Nr. 8 Zweites Blatt
Sietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Mittwoch, IV.Zanuar 1934
nuten an den nächsten Laternen.
Ein Offizier vom Dienst, Zeuge dieser Ereignisse,
auf Bänken und ’
Hunger! Die De-
gegen den Krieg, die Schieber und
Deputierten aus Zum Bahnhof!" von der Menge
Truppe verhaß-
Marne gekämpft haben, stehen Stühlen und sprühen Haßreden gegen hie unfähige Regierung, Kriegsgewinnler.
zurück. „Auf nach Paris! Holt die dem Parlament!" „Zum Bahnhof! schrillt eine Stimme, hundertfach ausgenommen.
det. Die Stabsoffiziere sind hochgesprungen. Sie starren den Adjutanten an, als ob er den Verstand verloren hätte. „Diese Hunde!" knirscht ein Generalstabsoffizier. „Wir haben keine Truppen in der
stieben.
Oie Bahnstrecke sperren!
Im Quartier der Division ist um diese Stunde
Frankreichs schwerste Stunde.
-Aufruhr in Soissons. - „Wir werden nicht marschieren/' - Belagerung der Meuterer.
Syndikalist.
„Poincare will keinen Frieden mit Deutschland!" — „Die Generäle wollen die Blutoffensive fortsetzen!" — „Heute nacht sollen wir marschieren", tönt es in wilden Zurufen aus der Menge.
„W i r werden nicht m a r f ch i e r e n", ruft ein Unteroffizier mit geballter Faust . . .
„Zum Bahnhof,zumBahnhest,
Zwei Stunden vor dem Abmarsch — es ist 23 Uhr — sind die engen Gassen, in denen sich die Mannschaftsquartiere befinden, voll von Soldaten. Eine Kantine mit Weinvorräten ist geplündert worden, und der Alkohol hat die Stimmung bis zur Siedehitze erregt. Da rattert es die Straße hoch. Rufe und Gebrüll ertönen. Zwei Lastwagen, besetzt mit Mannschaften des 17. und 36. Regiments, biegen um die Ecke. Bon dem ersten Wagen wehen rote Fahnen. „Kameraden, marschiert nicht!" gellt es in die Masse. , Macht es wie wir. Werft die Lastwagen um, zerschneidet die Reifen! Nieder mit dem Krieg!"
„Nieder mit dem Krieg!" donnert es
Der Aufruhr tobt. Ein bei der
ter Regimentsarzt läuft den Meuterern in die Arme. Er wird zu Boden geschlagen und bleibt schwerverletzt auf der Schwelle eines Hauses liegen. Dem bewaffneten Haufen stellen sich an einer Straßenkreuzung drei Feldgendarme entgegen. Bei ihrem Anblick sehen die Meuterer roten Nebel vor den Augen. Das sind diese Leuteschinder, diese Angeber, diese Etappenhengste mit dem anmaßenden schroffen Ton, ihrer frechen Ueberheblichkeit, hie hem Frontsoldaten tausendfach das Leben vergällen. Die Gendarmen kommen gar nicht dazu, ihre Pistolen zu entsichern, da sind sie ihnen schon aus der Hand geschlagen, prasseln Hiebe auf sie nieder, werden — keiner weiß, woher sie plötzlich kommen — Stricke von
„Unsere Weiber krepieren vor putierten mästen sich!" ruft ein finsterer Soldat, ein
Der Alfred-Protte-Derlag Potsdain^ bringt Hand zu Hand gereicht, und unter Gebrüll und Ge- in dem Buch „Frankreichs schwerste stunde" johle hängen die Unglücklichen nach wenigen Mi- von Rolf Bathe einen hochinteressanten^
Beitrag zur'Geschichte des Weltkrieges. Der । v,lll UUIH ^leiift, otuyt
Verfasser schildert in seinem Buche aus Grund > jst roie von Furien gepeitscht zum Stabsquartier eingehender Quellenforschung und bisher un- geeilt und berichtet in fliegender Hast das Ge- veröffentlichten Tatsachenmaterials die große s'chehene. Der Regimentskommandeur hat schon den Gefahr, in der sich Frankreich im Jahr 1Ü17 1 ^örer von der Gabel gerissen. Kein Laut. Die durch die Meuterei der Armee an der Front Drähte sind zerschnitten. Der Adjutant stürzt und den Aufruhr im Jnnenlande befand. Wir; $urn Pferdestall. Ein Gaul ist in Minuten gesattelt, entnehmen deni Buche mit Erlaubnis des prescht auf Nebenwegen davon, daß die Funken Verlages eine Schilderung über die Meuterer, — - die Mitte Mai 1917 an der Front bei Sois-
nengewehrabteilungen der Bahnlinie zu.
| Auf dem Bahnhof von Soissons haben sich die Meuterer aus einen bereitstehenden Zug geworfen, die Abteile gestürmt, die Dächer besetzt und das Bahnpersonal mit vorgehaltenen Waffen gezwungen, den Zug abzulassen. Unter dem Gesang revolutionärer Lieder und dem Knattern von Flinten- schüsseu, die in die Luft gejagt werden, setzt sich der Zug auf der Pariser Strecke in Bewegung.
„Wir schießen euch in Fetzen!"
Dort, wo die Bahn am Walde von Villers Cotte- ret scharf nach Westen abbiegt, zieht der Lokomotivführer plötzlich die Bremsen. Schwere Steine und Baumstämme versperren die Gleise. Ehe die Meuterer sich von ihrer Ueberraschung erholt Haben, knattern rechts und links der Bahnlinie zwei Maschinengewehre. Die Garben gehen nicht sehr hoch über den Köpfen der auf den Dächern hockenden Mannschaften hinweg. Jetzt erst sehen die Meuterer die im Halbkreis aufgestellten Maschinengewehre, sehen im Zwielicht des grauen Morgens die Stahlhelme der im Anschlag liegenden Schützenlinien. Ein Offizier sprengt dicht an den Zug heran: „Ergebt euch!" ruft er mit schneidender Stimme. „Ist der Zug nicht in zwei Minuten geräumt, schießen wir euch in Fetzen!"
Die Mannschaften in den Hinteren Wagen des Zuges, die dicht am Waldrand halten, werfen sich mit der Waffe in der Hand in das Gehölz und verschanzen sich. Sie werden b r e,i Tage b e - lagert, bis der Hunger sie zur Uebergabe zwingt. Der größte Teil der überrumpelten Meuterer aber
sons erfolgte.
Gärung
aufhalten", ruft der Dioisionsgeneral verzweifelt. Die Leitung zu der Kavalleriedioision, die zwischen Soissons und Paris in Quartier liegt, ist noch in Ordnung. Der Kavalleriekommandeur, der durch den Anruf aus dem Schlaf gescheucht wird, glaubt zu träumen, als er hört, daß feine Regimenter sofort die Ba hm st recken nach Paris sperren müssen, um einen Zug mit Meuterern abzufangen; aber die harren, drängenden Worte des Jnfanteriegenerals am anderen Ende der Leitung sagen ihm, daß es sich hier um eine blutig ernste Angelegenheit handelt. — Schon eine Viertelstunde später gellen die Alarmsignale durch die Quartiere der Kürassierregimenter, und nach einer Stunde traben die Schwadronen mit den berittenen Maschi-
ber ganze Stab versammelt. Die Herren sitzen vor bem
In der süblichen Vorstabt von Soissons liegt 9)littc ; Mbmarjd) plaudernd beisammen, rauchen noch eine Mai eine Brigade in Ruhe, darunter das Infante- Zigarette und trinken ein Glas Wein, als, ohne rieregiment 370. Die Abmarschbefehle zur Front sind; eine Anmeldung abzuwarten, der Regimentsadju- bekanntgegeben. Schon seit Tagen herrscht eine । tont schweißtriefend mit verklebten Haaren herein- dumpfe Gärung in der Truppe. Am Abend vor . stürzt und mit keuchendem Atem den Aufruhr rnel- üem Abmarsch finden in den Quartieren Versa mm- langen statt. Es sind nicht die jungen Rekruten, die soeben ins Feld gekommenen jüngsten Jahrgänge, die das große Wort führen. Alte Soldaten |t«u:>u||iOrei. ... —
mit harten Gesichtern und fanatischen Augen, unter । Nähe, die eingreifen können. Nur die Kavallerie ihnen Korporäle und Sergeanten, die schon an der | bei Villers Lotteret kann diese Irrsinnigen noch
kommt mit erhobenen Händen aus den Abteilen gewankt und von den Dächern der Waggons gekrochen. Der. Rausch des nächtlichen Aufruhrs ist verflogen.
In dem grauen kalten Licht des Morgens, beim Anblick der blinkenden Helme und der drohenden Gewehrläufe, Überschleicht sie eine Ahnung ihres Schicksals. In dumpfem Schweigen lassen sie sich
zusammentreiben. Nur einer ruft mit heiserer Stimme den Kürassieren entgegen: „Schämt ihr erd) nicht? Habt ihr überhaupt schon etwas vom Kriege gesehen?" Ein Capitaine springt dazwischen. Der Mann wird sofort gebunden und beiseite geführt. Einige Minuten später peitschen in naher Entfernung Schüsse durch die Luft. Die gefangenen Meuterer zucken zusammen. Eine Gruppe Kürassiere kommt schweigend zur Bahnstrecke zurückmarschiert.
Aus der Provinzialhauptstadt.
Oer Iernsprechkundendienst.
Wie bereits bekanntgegeben, hat die Deutsche Reichspost den Fernsprechkundendienst (KO-Dienst) auch im Ortsfernsprechnetz Gießen eingeführt.
Die Einrichtung ermöglicht es allen Fernsprechteilnehmern, die während ihrer Abwesenheit vom Büro, der Wohnung usw. für sie eingehenden Fernsprechanrufe festzuhalten. Auch in Fällen, in denen dem auf dem Büro usw. befindlichen Personal die Entgegennahme aller oder gewisser Anrufe nicht überlassen werden soll, kann der KV- Dienst mit der Vertretung des Inhabers des Fern- sprechanschlusies betraut werden.
Die Aufträge, um die es sich hier handelt — Entgegennahme von Anrufen und g. F. Bescheiderteilung an die Anrufer nach Anweisung des Auftraggebers —, werden als A-Aufträge bezeichnet.
Im folgenden soll an einem Beispiel die Anwendungsmöglichkeit erläutert werden: Herr A muß sein Büro oder feine Wohnung auf unbestimmte Zeit verlassen. Während seiner Abwesenheit soll der KV-Dienst die für feinen Anschluß eingehenden Anrufe aus der Stadt und anderen Orten — ober auch nur einen ganz bestimmten Anruf — entgegennehmen. Herr A wählt mittels ber Nummernscheibe „04". Der KV-Dienst melbet sich, fragt Herrn A nach seiner Nummer unb bittet ihn, zunächst roieber einzuhängen. Dieses Verfahren ist zur Verhütung von Mißbrauch unb bamit von Schäbigungen ber Teilnehmer eingeführt worben. Nachbem Herr A vom KO-Dienst roieber angerufen roorben ist, erteilt er ben Auftrag. Er will nach seiner Rückkehr bie Aufzeichnungen fernmünb- lich abforbern, kann aber auch verlangen, baß ber Kv-Dienst ihn zu gewissen Zeiten anruft, um ihm bie eingegangenen Anrufe mitzuteilen.
Zur Entgegennahme ber Anrufe, bie für ben A n- ruf er kostenfrei ist, muß ber Anschluß bes Auftraggebers auf bie KV-Stelle umgeschaltet werben. Die Umschaltung ist jeboch ber Art, baß bie Anrufe auch beim Teilnehmer eingehen. Dies hat ben Vorteil, baß ber Anschluß — trotz Umschaltung — für ben Teilnehmer immer benutzbar bleibt.
Falls Anrufer Nachrichten für ben Auftraggeber hinterlassen, werben bie Nachrichten zu ben für Aufträge allgemein festgesetzten Gebühren als neue Aufträge behandelt. Diese Gebühren hat ber Anrufer zu bezahlen. Da Herr A aber nicht wünscht, baß seine Kunben mit ben KV-Gebühren belastet werben, bezeichnet er seinen A-Auftrag gleichzeitig als RP= Auftrag unb übernimmt bamit bie Verpflichtung, bie KV-Gebühren für alle von ben Anrufern für ihn bestimmten Nachrichten zu bezahlen.
Währenb ber Abwesenheit bes Herrn A finb brei Anrufe, barunter einer von Frankfurt (Main) eingegangen, bie ber Kv-Dienst Herrn A nun zuspricht. Einer ber Anrufer, Herr B in Frankfurt, hat Herrn A mitteilen lassen, baß er seinen sofortigen Anruf erbittet. Damit ist ber Auftrag nun er- lebiqt.
Was hat Herr A nun zu bezahlen? Als Auftrag- unb Umschaltgebühr zahlt er je 20 Pf. unb für bie Uebermittlung ber Rufnummer unb bes Namens von je brei Anrufern 10 Pf. Sprech- unb Schreibgebühr. Der Auftrag kostet also 50 Pf. Hinzu kommt bie Ortsgesprächsgebühr für bie Anrufe nach ber KV-Stelle (04) unb g. F. bie Ortsgesprächsgebühr für bie Anrufe nach bem Auftraggeber hin, wenn ber Auftraggeber gewünscht hat, baß bie KV-Stelle
ihm zu bestimmten Zeiten bie eingegangenen Anrufs mitteilt. Ferner hat er für bie Nachricht bes Herrn B (KP-Auftrag) bie Auftragsgebühr — 20 Pf. — unb bie Sprech- unb Schreibgebühr für bie Nachricht — 10 Pf. — zu entrichten.
Bau von Radfahrwegen.
Die Zentralstelle für Radfahrwege ist beim Generalinspektor für das beutsche Straßenwesen vorstellig geworden mit ber Bitte, beim Bau von Radfahrwegen behilflich zu sein. Darauf ist eine Mitteilung an die preußischen Provinzen und an bie Länder ergangen, wonach die Finanzierung von solchen Radfahrwegen, die der Entlastung von Landstraßen dienen, in Zukunft Sache der Wegeunterhaltungspflichtigen für bie durch den Bau der Radfahrwege entlastenden Landstraßen sein kann, zumal in vielen Fällen durch ben Bau eines besonderen Radfahrweges eine Verbreiterung der Landstraßen erspart werden kann.
Die Planung ber Radfahrwege muß nach wie vor Sache der Interessenten sein. Als Interessenten dürften die Vereine für Radfahrwege, die an vielen Orten im Reich bestehen, aufzufassen sein. Da die Zentralstelle für Radfahrwege ohne Zweifel über umfangreiche Erfahrungen im Bau von Radfahrwegen verfügt, find alle Anträge der örtlichen Stellen der Zentralstelle für Radfahrwege einzureichen. Diese übersendet bie Entwurfsunterlagen nebst Lage- plan an bie Straßenbaubehörde des Landes oder der Provinz. Nach Prüfung des Projektes ist es alsdann an den Generalinspektor für bas beutsche Straßenwesen einzusenden.
Nach grundsätzlicher Genehmigung des Bauvorhabens erfolgt die Ausführung ber Radfahrwege durch bas für den fraglichen Bezirk in Betracht kommende Bauamt.
Dis Kosten ber Planung find von den Interessenten für ben Bau von Radfahrwegen zu tragen.
Ein Zuschuß für Radfahrwege, bie bem Ausflugverkehr dienen, und keine Entlastung einer öffentlichen Straße mit sich bringen, ist grundsätzlich ausgeschlossen. Für den Bau dieser Wege sind vielmehr bie Vereine für Radfahrwege auf den Weg der Selbsthilfe angewiesen.
Die Bereitstellung von Mitteln für ben Bau von Radfahrwegen aus Mitteln des laufenden Rechnungsjahres ist nid)t möglich. Es ist jedoch in Aussicht genommen, im Rahmen des Winterprogramms, zweiter Teil, einen, wenn auch geringen, Betrag bereitzustellen, so baß im Laufe des Winters der Bau von Radfahrwegen in Angriff genommen werden könnte.
Bei der Aufstellung des Bauplans für bas kommende Rechnungsjahr ist auf Anordnung des Ge- neralinfpektors zu prüfen, ob es notwendig und angebracht ist, im Rahmen ber Straßenbauarbeiten einen bescheidenen Betrag für den Bau solcher Radfahrwege, bie vorhandene Landstraßen entlasten, vorzusehen. Es steht also zu erwarten, das bereits in nächster Zeit Anträge auf ben Bau von Radfahrwegen eingereicht werden.
Daten für Mittwoch, IV.Januar.
1797: die Dichterin Anette von Droste-Hülshoff auf Haus Hülshoff bei Münster (Westfalen) geboren (gestorben 1848); — 1920: Inkrafttreten des Versailler Vertrages; — 1920: die Provinz Posen wird an den Freistaat Polen abgetreten.
= ■ ZinTUri'I uuiuu r—/ — ' . . <
„Der Tierschutzverein hat in den letzten Tagen wieder zahlreid)e geblendete Vögel, deren Augen noch bluteten, beschlagnahmt und die Besitzer in Strafe genommen."
Das Gesetz, das die Blendung der Vögel verbietet, ist noch so frisch wie die Wunden unserer armen gefieberten Sänger, man darf gar nicht daran denken, wie es vorher war. Man kann schwermütig werden bei der Vorstellung, wie es im Innern des Landes zugehen muß, wenn schon in der scharf 6e- obachteten Hauptstadt alle paar Tage oder Wochen solche Gemütsathleten gefaßt werden, die den Rotkehlchen und Stieglitzen mit einer glühenden Nadel die Augen ausstechen, um die todtraurigen Sänger der ewigen Finsternis zum Anlocken anderer Opfer zu mißbrauchen. Mussolini tut ja das Menschenmögliche, um solche Barbareien zu verhüten, aber er hat einen schweren Stand angesichts der Unmasse der Vogeljäger. Wird doch bis jetzt m. bie höchst- gebildeten Kreise hinauf das Abknallen der Singvögel verteidigt, ja, als gesunder Sport gepriesen. In den Zeitungen diskutiert man über die Frage, ob sich das Blendgesetz auf alle Vögel beziehe oder ob Ausnahmen zugelassen seien. Daß die Sing- vöq-l für bie Landwirtschaft schädlich seien, ist ein bequemes Dogma der Vogeljäger. Die Tierschutzvereine kämpfen einen heroischen Kamps, von dessen Gefährlichkeit wir uns offenbar keine Rechenfchaft ablegen, denn sonst könnte es nicht so sein, daß ßie paar Tierfreunde jeglicher Geldmittel bar sind. Wer sich erkühnt, die Vögel in Schutz zu nehmen, wer aar auf Jagdverbote pocht, gilt bei den „Je-
weil man den Waldhüter erschlagen fand. Und schon meldet man aus einer benachbarten Ortschaft, daß andere den Flurwächter am Hellen Tage niedermachten, weil er sie auf verbotener Jagd ertappte. Unter „Jagd" versteht man in Italien! naturgemäß nur die Vogeljagd, da es (abgesehen von den eingehegten Wildpärken) in freier Wildbahn so viel wie keine anderen Tiere mehr gibt. Denn jeder darf schießen wo und was er will, selbst in fremden Privatgärten. Die malerischen Hirten der Campagna werden uns immer von den Romantikern hingestrichen, wie sie traumverloren am Stab lehnen; in Wirklichkeit hat jeder einen Schießprügel umhängen, und des Knallens ist kein Ende.
Wer das beklagt, wer sich der „Stimmen des Himmels" erbarmt, darf von Glück sagen, wenn er nur verspottet wird. Unbegreiflich scheint das, wenn man sich erinnert, daß ja gerade Italien das Land des heiligen Tierfreundes Franziskus ist, es das gegebene Vogelparadies fein — könnte. Wie es Capri bald fein wird, wo der Duce den Zugvögeln eine Freistatt schuf.
Brief aus Nom.
23 on Dr. Gustav W Eberlein.
Rom, im Januar.
Das kann man zwischen dem ersten italienischen Muttertag, der nun alle Jahre am Heiligen Abend wiederholt werden soll, und den hochpolitischen Besuchen bei Mussolini in den römischen Zeitungen lesen.
„Am Sonntagmorgen stürzte in der Via Monza ein armes, schon vor Wunden sieches Pferd und brach sich ein Glied. Als der Besitzer sich davon überzeugt hqtte, daß er das ausgemergelte Geschöpf nicht weiter ausnützen konnte, schlug er es furchtbar und ließ es dann so liegen. Einige Mitleidige riefen den Tierschutzverein an, aber der konnte auch nichts anderes tun, als einen Mann hinzuschicken und das Pferd abschießen zu lassen. Das Tier blieb liegen, denn der Tierschutzverein hat keinerlei Mittel, um gestürzten Pferden auf die Beine zu helfen."
Und auf der gleichen Zeitungsseite lieft man weiter:
Weniger Mitleid braucht man mit anderen Wandervögeln zu haben, den blondmähnigen deutschen Bettlern, die leider nicht bloß die Landstraßen, sondern mit Vorliebe die eleganten Straßen der Städte Heimsuchen. Die Krachlederne auf ber Via delMmpero —die Groteske wäre zum Lachen, wenn sie nicht so traurig wäre. Früher spottete man in Deutschland über die italienischen Scherenschleifer und die Neapolitaner Gipsfigurenhändler, jetzt halten germanische „Weltreifende" in Neapel die Hand hin. Schamlos von einem zum andern. Sie legen Bettelkarten auf die Tische der Straßencafes und sammeln. Sie produzieren sich mit „Kunststücken", sie la sen sich von mitleidigen Automobilisten unterwegs im Straßengraben aufgreifen und werden schon nicht mehr rot, wenn ihnen ein schmieriger Kellner bie geschenkten Spaghetti hinwirft wie einem Aus atzigen. Die .Fußwanberer" geraten auf biefe Fechtbruber- weise tatsächlich nicht selten bis in ben Orient, wo sie streckenweise schon zu einer ßanbplage gewor- ^Es^war°hohe Zeit, baß bie deutschen Behörden bas Tragen bes Braunhembes im Auslanb ver- boten, denn unverständige Wanderer hätten es >n Mißkredit bringen können; es wäre aber höchste Zeit, ben Wanberunfug 3« unterbmben Es sollte an ber beutschen Grenze nicht heißen: Du barfft bloß 200 Mark mit hinübernehmen fonbern bie Bestimmung sollte lauten: Du mußt mmbeftens 200 Mark haben. In ber Schweiz hat man schon einen . Anfang bamit gemacht, ber sich bewahrte. In Italien
zierwege. Keine Fußwege. Es gibt nur Lanbstraßen, auf benen man fährt. Wer sich baran nicht halten will, sollte sich bann minbeftens nicht rounbern, wenn er Unannehmlichkeiten hat. Uebrigens ist auch Schwarzfahren nicht empfehlenswert. Einen Berliner haben sie gestern in Pistoja vom Dach eines Eisenbahnwagens, auf bem er es sich seit bem Brenner „bequem" gemacht hatte, heruntergeholt. Nun brummt er unb muß für die Fahrt in den schönen Süden außerdem 400 Lire zahlen. Dabei kostet es zweiter Klasse nach Rom jetzt normalerweise nur 60 Lire, denn bis tief in den Frühling hinein gibt es 70 v. H. Ermäßigung.
*
Das macht bie Revolutionsausstellung, bie bann ein ftänbiges Heim auf ber Prachtstraße zwischen Kolosseum unb Palazzo Venezia erhalten soll. Mussolini hat einen Wettbewerb ausgeschrieben für bas Haus bes Fascio, unb bamit ift ber Traum ber mobernen Architekten, bem Kolosseum etwas Ebenbürtiges an bie Seite zu stellen, in Erfüllung gegangen. Der Faschismus forbert bie Jahrtausenbe in bie Schranken, bas Rom Mussolinis mißt sich mit bem Rom bes Augustus. Ein Plan, ber bang machen kann.
Denn nun muß unb wirb ber gewaltige Streit um bie neue Kunst zum Austrage kommen, jetzt gilt es nicht mehr, mit Theorien in ben Zeitungen zu fechten, jetzt heißt es, Farbe zu bekennen, eine Tat zu tun. Die Geister finb in ben letzten Jahren mit einer Heftigkeit aufeinanber gestoßen, bie Großes gebären ober in einen unauslöschbaren Irrtum versinken kann. Wer benkt nicht sogleich an bas in Einzelheiten gar nicht so schlechte, in seiner schaum- weißen fonbitorfjaften Gesamtheit aber so furchtbare Nationalbenkmal, bas bereits bie Via delHm- pero einleitet? Im Hintergrunb harrt fchweigenb unb granbios bas rote Ungeheuer ber Flavier. Was wirb nun bazwischen entstehen? Neben ben Stand- bilbern ber Cäsaren, inmitten ber hinrcihenben Trümmer ber Fora?
Novecento! hallt ber Ruf durch ganz Italien, Stil bes zwanzigsten Jahrhunberts! Unb man baut unb baut wie — in Berlin. Professor Munoz ist von rounberbarer Ehrlichkeit: er berounbcrt bie „mobernen Bauformen", sogar bas beutsche Wort dafür gebrauchenb, meint aber sehr richtig, baß man an biefer historischen Stelle nicht ebenfalls einfach in Nachahmerei verfallen bürfe. Die Mo- berniften unter Führung bes Akabemikers P i a - c e n t i n i proklamieren hingegen ben neuen Stil als Inkarnation bes neuen Regime unb wollen etwas ganz Mobernes, wenn auch ebenso Gewaltiges wie bas Kolosseum. Hoffen wir also, baß nicht etwas Deutschmodernes unb nicht etwas Latein- modernes erstehe, sondern etwas Römisches.
Oruckfehler-Luchss.
Unter den Schrecken unb Plagen, gegen die auf dieser Erde kein unfehlbar wirkendes Kraut gewachsen ist, steht ber Druckfehler-Teufel gewiß nicht an letzter Stelle. Ein Buch, eine Zeitschrift ober eine Zeitung mögen noch so sorgfältig hergestellt roorben sein, es werben sich doch hin unb roieber Druckfehler eingeschlichen haben, bie sich auch dem schärfsten Auge listig entziehen. Nun müssen aber die teils entsetzten, teils aber nur verwunderten Verleger unb Verfasser feststellen, daß es eine kleine Anzahl von Menschen mit Luchsaugen gibt, die unnachsichtig auch die geringsten Fehler aufspürt, die geradezu von einer Jagdleidenschaft ergriffen ist, die ihre Entdeckungen nicht etwa nur so beiläufig, nur für sich macht, sondern die peinlichst genau eine Abrechnung darüber führt und dieses Sündenregister häufig "mit einem verständlichen Triumphgefühl bem zerknirschten Verleger ober Verfasser überreicht und mit Recht Dank und Anerkennung erwartet. Einer dieser mit mikroskopischen Augen bewaffneten Leser ist ein Geistlicher in Yorkshire, ber nun für mehrere bekannte Schriftsteller regelmäßig bie Korrekturen liest unb so aus einem Steckenpferd einen Beruf gemacht hat. Ein anderer literarischer Druckfehler- Luchs ist ein amerikanischer Buchhändler, den Ber- navd Shaw einmal den „Fürsten der Korrektur- lefer" genannt hat, nachdem dieser in einem seiner eigenen Bücher etwa 100 Druckfehler aufgeftöbert hatte. Dieser Mann hat die Bekämpfung des Druckfehlerteufels aus Liebhaberei betrieben und dafür Dankbriefe von 300 berühmten Autoren vieler Länder erhalten.
ßocMthulnadiridtfen.
Professor Dr. Emil Wehrle, Ordinarius für Volkswirtschaftslehre an der Technischen Hochschule in Karlsruhe, ist zum ordentlichen Professor in ber Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät ber Universität Marburg ernannt roorben.
Auf Grunb bes § 3 bes Gesetzes zur Wieder- herstellung bes Bekufsbeamtentums ist ber orbent« liche Professor für englische Philologie an ber Universität Frankfurt a. M., Dr. Rudolf J mel- mann, in ben Ruhestand versetzt roorben.
Die nichtplanmäßigen ao. Professoren in ber mebizinischen Fakultät ber Universität München Dr. M. Jsserlin (Psychiatrie) unb Dr. Sy Saenger (Gynäkologie unb Geburtshilfe) würben auf Grund des § 3 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums mit sofortiger Wirkung aus bem bayrischen Staatsdienst entlassen.


