Kr. 127 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Tberheffen)
Montag, 4. Juni W
Gegen Nörgler, Miesmacher, Kritikaster
Große Kundgebung der NGOAP. in der Volkshalle.
Die Kreisleitung der NSDAP, hatte ihre Gliederungen zur Teilnahme an einer großen Kundgebung gegen die Nörgler und Miesmacher aufgeforbert. Der Ruf n>ar nicht ungehört verhallt. Sämtliche Gliederungen der NSDAP, der Stadt und des Kreises Gießen nahmen teil und viele Volksgenossen hatten sich eingefunden, um den Redner, den Gaupropagandaleiter Müller-Scheld zu hören. SA., SS., HI. und VdM. marschierten geschloffen nach der Volkshalle, viele Betriebe unserer Stadt vereinigten ihre Arbeitskameraden unter der Fahne der Betriebszelle, um ebenfalls geschloffen der Volkshalle zuzustreben; viele andere Volksgenossen strömten zum Ort der Kundgebung und gegen 14 Uhr war die Dolkshalle nahezu bis auf den letzten Platz besetzt. Etwy 5000 Menschen mögen sich zu der Kundgebung eingefunden haben. Mit großer Spannung harrte man der Ausführungen des Gaupropagandaleiters. Der Musikzug der SAR. unter der bewährten Stabführung des Musikzugführers Herrmann leitete mit?einem schneidigen Marsch die Veranstaltung ein. Unter den Klängen eines weiteren Marsches betrat der Redner des Tages den Saal und wurde von allen Anwesenden stehend mit erhobener Hand begrüßt. Unter den Klängen des Badenweiler Marsches wurden dann die Fahnen der Ortsgruppen, Fahnen
Es sei Kicht zu leugnen, so begann der Redner, baß in manchen Kreisen unserer Bevölkerung Unzufriedenheit herrsche. Das habe verschiedene Ursachen. Es könne und werde nicht geleugnet, daß Fehler gemacht worden seien, denn die nationalsozialistische Bewegung sei eine junge Bewegung. Es könnten nicht alle, die am Werke sind, Meister fein'.
Ls frage sich aber, ob die Fehler, die gemacht worden find, im Verhältnis zu dem bereits Erreichten so große seien, daß die Unzufriedenheit gerechtfertigt wäre.
So sei sicherlich manches z. B. in der Pevsonenbe- setzung nicht so, wie wir es selbst wünschten. Umwandlungen aber, wie sie die nationalsozialistische Revolution mit sich gebracht habe, könnten aber auch nicht ohne jede Schwierigkeit vor sich gehen. Unsere Gegner seien nicht die einigen, die die Fehler erkennen. Die Führer im Reich, in den Gauen und in den Kreisen wüßten ganz genau, wo es noch fehle. Jene, die heute kritisieren, seien aber früher nicht in der Lage gewesen, ihre eigenen Fehler zu erkennen. Wenn jemand in der Bewegung heute am verkehrten Platze stehe, so werde es kein halbes Jahr mehr dauern und er werde dort feinen Dienst tun, wo seine Arbeitskraft besser verwertet und seinen Fähigkeiten mehr Rechnung getragen ist.
Insbesondere aber gelte es heute gegen drei Arten von Menschen anzukämpfen, die der Bewegung gerne am Zeuge flicken möchten.
Da sei in erster Linie der Jude; die von ihm drohende Gefahr könne leicht erkannt werden. Man könne verstehen, daß er sich wehre. Seine starke Stellung im Nachkriegsdeutschland sei durch die nationale Revolution gebrochen worden. Er benütze jetzt natürlich jede Spur von Unzufriedenheit, um Unruhe zu stiften. Leider leihe mancher unzufriedene Bauer schon heute wieder dem Juden das Ohr.
Es gebe aber dann eine zweite Gruppe von Menschen, an die man nur mit gemischten Gefühlen denke: an jene Menschen mit sehr hohen Stehkragen und mit einem Glasscherben im Auge. Der Krieg habe sie nicht etwa ausgerottet, jene allzu vornehmen, die national waren „bis in die Knochen",
der teilnehmenden SA.-Formationen und die vielen Fahnen der Betriebszellen eingebracht.
Kreispropagandaleiter pg. Schmelz eröffnete die Kundgebung. Mit großer Freude stellte er die Teilnahme sämtlicher Organisationen der Partei fest. Es sei, so führte er u. a. aus, auch schlecht denkbar, daß sich auch nur eine Gliederung hätte ausschließen wollen. An der geschlossenen Front der Bewegung und der Partei sollten und müßten alle Angriffe der Nörgler und Miesmacher abprallen. Besonders heiße er aber die Reichswehr willkommen, der es heute'nicht mehr, wie einst, verboten sei, an politischen Kundgebungen teilzunehmen.. Der Gruß des Redners galt ferner dem Reichstreubund und den Mitgliedern des Maler- und Tünchermeister-Landesverbandes Rhein- Main, die ihre Anwesenheit in Gießen dazu benützten, trotz Fahnenweihe und Arbeitstagung, an der Kundgebung teilzunehmen. Gerade diese Tatsache sei ein Beweis dafür, daß alle Organisationen mit der politischen Organisation eines Willens sind. Das müsse besonders hervorgehoben werden, weil es noch manchen Volksgenossen gebe, der den guten Willen zur Mitarbeit nicht ausbringe oder nicht aufbringen wolle. Schließlich begrüßte Kreispropagandaleiter Schmelz den Redner der Kundgebung.
nur nicht sozial... Jene Menschen haßten uns, weil sie zurückgedrängt worden seien. Ihnen aber müsse gesagt werden, daß die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht nicht gestohlen, sondern hart erkämpft hätten.
Die dritte Gruppe spekuliere aus Glauben und Frömmigkeit, um sie gegen den Nationalsozialismus auszuspielen. Es gebe ganz vorzügliche Geistliche. Ihre Arbeit in seelsorgerischer Hinsicht werde ihnen niemals bestritten, vielmehr würden sie stets dabei gestützt werden. Aber die Erörterung politischer Fragen gehöre nicht zum Arbeitskreis eines Geistlichen. Gewarnt werde vor allem davor, den Versuch zu machen, Trennungslinien aufzurichten, einen Separatismus heraufzurufen, der zu trennen drohe, was zusammengehöre. Mit Gerüchten könne sehr schnell eine Stadt verseucht werden. Die Gerüchtemacher aber seien schlecht zu fassen. Witze, die gemacht würden, um Führer lächerlich zu machen, seien von Interessenten bewußt unter das Volk gebracht. Es würde den Nationalsozialisten aber nicht schwer fallen, hier einmal ein abschreckendes Exempel zu statuieren.
Das was der Nationalsozialismus wolle, ist der eine große Wunsch, daß jedermann den Führer begreife und dann hinter ihm stehe.
Nach der zweiten, weniger glücklichen Schlacht bei Tannenberg im Weltkrieg habe einmal ein Journalist Hindenburg gefragt, warum diese Schlacht weniger guten Erfolg gezeitigt habe. Und da habe Hindenburg gesagt: Weil die Beter hinter der Front fehlten!
Adolf Hitler habe die Marxisten und das Zentrum vernichtend geschlagen. Jetzt werde zum zweiten Schlag ausgeholt, da sich Grüppchen bildeten, die zu kritisieren begannen und nörgelten. Da seien nun allenthalben auch die klugen Besserwisser da, die da sagen: Wenn ich Hitler, Göbbels, Göring wäre, dann täte ich ... — von der Klugheit jener Leute habe man vor 1933 allerdings nichts gehört.
Wenn heute bei den übergeordneten Parteistellen Beschwerden vorgebracht werden würden, dann müßte von dem betreffenden Volksgenossen auch der Beweis für falsches oder ungerechtes Handeln des Beschuldigten angetreten werden. Es bedürfe der positiven Beweise und der — Zivilkourage.
Wer anklagen wolle, müsse auch den Wut haben, seine Anklage schriftlich zu Protokoll zu geben.
Er, der Redner, habe da schon sehr schlechte Erfahrungen gemacht. Wer zu klagen habe, müsse öffentlich dafür eintreten können. Es gehe nicht an, daß zu Hause und am Stammtisch nur gescholten und räsonniert werde und auf der Straße werde doch stramm ,^)eil Hitler!" gerufen. — Es fei vielen unserer Volksgenossen, die uns feindlich gegenüber; standen, viel zu gut gegangen. Die Bewegung sei bei der Machtübernahme viel zu rücksichtsvoll gewesen.
Wer den Nationalsozialismus verstehen wolle, müsse den Führer zu verstehen versuchen. Wer ihn verstehe, werde nie mehr an der Seite der Meckerer zu finden sein. Adolf Hitler stamme aus kleinbürgerlichen Verhältnissen. Er habe sich sein Brot früh selbst hart verdienen müssen, habe keine Gönner gehabt. Immer sei er auf eigene Kraft angewiesen gewesen. Adolf Hitler habe einmal zur Kunstschule in Wien gewollt, aber die Aufnahme wurde ihm verweigert, weil er keine „Zeugnisse" besaß. Es habe sich gerade hier bewiesen, daß das beschriebene Papier kein ausschlaggebender Faktor sei. Wie stünde wohl jener Mann vor ihm, der ihn damals abgewiesen hat, wenn er ihm heute gegenübertreten müßte?
Und dann sei der Führer Hilfsarbeiter auf dem Bau geworden und habe das Wiener Proletariat und gleichzeitig den Fleiß des Arbeiters kennengelernt und in München — die Kunst. Er sah und horte Theater, Musik, die Werke der Klassiker, erlebte die Welt des deutschen Geistes und erkannte die Werte, die er der Menschheit gab.
Und bann sei das große Erlebnis über ihn gekommen: der Kriegsausbruch, ber taifunartige Willensausbruch bes beutfchen Volkes. Er zog hinaus, erlebte bie ungeheure Organisation bes beutfchen Heeres, bie Sturmfluten ber beutfchen Solbaten an allen Fronten, erlebte es mit eigenen fliegenden Pulsen.
Dann die Kameradschaft. Er spürte, wie an der Front die Spreu von Weizen geschieden wurde, wo es gleichgültig wurde, ob der Kamerad zu Hause ein Bauer oder ein Millionär war, wo nur die Kraft, der Wille, der Charakter, das Erbgut galten. Da habe er dann nach dem Kriege in München den Satz ausgesprochen, daß er aus dem deutschen Volke die Starken herausholen wolle. Den Zusammenbruch des deutschen Volkes habe er in allen Fasern erleben müssen und doch gleichzeitig erkannt, daß er vom Schicksal als der Führer und Erretter bes deutschen Volkes bestimmt war. Sein unvergleichlicher Kampf um die Macht fei in unser aller Erinnerung. Einmal habe er es mit Gewalt versucht. Er habe dafür IV2 Jahre im Gefängnis sitzen müssen.
Jener Zeit verbankken wir bas Buch: „Wein Kampf!".
Und bann habe die Parole geheißen: „Wir wollen die Macht auf legalem Wege erringen!" Das Volk fei in der Folge durch die Herzen und die Seelen gewonnen worden. Und zu einer Zeit, da die Sprengung der Partei versucht wurde, habe er, der Führer, sich schon in Gedanken mit der Machtergreifung beschäftigt.
Nun sei der Nationalsozialismus im Besitze der Macht! Aber: Was habe er übernommen? Mit Zentnergewichten am Fuß gehe der Führer seinen Weg, langsam, Schritt für Schritt.
Für feinen schweren Weg brauche er bas ganze Volk hinter sich unb nicht einen hausen Nörgler. Zu nörgeln unb unfruchtbare, negative Kritik zu üben, sei Verbrechen am Volk.
Der Führer aber habe nicht nur unmögliche Finanzverhältnisse übernommen, sondern auch einen ver-
Gaupropagandaleiter Mller-Schetd spricht...
elenbeten Bauernstand, eine blutleere Industrie unb — ein Heer von 6V2 Millionen Arbeitslosen. 300 Stunden müßte man ausharren, wollte man dieses Heer in Achterreihen an sich vorüberziehen lassen. Und nun, nach 1% Jahren, seien vier Millionen in Arbeit gebracht. Sie arbeiten zum Teil um geringeren Lohn, aber es sei tausendmal besser als sie arbeitslos zu sehen. Was verzehrt werden solle in unserm Volke, müsse erst gewachsen sein. Man könne nicht heute Weizen säen und in 14 Tagen ernten wollen.
In Deutschland gebe es nicht weniger als zwei Millionen erbkranke Menschen, für die jährlich 350 Millionen Mark ausgegeven werden müßten. Der crbgefunbe Mensch habe bisher kaum eine Unterstützung erfahren können. Wenn die Entwicklung und Vermehrung der Erbkranken nicht aufgehalten würde, wäre die deutsche Nation in 75 Jahren ein ruiniertes Volk. Der Führer habe dieser Entwicklung das Sterilisierungsgesetz all Bollwerk entgegengesetzt.
Die Welt sei keine Fürforgeanstall, sondern ein Kampfplatz, auf dem sich nur ber Lebenstüchtige behaupten könne.
Einem wahren Christen werde es nicht gleichgültig sein können, ob das deutsche Volk in einem bestimmten Zeitraum ein Volk von Minderwertigen sei, ober ob die kommenden Generationen kraftvoll und aufrecht durch die Straßen schritten. Im deutschen Volke müsse aber auch der Wunsch zum gesunden Kinde wieder wach werden. Die junge Frau müsse die Mutterschaft und die Arbeit um des Kindes willen auf sich nehmen und sich nicht nur „ausleben" wollen.
Der Führer wolle die freudige Gefolgschaft aller Deutschen. Er wolle sie nicht „beherrschen". Für bas Volk habe der Führer gelitten, seien 300 gestorben, seien viele Tausende zerschunden worden an Leib und Seele. Das dürfe nie vergessen werden. Der Führer wolle nicht Krieg, wolle nicht stürmen; die Franzosen hätten besser daran getan, ihre Bahnanlagen so auszubauen, daß nicht alle fünf Minuten ein Unglück passiere, anstatt eine „Zone des Todes" aus Stahl und Beton von der Nordsee bis 3ur Schweiz zu bauen. Dem Führer Adolf Hitler sei es gelungen, eine Verständigung mit Polen zu erreichen. Was den Pazifisten nie gelang, gelang ihm wie über Nacht.
Die ganze Well schaue jetzt auf Adolf Hitler, unb es werbe bie Zeit kommen, wo bie Völker kommen unb fragen werben: Was sollen wir tun, um unser Haus wieber in Orbnung zu bringen. Die Wett sehe mit Staunen auf bas neue beutsche Wunber. Angesichts biefer Tatsache bürfe es einst vor ber Geschichte nicht heißen:
Eine große Zeit fanb ein kleines Geschlecht!
Niemand von uns dürfe den Kopf hängen lassen. Das Volk müsse einig bleiben. Mit Adolf Hitler lebe ober sterbe das deutsche Volk, mit dem deutschen Volk bestehe oder zerfalle Europa, mit dem europäischen Kontinent stehe oder falle die weiße Raffe. Wir müssen die Zeichen der Zeit verstehen. Dementsprechend müsse unsere Haltung fein. Jeder müsse willens und geartet sein, zu den Starken und Geraden zu gehören.
Mit einem dichterischen Wort beschloß Gaupropagandaleiter Müller-Scheld seine mit großer Aufmerksamkeit und anhaltendem Beifall aufgenommenen Ausführungen.
Kreispropagandaleiter Gchme'z
forderte in feinem Schlußwort dazu auf, die Nörgler beiseite zu schieben, sich das Haus rein zu halten von Miesmachern und aufrechten geraden Sinnes weiter zu arbeiten für Volk und Vaterland und den Bestand der Nation.
Ein dreifaches „Sieg-Heil!" auf unseren Führer Adolf Hitler wurde von der Versammlung lebhaft ausgenommen und füllte vieltausendstimmig den Raum. Der gemeinsam gesungene erste Vers des Horst-Wessel-Liedes und des Deutschlandliedes beschlossen die Kundgebung.
Allerlei Geschichten von Kirschen und Königen.
„Die Lust der Knaben und Vögel" wurden die an den Bäumen reifenden Kirschen einmal genannt, und mancher Junge hat sich schon die Hosen zerrissen, wenn er heimlich ein solch früchteschweres Bäumlein bestieg, um sich dort, inmitten des Spatzengezänks, die Kirschen ohne den Umweg über den Händler einzuverleiben und sich, mit Kirschenohrringen geschmückt, aus dem Garten zu stehlen. Aber in der Schar der Kirschenliebhaber finden sich neben den Knaben und Vögeln auch große Könige und Feldherren, und von ihnen und manch anderen, die durch Selbstzeugnisse, Briefe, Geschichten und Sagen mit den Kirschen in Gutem ober Bösem verbunden sind, soll hier berichtet werden.
Der Schöpfer ber berühmten römischen Gartenanlage, der Horti Luculliani aus dem Monte Pincio' Lucius Licinus Lucullus soll unter der kostbaren Kriegsbeute, die er von seinem Sieg über den König Mithridates (64 n. Ehr.) im Triumphzug nach Rom führte, auch einige Bäume mttgebracht haben, die sich von unschätzbarem Wert erwiesen, auch als alle anderen Beutestücke längst vermodert waren. Es waren Kirschbäume vom Rande der pontischen Wüste zwischen Sinope und Trapezunt, aus der Stadt Kerasus, der sie auch ihren Namen cerases" verdanken. Aber nur eine edlere Kirschensorte kann es gewesen sein, die der römische Feldherr für so wertvoll hielt, daß er ste mit nach Rom führte; denn wilde Kirschenarten gab es damals chon in Italien wie in allen anderen Landern Europas. So sind in Dänemark und Böhmen Lehmabdrücke von Kirschen aus ber alleren S em- zeit gesunden worden, und auch die Pfahlbauten aus ber jüngeren Steinzeit in der Schweiz und die Stätten der französischen ~cr
Bronzezeit sind Fundorte von Kirschensteinen. In jenem Triumphzug aber zog bie Ebelkirsche bei uns ein, bie bald vielfach gezogen und den wilden Kirschbäumen aufgepfropft wurde.
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Noch waren aber die Edelkirschbäume eine seltene Kostbarkeit, und die Chronisten rühmen eines der Meistergüter Karls des Großen, der dort neben 100 Birn- und 115 Pflaumenbäumen 1125 Kirschbäume setzen ließ. Ein reicher Legendenkranz rankt sich bald um den Kirschenbaum, dessen zwei
malige Blüte in einem Jahr das schlimme Omen zugesprochen wird, daß sie Krieg ansage. Aber auch eine segenspendende Kraft wird dem Kirschbaum nachgesagt, der aus einem Kirchkern erwachsen ist, den ein Vogel zur Erde fallen ließ. Eine Wiege muß aus ihm verfertigt werden, und das Kind, das in ihr gewiegt wird, vermag Erlösung und Glück zu bringen.
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Auch Friedrich II., dem großen Dreußen- fönig, haben die Kirschen gemundet, und der sonst so sparsame Monarch, der für sich selbst die geringsten Ansprüche stellte, hat angeblich seinen Appetit auf Kirschen schon im Januar nicht bezähmen können unb einmal für 180 Kirschen 180 Taler bezahlt, für jede Kirsche also einen Taler. In der Schatzkammer von Berlin soll das Aktenstück darüber aufbewahrt fein. Und rührend ist die Entschuldigung, die ber König seinem getreuen Freders- borf gegenüber für diese einmalige große Ausgabe schriftlich beilegte: „Du wirst schmälen, daß gestern vor 180 Thaler Kirschen gegessen worden und ich werde eine liederliche Reputation machen. Soll auch gewiß nicht wieder vorkommen."
Viel Kummer aber haben die Kirschen den Schauspielern vom „Goethe-Theater" in Lauchstädt gemacht, worüber uns ein Brief des Schauspielers Becker aus dem Jahre 1799, also vor der Ueber- nahme der Theaterleitung durch Goethe, berichtet. „Schon seit mehreren Vorstellungen hatten anbere Schauspieler die Erfahrung gemacht' daß Kirschkerne aus das Theater geworfen wurden, ja von einem sagt man, daß er durch das ganze Stück soll wirklich getroffen worden sein, und er hat es ertragen! Auch wurden! während der Akte alle grünen Blätter, welche in den Kirschkörbchen liegen, über das Orchester weg aufs Theater geworfen, so daß man, wenn der Vorhang aufging, wie in einem grünen Garten war. Daß dieses so eine Weile hin- gegangen, hatte die Herren so kühn gemacht, und so machten sie denn vor Anfang der „Räuber" solch einen Lärm, wie ich ihn Zeit meines Lebens noch nicht in einem Schauspielhaus erlebt... Die Wache, solche Ruhe gebot, wurde ausgelacht und so fort. Wie der zweite Akt anging und ich meinen Monolog als Franz Moor hielt, kam mir ein Kirschkern auf den Tisch, an welchem ich saß, geflogen. Ich stand auf und trat vor und sagte zu einem Trupp, der vorn am Orchester saß und Kirschen aß: „Was soll das? Kirschkerne auf das Theater zu werfen! in einem festen unb befehlenden Ton, welchen ich
so ganz in meiner Rolle als Franz Moor inne hatte. Sie fingen an, zu pochen, aber alles zischte: „Stille!" Wie es stille war, ging ich in meiner Rolle weiter und durch das ganze Stück herrschte Ruhe und Stille, wie niemals. Nach der Vorstellung brachten mir die Studenten, welche selbst höchst unzufrieden über den Auswurf unter ihnen sind, ein Vivat vor meiner Tür, und bis jetzt hat sich keiner wieder unterstanden, Kirschkerne ober Blätter auf bas Theater zu werfen." *
Den Beschluß dieser heiteren Geschichten um bie Kirsche soll ein altes Volksrätsel machen, bas Karl Simr 0 ck mit besonberem Stolz in sein „Deutsches Rätselbuch" aufnahm. In ihm vereinigt sich bie Freude am Blühen unb Reifen der Kirsche mit ber Wehmut, bie ben Rötseldichter beim Anblick ber bunteirot leuchtenden Frucht mit ihrem samtenen Schimmer befiel.
„Als ich von meiner Mutter kam, Halt' ich ein schneeweiß Hemdchen an, Als mir Gott ein grünes gab, Goß er drein Blut und Wein Und dazu ein Herz von Stein."
Arzt-Honorare in alter Zeit.
Einen interessanten Einblick in bie Honorare, bie bie Aerzte vor einem Dierteljahrtausend erhielten, gewährt eine Gebührenordnung vom Jahre 1686, die im Augsburger Städtischen Archiv aufbewahrt wird. Es wird da genau vorgeschrieben, wieviel der Arzt für seine Bemühungen nehmen darf: „Für den ersten Gang zu einem Bürger und dessen Angehörigen in gemeinen Schwachheiten sollen dem Medico ein halber Gulden gebühren, und für jeden folgenden Gang, soviel deren auf Begehren der Kranken ober feiner Freunde geschehen, ein Viertel eines Guldens. In gar langwierigen Schwachheiten, da über drei oder vier Gänge wöchentlich vonnöten, soll der Patient eine ganze Woche einen Gulden zugeben und der Medicus nach Gelegenheit der Schwachheit zu erscheinen schuldig sein. In potagies und ansteckenden affectibus soll für den ersten Gang ein Gulden und für den folgenden jeden ein halber Gulden erleget werden. Da zween oder mehr Medici zusammen gefordert würden, soll für die erste (Konsultation jedem ein Goldgulden verehrt werden, und so der Patient ferner ihrer sämtlichen Erscheinung begehrt, soll er jedem für jeden Gang einen halben Gulden zu reichen schuldig fein wegen vieler
Versäumnis, die in solchen zu gewisser Stund an- gesetzten Zusammenkünften sich befinden. Für eine Visitation nächtlicherweise soll dem Medico ein Gulden präsentiert werden. Für fremde Personen, welche in der Stadt schwach liegen, soll anstatt der ganzen, halben und viertel Gulden ganze, halbe und viertel Reichstaler gegeben werden; nämlich in gemeinen Schwachheiten für den ersten Gang ein halber Reichstaler, für den folgenden ein viertel Reichstaler, in gefährlichen giftigen Morbi doppelt soviel. Für Reisen zu ausländischen habhaften Kranken, mag ber Mebicus begehren von jeber Meil bis zum Patienten einen Reichstaler unb von jedem Tag. bis er wieder zu Haus kommt, zween Reichstaler. Herren, Standesperfonen aber und vor- nehme vom Adel wissen selbst der Medicorum Fleiß und angeroenbete Mühe mit mehreren zu erkennen; bahero gemeiniglich ber Mebici bei solchen Personen ihrer Diskretion alles anheimgeben." Die „Taxvrb- nung ber Barbierer" schreibt vor, baß für „einen Armbruch mit einer Röhre zu heilen" 6 Gulben, für einen „Armbruch mit beiben Röhren" 12 Gulben, für bie Heilung eines Beinbruches bei Erwachsenen 18 Gulben unb bei Kinbern 12 Gulben zu zahlen finb. Für „Schenkelabschneiben samt Kur" barf der Barbier 24 Gulden fordern, unb vielsagend schließt bie Verorbnung: „So ber Patient matt ober gar stirbt, gibt man bie Hälft". Da man in jener Zeit für breioiertel Reichsgulben einen Scheffel Roggen kaufen konnte, so sind diese Preise erstaunlich hoch und sicherten jedenfalls dem Arzt ein gutes Auskommen.
6od)fd)ulnad)nd)ten.
Dem Leiter der Chirurgischen Abteilung des Ru- dolf-Virchow-Krankenhauses in Berlin, Professor Dr. Willy Usadel, wurde der ordentliche Lehrstuhl der Chirurgie und bie Leitung ber Chirurgischen Klinik an der Universität Tübingen übertragen.
Der ao. Professor für Kunstgeschichte an ber Universität Erlangen, Dr. Alsreb Stange, würbe zum Drbinarius in Erlangen ernannt.
Der Privatbozent Lic. theol. Gerharb von Rad an ber Universität Leipzig hat einen Ruf auf das alttestamentliche Ordinariat an ber Universität Jena angenommen.
Der Münchener Privatbozent Dr. Berthold Mueller erhielt einen Ruf auf ben ordentlichen Lehrstuhl für gerichtliche Medizin an der Universität Göttingen.


