$>ie edite und die falsche ©Ottilies Roman von Anny von Panhuys.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.)
9. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Es war ihm, als zwänge ihn eine unsichtbare Macht, der eilig Davongehenden zu folgen. Er wandte sich um, gab der inneren Stimme nach. Er erinnerte sich jetzt deutlich: bei den letzten Worten hatte es feucht in den tiefblauen Augen geschimmert, und er ahnte, Doralies Wolfram stand im Begriff, irgend etwas zu tun, was aus dem gediegenen Rahmen der Lebensführung im Hause Stübnitz fiel.
Zum ersten Male, seit er sie kannte, schien es ihm: Doralies war in Wirklichkeit nicht so still und illeichmäßig, wie sie tat. Er stürmte hinter ihr her, ah sie eben um eine nahe Straßenbiegung ver- chwinden.
Er beeilte sich noch sehr; doch als er die andere Straße erreichte, war weit und breit nichts mehr von ihr zu erblicken, aber er sah ein halbes Dutzend Autos nach rechts und links dahinjagen. Vielleicht saß sie jetzt in einem davon? Doch in welchem? Er konnte doch nicht allen zugleich nachfahren.
Er entschloß sich, umzukehren, sagte sich unterwegs: er war ja ein Narr, sah ja Gespenster. Was für einen Unsinn hatte er sich denn nur gedacht! Ahnungen waren große, graue Spinnweben, die umherflogen und sich anfetzten, wo wo sie gar nichts zu tun hatten.
Er klingelte an dem Hause seines Chefs.
Auf dem Flur traf er Frau von Stäbnitz. Sie sagte freundlich:
„Mein Mann sitzt schon fest über den neuesten Akten. Bis heute abend werden Sie wohl beide tüchtig büffeln. Ich will mit Doralies einkaufen gehen. Sie braucht allerlei Kleinigkeiten, für die man in Mooshausen kein Bedürfnis hat."
„Ich bin Doralies eben draußen begegnet!" antwortete er. „Weiß sie denn, daß Sie mit ihr ausgehen wollen?"
„Natürlich weiß sie es!" nickte Frau von Stübnitz. „Ich verstehe nicht, weshalb Doralies allein weggegangen ist. Vielleicht kauft sie irgend etwas in der Nahe ein — Papier oder Marken? Bisher ging sie allerdings nie allein aus."
Dann sagte sie noch: „Sonderbar ist das!"
Peter Konstantin berichtete jetzt genauer, auch daß die von ihm Verfolgte anscheinend mit einem Auto fortgefahren sei.
Frau von Stübnitz sah ganz ratlos aus.
„Sollte sie jetzt vielleicht doch etwas anstellen und die Warnung ihres Vaters berechtigt sein?" fragte sie leise. „Jedenfalls — etwas ist nicht in Ordnung. Ich wollte mich eben zum Ausgang, wie verabredet, fertigmachen. Wie kann sie da noch fort
gehen, sogar fortfahren, was doch auf einen weiteren Weg schließen läßt." Sie lies ine Treppe hinauf, rief ihm über die Schulter zu: „Ich muß erst in ihren Zimmern Nachsehen; vielleicht finde ick dort einen Anhaltspunkt, wohin sie sein könnte/'
Peter Konstantin stand am Ende der Treppe und sann. Er fand Doralies' Benehmen reichlich sonderbar. Weshalb lief sie vor seinem Angebot, sie zu begleiten, wie gejagt davon?
Ein ganz eigenartiges Gefühl bedrängte ihn. Wie heimliche Angst war es. Ein Gefühl, das ihm bisher fremd gewesen.
Er sann nach. Warum war ihm so sonderbar zumute? Er hätte doch eigentlich nur Aerger empfinden müssen über die Art von Doralies, ihn einfach stehen zu lassen. Er dachte: Frau von Stäbnitz brauchte sich wirklich nicht zu ängstigen, weil das längst erwachsene Mädchen einmal allein aus dem Hause gegangen. Sie würde schnell noch irgendeine Besorgung machen, von der Frau von Stäbnitz nichts wissen sollte.
Junge Damen haben manchmal Toilettengeheimnisse, die sie nur ungern verraten.
Frau von Stäbnitz erschien jetzt oben an der Treppe, stand gleich darauf, scheinbar sehr erregt, vor ihm, sagte überstürzt: „Bitte, wir wollen erst in ein Zimmer aehen!"
Das seltsame Gefühl von vorhin beklemmte ihn jetzt noch stärker; er folgte schweigend der Dame des Hauses.
Frau von Stäbnitz hatte Doktor Peter Konstantin in ihr eigenes Wohnzimmer geführt, in dem man manchmal gemeinsam den Kaffee trank. Sie bot ihm Platz an, ließ sich dann auch nieder.
„Vor allem", begann sie mit einer Stimme, die ein wenig schwankte, „soll mein Mann zunächst aus dem Spiel bleiben. Ich betone das als besonders wichtig. Er hat doch übermorgen einen feiner ganz schweren oder wie ich es nenne, einen seiner großen Tage. Eine Verteidigung, bei der es sehr darauf ankommt. Er darf also nicht erschreckt ober richtiger gesagt abgelenkt werden. Deshalb müssen wir beide vor ihm über den Fall Doralies schweigen, bis er sein Plädoyer hinter sich hat. So, das nur im voraus. Und jetzt das andere: Doralies ist fort! Hier, lesen Sie das! Mein Mann schläft ein wenig und wird jetzt nicht kommen."
Peter Konstantin nahm den ihm gereichten Briefbogen und las:
Liebe gute Tante Edda!
Zwar habe ich kein Recht, Dich so zu nennen, aber einmal wage ich es noch, weil es zum letzten Male ist. Ich habe Dich liebgewonnen wie eine gute Mutter, und daß ich Dein Haus verlassen muß, ist schwere Strafe für meine Lüge. Niemand soll mich suchen, niemand sich um mich kümmern, das bitte ich Dich von Herzen, Tante Edda! Ich erkläre nichts, denn das Rätsel, das Dir mein Brief aufgibt, wird Dir bald von Moos- haufen aus gelöst werden. Suche mich nicht; ich
möchte Zeit gewinnen, um etwas Entfernung zu legen zwischen Dein Haus und meine Person. Eine Lüge treibt mich fort. Ich schäme mich in Grund und Boden wegen der Lüge.
Wenn Du erst die Wahrheit weißt, dann vergib mir, liebe Tante Edda! Schimpfe nicht zu sehr auf mich, wenn meine Lüge auch überflüssig und schwer war. Denke ein wenig milde darüber; Du hast ja ein gutes Herz. Verzeihung für die Lüge! Laß mich, bitte, lautlos verschwinden. Ich mochte nicht am Pranger stehen müssen. Keine Sorge — ich tue mir nichts an! Selbstmord ist eine schwere Sünde.
Es wagt Dich noch einmal zu küssen, die Du nanntest Doralies.
Peter Konstantin las den Brief noch einmal und blickte dann Frau von Stäbnitz an.
„Keine Silbe begreife ich davon."
'Sie zog ihm den Bries aus der Hand, faltete ihn zusammen, antwortete hastig:
„Ich begreife genau so wenig, begreife nur, daß Doralies fort ist, nicht daran denkt, wiederzukommen, und daß sie das getan, weil Sie sich so schroff und unerbittlich über das Thema Lüge geäußert haben. Wer weiß, was für eine Bagatelle da plötzlich das arme Wurm gedruckt hat, sie wie ein Gespenst verfolgt und aus dem Hause gescheucht hat! Ich sagte ja gleich, nachdem Doralies nach oben gegangen: sie fühlte sich von Ihren Worten irgendwie getroffen und litt darunter. Ich sah es ihr ja an. Und mein Mann meinte, wie Sie sich erinnern werden, er teile meinen Eindruck, und äußerte: ,Sie sind unserer Doralies tüchtig an den Wagen gefahren!*" Helles Not breitete sich über ihre Wangen. „Sie haben Doralies aus dem Hause getrieben — — und der Himmel mag wissen, was sie nun an- stellt bei ihrem unberechenbaren Wesen, an das ich jetzt zu glauben anfange!"
Peter Konstantin war es, als ginge ein schwerer Hagelschlag nieder und er stände auf freiem Felde, sähe weit und breit kein Dach, unter das er sich retten konnte. Was Frau von Stäbnitz gesagt, stimmte; er war sich vollkommen darüber klar. Die paar scharfen Sätze bei Tisch hatten den Anlaß zu dem Verschwinden von Doralies gegeben.
Sie schrieb es ja auch:
„Die Lüge treibt mich fort!"
Er sagte leise:
„Ich gebe zu: was ich sagte, klang hart. Aber was brauchte sich Doralies Wolfram um meine An- sich zu kümmern?!"
Frau von Stäbnitz erwiderte ebenso leise:
„Vielleicht lag ihr ganz besonders daran. Wenn Sie ihr ganz gleichgültig gewesen, wäre sie bestimmt nicht gleich fortgegangen."
Er strich sich über die Stirn:
„Sie meinen doch nicht etwa, ich sei ihr nicht ganz gleichgültig?"
Sie zuckte die Achseln.
„Ich nehme es an, weil sie sich sonst Ihre Meinung nicht so zu Herzen genommen hätte. Aber was weiß ich schließlich davon, wie es in Doralies
I aussieht, und sie kennt Sie ja erst seit zwei Wochen. •Das ist auch zunächst Nebensache; wir müssen sie vor allem wiederfinden. Und nichts darf mein Mann erfahren, gar nichts. Ihn jetzt nur nicht ablenken. Heute werde ich erklären, Doralies hätte sich auf meinen Rat ins Bett gelegt, weil sie ein bißchen gefiebert — morgen auch; wenn er das Plädoyer hinter sich hat, erfährt er die böse Neuigkeit." Sie atmete tief auf. „Wenn es dann noch nötig ist, denn hoffentlich haben wir bis dahin Doralies längst wieder." Sie hatte Tränen in den Augen. .„Ich habe sie lieb gewonnen, und wie auch die Lüge aussehen mag, um die sie sich jetzt quält — eine schlimme, gemeine Lüge ist es nicht; solcher Lüge ist sie nicht fähig." Sie erhob sich. „Was aber soll nun geschehen? Wo soll ich anfangen zu suchen?"
Er, der immer Tatkräftige, saß da wie gelähmt. Er wußte im Augenblick auch keinen rechten Rat. Er antwortete nach einem Weilchen:
„Gesucht muß sie werden, aber unauffällig, nicht durch die Polizei. Sie bittet ja, Ste sollen Sie lautlos verschwinden lassen, sie möchte nicht am Pranger stehen. Das ist wohl so aufzufassen, daß sie wünscht, nicht offiziell gesucht zu werden. Sie wissen ja, wie das ist. Das geht durch die Blätter, ruft im Radio, da richtet sich dann gleich die allgemeine Aufmerksamkeit auf die Gesuchte. Und davon bliebe außer dem momentanen Interesse vielleicht auch für später etwas an ihr hängen. Das darf nicht geschehen. Sie brauchen ja nicht gleich Angst zu haben", versuchte er in leichterem Ton zu sagen, „denn Doralies Wolfram erklärte ja, sich nicht das Leben nehmen zu wollen, weil sie es für große Sünde hält. Das glaube ich ihr. Vielleicht benachrichtigen Sie sofort den Vater. Wahrscheinlich ist sie heimgefahren. Ich werde mich indessen mit Frau Steinmetz besprechen. Sie erinnern sich vielleicht, gnädige Frau, sie ist die Detektivin, die sich in der großen Raubmordsache, dem Fall Kramer, so besonders ausgezeichnet hatte. Ich kenne sie gut, sie dürfte die geeignete Person sein, Doralies Wolfram zu suchen. Inzwischen läuft dann auch Nachricht vom Vater ein."
Frau von Stübnitz erklärte:
„An den Vater darf ich mich noch nicht wenden, er würde wahrscheinlich aufs äußerste erschrecken; ich bin doch verantwortlich für sie."
Er erhob sich:
„Ich beabsichtigte eben, noch eine Stunde hier allein zu arbeiten. Ihr Gatte erwartet mich noch nicht. Nun will ich erst schnell zu Frau Steinmetz fahren. Darf ich für alle Fälle um den Brief bitten? Ich bringe ihn wieder zurück." Er nahm ihn in Empfang und küßte die Hand der Frau, in deren Hause er beinahe die Rechte eines nahen Verwandten genoß. „Ich bebaure, daß ich die Schuld an Ihrer Sorge trage, liebe gnädige Frau!"
Er grüßte und ging, Frau von Stäbnitz, die meist Frohe, in trüber Stimmung zurücklassend.
(Fortsetzung folgt.)
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