M.128 Zweiter Blatt
Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheilen)
Dienstag, 5. Juni 1934
England amüsiert sich.
Zum Beginn der „Season" in London.
Von unserem W. O «Berichterstatter.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) London, Juni 1934.
In England und London erlebt man gegenwärtig den Höhepunkt des gesellschaftlichen, des politischen und des klimatischen Jahres, alles zusammengefaßt unter dem Wort „S e a s o n", die sich in deutschen Ohren dadurch auszeichnet, daß dabei sogar Opern gegeben werden. Während der Berliner augenblicklich mit dem abgrundtiefen Problem befaßt ist, ob er seinen Sommerurlaub an der See oder auf dem Lande, und wenn schon an der See, ob an der Nord- oder Ostsee, und wenn schon im Lande, ob >m Flachlande, im Mittel oder Hochgebirge verbringen soll: also eine Flucht aus der Stadt im vollen Schwünge ist, sind alle Gaststätten Londons, alle Hotels und Herbergen überfüllt. Wegen der „Season" Es ist also etwas los. Fragt sich aber was?
Zunächst reagiert der Geldbeutel auf die Saison. Eltern, die zu den „besseren" Zehntausend gehören, führen jetzt ihre mit einigen Unkosten herangezüchteten und dementsprechend selbstverständlich „blühenden" jungen Töchter bei Hofe vor. Die jungen Damen bekommen ein teures Kleid angezogen, ein paar weiße Straußenfedern ins Haar gesteckt und werden dann über das Parkett geführt, um ihren kunstvollen Hofknix darzubieten. Den haben sie unter fachkundiger Leitung mühsam erlernt. Sie müssen dabei das eine Knie unter das andere stecken und gerade das scheint dem sportlich geübten Mädchen von heute schwerzufallen. Die Belohnung für diesen Aufwand an Mühe, Geld und Grazie besteht in besseren Heiratsaussichten und außerdem darin, daß das Konterfei der jungen Dame (wenn sie hübsch ist, oder — — wenn sie Geld genug hat) in den Zeitschriften erscheint, die den Markt der Eitelkeit verherrlichen. Jedes Jahr zu Beginn der Season erscheinen diese Bilder — und gegen Ende der Saison die Bilder der Verlobungen oder Hochzeiten, die den Nettoertrag der Season bilden.
Nun weiß man von altersher, daß es garnicht fo leicht ist, zwei Menschen „zweckentsprechend" zusammenzubringen. Bei manchen sind eine große Anzahl von „Vergnügungssemestern" dazu erforderlich. Dabei mag an den übrigens sehr tüchtigen Landwirtschaftsminister E l l i o t erinnert werden, den man erst vor kurzem unter die Haube gebracht hat. Seine politische Karriere steht zwar noch in ihren Anfängen, aber da seine Eheschließung ihn in verwandtschaftliche Beziehungen zu dem Hause Asquith gebracht hat, ist er nie in eine Linie geraten, die nach Meinung kundiger Leute auf den Posten des Premierministers hinführt.
Woraus sich denn ergibt, daß auch in der Season so ganz nebenher Politik getrieben wird. Das Unterhaus freilich hat seine gesellschaftliche Funktion völlig verloren. Es ist dork so grenzenlos langweilig, daß es kaum noch lohnt, hinzugehen. Früher gehörte es in diesen Tagen zu den Hauptanziehungspunkten. Dort konnte man sehen, wie sich Regierungspartei und Opposition um die Herrschaft stritten. Mit Witz und Wissen, mit Würde und Feierlichkeit zeigten die Erwählten des Volkes ihre geistigen und. politischen Qualitäten. Die Geschichten aus jener guten alten Zeit werden heute noch aerne erzählt, sei es auch nur um zu zeigen, wie schlecht es um den heutigen Parlamentarismus bestellt ist. So z. B. jene, als sich in den 80er Jahren ein Vulkanausbruch aus den Virgin-Jslands (Jungfern- Jnseln) ereignet hatte, der Gegenstand einer Anfrage an den Prmierminister Gladstone war, wobei der Fragesteller wissen wollte, wo die Virqin-Js- lands eigentlich lägen. Zwar wußte das Gladstone auch nicht, aber es glückte ihm, sich aus der Verlegenheit zu ziehens indem er hobeitsvoll antwortete: „Ich kann dem ehrenwerten Mitglied des Hauses versichern, daß die Jungfern-Jnseln in vollkommen sicherer Entfernung von der Insel Man
liegen." Daß das englische „man" gleichzeitig auch „Mann" heißt, braucht wohl kaum hinzugefügt zu werden. Und daß Gladstone die Lacher auf seiner Seite hatte, ebensowenig.
Solche Schnurren kommen nur noch ganz selten vor. Die Regierung weiß garnicht, was sie mit ihrer Mehrheit anfangen soll. Sie hat keine Gegner im Hause. Umsomehr dafür aber außerhalb des Hauses. All diese Dinge werden jetzt an tausend Tischen bei tausend Abendessen von vielen Tausenden von Menschen erörtert. Die Season des Jahres 1934 wird so ganz unter der Hand und nebenher dann auch die Entscheidung über d i e Zukunft des Ministeriums Mac- d o n a l d und über die künftige Politik Englands bringen. Denn hier entsteht die öffentliche Meinung des nächsten Jahres. Wenn es nach außen hin auch wichtiger erscheint, zu wetten, welches Pferd
Haussammlunq für den Lustsport!
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Jeder Spender fördert den Aufbau!
das Derby gewinnen wird. Eine Wahrsagerin aus den Vereinigten Staaten hat schon verkündet, Pferd 3E9)3 werde gewinnen. Im Interesse der Buchmacher wollen wir hoffen, daß nicht alle auf dieses Pferd setzen, und daß es nicht gewinnt. Nach außen hin erscheint es auch wichtiger, das Abschneiden der australischen C r i ck e t-Mannschaft zu erörtern, die zu einer Reihe von Herausforderungs-Wettspielen nach England gekommen ist. Cricket ist, was die wenigsten wissen, der eigentliche Nationalsport Englands. Es nimmt den höchsten Rang unter den Rasenspielen ein und gilt als das edelste dieser Spiele. Auf allen Rasenflächen Englands spielt man jetzt Cricket. Lange, weiße Gestalten werfen einen harten Ball nach einem anderen Spieler, der, mit einer Keule bewaffnet, vor drei in den Boden gerammten Stöcken steht, und eine Zahl weiterer Spieler steht im Umkreise verteilt, um den abgeschlagenen Ball aus der Luft zu fangen. Es ist ein hübsches Bild, und wenn es nicht immer noch recht kalt wäre, wäre es noch hübscher. Nebenher wird Golf gespielt. Ein Amerikaner kam, sah und siegte und zog dann mit dem riesigen Pokal der englischen Golfmeisterschaft wieder ab. Der beste englische Spieler war übrigens außerstande, auch nur einen einzigen Punkt zu gewinnen. Fußball wird jetzt nicht mehr gespielt. Dagegen ober zahlreiche andere Ballspiele, die sozusagen den Bewegungsumkreis der Londoner Season bilden. Vor allem Tennis in den zahllosen „Verlobungszwingern", für die man in Deutschland den nüchternen Ausdruck „Tennisplätze" gebraucht.
Also kurz und gut: England amüsiert s i ch so gut es geht. Aber das englische Vergnügen hat sehr stark die Merkmale einer gesellschaftlichen Arbeit angenommen. Die englische Gesellschaft repräsentiert nicht nur sich selbst, sondern zugleich die Würde und das Ansehen des Reiches nach innen und außen. Obwohl die Season die ganze Nation in Anspruch nimmt, oder vielleicht gerade weil sie es tut, handelt es sich um eine höchstaristokratische Angelegenheit. So kommt es denn, daß der Klassenkampfgedanke in England keinen Fortschritt macht, so viel Mühe man sich auch damit gibt: und so erklärt es sich auch, daß selbst der Arme sich am Glanz des Reichtums freut, den er nicht besitzt.
Grundsteinlegung zum Gisenforschungs-Ästilut in Düffeldors.
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In Düsseldorf wurde jetzt der Grundstein für den Neubau des Eisenforschungs-Jnstituts der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft gelegt. — Unser Bild zeigt Generaldirektor Dr. V ö g l e r bei der Weiherede. Dahinter von links nach rechts: Minister Dr. Rust, Geheimrat Planck und Staatsrat Florian.
„Sie Perser" des Aischylos in Achen.
Deutsche Aufführung im Antiken Theater des Herodeö Attikus.
Von Gurt Rösner, Athen.
Der Tag geht zur Neige. Fern und dumpf tönt der Lärm aus dem neuen Athen herauf in die Stille des heiligen Felsens, der die Akropolis trägt. Vollbracht ist das Tagewerk für die arbeitenden Menschen, die nun zu- Ruhe und Erholung streben. Heute aber füllt sich die Straße, die hinaufführt in die Ruinen, füllt sich der Platz vor dem antiken Theater des Herodes Attikus. Wagen an Wagen fährt heran, die Polizei hat Not, die Menschen zu ordnen, die heute kommen, um die deutschen ,P e r s e r" des Aischylos zu sehen, wie sie uns ein deutscher Künstler in vollendeter Übersetzung aus dem Altgriechischen schenkte. Die Tore, die vor zweitausend Jahren sich schon dem theaterfreudigen attischen Geschlecht öffneten, durchschreiten auch heute Griechen und Fremde, in dem großen antiken.Raume und auf den alten Marmorstufen harren alle auf das Ereignis. Denn was nun kommt, ist fein Spiel allein, ist nicht nur Theater, es ist ein Erlebnis. Eines von jenen Erlebnissen, die sich in die Menschenbrust tief eingraben und durch das ganze Leben unvergeßlich mit ihm ziehen. Noch tuschelt's und lacht's, noch spricht's und lärmt's in dieser antiken Umgebung, leise und langsam kommt die Dämmerung und dann der Abend, blitzen am Himmel, der bisher den deutschen „Persern" grollte, die funkelnden Diamanten der Nacht. Das künstliche Licht der Scheinwerfer beginnt zu spielen, Nachtfalter und Fledermäuse flattern vom Schein des elektrischen Strahls geblendet im Raume, majestätisch und gewaltig stehen die hohen bogengewölbten Mauern des Herodes-Attikus-Theaters vor uns.
Fanfarenstoß und Trommelschlag! Langsam schreitend, zieht feierlich der Chor in die Orchestra. Kirchenstille überall. Eine Musik, die vom ersten
Tone die Zuhörer gefangen hält, begleitet das Kommen der Mädchen und Männer. Jeder Schritt, jede Bewegung ist gemeistert. Man sieht, die jungen Leute, die doch eben noch mit uns und um uns waren, sind zurückgeworfen in Asiens unendliche Weiten und durch die Weiten der Jahrhunderte in des Terxes Reich. Mit einer Beklemmung hörten wir die Klage, sahen und fühlten den Schmerz der Perser, das Unheil, das über ihr Volk so schicksalsschwer auf den glorreichen Wassern von Salamis über sie hereingebrochen war und erkennen daran den gewaltigen, unermeßlichen Sieg der Griechen, dem wir noch heute die Ausschaltung Asiens aus Europa danken; erkennen, daß kaum je ein dichterisches Kunstwerk besser, tiefer, über- zeugender und flammender den eigenen Triumph verewigen konnte.
Die deutsche Aufführung der „Perser", die gleichzeitig mit einer gänzlich anders aufgefaßten griechischen Aufführung der „Perser" in Athen über die Bühnen ging, ist ein schlagender Beweis dafür, daß ein friedlicher Wettbewerb unter den Nationen in dieser Aeußerung des menschlichen Geistes möglich ist, daß die Olympiade des Geistes kommen muß und wird, denn die Antike ehrte und jubelte nicht allein dem sportgestählten Körper zu, dem physisch vollendeten Menschen — ihr waren Körper und Geist unzertrennliche Begriffe. Und wie die Griechen in ihrem Nationaltheater eine gänzlich anders geartete Aufführung der „Perser" boten, die in ihrer Art auf ganz andere Weise dem großen Aischylos gerecht zu werden suschte, so fand Dr. L y h a u s e n den Weg zu einer überwältigenden Darstellung, schrieb den Schmerz und das innerste Bewegnis, die der Dichter zu vermitteln suchte und
Von allen Wirisboufern und ihrer Gastlichkeit.
Von Dalenan Tornius.
Gastfreundschaft ist ein Kapitel, das die zuverlässigsten und besten Zinsen trägt. Denn wer einen Gast ehrt, erwirbt sich damit den Anspruch, auf gleiche Weise geehrt zu werden, gibt damit zu erkennen, daß er Menschenwürde achtet. Von primitiven Naturvölkern bis zu hochstehenden Kultur
völkern wird Gastfreundschaft als ungeschriebenes Gesetz anerkannt, und Verstöße dagegen gelten als schwere Verletzung der Menschenrechte. Man weiß, daß die alten Germanen besonders gastfrei waren. „Für Gelage und Bewirtungen zeigt kein Volk so hemmungslose Neigung", berichtet Tacitus. „Irgendeinen Menschen, wer es auch sei, vom Haufe zu weisen, gilt als Frevel: je nach Vermögen rüstet jeder dem Fremden das Mahl. Wenn das Seine verzehrt ist, weist der Gastgeber den Weg zu einem anderen Gastfreund und gibt dahin das Geleit. So treten sie ungeladen ins nächste Haus. Da liegt nichts dran: mit aleicher Freundlichkeit werden sie ausgenommen. Bekannt oder unbekannt: im Gastrecht unterscheidet man nicht"
Das war auch nicht anders im Mittelalter. Aber jede Gastlichkeit hat ihre Grenzen. Wenn man einen Fremden freundlich aufnimmt, ihn beherbergt und bewirtet, fetzt man stillschweigend voraus, daß er dieses entqeqenqebrachte Wohlwollen nicht mißbraucht d h. nicht Wochen oder Monate lang nclsfauert. Drei Tage sich der Gastlichkeit zu er- freuen, hielt man qerabe noch Jur eme angeme fene Seif obroobl ein altes deutsches Sprichwort sagt.
Den ersten Tag ein Gast, den zweiten eine Last, den dritten stinkt er fast." Immerhin kam es vor, solange sich noch der Verkehr von Burg zu Burg abspie,te, daß der Gast auch langer verweilte, ohne dadurch dem Gastgeber zur Last zu fallen.
Diese in der Zeit des Rittertums b-fonders gepflegte und sinnig ausgebildete Gastlichkeit kam dem mit dem Erwachen der Städte ausbluhenden Gaststättenwesen zugute. Auch hier Herr chte der Geist der Zuvorkommenheit, freilich nun nicht mehr ohne Anspruch auf Entgelt. Man ließ sich die gute Aufnahme gebührend bezahlen. Allem die Bewirtung mußte auch ihres Lohnes würdig fern. Uno darm scheint man in deutschen Landen früh seinen Stolz gesetzt zu haben. Der vielgereiste französische Schriftsteller Montaigne, der tm 16. Jahr
hundert lebte und als erster eingehend das Wirts- Hauswesen seiner Zeit beschrieb, räumt den deutschen Gasthöfen den Vorzug vor den französischen und italienischen ein, sowohl in bezug auf die Beherbergung wie auf die Beköstigung. Er erzählt, daß er auf seiner ganzen Reise durch Deutschland kein Schlafzimmer und keinen Speisesaal gesehen habe, der nicht getäfelt gewesen wäre. Er lobt außerdem die Sauberkeit. „Wir bemerkten", schreibt er, „niemals Spinnewebe oder Schmutzspuren in allen diesen Gasthäusern", wobei er auf Augsburg anspielt. Samstags wurden die Treppen' innen gescheuert und mit Leinenzeug belegt. Ferner rühmt er die guten holzgearbeiteten Betten und vor allem die weichen Pfühle, die er hier zum ersten Male sieht. Nur vermißt er die Bettvorhänge, an die er in Frankreich gewöhnt ist. Was die Speisesäle an- lanqt, so imponieren ihm diese durch ihre Größe und Ausstattuna. In Bafel, berichtet er, verfüge der geringste Gasthof über zwei oder drei schone Sveifesäle, die von elf Küchen bedient würden.
Montaigne unterrichtet uns auch genau über die Küchenverhältniffp in den damaligen Gasthäusern. Er preist in Süddeutscbland die Abwechslung an Supnen. Saucen und Salaten und hebt außerdem den Wohlaefchmack der Sveifen hervor, der kaum von der Küche des französischen Adels übertroffen werde. Aus Basel hat er uns eine ausführliche Beschreibung einer Mahlzeit hinterlassen An jedem Tisch bediente ein Kellner. Vor dem Gedeck des Gastes stand ein Becher oder silberner Pokal, der immer wieder, sobald er leer war, von neuem gefüllt wurde. Man trank den Wein jedoch ungetauft. Zu jedem Fleischqang gehörten zwei ober drei Platten Doch wurde die Platte immer erst gereicht, nachdem die andere hinausaetraaen war. , Was Tellerwechsel betrifft", sagt Montaigne, „so besteht folgender Gebrauch: wenn das Fleisch abgetragen ist und das Obst an die Reihe kommt, wird mitten auf den Tisch ein Weidenkorb oder ein großes, bemaltes Holzbrett gestellt, und darauf legt nun der Angeseh"nste als erster seinen Teller: der Ehrenrang wird hierbei streng eingehalten." Die Teller waren meist aus Holz, doch be- nußte man auch Zinnteller, ja, für besonders vornehme Gäste gab es Tafelqerät aus Silber. Infolge der großen Zahl der Gänge dauerten die Mahlzeiten oft drei bis vier Stunden Man ersieht aus .dieser Schilderung, in welcher üppigen Form damals die Gastlichkeit der Wirtshäuser sich den Fremden barbot.
Es liegt -eine eigenartig onheimelnbe Stimmung über jenen altbeutschen Gaststuben, die durch die
Jahrhunberte ihren ursprünglichen Charakter bewahrt haben.
Schon bie in kunstvoller Schmiebeardeit gefertigten Namensschilber „Krone", „Hecht", „Bär", „Linde", „Hirsch", „Abler", unb wie sie sonst alle beißen mögen, welche an ben bemalten unb mit Schnitzwerk verzierten Fachwerkfassaben prangen, verheißen Solibität, Freundlichkeit unb Behagen. Unb betritt man erst bie niebrigen, holzgetäfelten Räume mit ihren breiten farbiaen Defen unb Kaminen, mit ben bleigefaßten Butzenscheiben unb schweren Eichentischen unb Bänken, tönt einem durch Tabakgewölk eine muntere Unterhaltung entgegen unb bewillkommnet einem ber herzliche Gruß eines behäbigen Wirtes, so fühlt man sich gleich von ber herrschenben Gemütlichkeit in ben Bann gezogen. Der aute Tropfen im Römer ober bas wohlgepflegte Bier vom Faß tun bas ihrige, ben Geist zu beschwingen unb bie frohe Lonne zu steigern. Wer in solchen ehrwürbigen Ggststätten verkehrte — es gibt ihrer ja eine stattliche Anzahl in alten beutschen Stäbten — weiß bie Reize biefer Gastlichkeit zu roürbiaen. Hier waltet noch ber ge- funbe biebere Bürgersinn einer verklungenen, bem Idyllischen unb Beschaulichen zugewandten Epoche. Hier lebt noch etwas von ber Trabition jener Wirtshausgeselligkeit weiter, bie Goethe in „Hermann und Dorothea" so meisterhaft geschilbert hat.
örabflofe Suche nach dem verlorenen Sohn
Nicht nur im Bereiche ber Weltpolitik unb im Wirtschaftsleben ber Volker ist bie brahtlose Telegraphie zu einem unentbehrlichen Verkehrsmittel geworben, sie bilbet auch bas wichtigste Verbin- bungsmittel zur Welt für alle biejenigen, bie auf kühnen Erpeditionen ober in Ausübung ihres Berufes in Not unb Gefahr geraten finb. Manchmal aber bringt sie auch einem Menschen in seinem persönlichen Schicksal Hilfe unb trägt seinen sehnlichsten Wunsch als Bote um bie ganze Welt, bis er in Erfüllung geht. So wollte eine alte Bergarbeiterfrau aus Glamorgan in Englanb, bie vor einiger Zeit ihren Gatten unb nun auch ihre Tochter verloren hatte, gern ihren einzigen Sohn wie- dersehen, ber vor vierzehn Jahren in bie Welt hin- auszog, um sein Glück zu suchen. Nach langem Zögern ließ sie sich bazu bewegen, ih'-en Herzenswunsch einem in einem Nachbarort wohnenben Parlamentsmitglied mitzutellen, ber der alten Frau
versprach, bie Suche nach bern verlorenen Sohn aufzunehmen, so weit es in seiner Macht stehe. Er veranlaßte, baß in größeren Zeitabstänben ein brahtloser Ruf nach bem Manne um bie ganze Welt gefanbt würbe, unb wie groß war seine Ueberröschung, als nach einigen Monaten aus einem kleinen Ort in Australien plötzlich eine Antwort bei ihm eintraf. Der Sohn ber Bergarbeiterfrau war auf feinen Wanberfahrten burch bie Welt bort ansässig geworben, unb zufällig erreichte ihn ber Rundfunkruf, er möge ein Lebenszeichen von sich geben. Sein Verlangen nach ber Heimat unb nach seiner Mutter ist jetzt so übermächtig geworben, baß er nun seine Heimkehr betreibt unb recht bald roieber zu Hause zu sein hofft. Der freunbliche Mittler ließ es sich nicht nehmen, ber alten Frau selber bie Freudenbotschaft zu bringen. Reicher ist wohl noch niemanb bebanft worben als er — von ben Freudentränen einer alten Mutter.
Zeitschriften.
— Im Juniheft ber „Z e i t w e n b e" (C. H. Becksche Verlagsbuchhandlung, München) beleuchtet Kurt von Raumer zum 15. Jahrestag bes Vertrags von Versailles bie Menschlichkeiten, benen d^ser mißglückte Friebe seine Entstehung verbankt: Den ftänbigen Streit ber Siegermächte um bie Verteilung ber Beute, ber stets roieber auf Kosten Deutschlanbs geschlichtet würbe, bie Rivalität ber führenben Staatsmänner: aber auch bie für bie Sieger kaum faßliche Schwäche bes November- Deutfchlanbs, bie verschärfte Friedensbedingungen cierabezu herausforberte. Natürlich fehlt auch ein Hinweis auf ben ungeheuerlichen Wortbruch nicht, ber bas Friebensbiktat kennzeichnet: bie feierliche Friebensabrebe vom 5. November 1918, bie Wilsons 14 Punkte zur Grundlage des Friedens machte, wurde von unseren Gegnern in aller Form gebrochen, ja ber Versailler Vertrag selbst, auf besten „Heiligkeit" bie Franzosen fortroöhrenb pochen, würbe niemals in ber Form verwirklicht, in ber er geschlossen würbe. Das Heft ist auch reich an Beiträgen zur Beurteilung unserer unmittelbarsten Gegenwart: Christian Stoll, „Irrlehre in ber Evangelischen Kirche: Gerharb May, „Das Außenbeutsch- tum unb die deutsche Wandlung": Fritz Cronhcim, „Rom und Romidee im Werke Mussolinis", lieber das heute so viel umstrittene Verhältnis von Volkstum und Evangelium bringt Gerhard Rosenkranz' Beitrag „Evangelium und Volkstum in Japan" reichen Stoff zum Nachdenken.


