Aus der Provlnzialhauptstadi Wenn am Walde die Heckenrosen blüh n!
Vor Jahren war's. Da mußte ich zur schönen Sommerzeit im Bette liegen. Ich konnte nur die rauschenden Baumwipfel droben auf der Höhe sehen und den Sonnenschein darauf. War das fünfter, geöffnet, dann strömte der Duft der Gärten herauf.
Da erschien eines Tages ein Kind des Nachbars, ein kleines Mädchen, und brachte mir von ihrem Spaziergang einen Strauß Heckenrosen mit. Es waren nicht nur die Blumen, die mir die Tränen in die Augen steigen ließen, sondern auch die roten Backen und die glänzenden Augen des Kindes, wie es mit ganzem Herzen und dem innigen Wunsch, mich bald wieder gesund zu sehen, vor mir stand! Wir waren schon lange Zeit die besten Freunde. Aber die größte Freude bereitete mir das blonde Kind mit dem Strauß Heckenrosen.
Da standen sie denn nun neben meinem Bette, und mein Blick flog hinauf nach dem Hohlweg, der neben dem Wald herläuft und in dem Taufende von Röschen blühen. Der herrliche Duft erquickte mich, die zarten Farben beruhigten und erfreuten zugleich.
Und ich dachte an die vielen Vogelnester, die im Blattwerk der Sträucher gar gut vor den Räubern geschützt sind. Wie haben es die kleinen Vögel schön, wenn sie dort im grünen, schattigen Blätterhaus zur Welt kommen, wenn sie noch Tage und Wochen von den sorgenden Eltern behütet und gefüttert werden. Sobald sie ihre Augen öffnen, sehen sie die goldnen Sonnenstrahlen, die hier wie Pfeile durch die Blätter dringen und kleine helle Pünktchen und Flecke auf das Grün malen. Sie selber aber, die kleinen Vögel, liegen gesichert auf weichem Lager, lassen sich füttern, hören den Gesang des trefflichen Vaters, der nicht weit von ihnen auf einer Buche sitzt, und schwelgen im herrlichen Dufte der Heckenrosen!
Das sind so die Gedanken, die uns unwillkürlich kommen, wenn wir im Bette liegen müssen, wenn draußen im Walde die Heckenrosen blühen.
Ja, im Herzen tief innen ist alles daheim, der Freude Saaten, der Schmerzen Keim.
Drum frisch sei das Herz und lebendig der Sinn, dann brauset, ihr Stürme, daher und dahin! Wir aber sind allzeit zu singen bereit: Roch ist die blühende, goldene Zeit, noch sind die Tage der Rosen. (Roquette.)
Um so dankbarer nehmen wir die Wunder der Natur entgegen, wenn wir gesund und hoffnungsfroh den Wald durchstreifen, wenn wir staunend stehen bleiben vor dem Rosenstrauch.
Die schlichte Schönheit des Heckenrösleins hat es von jeher dem Menschen angetan. Da ist keine überschwengliche Pracht, keine große „Aufmachung". Nur fünf aarte Blütenblättchen, außen dunkel, innen hellrosa gefärbt, leuchten uns entgegen, umhüten die goldgelben Staubfäden. Aber ein wunderbarer Duft entströmt den einfachen Blümchen. Besonders schön sind die jungen Knospen, die sich eben öffnen wollen.
Wir sagen: Frisch wie eine Heckenrose!
Oder: Sie blüht wie eine Heckenrose! und tun recht daran. Denn all der Zauber eines herrlichen Sommertages wirkt auf uns, strahlt uns entgegen, wenn mir Die Heckenröslein sehen, wenn ein Strauß von ihnen unser Zimmer schmückt. L.
Der Dank der SA.
Die SA.-Standarte 116 teilt uns zur Veröffentlichung mit:
Die S A.- Standarte 116 dankt allen denen, die am SA.-Spendetag ihre Opferfreudigkeit bewiesen haben.
Sitzung des provinzialausschuffes der Provinz Oberheffen.
Es kamen folgende Gegenstände zur Verhandlung:
1. Der Klage des Bezirksfürsorgeverbandes des Obertaunuskreises Bad Homburg v. d. H. gegen den
Bezirksfürsorgeverb anL des Kreises Friedberg auf Erstattung von Pflegekosten für Rudolf Schneider aus Vilbel im Betrage von 627,50 Mark ist stattgegeben worden und der Beklagte verurteilt, me aus dem Pflegefall entstehenden, notfalls in einem besonderen Verfahren festzusetzenden Kosten zu tragen.
2. In der Klagesache des Bezirksfürsorgeverbandes des Landkreises Eschwege, vertreten durch den Magistrat der Stadt Eschwege, gegen den Bezirksfürsorgeoerband des Kreises Friedberg auf Erstattung von Fürsorgeaufwendungen für Christine Muskat, geb. Schäfer aus Eschwege wurde die Urteilsverkündung ausgesetzt.
3. Eine Klage des Bezirksfürsorgeverb-andes der Stadt Fulda gegen den Landesfürsorgeverband Hessen, vertreten durch den Bezirksfürsorgeverband des Kreises Friedberg, auf Erstattung von Krankenhauskosten für Friedrich Hartmann aus Essen wurde kostenpflichtig zurückgewiesen.
NS. Gemeinschaft,,Kraft durchIreude"
Täglich mehren sich die Anfragen nach den Ferienzügen in alle Deutschen Gaue. Meistens herrschen Bedenken, wie es überhaupt möglich sein könnte, in der Hauptsaison der Reisezeit so viel Sonderzüge fahren zu lassen, wie in der Vorsaison. Daß hier keinerlei Bedenken bestehen, beweist die Tatsache, daß auf der Tagung der Gauwarte, die dieser Tage in Berlin stattfand, annähernd 130 Land-Sonoerzüde mit je 1000 Mann für eine Woche Urlaub ms Programm gesetzt wurden. Für insgesamt 37 000 Arbeitskameraden und -kamera- binnen wurden Seereisen in Aussicht genommen.
Nachstehend geben wir auszugsweise die Züge wieder, die aus unserem Gaugebiet Hessen-Nassau im Juni, Juli und August die
Vornotizeit.
— Tageskalender für Montag. Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Die Rosl vom Traun- fee".
♦* Schwerer Verkehrsunfall. Am gestrigen Sonntag nachmittag wurden in die Chirurgische Klinik zwei Studenten, der 23 Jahre alte Hans Schnell aus Bad-Nauheim und der 20- jährige Gustav G e r l a ch e r aus Schwanheim eingeliefert, die beide bei einem Motorradunfall in der Nähe von Klein-Linden Gehirnerschütterung und Weichteilverletzungen erlitten hatten.
** Verhängnisvoller Sturz vom Fahrrad. Die 20jährige Haustochter Emmi Horn von hier kam am Schiffenberg durch einen Bruch der Lenkstange ihres Fahrrades so schwer zu Fall, daß sie mit einer Gehirnerschütterung in die Chirurgische Klinik gebracht werden mußte.
**Die Bekämpfung der Schnakenlarven. Das Städtische Hoch- und Tiefbauamt weist darauf hin, daß die in den Gärten vorhandenen Schnakenlarven beseitigt werden sollen und bittet daher alle Gartenbesitzer, im Interesse der allgemeinen Volkswohlfahrt die Schnakenbekämpfung dadurch zu unterstützen, daß den beauftragten Personen das Betreten der in Frage kämmenden Gärten gestattet wird. (Siehe die heutige Bekanntmachung.)
** Langersehnter Regen. Der Bauer und der Gärtner haben lange auf einen ausgiebigen Regen gewartet. Am Samstagmorgen begann es für kurze Zeit zu tröpfeln. Der Segen von oben dauerte aber nicht lange. Erst am Samstagabend zu später Stunde öffneten sich die Schleusen des
Heute beginnt unser neuer Vornan
Katarina kann sich nicht entscheiden
in den Gießener Jamil ienbtättern
Volksgenosien hinaus bringen in andere Gegenden und andere Gaue unseres schönen deutschen Vaterlandes.
1. Zug vom 24. Juni bis 1. Juli: Pommersche Seeküste.
2. Zug vom 8. Juli bis 15. Juli: Bayerischer Wald.
3. Zug vom 15. Juli bis 22. Juli: Oestliche Ostsee (Rügenwalde).
4. Zug vom 22. Juli bis 29. Juli: Bodensee.
5. Zug vom 5. August bis 12. August: Glatzer Bergland.
6. Zug vom 12. August bis 19. August: Nordsee. 7. Zug vom 19. August bis 26. August: Erzgebirge.
8. Zug vom 19. August bis 26. August: Holstein (Ostsee oder Nordseeküste).
9. Zug vom 26. August bis 2. September: Allgäu.
Nähere Anweisungen werden demnächst durch die Zeitungen befanntgeaeben, insbesondere die Höhe der Unkosten für diese Fahrten.
NGLB., Fachschaft Höhere Schule.
Mittwoch, 6. Jyni, 15.30 Uhr, im Turnsaal der Oberrealschule: Sitzung der Fachschaft Höhere Schule (Gießen-Stadt) Vorträge der Amtsgenossen Hahn und Schlosser. Anschließend Bezirksversammlung des NSLB. Dr. Adolph.
Himmels ganz sacht, dann aber weiter und weiter und schließlich entwickelte sich ein schöner Landregen, der fast die ganze Nacht und auch am Sonntagvormittag noch anhielt. Erst gegen Mittag hellte sich der Himmel auf und die Sonne brach sich Bahn. Mancher Gartenbesitzer mag sich darüber gefreut haben, daß er nun für eine Reihe von Tagen das anstrengende Gießen sparen kann, ganz abgesehen von den wohltätigen Wirkungen, die ein gediegener Landregen sonst auf alles Grüne ausübt. Dem Bauern dürfte ein Teil feiner Sorgen um die Ernten abgenommen worden fein.
** Versammlung der Neuhaus- und Eigenheimbesitzer. Man berichtet uns: Die vor einiger Zeit gegründete Ortsgruppe Gießen des Reichsverbandes deutscher Neuhaus- und Eiaen- heimbesitzer hielt dieser Tage ihre erste Mitgliederversammlung im Cafö Ebel ab.
Das mit der Führung der Ortsgruppe beauftragte Vorstandsmitglied P. Schirmbeck erstattete Bericht über die in Darmstadt stattgefundene Ver- treterversammlung der Neuhaus- und Eigenheim- befitzer für ganz Hessen. Den Ausführungen war zu entnehmen, daß der Landesverband Hessen unter der tatkräftigen Führung von Bauinspektor Pg. Dörr- Worms und des Geschäftsführers Pg.
Schneidsr-Darmstadt im Jahr 1933 die Zahl feiner Mitglieder von 1000 auf 5270 steigern konnte und so innerhalb eines Jahres 2/s aller Neuhausbesitzer in Hessen in seine Reihen aufnehmen konnte. Dem Doraehen aller Landesverbände, gestützt auf das von ihnen gesammelte Material über die Notlage des Neuhausbesitzes, sei es nicht zuletzt zuzuschreiben, daß die Reichsregierung den Neuhausbesitzern Erleichterungen zugestanden habe. Als die weitgehendste Maßnahme sei der Fortfall der gemeindlichen Grundsteuer ab 1. Oktober 1933 zu erwähnen, für deren Ablösung das Reich 50 Millionen RM. zur Verfügung gestellt habe. Aus demselben Fonds könnten Neuhausbesitzern weitere Erleichterungen bei der Aufbringung der Zinsen und Tilgung für das staatliche Bauoarlehen gewährt werden, wenn ihr Einkommen die festgesetzte Grenze nicht überschreite. Wenn diese Erleichterungen von den Neuhausbesitzern durchaus anerkannt werden, so bleibe doch die Kernfrage für den Neuhausbesitz die Frage der Zinssenkung in Verbindung mit einer Schuldabwertung bestehen, da nur hierdurch dem Neuhausbesitz grundlegend geholfen werden könne. Daß die Reichsregierung dies erkannt habe, zeigen die unter dem Vorsitz des Staatsrats Görlitzer - Berlin wiederholt geführten Verhandlungen mit den Vertretern der großen Hypothekenbanken und dem Neuhaus^efitz, die über die Notwendigkeit einer raschen und durchgreifenden Hilfe keinen Zweifel gelassen hätten. Wenn es trotzdem noch nicht zu einer Zinssenkuna gekommen sei, so liege dies daran, daß die Reichsregierung das Zinsenproblem noch nicht einseitig zugunsten des Neuhausbesitzes lösen könne, sondern Dies nur im Rahmen einer allgemeinen Zinssenkuna für alle Wirtschaftszweige möglich fei. Bei der Dringenden Notlage des Neuhausbefitzes stehe jedoch zu erwarten, daß die Reichsregierung sich weiteren Erleichterungen nicht verschließen wird, wenn nicht der Neu- hausbesitz, der doch immerhin einen beachtlichen Teil unseres Volksvermögens darstelle, ganz zum Erliegen kommen solle. — Die Versammlung befaßte sich noch mit einer ganzen Reihe für den Neuhausbesitz wichtigen Fragen, meist jedoch lokaler Natur.
** Unterhaltungsabend der Verbrauchergenossenschaft. Die Verbrauchergenossenschaft veranstaltete am Samstag im Saale des Katholischen Vereinshauses für ihre Mitglieder eine Famifienzufammenkunft. Das Konzertprogramm brachte Darbietungen der verschiedensten Art, die durchweg weitgehendes musikalisches Können verrieten. Als Solist war Karl Luft (Gießen) gewonnen worden, der mit einer Anzahl ernster und heiterer Lieder aufwartete. Die Zuhörer nahmen feine Darbietungen sehr beifallsfreudig auf. Zwischendurch erfreute er auch durch humoristische Beiträge. Geschäftsführer Schneider hielt eine kurze Begrüßungsansprache, in der er darauf hin- wies, daß der Abend zur Vertiefung der Gemeinschaft in genossenschaftlichem Sinne dienen solle. Es dürfe nicht verkannt werden, daß im vergangenen Jahr in der Konsumvereinsbewegung vieles wieder gut gemacht worden sei. Es habe sich um Sein oder Nichtsein gehandelt. Es fei Pflicht der Verbraucher, die Genossenschaft zu unterstützen, zumal es sich auch darum handele, die gesparten Groschen der Arbeiterschaft zu erhalten. Fräulein H e u t g e n s (Düsseldorf) sprach dann zunächst über -die Erzeugnisse aus einem Betrieb der Einkaufsgenossenschaft der Konsumvereine. Die Ausführungen der Rednerin, die mit rheinischem Humor gewürzt waren, fanden reges Interesse und reichen Beifall. Frl. Heutgens trug außerdem durch ihren Humor wesentlich zur Verschönerung des Abends bei. Sehr unterhaltsam waren die sonstigen humoristischen Einlagen. Das Schlußwort sprach Geschäftsführer Dietz.
** Heugrasver st eigerungen von staatlichen Wiesen finden am Donnerstag, 7. Juni, in der Gastwirtschaft „Germania" zu Gießen statt. (Siehe die heutige Anzeige.)
Llnd nun, Ellen?
Vornan von Käthe Metzner.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.)
22 Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Er wußte nur, daß es um die Ehre seines Hauses ging. Um die Ehre! Das raubte ihm fast die Besinnung.
Er nahm den Hörer von der Gabel. Die Zentrale meldete sich.
„Das Werk in Wahren, bitte!"
Zitternd stand der alte Mann da. Rote Funken tanzten vor seinen Augen.
„Direktor Meinhardt! Bitte, Herr Geheimrat — Fräulein Ehlers? Ach ja — richtig. Die ist da. Sofort fristlos entlassen? Ja — ja — gewiß, Herr Geheimrat!"
„Ja, sofort! Die Dame verläßt augenblicklich den Betrieb. Welche Kündigungsfrist hat sie? Halojähr- lich? Soso?! Ja, es war meines Sohnes Wunsch. Gut — zahlen Sie das Gehalt auf ein halbes Jahr aus. Sofort — allerschnellftens. Die Papiere können Sie nachschicken. Schnellstens."
Unverständliche Worte drüben. Der Geheimrat hatte schon aufgelegt. Nun wurde er ruhiger. Ganz ruhig. Jetzt glaubte er, richtig gehandelt zu haben.
Wenige Minuten später brachte ihm ein Bürobote die tägliche Post. Obenauf die Zeitungen.
Aengstlich, als wären es unbekannte Sprengkörper, entfaltete er die „Nachrichten" — und erblaßte.
„Furchtbarer Mord an der Gattin des bekannten Erfinders Rainers von Rakenius. Rakenius wegen dringenden Verdachtes sofort verhaftet."
Der Geheimrat sank in seinen Sessel nieder.
In seinem Hirn wirbelte alles durcheinander — alles.
*
Für den Tatmenschen verliert das Elend alle Schrecken, sobald er nur wieder Verantwortung auf feinen Schultern fühlt. So erging es Ellen Ehlers seit dem Tage ihrer ersten Tätigkeit hier draußen in der Fabrik für ätherische Oele.
Sie stand gerade am Fenster, ihrem Lieblingsplatz, und beobachtete die Reagenz in einem kleinen Gläschen. Der weiße Labormantel hob ihre Schönheit zu berückender Süße und Lieblichkeit. Doch Ellen wollte ja nicht wie die Durchschnittsfrau wirken. Schaffen wollte sie, schaffen — und täglich, wie jetzt, hinunter in das Treiben des Wetters sehen können.
„Sie möchten bitte in das Büro kommen. Der Herr Direktor verlangt Sie!" Eine fremde Stimme riß Ellen plötzlich aus ihren Betrachtungen.
Ellen fuhr herum. Röte färbte ihre zarten Wangen. Wie ein Goldrahmen umgaben die hellblonden Locken das feine Oval ihres Gesichtes.
„Ich komme sofort!" sagte sie mit freundlicher Bereitwilligkeit. Sie stellte das Reagenzglas auf den Ständer und ging mit leichten, federnden Schritten hinter dem Boten her.
„Herein! Ach, Sie, Fräulein Ehlers! Ja — hören Sie mal — tut mir ehrlich leid. Doch — Sie müssen sofort nach Hause gehen. Hm! Hm! Sie müssen mich verstehen. Ich war mit Ihren Leistungen sehr zufrieden. Anweisung vom Generaldirektor — sofort entlassen!"
Der Direktor stotterte verlegen. Noch nie war ihm ein Auftrag so schwer geworden.
Unerträglich schien es ihm, zu sehen, wie alle frohe Ahnungslosigkeit in dem schönen Mädchengesicht einer schmerzlichen Hilflosigkeit wich.
So bittere Verzweiflung stand in den großen, reinen Kindesaugen, daß der Direktor sich erschüttert abwandte und auf feinen Schreibtisch starrte.
„Entlassen — fristlos entlassen? Warum?" Wie ein furchtbarer Schrei aus unendlich gequälter Brust kamen die Worte.
Nebel wogten vor Ellens Augen. Rote, seltsame Nebel, die sich unablässig drehten — drehten. So übel wurde iyr. Sie begriff nicht.
„Sie werden alles Nähere erfahren, liebes Fräulein Ehlers. Mehr kann ich im Augenblick nicht sagen." Die Worte des Direktors waren eine halbe Lüge, denn er glaubte selber nicht daran, daß die Generaldirektion einer Angestellten über ihre Anordnungen Rechenschaft geben werde.
„Sie bekommen ja auch Ihr Gehalt auf ein halbes Jahr ausgezahlt. Gehen Sie nur — gehen Sie..."
„Wer ist denn der Herr Generaldirektor? Vielleicht ... Ich habe doch nichts getan. Ich war ja fo froh und fo dankbar..
„Don Rakenius?" Nichts weiter mehr hörte Ellen als diesen Namen. „Von Rakenius..." Noch einmal wiederholte sie ihn und preßte die Hand auf das unheimlich klopfende Herz.
Kurze Zeit darauf schritt sie an dem Portier vorbei, eine Aktentasche mit ihren zwei weißen Mänteln unter dem Arm. Mit letzter Kraft ging sie vorwärts auf der langen unbebauten Straße/
Doch dann kam sie nicht weiter. Wo an der Kreuzung die ersten Häuser anfingen, standen ein paar Bänke.
Nur ruhen — ausruhen! Ein anderer Gedanke war nicht mehr in ihr. Zu Tode erschöpft sank sie auf eine nasse Bank. Sie merkte nicht, wie die Feuchtigkeit allmählich durch ihren dünnen Mantel drang — spürte nicht, wie die wässerigen Schneeflocken sie langsam einschneiten.
„Was tut ihr mir, ihr Menschen? Was nur? Was tue ich euch? Ach, warum laßt ihr mich nicht einmal, nur einmal kurze Zeit ausruhen. Ich wollte ja nichts, nur arbeiten — arbeiten — den Verlust der geliebten Mutter überwinden — und dich, Rainer von Rakenius! Nun verfolgt ihr mich..."
Immer langsamer arbeiteten die Gedanken. Eine
traumschöne Ohnmacht kam. Das Schluchzen verklang — ungehört.
Gegen Mittag kam ein Straßenarbeiter. Aus einem naheliegenden Hause holte er Hilfe. Mehr Menschen kamen. Ein Arzt wurde gerufen.
Das Sanitätsauto kam und holte das Mädchen.
Der Arzt las in der Handtasche auf einer alten Stempelkarte Namen und eine Hausnummer in der Nordftraße.
Die Menschen verliefen sich. So etwas ist nichts Neues. Jetzt noch sprechen sie davon, fünf Minuten später von einem überfahrenen Hund.
Wen interessiert es — wer nimmt wahrhaftig Anteil an dem Schicksal gestrandeter, hilflos aufgefundener Menschen? Fast alle grauen sich vor solcher Tragik, an der andere, Gutgestellte, schon längst zerbrochen wären.
Mit wahnsinnigem Schrecken lief Bernd Caßler zu dem nächstbesten Arzt und stand dann mit keuchender Brust neben der weinenden Frau Zimmermann am Bett der Kranken.
Was war nur geschehen? Was war mit Ellen geschehen? Doch so seyr er auch grübelte, er fand feine Antwort. Am Morgen noch war sie fröhlich und gesund in den Dienst gegangen.
Ob er noch schnell in der Fabrik nachfragte?
Die Anweisungen des Arztes zerrissen seine Gedanken. Ein schwerer Nervenzusammenbruch ... Ein Würgen war in Bernd Caßlers Kehle.
Ellen! Ellen!
Endlich, nach langem, geduldiaen Warten und unermüdlichem Auflegen kalter Kompressen schlug das Mädchen müde die großen Augen auf.
Mit dem Bewußtsein schien ihr jedoch im selben Augenblick auch die Erinnerung zurückzukehren. Wie von Fieber gepackt, schüttelte sich der zarte Körper.
„Ent — lassen..murmelten die trockenen Lippen. „Fristlos — entlassen — Bernd ..."
„Entlassen?" wiederholte, am Verstand des schönen Mädchens zweifelnd, Bernd Caßler. Beruhigend drückte er die matte Hand der Kranken. „Das hat ja jetzt alles keine Bedeutung. Nur nicht aufregen — nicht aufregen 1"
„Und schließlich bin ich doch auch noch da, Kindchen!" Frau Zimmermann liefen die hellen Tränen übers Gesicht. „Ich bin doch noch rüstig. Kann zur Not auch noch arbeiten. Wir werden schon durchkommen, wir drei."
Die Kranke öffnete noch einmal die Lippen, doch ein neuer Anfall von Schwäche verschloß ihr den Mund.
Die ganze Nacht hindurch hielt Frau Zimmer- mann die Nachtwache. Nicht einen Augenblick war sie vom Bett ihres „Engelchens" gewichen.
Drüben in feinem Zimmer schritt Bernd Caßler unruhig auf und ab, stand immer wieder von der Arbeit auf und fragte leise, durch die halb geöffnete Tür, ins Nebenzimmer:
„Schläft sie noch, Frau Zimmermann? Ja? Ach, wie gut — wie gut."
Dann schlich er wieder davon.
Als der junge Tag grau und trübe anbrach, erhob er sich frierend und übernächtigt von feinem Arbeitsplatz. Dort lagen die Zeichnungen der Nacht. Sie waren kräftig und lebenswarm. Und doch — plötzlich zerriß er sie.
Nein, fo würden sie nicht zum Publikum sprechen können. Es fehlte ihnen die Seele. Jetzt erst wußte er, daß er nur ganz mechanisch gearbeitet hatte. All feine Gedanken und Empfindungen waren bei der Kranken gewesen.
Im Flur traf er Frau Zimmermann.
„Gott hat sie doch lieb; er hat ihr fo tiefen, erquickenden Schlaf geschenkt. Der ist besser als alle Medizin!"
„Ja, Gott hat sie lieb — und wir zwei auch. Vielleicht auch ein dritter noch, doch der — der hat nicht gut an ihr gehandelt. Vielleicht kennt er sie nicht, wie wir sie kennen."
„Wen meinen Sie, Herr Caßler? Steckt ein Mann dahinter?"
„Ich muß noch schweigen, Frau Zimmermann. Hier haben Sie Geld. Bitte, holen Sie Milch. Und dann, wie der Arzt sagt, eine kräftige, aber leichte Kost, bamit sie bald wieder in die Höhe kommt. Ich werde mich nach einer Pflegerin umsehen — ich verdiene ja."
„Nein — nein! Ich werde die Arbeit schon schaffen. Lassen Sie nur, für das arme Kind sorge ich allein. Aber warum sprechen Sie nicht offen zu mir, Herr Caßler? Sie sagten, ein Mann steckt dahinter? Männer sind doch sehr, sehr schlecht."
„Wieso, Frau Zimmermann? Bisher dachten Sie doch anders?" Wider Willen muhte Bernd Caßler über diese Aeußerung seiner alten Wirtin jetzt lächeln.
Frau Zimmermann aber blieb todernst.
„Ja, manchmal spricht man das so hin, wenn man einen schrecklichen Eindruck gehabt hat. Sie wissen doch, es stand doch in den Nachrichten. Da hat wieder einer feine Frau erschossen. Besitzer einer großen chemischen Fabrik. Na, wissen Sie, da soll man nicht? Aber warum machen Sie denn plötzlich so ein Gesicht? Was ist Ihnen denn?"
„Erschossen? Seine Frau erschossen? Ein Chemiker? Ich habe ja die Nachrichten gestern gar nicht gelesen. Haben Sie sie noch?"
Caßler stürzte sich auf das Blatt. Plötzlich lachte er grell heraus:
„Das ist ja Wahnsinn, heller Wahnsinn! Das ist ja dieser Mann! Unsinn — ich verstehe überhaupt nichts mehr, gar nichts! Dieser Mensch? Oh, ich kenne ihn — ich kenne ihn. Nein, nein — das muh ein furchtbarer Irrtum sein!"
(Fortsetzung folgt.)


