Das Rohstoffproblem und die technische Forschung.
IP.
Oie Wissenschaft vom Leder.
Bon Professor Or. W. Großmann, Direktor des Kaiser-Wlhelm.Znstiiutel für Bederforschung, Dresden.
Der Erfinder der Dampfmaschine, des Phono- oraphen und des Luftschiffes find in aller Mund. Aber niemand nennt uns den oder die Erfinder der er ft en Fellbekleidung oder würdigt auch nur den geistigen Schöpfungsakt jener primitiven Urmenschen, welche den Gedanken ausdachten, ihre eigene Haut durch das Fell eines erlegten Jagd- tieres vor Kälte und Beschädigung zu schützen. Und doch sind solche Erfindungen nicht nur die ältesten, sondern auch die für die Erhaltung und Ausbreitung des Menschengeschlechts nachhaltigsten geblieben. — Es ist aber ein weiter Weg von jenen primitiven Völkern, welche im Familienkreis Tierfelle durch langwieriges Kauen mit den Zähnen oder durch Klopfen mit Steinen herrichteten, bis zu den modernen Riesenbetrieben, die täglich viele Tausende von Großtierhäuten mit Maschinen verarbeiten. Und es ist ein ebenso großer Schritt von jenem alten T y ch i o s in Hyle, der von Homer als Derfertiaer des siebenhäutigen Kampfschildes des Ajax besungen wird, „hoch berühmt in des Leders Bereitung", bis zu jenen farbenprächtigen Gebrauchs- und Luxusgegenständen, die unser Kunst- gewerbe aus allen möglichen Tierhäuten herstellt, und die so gar nicht mehr „ledern" aussehen. Heute kann sich der Gerber nicht mehr zufriedengeben mit roher Empirie und ererbten Rezepten, sondern er verlangt nach wissenschaftlich fundierter gründlicher Materialkenntnis, um darauf eine rationelle Materialbearbsitung aufzubauen. Gerade die deutsche Forschung hat auf diesem Gebiete in den letzten Jahren bedeutende Fortschritte erzielen können.
Im Folgendem soll die Rede sein von einigen gerade heute aktuellen Problemen und Ergebnissen der Forschung auf dem Gebiete der Leder- industrie. Hier ist die der Forschung gestellte Aufgabe deswegen besonders ernst und verantwortungsvoll, weil Deutschland bisher die wichtigsten A u s - gangsmaterialien der Lederindustrie, nämlich sowohl Häute und Felle, wie auch Gerbstoffe e i n f ü h r e n mußte, während anderseits die Ausfuhr der Fertig- und Halbfertigerzeugnis s e der Liderindustrie ein erhebliches A k t i v u m der deutschen Wirtschaft darstellt. Don den wichtigsten Pflanzengerbstoffen sind die Gerbstoffe der Eiche und Fichte einheimischen Ursprungs, während Quebracho, Mimosa, Mangrooenrinde usw. von tropischen und subtropischen Ländern geliefert werden. Die Aufgabe, die wertvollen und bisher viel benutzten ausländischen Gerbstoffe durch einheimische zu ersetzen, wird daher schon seit langem bearbeitet.
Künstliche Gerbstoffe.
Als synthetische Gerbstoffe, deren Verwendung vor allem in der Kriegszeit und in der ersten Nachkriegszeit ausgearbeitet worden ist, kommen u. a. eine Reihe verschiedenartiger aus Steinkohlenteer gewonnener Sulfosäuren in Frage. Ein völliger Ersatz pflanzlicher Gerbstoffe ist allerdings mit diesen Produkten nicht zu erreichen, aber sie erleichtern die Gerbung und erlauben es, mit weit geringeren Mengen an pflanzlichen Gerbstoffen auszukommen.
Aehnlich liegen die Verhältnisse bei den Gerbextrakten aus Fichtenrinde sowie bei der als schwerverwertbares Abfallprodukt unserer Papierfabriken in großer Menge zur Verfügung stehenden soge-
* Vgl. den ersten Aufsatz dieser Reihe in Nr. 204 des Gießener Anzeigers vom 1. September.
nannten „S u l f i t a b l a u g e". Das Problem, die Gerbung allein mit Sulfitablauge ohne Verwendung sonstiger pflanzlicher Gerbstoffe durchzuführen, ist viel bearbeitet worden, harrt aber noch einer wirklich idealen Lösung.
Statt Chromleder - Eisenleder.
Schon Ende des vorigen Jahrhunderts hat man gelernt, die vegetabilischen Gerbstoffe durch anorganische Gerbmittel zu ersetzen, unter denen die Verbindungen des Chroms große Bedeutung erlangt haben. Z. B. wird ein erheblicher Teil des Oberleders heute in der ganzen Welt mit Chrom gegerbt. Chrom ist aber ein immerhin verhältnismäßig teures Element, das an sich in Deutschland nicht vorkommt, wenn auch gewisse Mengen davon in unserer Teerfarbenindustrie als Abfallprodukte anfallen. Es hat daher nicht an Versuchen gefehlt, das Chrom durch das chemisch nahe verwandte Eisen zu ersetzen, und es ist lange bekannt, daß eine Gerbung mit Eisensalzen prinzipiell möglich ist. Der praktischen Durchführung dieses Gedankens haben sich aber zunächst erhebliche Hindernisse in den Weg gestellt. Die Eigenschaften der eisengegerbten Leder sind bei geeigneter Gerbweise an sich nicht ungünstig, aber es hat sich zunächst gezeigt, daß die meisten Leder dieser Art in bezug auf ihre Lagerbeständigkeit zu wünschen übrig ließen. Es ist aber gelungen, Mittel und Wege zu finden, um diese ungünstigen Wirkungen des Eisens auszuschalten und durch Eisengerbung sowohl Sohlleder wie Oberleder zu erhalten, die hohen Ansprüchen genügen und sich als vollkommen lagerfest erweisen. Die Arbeit des Kaiser-Wilhelm-Jnstituts für Lederforschung in Dresden hat wesentlichen Anteil an diesem Fortschritt.
Es gibt noch keine künstliche Haut.
Ein Blick auf die Außenhandelsstatistik zeigt, daß unser Bedarf an Häuten und Fellen von der einheimischen Landwirtschaft kaum zur Hälfte gedeckt werden kann und daß ein Vielfaches der für die Gerbstoffeinfuhr erforderlichen Summe für die Einfuhr ausländischer Häute und Felle aufgewandt wexden mutz. Man könnte demnach versucht sein, die Suche nach Ersatz st offen für die natürliche tierische Haut unter den zeitgemäßen Aufgaben der Lederforschung an die erste Stelle zu setzen. Die Besonderheiten der tierischen Haut bringen es mit sich, daß die Verhältnisse hier doch nicht ganz einfach liegen. Die tierische Haut muß den Körper vor mechanischen und physikalischen Einflüssen der Umwelt, wie Verletzungen, Kälte, -Nässe usw. schützen, und außerdem den Kampf gegen Krankheitserreger und Parasiten aller Art führen. Daneben vermittelt sie aber einen außerordentlich intensiven und feingeregelten Stoff- und Wärmeaustausch mit der Umwelt. Sie ähnelt demnach nicht einer Gummihülle, sondern sie ist ein hochorganisiertes, lebendes, atmendes Organ, das in seinem wunderbar zweckmäßigen Ausbau durchaus einzigartig ist. Auch für das Endprodukt, das Leder, das große mechanische und chemische Widerstandsfähigkeit mit hoher Luftdurchlässigkeit vereinigen soll, sind diese Eigenschaften durchaus wesentlich. Das Problem, die tierische Haut durch einen Ersatzstoff vollwertig zu ersetzen, dürfte daher nicht von heute auf morgen lösbar fein.
Schadenverhütung verbessert Rohstofflage.
Es gibt aber andere und wohl rascher zum Erfolg führende Wege, um die Rohstoffversorgung der deutschen Lederindustrie zu unterstützen. Es ist viel zu wenig bekannt, daß der deutschen Volkswirtschaft alljährlich Häutematerial im Werte von vielen Millionen Reichsmark durch S ch ä d e n der verschiedensten Art verlorengehen. Diese Schädi
gungen beginnen schon beim lebenden Trer. Allein der durch die Dasselfliege verursachte Häuteschaden wird in Deutschland auf etwa sechs bis acht Millionen Reichsmark im Jahr veran- chlagt. Hier wird das Ende des vergangenen Iah- res erlassene Dasselgesetz bald wirksame Abhilfe chasfen. Zu dem Dasselschaden kommen andere Parasitenschäden der verschiedensten Art, z. B. Schädigungen durch Milbenerkrankungen, Läuse, Zecken, Haarpilzerkrankungen, aber auch durch unsaubere oder unsachgemäße Haltung und Behandlung des Viehes, z. B Stacheldraht und Darnenrisse, Brand- und Farbzeichen, Geschirrdruck, Wunden und Narben der verschiedensten Art, Striegelrisse, Mistflecken usw., schließlich durch Unachtsamkeit beim Ab - häuten der Schlachttiere („Schnittfehler ). Leider werden diese Schäden, die gerade heute u n - bedingt vermieden werden müßten, immer noch zu wenig beachtet.
Der Kampf
gegen die Konservierungsfchäden.
Ehe die Häute verarbeitet werden, werden sie gewöhnlich längere Zeit in gesalzenem Zustand gelagert. Hierbei entstehen die sogenannten Konservierungsschäden, die auf Fäulniserscheinun- gen infolge ungeeigneter Methoden der Konservierung ober deren unsachgemäße Handhabung berufen. Alle diese Schäden zeichnen sich am fertigen Leder ab und sie bedeuten nicht nur für den Gerber, sondern für die gesamte Volkswirtschaft einen schweren Verlust. Das Kaiser-Wilhelm-Jnstitut für Lederforschung hat auch diese Schäden eingehend untersucht und geeignete Konservierungsmethoden ausgearbeitet, die feit einer Reihe von Jahren in großem Mahstabe in verschiedenen deutschen Schlachthäusern erprobt werden. Die Ergebnisse dieser jetzt besonders aktuellen Bestrebungen sind heute schon unbedingt erkennbar.
Zum Tor des Ostens.
Don unserem nach Tokio entsandten R. W.-Äerichterstatter.*
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Singapore, August.
In Colombo war unsere Zeki leider nur recht kurz bemessen. Wir muhten uns daher auf die Besichtigung der Stadt selbst und des Singhalesen- oorfes Mount Lavinia beschränken. Bei längerem Aufenthalt hätten wir nicht versäumt, mit der Bahn oder einem Auto zur alten Königsstadt Kandy in den Bergen zu fahren, um unterwegs einen der schönsten botan i sch en Gärten der Welt, den „Royal Botanic Gardens Peradeniya“ zu besichtigen. Aehnliche Anlagen, allerdings in verkleinertem Maße, gibt es fast in jeder Stadt Ostindiens, und man muß den Engländern zugestehen, daß sie ihren „Settlements“ Form und Farbe zu geben wissen. Das darf uns aber auch nicht hindern, immer wieder den brutalen Vernichtungseidzug Englands gegen das über- eeifche Deutschtum ins Gedächtnis zu rufen, der ich noch heute überall fühlbar macht. Wo einst Hunderte von deutschen Kaufleuten, Dutzende großer deut cher Firmen ansässig waren, müssen heute einige wenige Vertreter einst blühender großer Warenhäuser wieder von unten her aufzubauen suchen. Aber man macht dem Deutschen das Leben wirklich nicht leicht. Besonders erschwerend ist die feindselige Haltung der Engländer, die darauf abzielt, auch die Deutschen als „nicht ganz vollwertig" hinzustellen. „Second dass“ — ist das Schlaa- wort, und das bedeutet: eine Gesellschaftsschicht zweiten Ranaes. Jeder, der im Fernen Osten gelebt hat, wird wissen, wie gefährlich sich derartige Kampfmethoden für die Betroffenen auswirken können. Das erinnert durchaus an die Kriegszeiten, als man deutsche Gefangene von Eingeborenen überwachen oder gar mißhandeln ließ: als man 1920 in Shanghai deutsche Familien von chinesischer Polizei auf die Transportschiffe bringen und wie lebenslängliche Deportierte unter unwürdiger Behandlung in die Heimat zurückführen ließ. Das Häuflein der Ausländsdeutschen verliert nicht gern viele Worte darüber, wie sehr es gelernt hat, daß alle persönlichen Beziehungen in dem Augenblick versagen, wenn die Politik zu sprechen beginnt: Der tadellose Gentleman, der eifersüchtig über die strikte Innehaltung seiner genau geregelten Tageszeiten wacht, der aber im Geschäftsleben keinen Wett- kampf liebt, wird zu einem kaltberechnenden und rücksichtslosen Gegner, wenn das Interesse des britischen Empire es verlangt. Es ist nützlich, diese Tatsachen nicht aus den Augen zu lassen...
In Colombo leben heute vierzehn Deutsche, in Penang fünf, in Singapore etwa achtzig. Günstiger liegen die Verhältnisse auf den Philippinen ober in Holländisch-Jndien. In Soerabaya auf Java sind noch rund fünfhundert Deutsche ansässig, in Manila (Philippinen) etwa dreihundert.
* Dgl. auch die Aufsätze in Nr. 198 des G. A. vom 25. Slug, und Nr. 204 des G. A vom 1. Sept.
Bei der augenblicklichen Wirtschaftslage wird es schwer fein, in absehbarer Zeit an eine Verstärkung unseres überseeischen Einflusses zu denken. Die Konkurrenz des englischen Pfundes, des amerikanischen Dollars und des japanischen Pen hat gerade im Osten so scharfe Formen angenommen, daß vorläufig ein Ausgleich der Wirtschaften nicht möglich erscheint. Wer in Port Said mit deutscher Mark, italienischer Lira ober einem kleinen Rest Schweizer Franken gelandet ist, der gibt es in Shanghai bestimmt auf, durch die vielen auf- und abgeroerteten Gelbforten hinburchfinben zu wollen. Also, wie war bas boch noch? Man hat eine englische Zehnschillingnote, zwei ©traitsbollars und bret amerikanische Dollars in ber Hanb unb geht aus, Einkäufe in Manila zu machen, wo ber Peso einen halben amerikanischen Dollar wert ist. Man muß einen ganzen Kursbogen im Kopf haben, um bem eifrig rechnenben Geschäftsmann folgen zu können. Und am Schluß stellt man meist doch einen nicht wieder einzubringenden 93 e r l u ft fest, den man auf das Konto „Uebriges" schreiben muß, so- fern man nicht um feinen Lebensmut gebracht werden will. Schlimm wird es aber erst i n H o n g- fong und Shanghai, wenn chinesische Dollars geheimen Gesetzen einer Rechenmaschine mit Küael- chen rechts und links unterworfen sind. Das ist Der Beginn jener Zeit der „squeezes“, die wie eine geheime Steuer auf dem Privatvermögen ruhen Scheinbar unbeteiligte Menschen, heimliche Rechner und unheimliche Menschenkenner treffen blitzschnell eine Einschätzung deiner Abgabewilligkeit und finden immer den richtigen „squeeze“ —- sei er nun auf Mark, Dollars, Pfunde ober Schillinge, (Bulben, Franks ober Pesos abgestellt. Wo bu auch immer Gelb ausgeben willst, in ßäben, Bazaren, Bars, Autos, Rickschas, Museen usw. — immer sorgst du für ben Lebensunterhalt einer Gruppe von Männern, die Zigaretten rauchen, Betelnuß kauen ober nahrhaftem Knoblauchgenuß frönen. Sich gegen ben „squeeze“ zur Wehr setzen zu wollen, erregt günstigenfalls nur bie Heiterkeit aller Umherstehenden.
Aber wir müssen weiter nach Penang, denn die Reise ist noch weit. Hinter Singapore liegt Nordborneo, wo die Engländer einen ergiebigen Oeldesitz haben. Dann folgt Manila, und endlich sind wir in China, an dessen Eingangspforte Hongkong liegt, das wieder ein- mal den Engländern gehört. Der Monsun machte unserem Schiff auch hinter Colombo zu schaffen, aber die meisten Reifenden sind nun schon richtige Seebären mit dem schwankenden, in ben Knien wippenben Gang bes Matrosen geworben. Man freut sich über bie heranrollenben Wogen unb. über bie Wassermassen, die sich über das Dor- oder Hinterschiff wälzen, um mit schäumendem Getöse durch die Reeling zurückzufluten. Dem richtigen Seemann, der in hohen Wasserstiefeln an den Haltetauen über die Ladedecks torkelt, ist ein bißchen „Wasser über Bord" Lebensinhalt. Sein Appetit erfährt jeden-
Oer alte Baum.
Don Hermann Hesse.
Wenn man lange allein gelebt hat und älter wird, beginnt man merkwürdig anhänglich an Dinge zu werden. Seit vielen Jahren hat meine tägliche Gesellschaft, mein dauernder Umgang nicht mehr aus Menschen bestanden. Zwar fehlt es mir nicht ganz an Freunden unb an Freundinnen, aber ber Umgang mit ihnen ist eine festliche, nicht alltägliche Angelegenheit: bas bauernbe unb täaliche Zusammenleben mit Menschen habe ich verlernt. Ich lebe allein, unb so kommt es, baß im kleinen unb alltäglichen Umgang an bie Stelle der Menschen für mich mehr unb mehr bie Dinge getreten finb. Der Stock, mit bem ich spazieren gehe, bie Tasse, aus ber ich meine Milch trinke, bie Vase auf meinem Tisch, bie Schale mit Obst, ber Aschenbecher, die Stehlampe mit dem grünen Schirm, ber kleine inbische Krischna aus gelber Bronze, bie Silber an ber Wanb unb, um bas Beste nicht zu vergessen, bie vielen Bücher an ben Wänben meiner kleinen Wohnung, sie finb es, die mir beim Aufwachen unb Einschlafen, beim Essen unb Arbeiten, an guten unb bösen Tagen Gesellschaft leisten, bie für mich vertraute Gesichter haben unb mir die angenehme Illusion von Heimat und Zuhausesein geben. Noch sehr viele andre Gegenstände zählen zu meinen Vertrauten, Dinge, deren Sehen und Anfühlen, deren stummer Dienst, deren stumme Sprache mir lieb ist und unentbehrlich scheint, unb wenn eins dieser Dinge mich verläßt unb von mir geht, wenn eine alte Schale zerbricht, wenn eine Vase herunterfällt, wenn ein Taschenmesser verloren geht, bann finb es Verluste für mich, bann muß ich Abschieb nehmen und mich einen Augenblick besinnen und ihnen einen Nachruf widmen.
Auch mein Arbeitszimmer mit feinen etwas schiefen Wänden, feiner alten, ganz verblaßten Goldtapete, mit den vielen Sprüngen im Bewurf der Decke gehört zu meinen Kameraden und Freunden. Es ist ein schönes Zimmer: ich wäre verloren, wenn es mir genommen würde. Aber das schönste an ihm ist bas Loch, bas auf ben kleinen Balkon hinausführt. Von ba aus sehe ich nicht nur ben See von Lugano bis nach San Mammetta, mit ben Buchten unb Bergen unb ben Dutzenben von fernen unb nahen Dörfern, fonbern ich sehe (unb bas ist mir bas liebste baran) auf einen alten, stillen, verzauberten Garten hinab, wo alte, ehrwürdige Bäume sich im Wind und Regen wiegen, wo auf schmalen, steil abfallenden Terrassen schöne hohe Palmen, schöne üppige Kamelien, Rhododendren, Magnolien stehen, wo die Eibe, die Blutbuche, die inbische Weibe, die hohe, immergrüne Sommer
magnolie wächst. Dieser Blick aus meinem Zimmer, | diese Terrassen, diese Gebüsche und Bäume gehören noch mehr als die Zimmer und Gegenstände zu mir und meinem Leben, obwohl sie nicht mein Eigentum sind, sie sind mein eigentlicher Freundeskreis, meine Nächsten, mit ihnen lebe ich, sie halten zu mir. Unb wenn ich einen Blick über diesen Garten werfe, so gibt er mir nicht bloß bas, was er bem entzückten ober gleichgültigen Blick jedes Fremden gibt, sondern unendlich viel mehr, denn dies Bild ist mir durch Jahre und Jahre zu jeder Stunde des Tages und der Nacht, bei jeder Jahreszeit und Witterung vertraut, das Laub jedes Baumes sowie seine Blüte und Frucht ist mir in jedem Zustand seines Werdens und Einfterbens wohlbekannt, jeder ist mein Freund, von jedem weiß ich die Geheimnisse, die nur ich und sonst niemand weiß. Einen dieser Bäume verlieren, heißt für mich einen Freund verlieren.
Im Frühling gibt es eine Zeit, da ist der Garten brennend rot von der Kamelienblüte, und zu Anfang Juni blühen die Palmen, und hoch in den Bäumen klettern überall die blauen Glyzinien. Aber die indische Weide, ein kleiner, fremdartiger Baum, der trotz seiner Kleinheit uralt ausfieht und das halbe Jahr zu frieren scheint, die indische Weide traut sich erst im Sommer mit ihren kleinen Blättern hervor, und zu blühen wagt sie erst in der Mitte des Augusts.
Der schönste aber von all diesen Bäumen ist nicht mehr da, er ist dieser Tage vom Sturm abgebrochen worden. Ich sehe ihn liegen, er ist noch nicht weggeschafft, einen schweren, alten Riesen mit geknicktem unb zerschlissenem Stamm, unb sehe an der Stelle, wo er stand, eine große breite Lücke, durch die der ferne Kastanienwald und einige bisher unsichtbare Hütten hereinschauen.
Es war ein Judasbaum, jener Baum, an dem der Verräter des Heilands sich erhängt hat, aber man sah ihm diese beklommene Herkunft nicht an, o nein, er war der schönste Baum des Gartens, und eigentlich war es seinetwegen, daß ich vor manchen Jahren einst diese Wohnung hier aemietet habe. Ich kam damals, als der Krieg ^u Ende war, allein und als Flüchtling in diese Gegend, mein bisheriges Leben war gescheitert, und ich suchte eine Unterkunft, um hier zu arbeiten und nachzu- denken unb die zerstörte Welt mir von innen her wieder aufzubauen, und als ich meine jetzige Wohnung anschaute, gefiel sie mir nicht übel, den Ausschlag aber gab der Augenblick, wo die Wirtin mich auf den kleinen Balkon führte. Da lag plötzlich unter mir der Garten Klingsors, unb mitten bar in I leuchtete hellrosig blühenb ein gewaltiger Saurii,
nach besten Namen ich sofort fragte, unb siehe, es war ber Jubasbaum, unb Jahr für Jahr hat er seither im Mai geblüht, Millionen von rosigen Blüten, bie bicht an ber Rinbe sitzen, ähnlich etwa wie beim Seibelbast, unb ber Blüte folgte später bas hellgrüne Laub, unb noch später hingen tn biesem Laub bunteipurpur und geheimnisvoll in dichter Menge die Schoten.
Wenn man ein Wörterbuch über den Judasbaum befragt, bann erfährt man natürlich nicht viel Gescheites. Von Jubas unb Heilanb fein Wort! Dafür steht ba, baß dieser Baum zur Gattung der Leguminosen gehöre und Cercis siliquastrum genannt werde, daß seine Heimat Südeuropa fei und daß er da und dort als Zierstrauch vorkomme. Man nenne ihn übrigens auch „falsches Johannisbrot". Das ist, was im Lexikon über meinen Baum steht. Weiß ©ott, wie da der echte Judas und der falsche Johannes durcheinander geraten finb! Aber wenn ich bas Wort „Zierstrauch" lese, muß ich lachen. Zierstrauch! Ein Baum war es, ein Riese von einem Baum, mit einem Stamm so bitt, wie ich es auch in meinen besten Zeiten nie gewesen bin, unb sein Wipfel stieg aus ber tiefen Gartenschlucht beinahe zur Höhe meines Balkönchens herauf, er war ein Prachtstück, ein wahrer Mastbaum! Ich hätte nidjt unter diesem „Zierstrauch" stehen mögen, als er neulich im Sturm zusammenbrach und einstürzte wie ein alter Leuchtturm.
Es war ohnehin keine gute Zeit. Der Sommer war plötzlich krank geworden, und man fühlte fein Sterben voraus, und am ersten herbstlichen Regentag mußte ich meinen liebsten Freund (keinen Baum, ach, sondern einen Menschen) zu Grabe tragen, und seither war ich, bei schon kühlen Nächten und häufigem Regen, nicht mehr richtig warm geworden und trug mich schon mit Abreisegedanken. Es roch nach Herbst, es roch nach Tod.
Und nun kommt da eines Nachts ein wilder, lauer Südfturm geblasen, reißt die Weinberge wüst zusammen, schmeißt Schornsteine um und nimmt, noch in den letzten Stunden, auch noch meinen lieben Baum mit. Ich weiß noch, wie ich als Knabe unb Jüngling es liebte, wenn in herrlichen romantischen Erzählungen von Hauff oder Hoffmann die Aequi- noftiaiftürme so unheimlich bliesen! Genau so war es, so schwer, so unheimlich, so wild und beengend preßte sich der dicke warme Wind, als tarne er aus der Wüste her, in unser friedliches Tal und richtete ba feinen Unfug an. Es war eine häßliche Nacht, keine Minute Schlaf, außer ben kleinen Kindern hat im ganzen Dorf kein Mensch ein Auge zugetan, unb am Morgen lagen bie zerbrochenen Ziegel, bie zerschlagenen Fenstergläser, die geknickten Weinstocke da. Für mich ist das Unersetzliche ber Judas
baum. Es wird zwar ein junger Bruder nachgepflanzt werden, dafür ist gesorgt: aber bis er auch nur halb so stattlich werden wird wie sein Vorgänger, werde ich längst nicht mehr da fein.
Als ich neulich im fließenden Herbstregen einen lieben Freund begraben habe und den Sarg in das nasse Loch verschwinden sah, da gab es einen Trost: er hatte Ruhe gefunden: er war dieser Welt entrückt, die es nicht gut mit ihm gemeint hatte. Beim Judasbaum habe ich diesen Trost nicht. Wir armen Menschen können, wenn einer unsrer Brüder begraben wird, etwa sagen: „Nun, er hat es gut, im Grund ist er ja zu beneiden." Bei meinem Baum kann ich das nicht sagen. Er wollte ganz gewiß nicht sterben, er hat bis in sein hohes Aller hinein Jahr für Jahr überschwenglich unb prahlend seine Millionen von strahlenben Blüten getrieben, hat sie froh unb geschäftig in Früchte verwanbelt, hat bie grünen Schoten der Früchte erst braun, bann purpurn gefärbt unb hat niemals jemanden, ben er sterben sah, um feinen Tob beneibet. Vermutlich hielt er wenig von uns Menschen. Jetzt liegt feine riesige Leiche im Garten und hat im Fallen noch ganze Volker von kleineren und jüngeren Gewächsen zu Tode gedrückt.
Weinbau an der Saale.
In früheren Jahrzehnten gab es an ber Saale einen ziemlich ausgedehnten Weinbau. Zu Beginn bes zwanzigsten Jahrhunberts verschwanb er in den meisten Gegenden bis auf geringe Reste. Noch "V Jahre 1884 wurden in der Flur Camburg amiha) nicht weniger als 34 375 Weinstöcke gezählt. thüringische Regierung ist neuerdings eifrig bemüht' ben Saale-Weinbau roieber zu frischem Leben zu erwecken. Die ©runblage bilben ber Kreisweinberg bei Kaatschen, ein solcher bei Wichmar und enn dritter, ber bei Sieglitz im Entstehen ist.
Pinguin-Eier und Walroß auf der Speisenkarte.
Auf der Speisenkarte eines berühmten Londoner Restaurants findet man als Neuheit jetzt 91,e' genbe Fische. Sie wurden kürzlich nach Eng' land gebracht unb hier versuchsweise ^übereilet sollen köstlich schmecken. Auch Pinguin-Eie gelten neuerbings als Delikatesse. In Rußlanb wir man in nächster Zeit sehr viel Walfisch unb roßfleisch essen, bas, um ber drohenben Hungersno in Rußland zu steuern, zur Zeit in Wladiwostok 3 Konserven verarbeitet wird.


