Nr. 5 Erstes Blatt
M- Jahrgang
Donnerstag, 4. Januar 1934
Erscheint täglich, außer Sonntags und Feiertags Beilagen: Die Illustrierte Gießener Familienblätter Heimat im Bild • Die Scholle
Monats Bezugspreis:
Mit 4 Beilagen RM.1.95 Ohne Illustrierte „ 1.80 Zustellgebühr .. „ -.25 Auch bei Nichterscheinen von einzelnen Nummern infolge höherer Gewalt
Zernsprechanschlüffe unter Sammelnummer 2251 Anschrift für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen Postscheckkonto:
Zrantfurt am Main 11686
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Druck und Verlag: vrühl'sche Univerfilälr-Vuch- und Steindruckerei R. Lange in Giehen. SrNriftleitung und Geschäftsstelle: Schuistratze 7
Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher
Preis für 1 mm höhe für Anzeigen von 22 mm Breite 7 Reichspfennig; für Textanzeigen von 70 mm Breite 60 Reichspfennig, Platzvorschrift 25u „ mehr
Chefredakteur:
Dr. Friedr. Wilh. Lange Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Gange; für Feuilleton Dr. H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein und für den Anzeigenteil i.V. Th. Kümmel sämtlich in Gie-zen
erschüttert. Eine riesige Stichflamme schlug aus dem Schacht empor, und im Nu war die ganze Anlage in dichte Rauchwolken gehüllt. Die Förderschale wurde durch die Gewalt der Explosion aus der Tiefe emporgeschleudert und blieb oben in der Versteifung hängen. Aus den Trümmern des Förderschachtauf- baues wurden ein Toter und ein Verwundeter geborgen. Der Feuerschein war weithin sichtbar. Es besteht wenig Hoffnung, eine größere Anzahl der noch unter Tage eingeschlossenen Bergarbeiter zu retten. Die Vertreter des Ministeriums des Innern sind am Vrandplah eingetroffen, der von ungeheuren Menschenmassen umlagert wird. Die Grube ist die zweitgrößte in ganz Böhmen.
Die Explosionen in der brennenden Grube „Nelson HI“ haben auf alle drei Abteilungen der Grube
lichen Werte zum Zwecke der erstrebten organischen Zinssenkung bilden wird.
Die mit dieser Konverston befethgte Hilferdmg- Anleihe ist geradezu ein Schulbeispiel für die Finanzpolitik des versunkenen Systems. Als hllfer- dina der Minister der Inflation, 1929 tm Kabmett der 2 Großen Koalition unter Müller-Franken abermals Reichsfinanzminister wurde, warf die Weltwirtschaftskrise ihre ersten Schatten auf Deutschland Trotz der überdrehten Steuerschraube ließen die Steuererträge bei qleichbleibenden Ausgaben der öffentlichen Hand nach, die Fehlbeträge wurden chronisch, die Tributlasten entzogen — es war das Jahr des Young-Planes — der deutschen Wirtschaft das letzte Blut, und die Reichskasfen waren ohne Geld Im Sommer 1929 kam Hilferding — durch iraendwelche Mittelsmänner mit dem spater als einem der größten Betrüger der Weltgeschichte entlarvten Zündholzkönig Ivar Kreuger in.Verbm- duna hinter diesem stand der schwedische Zundholz- tru st mit einem Kapital von 2,6 Milliarden Gold-
Jnfolge des Krachs von Bayonne sei ihm dies nicht mehr gelungen. Gerüchtweise verlautet in Paris, daß sich Staoisky in London nach Venezuela e i n g e s ch i f f t habe. Ministerpräsident C haute m p s erklärte, daß die Gerichte mit unbeugsamer Strenge vorgehen würden; wenn wirklich irgendwelche Persönlichkeiten nachweislich kompromittiert sein sollten, würde die Regierung energisch ihre volle Pflicht erfüllen.
Die Pariser Morgenpresse beschäftigt sich ausführlich mit der Riesenbetrügerei von Bayonne, die v o n Tag zu Tag größere Ausmaße annimmt Die Angelegenheit, die bisher rein kriminellen Charakter trug, wird allmählich auf das politische Gebiet hinübergezogen. Die Angriffe eines Teils der Presse richten sich besonders gegen den Kolonialminister Dalimier. Man macht ihm den Vorwurf, in feiner Eigenschaft als Arbeitsminister des Kabinetts Herri o t 1932 in einem Schreiben an die Sozialversicherungsgesellschaften darauf hingewiesen zu haben, daß ein gewisses Interesse daran bestünde, die ver- fügbaren Gelder für den Ankauf von Bonds der städtischen Leihhäuser zu verwenden. Dalimier hat damals den jetzt verhafteten Direktor des Credit Municipal von Bayonne, liffier, darauf aufmerksam gemacht, daß er sich an die Sozialver- sicherungsgesellschaften wenden müsse, um eine Unterstützung bei der Unterbringung der Bonds des städtischen Instituts zu erlangen. Dalimier weist zu seiner Verteidigung darauf hin, daß er sich auf Veranlassung des damaligen Handelsministers an die Sozialversicherungsgesellschaften gewandt habe, und daß er in diesem Schreiben auf die städtischen Kreditgesellschaften imallgemeinen hingewiesen habe, ohne irgendein besonderes Unternehmen zu nennen.
bert kurzfristig die erforderlichen Gelder der deutschen Reichsregierung aus den angesammelten Tributen zur Verfügung stellte.
Am 27. Januar 1930 gab Reichsfinanzminister Dr. Moldenhauer im Reichstag bekannt, er hoffe, das erwartete Defizit Ultimo Juni durch eine Tranche der Kreugeranleihe abzudecken, denn vertragsgemäß sollten sieben Monate nach der Annahme des Zündholzgesetzes nominal 50 und nach sechzehn Monaten 75 Millionen Dollar an Deutschland ausgezahlt werden. Als Gegenwert dafür er- hielt das deutsche Volk schlechtere und teuere Zündhölzer. Aber der Kreuger-Trust brach zusammen. Die Anleihe wurde Ende Mai 1929 zunächst mit einer ersten Tranche von 300 Millionen Mark zu 99 Prozent aufgelegt. Sie war steuerfrei. Aber die Zeichnung brachte einen Mißerfolg. Gegenwärtig läuft ein Betrag der Anleihe von 183 Millionen Mark um.
Dux , 3. Jan. (DNB.) Aus der Grube „Nelson III", die der Brüxer Kohlenbergwerksgesellschaft in Ossegg bei Dux in Nordböhmen gehört, ereignete sich am Mittwochnachmittag eine schwere Explosion, allem Anschein nach infolge der Entzündung von Grubengasen. Die Nachmittagsschicht war von 120, nach einer anderen Meldung sogar von 200 Bergarbeitern beseht. Zunächst konnten nurdreiTote geborgen werden. Die Rettungsarbeiten sind im Gange. Der Förderturm wurde durch die Explosion zerstört.
Es handelt sich, soweit bisher sestgestellt werden konnte, um eine der größten Grubenkata- st r o p h e n, von denen Böhmen seif langem betroffen worden ist. Durch die Grubenexplosion wurde das Städtchen Ossegg wie durch ein Erdbeben
Furchtbare Explosion in einer tschechischen Kohlengrube. Bisher 16 Tote geborgen.-Seringe Hoffnung für 130 eingeschloffeneBergleute.
wird als der Mühe wert betrachtet.
Der Korrespondent des „Daily Telegraph" in Rom weiß zu berichten, Mussolini sei durchaus bereit, Anregungen, von denen ein Kompromiß zwischen Paris und Berlin erhofft werden könnte, auf halbem Wege entgegenzukommen. Er vermeide aber sorgfältig alles, was als Ultimatum aufgefaßt werden könnte.
pariser Besorgnisse.
Paris, 4. Jan. (DNB. Funkspruch.) „Was bereitet man in Rom vor?", so lautet die Frage fast ämtlicher Blätter, die zur Aussprache Mussolini-Simon Stellung nehmen mit dem leisen Unterton der Befürchtung, daß Mussolini den englischen Außenminister für die Völkerbundsreform und eine Lösung des Abrüstungsproblems gewinnen könnte. Frankreich darf auf keinen Fall, so erklärt deshalb der „Homme Libre" von seinen bisherigen Richtlinien abgehen. Wir find gegen jeden Versuch einer Vertragsrevision. Wir verlangen die Behandlung des Abrüstungsproblems im Rahmen des Völkerbund es. Wir ver- langen, daß alle Mächte, ob groß oder klein, die gleichen Rechte und Pflichten haben. — Die „E r e N o u v e 11 e" hält jeden Versuch eines Ausgleichs zwischen der internationalen Demokratie kurzerhand für utopisch. Simon als Vertreter der großen englischen Demokratie müßte dem saschistt- chen Diktator klarmachen, daß es verlorene Seit sei auf die Reform des Völkerbundes und die Abrüstung hinaus zu wollen. Die Behauptung des „Ma- tin", daß Italien sich der Schwierigkeiten klar zu werden beginne, England und Frankreich für den Standpunkt Deutschlands zu gewinnen, wird von anderen Blättern um so weniger geteilt, als Sir John Simon nach einer Meldung aus Rom, sich gegen die italienischen Wünsche nicht kalt verhalte. Das veranlaßt den „A m i d u P e u p 1 e" zu der Bemerkung. Wir dürfen bereits jetzt erklären, daß das Ergebnis der Besprechungen von Rom nicht erfreulich ist.
Der „Excelslor" zieht bereits das Sicherheitsventil: wir müssen auf eine englisch-italienische Vermittlungsaktion gefaßt sein, erklärt er, Es wäre nicht richtig, an der Kompromißformel Kritik zu üben, bevor sie bekannt ist. Doch darf man sagen, daß die sranzösische Regierung, die zu einer von Italien, England und Deutschland lange befürworteten Abrüstung bereit ist, entschlossen bleibt, gegen jede Aufrüstung
Oer Bankskandal von Bayonne.
Angriffe gegen Kolonialminister Oalinier.
Front zu machen, die das Gleichgewicht der Landstreitkräfte zerschlagen, Frankreich von seinen Verbündeten und Freunden trennt und zu einer den kleinen Mächten aufgezwungenen Re v i f i o n der Verträge führen kann.
Der römische Berichterstatter des „Petit Pari s i e n" will melden können, daß Mussolini und Simon sich um eine Annäherung der europäischen Hauptmächte bemühten. Dazu könnte der A b - rüstungsplan Macdonalds die Ver- ftänbigungsgrunblage bilden. Die italienische Regierung werde dagegen keine Einwendungen erheben. Die Rückkehr Deutschlands in den Völkerbund halte man für unerläßlich, „weil die Lösung des Abrüstungsproblems nicht ohne Mitwirkung der Frankreich befreundeten oder verbündeten Mächte gefunden werden
Simons Besuch bei Mussolini.
Bereiten Italien und England eine Vermittlungsaktion vor?
Die Commerz- und Privatbank, die in ihrem Januar-Wirtschaftsbericht die Unterschiede zwischen echten und unechten Konversionen erörtert, stellt mit Recht fest, daß eine zwangsmäßige Zinssenkung ■ nur zu neuen Eingriffen des Staats führt. Denn eine Konversion, die gegen den Willen der Gläubiger verordnet worden ist, verbilligt zwar die Zinsen der bestehenden Anleihen, kann aber natürlich den Schuldnern keine neuen Anleihen zu den gesetzlich vorgeschriebenen Zinssätzen verschaffen. Im Gegenteil, das Kapital wird durch die Zinssenkungen beunruhigt und kopfscheu gemacht. Neue Anleihen sind nach einer erzwungenen Zmskonver- fion für lange Zeit nicht zu erhalten. Die Folge ist dann, daß beim Fälligwerden der alten Anleihen der Schuldner zur vertragsmäßigen Rückzahlung der Schuld nicht in der Lage ist, und daß dann der Staat, um einer Erschütterung der Wirtschaft vorzubeugen, einen allgemeinen Aufschub der eintretenden Schuldversalltermine anordnen muß. So endet die unechte Zinskonversion zwangsläufig mit Moratorien, während doch im Gegenteil eine Lockerung der Kapitalmärkte und eine Lösung der alten Schuldverhältnisse erstrebt werden muß, damit neue Schuldverhältnisse z u niedrigeren Zinssätzen eingegangen werden können.
Das Kennzeichen einer echten Konversion ist also das Angebot des Schuldners, dem Glauviger seine Forderung zu dem vereinbarten Nennbeträge zurückzuzahlen. Die Folge ist dann, daß alle alten Schuldoerhältnisse, die zu den hohen Zinssätzen eingegangen sind, auf freiwilligem Wege gelöst werden. Wenn die Gläubiger aber keine Möglichkeit mehr haben, für ihr Geld die alten hohen Zinssätze zu erlangen, so werden sie sich freiwillig mit den niedrigeren Zinssätzen einverstanden erklären. Dadurch wird ein größeres Kapitalangebot hervorgerufen, und der Kapitalmarkt wird aufgelockert. Natürlich ist bei jeder Konversion der Schuldner bemüht, auf den Gläubiger in dem tomne einzuwirken, daß er nicht Barrückzahlung verlangt, sondern sich mit dem Umtausch in niedriger verzinsliche Anleihen einverstanden erklärt. Zu diesem Zweck wird bisweilen auch eine Kon - versionsprämie gewährt, indem der GM au= biger, der der Konversion zustimmt, eine kleine Barzuzahlung in Höhe von 1 ober 2 Prozent erhalt. Ob bas Reich im Falle ber Hilferding-Anleihe eine Konversionsprämie gewähren wirb, ist noch ganz ungewiß. Die Konvertierung ist ja erst zum 1. xjuli b. I. vorgesehen. Bis bahin kann sich bie Lage bes deutschen Kapitalmarktes so günstig gestaltet haben, daß bei einem Umtausch ber ßprogentigen in 4 prozentige Anleihen eine Prämie überflüssig ift. Man barf ferner bamit rechnen, baß bis zu diesem Termin noch weitere Anleihekonversionen emgeleitet fein werben, so baß bie Gläubiger bann schon allgemein mit einer Senkung ber Zinssätze rechnen werben. Wie auch in bem Bericht ber Commerz- unb Privatbank hervorgehoben wird, soll sich die Konversion nicht auf die Staatsanleihen beschranken, sondern die Gesamtheii de r f e ft o e r z i n s - lichen Werte umfassen. Ihr Ziel ist der A b - bau des überhöhten Z'nsniveaus für die gesamte deutsche Wirtschaft. Dieser Erfolg wird bann nicht in Frage gestellt sein wenn den Gläubigern keine Möglichkeit verbleibt, m andere, hoher verzinsliche Anlagen abzuwandern. Schon aus diesem Grunde ist anzunehmen, daß die Konversion der Hilferding-Anleihe nur den Auftakt einer alb gemeinen, freiwilligen Konversion der sestverzius-
Durch echte Konversion zur Zinssenkung.
Die Frage der Anleihekonoersion ist überraschend schnell akut geworden. Die Reichsregierung hat sich entschlossen, die sogenannte H i 1 s e r d i n g - Ante i h e, die mit weitgehenden steuerlichen Begünstigungen verbunden ist, zum 1. Juli d. I. zu kündigen. Die Anleihe soll zum Nennwert eingelöst oder aber gegen andere, niedriger verzinsliche Schuldtitel ober Buchschulden bes Reichs ausgetauscht werben. Es hängt also ganz von bem Willen ber Anleiheinhaber ab, ob sie ihre Forberung in bar ausgezahlt erhalten, ober ob sie anbere Anleihen bes Reichs in Zahlung nehmen wollen. Das Reichsfinanzministerium ist angesichts ber steigerten Erträge ber Steuern unb Zölle burchaus in ber Lage, bie Gesamtheit ber umlaufenben Anleihestücke, deren Nennwert auf 180 Millionen Mark geschätzt wird, voll einzulösen. Es handelt sich also zweifellos um eine echte Konversion, deren Voraussetzung immer das formelle Einverständnis zwischen Gläubiger und Schuldner über den Umtausch höher in niedriger verzinsliche Anleihen ist.
Es ist bekanntlich in Deutschland schon einmal eine Zinskonoersion vorgenommen worden, die aber zum Unterschiede von der jetzt in Angriff genommenen nicht echt, weil nicht freiwillig war. Im Dezember 1931 wurde nämlich durch eine Notverordnung bestimmt, daß die Zinssätze aller innerdeutschen langfristigen Schulden gesenkt werden sollten, wobei ein Zinssatz von 6 Prozent als Regel festgesetzt wurde. Damals wurde den Gläubigem nicht bie Wahl gelassen, für ben Fall, baß sie mit ber Senkung bes Zinssatzes nicht einoerftanben feien, Rückzahlung ihrer Forberung zu verlangen. Auch im Auslanb finb solche unechten Zinskonver- fionen befretiert worben, bie immer eine Verletzung ber zwischen ben Gläubigern unb bem Schuldner getroffenen Abmachungen bebeuten. Die Erfahrung lehrt, baß burch berartige unechte Konversionen bas erstrebte Ziel, nämlich bie Senkung bes realen Zinsfußes, fast immer verfehlt wirb. Zwangsmäßige Zinssenkungen verursachen eine Erstarrung ber Kapitalmärkte. Das Vertrauen ber Krebitgeber wirb zerstört, währenb buch gerabe eine Vertrauens st ärkung bie w i ch t i g st e Voraussetzung einer Gesundung bes Kapitalmarktes ift.
Die Auswirkungen bes Bayonner Bankkrachs gehen weiter. Wie ber „Paris Mibi" melbet, sollen namhafte Versicherungsgesellschaften beträchtliche Mengen an ungebeeften Kassenbons bes Leihhauses von Bayonne ausgenommen Haden, eine sogar 40 v. H. ihrer Reserven. Als bie ersten Grüchte über Unregelmäßigkeiten aufkamen, habe man bie Inhaber ber Bank mit bem Hinweis beruhigen wollen, baß bie Versteigerung nicht eingelöster Pfänber alsbalb ben Betrag von 17 Millionen Francs ergeben würbe. Bei ber Versteigerung finb aber bann nur 50 000 Francs herausgekommen.
Von bem Büro bes „Credit Municipal“ in Bayonne würben bie vom Gericht nach ber Auf- betfung bes Skanbals angelegten Siegel entfernt, bamit bie Untersuchung auch bort beginnen kann. Zu biesem Zeweck wurde ber verhaftete Direktor bes „Credit Municipal“, Tissier, aus bem Gefängnis in fein ehemaliges Büro gebracht. Als ber Wagen Tiffiers vorfuhr, burchbrach bie Menge bie Polizeikette unb stürzte sich unter lauten Verwünschungen gegen Tissier unb seinen Wagen. Unter bem Schutz ber Polizei gelang es Tissier, bas Ge- bäube unversehrt zu betreten. Als er bie Zurufe ber erzürnten Menge vernahm, versteckte er sein Gesicht hinter seinem Taschentuch unb fing an zu meinen. Die Beziehungen Tiffiers zu bem Russen Staoisky scheinen noch allerlei Überraschungen zu bringen. Dieser hat, auf ber Konferenz von Strefa zu vielen Politikern unb Wirtschaftlern Verbinbun- gen angeknüpft unb soll sogar bei ber Bank für internationalen Zahlungsausgleich in Basel Eingang gefunben haben. Diese Bank habe ihm u. a. ein Paket wertloser ungarischer Agrarbonbs garantiert, bie Stavisky später zu Gelb machen wollte.
mark. Das Reichsfinanzministerium schloß mit bem Zünbholttrust einen Vertrag, wonach bie gesamte deutsche Zünbholzinbustrie ben Schweben so unterstellt werben sollte, bah bie beutsche Jnbustrie 35, bie schwebische aber 65 Prozent ber in Deutschlanb verbrauchten Zünbhölzer Herstellen sollte. Dafür sollte ber Schwebentrust Deutschland eine A n - leihe von 125 Millionen Dollar mit einer Laufzeit von fünfzig Jahren gewähren, beren Ausgabekurs 93 Prozent fein sollte unb bie mit 6 Prozent verzinst würbe. Die Konvertierungssrist betrug zehn Jahre.
Aber bieser Griff nach bem Strohhalm half Hil- ferbing nichts. Zum Dezember-Ultimo 1929 waren bie Reichskasfen leer, ber sozialbemkratische Reichskanzler mußte am 21. Dezember 1929 Hilser- bing verdientermaßen in bie Wüste schicken, unb fein Nachfolger, Professor Molbenhauer, konnte bie laufenden Verpflichtungen des Reiches gegenüber den Beamten ufro. nur erfüllen, weil nach einer Weigerung der Banken der Reparationsagent Parker Gil-
könne". Möglicherweise werde man auf einer Dor. konferenz die zum Teil einander entgegengesetzten Thesen der früheren Verbündeten und Deutschlands auszugleichen versuchen. Auch der römische Bericht- erftatter des „M a t i n" spricht von einem Wunsche Italiens, eine Zusammenkunft der vier Großmächte zustande zu bringen, auf der Italien und England die Schiedsrichter- und Vermittlerrolle übernehmen könnten. Mussolini habe dem englischen Außenminister einen festen Plan zur Reform des Völkerbundes unterbreitet. Nach diesem Plan sollten die vier Großmächte in Genf als „Sonderausschuß" zusammentreten. Liege eine wichtige vom Völkerbund zu behandelnde Frage vor, so wurde dieser Sonderausschuß jeweils die an der Frage beteiligten Mächte zu sei- nen Beratungen zuziehen und dann der Dollver- fammlung einen Bericht in Form einer „Empfehlung" vorlegen.
Rom, 3. Jan. (DNB.) Der britische Außenminister Sir John Simon, der sich den ganzen Vormittag in der britischen Botschaft, wo er Wohnung genommen hat, aufgehalten hatte, hatte am jlafymittaq die angekündigte Besprechung mit Mussolini, im Palazzo Vinezia. Man beschloß, die Unterhaltung am Donnerstag fortzusehen. Bemerkenswert ist, daß der italienische Botschafter in London, G r a n d i, ebenfalls in Rom weilt. Er ift nicht etwa zu einem Urlaub über die Feiertage hierher gekommen, sondern soeben erst nach Rom gerufen worden, offensichtlich um im Verlauf der römischen Besprechungen h.nzugezogen zu werden. Grandi und Suvich befanden sich während der Unterredung zwischen Mussolini und Simon ebenfalls im Palazzo Venezia. Am Mittwochabend gab Mussolini dem englischen Außenminister im Hotel Excelsior ein Essen, an dem zahlreiche Minister und Staatssekretäre, der englische Botschafter und Botschafter Grandi teilnahmen.
Nach einem Bericht des Reuterbüros verlautet, daß bei der Zusammenkunft die Abrüstungsfräge eingehend untersucht wurde, daß aber keine Ent- scheidung getroffen wurde, da bie Besprechungen nur ber Klarstellung ber Auffassungen beider Länder bienen und keinen festen unabänderlichen Beschluß zeitigen sollen. Es wurde beschlossen, bie Frage einer NeugestaltungdesVölker- bunbes Donnerstag zu behanbeln. In ber Frage ber Rüstungsverminberung fei der britische und der italienische Standpunkt einander sehr nahe, es handele sich nicht darum, ob Deutschland 300 000 Soldaten haben solle oder nicht, sondern darum, daß die von den Friedensverträgenge- schaffenen kün st lichen Ungleichheiten beseitigt werden sollen, nur Abrüstung auf Grund ehrlicher Übereinstimmung


