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Nr. 130 Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Donnerstag, 7.Zunl 1934

500 km östlich von Berlin. Don unserem Dr. H.-Sonderberichierstatier. (Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.)

Warschau, Juni 1934.

Man reist heute wieder hierher, seit das deutsch­polnische Verständigungsabkommen geschlossen ist. Wichtiger noch: man benutzt dazu das Flug, zeug, das die Mindestfahrtdauer der Eisenbahn neun Stunden um mehr als die Hälfte ab­kürzt. Die Lufthansa hat mit der polnischen Luft­verkehrsgesellschaft eine neue Linie begründet, die gemeinsam betrieben roirb; in weniger als vier Stunden gelangen wir von Berlin mit Zwischenlandung in Posen nach Warschau. Daß uns auch diese Zeit zu lang erscheint, und daß die beiden Gesellschaften bemüht sind, sie durch Ein­satz von Neukonstruktionen erheblich herabzu- drücken der Flug wird binnen Jahresfrist viel­leicht kaum mehr als zweieinhalb Stunden dauern das ist nur ein Zeichen für das Tempo, in dem unser Jahrhundert lebt.

Die Welt ist durch den Flugverkehr kleiner ge­worden, die Staaten und Völker rücken einander näher in dem gleichen Maße, in dem große Ent­fernungen rasch überwunden werden können. Bis­her führten alle deutschen Luftverkehrslinien, die nach dem Osten zielen, an Polen vorbei. Nur auf zeitraubenden Umwegen hätte man bis vor kurzem von Berlin nach Warschau oder umgekehrt ge­langen können. Das ist nun anders geworden, und die von Anfang an lebhafte Benutzung der neuen Linie BerlinWarschau beweist, wie sehr die Einrich­tung dem tatsächlichen Bedürfnis entgegenkommt.

Die neue Flugstrecke ist vielleicht mit die wich­tigste Nutzanwendung aus dem deutsch-polnischen Vertrag. Denn der Sinn des Abkommens kann ja nur dann erfüllt werden, wenn zwei Nationen, die bis jetzt nicht nur durch eine 1000-Kilometer- Grenze, sondern mehr noch durch eine aus gegen­seitiger Unkenntnis geborene Ablehnung vonein­ander getrennt waren, Gelegenheit haben, ein­ander kennenzulernen und sich in ihren völkischen und staatlichen Lebensbedingungen zu begreifen. Die Fluglinie von Berlin nach War­schau kann hierzu wesentlich beitragen, namentlich dann, wenn die polnische Regierung sich dazu ent­schließt, bei der Ausstellung von Auslandpässen etwas großzügiger zu sein. Der Gast aus Polen, der bereit ist, Deutschland ohne Voreingenommen­heit kennenzulernen, wird jederzeit im Reiche will­kommen geheißen werden. Die polnischen Journa­listen, die vor einiger Zeit im Reiche weilten, haben ja davon auch bereitwillig Zeugnis abgelegt.

Freilich auch dann bleiben noch genug Pro­bleme, die nicht zuletzt durch das zeitliche Anein­anderrücken aufgeworfen werden. Wir hatten auf dem Fluge von Berlin nach Warschau ausgiebig Gelegenheit, sie zu studieren. Trotz der ausge­zeichneten Aufklärungsarbeit des Luftschutzes und anderer berufener Stellen hat man in Deutsch­land noch viel zu wenig erfaßt, wie sehr die Reichshauptstadt ins Grenzgebiet gerückt ist. Mit unserer verhältnismäßig langsamen Ver­kehrsmaschine hatten wir bei etwa 160 Stundenkilo­meter Reisegeschwindigkeit die Reichsgrenze in kaum 60 Minuten erreicht, in weite- ren 30 Minuten den Posener Flughafen? Die Schlußfolgerungen, die sich daraus vom Stand­punkt der Landesverteidigung ergeben, liegen auf der Hand. Sie wurden uns besonders sinnfällig gemacht durch zwei polnische Jagdeinsitzer franzö­sischer Bauart, die wir auf dem Flughafen von Posen sahen. Das ist die Kehrseite des zeitraffen­den Luftverkehrs Deutschlands Luft­flanken sind ungeschützt, solange wir nicht die volle militärische Gleichberechtigung haben, solange wir nicht über eine Militärfliegerei ver­fügen, die wenigstens für eine wirksame A b - kehr im Kriegsfälle ausreicht.

Auch sonst sind nach dem deutsch-polnischen Ab­kommen noch genug Ausgaben geblieben, die guten Willen und gegenseitiges Verständnis erfordern, wenn sie zum Nutzen für beide Nationen gelöst werden sollen. Der ehemalige Freikorpsmann denkt beim Studium der Streckenkarte zurück an die

schweren Monate des Jahres 1919, in denen deut­scher Boden und deutsche Menschen gegen pol­nische Aufständische zu schützen waren. Das Land zwischen Deutschen und Posen, der ganze Raum nördlich und südlich der Fluglinie ist ge­sättigt von Erinnerungen an die Kampfzeit von damals. Und wir wissen, daß hier auch heute noch H u n d e r t t a u s e n d e von Deutschen wohnen, die ihrem Volkstum treu geblieben sind, obwohl es ihnen seit Jahren nahezu unmöglich ist, auch nur besuchsweise ins Reich zu kommen. Gerade die einst deutschen Gebiete Polens leiden zudem unter der Wirtschaftskrise be­sonders schwer, da ihnen feit vielen Jahren der natürliche Absatzmarkt im Reich genommen ward. Der Zollkrieg zwischen dem Reich und Polen hat überhaupt sehr erhebliche Verwüstungen angerichtet, die nur allmählich mit gutem Willen wieder be­seitigt werden können. So erfahren wir beispiels­weise hier von kompetenter polnischer Seite, daß heute der britische Handel an der Spitze der polnischen Ein- und Ausfuhr steht, obwohl Polen und Deutschland auf 1000 Kilometer und mehr engste Nachbarn sind, und obwohl die Wirtschaft beider Länder seit Jahrzehnten innig miteinander verflochten ist. Selbstverständlich konnte sich England alle Vorteile einer entwerteten Valuta zunutze machen, und es ist ihm so gelungen, mit Unterstützung einer sehr geschickten Vertragspolitik einen erheblichen wirtschaftlichen Vorsprung in Polen zu erzielen, der durch die rein wirtschaftlichen Tatsachen und Gegebenheiten nicht gerechtfertigt ist. Der englische Handel hätte aber nicht soviel Vorteile erringen können, wenn er nicht durch das politische Verhältnis, wie es bis vor wenigen Monaten zwi­schen Berlin und Warschau bestand, erheblich unter­stützt worden wäre.

Wir werden uns bemühen müssen, weiträu­miger zu denken. Auf dem 500-Kilometer-Flug

von Berlin nach Warschau fällt es einem aus der Perspektive von 1500 Meter Höhe nicht schwer, sich vorzustellen, daß Deutschland und Polen im Grunde in d i e gleiche Großraumwirtschaft hineingehören, da sie sich in ihren ökonomi­schen Bedingungen und Voraussetzungen nahezu lückenlos ergänzen. Wie sehr das der Fall ist, haben ja die Jahre des Zollkriegs vielleicht am besten bewiesen. Denn trotz des wirtschaftlichen Kriegszustandes zwischen beiden Ländern war Deutschland immer einer der besten Abnehmer pol­nischer Erzeugnisse, wie es umgekehrt auch noch vor verhältnismäßig kurzer Zeit an der Spitze der pol­nischen Einfuhr stand. Hier werden wir wieder an- setzen müssen, und wenn uns auch die kurzen Stun­den unseres Besuches keine Möglichkeit ließen, die Möglichkeit einer Verdichtung der gegenseitigen Be­ziehungen näher zu untersuchen, so haben wir bud) den Eindruck, daß die verantwortlichen polnischen Stellen bereit sind, auch ihrerseits die Wege wieder zu ebnen.

Knapp 500 Kilometer östlich von Berlin sitzen wir auf der Hotelterrasse an einer wundervollen Platzanlage, dem Pilsudskiplatz, auf dem sich noch nach dem Kriege eine orthodoxe Kathedrale als Wahrzeichen russischer Zwingherrschaft von ehedem erhob. Die Polen haben diese politische Kirche, die ein Fremdkörper in der Stadt war, gesprengt und damit den Zustand wiederhergestellt, wie er vor 200 Jahren etwa an dieser Stelle herrschte. Trotz aller unverkennbaren Zeichen des europäischen Ostens, die die polnische Hauptstadt in ihren Zügen aufweist, ist ihr Antlitz nach Westen gerich­tet, und es ist der Ehrgeiz des jungen polnischen Nationalstaats, nicht nur nationalbewußt, sondern auch europäisch im besten Sinne zu jein. Ein ver­nünftiger, für beide Teile förderlicher Ausgleich zwischen dem Reich und Polen wird dazu am mei­sten bei tragen können.

Sven Hedin, der Deutschenfreund.

Aufregende Erlebnisse des berühmten schwedischen Forschers.

Mit atemloser Spannung verfolgt die ganze Welt den Weg des schwedischen Forschers Sven Hedin, der mit seiner Expedition feit Jahren in der Inneren Mongolei ar­beitet. Wie aus einem Telegramm des be­rühmten Gelehrten hervorgeht, ist er mit seinen getreuen Helfern in den Brennpunkt der Kämpfe zwischen dem Aufständischen- General Ma und chinesischen Truppen ge­raten. Die Leute der Sven Hedinschen Expe­dition wurden wie Gefangene behandelt, überstanden eine schwere Beschießung und waren Zeugen furchtbarer Plünderungsszenen. Die letzte Expedition?

Wieder weilt Sven H e d i n mit einer Expedition in den unerforschten, rätselhaften Gebieten Jnner- asiens. Schon vor mehreren Jahrzehnten hat der berühmte schwedische Forscher und Gelehrte damit angefangen, dieses unbekannte Land zu erforschen. Man kann sich schwerlich ein gewaltigeres und ein­drucksvolleres Lebenswerk vorstellen. Während seiner vieljährigen Forschungsreisen mußte Sven Hedin die fürchterlichsten Strapazen erdulden, hun­dertmal schwebte er in Lebensgefahr, hundertmal befand er sich mit feinen Expeditionsmitgliedern am Ende seiner Kräfte, hundertmal schien es, als würde er unter der Wucht der Entbehrungen zusammen­brechen. Aber immer wieder hat es dieser helden­hafte Forscher verstanden, neuen Mut zu schöpfen und feinen getreuen Helfern einen unerschütterlichen Glauben an ihre Mission einzuflößen.

Es ist unmöglich, auch nur einen flüchtigen Ueberblick über die Forschungsreisen zu geben, die Sven Hedin im Laufe seines arbeitsreichen Lebens unternommen hat. Schon im Jahre 1885, als er noch unbekannt und mittellos war, wurde er von jenem dämonischen Forscherdrang befallen, der ihn nicht mehr freigeben sollte. Sven Hedin wanderte damals durch Persien und Mesopota­mien. Bon diesem Zeitpunkt an war sein Leben

eine einzige Aufeinanderfolge von wissenschaftlich bedeutsamen Expeditionen, welche die gesamte Welt in Bewunderung versetzten: nach und nach wurde ein Problem nach dem andern gelöst. Länder wur­den erforscht, die nie vorher ein menschlicher Fuß betreten hatte, man untersuchte Gletscher und Seen, durchwanderte unter entsetzlichen Entbehrungen ein­same Wüsten in glühender Sonnenhitze, entdeckte neue Gebirgsketten und 23 Salzseen, mit einem Wort: man erschloß mit den gewissenhaftesten wissenschaftlichen Methoden Gebiete, die noch völlig unbekannt waren.

Rasch war der Name Sven Hedin in aller Munde. Er wurde mit Auszeichnungen überschüttet, die Welt bewunderte seine Unerschrockenheit, seinen Mut und seine (Energie. Man bewunderte aber auch die wissenschaftlichen Ergebnisse seiner Forschungs­reisen. Was man früher von Zentralasien wußte, war herzlich wenig. Weite Strecken dieses Landes hat der schwedische Gelehrte der geographischen Wissenschaft erschlossen.

Mein Forscherwerk wäre nicht abgeschlossen, wenn ich nicht diese letzte große Expedition in das Innere Ostasiens hätte unternehmen können", so schrieb Sven Hedin vor einiger Zeit in einem Brief von feiner neuesten Forschungsfahrt nach Tarim, Lopnor und der Taklamakamwüste. Wird dies wirklich seine letzte Expedition fein? Wir er­lauben uns, daran zu zweifeln, wenn auch Fräulein Alma Hedin erklärte, daß die Expedition ihres Bruders wahrscheinlich die letzte nach dem Innern Ostasiens bleiben werde.Mein Bruder", sagte Fräulein Hedin,wird auf dieser Reise seinen 6 9. Geburtstag feiern und da hat man eigent­lich das Recht, zu einer weniger strapaziösen Lebensweise überzugehen."

Lieber 20 Jahre auf Reifen.

Sven Hedin hat feine erste Forschungsexpedition nach dem Innern Ostasiens vor 48 Jahren ange­treten. Man hat ausgerechnet, daß der berühmte

Termiten.

Don Gg. Heß, Gießen.

Als ich im Jahre 1907 zum erstenmal nach Deutsch- Ostafrika fuhr, erzählte man mir auf dem Dampfer alle möglichen und unmöglichen Geschichten aus dem schwarzen Erdteil, die ich teils gläubig, teils un­gläubig hinnahm. Es hätte mir eigentlich gruseln müssen vor den vielen Schlangen, Löwen, Elefan­ten, Büffeln, Skorpionen, Moskitos, Wander- ameifen, Zecken, Ratten und Termiten. Ja, die alten Afrikaner hatten vieles erlebt und wußten uns Grünhörnern alles recht gefährlich hinzustellen. Besonders ein alter Pflanzer schien während seines langjährigen Aufenthalts in dem Affenland aller­hand Gefahren bestanden und sehr schlechte Er­fahrungen mit Termiten gemacht zu haben.Als ich erst einige Wochen in Morogoro wohnte , sagte er,da wußte ich genug von diesen lieben Tier­chen. Eines Morgens griff ich nach meinen neuen Stiefeln, die unter dem Bett standen, da hatte ich die Schäften in der Hand und von den Sohlen war nur noch ein Häufchen Mehl vorhanden. Die Termiten hatten über Nacht taubere Arbeit ver­richtet."

Aehnlich erging es mir mit zwei Koffern. Ich hatte sie in einer Ecke meines Schlafzimmers ver­staut. Als ich sie eines Tags hochhob, hatten sie keine Böden mehr. Die Termiten hatten ihr Werk aetnn "

Hans Sachs.

Ein deutsches Dichterbildnis.

Von Wilhelm Schäfer.

Zu der Zeit, da Dürer fein köstliches Schilder­werk malte, da die Ratsherren, Humanisten und Zunftmeister die wachsamen Hüter der Bürger­schaft waren, da es noch Stadtfreiheit gab gegen die Frechheit der Fürsten, saß in seiner Schuh­macherwerkstatt zu Nürnberg der fröhliche Meister Hans Sachs.

Er hatte als Jüngling den Meistergesang fleißig geübt und war auf der Wanderschaft eifrig ge­meßen, die neuen Weifen zu lernen: nun galt er als Meister der Singschule, wie er ein Schuhmacher- meister war.

Der aber im Meisterlied seinen Mund auf alle Töne zu spitzen verstand, hielt der Natur Augen und Ohren geöffnet, auch saß ihm ein fröhliches Weib auf der Diele, das ein anderes Mundspitzen Üb©o war der Meister Hans Sachs ein rechtschaffe­ner Mann, der von den Sachen der Welt mancher- lei wußte; als er in redlichen Reimen davon zu erzählen begann, mußte das zierhafte Meisterlied erschrocken die Ohren zuhalten. r t

Keifende Weiber und krätzige Bauern, fahrendes Volk und schlimme Gesellen, alles, was um den Meister Hans Sachs gemeine Wirklichkeit war, ließ er in spaßhaften Reimen spazieren.

Aber der Spaß wurde fröhlicher Lärm, und die Frechheit sah manchmal hinein, wenn er sein Fast- nachtsspiel machte; da konnten die Spitzbuben recht die Bauern betrügen, die Dummen konnten von Herzen gemein und die Völler betrunken fern.

Wenn dann der Meister Hans Sachs mit dem warnenden Finger hinzu kam, merkten die Zu­schauer wohl, daß er schalkhaft mitlachte^

Der so fröhlich die Taglichkeit sah, wußte so war es immer gewesen: die Guten und Bosen, die Dummen und Schlauen, die Vornehmen und die Gemeinen füllten die Erde wje kalt und warm, wie Regen und Dürre, wie Flamme und Rauch; wo sie einander am hitzigsten trafen, war das Leben am liebsten geschäftig.' v . o ,,

So las er die alten Berichte und sah das Leben nur als das Gestern an, darin das Heute geschah; und alles Heute war sein, ob es Salomo, Kaiser Karl oder die schöne Melusine genannt war.

Aber der reichste Schatzhalter war ihm die Bibel: gleich Bilderbogen zoa er die alten Gestalten und

ihre Handlungen ab, angemalt mit den Farben, die ihm die eigene Täglichkeit schenkte, und mit der fröhlichen Weisheit unterschrieben, die der Schuh­machermeister darin fand.

So emsig suchte fein Eifer, daß ihm feiner ent­ging, von Adam bis Archelaus; alle mußten aus feiner fröhlichen Feder neu in die Welt spazieren, und alle mußten zu Nürnberg im fränkischen Land noch einmal Wirklichkeit sein.

(Er wurde in Fröhlichkeit alt und war noch als Greis ein fleißiger Schaffner, nur die Schuh­macherwerkstatt verließ er, an feinem Schreibpult zu sitzen.

Und als ihm im achtzigsten Jahr seines Lebens die Sprache versagte, saß er noch immer an feinem Pult und las in den Büchern, die er kaum noch verstand.

Nur in den Augen war noch das fröhliche Leben geblieben, und wer als Gast in feinen Altenteil trat, dem nickten sie schelmisch zu.

Und dann erst mein schöner Teppich. Mit müh­sam erspartem Geld hatte ich ihn von einem alten Araber gekauft. Es war ein echter Perser. Wie wohnlich sah jetzt meine weißgetünchte Bude mit den selbstgefertigten Möbeln aus und wie freute ich mich, als ihn meirt Diener in meinem Wohn­zimmer ausbreitete. Doch welch Mißgeschick! Am andern Morgen stürzte mein Diener Jussuf bin Ali in mein Schlafzimmer und schrie:O Herr, die Termiten haben einige Löcher in deinen Teppich gefressen." Wie von einem Skorpion gestochen, sprang ich auf. Mein schöner Teppich, er war dahin. Ein harter Schlag für mich. Aber noch härter wurde ich getroffen, als mir einmal die halbe Decke meines Zimmers auf den Kopf fiel. Und das kam so. Während der großen Regenzeit sah ich am frühen Morgen eine dicke Spinne an der Zimmerdecke sitzen. Spinne am Morgen, Kummer und Sorgen, dachte ich. Weg mit dieser Unglücks­bringerin! Ich nahm einen Speer und stach nach ihr. Die Spinne erkannte sofort die Gefahr und suchte sich zu retten. Ich stach nochmals und als ich wieder stoch, fiel mir ein großer Teil der Zim­merdecke auf den Kopf. Die Termiten hatten die Holzbalken stellenweise restlos aufgezehrt." Donner­wetter, kann der Kerl lügen, dachte ich damals, habe den Mann aber später innerlich um Ver­zeihung gebeten, als ich einige Monate in dem schwarzen Erdteil wohnte. Mit der Kenntnis dieser von anderen gemachten Erfahrungen, betrat ich zum erstenmal das Schutzgebiet. Wenn ich auch während meines Aufenthalts in Afrika nicht die­selben bitteren Erfahrungen mit Termiten machte, so habe ich mit diesen Tierchen doch allerhand er­lebt.

Sämtliche Holzmöbel in meiner Wohnung stan­den in kleinen Blechdosen, die mit etwas Petro­leum gefüllt waren, damit die Termiten nicht an das Holz konnten. Holzkoffer und Stiefel wurden nicht auf den Boden gestellt. Teppiche aus Wolle wusden nicht ausgelegt. Als ich ein Monat im Lande war, machte ich die erste nähere Bekannt­schaft mit Termiten. (Es war bei Beginn der gro­ßen Regenzeit. Die Luft war geschwängert vom Duft blühender Akazien in der Nähe meiner Woh­nung. Ich saß abends recht gemütlich in einem Bombayliegesiuhl bei trautem Lampenschein in dem moskitosicheren Verschlag meiner Veranda und las eine spannende Geschichte. In dieser gemütlichen Siesta wurde ich aber bald gestört. Draußen zirp­ten Grillen in ohrenbetäubender Weise, und in meinem Käfig summte es plötzlich, als ob tausend Maikäfer einen Flugplatz bei mir eröffnet hätten.

schwedische Forscher über 20 Jahre auf Reisen gewesen ist. Ist es da ein Wunder, wenn Innerasien zu seiner zweiten Heimat geworden ist? Die ungelösten Probleme, von denen dieses ge­heimnisvolle Land erfüllt ist, haben schon früh seins Phantasie beschäftigt. Wenn Sven Hedin neuer­dings eine Expedition von acht Monaten unter­nahm, so lag der Grund darin, weil in Jnner- afien noch Hunderte von Fragen ihrer Lösung ent­gegenharren. Was sind auch dreißig Jahre eines noch so fruchtbaren Forscherlebens im Vergleich zu der unvorstellbaren Zeitspanne, in der sich die Ent­wicklung dieses Landes vollzogen hat! Vieles hat Sven Hedin erforscht, aber vieles bleibt noch zu erforschen. Noch ist zum Beispiel der östliche Teil der Taklamakamwüste ein Buch mit sieben Siegeln. Noch lockt das ungeklärte Geheimnis derwan­dernden See n", noch wollen die Probleme der uralten Karawanenwege gelöst werden; auf denen vor 2000 Jahren chinesische Waren nach dem alten Rom kamen. Die chinesischen Behörden haben ein großes Interesse daran, daß diese alten, geheimnisvollen Karawanenstraßen Jnnerasiens auf- «- gefunden werden.

Auf welche Weise vollzog sich im Altertum der Kulturaustausch von Osten nach Westen? Welche Wege wurden hierfür benutzt? Wäre es möglich, längs des uraltenS e i d e n w e g e s" eine mo­derne Autostraße anzulegen? Sven Hedin will alle diese Fragen beantworten.

Das Geheimnis

des wandernden Gees.

Am interessantesten von all diesen Dingen ist zwei­fellos derwandernde See". Ein See, der im Laufe der Zeit seinen ursprünglichen Standort verändert, der bald da, bald dort auftaucht? Wie ist dieses seltsame Phänomen zu erklären? Schon vor drei Jahrzehnten hat Sven Hedin die Behauptung auf­gestellt, daß der Lobnorsee, von dem hier die Rede ist, wandert. Ein wandernder See? Es gab damals Diele, die der Behauptung des schwedischen Gelehrten mit einem überlegenen, ungläubigen Lächeln begeg­neten. Swen Hedin ließ jedoch nicht von seiner Heber- Beugung. Schon im Jahre 1896 stellte er fest, daß der See Lobnor großen Veränderungen unterworfen ist. Sven Hedin bezeichnete es selbst als einen der größten (Erfolge, als es einem feiner Mitarbeiter während der großen asiatischen Expedition, die im Jahre 1927 ihren Anfang nahm, gelang, das Lobnor- problem restlos zu lösen. Es war damit erwiesen, daß der See wirklichwanderte".

Die Ergebnisse der letzten sechsjährigen Expedition in Innerasien übertrafen alle Erwartungen. Alle Gelehrten kamen damals nach Peking zurück, als die Expedition beendet war. Schließlich meldete sich auch Dr. Niels A m b o 11, der sieben Monate in Chine­sisch-Turkestan tätig war und dort in den Schnee- ftörmen seine Karawane von 85 Tieren verloren hatte, gerade als eine Rettungsexpedition aufbrechen wollte, um ihn zu suchen. Während dieser sechsjähri­gen Expedition wurden auf allen Gebieten über­raschende Entdeckungen gemacht: fünfzigtausend Werkzeuge aus der jüngeren Stein­zeit wurden unter anderem gefunden, Pfeilspitzen, Tongefäße, Haushaltsgegenstände und Schmuck; mehr als zehntausend Schriften, die ein 2111 e r d o n 2000 Jahren haben und auf Holzstreifen ge­schrieben sind. Unmöglich, auch nur einen Bruchteil all der interessanten Dinge aufzuzählen, die von der Expedition gefunden wurden. Die Wissenschaft erfuhr durch die sechsjährige Forschungsarbeit des schwe­dischen Gelehrten eine gewaltige Bereicherung. In einer Front von mehr als 4000 Kilometern durch­forschte die Expedition beinahe die ganze mittelasia­tische Wüste zwischen Edsin Gol und dem Pamir.

Deutschland Sven Hedins zweite Heimat.

Wir haben allen Grund uns zu freuen, daß Sven Hedin den großen Gefahren, in welche die Expedition bei den Provinzkämpfen an der Grenze von Turkestan geraten ist, glücklich entronnen ist. Die Lage war manchmal, wie Sven Hedin selbst schilderte, außerordentlich brenzlich. Die Expe- Wie ein geölter Blitz sprang ich auf und da ge­wahrte ich in einer Ecke einen dicken Haufen Ter­miten, der mitten aus dem Zementfußboden zum Vorschein kam. Lange hornißähnliche Insekten flogen schwerfällig mit brummendem Geräusch von ihrem Stammvolk fort, um als Kolonisten Neuland zu besetzen. Sie hatten aber diesmal kein Glück. UeberaU stießen sie gegen das Drahtgeflecht und verloren ihre Flügeldecken, die viel zu schwach für ihren schweren Körper waren. Hilflos fielen sie auf den Boden, wo sie eine Beute meiner Boys wurden, die sie in ihre Feze sammelten, um sie sich später geröstet zu Gemüte zu führen. Die übrige Gesellschaft in Ameisengröße ohne Flügel, das sind die Arbeiter und Soldaten, versuchte dem Licht­schein meiner Lampe zu entrinnen, wurde aber mit Petroleum übergossen und vernichtet. Licht und Sonne meiden diese Tierchen. Bei ihnen spielt sich alles im Dunkln ab. Müssen sie aber notgedrun­gen durch Licht und Sonne hindurch, das für sie den sicheren Tod bedeuten würde, dann bauen sie sich lange Laufkanäle, die ziemlich dauerhaft sind.

Diele Monate später hatte ich ein anderes (Erleb­nis mit diesen Tierchen. Ich befand mich damals auf einer Dienstreise im Innern des Schutzgebiets, um Hüttensteuer einzuziehen. Bei dieser Gelegen­heit übte ich unterwegs die Jagd aus und hatte dabei das Glück, zwei Geparde zu erlegen, deren Felle ich in meinem Lager zum Trocknen in die Sonne legen ließ. Zu meinem Schaden vergaßen meine Leute sie am Abend aufzuheben, was sich bitter rächte. Denn als ich sie am anderen Mor­gen einpacken ließ, hatten die Termiten beide Köpfe angefreffen.

Tod und Verderben diesen Plagegeistern, wird jeder denken, der die oben geschilderten Begebnisse liest. Doch die lieben Tierchen haben auch gute Eigenschaften. So sind sie für den Boden von un­geheurem Wert. Aehnlich wie die Regenwürmer lockern sie die Humusschichten auf und machen fau­lende Früchte, abgestorbene Blätter und Holz dem Boden nutzbar. Ihre oft meterhoch über die Erde ragenden Wohnungen, die sogenannten Termiten­hügel, sind lehmhaltig und liefern für die Neger­hütten einen sehr guten Fußbodenbelag und Wandbewurs. Die Insekten selbst sind bei den (Eingeborenen ein geschätztes Nahrungsmittel, und es herrscht daher in den einzelnen Negerdörfchen ein geschäftiges Leben und Treiben, wenn die Schwärmtage der Termiten kommen. Dann ist Alt und Jung auf den Beinen und macht Jagd auf diesen Leckerbissen, der geröstet wie Krabben schmeckt.