llr.131 Zweites Blatt Siebener Anzeiger (Seneral-Anzeiger für (Dberlicflcn) zreitag,8.Z«ni 1934
Südslawisches Verständnis für das neue Deutschland.
Bon Dr. Z. März.
Der Abschluß des deutsch - jugoslawi - scheu Handelsabkommens ist unter erfreu- liehen Begleitumständen erfolgt. Die Stimmung war einer Verständigung auf dem Boden beiderseitigen Entgegenkommens, unter voller Wahrung der Grundhaltung, günstig, ^üdslawien ist heute, das kann ohne Uebertreibung gesagt werden, ein Land, in dem die Volksmeinung schon seit Monaten sich nicht mehr lediglich beobachtend oder abwartend verhütt, sondern schon unzweideutig Beweise echter Sympathie für das neue Deutschland gegeben hat. Bereits seit Monaten berichtet der größte Teil der südslawischen Tagespresse objektiv und gerecht über das neue Deutschland und würdigt die Leistungen Adolf Hitlers und der nationalsozialistischen Regierung aufrichtig. Das Emigrantentum hat nicht viel zu bestellen. Wenn auch der eine oder andere Emigrant hier einen Lebensunterhalt gefunden hat, so ist doch sehr bald erkannt worden, daß diese (Elemente mit ihrem neuen Gastland im Wesen nichts verbindet. Dem Marxismus in der bei uns verbreitet gewesenen Prägung ist das Südslawentum nie zugänglich gewesen: Parteien, die sich sozialistisch nannten, haben in diesem Land, das keine Klassen und kaum die Ansätze eines Großstadtproletariats kennt, immer vor allem einen starken nationalen Einschlag gehabt. Die Maßnahmen des na- tionalsozialistischen Deutschland in der Rassenfrage werden in weiten Kreisen verstanden, weil der Südslawe, und besonders der Serbe, großen Wert auf die Reinhaltung der Familie und Sippe hält und eine Prüfung der beiderseitigen Familiengeschichte vor Schließung einer Ehe auch heute noch gute Sitte besonders auf dem Lande ist. Was in Deutschland zum Schutze des Bauerntums geschehen ist, was zur Hebung der Volksgesundheit unternommen wird, begegnet ebenfalls der größten Anteilnahme, weil sich das Land der Südslawen, in dem auch die städtische Bevölkerung noch ganz eng mit der oäter» lichen Holle verbunden und der »e griff der Ent- wurzelu .g unbekannt ist, in Agrarreform, Neusiedlung und Bauernschutz zu ganz ähnlichen Entschlüssen genötigt sah und viele Schäden aus früherer Zeit noch gutzumachen sind.
Der Name Adolf Hitlers ist, wie es früher nur bei einem einzigen deutschen Staatsmann, Bismarck, ähnlich der Fall war, im kleinsten Dorf bekannt. Ueberall wird der Deutsche, sobald er als solcher erkannt ist, mit brennender Wiß- begierbe nach seinem Volkskanzler gefragt. Es ist ein Vorteil, daß d i e Kenntnis der beut» f ch e n Sprache ungemein weit verbreitet ist. Sie ist noch immer im Südosten die herrschende Verkehrs- und Vermittlungssprache. Die gesamte mittlere und ältere Generation versteht und spricht deutsch noch aus jener Ze^t, als Oesterreich und Ungarn große Teile des heutigen südslawischen Staates beherrschten. Aber auch im serbischen Teil trifft man auf Schritt und Tritt Personen, die deutsch verstehen. Es gibt kaum noch ein anderes Land, in dem der Reisende, ohne Kenntnis der j Landessprache, sich so leicht deutsch verständigen kann. Die gebildeten Kreise verstehen sich fast in allen Fällen ganz vorzüglich in Deutsch auszudrücken, denn der Slawe ist an sich schon sehr sprachenbegabt. In den einflußreichen Stellungen, in Politik, Wissenschaft, Wirtschaft sind ehemalige Besucher deutscher Hochschulen zahlreich vertreten. Es ist deshalb gar nicht verwunder- lich, daß in den Buchhandlungen der größeren Städte das deutsche Buch bis zu zwei Fünfteln der Bestände ausmacht, daß der Film in deutscher Sprache, lediglich mit einkopierten slawischen Dialogen, fast ganz den Markt beherrscht (sogar so rein deutsche Bildstreifen wie „Königin Luise" oder „Die Lindenwirtin" laufen wochenlang) und daß die formende Kraft der deutschen Erziehung zahllose Menschen an das deutsche Geistesleben bindet.
Selbstverständlich macht auch Frankreich große Anstrengungen, um Boden zu gewinnen, treibt Kulturpropaganda mit allen Mitteln und zieht den Nachwuchs auf seine Hochschulen. Es wäre töricht, die Augen davor zu verschließen, daß das politische Bündnis zwischen Südslawien und Frankreich bestimmte Wirkungen haben mußte. Im serbischen Volksteil spricht ein Gefühl der Dankbarkeit für die Rettung des Volkes vor dem Untergang mit. Aber Herzenssache ist das Bündnis für den größten Teil der Bevölkerung nicht, sondern es ist vor allem auf politischen Gründen aufgebaut. Damit verträgt sich sehr gut, daß gegen die Deutschen (die man von der Wiener Regierung, der k. u. k. wie auch der jetzigen, recht gut zu unterscheiden weiß) keine Spur von Abneigung mehr besteht, im Gegenteil, es herrscht die Achtung, die tapfere Gegner vor einander haben sollen, und der deutsche Soldat hat in Serbien, das vom Krieg gewiß furchtbar zu leiden gehabt hat, das beste Andenken hinterlassen.
Der Südslawe, der selbst Jahrhunderte lang einen heldenhaften Kampf um seine Freiheit ge
führt und für sie die größten Blutopfer gebracht hat, bringt aus dieser seiner heroischen, männlichen Haltung heraus viel Verständnis für das neue Deutschland auf. Er ist selbst hart und zäh und weiß deshalb den Kampf der nationalsozialistischen Bewegung zu würdigen. Die Staatskrise im verbündeten Frankreich macht ihn bedenklich. Da seit Januar 1929 im Südslawien autoritär regiert wird, wenngleich von einem Totalitätsanspruch nicht die Rede sein kann, da ferner die Einheit von Volk und Staat und die Sicherstellung der Jugenderziehung im Sinne des einheitlichen Südslawentums als unverrückbares Ziel verkündet sind, fühlt der nnrf) stark im Gemeinschaftsgedanken wurzelnde politisch geschulte Südslawe eine Wesensverwandtschaft seines Staatslebens mit dem neuen Deutschland heraus und ist schon deshalb befähigt, vieles von dem zu verstehen, was bei uns vorgeht und anderen, individualistisch- mechanistisch denkenden Völkern unverständlich ist ober wenigstens dafür ausgegeben wird. Damit ist aber der Boden für ein gutes Verhältnis bereitet.
DerKIapperstorchimLandederunbegrenztenIIlöglichkeiten
Mit Fünflingen gesegnet wurde eine junge Mutter in Kanada. Die fünf kleinen, die sämtlich Mädchen sind, wiegen zusammen etwas mehr als 15 Pfund. Trotz dieses geringen Gewichtes sind sie so kräftig, daß an ihrer Lebensfähigkeit nicht gezweifelt wird. Das außerordentlich seltene Ereignis hat ungeheure Anteilnahme im ganzen Lande geweckt. Die so reich gesegneten Eltern wurden nicht nur mit Glückwünschen, sondern auch mit Geschenken überschüttet.
Geschichten ans aller Welt.
Nachdruck, auch mit Quellen-Angabe, verboten!
Wer Unterstützung bekommt - wird am Kopf rasiert.
(r) Delhi.
Das große indische Bihar-Erdbeben ist in seinen schweren Schäden noch immer nicht behoben. Man hat zwar Komitees entsandt, die mit Geld und Naturalien zu helfen bemüht bleiben. Jedoch mußte man feststellen, daß auch hier sich rasch eine gewisse Gruppe von Betrügern breitmachte, die vier- oder fünfmal erschienen, um zu „kassieren". Denn Unterschriften und Namensliften sind überflüssige Behelfsmittel in diesem Lande der Analphabeten.
Nunmehr hat fernöstlicher Scharfsinn eine geniale Lösung gefunden: Um die berufsmäßigen Bettler und Schnorrer von den wirklich Armen zu unterscheiden, wird jedem, der seine Unterstützung in Gestalt von Nahrungsmitteln oder Gebrauchsgegenständen bekommen hat, ein Stück des Schädels blitzeblank rasiert.
Aber die Eingeborenen waren auch nicht dumm: Seit dem Tage, an dem dieser Erlaß herauskam,
haben sich alle Leute in New-Delhi den Schädel ganz glatt rasieren lassen. Jetzt sinnt man amtlicherseits auf einen neuen Trick...
Don Jose erreicht sein Ziel.
. (u) R i o de Janeiro.
Der brasilianische Zollbeamte Don Jos6 Moroira Coelho hatte im Jahre 1924 das englische Passagier- schiff „Arlanza" abzufertigen. Mit diesem Schiff wanderte eine Budapester Dame namens Kovacs mit ihrer siebzehnjährigen Tochter Ilona nach Brasilien aus, mit dem Zwecke, die Kleine in die Arme ihres Bräutigams, eines in Rio de Janeiro ansässigen magyrischen Kaufmanns zu führen. In Backia, allwo die Zollrevision stattfindet, warf Don Jose einen einzigen Blick auf die rassige Magyarin verzichtete auf die Gepäckdurcksuchung der Damen, stand stramm und hielt um die Hand von Ilona an. Die Mutter meinte, es handele sich um einen schlechten Scherz. Doch der Beamte holte den Kapitän des Schiffes heran und ließ fein Angebot auf englisch wiederholen mit der Erklärung, er empfinde „Liebe auf den ersten Blick" für die junge Dame.
Der Antrag war zwar ehrenvoll, aber nichtsdestoweniger mußte der stürmische Bewerber sich mit einem Korb begnügen
Ilona Kovacs heiratete ihren Bräutigam, lebte mit ihm ein knappes Jahr zusammen, ließ sich dann Hals über Kopf scheiden und kehrte enttäuscht in die ungarische Heimat zurück. Dor einigen Wochen nun bekam sie einen zwanzig Seiten langen Brief von Don Jvs6, dem edlen Ritter. Er schrieb, daß er Ilona nicht vergessen könne, daß er sie heute, nach einem Jahrzehnt, ebenso liebe wie damals bei der ersten Begegnung, wo sein Herz in heißer Liebe entbrannte, daß er inzwischen längst zum wohlbesoldeten Zolldirektor befördert worden sei und daß er hiermit zum zweiten Male in aller Form um die Hand der Auserwählten anhalte.
Der Brief, ein Dokument romantischer Höchstleistung in unserem sachlichen Jahrhundert, enthielt auch mehrere Beilagen: Ein Lichtbild des Standhaften aus dem Jahre 1924, ein weiteres aus jüngster Zeit, die Abbildung seines Hauses und Wochenendhauses, sowie einige Bescheinigungen über seine laufenden Einnahmen und über feine Ersparnisse in nicht zu unterschätzender Höhe.
Ilona konnte der abermaligen Versuchung, in Brasilien ihr Glück zu finden, nicht widerstehen. <E>ie jagte ja, ließ sich die Schiffskarte kommen und flog in die Arme Des Don Jose, der volle zehn Jahre auf die Realisierung seiner Liebe auf den ersten Blick warten muhte, um sein Ziel zu erreichen. Der Mann verdient ein Denkmal — oder: ... das wird sich ja in einiger Zeit Herausstellen ...
Die Unterschrift bc$ Toten.
(th) Neuyork.
Wenn jemand eine Unterschrift keiftet, sollte man eigentlich annehmen, daß er lebt und sich auch im Besitz wenigstens so vieler geistiger und funktioneller Fähigkeiten befindet, die ihn zur Ausführung der Unterschrift befähigen ...
Da hat man jetzt vor dem Gericht in Fermoy ernsthaft vor dem Richter O'Connor die Frage aufgeworfen, ob jener Edward Shanahan, um den es hier geht, noch lebte, als er seine Unterschrift vollzog.
Die Sache war so: Als Edward Shanahan erkrankte, hatte er vorher fein Testament aufgestellt. Da die Krankheit kritisch wurde, beeilte man sich, einen Notar herbeizuholen. Allerlei interessante Klauseln wurden in das Testament geschrieben. Sogar eine Lebensversicherung für den noch lebenden Bruder wurde vorgesehen. Dann gab man Edward Shanaham den Federhalter in die Hand. Er machte sein Zeichen und sank schon beim letzten Buchstaben tot zusammen ...
O'Connor holte Gutachten ein, prüfte den Fall sorgsam und hob das Testament schließlich auf, indem er feststellte, daß Edward Shanahan sich im Zustand des Sterbens befunden habe, als er seine letzte Unterschrift leistete.
Rekord in Brüchen.
(1) London.
Wenn man Ernest Gardner begrüßt, wagt man nicht, ihm die Hand zu drücken. Aus Furcht, man könnte ihm die Knochen zerbrechen. Denn dieser Unglückliche ist der Mensch mit den brüchigsten Knochen von England.
Er ist heute 16 Jahre alt und sitzt seit vier Jahren in einem Fahrstuhl, den er aber nicht selbst bedienen farm, weil ihm bei einer hastigen oder unglücklichen Bewegung die Knochen einfach durchbrechen würden. Mit 12 Jahren mußte man ihn aus der Schule nehmen, weil fein Leben ernstlich gefährdet war. Zwei Jahre durfte er sich gar nicht bewegen. Dann besserte sich sein Zustand etwas. Immerhin hatte er in oer Zeit zwischen dem zehnten und sechzehnten Lebensjahre aber nicht weniger als sechzehn schwere Knochenbrüche zu verzeichnen. Sie verteilen sich auf den Körper des Unglücklichen wie folgt: Sieben Brüche des linfen Armes, ein Bruch des rechten Armes, sechs Brüche des rechten Beines, ein Bruch des linfen Beines, ein Kniescheibenbruch, gar nicht gerechnet die Heineren Knickungen und ähnliches.
Man weiß nicht, wie man dem Armen helfen
Oer Schuß.
Don Hans Bethge.
Ein wundervoller Abend, voll Dust und Klarheit. Der Mond hing sichelförmig über den Erlen, wie aus Silber der Himmel war noch hell und zeigte den rosa Widerschein der versunfenen Sonne.
Fritz warf die Flinte über die Schulter und verließ sein langgestrecktes Gutshaus. Er schritt über die weiche Wiesenkoppel; eine junge Schimmelstute stürmte herbei, um sich von ihm den Hals klopfen zu lassen und jagte wieder davon. Der junge Gutsherr ging in den Wald, schritt eine Schneise hinauf, trat unter eine Buche, ließ sich auf seinen kleinen Jagdstuhl nieder und wartete auf einen Bock.
Aber seine Gedanken zogen schnell in eine andere Richtung. Er dachte an die schlanke Effi von Flemming, die Tochter des alten Flemming auf dem Nachbargut Lelchsborf, das reizendste, verführerischste, aber auch das herbste und abweisendste Mädchen der ganzen Gegend. Er liebte sie, aber er war in Verlegenheit, wie er sie sich erobern sollte. Sie war von einer Sprödigkeit des Emvfindens, daß er nicht recht wußte, was er zu tun habe um ihr schwer zugängliches Herz zu bezwingen. Wahrend er ihre Gestalt in Gedanken vor sich sah, jung, schlank und biegsam, klangen plötzlich Pferdetritte an sein Ohr: ein Rappe kam die Schneise empor- getrabt, darauf Effi im Herrensattel, mit leicht geröteten Wangen, lässig die Zügel in der Linken
Fritz lugte erregt zu ihr hinüber, sein Herz schlug unaeftüm. Sie ahnte nicht, daß er if)f so nahe war, und ritt vorbei, ein wenig trällernd, wahrend sie die Reitgerte durch die Luft spielen ließ. Jetzt flog drüben eine Waldtaube von dem höchsten Zweig einer Kiefer auf, Fritz zielte die Büchse krachte d,e Taube fiel klatschend zur Erde^ Zu gleicher Zett aber geschah etwas anderes. Der Rappe bäumte mit erschrecktem Gewieher auf, Effi glitt hmad, und das Pferd lief nach Hause. Fritz trat hervor, (Effi erhob sich und sah ihn verwundert an.
„Haben sie sich wehe getan?" ragte er be orgt „Es ist nicht schlimm', sagte sie, „ich glaube, ich habe mir den Fuß verstaucht." .
„Sie dürfen nicht gehen", erwiderte erv,ftommen Sie, ich trage Sie hinüber in v^n Haus.
Er nahm sie energisch auf den Arm, sie sträubte sich mit Händen und Füßen.
„Still", mahnte er, „Sie haben sich zu fugen, ich bin stärker als Sie." „ ....
„llebrigens sind Sie eine schlechte Reiterin , tadelte er, „man darf wohl mit dem Pferd fallen, aber man fällt nicht von einem Pferde, das aufrecht bleibt.
,Zhr Schuh war schuld."
„Ich weiß", sagte ör, „ich habe Glück gehabt. Hätte ich die Taube nicht geschossen, so würde ich Sie jetzt nicht so nahe bei mir haben, wie ich nie zu hoffen wagte. Es ist schön, Sie so an der Brust zu halten ..."
Sie suchte sich wieder zu wehren und wand sich wie ein Fisch im Nek, aber alles scheiterte an der ehernen Kraft seiner Arme.
Nun bog er in einen Seitenweg, der sie vom Gutshaus weiter entfernte.
„Wohn gehen Sie?" fragte sie beklommen.
„Ich mache einen kleinen Umweg", antwortete er, „ich möchte mir mein Glück verlängern. Wer weiß, ob ich Sie jemals wieder so auf den Armen tragen darf. Effi, ich liebe Sie."
' Sie sah ihn groß an, sie hörte fein Herz schlagen, es schlug heftiger als sonst, wegen der Last, die er trug, und wegen der Worte, die er sich abrang. Nun kam ein Lächeln über ihre Mienen, das ihm Mut verlieh. Er hob ihren Kopf hoher zu sich empor und küßte ihren Mund. Sie hatte das warme, bestürzende, bisher nie gekannte Gefühl, besiegt zu werden, und legte demütig die Hand auf feine Schulter. Er schwang sie einmal übermütig um sich herum, drückte den Kops an ihr braunes Haar und sagte: „Jetzt trage ich dich hinüber in mein Haus, — in unser Haus."
Sie schwieg, es schwirrte durch ihr Hirn, es war, als ob eine ganze Welt um sie zusammenstürzte und sie verschüttete, aber mit Veilchen und Rosen.
„Ich preise deinen kleinen Unfall", sagte er. „Wer weiß, ob es mir sonst jemals gelungen wäre, dich zu beugen!"
„Und ich preise deinen Flintenschuß", entgegnete sie leise, „er kam gerade zur rechten Zeit."
„Ja," sagte er, „— und die gute Waldtaube. Schade, daß sie tot ist. Nachher gehe ich und hole sie. Sie soll wenigstens ausgestopft bei uns bleiben. Wir sind ihr Dankbarkeit schuldig. Sie ist die wahre Ursache unseres Glücks."
,3u Straßburg auf der Schanz."
Melodie und Handlung des bekannten alten Volks- liebes bestimmen den Charakter dieses Films, zu dem Max Ferner und Walter P i e p e r bas Drehbuch schrieben: ein Schauspiel mit volksstückmäßigen Zügen, teils lyrischen, teils ballabesken Szenen, spielenb in ber Schweiz und im Kostüm der napoleonischen Zeit. Zwei Brüder lieben, ohne daß es ber eine vom andern weiß, -basfelbe Mäd- chen. Der Abgewiesene fällt in seinem ßiebesgram den Werbern in die Hände und nimmt fremde
Militärdienste, desertiert aber wenig später und entkommt den Verfolgern. Der Bruder stellt sich an seiner Statt, wird in der Fremde vom Heimweh ergriffen, flieht ebenfalls, wird gefangen, kriegsgerichtlich verurteilt und erschossen, ehe der Bruder und die Geliebte den Aufschub der Exekution erwirken und ihn retten können. Der Regisseur Franz O st e n stellt die Handlung in einen Rahmen malerischer Landschaftsbilder und inszeniert mit starken, theaterwirksamen Effekten. Hans Stüwe und Carl de Vogt spielen die beiden Brüder, Ursula Grabley die junge Bauerntochter Beate. Von den übrigen Mitwirkenden nennen wir Winte r st e i n , Margarete Kupfer, Harry Hardt und Wolfgana v. Schwind. Professor Clemens S ch m a l st i ch schrieb die melodramatische Begleitmusik. Die „Comedian Harmonists“, die vor längerer Zeit ein sehr erfvgreiches Gastspiel in Gießen gaben, bringen als (Einleitung zum Film eine Anzahl Volkslieder klangschön zum Vortrag. (Seit aeftern im neuen Programm des Lichtspie 1 - Hauses.)
Die Tochter des Hetmans.
Anastasia Schulze erscheint in langem, schwarzen Abendkleid vor dem Berliner Schöffengericht und ist auch sonst sehr elegant und vornehm anzusehen. Allein — Anastasia gehört zu den gefährlichsten Warenhausdiebinnen Berlins und hat bereits brei- zehnmal im Gefängnis gesessen. Anastasia hat ein sehr abenteuerliches Leben hinter sich. Geboren wurde sie in Turkestan als Tochter eines Hetmans in einem turkmenischen Reiterregiment. Im Weltkrieg rettete sie vier deutsche Soldaten aus ber Kriegsgefangenschaft unb floh mit ihnen nach Deutschland wobei sie selbst zwei Schüsse erhielt. Der eine ber Geretteten, ein Trainer Schulze, heiratete sie aus Dankbarkeit, Anastasia hielt es aber nicht lange bei ihm aus, sie geriet in schlechte Gesellschaft unb würbe schließlich eine ber gefürdjtetften Waren- bausbiebinnen. Sie stahl, was sie bekommen konnte unb was sich irgenb unter ihrem Mgntel ober in ihrer Tascye verbergen ließ. Das letzte Mal hatte eine Verkäuferin zu ihrem Erstaunen beobachtet, wie bie elegante Frau plötzlich runblidj geworden war, unb zwar merkwürbigerweise nur auf ber einen Seite. Es stellte sich bann heraus, baß Anastasia zwölf Hemben eingesteckt hatte. Anastasia sollte diesmal eigentlich Sicherheitsverwahrung zubiktiert bekommen. Da sie aber noch nie im Zuchthaus gesessen hat, bekam sie eine Zuchthausstrafe von einem Jahr unb zwei Monaten. Das soll aber für Anastasia bie allerletzte Chance fein, sich zu bessern.
Zeitschriften.
— Das Juniheft von Westermanns Monatsheften bringt einen beachtlichen Artikel von Albert Pütz über ben bekannten „Düffelborfer Malkasten unb feine Künstlerfeste". Der Artikel ist mit farbigen Wiedergaben nach Delbilbern, Aquarellen unb Kvstümstubien geschmückt. Zum 50. To- besiege des Malers Ludwig Richter bringt A. Lukas Müller einen reich bebilderten Aufsatz über „Ludwig Richter unb fein Kreis in Lvschwitz" unb K. A. Finbeisen erzählt brei Ludwig-Richter-Legen- den. Besonbers interessant ist ein Aufsatz „Das Geheimnis des Feberseemoors", in dem K. Pastenaci berichtet, wie burch vorgeschichtliche Funbe im Feder- seemoor in Württemberg ber Beweis erbracht wirb, daß hier schon vor 8- bis 10 000 Jahren Men- scheu Straßen gebaut und benutzt haben. Josef Magnus Wehner schreibt über die Vorbereitungen Oberammergaus zu ben diesjährigen Festspielen. Hierzu bringt Jrrningarb Straub einige bekannte Oberammergauer Charakterköpfe in Scherenschnitten. Erwähnung verbienen auch die spannende Rheinnovelle von Jorg Ritzel „Der geheimnisvolle Fährmann" und die Geschichte „Coronas Kornelkirschenstrauch" von Alfred Hein. Dramatische und literarische Rundschau bringen Besprechungen über bie neuesten Bühnen- unb Bücher-Neuerscheinungen. (Eine reiche Anzahl mehrfarbiger unb einfarbiger Kunstbrucke schmückt bas Heft.
Hochschulnachrichten.
Der Privatbozenl Dr. H. Fliege an ber Universität Marburg hat ben Ruf auf ben Marburger Lehrstuhl für Zahnheilkunbe angenommen.
Dipl.-Jng. Richarb Schaffhausen unb Regierungsbaurat Dr.-Jng. Heinrich Witt mann in Berlin haben ihre Berufung zu o. Professoren an ber Technischen Hochschule in Karlsruhe angenommen.
Professor Dr. Walter D o i g t, Drbinarius für Anatomie an ber Universität Zürich, hat einen Ruf an bie Universität Berlin erhalten.
Der Drbinarius für Dermatologie an ber Universität Münster, Professor Dr. Alsreb Stu hm er, hat einen Ruf an bie Universität Freiburg angenommen.
Der o. Professor ber Geographie an ber Universität Jena, Dr. G. v. Zahn, hat eine Berufung als Vertreter ber Geographie an bie Sun-Natsen- Umversität in Kanton (China) erhalten.


