S)ie echte und die falsche Doralies Roman von Anny von Panhuys.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Derlag, fiaöe (<S.)
7 Fortsetzung Nachdruck verboten!
Darum mußte sie vorsichtig sein. Sie hatte sich das so zurechtgelegt: Wenn Lutz erst einmal Oberingenieur geworden, mußte es dem Vater wohl genügen. Und das würde er werden. Er hatte ihr im vorigen Jahre erzählt, seine Firma schätze ihn sehr, und Lutz schwindelte nicht. Nein — Lutz nicht.
Lutz war der Sohn der Witwe Gärtner, deren kleines weißes Haus gleich unterhalb des Schlößchens lag, und Lutz war als großer Gymnasiast schon der beste Freund des kleinen Mädchens gewesen. Das war er geblieben, und er war oft ins Schlößchen gekommen. Er studierte dann in Karlsruhe, wurde Jngeniur in Frankfurt am Main; aber in den Ferien war er stets viel mit Doralies zusammen, und ihr Vater schüttelte manchmal den Kopf, wenn er beobachtete, welche Mühe sich der junge Mann, der schon anfangs der Zwanziger stand, mit dem halbwüchsigen Mädchen gab, um ihr alles recht zu machen.
Damals versuchte er, die Freundschaft der beiden etwas einzudämmen.
Lutz Gärtner merkte das rasch und hielt sich offiziell zurück, heimlich aber suchte er die Gesellschaft des Mädchens noch mehr.
In dieser Zeit wurde er sich darüber klar; er liebte die blutjunge Doralies. Ihr Wesen, ihr Ueber- mut gefielen ihm von je, und wenn er sich von da an mit seiner Zukunft beschäftigte, spielte DoralieS Wolfram die Hauptrolle darin. Leider gab es später ein Zerwürfnis zwischen den beiden Vätern.
Als sich Lutz im vergangenen Jahre von der Mutter vor seiner Abreise nach Indien verabschiedete, hatte er auch von Doralies Abschied genommen und, von Trennungsschmerz bedrängt, das schmale Mädchen an sich gerissen und geküßt. Seine Frankfurter Firma, die einen Riesenbrückenbau in Indien zur Ausführung übernommen, hatte ihn als einen der Ingenieure mit dorthin geschickt.
Nun stand seine Wiederkehr bevor. Drei Monate Deutschlandaufenthalt waren ihm bewilligt worden, und er würde in der Zeit, während der er im Büro seines Chefs in Frankfurt arbeiten sollte, mehrmals hierher kommen.
Doralies dachte nur an Lutz Gärtner und an das Wiedersehen mit ihm.
Davor trat alles andere zurück, davor wurde alles winzig klein. Dafür nahm sie gern die freiwillige Gefangenschaft im Schlößchen auf sich.
Der erste Brief aus Berlin an den Vater traf ein. Es war der erste von den beiden Briefen, die sie
Reaina gleich mitgegeben hatte, der bestimmt gewesen, wie andere nach ihm, dem Adressaten in die Welt nachzufolgen und den Empfänger nun gemütlich daheim in Mooshausen fand.
Fritz Wolfram saß in seinem Arbeitszimmer und las den Brief, rief die Wirtschafterin. „Ich soll Sie grüßen von Doralies. Uebrigens lesen Sie den Brief an mich selbst. Viel steht nicht darin."
Frau Hensel las:
Lieber Vati!
Bin gut gelandet und quietschvergnügt. Frau von Stübnitz ist reizend, ihr Mann auch. Berlin ist doch riesengroß, und Mooshausen kommt mir jetzt erst richtig klein vor. Ich wohne angenehm und ich hoffe, es geht Dir so gut wie mir. Alle grüßen?
Es umarmt Dich herzlich Deine Doralies.
Als ihm Frau Hensel den Brief zurückgab, meinte er lächelnd: „Eigenllich ist die einzige Weisheit, die Doralies verzapft, die große Neuigkeit, daß Berlin größer ist als Mooshausen. Ich hoffe, ihr nächster Brief wird ein bißchen gescheiter sein."
Aber der nächste Brief, den Regina auch schon fertig mitgenommen hatte, war nicht viel gescheiter. In dem stand als Bemerkenswertestes: Der Verkehr hier imponiert mir riesig. Staunenswert ist das?
Er schrib nach Berlin an Frau von Stübnitz: Doralies scheint mit Scheuklappen in Berlin herumzugehen, ich glaube, das Leben und Treiben dort verwirrt sie und macht sie ein bißchen begriffsstutzig.
Frau von Stübnitz schüttelte den Kopf, als sie das las. Begriffsstutzig fand sie Doralies wirklich nicht — im Gegenteil, sehr regsam. Sie sah und hörte alles, beobachtete genau und machte kluge Bemerkungen. Der dritte Brief befriedigte Fritz Wolfram schon mehr, den hatte aber auch Regina ' selbst geschrieben. Immerhin hatte sie sich Mühe gegeben, sich in die Schreibart von Doralies hinein- zuoersetzen.
Regina war nicht wenig erschrocken, als sie durch die Depesche erfahren, Herr Wolfram hätte die Afrikareise aufgegeben. Ein paar Zeilen von Frau Hensel, deren geistige Urheberin natürlich Doralies war, gaben ihr jedoch wieder etwas Mut, auf dem Poften auszuharren, der ihr jetzt bedeutend gefährlicher schien.
Doralies aber gab sich damit zufrieden; vorläufig ging ja alles glatt. Zu dem Entschluß, alles aufzuklären, vermochte sie sich nicht durchzuringen. Auch ging das jetzt kaum, ohne Regina in die peinlichste Lage zu bringen. Sie hielt sich an das Wort, an das sich viele klammern: Kommt Zeit, kommt Rat!
Fritz Wolfram ließ Frau Hensel auch den dritten Brief aus Berlin lesen und meinte schmunzelnd: „Das Mädel hat doch was los. Wie sie jetzt Berlin beschreibt, das gefällt mir!"
Berta Hensel dachte, wenn Herr Wolfram nur ahnte, wer diesen Brief in Wirklichkeit geschrieben hat. Zum Glück ahnte er es nicht.
Eines Vormittags kam sie etwas atemlos zu Doralies. Sie brachte die große Neuigkeit: Lutz Gärtner wäre tags zuvor angekommen; sie wäre ihm zufällig begegnet und hätte ihm natürlich das Geheimnis anvertraut. An dem Abend nach neun Uhr käme er in den Park durch die Hintertür, man solle die kleine Tür offen lassen.
Doralies war schon bei den ersten Worten aufgesprungen. Ihr Gesichtchen, auf dem noch kurz zuvor ein etwas gelangweilter Ausdruck gelegen hatte, sah plötzlich ganz verwandelt aus. Strahlend vor Glück.
Berta Hensel lächelte, weil sich • ihr Liebling so freute; sie warnte: „Nun Vorsicht, Doralies! T)ein Vater geht heute abend zum Skat zum Bürgermeister, gegen elf Uhr pflegt er, wie du weißt, zurückzukommen, und so selten er es tut, die Möglichkeit eines späten Spazierganges durch den Park besteht."
Doralies wehrte ab.
„Wenn Dati vom Skat kommt, geht er immer gleicht ins Bett. Außerdem werde ich schon vorsichtig sein!" Sie umhalste die Getreue. „Hänschen, wie ich mich freue! Gar nicht zu beschreiben ist das! Lutz kommt! Verstehst du denn, was das für mich bedeutet? Ach, das kannst du ja nicht, Hänschen!"
Sie sang leise den Schlagerrefrain eines Tonfilmliedchens:
„Das gibt's nur einmal, das kommt nicht wieder, Das ist zu schön, um wahr zu fein--"
„Bscht!" machte Frau Hensel energisch und legte den Zeigefinger der Rechten auf die Lippen.
Doralies flüsterte glückselig: „Das gibt's wirklich nur einmal. Das wirklich! O Hänschen, Liebe ist unsagbar schön!" Ihre eben noch so übermütig blitzenden Augen waren von wundersam tiefem Glanz erfüllt.
*
Regina Graven hatte den festen Vorsatz gefaßt, heimlich das hübsche Haus am Berliner Tiergarten zu verlassen und in einem Briefe die Wahrheit zu gestehen. Aber sie hatte den Mut nicht dazu aufgebracht, und nun war sie so weit, daß sie alles gehen ließ wie es ging und weiter nach den Abmachungen mit Doralies handelte. Sie dachte manchmal, sie hätte jetzt die Verwegenheit einer Abenteuerin, die immer weiter ging auf dem einmal betretenen falschen Wege, obgleich sie wußte, bei jedem Schritt drohte Gefahr, weil der Boden unter ihren Füßen nicht fest war.Sie hatte sich hier ein- gewöhnt und fühlte sich, trotz aller Angst, zuweilen so wohl wie noch nie in ihrem bisherigen Leben. Fast zwei Wochen befand sie sich nun schon im Hause.
Man saß bei Tisch, und Doktor Peter Konstantin nahm, wie öfter, an der Mahlzeit teil. Er saß Regina gegenüber, und das Gesprächsthema war ein nicht alltäglicher Kriminalfall. Ein Mord war geschehen, und im Mittelpunkt des Anlasses dazu stand die ziemlich harmlose Lüge einer Frau. „Eine völlig überflüssige, törichte Lüge", äußerte sich Herr
von Stübnitz. „Ohne diese Lüge wäre der Mord nicht geschehen. Kleine Ursachen, große Wirkungen."
Er war der Verteidiger der Frau, die zur Mörderin geworden war, weil sie eine Lüge hatte aufrechterhalten wollen, die, anfangs harmlos scheinend, sich zur Gefahr für sie ausgewachsen und sie schließlich zu dem Mord getrieben hatte.
„Lügen sind häßlich, und doch hat wohl ein jeder > von uns schon allerlei gelogen", meinte Frau Edda. „Ich verteidige die Lüge nicht; aber es handelt sich wohl hier um einen ganz seltenen Ausnahmefall. Es wäre ja schrecklich in der Welt, wenn jeder, der mal gelogen hat, deshalb gleich zum Mörder werden müßte."
„Natürlich nicht!" gab Konstantin zurück. „Aber wenn ich auch der kleinen Notlüge, die sich gesellschaftlich nicht einmal ganz umgehen läßt, nicht gerade harte Feindschaft ansage, stehe ich doch auf dem Standpunkt, es wird auch mit dem Wort Notlüge Mißbrauch getrieben. Die einzige erlaubte Lüge ist die .fromme Lüge', zu der man greift, um feinem Mitmenschen Kummer und Leid zu ersparen. Sinnlose Lügen aber sind in Grund und Boden verwerflich. Menschen, die grundlos lügen, haben keinen guten Charakter — man soll sich vor ihnen hüten."
Regina hielt die Augen auf ihren Teller gerichtet.
„Ist das nicht ein wenig zu scharf, Herr Doktor? Es lassen sich doch eigentlich noch Unterschiede machen, und ganz grundlos lügen halbwegs gescheite Menschen wohl nie."
Er zuckte die Achseln.
„Natürlich, der Lügner glaubt immer Grund zur Lüge zu haben, und wenn man so denkt —" Er zuckte wieder die Achseln. „Dergebungssreudige Menschen mögen anders denken; aber ich gehöre nicht zu ihnen. Außer frommen Lügen und allenfalls wirklich dringenden Notlügen lasse ich nichts gelten."
Sie hob den Blick.
„Wie können Sie mit den Ansichten dann die ftrau verteidigen, deren Tat aus einer überflüssigen Lüge erwachsen ist?"
Er lächelte: „Das ist wohl ein anderer Fall. Uebrigens verteidigt sie Herr von Stübnitz — nicht ich. Herr von Stübnitz gehört in jeder Beziehung zu den Menschen, die für alles Verstehen haben — zu den Menschen, die dem Worte folgen: Vergebt, damit euch wieder vergeben werde." Er sah sehr ernst aus. „Ich bin vielleicht noch zu jung, um mich ganz dazu durchzuringen. Mein Daheim war hart und streng, war freudlos, und richtig benannt: puritanisch. Ich lernte die Lüge verabscheuen. Ich bekenne, wenn ich an einem Menschen, den ich gern hätte, eine überflüssige Lüge fände, er wäre für mich tot. Sonst aber zwingt mich mein Beruf zu einem gewissen Verständnis. Theoretisch muß ich mich damit auseinandersetzen und tue es. Aber abseits von meinem Beruf bin ich in der Beziehung puritanisch eingestellt." (Fortsetzung folgt.)
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