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Nr. 130 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Donnerstag, 7. Zuni 1934

Der letzte Besucher der Ausstellung Deutsches Volk - Deutsche Arbeit".

4jer Führer vor dem Modell des Schiffshebewerkes Niederfinow in der Berliner Aus­stellung, die er zusammen mit Reichsminister Dr. Goebbels nach offiziellem Ausstellungs- fchluß in später Nachtstunde besuchte.

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Die deutschen Kampfspiele

Ein Aufruf des Neichssportführers.

Jahrzehntelange Zersplitterung in der deutschen Sport- und Turnbewegung vermochte es nicht, einen einheitlichen Geist, eine geschlossene Front und eine für gute sportliche und turnerische Leistungen not­wendige Zusammenarbeit zu schaffen.

Ein Jahr nationalsozialistischer Staatsführung hat auch diese deutsche Sport- und Turnbewegung in -feste Formen gegossen und wenn auch 'noch nicht vollkommen so doch mit dem praktischen Versuch, diese Bewegung einheitlich auszugestalten, durchaus erfreuliche Erfolge gehabt. In diesem Jahr sollen nun die Deutschen Kampsspiele in Nürnberg sichtbarer Ausdruck dieser Geschlossenheit sein; die Besten aus allen Gauen, aus allen Sportarten kommend, sollen sich in edlem Wettstreit messen, vor einer Masse sport- und turnbegeisterter deut­scher Menschen, insbesondere der sportbegeisterten deutschen Jugend.

Nicht um einer propagandistischen Wirkung wil­len rufe ich euch Sportler und Turner Deutschlands zu den Kampfspielen auf, sondern um euch aufzu­fordern, den Geist unserer Bewegung, der immer stärker und wirksamer in das Volksleben hinein­stößt, durch die Geschlossenheit eures Auftretens zu stärken. Deshalb komme jeder, der es nur kann es ist ja Ferienzeit! und nehme begeistert an den ablaufenden Wettkämpfen und sonstigen Veranstal­tungen in der herrlichen Stadt Nürnberg teil. Ich gebe hierunter die durch die Großzügigkeit staatlicher und sonstiger Organisationen gebotenen Verbilligung der Reisen und des Aufenthalts bekannt und rufe auf zur regsten Teilnahme. Eins aber vergeßt nicht: schickt eure Jungens und Mädels, sie werden herr­liche Tage in Nürnberg verleben!

Von allen größeren Städten des Reiches werden

Sonderzüge nach Nürnberg gehen, die jedem Be­sucher der Deutschen Kampfspiele eine 60prozentige Fahrpreisermäßigung geben. Für die Jugendlichen wird die Fahrpreisermäßigung sogar 75 v. h. be­tragen. Alle Einzelheiten über die Fahrzeiten der Sonderzüge und die von den einzelnen Stationen geltenden Preise werden in wenigen Tagen von der Reichsbahn durch Anschlag 'bekanntgegeben. Aber auch Unterkunft kann in Nürnberg bereits von 1 Mk. ab für die Nacht genommen werden. Unter­kunft und Verpflegung im Massenlager für täglich 2,50 Mk., für Jugendliche im großen Zeltlager be­reits für 1,50 Mark. Damit ist jedem die Möglich­keit gegeben, mit den denkbar geringsten Mitteln Nürnberg zu besuchen und Zeuge der Deutschen Kampfspiele zu sein. Und nun auf Wiedersehen bei den Deutschen Kampfspielen in Nürnberg vom 23. bis 29. Juli 1934

Gez.: von Tschammer und Osten."

Deutscher Ooppelsieg in Warschau.

Oblt. Brandt und A. holst gewinnen den Armee-Preis Eine der Hauptprüfungen beim Internationalen

Reitturnier war am Mittwoch der Preis der polnischen Armee, ein Zweipferdespringen über 18 Hindernisse auf einer 2100 Meter langen Bahn. Jeder der 31 Teilnehmer hatte zwei Pferde zu reiten, deren Fehler zusammengezählt wurden. Da es den ganzen Tag stark regnete, hatte man die Hindernisse etwas erleichtert, trotzdem war es sehr schwierig, auf der glitschigen Strecke die Pferde über die Hindernisse zu bringen. Umso höher ist der deut­sche Erfolg zu bewerten. Zwei deutsche Teilnehmer, Oblt. Brandt auf Baron IV und Axel h o l st auf Egly, kamen als Einzige fehlerlos über den Kurs. Großer Beifall der leider nur geringen Zuschauer­zahl belohnte diese meisterhafte Leistungen. Durch je vier Fehlerpunkte der zweiten Pferde, Tora bezw.

Ahnherr, belegten beide Reiter mit gleicher Fehler­zahl den ersten Platz. Auch der dritte Platz fiel an Deutschland. Rittmeister M o m m steuerte Benno und Baccarat mit je acht Fehlern über die Bahn. Als Erfolg ist auch der siebente Platz von Oblt. Kurt hasse auf der Mohr und Olaf zu bewerten, der da­für zusammen mit zwei Franzosen eine Ehrenschleife erhielt.

Deutschlands Fußballelf für Neapel.

Die deutsche Mannschaft bestreitet am heutigen Donnerstag das letzte Spiel bei der Fußball-Welt­meisterschaft, wo sie im Kampf um den dritten Platz mit Oesterreich in Neapel zusammentrifft. Für das zehnte Länderspiel der beiden Nation, en wurde die deutsche Elf wesentlich geändert So spielt Ja­nes für haringer als rechter Verteidiger und Mün­zenberg nimmt die Stelle von Szepan als Mittel­läufer ein, der dafür den Sturm anführen wird.

Zu dem erst um 17.30 Uhr beginnenden Spiel wird folgende Mannschaft antreten: Tor: Jakob; Verteidiger: Janes, Busch; Läufer: Cie- linski, Münzenberg, Bender; Angriff: Lehner, Tonen, Szepan, Siffling, Heidemann.

Schiedsrichter ist der Italiener C a r a r r o.

Deutsche HußbaNmeisterschast 1934.

Die Termine für die letzten Kämpfe um die Deutsche Fußballmeisterschaft konnten erst nach Klärung der Lage bei den Weltmeisterschaften be= fonntgegeben werden. Da Deutschland am 7. Juni in Neapel sein letztes Spiel bestreitet, wurde die Vorschlußrunde für den 17. Juni, das Endspiel für den 24. Juni angesetzt. Die Vorschlußrunde be­streiten:

in Leipzig: 1. FC. Nürnberg Viktoria 89 Berlin.

in Düsseldorf: SV. Waldhof FC. Schalke 04.

Gchmeling qegen Neusel?

Max S ch m e I i n g hat in einer Unterredung mit dem Hamburger Veranstalter, W. Rothen­burg, sich bereiterklärt, gegen den bereits ver­pflichteten Walter Neusel zu kämpfen. Voraus- setzung ist jedoch, daß der Arzt ihm Starterlaubnis erteilt, da der Exweltmeister bekanntlich wegen einer noch nicht ausgeheilten Daumenverletzung pausieren muß. Schmeling will sogar sehr gern in Deutsch­land kämpfen, er legt dabei weniger Wert auf eine amerikanische Phantasiebörse. Es hängt also alles von dem ärztlichen Befund ab.

Um denAdolf-Hitler-Pokal" im Handball.

Die Vorrunde am 17. Juni.

Gleich den Fußballern wurde auch den Handbal­lern im vergangenen Jahre vom Reichskanzler Adolf Hitler ein Pokal gestiftet, der von den I einzelnen Gauen umkämpft werden sollte. Diese Runde bildete die Fortsetzung der früheren Spiele der alten Landesverbände um den DSB.-Pokal. Im ersten Jahre waren die einzelnen Gaue nur durch Stadtmannschaften vertreten, von denen Mag­deburg als Vertreter des Gaues Mitte den End­sieg über Wuppertal davontrug. Die Vorrunde für den zweiten Wettbewerb um den vom Gau Mitte verteidigten Pokal findet am 17. Juni statt, und zwar wurden folgende Paarungen festgelegt in:

S t u 11 g a r t . Gau Württemberg Gau Baden Leipzig: Gau Sachsen Gau Bayern Krefeld: Gau Niederrhein Gau Südwest Kassel: Gau Nordhessen Gau Nordmark Breslau: Gau Schlesien Gau Ostpreußen Stettin: Gau Pommern Gau Mitte Braunschweig: Gau Niedersachsen Gau

Brandenburg

Köln: Gau Mittelrhein Gau Westfalen.-

NGKK- und DDAC-Zielfahrt zur Kieler Woche.

Nach langer Zeit wird in diesem Jahre wieder die Kieler Woche, eine der glanzvollsten Sportver­anstaltungen der Vorkriegszeit, durchgeführt. Das NSKK. und der DDAC. veranstalten dorthin am Mittwoch, 20. Juni, gemeinsam eine Zielfahrt.

Auf der Suche nach dem unbekannten Sportler.

Durchführung In der Gruppe Gießen.

Am Sonntag, 10. Juni 1934, 9.30 Uhr, findet im Auftrage des Reichssportführers zur Suche nach dem unbekannten Sportsmann in Gießen, veran­staltet von der Spielvereinigung 1900, der Tag des Kurzstrecklers und Springers statt.

Folgende Wettbewerbe kommen zum Austrag:

100-, 200- und 400-Meter Lauf; 110 Meter Hürden; Hochsprung, Dreisprung und Stabhochsprung.

Die Wettkämpfe werden nach den Bestimmun­gen und unter Aufsicht des Deutschen Leichtathletik­verbandes ausgetraaen. Sie find offen für alle Deutsche, ohne Rücksicht auf irgendwelche Vereins­oder Verbandszugehörigkeit. Die Veranstaltung wird auf dem Sportplatz der Spieloereinigung an der Liebigshöhe ausgetragen. Meldegelder werden nicht erhoben. Meldungen find zu richten an W. Schmidt, Gießen, Grünberger Straße 54, wer­den jedoch auch noch zu Beginn der Kämpfe an­genommen.

hiermit ist allen Volksgenossen noch einmal Ge­legenheit gegeben, selbst an den Vorbereitungs­arbeiten zu den Olympischen Spielen 1936 teilzu­nehmen. Getreu dem Willen des Führers sollte die gesamte deutsche Jugend sich freudig dieser Prüfung unterziehen, damit jeder von sich sagen kann:Ich habe meine Pflicht getan".

Als Rahmenwettbewerbe finden Kämpfe der Olympia-Trainingsgemeinschaft statt. Gleichzeitig ist auch Gelegenheit gegeben, die Prüfungen zum Deutschen Turn- und Sportabzeichen abzulegen, hierzu bietet sich bereits die Möglichkeit am Sams­tag ab 17.30 Uhr auf dem Sportplatz der Spiel­vereinigung 1900.

Nurmi wieder am Start.

Finnlands größter Läufer, Paavo Nurmi, bewies bei einem Sportfest in helfingfors, daß mit ihm immer noch zu rechnen ist. Er gewann ein 5000-Meter-Laufen in der guten Zeit von 15:05 Minuten mühelos. Auch die Zeit von ßne­in a n e n über 3000 Meter von 8:49,3 ist aus­gezeichnet. In den technischen Hebungen warteten die Finnen ebenfalls mit beachtlichen Leistungen auf. Kuntfi stieß die Kugel 15,65 Meter weit, Kotkas siegte im Diskuswerfen mit 46,11 Meter, und Suotonen warf den Hammer 48,50 Meter weit. Im Hochsprung entpupte sich in Kalima ein neues Talent, der es auf 1,91 Meter brachte.

Kurze Eportnotizeu.

Einen begeisterten Empfang erfuhren am Dienstag in Stutgart die beiden Mercedes- Benz-Fahrer Manfred von Brauchitfch und Fagioli. Im Rathaus zu Stuttgart wurde den beiden Fah­rern die Ehrenplakette der Stadt Stuttgart über­reicht.

*

Z u einem Triumphzug gestaltete sich die Heimkehr der schweizerischen Turner-Meistermann­schaft von den Weltmeisterschaften in Budapest. Vom ersten Grenzstädtchen an bis nach Zürich, wo der offizielle Empfang stattfand, waren die Eidgenossen Gegenstand lebhaftester Begeisterung.

Eine sehr gute Besetzung hat die am Sonntag stattfindende 54. Bad Emser Ruder-Regatta mit 368 Ruderern und 68 Booten aus 22 Vereinen gefunden. Am Start befinden sich eine ganze Reihe erstklassiger Mannschaften aus Süd- und West­deutschland.

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Die 6000-Kilometer-Fahrt für Auto­mobile um den Goldpokal Mussolinis wurde jetzt beendet. Die Hälfte- der etwa 200 Teilnehmer er­reichte nach den drei Etappen das Ziel, bei den vor­handenen Schwierigkeiten ein glänzender Durch­schnitt. Die Deutschen schnitten recht erfolgreich ab, die deutschen Adler-Wagen sicherten sich den Team- Preis.

Victoria.

Von Johan Lnzian.

Harm und Klaus, zwei junge Maler, lebten ein­mal einige Wochen zusammen in einer kleinen Stadt am Rhein. Es war Juni. In den Gärten grünte und blühte es. lieber dem Tal lag die milde weiche Luft. Das Siebengebirge und der rauschende Strom gaben der Landschaft heitere Bewegung.

Harm verliebte sich in Victoria, die schön, aber leichtsinnig und flatterhaft mar. Es wurde unge­mütlich zwischen ihnen. Victoria hier und Victoria dort, hieß es, in jedem Gespräch brachte er ihren Namen unter. Er kam spät abends in ihr gemein­sames Zimmer und pfiff leise vor sich hin.

An einem Abend tat Klaus ihm den Gefallen und fragte ihn, wo er gewesen sei.

Wo ich war, fragst du noch? Meinst du, ich sitze einsam auf einer Bank und dichte den Mond an?"

Ach ja, richtig, du hast ja deine Victoria."

Einen Charme hat das Mädchen!" begann er und entwarf ein neues Gemälde von ihr. Klaus ließ ihn reden und dachte daran, daß er Victoria heute zufällig mit dem Sechs-Uhr-Zug nach Köln fahren gesehen hatte. Und sie war nicht etwa allein gefahren, o nein! Wenn ich es ihm jetzt sage, dachte er, würde er sich unglaublich blamiert Vorkommen. Klaus schwieg und gab durch tiefe Atemzüge zu verstehen, daß er über Harms Schilderungen ein­geschlafen sei. Aber die Tatsache, daß Harm, sein Freund, sich vor ihm lächerlich machte und sich in eine Komödie verstrickte, schien ihr Zusammenleben ernstlich zu bedrohen. Klaus merkte, daß er seinen Freund liebte. Es schmerzte ihn, zu sehen, wie er sich selber herabsetzte. .

Am anderen Nachmittag, als Harm sich wieder davongemacht hatte mit der nervösen hast, die er lachend als Verliebtheit ausgab, schlich Klaus ihm nach Harm verschwand im Garten der Villa, wo Victoria wohnte. Klaus ging vorsichtig naher und stellte sich hinter eine Hecke. Was sollte er nun unternehmen? Sollte er in die Villa einbrechen und ift seinem Beisein Victoria all die schonen Worte ins Gesicht schleudern, die er für sie bereit hatte. Da er zu keinem Entschluß kam, starrte er zornig zu dem offenen Fenster hinauf. Es klang lustiges Klavierspiel und Helles Lachen heraus. Dann trat Victoria ans Fenster.Genug", hörte Klaus sie sagen.Ich mag nicht mehr. Laß uns tteber em wenig spazierengehen zum Wald hinauf." Nun drückte er sich an die Hecke und wartete. Die Haus­tür wurde geöffnet, er vernahm Schritte auf dem Kies. Dann sah er Victorias Helles, grünes Som­

merkleid und neben ihr einen fremden Mann. Sie gingen die Parkstraße hinunter. Der Fremde faßte Victoria unter den Arm und drückte sie ver­liebt an sich. Unter einem Parktor küßten sie sich. Dann gingen sie lachend weiter. Gerade wollte Klaus hinter ihnen her, da sah er Harm schon mit großen Sprüngen den Beiden nachsetzen, er mußte genau wie Klaus im Garten versteckt gewesen sein.

Armer Harm! dachte Klaus. Das muß dich schmerzen. Und er schlenderte heim.

Aber unterwegs fiel ihm ein, daß er durch eine andere Straße, wenn er rasch liefe, zwischen Vic­toria mit ihrem Liebhaber und Harm gelangen könnte. Er wollte ihn von den beiden trennen, bas würde wieder Ordnung in dieses verzwickte Ver­hältnis bringen. Klaus lief, wie er nur konnte. Und an der vermuteten Stelle prallte er mit Harm zusammen. Sie blieben beide außer Atem wie an­gewurzelt stehen.Was machst du denn hier?" fragte Harm nach einer Weile und wurde rot bis unter die Haarwurzeln. Er sah flüchtig zum Wald hin, in dem Victorias grünes Kleid gerade unter- getaucht war.

Ich? Oh, ich wollte rasch noch zur Gärtnerei, ehe sie schließt, dort gibt es wundervolle Glas­kirschen zu kaufen, ein herrliches Abendbrot!"

So."

Ja. Komm doch mit, Harm, wenn du nichts vor hast."

Nein, ich habe nichts vor, heute abend", sagte er leichthin.Victoria fühlt sich nicht wohl. Sie ist krank."

So. Nun, bann bleiben wir heute beisammen, nicht wahr?"

Sie tarnen zur Gärtnerei, kauften zwei Pfunb gelbroter, glänzender, praller Glaskirschen, setzten sich damit auf ein Mauerftück am Burggraben und hielten einanber die Kirschentüten hin. Die Luft war abendlich rot, schon wuchsen die violetten Schatten. Sie aßen zusammen die knackenden Früchte und spuckten die Kerne vergnügt in den Graben.

Wie wäre es, Harm, wenn wir ein paar Tage den Rhein hinaufwanderten, jetzt in der schönsten Zeit?" fragte Klaus.

Mensch, eine großartige Sache!" rief er und seine düstere Stirne wurde freier.Wann meinst du?"

heute abend noch?"

Harm schlug Klaus auf die Schulter.Einver­standen!" rief er freudig.Mag Victoria mei­nen ich gehe mit dir!"

Alter Harm!" lachte Klaus.Komm!"

Oer Thingplatz als Freilichtbühne.

Das Theaterspiel unter freiem Himmel ist bei uns mehr als anderwärts gepflegt worden. Die beschnit­tenen Hecken, die Kulissen der Gartenbühne des Rokoko waren zwar nur eine Verpflanzung des Theaterbaus in die Natur, wobei allerdings durch die Gartenumrahmung eine stärkere Einheit zwi­schen Schauspielern und Zuschauern geschaffen wurde. Ein echtes Freilichttheater, das sich in der Landschaft selbst entfaltet, wurde nur von Goethe mit seiner berühmten Aufführung derFischerin" an den Ufern der Ulm versucht. Die Versuche des 20. Jahrhunderts, eine wahre Kunst der Freilicht­bühne zu schaffen, konnten nicht zum Ziele führen, da sie nicht aus dem Gemeinschaftsgeist des Volkes hervorwuchsen. Erst jetzt ist die Stunde für die echte Volksbühne gekommen, die wichtige Fok- men aus dem Volksfest, der Versammlung, dem Aufmarsch und dem Umzug entnimmt. Das Drama als hohe Kunstform wird daher wohl dem geschlossenen Haus Vorbehalten bleiben, da es von dem Zufall der Natur und des Klimas unab­hängig fein muß. Die Freilichtbühne dagegen ist der ideale Ausdruck des Volks-Schauspiels, dessen Rahmen jedoch nicht einfach der Landschaft ent­nommen werden kann, sondern künstlerisch geformt werden muß. Dafür bietet sich der gestaltete Thing­platz dar, wie er jetzt entsteht. Die Bedeutung dieser neuen Bühnenform betont Hans Brandenburg in einer der deutschen Bühne gewidmeten Nummer derSüddeutschen Monatshefte". Er fordert, daß auch bei der Freilichtbühne der Architekt in entschei­dender Weise mitwirke:Er muß das Grundriß- und Schwingungssystem aller Bewegungsrichtungen festlegen, die im Spiel enthalten sind. Der Auftritt vom Schauraum aus wird nun wieder wichtig, er vor allem verschmilzt die Zuschauer dem Spiel, und für das Raumgefühl ist die Tiefenbetonung, die Be­wegung auf die Tiefe zu, fast nach wichtiger, als die von der Tiefe her. Sodann sind die übrigen Dimensionen zu bauen un zu gliedern, vor allem auch die der höhe, denn Treppen und schiefe Ebe­nen gehören zum räumlichen Spiel. Die Bühne muß aus dem Spiel hervorgehen, aus allen feinen Möglichkeiten, aber dann muß sie es in Form und Grenze bannen, ihm halt gebieten und es dadurch steigern, so wie das Wasser erst am Fels empor- schäumc." Im allgemeinen wird man, um Spieler und Zuschauer zur Einheit zu verbinden, mit ein­fachsten Mitteln und meist mit den Hilfskräften des Arbeitsdienstes den Naturrahmen schaffen, in dem das Bühnenfpiel als vaterländisches Fest wirkt. Die Bühne selbst wird zu einer Dreigliederung ge­

langen müssen, nämlich zu einer Vorderbühne, die in den Schauraum vorspringt und durch den Chor die Verbindung mit dem Publikum herstellt, zu einer Mittelbühne, dem Spielplatz der Einzeldar- steller, und zu einer Erhöhung im Hintergrund, die besonders feierlichen Szenen vorbehalten bleibt.

Nach TSLahren als Verbrecher entlarvt.

Die Geschichte eines entflohenen Sträflings, der ein Vierteljahrhundert lang ein äußerlich recht­schaffenes und gutbürgerliches Leben führte und dann durch feine Fingerabdrücke entdeckt wurde, hat in ganz Kanada großes Aufsehen erregt. James Fahey wurde von der berittenen kanadischen Poli­zei im National-Park von Jasper, einem Natur­schutzgebiet westlich von Edmonton, wegen Wild­dieberei verhaftet. Dabei wurden wie üblich seine Fingerabdrücke genommen und nach der Haupt­polizei in Ottawa geschickt, hier enthüllten sie zum Erstaunen der Umwelt eine tragische Geschichte. Der Mann, so verrieten die Abdrücke und er selbst gab es zu war niemand anders als Frank Grig- roare, der fünfundzwanzig Jahre vorher aus dem amerikanischen Staatsgefängnis von Leavenworth in Kansas ausgebrochen war und von dem man seitdem nichts mehr gehört hatte. Grigware war als junger Mensch mit einigen andern wegen eines Raubüberfalls auf einen Zug verhaftet worden. Er wurde für schuldig befunden und zu lebensläng­lichem Gefängnis verurteilt. Kurz darauf fand er Gelegenheit auszubrechen und kam glücklich nach Kanada, wo er sich unter dem Namen Fahey in Jasper niederließ. Er heiratete hier, hatte Kinder und war als ein ebenso fleißiger wie solider Bürger bekannt. Niemals außer durch das letzte Wilderer- Vergehen war er jemals mit den Gerichten zu- sammengestoßen. Er beteuerte nun freilich, daß er unschuldig an dem Verbrechen sei, dessentwegen er einst in Kansas verurteilt wurde. Seine Mit­bürger zeugten für seine gute Führung, seine Frau machte für ihn Eingaben, und schließlich wandten sich die Bürger von Jasper an den Präsidenten der Vereinigten Staaten mit der Bitte, sein fünfund­zwanzigjähriges untadelhastes Leben zu berücksich- Ligen und ihn zu begnadigen. Auch die gesetzgebende Körperschaft von Alberta trat für ihn ein und die ganze öffentliche Meinung zeigte für ihn große Sympathie. Die Regierung der Vereinigten Staa­ten, die bereits feine Auslieferung verlangt hatte, nahm unter diesen Umständen davon Abstand. Gegen eine Kaution von 10 000 Dollars wurde er auf freien Fuß gesetzt. Man hofft, daß die alte Geschichte niedergeschlagen werden wird.