dition wurde von meuternden Soldaten umringt die auf die Autos ein heftiges Schnellfeuer abgaben. In Korla erlebte die Expedition die voll- ständige Plünderung der Stadt, die außerdem von Flugzeugen bombardiert wurde. Vier Autos wurden von den flüchtenden Truppen des Generals M a beschlagnahmt und die beiden schwedischen und mongolischen Autoführer waren gezwungen, die Wagen für Truppentransporte zu fahren. Sven Hedin befand sich sechzehn Tage und Nächte in größter Sorge über das Schicksal seiner Kameraden, bis sie endlich am 29. März wie durch ein Wunder wohlbehalten eintrafen.
Das deutsche Volk hat Grund, die Expedition Sven Hedins mit seinen Segenswünschen zu begleiten. In schlimmen wie in guten Zeiten, immer hat der schwedische Gelehrte in unerschütterlicher Treue zu Deutschland gehalten, von dem er einst fruchtbare Anregungen empfing. Man erinnere sich daran, daß Sven Hedin einmal wörtlich geschrieben hat: „Ich wünsche den Helden des Krieges, auch den ältesten Veteranen mit Hindenburg an der Spitze, daß sie noch erleben mögen die Morgenröte des neuen Tages, da die Sonne noch einmal über ihrem Vaterlande leuchten wird!"
W. Hillbring.
Oer Elefant im Porzellanladen.
Aus der vrovinzialhauptfladt.
Sie Schnitter kommen.
Die Schönheit der Wiesen leuchtet uns entgegen! Tausende und aber Tausende Blumen zieren den grünen Grund. Nicht lange dauert die Herrlichkeit. Noch ist nicht Erntezeit, noch wogen die Kornfelder im Sommerwind. Aber das Gras ist „reif". Die Schnitter kommen. Die Maschinen rasseln.
Gräser und Blumen sinken unter dem unerbittlichen Stahl. Aber wir wissen, daß noch einmal in diesem Jahr neues Grün heroorsprießen wird. Und doch quillt etwas Wehmut beim Anblick der gemähten Wiesen in unserm Herzen auf. Kaum begonnen, sehen wir schon das Ende des Jahres. Die Sonne wird noch steigen, aber nicht mehr lange. Dann geht es wieder abwärts. Der Grasschnitt ist wie eine erste Mahnung vom ewigen Wechsel und Vergehen auf dieser Erde.
„Was heut' noch frisch und grün dasteht, wird morgen weggemäht..."
„Es ist ein Schnitter, der heißt Tod, hat Gewalt vom großen Gott.
Heut' wetzt er das Messer, es geht schon viel besser, bald wird er drein schneiden, wir rnüssen's nur leiden.
Hüt' dich, schön's Blümelein!" (Volkslied)
Ganz anders sehen unsere Kinder die Heuernte an. Es ist hier noch so, wie es vor fünfzig Jahren war. Fast nichts hat sich geändert. Sonnenschein und Wind sind genau so nötig wie damals. Der Rechen tut seine Schuldigkeit. Wir wenden und setzen auf Kegel. Da können Kinder viel helfen. Am schönsten ist natürlich die Heimfahrt. So auf dem hochbeladenen Wagen zu sitzen und mit der Peitsche zu knallen, ist der Traum vieler Dorfkinder. Nun wird er erfüllt.
Ich glaube, meine allersrüheste Jugenderinnerung fällt auch in die Zeit der Heuernte. Ich trug damals noch keine Hosen. (Wir Buben wurden ja auch viel länger in Röcken gehalten als heutzutage!) Unsere Wiese grenzte an einen Bahndamm. Als wir heimfahren wollten und mein Vater mich auf den Wagen gehoben hatte, pflückte er noch am Bahndamm ein Sträußchen reifer Erdbeeren und reichte sie mir mit der aroßen Heugabel hinauf auf den Wagen. Dieser Augenblick, diese ersten Erdbeeren auf dem Heu wagen, das ist wohl meine früheste, aber auch die angenehmste Jugenderinnerung. Im Duft des Heues zu liegen und noch Erdbeeren zu schmausen! Das ist für einen kleinen dreijährigen Jungen unvergeßlich. Sagt, wo kann es schöner sein als im Heu?
Und der Wagen voll Heu der kommt von der Wiese, und oben drauf sitzt der Hans und die Liese. Die jodeln und juchzen und lachen alle beid', und das klingt durch den Abend, es ist eine Freud'! Und dem König sein Thron, der ist prächtig und weich, doch irn Heu zu sitzen, dem kommt doch nichts gleich!
(Reimet) B.
Nie Lotterie des deutschen Volkes.
Jetzt wird im Rahmen der großen Frühjahrsoffensive gegen die Arbeitslosigkeit die dritte nationalsozialistische Geldlotterie für Arbeitsbeschaffung veranstaltet. Wieder besteht das Wesen dieser Lotterie darin, daß, wer ein Los kauft, sich nicht nur selbst, sondern auch anderen eine Freude macht, indem er zur Unterbringung der Arbeitslosen beiträgt.
Gegenüber den beiden vergangenen Lotterien sind verschiedene Verbesserungen erfolgt. Der Gewinnplan zeigt nicht mehr den Übermäßig hohen Hauptgewinn, sondern viele, recht beträchtliche mittlere Gewinne an. Die Gewinnzahl ist darum fast um
Deutsches Zugendfest am 23.3uml934.
Die Gebietsführung der Hitler-Fuge n d teilt mit:
In Anlehnung an die von der Geschäftsstelle des „Deutschen Iugendsestes" herausgegebenen Richt- (inten wurde für die Durchführung im Gebiet Hessen-Nassau der HI. mit der Ministerialabtei- lung Ila in Darmstadt für Hessen folgende
Vereinbarung
getroffen, die den Einheiten der Hitler-Iugend hiermit zur Kenntnis gebracht werden. Eine entsprechende Vereinbarung wird für den Regierungsbezirk Wiesbaden in die Wege geleitet.
1. Alle Jugendlichen im Alter von 10 bis 14 Jahren beteiligen sich innerhalb ihrer Schulen an den Wettkämpfen.
2. Sämtliche Jugendliche über 14 Jahre führen bte Wettkämpfe unter Leitung der HI. durch.
3 Mannschaftskämpfe von Schulen finden nicht statt. Bei den Zehn- bis Vierzehnjährigen kämpfen die Jahrgänge einer Schule gegen gleichaltrige Jahrgänge einer anderen Schule.
4. Mannschaftskämpfe der Jugendlichen über 14 Fahre werden im Rahmen der Einheiten der HI. ausgetragen, lieber die Art der Wettkämpfe und Umrahmung durch andere Darbietungen ergehen an die Einheiten der HI. noch besondere Anordnungen. Es ist der Wunsch der deutschen Reichsregierung, daß die gesamte deutsche Jugend sich um die Zeit der Sommersonnenwende an diesem Jugendfest beteiligt.
50 Prozent gegenüber den vorjährigen Lotterien vermehrt worden und vielen kann sich nun eine Glückstür öffnen.
AuspalieiamtlichenDekanntmachungen
Der NSLB. des Kreises Gießen teilt mit, daß zur Reichsschwimmwoche ein Dreikampf veranstaltet wird, für den Minister Schemm, der Reichsleiter des NSLB. einen Preis gestiftet hat. Alle Schulen des Kreises, die diesen Dreikampf durchführen können, werden gebeten, einen Vertreter zu einer Besprechung, die am Samstag nachmittag um 5 Uhr in der Ober-Realschule Gießen stattfindet, zu entsenden.
RG-Volkswohlfahrt, Ortsgruppe Sießen-Süd.
Am Montag, dem 11. d. M., 20 Uhr, findet im Hotel Hopfeld (Saal) eine Amtswalter-Sitzung statt, an der sämtliche Amtswalter der NSV. einschließlich der Sachbearbeiter teilzunehmen haben. Alte Ausweise sind gegen Empfangnahme der neuen zurückzugeben.
gez.: Friedel, Ortsgruppenleiter.
Reichsbund Volkstum und Heimat.
„Kraft durch Freude."
Der Reichsbund Volkstum und Heimat, Ortsring Gießen, unternimmt zusammen mit der NS. -Gemeinschaft „Kraft durch Freude" am Sonntag, 10. Juni, eine erdgeschichtliche Wanderung nach dem Frauenberg. Führung: Dr. Michel. Abfahrt Gießen 8.33 Uhr nach Friedelhausen. Von da ab 4 bis 5 Stunden Fußmarsch nach Frauenberg - Marburg. Rückfahrt von Marburg-Süd 16.40 Uhr. Ankunft in Gießen 17.15 Uhr. Die Eisenbahnfahrkosten betragen 1,10 Mark. Wer zu diesem ermäßigten Preis mitfahren will, wolle sich bei Dr. Michel, Weserstraße 4, anmelden, oder am Sonntag spätestens 8 Uhr am Bahnhof sein. Gäste willkommen!
Elternabend der Hitlerjugend.
Der Unterbann 1/116 Gießen veranstaltet am 16. Juni, abends 8.30 Uhr, im Cafe Leib seinen diesjährigen Elternabend, bei dem auch eine große Verlosung stattfindet. Das Programm, das gleichzeitig zum Eintritt berechtigt, erhalten Sie zum Preis von 40 Pf. von jedem Hitlerjungen. Der Programmverkauf beginnt am 11. Juni. Es findet keine Abendkasse statt. Deshalb sichere sich jeder rechtzeitig ein Programm für diesen reichhaltigen Abend.
Der Führer des Unterbannes 1/116: m.d. F. b. Cla r i us, Scharführer.
Rechtsberatung der Deutschen Arbeitsfront, Kreis Alsfeld.
(Geschäftsstelle: Nieder-Ohmen, Kirschgartnerstr. 15. Telefon: Mücke 57.)
Die Sprech st unden des Rechtsberaters Pg. Otto Hartmann finden vom Montag bis Samstag, nachmittags 3V- bis 7 Uhr (Mittwochs 3 bis 6 Uhr) in Alsfeld auf der Kreisleitung, Lutherstraße, statt. — Die Sprechstunden der Geschäftsführung werden vom Montag bis Freitag von 8% bis 1 Uhr, nachmit
tags von 3V2 bis 7 Uhr und Samstags von 8Vs bis 1 Uhr abgehalten.
Heil Hitler!
gez.: Otto Hartmann, Rechtsberater.
Die Ausstellung von Reisepästen.
Die Polizeidirektion Gießen teilt mit: Mit Rücksicht auf die bald einsetzende Reisezeit ist es vorteilhaft, die Reisepässe rechtzeitig, spätestens 5 Wochentage vor Antritt der Reise, bei dem zuständigen Polizeibezirk zu beantragen, damit sie nach dieser Zeit auf der Polizeidirektion, Zimmer Nr. 40 (Paßstelle) in Empfang genommen werden können. Nur in ganz dringend gelagerten Fällen (schwere Erkrankung, Todesfall) kann die Ausstellung eines Passes in kürzerer Zeit vorgenommen werden.
Bereits auf die Dauer von 5 Jahren ausgestellte Pässe werden mit Ablauf ungültig, eine Verlängerung ist nicht mehr möglich. Die Paßbilder müssen aus neuester Zeit sein, die Gleichheit der dargestellten Person mit dem Paßinhaber zweifelsfrei erkennen lassen und dürfen einen Stempel oder Teile eines solchen nicht tragen. Bei Beantragung muß die betreffende Person, auf die der Paß lauten soll, selbst erscheinen, auch die Abholung des Passes muß vom Inhaber auf der Polizeidirektion (Paßstelle) erfolgen, da eine eigenhändige Unterschrift zu leisten ist.
Minderjährige bedürfen zur Ausstellung eines ?taffes der Einwilligung des gesetzlichen Vertreters Vaters ober gerichtlich bestellten Vormunds). Personen, welche noch nicht ein Jahr hier gemeldet sind, müssen eine Unbedenklichkeitsbescheinigung ihres letzten Aufenthaltsortes bei der Antragstellung oorlegen.
Schwimmunterricht wird Pflichtfach in allen hessischen Schulen.
Der Schwimmunterricht wird nach einer Verfügung der Ministerialadteilung für bas Bilbungs- wesen an allen hessischen Schulen, an benen bie notwendigen Voraussetzungen gegeben sind (Schwimmmöglichkeit und geeignete Schwimmlehrer), m i t sofortiger Wirkung a l s Lehrfach eingeführt. Der Unterricht wird in die Turn- und Spielstunden des 6. Schuljahres der Volksschule bzw. der Quarta der höheren Schule eingegliedert. Er umfaßt entweder eine Wochenstunde das ganze Jahr hindurch oder zwei Wochenstunden im Som- merhalbjahr, je nach den örtlichen Verhältnissen. Die für den Schwimmunterricht, nicht aber für sonstiges Baden und Schwimmen, entstehenden Kosten gehen als sachliche Ausgaben zu Lasten der Gemeinden.
Um möglichst bald für alle Schulen die Voraussetzungen für einen geregelten Schwimmunterricht zu schaffen, meldet jedes Kreis- und Stadtschulamt sofort im Einvernehmen mit den Direktionen der höheren Schulen zwei bis drei geeignete Lehrkräfte (am besten geprüfte Schwimmlehrer). Sie werden in Kürze zu einer grundlegenden Besprechung zusammengefaßt.
Vorsicht beim Kirschenpflücken und -esten
Die Zeit der Kirschenernte ist da. Unter den vielen, die diese köstliche Frucht mit Freude und Behagen genießen, wird es nur wenigen bekannt sein, wie diese Frucht den Weg zu uns gefunden
Llni> nun, Ellen?
• Roman von Käthe Mehner.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.)
25 Fortsetzung. Nachdruck verboten!
„Na, und sonst wissen Sie ja Bescheid. Ich komme am Abend wieder. Wir können jetzt nichts weiter tun als aufheitern. Wiedersehn, Frau Zimmermann — Wiedersehn, Herr Caßler! Kopf hoch! Ihre kleine Kameradin wird bald wieder auf Deck fein."
„Wirklich, Herr Professor?"
„Unbedingt, mein junger Freund. Also, alles schön befolgen. Sollte etwas Unerwartetes eintreten, ich bin sofort da."
Als der Arzt gegangen war, setzte unter größter Schonung der Kranken eine leise Hast ein. Das Zimmer verwandelte sich binnen kurzer Zeit in eine ganz vorschriftsmäßige Krankenstube.
Es schien, als stände das unscheinbare Haus in der Nordstraße, das sich aus der uniformen Reihe der anderen durch nichts heraushob, plötzlich im Mittelpunkt des Interesses.
Gegen Abend stieg noch ein anderer seltsamer Besucher mit seinem Begleiter die Treppen des Miethauses hinauf und fragte sich nach Ellen Ehlers durch: Der Untersuchungsrichter mit feinem Protokollführer.
Caßler empfing ihn erstaunt:
„Sie können Fräulein Ehlers nur mit Genehmigung des Nervenarztes Professor Glockmann sprechen, Herr Landgerichtsrat."
„Wie besorgt Sie sind! Haben aber recht. Ich habe mich bereits mit dem Herrn in Verbindung gesetzt. Er wird gleich erscheinen. Vielleicht erübrigt sich auch alles, wenn Sie mir helfen können."
„Wenn es in meiner Macht liegt, sehr gern Herr Landgerichtsrat."
Der Untersuchungsrichter legte die Akten auf Caßlers Zeichentisch, während »hm sein Protokollführer einen Stuhl hinschob.
„Wir sind leider an einem toten Punkt. Leider! Den Dieb der Aufzeichnungen haben wir gefaßt. Er hielt sich selbstsicher noch in Leipzig auf. Aber die Fingerabdrücke an der Waffe beweisen, daß er als Mörder nicht in Frage kommt. Ich bin ehrlich und offen zu Ihnen, Herr Caßler. Sie haben mein Vertrauen. Mehr kann ich Ihnen aber trotzdem nicht sagen. Haben Sie nun noch irgend eine Angabe zu machen, die Ihnen vielleicht bis jetzt entgangen ist?"
„Ich wüßte nicht, Herr Richter. Leider nicht... So besteht für Herrn Doktor von Rakenius noch immer Gefahr?"
Ein Achselzucken. Dienstgeheimnis.
Bernd Caßler wurde unruhig. Ueberlegte ... Das wäre ja schrecklich.
Professor Glockmann kam.
„Wollen wir gleich hinübergehen? Vielleicht darf ich erst einmal mit der Kranken sprechen, Herr Landgerichtsrat?"
„Aber natürlich — gern, Herr Professor!"
Auf Ellens Gesicht zeigte sich beim Anblick des Untersuchungsrichters sofort wieder Erregung, dock Professor Glockmann griff schon freundlich nacfj ihrer Hand.
„Guten Abend, Fräulein Ehlers. Ich wollte Sie doch noch einmal besuchen. Nun, wie geht es Ihnen?"
Die tiefe, beruhigende Stimme des Arztes wirkte Wunder. Die Kranke sah auf und lächelte leicht und müde.
„Danke, Herr Professor. Es geht besser. Ach Gott, ich will ja stark sein, aber — ist es denn noch immer nicht zu Ende? Dort steht der Richter wieder."
„Er braucht Ihre Hilfe, Kind. Nur eine kleine Frage. Wird es Ihnen möglich fein, ihm zu antworten?"
„Ja, ja! Ich muß stark fein. Nur der Kopf schmerzt noch so."
Professor Glockmann blinkte dem Juristen zu.
Mit leichter Verbeugung trat der Untersuchungsrichter an das Bett der Kranken.
„Nur eine Frage, Fräulein Ehlers. Sie haben vielleicht den schwarzen Herrn einmal in Begleitung eines anderen gesehen?! Bitte, überlegen Sie ganz ruhig. Es könnte ein auffallend kräftig gebauter großer Mann gewesen sein."
Da malte sich plötzlich furchtbares Erschrecken auf Ellens Gesicht:
„Gott — Holm — Holm — Ernst Holm!" stieß sie beinah tonlos hervor.
Die Umstehenden sahen sich erstaunt an. Der Arzt winkte.
„Gehen Sie ins Nebenzimmer! — Gehen Sie!"
Dann blieb er mit der Kranken und Schwester Linde allein.
„Schwester, schnell! Geben Sie etwas Brom!"
„Muttchen! Muttchen!" Die Kranke bäumte sich auf und stöhnte laut.
Drüben machte Caßler weitere Angaben. Nun war ihm Holm auch wieder eingefallen.
„Er ist Diplomingenieur und Betriebsleiter der Autowerke. Er wohnt jetzt in Ehlers' Haus. Mehr weiß ich auch nicht."
„Danke Ihnen! Vielen Dank! Vielleicht läßt sich da eine Spur finden."
Mit ernstem Gesicht ging der Untersuchungsrichter davon und ließ Bernd Caßler in schwerem Grübeln zurück.
Er erinnerte sich genau dieses Holms. Die mächtige wuchtige Gestalt, das brutale Gesicht... Oh, wenn nur einem, so war diesem Menschen alles zuzutrauen ... Aber...
Stumm, wie bei einer Totenwacht, saßen Frau Zimmermann und Bernd Caßler in der folgenden Nacht neben Schwester Linde am Bett der Kranken.
Kein Wort siel. Nur durch Blicke und Zeichen verständigten sich die drei Menschen.
Wachsbleich wie ohne Leben lag Ellen in ihren Kissen. Nur gegen Mitternacht schrie sie einmal grauenhaft auf:
„Muttchen! Muttchen, laß dein Kind nicht allein...! Diese dunklen Männer! Was wollen sie nur alle von mir?"
Die Schwester schickte wieder nach dem Arzt.
Die gefürchtete Krise trat ein. Die Kranke wurde wieder ruhiger. Unheimlich ruhig.
Zwanzigstes Kapitel.
Lieblich und voll schmeichelnder Wärme lag der junge Frühlingsmorgen über dem Häusermeer der Weltstadt. Die Menschen gingen leichter und sorg- loser dahin und grüßten einander mit fröhlicherem Gesicht.
Scherzworte flogen von jungen Handlungsgehilfen zu den Verkäuferinnen, die eilig ihren Arbeits- ftätten zuliefen.
Um diese Zeit schon verließ Ellen Ehlers, noch immer von Schwester Linde sorglich betreut, in Bernd Caßlers Begleitung das Haus in der Nordstraße. Frau Zimmermann winkte ermunternd nach.
Unten stiegen die drei in einen Wagen; ausdrücklich hatte der Arzt das befohlen. Dann fuhren sie davon.
Der große Schwurgerichtssaal in dem riesigen Gerichtsgebäude erlebte einen seiner größten Tage. Ein unablässiges Raunen und Flüstern ging durch das Publikum, in dem manches markante Männergesicht auffiel.
Bald schloß der Wachtmeister den Zuhörerraum. Er konnte die nach Hunderten Zählenden nicht mehr einlassen.
In feierlichem Ernst erschienen die Herren des Gerichts, dann der Verteidiger und zuletzt — ge
führt von zwei Beamten — Doktor Olaf Olsen und Ernst Holm.
Olsens Erscheinung löste allgemeines Gemurmel aus.
Der Mann bewahrte auch in dieser Stunde vollkommen Haltung. Sein Aeußeres war, wie immer, mit peinlicher Sorgfalt gepflegt.
Holm nahm neben ihm auf der Anklagebank Platz. Nicht als ein Besiegter — ein durch Liebe Besiegter.
Vorn auf der Bank faß Geheimrat von Rakenius neben feiner Gattin. Sie hatten beide das Gesicht gesenkt.
Endlich wurden die Zeugen eingelassen. Wie ein 21lp lasteten diese Sekunden auf den Herzen der Zuhörer. Ruth Hilliger saß neben ihrem Vater in der vordersten Reihe. Jetzt reckte sie sich.
Doktor Rainer von Rakenius trat ein. Groß — unnahbar verbeugte er sich vor den Herren des Gerichts.
Doch die Spanung löste sich noch immer nicht. Noch war die Kronzeugin nicht erschienen.
Da — wieder öffnete sich die Tür.
Eine liebliche Röte der Gesundheit auf den weichen Wangen, auf den leuchtend blonden Locken eine kleine, schwarze Trauerkappe, trat Ellen Ehlers ein. Sieghaft schön wie eine Königin.
Hinter ihr, als achte er noch immer auf jeden ihrer Schritte, Bernd Caßler, der Getreue — der Kamerad.
Aller Augen ruhten auf dem Mädchen, dessen Liebe, wie man wußte, einem Unschuldigen die Ehre gerettet hatte.
Jetzt setzte sie sich. Man beobachtete jede Bewegung in ihrem Gesicht. Engelrein. Sie sah nicht einmal auf zu dem Manne, wegen dessen sie hier war, und der dicht neben ihr Platz genommen hatte.
Als sie nur einmal beim Nennen ihres Namens den Kopf hob, traf sie messerscharf das Auge Holms. Haß und Wut sprühten. Unwilliges Rumoren im Zuschauerraum.
„Bitte, Fräulein Ehlers, würden Sie einmal auf- stehen — ober geht es nicht?"
Professor Glockmann fuhr auf.
„Fch möchte bitten, die Zeugin im Sitzen zu vernehmen. Es liegt zwar keine akute Schwäche mehr vor, aber ..."
,Äch kann ganz gut stehen. Danke, Herr Professor!"' Ellen Ehlers hatte sich zur ganzen Schönheit ihrer Gestalt erhoben. Sie wankte nicht — nein, sie stand. Sie stand ja für den Mann, dem ihre große, treue Liebe gehörte.
s Fortsetzung foLgQ


