Was mein einst war
Roman von Klothilde von Stegmann.
Urheberrechtsschutz: Fünf'Türme-Verlag Halle (S.)
24 Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Es war am gleichen Morgen früh, als Edele aus dem Schlafe auffuhr. Sie hatte das Rattern eines Wagens auf dem Wege gehört. Ehe sie noch recht zur Besinnung kam, öffnete sich die Tür und Mademoiselle Celia kam eilig herein.
„Machen Sie sich fertig, Kind, in einer halben Stunde sollen Sie fortfahren!"
„Wohin?" fragte Edele erschreckt.
Aber Celia sagte:
„Ich habe keine Erlaubnis, darüber zu reden; beeilen Sie sich!" Sie griff schon nach Edeles Sachen.
Als Edele ins Wohnzimmer kam, fuhr sie mit einem Aufschrei zurück — vor ihr stand Liewen.
„Guten Morgen!" sagte er leichthin. „Warum erschrickst du denn so, kleines Mädchen? Ich bin gekommen, um dich aus deiner Einöde hier zu holen. Ich habe alle Papiere zusammen. Wir fahren gleich über die Grenze. — In Italien werden wir uns trauen lassen. Dann bist du meine Frau — und das Leben, nach dem du dich sehnst, das Leben in Freiheit und Luxus, kann beginnen."
Edele wich an die Wand zurück.
„Ich will nicht, ich will nicht, ich hasse Sie!" schrie sie und hob in angstvoller Abwehr die Arme gegen Liewen.
Bisher war Liewen gegen Edeles Reize gleichgültig geblieben, war sie ihm nur eine Figur in seinem verbrecherischen Spiel, jetzt reizte ihre unverhüllte Angst seine Begierde.
Schön, hinreißend schön sah Edele aus mit der Flut der goldenen Locken, den angstvollen blauen Kindesaugen in ihrer knospenden Jugend.
Mit flackernden Augen maß er sie von Kopf bis Fuß.
„So — du haßt mich, kleines Mädchen?" fragte er mit eisigem Hohn. „Aber was meinst du, wenn dieser Haß dich nur reizvoller macht? Du bist die erste Frau, die sich meinen Wünschen nicht fügen । will. Gerade das lockt mich."
Er ging auf sie zu, langsam, ganz langsam, bog ' ihre Arme zusammen, als wären sie schwache Kindesarme — und plötzlich fühlte sie seine stählernen Hände um ihren Hals und seine Lippen ihren Mund suchen.
Da kam eine wilde Kraft über das bis dahin willenlose Mädchen. Was nichts vermocht hatte, das vermochte oie Berührung dieser fremden, gehaßten Lippen. Jetzt kam die Erinnerung an jene Lippen, die sie zuerst berührt, an jenen scheuen und reinen Kuß, den ersten Kuß, den Malte ihr in dem Wintergarten des Hotels in Baden-Baden gegeben hatte.
Jetzt war sie erwacht — und wußte, daß sie Malte liebte, ihn lieben würde in alle Ewigkeit.
Sie stieß Liewen zurück, floh hinter den Tisch: „Sie können mich töten", schrie sie, „aber Sie
können mich nicht zwingen. Ihnen anzugehören. Ich hasse Sie, und ich liebe — hören Sie es nur, ich liebe meinen Jugendfreund. Ich werde eher sterben, als mich Ihrem Willen zu unterwerfen."
Eine eiskalte Wut sprang in den Augen Siemens auf:
„Wir werden ja sehen, ob ich dich zwingen kann, kleine Katze!"
Mit einem Fußtritt warf er den Tisch um, mit einem Sprung war er über das Hindernis weg. Mit einem gewaltigen Griff faßte er Edele, preßte sie fest wie in einen Schraubstock und trug sie die Treppe hinunter — trotz ihres Sträubens und Urn- sich-Schlagens — dem Wagen zu.
Angstvoll, in eine Ecke gedrückt, stand Celia da und wagte sich nicht zu rühren, indessen der Kreole mit unbeweglichem Gesicht auf dem Chauffeursitz wartete und den Motor bereits laufen ließ.
In dem Augenblick in dem Edele den Wagen erblickte, kam sie zur Besinnung. In ihrer wilden Empörung und Angst hatte sie den geheimen Brief jener Unbekannten ganz vergessen. Nun auf einmal besann sie sich. Die Rettung war vielleicht näher als sie glaubte. Es hieß, seine Kräfte zu bewahren, sie nicht in nutzlosem Kampf mit diesem Teufel zu verzetteln.
Und nun handelte Edele auf einmal ganz kühl und bewußt. Ihr Körper, der sich soeben noch mit aller Kraft gegen die brutale Umschlingung Siemens gemehrt hatte, schien zusammenzusallen. Edele schloß die Augen, ließ den Kopf sinken, als hätte sie sich in ihr Schicksal ergeben.
Es schien eine Ohnmächtige zu sein, die Siemen jetzt brutal in die Ecke des Wagens warf.
„Sos!" Er machte dem Kreolen ein Zeichen. Der Wagen brauste aus dem kleinen Vorhof, den Weg hinab und in einem mörderischen Tempo die Serpentinenstraße entlang, der Grenze zu.
Eine Viertelstunde mochte der Wagen so dahingesaust sein. Siemen saß im Wagen und drehte sich eine Zigarette, ab und zu einen Blick auf Edele rnerfend, die noch immer mit geschlossenen Augen in der Ecke lehnte. Doch unter den geschlossenen Sibern spähte Edele den Weg entlang. Sie mußte missen, wann der Viadukt sich nahte. Da mäßigte auch schon der Kreole seine rasende Fahrt — es schien eine Kurve zu kommen.
Ein jähes Bremsen. Der Wagen stieg förmlich hoch, drehte sich, der Kreole stieß einen Fluch aus, riß am Steuer; knirschend zogen die Bremsen an, der Wagen hielt — aus einem Gebüsch am Wege war eine Frauengestalt gesprungen und gerade vor dem hart haltenden Wagen zu Fall gekommen.
Was sich nun ereignete, war das Werk weniger Minuten.
Der Kreole sprang vom Führersitz, Siemen aus dem Fond. Schon beugten sich beide Über die Frau am Boden, die sich aufrichtete und ein paar hastige Worte sagte, die Siemen zurücktaumeln ließen. In diesem Moment mar auch schon Edele mit einem Sprung zur anderen Seite heraus und rannte, rannte, was ihre Kräfte hergaben, nach der entgegengesetzten Richtung.
Da hörte sie einen Wutschrei — es war Siemen, er hatte sie gesehen. Da schrie auch Edele auf, lief
meiter, eine irre Angst trieb sie üormärts, blind lief sie — da, der Viadukt, da die Brücke. Sie hörte mie rasende Schritte hinter sich. Oder mar es das Knacken des Windes in den Bäumen? Da verlor sie die Ueberlegung, Wahnsinn ergriff ihr Gehirn — nur Rettung, Rettung vor dem Verfolger mar alles, mas sie denken konnte. Mit einem milden Aufschrei sprang sie von der Brücke hinab in den Abgrund.
Siemen lauschte plötzlich, riß die Frau, die da vor ihm am Boden lag, auf.
„Dormärts", sagte er heiser, „in den Wagen — es kommt jemand!" Er zog Sou de Sormes vormärts.
Der Kreole sprang auf den Sitz, kurbelte an.
Vom Wege hörte man das Sausen eines zweiten Wagens — hoch aufgerichtet sah man zmei Polizisten mit erhobenen Revolvern. Da roarf Siemen Sou de Sormes ins Auto, der Kreole gab Gas — ein scharfes Peitschen von Schüssen preschte hinter ihnen her. Aber sie erreichten den Wagen nicht, der in rasender Flucht davonfegte.
Da bremste das Polizeiauto — mie ein Wahnsinniger sprang Malte heraus. Er hörte nicht auf die Zurufe der anderen, er lief, mie von einer ungeheuren Macht getrieben, nach der Richtung, in der Edele davongejagt war, und nun begann er die steile Felswand hinabzuklimmen, wie ein Schlafwandler, Stein für Stein, Tritt für Tritt. Er arbeitete sich hinunter mit Fingern und Zehen; schon bluteten die Hände, schon hingen die Schuhe in Fetzen, Schweiß und Blut strömten ihm über das Gesicht, auf das Staub und Steine herunterrieselten.
Mit entsetzensstarren Augen sahen Alexander Demidoff und Sofia, sahen der Norweger und die Gendarmen von oben herab — machtlos zu folgen, machtlos zu warnen. Wie von einer magischen Kraft beseelt, kletterte Malte hinunter, hinunter, wo auf einem Felsvorsprung in einem Tannengebüsch der regungslose Körper Edeles hing.
Endlich hatte er sie erreicht. Sie hatte sich mit den Kleidern in den Zweigen einer Tanne verfangen, die hier unten Wurzeln geschlagen hatte — ihr Kopf hing nach unten. Malte kauerte sich auf dem schmalen Vorsprung hin, riß sich die Jacke herunter und in Stücke, und band Edele mit ihnen fest an sich — dann zog er langsam, ganz langsam den Körper des Mädchens herab, bis er auf dem kleinen Felsvorsprung gebettet war.
Ader als er sie in Sicherheit hatte, als er das geifterbleiche Gesicht sah, über das das Blut von einer tiefen Kopfwunde herabrieselte, glaubte er nicht anders, als Edele wäre tot.
Das Auto, das ins Dorf zurückgefahren war, kehrte mit einer Rettungskolonne wieder. Zwei Bergsteiger kletterten mit Seilen und Verbandszeug hinunter. Sie fanden die Verunglückten. Neben Edele hockte Malte mit erloschenen Augen und murmelte nur immer wieder den Namen der Geliebten.
Man trug Edele als erste hoch — und legte sie oben sanft ins Gras. Inzwischen war auf dem Motorrad auch der Dorfarzt herbeigeeilt. Angstvoll umstanden die anderen Insassen des Autos Edele, und Sofia konnte nur mühsam ihr Weinen bezwingen.
I’ Der Arzt kniete bei dem Mädchen nieder j lauschte lange und aufmerksam am Herzen, sah er mit einem frohen Gesicht auf:
„Sie lebt!" sagte er tröstend. „Nur eine |, schwere Ohnmacht. Was von inneren Verletze da ist, kann ich natürlich so nicht feststellen, z, wo Leben ist, ist Hoffnung."
Eben brachte die Rettungsmannschaft auch herauf. Taumelnd ging er, auf die Retter M der Gruppe zu, in deren Mitte Edele wie tot £ Da trat Sofia auf ihn zu:
„Sie dürfen hoffen. Malte Blomberg! Edele Sie sind ihr Retter. Sie wird leben."
Malte sah die schöne Frau wie aus A Traum erwachend an. Dann auf einmal war mit seinen Kräften vorbei. Als hätte diese nur noch ausgereicht, dies eine Wort der Hoffm zu hören. Es waren zwei Ohnmächtige, die, den Rettern und dem Arzt in das Gasthaus „Z Hirsch" eingeliefert wurden, wo Seppl angfa auf Nachricht von dem Erfolg der Unternehmuii! wartete. Er war sehr enttäuscht, daß seine FreW die dunkle Dame, nicht mit zurückkam.
Während der Arzt sich um die beiden h mächtigen bemühte, saß der Norweger mit ; Gendarmen im Postzimmer. Bald spielte der Di. nach allen Richtungen. Die Grenzstationen wuij von der Flucht Siemens benachrichtigt, das A; in dem er geflohen, genau beschrieben. Einer! Gendarmen eilte, unter Führung Seppls, hinzu dem bunten kleinen Hause, in dem Lien Edele gefangen gehalten.
Die erschreckte Celia wurde verhaftet und un Bewachung ins Gefängnis überführt, wo sie q[ aussagte, was sie wußte. Da sie im übrigen ni weiter verdächtig erschien, erlaubte man ihr « dem kleinen Hause bis auf weiteres zu wohnll gab ihr eine Wache bei und verpflichtete sie, « zur endgültigen Klärung der Angelegenheit ben (11 nicht zu verlassen.
Alexander Demidoff konnte den weiteren (Bell der Ereignisse nicht abwarten. Sein Urlaub n nur kurz. Er reifte ohne Sofia, die bat, sie > Pflege für Edele dazulassen.
„Vielleicht braucht sie, wenn sie zu sich fomt eine weibliche, mitfühlende Seele", meinte | „Dann soll sie nicht ganz verlassen sein."
Und Malte, der nach wenigen Stunden aus sei« Ohnmacht erwacht war und eine kurze Unterrebir mit Demidoff hatte, dankte dem jungen Paar | alles, was sie zur Rettung Edeles getan.
„Da dürfen Sie höchstens meiner Frau bautet meinte Demiboff, „ober biefer tapferen Frau, ß be Sormes, um bie ich in großer Sorge bin. < hoffe nur, baß Siemen gefaßt mirb, ehe er sei Wut unb Rachsucht an Sou be Sormes auslafi kann. Nun, mir unb Sie, bleiben ja in Verbinde und ich höre auch durch Sofia von Ihnen. Gli auf!, mein Freund! Wie hat der Arzt gesagt?: $ Seben ist, da ist Hoffnung. Also müssen Sie c duldig und mutig sein."
„(Das mill ich!" versprach Malte Blomberg, ir gab feinem neuen Freunde fest die Hand.
(Schluß folgt.)
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