3)ie echte und die falsche Doralies Roman von Anny von Panhuys.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S>)
10. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Sie überlegte. Nein, Fritz Wolfram durfte sie noch nicht melden, das wäre vielleicht verfrüht, obwohl Doralies geschrieben, das Rätsel, das der Brief aufaäbe, würde bald von Mooshausen aus gelöst werden. Fritz Wolfram sollte nicht in Vaterangst gejagt werden. War Doralies wirklich zu ihm gefahren? Wenn der Brief nicht so klang, würde er schon selbst schreiben. Sie war ganz durcheinander von dem Geschehenen und dachte nur immerzu: Um irgend eine kleine törichte Lüge läuft einem das Mädelchen, an das man so schnell sein Herz gehängt hatte, davon.
Sie fuhr sich mit dem Taschentuch über die Augen. Sie war von Furcht erfüllt, sah alles um die Tochter des Jugendfreundes herum grau in grau. Sie grollte Peter Konstantin, der sonst kein Splitterrichter war, daß er sich an dem Tage aufgespielt hatte wie ein sittenstrenger Puritaner.
Ihr Mann erschien.. Sie erzwang ein Lächeln. Er fragte:
„Du willst jetzt mit Doralies ausgehen — nicht wahr, Edda?"
Sie schüttelte den Kopf:
„Nein! Sie gefiel mir nämlich gesundheitlich nicht. Sie.hat eine leichte Erkältung und Fieberneigung, und ich habe sie vorhin gleich ins Bett gestopft."
„Nanu?" machte er. „Davon hat man eigentlich bei Tisch noch gar nichts gemerkt. Bestelle ihr, ich lasse ihr herzlichst gute Besserung wünschen. Und jetzt besorge mir starken Kaffee, liebe Edda, ich möchte an die Arbeit gehen! Wenn Konstantin kommt, sage ihm, ich könne ihn nicht mehr sprechen, heute nachmittag möchte ich ganz allein bleiben. Er braucht nur die Sprechstunden abzuhalten."
Er entfernte sich schon wieder, und Frau von Stübnitz ging, ihm den gewünschten Kaffee selbst zu bereiten und zu bringen. Vor einer Aufgabe wie die, die er nunmehr zu lösen hatte, brauchte er stets Ruhe zur Konzentration. Wie hätte sie ihm da erzählen dürfen, daß Doralies fort war!
Sie erwartete bange und gedrückt Peter Konstantins Rückkehr, und saß in der Halle, den Blick fast ständig auf die Uhr geheftet. Endlich kam er. Sie erklärte ihm gleich, daß ihr Mann seiner jetzt nicht mehr bedürfe. Nun blieb ihnen beiden, bis zum Beginn der Sprechstunden, die Doktor Konstantin oft allein übernahm, noch eine reichliche Viertelstunde. Man ging wieder in das Wohnzimmer Frau Eddas, und Doktor Konstantin be
richtete, er hätte Frau Steinmetz zu Hause angetroffen und sie mit der Nachforschung beauftragt, ihr alles Wichtige erklärt, ihr den Brief gezeigt und um strenge Verschwiegenheit gebeten. Frau Steinmetz würde hierherkommen, um sich genau darüber zu unterrichten, was Doralies Wolfram angehabt habe; seine wohl ein wenig unsichere Beschreibung hätte ihr nicht genügt. Er gab den Brief zurück und ging ins Büro, die Sprechstunde abzuhalten.
Er merkte bald, er war dabei sehr unaufmerksam und mußte sich fest zusammenreißen, um den Auseinandersetzungen der Sprechstundenbesucher gut folgen zu können. Er dachte an das junge Mädchen, mit dem er noch am Mittag zusammen am Tisch gesessen hatte und das nun auf so eigentümliche Weise verschwunden war. Wo war sie hin? Und was barg sich hinter den Andeutungen im Briefe? Um was für eine Lüge handelte es sich?
Er glaubte sie vor' sich zu sehen wie zuletzt und erinnerte sich ort den Zug um ihren Mund, der so etwas Verzweifeltes gehabt hatte. Er kam sich schuldig vor.
Warum hatte er auch so schroffe Aeußerungen machen müssen?!
Aber wenn Doralies Wolfram eine Lüge auf dem Gewissen gehabt, hätte sie doch auch wohl weiter damit fertig werden können! Weshalb trieb sie seine Aeußerung aus dem Hause?
Die Bemerkung Frau Eddas, er sei Doralies nicht ganz gleichgültig, wirkte in ihm nach und erfüllte ihn mit einem Glücksgefühl, in das sich Angst mischte.
Angst: Wo war Doralies? Und würde sie wieder hierher zurückkehren?
Er war ehrgeizig und hatte immer nur gearbeitet und vorwärts gestrebt. Frauen hatten ihm bisher das Herz noch nicht warm gemacht. Jetzt aber spürte er es wie Zärtlichkeit in sich aufsteigen — eine Zärtlichkeit, die ihm fremd und neu war.
Es war nicht vollständig dunkel, denn manchmal kroch der Mond hinter einer Wolke hervor; dann goß er sein fahles, spukhaft bläuliches Licht nieder auf die Erde und riß alle Nähe in seine geheimnisvolle Helle. Er stand über dem kleinen württem- bergischen Städtchen Mooshausen und über Schlößchen und Park. Es hatte eben neun Uhr geschlagen, da knarrte ganz leicht, obwohl sie Frau Hensel geölt hatte, die kleine Holztür in der Mauer, und ein Mann betrat den Park, blieb, nachdem er die Tür wieder ins Schloß gedrückt hatte, abwartend und lauschend stehen. Eine Laube stand nahe der Mauer, von wildem Wein umsponnen, und aus der Laube kam ein ganz leiser Ruf. Ein Name.
„Lutz!" klang es herzwarm, dabei ein ganz klein bißchen fragend.
Wie jetzt der Mond fein Licht verschwendete! Wie eine Riesenampel hing er hoch oben und zeigte einem Verliebten den Weg. In der kleinen Laube,
um die der wilde Wein rankte, fanden sich zwei, küßten sich und vergaßen alles um sich herum.
Endlich gab der Mann das schlanke Mädel ein wenig frei, flüsterte zärtlich:
„Meine Doralies, meine süße Doralies, wie glücklich bin ich! O du, wie habe ich an dich gedacht drüben in Indien! Kein Tag verging, ohne daß ich mich nach dir gesehnt. Und wie gesehnt!"
Sie schmiegte sich schon wieder fester an ihn.
„Und ich habe auch viel, so viel an dich gedacht. Seit dem Abend, als du Abschied nahmst und mich geküßt hattest. Vorher wußte ich doch noch gar nicht, wie lieb ich dich habe."
Er mußte sie dafür wieder küssen.
Wie hell es war. Er konnte deutlich die Züge der Geliebten und den Glanz in den großen Äugen, die für ihn die schönsten auf Erden waren, sehen.
Er fragte:
„Aber nun erkläre mir doch, Doralies, was bedeutet es, daß Frau Hensel mich so dringend bat, niemand ein Wörtchen davon zu verraten, daß du dich in Mooshausen befindest? Warum soll das niemand wissen? Selbst Mutter nicht, die sogar behauptete, gehört zu haben, du wärest nach Berlin gereift. Mutter war sogar ein bißchen gekränkt, weil du ihr keinen Abschiedsbesuch gemacht hattest. Als ich kam, überraschte mich Mutter gleich mit der niederschmetternden Nachricht von deiner Reise, und als ich es nicht glaubte und mal spionieren wollte, fing mich dein Hänschen ab und bestellte mich hierher, verlangte aber strengste Verschwiegenheit über dein Hiersein. Erkläre mal, Kleines, was steckt dahinter? Ich begreife nichts, gar nichts."
Sie zog ihn auf die Bank nieder.
„Es ist ja nicht kalt heute, da dürfen mir wohl ein wenig fitzen. Und nun will ich dir ein Geheimnis anvertrauen, Lutz! Aber versprich mir, zu niemand davon zu reden, auch zu deiner Mutter nicht."
Er versprach:
„Ich werde zu niemand davon reden, auch zu meiner Mutter nicht."
Er hatte sie umgefaßt, und ihr Kopf lag an feine Schulter gelehnt. So erzählte sie kurz, aber mit dem lebhaften Schwung ihres Temperaments, daß sie sich nicht gerade in dieser Zeit, wo er erwartet wurde, hier fortschicken lassen konnte, und auf welche Idee sie verfallen sei, die sie auch ausgeführt habe.
Lutz Gärtner, der anfangs, während sie sprach, ihr Haar gestreichelt hatte, ließ die streichelnde Hand ruhen, als sie triumphierend schloß:
„Das habe ich doch glänzend gemacht — nicht wahr?"
Er antwortete nicht gleich. Es fiel ihm schwer. Denn das, was er dachte, konnte er nicht sagen. Kränken wollte er Doralies nicht, beileibe nicht. Das, was sie ausgeheckt, hatte sie doch nur seinetwegen getan. Sie fragte mit leicher Ungeduld:
„Freust du dich nicht, Lutz, daß ich Vatis Plan mit dem meinen so famos durchkreuzte? Und alles
klappte bisher und wird weiter klappen. Wenn's dann Zeit ist, zu gestehen, tue ich's, und Regina muß sich dann bei Frau von Stübnitz rechtzeitig davonmachen."
Lutz konnte mit feinem Vorwurf doch nicht ganz zurückhalten.
„Ein ziemlich tolles Stückchen habt ihr euch eigentlich geleistet, Regina Graven und du! Ich muß bekennen, Regina hätte ich den Mut zu dergleichen nicht zugetraut."
Sie lachte leicht auf.
„Regina hat Mooshausen satt gehabt bis zum Hals: stellungslos war sie und ihre Wirtin ’ne eklige Pute. Und dann habe ich geweint bei ihr, weil ich fort sollte, ohne dich sehen und sprechen zu können. Da hatte sie Mitleid. Ich wollte dich doch wiedersehen, das konnte ich mir doch nicht nehmen lassen."
Er war gerührt und strich wieder über ihr weiches Haar.
„Meine einzige Doralies! Aber trotzdem müssen wir überlegen, wie die Geschichte wieder einzurenken ist; du darfst da nicht bis zum äußersten abwarten. Üeberiege doch vor allem, die Same in Berlin hat doch gar keine Veranlassung, eine Fremde als lieben Gast wochenlang zu verpflegen und auszuführen."
Doralies lachte vergnügt:
„Ich glaube, sie schneidet dabei sehr gut ab. Was meinst du, was ich ihr für Überraschungen bereitet hätte, während Regina sich bestimmt sehr brav benimmt. Ich habe ihr zwar geraten, sich ab und zu ein bißchen toll zu benehmen; aber die bringt das ja gar nicht fertig."
Er mußte auch lachen, wurde aber gleich wieder ernst.
„Schön! Das mag stimmen, Doralieselein! Trotzdem rate ich dir, deinem Vater Farbe zu bekennen."
Sie seufzte:
„Bist auch ein Philifterchen, Lutz? Schade! Aber wenn dir viel daran liegt..."
In zögernder Frage klang der Satz aus.
Er antwortete:
„Mir liegt sehr viel daran. Es handelt sich um eine Sache, die vielleicht friedlich und lustig auf diese Weise in Ordnung geht, wie du es dir vvr- stellst, die aber durch irgend einen Zufallswind so gedreht werden kann, daß allerlei Unannehmlichkeiten entstehen. Mir liegt daran, Doralies, daß du deinem Vater die volle Wahrheit gestehst."
Sie legte beide Arme um seinen Hals, und der Mond zog sich hinter eine dunkle Wolke zurück.
Doralies tuschelte:
„Ich will es tun, aber nicht eher, als bis du ab- gereift bist. Väter find unberechenbar! Vielleicht nimmt Vati die Sache krumm und paßt mehr auf mich auf, und wir können uns dann nicht mehr sehen."
Die Aussicht gefiel ihm ganz und gar nicht.
(Fortsetzung folgt.)
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