bringt em Bäumchen auf feinen runden hölzernen Fuß. Es wackelt ein wenig, dann steht es still. Unb er stellt zwei Enten unter das Bäumchen.Bäumchen, Blüh­bäumchen", sagt Thomas,macht rausche, rausche Blätterlein. Zwei Wocki-Wocki", er stellt ihre Schnäbel dicht zueinander,zwei Wocki-Wocki küs­sen sich" der kleine Junge sinnt über den Aus­druck aller Liebe nachküssen sich wie Vater und Mutter."

Die Wiege.

Und bann ist alles anbers als sonst. Es ist, baß man nicht ruft, sagt ober singt: Thomas, wo ist denn Thomas? Es ist, daß nian durch alle Zim­

mer geht, schnell aber leise, daß man den Thomas wohl sieht und doch nicht sagt:Thomas, was machen wir jetzt miteinander?" Es ist, daß der Vater fröhlich ist und die Mutter so blaß in ihrem großen Bett mit dem hölzernen Himmel. All die Kissen unter ihrem Kopf sind weiß, sie ist noch weißer. Sie allein aber sagt zu ihm:Thomas", aber ihre Augen gehen dabei durch die offene Türe in die Kammer nebenan, als wäre dort irgend etwas, zu dem sie gehört. Oder das zu Thomas ge­hört. Unb es fehlt boch gar nichts an ihm. Seine Schuh hat er an unb bie kurzen Socken, unb bie Hafenfchlippchen unb bas Ding, bas nicht Kittel, noch schonrichtige" Hose ist. Vater sagtSäck­chen" bazu. Die Mutter schaut so sehr nach biesem anberen Zimmer, unb Thomas läuft biefen suchen- ben Augen nach wie zwei grauen Vögeln, bie leise fingen.

Er läuft burch bie große offene Tür, ber sehr kleine Bursch. Er hat seinen lichtgrünen Nock an unb noch sehr bünne Beinchen. Vater sagt:Heu- pferb".

Das kleine Heupferb springt in bie Kammer. Darin ist es über alles still. Die große Sonne kommt über ben Fenstersims an bem Walb von Vaters Büchern vorbei unb ist boch so leise, wie ber kleine Thomas in seinen Hasenschlippchen es niemals vermag, fast hört man Mutters Augen­vögel in biefer Stille noch fingen.

Dem kleinen Heupferb ist bang. Die Wiese bieses Zimmers ist nicht bie Wiese von sonst, sie buftet nicht mehr nach Büchern unb Tinte unb weißem Papier unb bem Bohnerwachs ber Marie, barüber ber Vater so schilt. Sie buftet ganz anbers. Unb ein frember blauer Kasten ist ba, mit Blumen be­malt unb mt Dingern barunter wie an Thomas Schaukelpferb. Unb ber Kasten ist offen. Thomas wirb ganz blaß. Sein kleines Herz tut ihm weh. Er weiß noch nicht, baß ein Herz in ihm ist, er ment, was wehtut, ist alles rundum: Der blaue Kasten, bie Wiegenbretter, bie Kissen im Kasten barin unb bas kleine Gesicht auj ben Kissen. Dies kleine Gesicht, es hat bie Augen zu unb ist boch keine Puppe. Es macht Schn.äuflein wie bie Hasen bes Jnvaliben brüben in ihrem bretternen Stall, es ist bennod) kein Hase. Die Sonne streichelt es sanft. Thomas stößt nach ber Sonne.

Mitten burch bie Sonne stürzt bas kleine blasse Heupferb zu feiner Mutter herein, tief in ihre Hänbe unb Arme.Nein", sagt es,nein".Doch", sagt bie Mutter,boch", unb sie küßt ihren kleinen Sohn,nicht so laut, Schwesterchen Wisi schläft." Thomas horcht auf.Wewe", antwortet er auf bas neue Wort.Weweh", sagt er bann unb weint bit­

terlich in Mutters kühle Finger hinein. Thomas ist nun nicht meh allein.

Wifi.

Ach, Wisi mag so gern essen. Wenn sie morgens aufwacht, sagt sie gleich:Was gibt es heute zu essen?" Unb sie ißt alles, ißt alles, was man ihr gibt. Manchmal aber nimmt sie sich selber, unb bas barf man nicht. Unb Wisi erhält eine Strafe, aber nicht mit bem Essen unb ihrem herrlichen Hunger, benn, was Gott gibt, barf ber Mensch nicht roieber entziehen. Reis mit Aepfeln ist gut, unb Butterbrot ist sehr herrlich unb Sträußelkuchen ist ein Fest. Unb bie Suppe am Sonntag mit gelbem Stich unb grauem Kloß! Essen ist wunberschön. Eben jetzt wirb roieber gebacken, unb Vater singt mit Thomas allerlei Lieber. Thomas singt so stark, wie ber Vater singt, unb macht seinen kleinen Munb babei, wie ber Vater ihn macht unb verbirgt bie braunen Hellen Augen unter ben gerunzelten Brauen, weil ber Vater so schaut, wenn er singt. Die Mutter hat ein Lieb, bas müssen bie beiben Männer" ihr immer roieber fingen, weil es bie Mutter so lieb hat. Das hebt an: Still, still ... Aber Mutter wartet immer auf ben anberen Vers, bann wirb ihr Gesicht so wie in ber Frühe bie Sonne im Morgenrot an bie Wcmb ber Kinber- ftube kommt. Unb Thomas unb Vater singen: Groß, groß, groß, bie Lieb ist übergroß" Mut­ters Gesicht ist schon roieber wie bie Frühe, wenn bie Sonne erscheint. Wisi hat bas Lieb schon oft gehört, sie kann es nun lang, sie will Mutter auch Freube machen, Freube roie Essen, Essen ist boch so schön, ihr kleines runbes Gesicht wirb auch roie ein Morgenrot, wenn bie Schüssel erscheint. Im­mer sagt Wisi bann:Noch mal", auch bie Mutter sagt setzt:Bitte, noch mal", unb Thomal unb Va­ter singen:Still, still" ... unb nun kommt ber britte Vers:Groß, groß ..." Mutter soll sich freuen, bie kleine Wifi stimmt ein:Kloß, Kloß, Kloß, bie Lieb ist über Kloß!"

Zeitschriften.

Im Märzheft berZeitroenb e" (Verlag H. C. Beck München unb Berlin) zeigt Grünbier, baß bie friebfertige Außenpolitik bes national­sozialistischen Deutschlanb kein taktisches Augenblicks­manöver ist, fonbern mit innerer Notroenbigkeit aus bem nationalsozialistischen Ethos unb bem völkischen Staatsgebanken heroorroächst. Die Er­kenntnis, baß hier eine neue politische Gesinnung am Werk ist, baß ber Gebanke einer aufrichtigen Verstänbigung von Volk zu Volk eine selbstverstänb- liche unb notroenbige Folge bes völkischen Staats- gebanfens ist, diese Erkenntnis ist ben Staats­

männern bes 3U Enbe gehenben imperialistisch^ Zeitalters nur schwer zugänglich. Freilich:Das Wettrüsten in ber Welt geht weiter"; hierüber unterrichtet militärisch knapp unb klar eineRaM bemerfung bes gleichen Heftes. Christian Keyßer greift resolut in eine anbere jetzt viel umstrittene Frage:Altes Testament unb .heutige Zeit". Noch eine britte große Gegenwartsfrage schließlich kommt in bem Heft zur Sprache: bas Verhältnis von Kirche unb Staat. Klar unb fachlich legt Rubolf Oeschey Luthers Urteil über sie bar. Zwischen biefen Beiträgen finbet sich bie Fortsetzung von Hilbur Dixelius' RomanDie Sünberin" unb ein graziöses humorvolles Märchen bes elsässischen Dichters E. ReinacherDer Taschenspiegel".

Westermanns Monatshefte bringen im Märzheft einen beachtlichen Artikel von Dr. Paul Joseph CremersDanziger Künstler", ber bas künstlerische unb geistige Bilb ber besten Maler Danzigs zeigt, unter benen bie stärksten Begabun­gen ber ostbeutschen Kunst überhaupt zu finben finb. Diese Kunst aus ber Seele bes beutschen Ost­raums trägt ben Stempel fortschrittlicher Könner­schaft. Weiter ist aus bem Heft besonbers hervor­zuheben ber Aufsatz von Dr. Johann von Seers: Polen unb Deutschlanb in ber geistigen Berüh­rung". Der Verfasser sucht zum 'Polenabkommen kulturelle Gebauten beizutragen, um zu zeigen, auf welchen Gebieten sich bie beiben Nachbarvölker bisher berührt haben. Die NovelleZwischen Traum unb Tag" von Georg von ber Gabelentz behanbelt ein Liebeserlebnis, bas mit seltsamen seelischen Fäben zwischen ber Wirklichkeit unb bem Ueberwirklichen versponnen ist. In bem farbigen Beitrag:Bühnenbiiber von Hugo Asbach fr." werben neue Szenenentwürfe für Oper unb Schau­spiel, barunter Mussolinis SchauspielHunbert Tage", gezeigt.

Eine große Vorschau auf bie kommenbe Mobe gibt die Leipziger Illustrirte Zeitung in ihrer neuesten Nummer. Ueber dreißig Modelle in Photo und Zeichnung geben zusammen mit dem er­klärenden Text ein umfassendes Bild der künftigen Modegestaltung. Neben der reichen künstlerischen Ausstattung bietet bas Heft eine Würbigung bes Malers Rubolf Schramm, Zittau, ber jetzt 60 Jahre alt würbe. Beiträge über Erbbebenforschung unb über Echtheitsprüfung bei Wertgegenständen bringen außer dem guten Unterhaltungsteil einen reichhal- tigen und vielseitigen Lesestoff. Ein Theaterbilb- bericht, Aufnahmen aus dem Variets, Bilder der Zeit und eine ausführliche Literaturecke mit einem Aufsatz von Will VesperZeitwende in der Dick)- hing" tragen bei zu einer Vielgestaltigkeit des Heftes.