Das Präsidium der Abrüstungskonferenz kommt nicht von der Stelle.
Heftiger Zusammenprall zwischen Henderson und Barthou. - Oer Präsident droht mi seinem Rücktritt, da Frankreichs Außenminister alle Vorschläge für ein Arbeitsprogramm ablehnt, ohne eigene vorzubringen.
Genf, 5. Juni. (DNB.) Der Präsident der Abrüstungskonferenz Henderson hat dem Präsidium eine Entschließung zur Beschlußfassung vorgelegt, in der es heißt: Der Hauptausschuß der Ab- rü.stungskonferenz begrüßt mit Befriedigung den von den verschiedensten Seiten deutlich ausgesprochenen Wunsch, die Konferenz ihre Arbeiten fortsetzen zu sehen mit dem Ziel, zu einem A b k o m - m e n zu gelangen. Er beschließ, daß der Vorschlag Sowjetrußlands, die Konferenz in eine dauernde Friedenskonferenz umzuwandeln, einer Prüfung der Regierungen unterworfen werden muß, ehe er Gegenstand der Beratungen bildet. Er ist der Meinung, daß der Vorschlag, gegenseitige Hilfelei- stungspakte abzuschließen, in erster Linie zwischen den Regierungen verhandelt wird, die unmittelbar daran interessiert sind. Die Ergebnisse müßten dann dem Präsidenten der Konferenz mitgeteilt werden. Er bittet das Präsidium, mit allen Mitteln, die es für angemessen halten sollte, und mit der Unter- st. ü tzung einer anderen Macht oder anderer Mächte, die zur Teilnahme an seinen Arbeiten einzulaben es für notwendig oder nützlich halten sollte, den Ausgleich der Gegensätze zu versuchen, die noch bestehen. Er entscheidet, den Hauptausschuß mit allen A b - rüstungsfragen en bloc zu befassen und die politische Kommission mit allen Sicherheits- fragen. Er ist dennoch der Meinung, daß zum Zwecke einer erfolgversprechenden Behandlung dieser Frage eine politische Vorbereitung im voraus notwendig ist und daß eine verfrühte Prüfung unweigerlich Schwierigkeiten entstehen lassen würde. Er bittet daher den Präsidenten, die Vorbereitungen fortzusetzen, und b e - v o l l m ä ch t i g t ihn, das Studium der die Abrüstung oder die Sicherheit betreffenden Fragen in Angriff zu nehmen, sobald im Hinblick auf die politischen Fragen genügende Fortschritte erreicht sind.
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lieber diesen Entschließungsentwurf Hendersons ging es am Dienstag im Präsidium der Abrüstungskonferenz hinter verschlossenen Türen weiter, ohne daß es zu irgendwelchem greifbaren Ergebnis gekommen wäre.
Barthou
stellte die Sicherheitsfrage wieder in den Mittelpunkt und lehnte den Vorschlag, dem Präsidium besonder Vollmachten zur Lösung der Abrüstungskrise zu erteilen ab. Was jetzt vorgeschlagen werde, sei genau das Gegenteil dessen, was man im Hauptausschuß beschlossen habe. Auch er sei dafür, daß Deutschland wieder in die Konferenz zurückkehre, aber er sei dagegen, daß m a n es ausdrücklich zu rück hole. Es müsse mit dem gleichen freien Willen zurückkommen, mit dem es die Konferenz verlassen habe. „Will man mit Deutschland verhandeln", fuhr Barthou fort, „meinetwegen, ober was kann man davon erwarten? Daß Deutschland dem Völkerbund Bedingungen stellt, dem Völkerbund, den Deutschland ohne Grund verlassen hat. Das wäre eine Demütigung des Völkerbundes. Wer wird das vorschlagen? Wollen Sie Deutschland bitten, zurückzukehren und Bedingungen zu stellen?" Er würde sich jedenfalls an einer solchen Rückkehr nicht beteiligen. Er verlange, daß Deutschland hier ohne jeden Zwang zurückkehre, seinen Platz einnehme und daß man dann alle Fragen der Sicherheit, der Entwaffnung und der Gleichberechtigung erörtere, um einen Ausgleich zu finden. Man kann den Zusammenbruch der Konferenz vermeiden, aber nur durch Offenheit. Ein aus Entgegenkommen entstandener Text wäre ein Text der Illusionen und der Enttäuschung. Die Welt würde unsere Entscheidungen morgen als Erfolg begrüßen, aber übermorgen wäre sie enttäuscht.
Henderson
erwiderte darauf, er habe die Verantwortung auf sich genommen, dem Präsidium zu helfen, aus der Sackgasse herauszukommen. Er habe das getan mit aller Unparteilichkeit. Er könne es nicht zulassen, daß man seine Unparteilichkeit tritt- fiere, andernfalls würde er die ihm anvertraute Mission aufgeben. Die gegenseitigen Hilfeleistungspakte hätten nichts mit Der Sicherheit zu tun. Es entspreche doch dem gesunden Menschenverstand, daß diese Pakte erst durch die daran interessierten Regierungen besprochen würden. Danach könne dann durch Vermittlung des Präsidenten eine Verbindung mit der Konferenz hergestellt werden. Er könne sich nicht an einem Versuch beteiligen, einen Staat, welcher es auch sei, durch einen Pakt dieser Art e i n z u k r e i se n. Er müsse die Arbei- ten der Konferenz im © e i ft e der Billigkeit gegen jeden führen.
Gestern habe man es nicht fertig gebracht, ein Komitee einzusehen. Soeben habe er nun vor- schlage gemacht, die Barthou zurückgewiesen habe. Unter diesen Verhältnissen müsse er Barthou fragen, ob er nicht selbst eine Arbeitsmethode vorzuschlagen habe. Wenn er das einfach ablehne, dann müsse man morgen den Hauptausschuh einberufen. Lr als Präsident habe dann die Pflicht, dem Hauptausschuß mitzuteilen, daß das Präsidium nicht in der Lage ge- wesen sei, sich auf ein Arbeitsprogramm zu einigen.
Sei die Konferenz nicht eine Konferenz für die D e r m i n d e r u n g der Rüstungen? Die Sicherheit sei wichtig, weil sie zu einer Herabsetzung der Rüstungen führen könne; ober solange eine Regierung Zer st ö rungswaffen zur Ser« fügung habe, könne man nicht von einer vollen sprechen. Deshalb müsse man z u n ä ch st die 3iu ft ungenaufein möglichst tiefes Je i d e a u senken, um Sicherheit zu haben.
Barthou
erklärte er sei überzeugt, daß feine Rede keinerlei Vorwurf verdiene. Habe er die Verpflichtung, einen vorzulegen, wie es der Präsident verlange?
Als Chef einer Abordnung kenne er seine Verant- Wörtlichkeiten. Von welcher Seite auch eine Auf- foröerung dazu komme, so habe er das Recht, sie abzulehnen. Habe er im übrigen nicht eine sehr
klare Haltung eingenommen? Gestern habe er vor- geschlagen, die dem Hauptausschuß unterbreiteten Vorschläge einem besonderen Ausschuß zu überweisen. Er halte das aufrecht. Er verlange, daß man nicht fremde Vorschläge in diejenigen hinein- mische, die in offizieller Form dem Hauptausschuß unterbreitet worden seien. Wenn man seinen Vorschlag gestern zur Abstimmung gestellt hätte, so hätte er vielleicht die Mehrheit auf sich vereinigt. Er habe nicht ein Wort gesagt, das verletzen könnte. Er wiederhole, daß er niemals, auch nur indirekt, die Loyalität Hendersons in Frage gestellt habe. Er würde nicht die Verantwortung auf sich nehmen, zu sehen, daß der Präsident zurücktrete, der Präsident, der selber alter Parlamentarier sei,
Paris, 6. Juni. (DNB. Funkspruch.) Der Präsident der Abrüstungskonferenz, Henderson, hat es mit der französischen Presse gründlich verdorben. Bereits am Dienstag bezichtigte sie ihn, daß er hinterhältig im Einvernehmen mit Lordsiegelbewahrer Eden, Unfriebegefponnen habe. Auch heute fährt sie schärfstes Geschütz gegen ihn auf, weil er durch seine Entschließung die französische Sicherheitsthese, die man mühsam vorangebracht habe, durchkreuzen wollte. Aber nicht •nur Henderson, sondern mit ihm die gesamte englische Delegation und alle diejenigen Konferenzkreise, die sich vor Frankreichs Forderungen nicht ohne weiteres beugen wollen, werden für den Ausbruch einer Krise verantwortlich gemacht, die, wie man erklärt, zwei durch einen tiefen Graben getrennte Auffassungen zutage treten lasse und der Abrüstungskonfe- renz den Gnadenstoß versetzen dürfte. In der Tat sind die Betrachtungen der französischen Blätter, so rückhaltlos sie auch die Stellungnahme Barthous gegen Henderson billigen, weil er die französische Auffassung „Zuerst Sicherheit" verteidigt habe, mehr als pessimistisch hinsichtlich der noch bestehenden Verständigungsmöglichkeiten. „Die Kon-
Lonon, 6. Juni. (DNB.-Funkspruch.) Die Berichte der Genfer Korrespondenten besagen übereinstimmend, daß der scharfe Zusammenstoß zwischen Henderson und Barthou die Stimmung noch düsterer gemacht hätten, soweit dies überhaupt noch möglich sei, und daß jeder Versuch, ein Kompromiß in der Abrüstungsfrage zu erreichen, durch das beharrliche Nein Barthous vereitelt werde. Im Bericht des „Daily Herald" heißt es: Die Lage wurde am Dienstag verzweifelt. Die Stimmung scheint äußerst gereizt zu werden. In den Wandelgängen der Konferenz herrscht der bestimmte Eindruck, daß Barthou Das Beste tut, um die Konferenz zu sprengen. „Nöws Chronicle" sagt: Je eher die Delegierten Genf verlassen, desto besser wird es für die Sache des Friedens und der Abrüstung fein. Die gestrigen Vorgänge haben gezeigt, daß bei der jetzigen Lage ein Fortschritt unmöglich ist. Das Konferenzbüro tritt heute nur deshalb wieder zusammen, weil die Regierungen zögern, die Verantwortung für den Fehlschlag auf. sich zu nehmen. Barthous Haltung hat bei der britischen Delegation einen sehr schlechten Eindruck ge-
roerbe diese Verantwortung auch nicht tragen können.
Henderson
erklärte darauf, Barthou habe es gestern abgelehnt, an einem Ausschuß teilzuneh - men, der ein Arbeitsprogramm aufstellen sollte. Heute habe er das Arbeitsprogramm des Präsidenten a b g e l e h n t und habe auch nicht den Vorschlag angenommen, selbst ein Arbeitsprogramm aufzustellen. Unter diesen Bedingungen halte er es für das Beste, die Aussprache auf morgen zu vertagen. Der Hauptausschuß werde wieder einberufen werden, wenn die Lage klarer sei. Nächste Sitzung des Präsidiums Mittwoch 15.30 Uhr.
ferenz scheint nach der dramatischen Sitzung von gestern in den letzten Zügen zu liegen", schreibt das „Oeuvre", das den Vorschlag Hendersons deshalb verurteilt, weil er wieder alles auftische, was die französische Diplomatie in mühsamer sechsmonatiger Arbeit ausgeschaltet habe und weil er außerdem di e Rückkehr Deutschlands in einer überaus ungeschickten, um nicht zu fragen „für sämtliche Interessen schädlichen Form" anrege. Das Blatt wirft England vor, feine alte Politik des Gleichgewichts der Kräfte in Europa verwirklichen zu wollen.
„Warum ein solches Rededuell?" fragt Pertinax im „Echo de Paris" und antwortet: Einfach deshalb, weil zum ersten Mal die Mächte, die den Frieden erhalten und die Achtung der Verträge durchsetzen wollen, gezeigt haben, daß sie entschlossen sind, Beistandspakte abzuschließen, d. h: sich eintretendenfalls zu einer Koalition gegen den Angreifer zufammenzu- finden. Das „Echo de Paris" glaubt nicht mehr, daß die französische Sicherheitsthese sich in Gen durchsetzen kann, und rät deshalb, den Frieden außerhalb der Abrüstungskonferenz zu organisieren.
macht. Eine seiner Bemerkungen über die Garantiefrage kam geradezu darauf hinaus, daß britische Hilfe nicht nötig sei. Es ist jetzt völlig klar, daß Barthou nichts weiter wünscht als seine Bündnisse.
Der Genfer Vertreter der „Times" berichtet: Unter dem Losungswort „vor allem Sicherheit" beabsichtigen Frankreich und Rußland, ein auf Was- fengemalt beruhendes St) ft em von V e r t e i d i - gungs - Bündnissen gegen Deutsch- land aufzubauen. Dieses System nennen sie „Sicherheit" und suchen den Segen des Völkerbundes dafür zu erlangen. Bei ihrem Suchen nach Sicherheit haben die Franzofen die Bekehrung Großbritanniens als hoffnungsloses Unternehmen aufgegeben und sich in b i e Arme Rußlands geworfen. Die Sowjetregierung möchte eine französische Schutzwache für ihre europäische Tür haben, während sie sich nach dem Osten wendet. Aus diesem Grunde hat die kommunistifche Propaganda in der französischen Armee aufgehört, seitdem Barthou und Litwinow sich über ihren Plan gegenseitigen Beistandes geeinigt haben.
Jeder Fortschritt, der in der Richtung einer echten Konversion der Renten erzielt' wird, bringt uns dem Ziel der Senkung des Landeszinsfußes und damit auch dem der völligen Gesundung des Äapi« talmarktes näher.
Verschiebungen im Volkseinkommen.
Der Zeitungsdienst des Reichsnähr« st and es teilt mit: Die starke Belebung der deutschen Wirtschaft im vergangenen Jahr hat zu einem Anwachsen des deutschen Volkseinkommens geführt. Hand in Hand mit dieser Steigerung des Einkommens läßt sich eine Wandlung in der Verteilung und Verwendung des Einkommens erkennen. Die Ankurbelung der Volkswirtschaft durch die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen der Reichsregierung führte in erster Linie zu einer Steigerunades Einkommens des arbeitenden Volkes, zu einem Anwachsen der Einkommen aus der produktiven Arbeitsleistung. Auf der anderen Seite sind die Einkommen aus den Kapitalvermögen, also vor allem Zins-, Pacht- und Renteneinkommen z u r ü ck gegangen. Im einzelnen hat sich das Einkommen aus Löhnen und Gehältern von 25.80 Mrd. RM. auf 26.20 Mrd. RM., also um 1.6 v. H., aus Gewerbe und Handel von 5.85 Mrd. RM. auf 6.30 Mrd. RM., also um 7.8 v. H., aus Land- und For st wirt schäft von 3,75 Mrd. RM. auf 4.35 Mrd. RM., also um 16 o. H. gegenüber dem Vorjahr erhöht, während das Einkommen aus Kapitalvermögen von 2.25 auf 2 Mrd. RM., also um 11.1 v. H., aus Vermie- t u n au n d Pachtung von 0.80 Mrd. RM. auf 0.70 Mrd. RM., also um 12.5 v. H., aus Renten- und Penfionseinkommen von 9.22 auf 9.15 Mrd. RM., also um 6.8 o. H. verringert hat.
Mit dieser Verschiebung des Einkommens zu- gunften der arbeitenden Bevölkerungsteile, die in der Richtung der sozialistischen Ziele des nationalsozialistischen Staates gelegen ist, trat auch eine Verschiebung in der Verwendung des Einkommens ein. Es machte sich eine Abkehr vom Luxusverbrauch und ein Anwachsen der Ausgaben für lebensnotwendige Erzeugnisse, wie Butter, Fleisch usw., bemerkbar. Weiterhin zeigt es sich, daß ein Uebergang Z u besseren Qualitäten stattgefunden hat. Recht erheblich ist auch das Einkommen der Möbelbranche gestiegen, was vor allem auf die durch die wachsende Heiratsfreudigkeit bedingte Sonderkonjunktur zurückzuführen ist. Ganz allge- mein zeigt sich, daß nach Ueberwindung der Notzeit der letzten Jahre eine Rückkehr z u einer gesunderen Lebenshaltung stattfindet, der sich im Laufe der nächsten Jahre die vermehrte Anschaffung von Verbrauchsgegenständen und Gütern, die dem Genuß und der Hebung der kulturellen Bedürfnisse dienen, anschließen wird.
Exporierfolg der deutschen Lastkraftwagen-Industrie.
Während die Ausfuhr deutscher Personenkraftwagen in den ersten vier Monaten des Jahres 1934 mit 2696 ins Ausland gelieferten Wagen um 68 Wagen geringer war als in der gleichen Zeitspanne des Vorjahres, hat die Lastkraftwagen -Industrie ihren Export von 798 auf 1030 Wagen steigern können. Das ist ein außerordentlich großer Erfolg, der den Rück- gang der Ausfuhr von Personenkraftwagen reichlich wettmachte. Der Auslandsabsatz der deutschen Last- kraftwagen-Jndustrie in den ersten vier Monaten des laufenden Jahres überstieg den in der gleichen Zeit des Jahres 1933 erreichten um 29 Prozent, den in der entsprechenden Zeitspanne des Jahres 1932 sogar um 35 Prozent. Hauptabnehmer für deutsche Lastkraftwagen ist Spanien, bas allein 988 Wagen kaufte. An zweiter Stelle steht Belgien mit 866 Wagen, an dritter die Schweiz mit 659. Alle übrigen Bezugsländer bleiben weit hinter diesen Ziffern zurück. Der Lastkraftwagen- Export nach Dänemark ist aber im ersten Drittel des Jahres 1934 um 30 Prozent auf 125 Wagen gestiegen. Auch Schweden, Holland und Niederländisch - Indien sind gute Kunden für die deutsche Lastkraftwagen-Industrie, wenn auch insbesondere der Export nach Nieder- ländisch-Jndien neuerdings einen starken Rückgang erfahren hat.
Heiwrimung der Zuständigkeiten in dersreiwilligen Gerichtsbarkeit
B e r 1 i n, 5. Juni. (DNB.) Auf dem Gebiete der reiroiüigen Gerichtsbarkeit standen den Ländern bisher weitgehende gesetzgeberische Befugnisse zu. Insbesondere war die Frage, welche Behörde für eine bestimmte Entscheidung auf dem Gebiete des F a milien - und Nachlaßwesens zuständig t, in den Ländern verschieden geregelt. Die bunte Fülle der Zuständigkeitsoorschriften bereitete der karis viele Schwierigkeiten. Der neue Staat hat Abhilfe geschaffen. Die Reichsminister der Justiz und des Innern haben nunmehr die Zuständigkeiten in Familien- und Nachlaß-Sachen für das ganze Reichsgebiet einheitlich geregelt. Die Ver- orbnung bestimmt zunächst die Zuständigkeit für die Entscheidung über bestimmte Befreiungen bei der Eheschließung, nämlich über die Befreiung vom Erfordernis der Ehemündigkeit, vom Ehehindernis des Ehebruchs, ferner über die Be- reiung von der Wartezeit und vom Aufgebot. Die Voraussetzungen der Eheschließung eines Ausländers im Inlands werden völlig neu geregelt erner wird geklärt, welche Behörde für die Erteilung eines Ehefähigkeitszeugnisses an einen Deut» chen, der im Auslande heiraten will sowie ur die Eheschließung von Personen ohne inlänöi- chen Wohnsitz oder Aufenthalt im Jnlande zustän- dig sind. Weitere Vorschriften betreffen die Zuständigkeit zur Entgegennahme von Erklärungen, über die Namensführung einer geschie- denen Frau und über die Namensertei- un g an ein uneheliches Kind sowie die Zuständigkeit für die Ehelichkeitserklärung eines unehelichen Kindes und für die Befreiung von Al- ter serforöernis bei der Annahme an Kindes statt. Die Verordnung klärt sodann, welche der vorstehenden Entscheidung als Derwal- tungsentscheidungen und welche als gerichtliche Ent- cheidungen anzusehen sind, da diese Frage für das Verfahren und für den Rechtsmittelzug von ent- cheidender Bedeutung ist. — Die Verordnung tritt am 1. August in Kraft; jedoch werden Verfahren, die am 1. August anhängig sind, noch nach den bisherigen Vorschriften erledigt.
Das llmtauschangebol für zwei Reichsanleihen.
Zwei Anleihekonoersionen zugleich führt das Reich mit Hilfe der 4prozentigen Anleihe von 1934 durch: Die ursprüngliche 7prozentige, seit dem Jahre 1932 mit 6 Prozent verzinsliche sogenannte Hilfer- ding-Anleihe soll in die neue 4prozentige Anleihe umgetauscht werden. Gleichzeitig wird aber auch den Inhabern der im Jahre 1925 im Rahmen der Anleiheaufwertung ausgegebenen zinslosen Aule i h e a b l ö s u n g s s ch u ld das Angebot gemacht, diese Schuldverschreibungen in 4prozentige Reichsanleihe umzutauschen. Die beiden Anleihen, die auf diese Weise konvertiert werden sollen, stellten bisher eine recht unerfreuliche Belastung des Anleihemarktes dar. Die Hilferding-Anleihe erinnert an den katastrophalen Niedergang des öffentlichen Kredits unter dem früheren Regierungsfystem. Sie war schon bei ihrer Emission ein fürchterlicher Mißerfolg. Ihre hohe Effektioverzinsung und die mit ihr verbundenen Steuervorrechte legten dem Reich Belastungen auf, wie sie sonst nur Staaten mit einem völlig zerrütteten Kreditwesen zu tragen haben.
Die Reichsanleihe - Ablösungsschuld ohne Auslosungsrechte, die gewöhnlich als „Neubesitz- a n l e i h e" bezeichnet wird, ist ein Ueberbleibfel aus der sehr unvollkommenen Aufwertunasgesetz- gebung des Jahres 1929. Damals hat man für diese Neubesitzanleihe weder eine Rückzahlung des Kapitals, noch eine Verzinsung in Aussicht gestellt. Man ließ die Reichsschuld völlig in der Luft schweben. Kein Wunder, daß sie zum Spielball einer wilden Spekulation wurde, die sich nicht auf dem Boden irgendwelcher politischen und wirtschaftlichen Tatsachen, sondern fast immer auf dem unkontrollierbarer Gerüchte abspielte. Die Beseitigung dieses den Kredit des Reiches schädigenden Schuldpapiers war feit langem notwendig. Mit der Durchführung ihrer Konversion in eine ordnungsmäßige Reichsanleihe tut die Reichsregierung einen großen Schritt vorwärts auf dem Wege zur Neuordnung des öffentlichen Kreditsystems.
Der Umtausch der zuletzt 6prozentigen Reichs- anleihe von 1929 in eine 4prozentige stellt eine echte Konversion dar. Der Umtausch erfolgt durchaus freiwillig. Trotzdem wird er dem Reiche, auch wenn man berücksichtigt, daß der Ausgabekurs nur 95 Prozent beträgt, eine dauernde Zinsen
er s p a r n i s von etwa 1 Prozent bringen. Dabei wird der interessante Versuch gemacht, den künftigen Kurs der Reichsanleihe dadurch stabiler zu gestalten daß das Reich jährlich ein Zehntel der Anleihesumme tilgt, und zwar, solange der Kurs weniger als 100 Prozent beträgt, durch Ruckkaufe am freien Markt. Die dabei ersparten Tilgungsbeträge werden zur Zahlung eines Zufatz- ^nses verwendet werden. Man hofft auf diese Weise eine große K u r s f e st i g k e i t der neuen Reichsanleihe zu erreichen, die dem öffentlichen Kredit nur förderlich fein kann.
Der Umtausch der Neubesitz anleihe er- folgt natürlich zu wesentlich ungünstigeren Bedingungen als der der Hilferding-Anleihe. Von dem 95 v. H. betragenden Zeichnungskurse der neuen Anleihe müssen die Inhaber der Neubesitzanleihe 23,75 o. H. in bar einzahlen. Für die übrigen 71,25 v. H. werden die eingereichten Stücke der Neubesitzanleihe SU einem Kurse non 23,75 d. Sy in Zahlung genam- wen. In Anbetracht des bisherigen niedrigen Kurses der Neubesitzanleihe ist der Umtausch für die Inhaber trotzdem so außerordentlich günstig, daß eine restlose freiwillige Konversion und damit ein Verschwinden der Neubesitzanleihe als sicher angenommen werden kann. Zu allem Uebersluß wird am 22. Juni d. I. auch die Börsennotiz der Neubesitzanleihe eingestellt werden, so daß diese praktisch un- verwertbar sein dürfte.
A $uLJ^QU9un9 der Neubesitzanleihe dürsten etwa 200 Millionen Mark, zur Konversion der Hilferding-Anleihe 160 Millionen Mark der neuen Reichsanleihe erforderlich sein. Für die Newzeichnungen sind keine Grenzen festgesetzt. Wie groß die 4prozentige Reichsanleihe insgesamt fein wird, laßt I'ch daher noch nicht übersehen. Aus den Neuzeichnungen und aus den Zuzahlungen der Inhaber von Neubesitzanleihe werden dem Reich jedenfalls be- trächtliche Einnahmen zufließen. Der Umtausch der 6prozentigen Hilferding-Anleihe in 4prozentige Anleihe wird ihm außerdem dauernde Zinsersparnisse bringen, die auf jährlich 3 Millionen Hark oeran- chlagt werden. Weit bedeutungsvoller noch ist aber )ie Tatsache, daß durch die zweifache Konversion ruherer Reichsanleihen einer allgemeinen freiwilligen Anleihekonversion und damit der organischen Zinssenkung der Weg bereitet wird.
Paris wartet auf den Gnadenstoß für die Abrüstungskonferenz.
Heftige presseangriffe auf Henderson.
„Ein Fortschritt unmöglich."
Oie Eindrücke der britischen Korrespondenten in Genf.


