(Rosemarie, Rosemarie...
Roman von Käthe Metzner.
12. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Langsam machte sich die Tinius mit dem Gedanken vertraut, ein anderes Engagement anzunehmen, ehe die Sache noch mehr durchsickerte und ihr schließlich andere Bühnenmöglichkeiten verschloß.
Dieser Gedanke machte sie endlich ruhiger.
Die Strehle, die alte Garderobiere der Tinius, legte alles zurecht.
In ihren großen Spiegel blickend, sah Marion Tinius das alte, etwas verschlagene Frauengesicht, und ihr schien es, als ob die Strehle vor sich hinkicherte.
„Na, Strehle, du bist ja recht aufgeräumt? Hast du ein Enkelkind gekriegt?" fragte die Tinius leichthin, während sich ihre Gedanken schon wieder mit anderen Dingen beschäftigten.
Die Garderobiere blieb stehen. Das war ja der Augenblick, auf den sie seit Wochen gewartet hatte. Sie wußte, daß die Tinius für Theaterklatsch äußerst empfänglich war; aber seit Wochen war ja nicht an sie heranzukommen gewesen.
„Ich habe da neulich eine merkwürdige Unterhaltung gehört, gnädiges Fräulein ...!" Sie spannte die Tinius nicht erst auf die Folter, sondern ergänzte sofort: „Zwischen der jungen Bergmann und ihrer Tante."
Marion Tinius horchte auf.
„Zwischen der Bergmann und ihrer Tante, sagst du, Strehle? Na, da möchte ich aber wissen..."
„Ja, als sie an dem Abend hier in der Garderobe waren, wo Sie krank waren, gnädiges Fräulein ..."
Fast wörtlich erzählte die Alte nun mit einer Lebhaftigkeit, die die Tinius fesselte.
„Ja... und dann sagte die alte Dame: »Einmal wird es daheim doch vergessen — und dann kannst du wiederkommen/ Ja ... und da sagte die junge Bergmann: ,Jch kann nicht kommen, Tante ../, das andere verstand ich nicht gleich... ,Ein Leben lang wird mir dieser Makel anhängen, und ich kann mich nicht dagegen wehren/"
„Ist das wahr, Strehle? Hast du das wirklich gehört? Machst du auch nichts dazu?"
„Nicht ein Wort, gnädiges Fräulein! Ich sollte gleich . . "
„Ist gut, ich glaube dir schon, Alte! Ist ja ganz interessant, was du mir da erzählt hast."
„Gnädiges Fräulein ...!" Die Garderobiere hob beteuernd die Hände.
„Hier hast du Geld, und hör jetzt auf mit deinem Gewäsch! Hol mir ein paar kleine Sachen von Thieme rauf! Ich habe einen Bärenhunger. Den Rest behalte!"
„Ein paar kleine Sachen, die machen höchstens zwei Mark! Schneller konntest du das Geld nicht verdienen", sagte die Garderobiere zu sich selbst, während sie so schnell als möglich die Treppen hinunter humpelte.
Die Tinius hatte zum ersten Male wieder Appetit. Sie hätte die ganze Welt umarmen können. Die Strehle hatte ihr eine Chance in die Hand gegeben, die sie ausnutzen würde. Die Bergmann konnte sich freuen.
So leicht, wie die vielleicht dachte, ließ sich eine Marion Tinius nicht aus dem Feld schlagen!
An diesem Abend spielte sie wie lange nicht. Sie spielte im Bewußtsein ihrer Ueberlegenheit. Gewiß, sie hatte ein paar kleine Erlebnisse hinter sich, doch die waren ihr ureigenstes Geheimnis. Gott sei Dank, daß sie immer auf einen tadellosen Ruf gehalten hatte!
Aber die Bergmann, die hatte etwas zu verbergen. Marion wollte es schon herauskriegen.
„Du machst mir den Platz an der Sonne noch lange nicht streitig, Rosemarie Bergmann!" lächelte sie böse, während sie sich, vom Erfolg diefes Abends vollauf befriedigt, in die weichen Daunen kuschelte.
*
Doktor Wangenheim war ziel- und planlos in der Weltgeschichte herumgeirrt — und in Monte Carlo gelandet.
„Unglück in der Liebe heißt Glück im Spiel!" sagte er lässig und warf mit leichter Hand die Scheine über den Tisch. Seine Worte schienen auch tatsächlich das Geld magisch anzuziehen. Vor seinem Platz häuften sich die Scheine. Seine Brieftasche konnte sie nicht fassen ...
„Geld? Geld? Und immer wieder nur Geld?" schrie er verzweifelt.
Schöne Frauen umdrängten ihn. Nicht nur das Spiel, auch die Liebe blühte in Monte Carlo...
„Ich will doch auch einmal verlieren", rief er laut am Spieltisch, als sich schon wieder ein Berg vor ihm anhäufte.
Von diesem Augenblick an mied ihn das Glück.
Er verlor und verlor. Immer kleiner wurde das Häuflein vor ihm; er lachte. Schon griff er nach feiner Brieftasche... aber er lachte noch immer.
Zuletzt kam das Scheckbuch an die Reihe.
Mit einem Male erwachte die Leidenschaft des Spielers in ihm.
Er setzte und setzte. Aber er verlor.
Tag für Tag ging das schon so. Manchmal brachte er noch soviel'Mumm auf, das Kasino zu meiden. Er fuhr in seinem Wagen weit ins Land hinein, genoß die Schönheit der Riviera und vergaß seine Spielleidenschaft.
Aber des Abends, wenn die erleuchteten Fenster des Kasinos wie lockende Augen in die Dunkelheit strahlten, zogen sie ihn wie mit unheimlicher Zauberkraft in ihren Bann.
Seine Züge wurden scharf. Er spielte mit der Tollkühnheit des Verzweifelten, aber er verlor.
Was sollte das werden?
Doktor Wangenheim war klug genug, um zu überrechnen, daß die Werke daheim diese ungeheure Belastung seines Privatkontos nicht aushalten konnten.
Schon begann er, vorsichtig mahnende Briefe seines alten Direktors ungeöffnet liegen zu lassen... schon stieg manchmal eine Angst in ihm auf, daß die gefährlich hohen Summen, die er hier bereits verspielt hatte, dem Werk seines Vaters Verderben bringen mußten.
Scham überkam ihn.
Wie schlecht hatte er das Erbe feiner Vorfahren gehütet!
Müde und doch bis in die feinsten Nervenbahnen erregt, lag er in den Kiffen feines Hotelbettes.
Wieder hatte er bis zum Morgen gespielt — und verloren. Wenn sich das Glück nicht bald wieder ihm zuwandte, war er ein verlorener Mann.
Arbeiter und Angestellte wurden brotlos — durch seinen Leichtsinn.
Immer wieder kreisten diese Gedanken in seinem Kopfe, und immer wieder mahnte ihn die Stimme des Gewissens.
Da klopfte es.
Ein Boy überbrachte ihm ein Telegramm.
Er riß es auf. „Anwesenheit hier dringend notwendig. Lage sehr gespannt. Sofort eingreifen."
Das Telegramm flog auf den Schreibtisch. Alle Lauheit, alle Unentschlossenheit fiel von ihm ab.
Da stand das Bild seines Vaters. Lag in seinen gütigen Augen nicht ein unerträglicher Vorwurf?
Jetzt wußte Doktor Wangenheim — er mußte sofort heimkehren.
Länder und Meere hatte er durchstreift, ohne eine Spur von Rosemarie zu finden. Hier hatte er sich betäuben wollen. Nun kam das grausame Erwachen.
Hastig rüstete er sich zur Abreise. Er hatte hier nichts mehr zu gewinnen — nur noch zu verlieren.
Am Abend ging sein Zug.
Ein letztes Mal trank er seinen Nachmittagskaffee unter den rauschenden Palmen von Monte Carlo. Leuchtende Blumen umdufteten ihn. Wie eine große blaue Glocke spannte sich der Himmel über das märchenschöne Land und das ewig rauschende Meer.
Langsam kam der Abend.
Schon glühte im Garten des Kasinos wieder die feenhafte Beleuchtung auf. Schon lockten die hellen Fenster der Spielsäle wieder wie die rätseltiefen Augen einer Sphinx. Aber über Wolfgang Wangenheim hatten sie keine Macht mehr.
Mit eisernem Wollen hatte er sich freigemacht, hatte sich losgerungen aus den gefährlichen Klauen des Lasters.
Und während sich im Kasino wieder die Spielsäle füllten, während Hunderte in Angst und Gier das Spiel verfolgten, fuhr er mit klaren Augen und unbeugsamer Entschlossenheit der Heimat zu.
Er mußte wieder aufrichten, was zu zerfallen drohte, und in erlösender Arbeit Vergessen finden.
♦
Doktor Wangenheim war wieder zu Hause. Es gab Aufsichtsratssitzungen und Konferenzen über Konferenzen, die ihn nicht zur Ruhe kommen lie- ßen. Die Lage der Wangenheimschen Werke war angespannter, als er es geahnt hatte.
Noch war nicht alles verloren. Aber es mußten schnell durchgreifende Umstellungen vorgenommen werden. Die Summen, die Doktor Wangenheim für sich privat verbraucht hatte, machten sich erschrek- kend bemerkbar.
Tag und Nacht arbeitete er. Kaum daß er die paar notwendigen Besuche in seinem Bekanntenkreise gemacht hatte.
Auch bei Delbrücks hatte er sich bis jetzt nicht sehen lassen. Aber lange konnte es nicht Geheimnis bleiben, daß das Weltunternehmen sehr unsicher stand, und die Familie des Geheimrats Delbrück nahm ehrlichen Anteil an dem Schicksal ihres jungen Freundes.
Besonders der alte Delbrück, der Wangenheim wie seinen Sohn liebte und noch immer die heimliche Hoffnung nährte, ihn einmal zum Schwiegersohn zu bekommen, trug sich mit dem ernsten Gedanken, ihm seine freundschaftliche Hilfe anzubieten.
Vielleicht konnte man auf diese Weise die Beziehungen der beiden Familien etwas festigen und durch das Band der Dankbarkeit Wolfgang Wangenheim unmerklich mit der Familie Delbrück verknüpfen.
Auch gestern beim Abendessen waren zwischen Renate Delbrück und ihren Eltern diese Dinge durchgesprochen worden, und man war zu dem Entschluß gekommen, einen entscheidenden Schritt zu tun.
Gleich morgen früh wollte Geheimrat Delbrück den jungen Wangenheim aufsuchen und mit ihm sprechen. Er war ein äußerst geschickter Diplomat in solchen Angelegenheiten und würde schon alles so biegen, daß es recht harmlos und unauffällig erschien.
Doktor Wangenheim, der schon seit den frühen Morgenstunden in seinem Privatbüro arbeitete, war nicht wenig erstaunt, als ihm Geheimrat Delbrück gemeldet wurde. Er hatte ja noch nicht einmal nach seiner Rückkehr bei Delbrücks Besuch gemacht.
Aber in seiner herzlichen, jovialen Art begrüßte Delbrück den Heimgekehrten und sagte, sein Weg habe ihn eben hier vorübergeführt, da habe er sich den Weltenbumler einmal aus allernächster Nähe ansehen wollen.
Delbrück war aufs höchste überrascht gewesen, als er Wangenheim angesehen hatte. Der sah ja alles andere als erholt aus. Was hatte der Junge nur getrieben, daß fein Gesicht jetzt diesen müden, abgespannten Ausdruck trug?
(Fortsetzung folgt.)
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