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Llni) nun, Ellen?

Vornan von Käthe Mehner.

Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag. Halle (S.)

26 Fortsetzung. Nachdruck oerbotenl

Wenn es Ihnen schwer wird, können Sie sich ruhig setzen, Fräulein!" Mit liebenswürdigem Ge­sicht sagte das der Präsident. Dann begann er:

Sie heißen?"

Ellen Ehlers! Ich bin heute einundzwanzig Jahre alt!"

Erstaunen auf allen Gesichtern. Niemand hatte es gewußt. Weder B-rnd Caßler noch Schwester Linde, noch der Arzt.

Sie sind als Tochter des Hauptmanns Ulrich Ehlers geboren?"

Ja, Herr Präsident!"

Die Reihe der Zeugen war kurz.

Bernd Caßler überraschte mit seinen Eltern. Es stellte sich heraus, daß er der Sohn des berühmten Malers Clemens Caßler war, der vor langen Jahren mit seiner Frau auf einer Studienreise in den Tropen verschollen war. Dann kam die Reihe an Rakenius und dann blieb Ellen als einzige Zeugin allein zurück, während die anderen sich wieder hinausbegeben mußten.

Die Spannung stieg zur Siedehitze, als die Ver­nehmung begann.

Wollen Sie uns nun einmal erzählen, Fräulein Ehlers, wie Sie mit Doktor von Rakenius bekannt wurden? Und wie mit dem Angeklagten Ernst Holm?"

Ellens Wort flössen wie eine schwere, tragische Melodie. Ihr Leben ein furchtbares Dasein rollte vorbei, Zeiten bitterster Not und furchtbarsten Elends.

In der vordersten Reihe der Zuhörer klang ein Schluchzen. Es kam von Frau Geheimrat von Rakenius, deren schmale Schultern zuckten und zitterten.

Der Angeklagte hat Sie also öfter bedroht? Sie verließen schließlich aus Angst Ihr Haus, nachdem Sie die Mutter kaum begraben hatten?"

Ja!" kam es ganz leise.

Holm war aufgefahren.

Sie muhte es verlassen, ich hatte das Haus gekauft."

Von Blutgeld, das Sie durch den Verrat von Betriebsgeheimnissen Jahre hindurch von dem Mit­angeklagten Doktor Olsen erhielten, Herr Paulsen jetzt nennen Sie sich Holm also Holm! Gut,

wir haben vorläufig mal noch mit Herrn Holm zu tun. Doch jetzt schweigen Sie!"

Nein es gehört zur Sache! Die Leute waren ja arm wie Kirchenmäuse. Nicht einmal trocken Brot hatten sie. Ich half ihnen damals jetzt wird's vergolten."

Ellen sank der Kopf in tiefer Scham auf die Brust. Der Präsident schützte sie.

Ehlers waren arm weil sie ehrlich waren. Ehrlicher als Sie, Angeklagter! Hut ab vor solchen Menschen. Sie haben ihnen ja kaum geholfen."

3a einmal, ich hungerte mit Mutter, die im Sterben lag, da habe ich mir einen Vorschuß er­beten auf die Kaufsumme." Ellen Ehlers sagte es zitternd.

Nun klang ein lautes, bedauerndesAch!" durch die Reihen.

Sie hatten aber doch die Möglichkeit, Herrn Doktor von Rakenius um ein Darlehen zu bitten, Fräulein Ehlers! Er hätte es Ihnen gewiß nicht abgeschlagen. Doch bitte, setzen Sie sich! Es wird Ihnen gewiß schwer...!"

Der Arzt sprang hinzu.

Bitte, setzen Sie sich! Es wird noch gehen!"

Warum gingen Sie nicht zu Herrn Doktor von Rakenius? Er hätte Ihnen doch gewiß geholfen wie Sie ihm... !"

,Zch konnte nicht niemals?"

Sie schlugen auch ein Stellenangebot ab?"

Ja, Herr Präsident! Auch aus dem Grunde." Wollen Sie uns den Grund bitte nennen?"

Muß ich das?" Angst sprach aus dem Mädchen, dessen Augen scheu den Boden suchten.

Ich bitte, Fräulein Ehlers diese Frage vielleicht nicht beantworten zu lassen. Es erregt sie wohl doch zu sehr!" warf Professor Glockmann besorgt ein.

Mir erscheint sie aber sehr wichtig. Doch ich werde sie leichter machen. Ich will ja die Zeugin schonen. Also Fräulein Ehlers, Sie schlugen alles ab, weil Sie Doktor von Rakenius seit jenem Tage liebten, als Sie noch nicht wußten, daß er der berühmte Erfinder sei, sondern als Sie noch dachten, er sei Reisender, irgend ein kleiner Angestellter!"

Ja!" hauchte Ellen.Und dann später durfte ich doch nicht mehr mit ihm zusammenkommen, nie mehr. Er war ja verhei..." Die letzten Silben erstorben in einem leisen Weinen.

Wir wollen eine kurze Pause einlegen, Professor Glockmann! Vielleicht bemühen Sie sich inzwischen um Fräulein Ehlers."

Da aber stand Ellen plötzlich auf.

Bitte, kein Pause. Ich möchte nicht, daß Men­schen um meinetwillen durch die Ungewißheit ihres

'Schicksals gefoltert werden." Sie bsickte auf die Anklagebank.

Ich werde es aushalten.Ich bin ja jetzt kräftiger, Herr Präsident! Bitte, vernehmen Sie weiter!"

Das Gericht ist Ihnen dankbar! Wir kommen bald zum Ende."

Und doch zogen sich die Verhandlungen durch die Hartnäckigkeit des Angeklagten noch stundenlang hin. Endlich, endlich war die Vernehmung beendet.

Das Gericht zog sich zur Beratung zurück. In­zwischen tuschelte man im Zuhörerraum. Ellen Ehlers war der Mittelpunkt fast aller Unterhaltun­gen. Feuchte Augen suchten mehr als einmal das schöne Gesicht des vom Schicksal so hart geprüften und doch so reinen Mädchens.

Lange Zeit verging. Endlich nahten die Herren des Gerichts. Alles erhob sich. Mit letzter Kraft auch Ellen Ehlers. Die stundenlange Vernehmung hatte sie doch sehr stark geschwächt. Aber mit neuem Lebenswillen versuchte sie, die sie ankommende Schwäche zu besiegen.

Totenstille. Dann die tiefe, ruhige Stimme des Präsidenten:

Der angeklagte, mehrfach vorbestrafte Ernst Paulsen aus Hamburg, wird wegen Mordes zum Tode und Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte verurteilt. Der Mitangeklagte, Doktor Olaf Olsen, wird vom Verdacht der Beihilfe freigesprochen. Der Diebstahl der Aufzeichnungen über die Entgiftung des Leuchtgases wird in einem anderen Verfahren geahndet werden.

Es ist durch Fingerabdrücke erwiesen, daß Ernst Paulsen alias Holm, der sich falscherweise als Diplomingenieur ausgab, den Mord verübte. Es ist auch erwiesen, daß er den Tresor im Herren­zimmer des Doktor von Rakenius geöffnet und die Aufzeichnungen über die Entgiftung des Leuchtgases entwendet hat. Auf dem Rückwege durch den Garten muß er der Ermordeten begegnet sein, die er, als er sich entdeckt sah, niederschoh und in den Pavillon schleppte, wo er Selbstmord vortäuschte. Die Waffe fand er vorher zufällig im Tresor, und das schien ihm günstig. Mildernde Umstände kommen in An­betracht her unglaublichen Roheit, mit der die Tat ausgeführt worden ist, nicht in Betracht."

Sodann zog das Leben Holms an den Augen der Zuhörer vorüber: Autoschlosser, schließlich Zeich­ner. Sein hochstaplerisches Wesen und sein Geltungs­trieb machten ihn zum Werkspion. Er verstand, sich als Diplomingenieur Ernst Holm in das Automobil­werk einzuschleichen, wurde Betriebsleiter, lebte von den Geldern, die ihm durch Diebstahl von Patenten vom Mitangeklagten Olsen zuflossen.

Sekundenlang herrschte atemlose Stille.

Der Verurteilte sah nur auf Ellen Ehlers. Sein Blick wurde mit einem Male weicher. Aller Hatz erlosch. Reue, bittere Reue zeigte sich auf seinen Zügen.

Und plötzlich brach es aus ihm heraus:

Ja ich bin schuldig, bin wirklich schuldig! In Ihre reinen Augen hinein muß ich es sagen. Der» zeihen Sie mir, Ellen Ehlers! Ich will es büßen!"

Die Köpfe flogen ruckartig zu dem Mädchen hin, das jetzt hell aufschluchzte und dann mit tränen- erstickter Stimme sagte:

Ich verzieh Ihnen ja alles!"

Rainer von Rakenius zitterte innerlich. Die Seelengröße dieses Mädchens erschütterte alle. Als sie dann den Saal verließ, war es wie eine stille Verabredung. Alle traten beiseite.

Wie eine Königin, unnahbar und rein, schritt Ellen Ehlers, von Professor Glockmann gestützt, durch die Reihen.

Eine warme, schwesterliche Hand tastete nach ihr. Ruth Hilliger. Kein Wort. Ein stummer, tiefer Blick. Ruth Hilliger hatte vor der Größe dieser reinen Liebe neidlos überwunden.

Dann, ehe noch jemand weiter sie erreichen konnte, fuhr Ellen Ehlers mit Bernd Caßler und Professor Glockmann im Auto davon.

Nun können Sie wohl erst richtig zur Ruhe kommen, armes Kindchen! Das war heute das Schwerste. Aber nun wird Sie wohl kein Staats­anwalt je wieder brauchen."

Ich will nur heim, nur heim, zu dem guten Muttchen Zimmermann. Wie wird die alte treue Seele sich gebangt haben!"

Und wie wird's mit der Reise an die See? Es würde Ihnen wirklich gut tun!"

Nein, Herr Professor, ich bleibe hier!" Einundzwanzig st es Kapitel.

Nun schauen Sie aber heiter in den Tag. Das Leben lacht Ihnen herrlich, liebes Kind! Kommen Sie, ich habe mir einen Tag gestohlen für Sie für Sie allein. Wir wollen ein wenig ins Leben fahren. Bernd Caßler Macht sich fertig."

Der kleine Professor Glockmann war, ganz im Gegensatz zu seiner sonstigen Ruhe, lebhaft wie ein Kind. Seine Heiterkeit sprang über auf Ellen Ehlers, die zum ersten Male seit langer Zeit wieder herzlich lachen mußte.

Ich glaube, es könnte mir wohl nicht schaden. Aber haben Sie denn wirklich Zeit, Herr Pro­fessor?"

Dann stände ich nicht hier! Aber kommen Sie, Kindchen! Schwester Linde ist schon ungeduldig. Unten hält mein Wagen."

(Schluß folgt.)

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