Nr. 261 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Mittwoch, 7. November 1954
Kür den Bücheriisch.
Zur europäischen Geschichte
Länder, Völker, Tiere
Führer in Zeiten der Not sein. Um ihn sammeln sich die tätigen Geister der Zeit, die unermüdlichen Helfer am Erneuerungswerk: Scharnhorst, Gnei- senau und Arndt, der alte Blücher, Humboldt und Hardenberg — eine Fülle von Gestalten, Geschehnissen und Bildern läßt die Spannung nicht abreihen bis zum erlösenden Schluß. Aus der Sehnsucht nach echtem Führertum ist dies Buch geboren, das uns packt, weil die Gestalt Steins uns zum unvergänglichen Vorbild dafür wird, was ein einzelner durch gläubige Tatkraft zu vollbringen vermag.
— Theodor Koch-Grünberg: AmRo- r o i m a. Bei meinen Freunden, den Indianern vom rosigen Fels. 160 Seiten. Verlag F. A. Brockhaus, Leipzig 1934. — (357) — Vor zehn Jahren, im Herbst 1924, starb an den Folgen der Malaria einer unserer bekanntesten Forschungsreisenden und Ethnologen. Theodor Koch-Grünberg, der 1872 in Grünberg (Oberhessen) als Sohn des Pfarrers Kan Koch geboren worden war. Koch-Grünberg hat sich zuerst durch die Teilnahme an der Tingu-Expedi- tion 1898 bis 1900 einen Namen gemacht, 1911 bis 1913 bereiste er Nordbrasilien und Venezuela, 1915 wurde er Direktor am Lindenmuseum zu Stuttgart. In dem anläßlich seines 10. Todestages von seiner Witwe herausgegebenen fesselnden Reise- werk „Am Roroima" gibt die Herausgeberin selbst ein Charakterbild dieses echt deuschen Mannes. Das auch mit einer Anzahl ausgezeichneter Photos versehene Buch sollte in jedes deutsche Haus Eingang finden — der Jugend zum Vorbild und dem Manne zur Nacheiferung. Wir haben das Buch früher bereits in größerem Zusammenhang besprochen, zu Kochs-Grünberg Todestag auch vor kurzem eine Probe daraus zum Abdruck gebracht; es erschließt nicht nur wissenschaftlich Neuland, in dem es uns Wissen von Land und Leuten in Südamerika, besonders von den Jndianerstämmen am Rio Negro und am Rio Branco grundlegend und eingehend bereichert, sondern es ist auch eine fesselnde und menschlich erfreuliche Lektüre, ein Buch, in dem sich die liebenswürdige und vornehme Persönlichkeit unseres verstorbenen Landsmannes auf eine gewinnende Weise spiegelt, lieber seine letzten Tage heißt es im Vorwort u. a.: ... Am 20. August 1924 begann die Flußfahrt den Rio Negro und Rio Branco aufwärts. Schon am 3. September kam man nach Vista Alegre, dem Ende der Dampferfahrt, einem Ort, der aus einigen mit Palmstroh oder Wellblech gedeckten Hütten bestand .. - Koch- Grünberg kannte die Gefahren des Rio-Branco- Fiebers. Er hatte vor einem längeren Aufenthalt an diesem Platze gewarnt. Nach und nach erkrankten fast alle Teilnehmer der Expedition. Der Arzt Dr. Shattnik sorgte in aufopfernder Weise für die Kranken. Am 22. September packte das Fieber auch Koch-Grünberg .... Anfang Oktober ging es ihm besser. Er beschloß, sobald ass möglich nach der Missionsstation Boa Vista oder auch nach Manaos zu fahren, um sich zu erholen. Aber sie warteten
vergeblich auf ein Dampfboot. Am 7. Oktober verschlimmerte sich sein Zustand, und am 8. Oktober schloß er die Augen für immer. Am anderen Morgen haben sie ihn auf dem kleinen Friedhof von Vista Alegre am Rande des Urwaldes zur Ruhe gebettet.
— Cherry Kearton: Im Lande des Löwen. Alleinberechtigte Übersetzung aus dem Englischen von Ernst M ü n ch e r a t h. Mit 29 Bildern. Karton. 3,50 Mk., Leinen 5 Mk., I. Engel- horns Nachf., Stuttgart. — (405) — Das neue Tierbuch des bekannten Forschers und Tierschriftstellers Cherry Kearton, dessen bereits erschienene Tierbücher „Die Insel der fünf Millionen Pinguine" und „Pallah" früher schon hier besprochen wurden, berichtet diesmal von den persönlichen Beobachtungen, Erlebnissen und Erfahrungen Keartons in seiner fünfundzwanzigährigen Forschertätigkeit in Zentralafrika. Es will, wie er in seinem Vorwort schreibt, „dem Leser Einblick gewähren in das afrikanische Tierleben, wo es sich in seinem ureigensten Revier noch unverfälscht erhalten hat", es will das Derftändnis für die Tiere der Wildnis wecken und der verständnislosen brutalen Ausrottung Einhall bieten. Aber sein Buch ist mehr geworden als eine spannende Schilderung seiner Erlebnisse — aus seinem Buch steigt Afrika empor: in großartig plastischen und farbigen Bildern erstehen die unberührte Wildnis, die sonnendurchglühte Steppe, der undurchdringliche Urwald, Sümpfe und Seen, Flüsse, Felsen, Schluchten, bis zu den schneebedeckten Häuptern der Berge; hervor treten die Tiere der Wildnis: Löwe, Elefant, Nashorn, Krokodil, Flußpferd, Büffel, Giraffe, Zebra, Affen, Schlangen, Vögel, Termiten und noch viele andere — vom größten bis zum kleinsten Getier zeigen sie sich uns in ihrem Leben und Sterben; aus tausend Einzelheiten ersteht das Leben der Wildnis, in seiner ganzen Grausamkeit und Schönheit. Und noch etwas offenbart sich in diesem Buch: die tiefe Liebe des Autors zur Natur und Kreatur, zum Leben und zu feinem Beruf, der ihn in vielen mühseligen und oft gefahrvollen Stunden der Beobachtung immer wieder Neues entdecken und Wundervolles erforschen ließ. So ist sein Buch ebenso lehrreich wie interessant, spannend mir anregend. Zum Schluß seien noch die seltenen und schönen Bilder erwähnt, die das Buch als Geschenk besonders geeignet machen.
der mit der Annäherung zwischen den Vereinigten Staaten und Sowjetrußland das Ziel seines politischen Ehrgeizes erreicht hat. Ausgezeichnet die Porträts Herriots und Litwinows aus der Feder des Herausgebers; Haushofers Skizze Ara- k i s erweitert sich zu einer Darstellung der aktivistischen Kräfte Japans; ihr roter Gegenspieler W o - r o s ch i l o w zeigt eine selbst für unsere Tage außergewöhnliche Lebenskurve; nennen wir noch Tar - dieu und Paul-Boncour in der ausgezeichneten Darstellung des Grafen Toggenburg, so sind damit nur wenige herausgegriffen aus der Fülle von Gesichtern, mit denen dieses Buch der Weltpolitik Fleisch und Blut gibt. —e.
I Rußlands und Oesterreich-Ungarns entstandenen । (Staaten und eine lebendige Anschauung von den in ihnen wirkenden Kräften geben, war es bislang 'schlecht bestellt. Das ist anders geworden, seitdem idie Politik des Führers Polen in den Mittelpunkt iöes Interesses gerückt hat. Man sucht das Versäumte nachzuholen und die ausgezeichneten Bücher loon Oertzen und Sieburg lassen hoffen, daß auch lfür die baltischen Staaten und die Tschechoslowakei Ibald ähnliche Monographieen Kunde von der jüngsten Entwicklung geben mögen. Das vorliegende 'Buch von Koitz ist zu den genannten eine wichtige «Ergänzung. Es schildert die oft genannte und doch meist in ihrem wahren Charakter nur geahnte Oberstengruppe", die Schar alter Freiheitskämpfer "aus der Sturmzeit der polnischen Legion, die sich .zu einem Stab unbedingt ergebener, von soldati- ||d)em Pslichtqesiihl geleiteter, an allen Stellen der apolitischen Kampffront brauchbarer Mitarbeiter mm den Marschall P ilfudski zusammenge chlof- Isen hat. Hier treten sie aus ihrer Anonymität her- .aus als im Kampf um Polens Freiheit tausendmal .erprobte und gestählte politische Soldaten, Per- siönlichkeiten von zähem Willen, polnischer Phan- llasie und Wirklichkeitssinn, ^ur uns Deutsche der »interessanteste ist Oberst Beck, dessen a tive Außen- spolitik vorurteilslos und unbekümmert Polen au .ein neues Feld im europäischen Schachspiel geruckt Ihat. Nennen wir noch den als Forscher und Wirt- jschaftler gleich bedeutenden Staatspräsidenten M o- Ifcitfi, den in allen Sätteln parlamentarischer Tak- itik gerechten Premierminister. Bartel, und die «mit Pilfudski und Prystor noch aus der Zeit des ! terroristisch geführten Kampfes gegen die Zaren- I Herrschaft in die Aera der Erfüllung des Traumes i vom wiedererstandenen Polen hineinragende, Achtung .gebietende Gestalt des Obersten Slawe k. Eine !Reihe als ausgesprochene Persönlichkeiten nicht i minder bedeutender Männer rankt sich um die «Genannten, ein Adel des Könnens und des pou- ttischen Willens, der die demokratisch-parlamentari- jsche Form Polens mit jenem autoritären Geist erfüllt, der die modernen Staaten für den Daseinskampf der Gegenwart befähigt. —e.
— Giselher Wirsing: Köpfe der Weltmol i t i k. Mit 32 Abbildungen. Preis geh. 4,80, «eb. 5,80 RM. Verlag Knorr & Hirth, München. — 0(378) __ Der Herausgeber, selbst dem „Tat"kreis
gentstammend, jetzt in der Redaktion der Münchener Neuesten Nachrichten, hat mit einer Reihe von Mitarbeitern, zumeist Ausländskorrespondenten seines Blattps, den Versuch unternommen, die Träger der weltpolitischen Ideen nach Typen der Eigenheit ihrer Machtstellung aneinanderzustellen. Die Gliederung
Liane von Gentzkow: Christine Wasa, das Lebensbild einer nordischen Frau mit 11 Bildern. Preis geh. 4,50 RM., geb. 5,75 RM. B. Behrs Verlag, Friedrich Feddersen, Berlin-Frie- benau. — (440) — Die einzige Tochter des großen Schwedenkönigs, die nach dem Tode Gustav Adolfs auf dem Schlachtfeld von Lützen, sechsjährig den Thron ihrer Väter bestieg, gehört in die Reihe der großen Königinnen der Weltgeschichte so wenig, wie in die Reihe der großen Herrscher ihres eigenen Volkes. Daß sie trotzdem bis in unsere Tage ein Interesse gefunden hat, wie kaum eine ihrer gekrönten Geschlechtsgenossinnen, verdankt sie allein ihrer Persönlichkeit, dieser seltsam bizarren Mi- chung der Erbanlagen des klugen, hochgesinnten, nutigen und großzügigen Vaters, und der nervösen, entimentalen,' in mittelalterlichen Vorurteilen be- angenen Mutter. Die Erziehung, die Gustav Adolf dem einzigen Kinde angedeihen ließ und die nach seinem Tode von Axel Oxenstjerna nach gleichen Methoden fortgeführt wurde, war ganz auf das Ziel eingestellt, aus Christine einen König zu machen, dem kriegerischen Schwedenoolk eine Herrscherin von männlichen Tugenden heranzubilden. Das Ergebnis war ein Bruch des Charakters, zwischen den natürlichen Instinkten der Frau und den anerzogenen männlichen Energien der Königin fand sich kein Ausgleich. Christine empfand tief die Leere ihres Herzens und litt unter dem Gefühl, den Anforderungen eines Herrscherberufs in der von Schlachten erfüllten Zeit des Kampfes um Schwedens Größe, in die das Schicksal sie gestellt hatte, nicht gewachsen zu fein. In der vorliegenden Biographie kommt gerade dieses treibende Moment bei dem Wunfch Christinens, vom Thron loszukommen und die Bürde der Regierung den stärkeren Schultern ihres Vetters Karl Gustav aufzuladen, besonders gut zum Ausdruck. Schwächer in der Motivierung ist die Darstellung von dem Uebertritt Christinens, der Erbin des Vorkämpfers der evangelischen Sache, zur katholischen Kirche. Man lese die wenigen Seiten, die Ranke in seiner Geschichte der Päpste dieser sensationellen Konversion gewidmet hat. Der Schwerpunkt der Biographie Liane von Gentzkows liegt in der römischen Epoche Christinens. Der päpstliche Hof des ausgehenden Barack, Roms Rolle in dem großen weltpolitischen Ringen zwischen Ludwig XIV. und seinen Gegenspielern, die geistigen Auseinandersetzungen und mitten in all diesem leidenschaftlich agierend, oft persönlich in größten Verlegenheiten, aber niemals auf das Mit- pielen verzichtend, niemals ins Dunkle zurücktre- tend steht Königin Christine, diese seltsame Frau, die nach dem freiwilligen Verzicht auf den Thron des damals mächtigsten Reiches nun in fein ersonnenen Ränken wie einer jener vielen Glücksritter jener Zeit nach den glanzlosen Kronen Neapels und Polens greift nut) erst als alte Frau m der Freundschaft mit dem klugen Kardinal Azzolini Ruhe und Frieden für ihre stürmische Seele findet.
ist nicht immer unanfechtbar. Man wird die eine oder andere der abfonterfeiten Persönlichkeiten aus verschiedenem Gesichtswinkel gesehen, verschieden ein- ordnen wollen. Indessen tut das dem Wert der biographischen Skizzen keinen Abbruch. Besonders begrüßt darf es werden, daß auch manche Männer aus dem Zwielicht der politischen Kulisse ins Helle gerückt werden, von denen der Zeitungsleser kaum mehr als den Namen kennt, so z. B. Englands langjährigen Botschafter in Paris, Lord Tyrrell, der eifrigste Verfechter einer Erneuerung der Entente, oder der Tscheche O s u s k y , die Seele des Bündnisses zwischen Frankreich und der Kleinen Entente, oder der amerikanische Millionär William B u l i 11,
Zahlreiche Briefe an Azzolini aus der Feder der Königin sind der Schilderung eingepflochten und tragen zur Aufhellung eines der seltsamsten Charaktere bei, die je die größte Aufmerksamkeit ihrer Zeitgenossen und das Interesse späterer Generationen gefunden haben. —e-
Andre Maurois: Eduard VII. und seine Zeit. Mit acht Bildtafeln. Preis kart. 5,40 RM., Seinen 6,80 RM. Verlag R. Piper & Co., München. — (383) — Der Verfasser, ein, Franzose, dem wir schon eine Reihe biographischer Skizzen aus der modernen Literatur und Geschichte verdanken, läßt uns das für die politische Zeitwende entscheidende Jahrzehnt der Einkreisung Deutschlands von der „anderen Seite" sehen. Die Benutzung englischer und französischer Quellen, vor allem auch der Briefwechsel Delcassss macht sein Buch auch für die Forschung beachtlich, wenn auch seine Darstellung oft im Milieu, im menschlich Allzumenschlichen stecken bleibt. Aber solange Politik von Menschen gemacht wird und persönliche Stimmungen zu allen Zeiten den Gang der Geschichte richtunggebend beeinflussen, ist auch das Rankwerk kleiner Schwächen und Eitelkeiten, Voreingenommenheiten und Lächerlichkeiten zur Erkenntnis historischen Geschehens notwendig. Maurois beginnt mit einem breit angelegten, farbigen Porträt der Königin Viktoria. Er zeichnet sie als eine Frau von gesundem Menschenverstand, von Natur weder prüde noch bigott, eine gute Hausmutter auch in ihrem großen Reich, das sie mit dem sicheren Gefühl für das, was ihr Volk wünschte, patriarchalisch regierte, wie ihre große Familie, die mit Verehrung und Liebe an ihr hing und sich unter ihre Entscheidungen beugte. Eduard war ganz ihr Sohn, die Prinzenerziehung des „vollkommenen" Vaters hatte seiner Natürlichkeit nichts anhaben können. Seinen Einfluß auf die Politik Englands in den letzten Jahren Viktorias und während seiner eigenen Regierungszeit schätzt Maurois doch vielleicht zu gering ein. Die Außenpolitik ist natürlicherweise ganz unter dem Aspekt der werdenden französisch-britischen Entente gesehen. Der deutsche Kaiser wird als Gegenspieler Eduards in einer Weise geschildert, die peinlich erinnert an die verzeichnete Charakteranalyse des verflossenen Emil Ludwia. Sehen wir von den mitgeteilten Briefen und Aufzeichnungen Delcasses und feiner Mitarbeiter ab, scheinen uns für deusche Leser ergiebiger die interessante Schilderung des britischen Parteilebens, treffsichere Porträts der führenden britischen Politiker und die klaren Darstellungen der innerpolitischen Probleme Englands und des Britischen Reichs. Maurois legt uns ein ungemein lebendig geschriebenes Buch vor und daß es aus der Feder eines Franzosen stammt, sollte ein Grund mehr sein, es zu lesen, denn nur das Wissen um Persönlichkeiten und Dinge der anderen Seite gibt Erkenntnis der Zusammenhänge und die Macht, sich darauf einzu- stellen. —e-
Reue Romane.
— Gabriel Scott: Fant. Roman. Erschienen im Insel-Verlag zu Leipzig. — (439) — Fant! Ein neues Wort tritt in unser Schrifttum ein, und man wird es sich merken mit dem Roman des Norwegers Gabriel Scott, dessen Titel „Fant" lautet. (Seinen 5,50 Mark.) Fant ist der Name für den Zigeuner des Nordens, der nicht im Wagen von Ort zu Ort zieht, sondern in seinem Boot von Fjord zu Fjord. Als kleine Seeräuber treiben die Fante ihr Unwesen im Küstengebiet des südlichen Norwegens, heute wie vor hundert oder zweihundert Jahren. Denn wenn sich manche auch niedergelassen haben, so liegt ihnen doch allen die Unruhe der Fahrenden im Blut; das Abenteuer der „Fahrt" lockt sie immer wieder hinaus. Es ist eine neue Welt für uns, die Scott in feinem Roman schildert, unendlich reizvoll zumal für jeden, der das Meer liebt. Die Geschichte des Bootszigeuners Faendrik gewinnt ihre Spannung aus dem uralten Gegensatz zwischen dem Fahrenden und dem seßhaften Bauern. Auf ihn legt Faendrik die Büchse an, wenn der Roman beginnt — mit dem tödlichen Schuß bricht am Ende die Katastrophe über den Fant herein, und dazwischen liegt das stürmische Aus und Ab seines harten Lebens. Er ist kein Held, er ist kein Mann, den man lieben könnte, dieser Faendrik, aber er ist ein Stück Mensch von Gnaden eines unerbittlichen Dichters. Und kraftvoll-lebendige Menschen stehen neben ihm; der Vater, Sebaldus „Höchstselbst", mit herrlichem Humor gezeichnet, die Schwester Mathilde, ein derbes Weibsbild, dessen Güte an den Tag kommt in der Begegnung mit der kleinen Josefa, dieser rührend-schönen Mädchengestalt, der unsere besondere Liebe gehört. Der Dichter Edzard H. Schaper hat das Buch mit schönster Sachkenntnis in allen Schiffahrtsdingen übertragen, gemeinsam mit dem Dichter Gabriel Scott selbst, der oft in Deutschland gelebt hat und der noch vor kurzem in einer Pressefehde feiner norwegischen Heimat mit dankenswertem Eifer für Deutschland eingetreten ist. Stärker noch als in früheren Werken offenbart sich Scott im „Fant" als der große Dichter, von dem Knut Hamsun einmal gesagt hat: „Gabriel Scott gibt mehr als alle anderen Schil- derer unseres Volkes".
— Die kleine Chronik der Anna Magdalena Bach. Volksausgabe. Mit zeitgenössischen Bildern. Leipzig 1934, Koehler & Amelang. Ganzleinen 2.85 Mk. — (417) — Die kleine Chronik der Anna Magdalena Bach wurde sofort bei ihrem Erscheinen wegen der erstaunlichen Einfühlung in das Wesen Bachs und seiner Zeit anerkannt. Sehr bald erkannte man aber auch den menschlichen Reiz dieses Werkes. Es gibt kaum ein schöneres Buch der deutschen Familie als diese Dichtung, darin das Leben des großen Thomaskantors und seiner Söhne und Töchter, gesehen mit den Augen der Lebensgefährtin, Gestalt gewinnt. Zugleich ist dieses Buch ein hohes Lied der deutschen Ehe, das in seltener Reinheit und Anmut den Zusammenklang der beiden Menschen schildert, die Vermählung des Genies Johann Sebastian Bach mit dem feinen, verständnisvollen Frauentum feiner Anna Magdalena, die drei Jahrzehnte an feiner Seite lebte, unerschütterlich im Glauben an seine Sendung und sein Genie. Die Einfühlung in das Wesen der Zeit und in die Seele Bachs ist so vollendet, daß man versucht ist, die Dichtung für ein echtes Tagebuch zu halten.
— Robert Hohlbaum: „«Stein. Der Roman eines Führers". Leinen 5,80 Mk. Verlag Albert Langen-Georg Müller in München. — (412) — Hohlbaum beschwört die erschütternde Zeit deutscher Erniedrigung unter napoleonischer Fremdherrschaft und, in ihrem Brennpunkt, die leidenschaftlich-deutsche Persönlichkeit des Reichsfreiherrn vom Stein. An ihm zeigt es sich, daß in Notzeiten des Vaterlandes nicht der Mann ausreicht, der feine Pflicht tut, sondern daß allein der bedingungslose Einsatz der ganzen Persönlichkeit den Bann zu brechen vermag. Nur wer es wagt, allein der Stimme des Gewissens zu folgen, kann
Vorgeschichte von Deutschland
— Carl Schuchhardt: Vorgeschichte von Deutschland, zweite erneuerte und verbesserte Auflage mit 317 Abbildungen. Preis gebunden 9,60 Mark. Verlag R. Oldenbvurg, München. —(364) — Der Spaten in der Hand des Geschichtsforschers ist eine Vorstellung, die noch nicht einmal dem großen Kreise der geschichtlich interessierten Laien, wieviel weniger der Allgemeinheit sehr lange bewußt geworden ist. Für „Ausgrabungen" sand man schon weit und breit im Lande ein mit Neugier und Ironie gemischtes Interesse, aber die zu einem wissenschaftlich wohlbegründeten Geschichtsbild ausgewerteten Ergebnisse sind bislang selten allgemeines Wissensgut geworden, wie etwa die vielfach aus literarischen Quellen schöpfende Geschichte der Griechen und Romer. Und das, obwohl auch früher schon so vortreffliche Bücher, wie das vorliegende des verdienten Spatenfvrfchers Carl Schuchhardt, den Weg zur Erkenntnis der Vorgeschichte von Deutschland geebnet hatten. Die Besinnung auf die Werte deutschen Volkstums und der Zwang zur Verteidigung ältester deutscher Kultur gegen den angesichts der reichen Funde unserer Spatenforscher' völlig unhaltbaren Vorwurf des Barbarismus für die Anfänge der Germanen haben die Bedeutung der Vorgeschichtsforschung nach der nationalerzieherischen und politischen Seite hin wesentlich vertieft. Deutsche Vorgeschichte ist heute nickt mehr eine Angelegenheit eines kleinen Kreises fleißiger Gelehrter und emsig buddelnder Dilettanten, sondern Sache des ganzen Volkes. Gerade deshalb?, ist es aber auch von ganz besonderer Bedeutung, daß dies verbreiterte Interesse für die Ergebnisse der vorgeschichtlichen Forschung nicht zu einer Verflachung oder gar Überschätzung führt. Die phantastischen Uebertreibungen, die mit dem erhöhten
Reifen und Abenteuer.
— Tex Harding: „Insel des Nacht- 1 märchens". Verlag Ullstein, Berlin. Ein oben- 1 teuerlicher Roman aus den Tropen. — (404) — Der 1 viel gelesene Roman Hardings „Verschollen" (Auf 1 den Spuren des Obersten Fawcett) lenkte zuerst die Oeffentlichkeit auf den Verfasser und erschloß ihm zugleich einen begeisterten Leserkreis. Die Freunde seines ersten Buches werden auch seinen zweiten „abenteuerlichen Roman" mit der gleichen inneren Spannung lesen. „Die Insel des Nachtmärchens" spielt an der Westküste von Südamerika, in Ecuador und auf den Galapagos-Jnseln. Drei junge Matrosen, ein Ire, ein Kalisornier und ein Deutscher treffen sich in Guayaquil, der Hauptstadt von Ecuador. Sie befreunden sich mit einem reichen Kaufmann, der ihnen eine Segeljacht schenkt, die allerdings abgesoffen ist. Unter unsäglichen Mühen gelingt es den Dreien, die Jacht zu heben. Sie machen mit der Jacht eine abenteuerliche Fahrt nach den unbewohnten Galapagos-Jnseln und wollen dort nach einem Schatz graben. Auf den vulkanischen Inseln, die eine bunte und üppige Tier- und Pflanzenwelt haben, finden die Drei den Schatz nicht. Aber sie tauchen nach Perlen. In der Bucht, die von Haien wimmelt, findet einer von den Kameraden einen furchtbaren Tod. Die beiden lieber» lebenden versuchen, in der Jacht die Küste zu erreichen, aber auch der Dritte, der bereits krank die Insel verließ, stirbt auf hoher See. Die Jacht zerschellt an der amerikanischen Küste.
Hardings neues Buch legt Zeugnis ab von der besonderen Liebe des Verfassers zu den kleinen rätselhaften Tieren und Pflanzen der Tropen. Ein spannendes Buch für die vielen Freunde abenteuerlicher Geschehnisse.
— Carl Reinhard Raswan: Im Land der schwarzen Zelte. Mein Leben unter den Beduinen. Mit 72 Aufnahmen des Verfassers und einer Karte. Verlag Ullstein, Berlin. — (382) — Carl R. Raswan gehört zu den wenigen Deutschen, denen es gelungen ist, in die unerforschten Gebiete ber Roten Sandwüste in Nordarabien einzudringen, .frier ist der seltene Fall Wirklichkeit geworden, daß >ein Deutscher als Häuptling und Blutsbruder von den Beduinen ausgenommen wurde! Von gemeinsamen blutigen Feldzügen erzählt er ebenso wie von den endlose Wanderungen im Sattel durch 'Wüstenstriche, in denen kein Wassertropfen zu ftn- iben ist, von den ungeheuren Opfern an Menschen — und Tierleben, während einer solchen Wanderung ivon dem Leben der Rennkamele und der Araber- Ihengste, vom Dasein der Frauen, von Falkenjagden, won Jagden auf Leoparden, Wolfen und Straußen, won uralten Gebräuchen, die seit einem Jahrtausend won Generation zu Generation sich forterben. Im Zweiten Teil berichtet er von den Wandlungen, die ffich durch die moderne Zivilisation auch in der Wüste zugetragen haben. Wie sich das ursprüngliche, nomadenhafte, gläubige Leben durch den Einbruch «der Maschine verändert hat. Immer ist sein Buch «frisch, plastisch und naturnah. Das Buch besitzt noch «einen anderen Reiz: 72 hervorragende eigene Auf- mahmen des Verfassers, die in ihrer Schönheit und 'Seltsamkeit überraschen.
Noliiik.
Heinrich Koitz: Männer um P il sud- Iffi. Profile der polnischen Politik. Mit acht Bilidern. Preis kart. 4,50 RM., Leinen 5,80 RM. Vermag W. S. Korn, Breslau — (395) — Es ist unbe- igreiflid) und kaum entschuldbar, wie sehr in den i vergangenen Jahrzehnten die politische Geschichts- jschreibung unsere Nachbarn im Osten vernachlässigt Ihat. Nur um das Minderheitenproblem gruppiert 'sich eine umfassendere Literatur. Mit Darstellungen, idie auch der breiten Oeffentlichkeit ein Bild von der modernen Entwicklung der aus den Trümmern


