llr. 261 Zweiter Blatt
GietzenerAnzetger tGeneral-Anzetgel für Gberhefsen)
Mittwoch, 7. November 1934
Aus der Provinzialhauptftadt.
Abschied vom Garten.
Die' Tage des Abschieds vom Garten sind nun gekommen. Wie wurde noch in den letzten Wochen gearbeitet auf den kleinen Landstückchen, in den Siedlergärten. Die Ernte mußte geborgen werden. Kleine Handwagen, hochbeladen, rollten ununterbrochen von den Gärten zur Wohnung. Jeder schwere Kohlkopf, jede schone walzenförmige Karotte wird liebevoll in der Hand gehalten. Der Blumenkohl ist noch schwach. Er wird im Keller in Wasser gestellt und erholt sich noch. Die letzten grünen Tomaten werden eingemacht. Das Schönste aber, die bunten Löwenmäuler, Dahlien und Astern geben einen dicken Strauß. Er wird noch lange vor der Gartenpracht erzählen, denn alle Herbstblumen halten sich ja recht gut in einem kühlen Zimmer.
Die mütterliche Erde wurde umgegraben und liegt nun mit ihren braunen, glänzenden Schollen da und wartet auf den Winter, der mithilft, daß sie im nächsten Frühjahr wieder bereit ist.
Die ersten kalten Nächte kommen. Die Dahlien! wurden plötzlich schwarz, und alles, was gestern noch grün dastand, verliert seine Farbe. Auch den ersten Schnee haben wir schon gesehen.
Wir rüsten zum letzten Gang in den Garten, legen die Rosen in die Erde, schneiden die Dahlien ab und bergen die Knollen im Keller, graben noch die letzten Streifen des Landes um und stehen dann an der Tür des Gärtchens. So rasch können wir doch nicht weggehen. Wir müssen noch einmal dieses Plätzchen überschauen, das während des ganzen Jahres Trost und Freude war. Dort spielten liie Kinder, sie hatten ihr eigenes Beet, da standen lie Blumen Daneben das Gemüse, auch einige Reihen Frühkartoffeln. Wie oft haben wir hier in den Sommermonaten geweilt und mit der Gießkanne geholfen, daß die Pflanzen nicht welkten! Aber auch wie oft haben wir mit lachenden Augen Körbe voll Gemüse, Suppengrün, Tomaten und «Erbsen der Mutter heimgebracht. Mit den Nachbarn haben wir geplaudert, haben zusammen auf dem selbstgezimmerten Bänkchen gesessen und uns mm Sonnenuntergang gefreut Welcher Segen ging von diesem Gärtchen aus. Mit Stolz und Freude haben wir geerntet und die Ergebnisse unfern Nachbarn gezeigt.
Nun müssen wir Abschied nehmen vom Garten. Er will jetzt auch ruhen und neue Kräfte sammeln ifür das nächste Jahr. Bald wird eine weiße Decke alles verhüllen. Aber auch der Winter wird ver- igehen, und ein neues Frühjahr wird einziehen. Dann kommen wir wieder Und deshalb sagen wir jjetzt: Auf frohes Wiedersehen! P
O e Reichsbahn verbilligt die Weihnachtsreise.
Die Deutsche Reichsbahn gibt auch in diesem Jahre zu Weihnachten Festtagsrückfahrkarten mit verlängerter Geltungsdauer aus. Die Karten gelten .ur Hin- und Rückfahrt an allen Tagen vom !!1. Dezember, 12 Uhr, bis 2 Januar 1935 Abschluß der Rückreise spätestens 24 Uhr). Sie werden zum Preise der um 33'/» v. H. ermäßigten Sonntagsrückfahrkarten in allen Verbindungen aus- : egeben, für die Fahrkarten des gewöhnlichen Ver- igehrs ausgegeben werden können. Die bisherigen Zahpreisermäßigungen für Kinderreiche gelten auch ur die Festtagsrückfahrkarten. Der Vorverkauf be- innt jeweils zehn Tage vor der Abreise, frühestens : lso am 11. Dezember, 12 Uhr. Das gleiche gilt für !ien Vorverkauf von Platzkarten für Ö=, PO-, FFD= . nd P-Züge, bei deren Benutzung im übrigen —' Ebenso wie bei der der Eilzüge — die tarifmäßigen Anschläge zu zahlen sind. Die Arbeiterrückfahrkarten |
Hans Thoma iumGedächtnis inDankbarkett Zum 10. Todestage des deutschen Malers.
Von Friedrich Germer, Großen-Linden.
„Heute vormittag entschlief sanft Hans Thoma. 4m Sinne des Verstorbenen findet die Beisetzung m aller Stille statt." So lautete die Anzeige, mit Ker Agathe Thoma am 7. November 1924 von :«em Heimgang ihres geliebten Bruders Kunde gab. Sie kam überraschend, denn zwei Wochen zuvor noch halle der Meister eine Karte geschickt, auch die Unschrift noch eigenhändig geschrieben, da er sich Isedankt für die Glückwünsche zu seinem Geburts- ing am 2. Oktober; er war 85 Jahre alt geworden. 5oie Karte zeigte das bekannte Bild des Drachen- topfes, in dessen aufgesperrtem Rachen ein Engels- linb friedlich auf einem kleinen Trompetchen bläst, darunter die Verse m Druck:
- Vom Rätselrachen der Welt umfangen
Sitzt die arme Menschenseele in Fürchten und Bangen,
Das Ungeheuer kann sie ja plötzlich verschlingen Und möchte doch jede ihr fröhliches Lebenslied fingen.
fiie Worte sind wredergegeben in der Künstlerschrift Ioans Thomas, die jedes von ihm beschriebene Blatt 311 einem Bilde werden lassen.
Daß die Last der Jahre den Greis schon seit Lmgem bedrückte, war bekannt. Schon im Herbst 1921 entschuldigte er gelegentlich die Kürze seines Lxhreibens mit der Bemerkung: „Meine Hinfällia- küt nötigt mich auf dem Liegestuhl die vielen Briefe tom 2. Oktober zu beantworten". Bezeichnend ist e für die herzliche Güte des Menschen Hans ^homa, daß er doch keinen, der seiner teilnehmend ci-bacht, die persönlich geschriebene Antwort schuldig t-eiben wollte. .
Schon einmal war der Tod dem Meister ganz rahe gewesen, körperlich nahe, im Jahre 1913. Er hreibt davon: „Der für mich und meine Schwester lebensgefährliche Einsturz einer Zimmerdecke am 2.5. Juli, nachts 11 Uhr — es hat sich um Sekunden cl'handelt, daß wir dem Tod entgangen sind —, Hut uns wohnungslos gemacht, da die ganze Woh- niimg baufällig war und eine Reparatur erfordert, dT vier Monate in Anspruch nimmt. Im November narben wir wohl wieder einziehen können. — Nun |<nbe ich Ihnen, Ihrer verehrten Gattin und an ßianneschen und Mariachen alle guten Wünsche llld freundliche Grüße! Ihr ergebener Hans Thoma." .Bedenkt man, wie groß der Freundes- und Ver- ÜTerfreis des Künstlers war, so ist es wieder er- Hiunlich, mit welcher aufrichtigen Herzlichkeit er sich nlt jedem verbindet, anteilnehmend in Freud und hib. Am 9. Mai 1912 schrieb er zur Taufe unseres k'hnes, ber ben Namen mit ihm gemein hat: uu Ihrem Johannesle wünsche ich Ihnen unb jlier lieben Frau Glück unb Segen; möge Ihnen
Epi mehr deutschen Geefisch!
Ein Werbeabend
Die N S. - Fr a u e n s ch a f t unb bie Reichs- aemeinschaft Deutscher Hausfrauen, Ortsgruppe Gießen, veranstalteten mit Unterstützung ber Gasgemeinschaft Gießen unb ber Seeflschhand' lungen gestern km Saale bes Cafe Leib einen Werbeabenb für ben gesteigerten Verbrauch von Seefischen. Der Abenb brachte in glücklicher Abwechselung ein reichhaltiges Programm
Nach einleitenben Musikstücken ber Kapelle E i n- b r o b t hielt bie Führerin ber NS.-Frauenschaft im Kreise Gießen,
Iran Harth, Aliendorf,
eine kurze Ansprache, in ber sie u. a. sagte: Erhöhter Fischoerbrauch sei eine Notwenbigkeit. Vielfach sei gar nicht bekannt, wie wertvoll ber Fisch für bie menschliche Ernährung sei. Volkswirtschaftlich gesehen fei es außerbem notwenbig, bie deutsche Fischerei zu heben. Erhöhter Seefischverbrauch diene der Vermehrung des deutschen Dolksvermö- gens. Arbeit in diesem Sinne für den Aufbau des Vaterlandes.
Nach einem weiteren Musikstück sprach der Hauptredner bes Abenbs,
Kapitän a. 'S. Reichert
vom größten beutschen Fischereihafen Wesermünbe. Es sei, so führte er u. a. aus, Schicksalsfrage für unser Volk, ob es sich selbst ernähren könne ober nicht. Die Lanbwirtschaft habe bis zu biesem Ziel noch einen weiten Weg. Jnsolgebessen müßten auch anbere Möglichkeiten ber Volksernährung gefunben werben. Eine bieser Quellen sei bas Meer mit seinem natürlichen Reichtum, seine Ernte für uns, bie wir nicht zu säen brauchten: ber Fisch. Aus bieser Quelle werde noch nicht so viel geschöpft, wie es nötig sei. Noch bestünden viele Vorurteile gegen den Seefischverbrauch. Noch sei von manchen Hausfrauen der hohe Wert des Seefisches nicht voll erkannt. Vielfach herrsche auch Unkenntnis über die Zubereitungsarten. Manche Hausfrau störe sich am „toten" Fisch. Der Fisch sei aber doch genau so geschlachtet, wie jedes andere Tier das unserer Ernährung diene. Er werde' auch durch die fortgeschrittene Kältetechnik und mit Hilfe von Eilzügen frisch in das Binnenland gebracht. Die Hausfrau müsse dann ihrerseits dafür sorgen, daß der Fisch nicht unsachgemäß behandelt werde. Verkehrt sei es, zu glauben, im Sommer dürfe man keinen Fisch essen. Demgegenüber sei zu sagen, daß der Fisch im Sommer am fettreichsten, also am wertvollsten sei Wenn im Sommer mehr Fische gegessen würden, brauchten nicht ganze Flottillen still im Hafen zu liegen, und Tausende von Volksgenossen bekämen Arbeit. Bei gesteigertem Verbrauch könne der Fischpreis gesenkt werden. Fischvergiftungen feien sehr selten. Mancher Hausfrau sei die Arbeit mit dem Fisch unangenehm. Dem könne ent=
können vom 21. Dezember 12 Uhr, bis 2. Januar 1935 an allen Tagen zur Hin- und Rückfahrt ohne die sonst vorgeschriebenen Bescheinigungen benutzt werden. Ferner können statt der Arbeiterwochenkarten unb Angestelltenwochenkarten in ber genannten Zeit Kurzarbeiter - Wochenkarten unb Kurzarbeiter - Wochenkarten für Angestellte ausgegeben werden. Die Fahrpreisermäßigungen für Schul-, Gefellschafts- und Jugendpflegefahrten werden auch zu Weihnachten bei allen Zügen gewährt, falls nicht für einzelne Züge eine andere Anordnung erfolgt.
der Hausfrauen.
gegengehalten werden, daß die Hausfrau im Laden den Fisch vollkommen küchenfertig erhalte. Wieder einer anderen Hausfrau sei der Geruch zu unange-' nehm. Damit müsse man sich abfinden; jedes Nahrungsmittel habe feinen ihm eigentümlichen Geruch. Oftmals werde dem, der für den Seefisch wirbt, entgegengehalten, daß der Fisch nicht sattmache Richtig und mit Gemüse zubereitet bildet der Fisch eine ebenso nachhaltige Kost wie manche andere. Der Fisch vereinige aber auch eine Fülle von Vorteilen in medizinischer Hinsicht in sich. Er enthalte viel Jod, viel phosphorsauren Kalk, sei leicht verdaulich, also das gegebene Essen für Kranke und für Menschen mit schwachem Magen. Fisch bedeute im Speisezettel eine willkommene Abwechslung. Der Fischoerbrauch auf den Kopf der Bevölkerung sei in Deutschland noch verschwindend gering. In Deutschland würden im Jahre und pro Person nur I8V2 Pfund, in England dagegen 53 Pfund und in Japan gar etwa 200 Pfund Fisch gegessen Es sei durchaus nicht nötig, daß wir Fisch aus dem Ausland einführten. Erst wenn die deutsche Fischerei vollauf beschäftigt werde und ihre Fänge im Lande abgenommen würden, könne man an das Ausland denken. Ganz abgesehen davon, daß selbst für den verwöhntesten Feinschmecker der deutsche Fisch in so vielerlei Art zubereitet werden könne, daß keinerlei Wünsche offen zu bleiben brauchten Mit der Mahnung, den Seefisch öfter auf den Speisezettel zu setzen, schloß der Redner seine mit starkem Beifall aufgenommenen Ausführungen.
Im Anschluß an den Vortrag wurde noch ein sehr aufschlußreicher Film gezeigt, der die Verarbeitung der verschiedenen Arten von Fischen erkennen ließ. Im weiteren Verlaufe sprach dann
Frau Kalbfleisch
über den Fisch und seine Verwendung im Haushalt. Sie sprach zunächst Dank allen jenen aus, die sich um die Durchführung der Veranstaltung bemüht haben und sie durch tatkräftige Mithilfe ermöglichten. Sie wies ferner auf die Ausstellung der Gasgeräte, auf den Kundendienst und die gegenwärtig laufende Werbeaktion der Gasgemeinschaft und der Fachhändler hin. Aus reicher praktischer Erfahrung heraus, gab die Rednerin dann beachtenswerte praktische Ratschläge umriß die vielerlei Möglichkeiten der Verwendung des Fisches für den Mittag- und den Abendtisch und ging dabei besonders von der wirtschaftlichen Seite aus. Ihre Ausführungen wurden mit starkem Interesse verfolgt und dankbar ausgenommen.
Zum Abschluß des Abends gelangten viele Kostproben zur Verteilung, die erkennen ließen, daß aus dem Fisch in Verbindung mit verschiedenen Gemüsen, mit Reis, mit Kartoffeln usw. feinste Gerichte zuzubereiten sind. Eine Ausstellung, in der die für den Abend vorbereiteten Gerichte ausgestellt waren, ließ schon rein äußerlich die universellen Verwendungsmöglichkeiten des Fisches erkennen.
Die Gasgemeinschaft Gießen benützte die Gelegenheit und stellte durch den ihr angeschlossenen Fachhandel in übersichtlicher Form Gasherde unb Heißwasserquellen aus, die ebenfalls viel Beachtung fanden.
Mit einem dreifachen Sieg-Heil auf den Führer > Adolf Hitler schloß Frau Harth den anregend verlaufenen Abend.
Amt für Dolkswohtfahrt, Ortsaruppe Gießen-Süd.
Zu ber am Donnerstag, 8. November, nachmittags 3 Uhr im Cafö Leib stattfindenden Vorführung der
„TiU-EulenspiegelBühne, Berlin"
zugunsten des Winterhilfswerks werden alle NSV.- Mitglieder und Volksgenossen der Ortsgruppe ein- geladen.
An alte Mitglieder der NS -Volkswohlfahrt.
Auf die am Donnerstag, 8. November, nach- mittags 3 Uhr im Cafe Leib, Walltorstraße, zugunsten des Winterhilfswerks stattfindende
Vorführung ber Till-Eulenspieget-Bühne, Berlin, wird verwiesen. Es ist erwünscht, daß die Mitglieder der NS.-Dolkswohlfahrt an ber Veranstaltung teilnehmen. Näheres siehe Plakate. Preise ber Plätze: 30, 50 unb 80 Pf. (Erwachsene 20 Pf. Zuschlag).
Amt für Volkswohlfahrt, Ortsgruppe Gießen-Nord.
An die NSV.-Mitgtieder der Ortsgruppe Gießen-Ost.
Donnerstag, 8. November, 15 Uhr, finbet zum Besten ber Winterhilfe im Cafe Leib, Walltorstraße, eine Vorführung ber Till-Eulenfpiegel- Bühne aus Berlin statt, beren Besuch im Hinblick auf den Zweck wärmstens empfohlen wird.
Schneider, Ortsgruppenamtsleiter.
RGLB., Kreis Gießen.
Fachschaft „körperliche Erziehung".
1. Tagung der Arbeitsgemeinschaft Lich: Jeden ersten und dritten Mittwoch im Monat von 15 bis 16.30 Uhr in der Turnhalle zu Lich. Erste Turnstunde Mittwoch, 7. November.
2. Tagung der Arbeitsgemeinschaft Londorf: Jeden ersten und Dritten Mittwoch im Monat von 14 bis 16 Uhr in der Volkshalle zu Londorf, beginnend am 7. November.
In beiden Arbeitsgemeinschaften ist der Besuch der Turnstunden am ersten Mittwoch Pflicht, am dritten Mittwoch freiwillig. Eine Abgrenzung ber Bezirke ist nicht vorgenommen worben.
3. Vom 29. Dezember 1934 bis 26. Januar 1935 Gelänbesportlehrgang mit ber Möglichkeit, ben Lehrschein für bas SA.-Sport-Abzeichen zu erwerben. Melbung unter Angabe von Namen, Anschrift, SA.-Verbanb, SA.-Dienstgrab bis zum 12. November 1934. Urlaub muß bis bahin von ber vorgesetzten Dienststelle genehmigt sein. Melbung für ben Lehrgang an W. Mohr, Gießen, Wilson» straße 8.
NG.-Gemeinschafl^Krafl durch Freude"
Eröffnung des Deutschen Volksbildungswerkes
In der NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude".
Soeben ist ber erste Arbeitsplan bes Deutschen Volksbilbungswerkes ber NS -G. „Kraft burch Freube" für bas 1. Winterhalbjahr 1934/35 erschienen.
Dieses neue Amt innerhalb der NS.-G. „Kraft durch Freude" hat die Aufgabe, die gesamte Volksbildungsarbeit zu betreuen und den Volksgenossen der verschiedenen Berufe und Lebensalter auf den verschiedensten Wissens- und Lebensgebieten die Möglichkeit zu geben, eine zusätzliche Allgemeinbildung zu erwerben. Es stellt die Erziehung des deutschen Menschen zum Nationalsozialismus bewußt in den Mittelpunkt seiner Arbeit. Die rein
das Menschheitswunder, welches Ihnen zu Theil geworden ist, eine rechte Freudenquelle sein und bleiben. — Möge bas Johannesle, wenn es groß ist, ein rechter ,Hanb im Glück' sein. — Die Zu- friebenheit, ber biefes schone Mährchen Ausbruck gibt, ist schließlich boch unser bester Theil. unb so ein Hans im Glück sieht alles, was er verliert, als eine Last an, von ber er erleichtert ist. — Das macht ihn froh, unb er ist bei allen Verlusten boch ber Gewinnenbe. Der Name Hans hat ja überhaupt etwas, was zu einer Art von fröhlichem guten Leichtsinn hindeutet, und er fast das
Gegenteil von dem ernsten, fast feierlichen Johannes. —' Wenn nun Johannes und Hans zur rechten Stunde zu wechseln wissen, so denke ich, daß sie gut durch das Leben fahren werden. Gottes Schutz und Segen zur Fahrt!"
Wer Hans Thomas Wesen und Leben kennt, weiß, hier schreibt er auf Grund feiner Lebenserfahrung und Lebensweisheit, und zugleich spricht hier der Mann, der für das Wunder, das Kind heißt, Bilder geschaffen unb Worte gefunben hat, daß ich nicht wüßte, wer ihm in Kunst unb Literatur barin- gleich käme. So mibmet ber Siebzigjährige sein Buch „Im Herbst des Lebens", da er den letzten Fragen über Leben und Tod, Kunst und Religion nachsinnt, seinem Enkelkindchen, „dem lieben Elisabethlein in seinem zweiten Lebensjahre in Dankbarkeit", und bemerkt zur Rechtfertigung dieser Widmung: „Ich habe die Zeit her viel von ihm gelernt. Wenn der Mensch unter ber Last ber Gesetz geworbenen Erziehung seufzt, an bem Schul
zwang derselben müde wird und voll Zweifel wird, ob wir es denn wirklich auch so herrlich weit gebracht haben, so kann — es scheint, daß wir immer Lehrer brauchen — nur das Kind noch unser Lehrer sein, das Kind, wie es aus der Hand des Schöpfers hervorgeht und m dem wir die ewige Weisheit, die hoher ist als alle menschliche Vernunft wieder verehren lernen. Wenn alles schwanken will in unseren Begriffen und in unseren Weltanschauungen, hier stehen wir wieder vor der heiligen Natur; und wenn wir an dem Gange, den die Menschheit nimmt, und über ihren Jammer verzweifeln wollen, hier lernen wir wieder der ewigen Natur vertrauen, die den Gang der Dinge ohne unser Sorgen und Fragen regelt. Unsere Religion führt uns an Weihnachten vor die Krippe, und wir beten das Kindlein an; und unser Heiland sagt: Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so könnt ihr nicht in das HimmelreiH kommen '
So steht zu lesen in einem Buch des Malers und Graphikers Hans Thoma. Mir will scheinen, daß es nötig sei, darauf hinzuweisen, daß er nicht nur ein Buch, sondern Bücher geschrieben hat. Er war schon ein alter Mann, als er „Bücherschreiber" wurde und „Versemacher" Darum trägt alles, was er schreibt, den Stempel abgeklärter Lebensweisheit; und wer nach solcher Verlangen hat, wird einen Gewinn haben, wenn er die Bücher lieft. Sie sollten viel mehr verbreitet sein Darum, und da in diesen Tagen wohl viel mehr des Malers als des Schriftstellers und Dichters gedacht werden wird, fei hier dem Letzteren das Wort gegeben. Außer dem genannten „Im Herbst des Lebens" erschien im Jahre 1919 „Im Winter des Lebens Aus acht Jahrzehnten gesammelte Erinnerungen." Es ist die Selbstbiographie des Achtzigjährigen, das Buch eines Künstlers und Dichters und rechten Philosophen. An kleineren Schriften, geschrieben aus dem Erleben des Krieges und der ersten Nachkriegszeit, schienen noch drei Bändchen, zusammengefaßt unter dem Titel „Suchende Seele", „Die zwischen Zeit und Ewigkeit unsicher flatternde Seele", „Seligkeit nach Wirrwahns Zeit" und „Wege zum Frieden". Es find Gedanken und Gedichte, in Prosa und in Versen. Zuletzt noch das „Jahrbuch der Seele", Betrachtungen zum Jahresanfang. Mit diesem Büchlein ist zusammenzuhalten der früher schon geschriebene „Festkalender", eine Einführung in Worten und Versen in des Malers wohl umfassendstes und reifstes Werk, die Gemälde an den Wänden der sog. „Kapelle", einem Anbau der Kunsthalle zu Karlsruhe, die sein Gönner und Freund, der Großherzog Friedrich von Baden besonders für die Bibber hatte errichten lassen. Thoma bekennt von sich, daß er immer eine Vorliebe gehabt tjabe für die mancherlei Symbole der alten Kalender, die Zeichen für die Jahresregenten, den Monatskreis, die Tierzeichen und Verwandtes. So hat er Kalenderbilder gemalt. Dieses „Kalenderspiel" bildet den Rahmen und den Gegensatz aus dem Reich des Vergänglichen zu den Bildern aus dem Reich des Ewigen, dem Christuszyklus, elf Darstellungen aus dem
Leben Christi von der Geburt bis zur Auferstehung. — Wann wird diese Kapelle ein Wallfahrtsort deutscher Kunst werden?!
Dem Kunstschüler hatte sein Lehrer Schirmer einst beim Betrachten eines Bildes gesagt: „Thoma, Sie sind ein Poet!" Das war er, wenn er auch selbst bescheiden von sich meint:
„Will nicht ein Dichter sein, das liegt mir fern;
In Sprach' unb Spruch nur spiel' ich mit Worten gern."
Das Traumhafte, bas über fast allen feiner Silber liegt, ist besten Zeugnis, baß er ein Dichter und Träumer war Er hat Gebrauch gemacht von „einem der unbestrittensten Rechte, die der Mensch hat, daß er träumen darf und sich dem damit zusammenhängenden Sinnieren und Spintisieren hingeben kann . . Und das Recht zum Träumen läßt sich auch der Greis nicht nehmen. Ja dieses Recht kann ihn dazu verleiten, daß er prophetenartig in die Zukunft hineinspintisiert, denn er glaubt an die Fortdauer der Menschenseele, so daß ihn die Aussicht auf die sechs Bretter gar nicht allzu sehr erschrecken kann. Auch fühlt er sich feinem Volke so verwachsen, daß er meint, er könne erst sterben, wenn sein Volk stirbt. So spinnt sein Hirn an dem Traum, der im Leben ihn umfangen, wenigstens bis an das Grab noch weiter, ja er mochte sogar denken, daß ein Gewebe, an dem er mitzuspinnen berufen war, mancher Faden, der seiner Hand entfällt, einmal von einem anderen ausgenommen wird, so daß er auch weiter am Webstuhl der Zeit mitwirkt." Die Worte wurden niedergeschrieben in trüber Zeit, als es mit dem deutschen Volk unb beutscher Kunst schlimm stand. Ein Seher konnte zuversichtlich so sprechen, weil er von Volk und Kunst eine Auffassung hatte, bie einem Glauben entsprang, ben nichts erschüttern konnte: „Die Kunst ist bie Wirkung bes lebenbigen Gottes, bie sich vielgestaltig über bie Erbe zerstreut ber roanbernben Menschenseele offenbaren will. Sie verkünbet bas Dasein Gottes, sie ist ber Lobesbank, welchen bie Seele bem schaffenben Gotte barbringt, sie verkünbet bie Wunber bes Lebenbigen, sie freut sich an ihnen, sie ist bem Menschen auf seiner Wanberschaft mitgegeben zum Ausbruck seines Lebensgefühls, ber Freube, bem Wohlgefallen an ber Schöpfung; bie Ahnung ber ewigen Schöpferkraft lebt in ihr."
Von bem Manne, ber solche Auffassung von seinem Künstlerberuf hatte unb sein Leben lang bewährt hat, bürste ein Kenner unb Deuter bes Lebenswerkes, K. K. E b e r I e l n , ohne Uebertrei- bung sagen: „Hans Thoma ist mehr als ein Seher unb Dichter unb Denker. Er ist unser guter Geist, unser Symbol, unsere Kunst. Er ist bas, was im Deutschen unsterblich ist."
*
Anmerkung: Allen Freunben Thomascher Kunst biene ber Hinweis, baß zur Zeit in Frankstirt im Stäbelschen Institut eine Ausstellung seiner Werke zu sehen ist.


