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Montag, 3. vezembeN934
llr. 282 Drittes Blatt
Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberhefsen)
Vierlinge - seltener als das große Los!
Aus der Provinzialhauptstadt
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Advenissorgen der Hausfrau.
Von Sännt? Maerz
Die Wochen des Advents stellen an die Hausfrau in Stadt und Land große Anforderungen. Wenn wir Erwachsenen nicht selbst im Banne der Vorweihnachtsstimmung ständen, (belügen wir uns doch nicht selbst — es ist so!) die beschwingt und uns in eine gehobene Laune des Gebens und Beglückens versetzt, ich glaube, wir Frauen könnten's seelisch und körperlich gar nicht schaffen. Die Herren Gatten machen sich die Sache ja bedeutend leichter; sie meinen, mit ein paar Mark — die man hat, oder auch nicht hat! — ließe sich das alles machen. Gewiß, ohne einen Zuschuß kann man nichts unter den Christbaum legen und Millionen pflichtbewußter Männer beschneiden denn auch Monate zuvor ihre persönlichen Ansprüche, um für den weihnachtlichen Gabentisch etwas zu erübrigen. Das ist anerkennenswert, aber auch selbstverständlich in einer Zeit, wo das stark gekürzte Haushaltungsgeld der Frau keine Rücklage für Geschenkzwecke ermöglicht. Selbstverständlich ist aber auch, daß wir Frauen in diesen Wochen unser Aeußerstes an Kraft und Können hergeben, und uns mehr denn je in der Kunst üben, mit dem Wenigen etwas Schönes, etwas Beglückendes für groß und klein zu schaffen.
Man glaube aber ja nicht, daß es die kinderlose Hausfrau in diesen Wochen leichter hätte; sehr oft ist gerade das Gegenteil der Fall. Es gibt in der Welt kein begehrteres, kein umfchmeichelteres Geschöpf als die „verheiratete Tante, die keine Kinder hat". Wenn in einer verarmten Familie die graue, abgehärmte Gestalt der materiellen Sorge selbst im Christenmonat nicht auf einige Tage weichen will, d. h. wenn sich für die Kinder und die oerdienstlosen Eltern kein Stern der Freude und des Beglückens zeigen will, auf die „gute Tante, die keine Kinder hat" wird im Stillen bis zum Abend der Bescherung fest gehofft — und fast nie vergebens! Oft handelt es sich nicht einmal um eine „richtige" Tante, sondern um eine liebe ^rau aus dem Bekannten- und Freundeskreise, die die Kinder aber „Tante" nennen, weil sie halt ebenfalls so lieb, ja mitunter noch lieber wie eine richtige Tante aus der Verwandtschaft ist.
Also „Tante", dutzendfach „geliebte Tante" sind wir in diesen Wochen alle. Die eine kann es mehr sein, die andere weniger, das richtet sich leider ganz nach dem Geldbeutel. Schenken, Freude machen, wollen wir ja doch alle, dafür ist ja Weihnachten! — Aber was schenken? ... Zuvor noch eine andere Frage: ist das richtige 'Schenken denn wirklich so schwer? — Ja, es i st schwer-und bedarf vorheriger gründlicher Ueberlegung. Das Beschenken
5-ling) ergibt, mit x. Dann kann man für alle Zukunft voraussagen, daß ein „x-ling" einmal auf n x~* Gesamtgeburten kommt. (Also z. B. ein Vierling in Deutschland = Imal auf 8O3 = 80.80.80 = 512 000 Geburten.)
Geteilte Meinungen über »Mehrlmge".
Die Meinungen der Menschheit über die Mehrlinge waren im Laufe der Zeit und bei den einzelnen Völkern recht verschieden. Der römische Schriftsteller Seneca berichtet, daß z. B. die alten Aegypter die Geburt von Drillingen oder Vierlingen als großes Glück und günstiges Vorzeichen für die Geschicke ihres Landes betrachteten. Die meisten Naturvölker stehen allerdings auf dem entgegengesetzten Standpunkt und geben ihrer Ablehnung derartiger „Sonderfälle" auf oft sehr grausame Weise Ausdruck. Nicht selten werde die neugeborenen Mehrlinge getötet oder ausgesetzt, man verbannt und verflucht die Mutter, weil sich ein „böser Geist" in ihrem Körper niedergelassen hoben soll. Aus demselben Grund verbrennt man ihr Haus mit dem gesamten Inventar. Wesentlich harmloser sind die Dolksbräuche, die sich auch in Deutschland stellenweise bis heute als Ueberbleibsel alten Aberglaubens auf diesem Gebiete erhalten haben. Eine Schwangere soll z. B. nach dem Volksglauben keine zusammengewachsenen Früchte und Rüben essen, sie soll sich bei Tisch nicht „über Eck" setzen usw.
llnd waee meint die Wissenschaft?
Wahrheitsgemäß müssen wir seststellen, daß sich die modernen Wissenschaftler, vor ollem die Ent- wicklungs- und Erbforscher, über die Deutung dieser Naturgeschehnisse außerordentlich uneinig sind! Manche Gelehrte fassen die Fähigkeit, Mehrlinge zu gebären als eine Art „Atavismus", als ein Ueber- blcibsel aus der Tierwelt auf und begründen diese Ansicht mit zahlreichen anatomischen Untersuchungen. Tatsächlich sollen die Keimdrüsen der „vielgebärenden" Tiere und der menschlichen Mehrlingsmütter bisweilen eine gewisse Aehnlichkeit in ihrem
„Einlinge", Zwillingsgeburten, Drillingsgeburten, Vierlinge, Fünfling.
Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit der Mehrfach-Geburten? — Geheimnisvolle Gesetzmäßigkeiten.
23 mi Dr. X Henning.
mikroskopischen Aufbau besitzen. Aber biefe und die anderen Theorien sind stark umstritten; keine von ihnen hat sich bisher exakt beweisen lgssen.
Zwillinge helfen der Wiffenfchast.
Ein ganz anderes Problem der Mehrlingsgeburt ist der Mechanismus ihrer Entstehung; hierüber wissen wir nun heute wesentlich mehr. Bekanntlich unterscheidet man bereits bei den Zwillingen zwischen „eineiige n" und „z w e i e i - i g e n" Kindern. Während sich in den meisten Fällen zwei von Anfang an getrennte Eizellen zu zwei gleichzeitig heranreifenden Zwillingskindern entwickeln, kommt es manchmal vor, daß eine einzige Eizelle sich im Frühstadium ihrer Entwicklung in zwei oder mehrere Hälften teilt und daß aus diesen Teilstücken nun nicht etwa verstümmelte „Halbmen- schen", sondern kleinere, aber vollständig normale Zwillinge, Drillinge usw. werden. Länge Zeit hat man diese Entstehungsmäglichkeit überhaupt geleugnet — bis sie schließlich durch moderne Tierversuche einwandfrei bewiesen werden konnte. Das Merkwürdigste an solchen eineiigen Mehrlingen ist ihre außerordentliche A e h n l i ch k e i t, die selbst noch an den feinsten körperlichen und seelischen Einzelheiten zu erkennen ist. Ein amerikanischer Gelehrter hat sich die Mühe gemacht, die Fingerabdrücke — unser bestes Jdentifizierungsmittel — bei solchen Kindern genau zu vergleichen und hat dabei eine geradezu erstaunliche Ueberein st immun g festgestellt. In manchen Fällen waren die Fingerabdrücke sogar vollständig gleich!
Die eineiigen Zwillinge zeigen auch sonst eine oft verblüffende Aehnlichkeit im Körperbau, im Aussehen, in der Handschrift usw. Damit aber werden sie zu einem der besten Beweise für die entscheidend wichtige Bedeutung der Erbanlagen. Es ließ sich zeigen, daß eineiige Zwillinge auch dann die gleichen Schicksale erlebten, zur gleichen Zeit erkrankten, daß kriminelle Zwillinge zur gleichen Zeit straffällig wurden — wenn ihre äußeren Lebensumstände auch vollständig verschieden voneinander waren. Die Z w i l l i n g s f o r s ch u n g ist jetzt zu einem der wichtigsten Aufgabengebiete der Vererbungswissenschaft geworden; im übrigen gibt es aber auch eineiige Drillinge, Vierlinge und Fünflinge, allerdings find derartige Fälle sehr selten. Die Erscheinung der Mehrlinge ist jedenfalls weit über alles Sensationelle hinaus, das den extremen Fällen dieser Art anhaftet, zu einem entscheidend wichtigen Faktor der modernen Wissenschaft vom Leben geworden.
An diesen Verhältnissen hat sich auch später nichts wesentliches geändert. Die gesamten „M e h r - l ngsgeburten" betrugen z. B. in Preußen so- «nhl 1929 wie 1931 nur 2,4 v. H. der Neugebore- nm, Fünflinge waren darunter überhaupt nicht ver- t ten, dagegen tarnen 1929 einmal „rein weibliche" Herlinge in Hessen-Nassau, 1931 einmal „halb V. d halb gemischte" Vierlinge in Hannover vor. Die- |b Zahlenveryältnis bleibt im großen ganzen das Eriche, auch wenn man die übrigen statistisch er- ffiten Kulturvölker der Erde mit hinzunimmt. Man rchnet im ganzen, daß je ein Zwilling auf etwa 80, ei Drilling auf etwa 6400, ein Dierling auf etwa 50 000 Geourten kommt. Es ist also ganz erheblich r.chrscheinlicher, das Große Los zu gewinnen - diese Wahrscheinlichkeit beträgt z. B. bei der säch- s.Hen Lotterie 1:160 000 — als mit Vierlingen be- s-rnkt zu werden. Ein Fünfling schließlich kommt irlter 50 Millionen Geburten nur einmal vor!
Aus diesen Zahlen ergibt sich, daß hier ganz g e - mäßige Naturvorgänge vovliegen müssen, die laenbroie in der Eigenart des menschlichen Orga- uiimus begründet sind. Die Wissenschaftler haben fb nun bemüht, mit Hilfe einer allgemein gültigen Formel auszurechnen, wie oft überhaupt Zwil- li'Ne, Vierlinge usw. zu erwarten sind. Die oben »"dergegebene Statistik zeigt nun seltsamerweise <iti) ganz bestimmte mathematische Regeln: Zwil- liige besitzen darnach eine Häufigkeit von etwa 1:80 (b h. auf 80 normale Geburten kommt ein Zwil- fiifl), Drillinge sind dagegen mit einer Wahrschein- Meit von 1:80.80 = 6400 zu erwarten (d. h. auf $080 = 6400 Geburten kommt ein Drilling). Bei den Mirlingen beträgt die Wahrscheinlichkeit 1:80.80.80 -112 000! Wie dieses merkwürdige Zahlenverhältnis ckirdings zu erklären ist, darauf kann die Wissenstest vorläufig noch keine Antwort geben. Dagegen hc sie neuerdings festgestellt, daß diese geheimnis- n le Zahl 80 nicht bei allen Völkern der Erde gleich Mlbt: sie hängt anscheinend von der rassenmäßigen Zjammensetzung der verschiedenen Dolksstämme ct und schwankt dementsprechend zwischen 75 bis W Man hat nun unter Berücksichtigung all dieser Forschungsergebnisse die allgemeine Formel für Dhrlingsgeburten ausgestellt. Für die mathematisch Jiteressierten unter unseren Lesern sei dieses „G e - sch der Mehrlingshäufigkeit" hier wie- ^gegeben. Man bezeichnet die erwähnte „Grund- }( (", die zwischen 75 und 90 liegt, mit n und die ^inmer, die die Art der Mehrlinge (2-, 3-, 4»,
Kürzlich lief durch die gesamte Weltpresse die Meldung, daß in Ontario (Kanada) gesunde Fünflinge zur Welt gekommen seien, bald darauf berichteten die deutschen Zeitungen über das etwas plötzliche Familienglück eines Postschaffners in Konstanz, dessen Frau ihn mit gesunden Vierlingen beschenkt hatte. Unsere Leser — und vor allem unsere Lese- rinnen — werden sich nun dafür interessieren, wie hoch überhaupt die Wahrscheinlichkeit von Zwillingen, Drillingen usw. ist und wie derartige „Mehrfachgeburten" eigentlich zustande kommen. Der nachstehende Artikel gibt auf Grund der neuesten wissenschaftlichen Ergebnisse auf diese Fragen Antwort.
Die Statistik, gründlich wie sie ist, gibt uns <üch über dieses Problem zahlenmäßig genaue Aus- I nft. Eine neuere Zusammenstellung Über die Jahre 14'01 bis 1925 nennt folgende Ziffern: in diesem Zeit- rum erfolgten im Deutschen Reich 42 107 657 Ge- tirten. Davon waren:
Mekdoten aus dem großen Kriege
Von Heinrich Zillich
Mn einem österreichischen Jägerreaiment diente im großen Kriege ein Oberleutnant Z., dessen ita- ieiüsch klingender Name weit über den Bereich der trogabß berühmt war, weil er einen Angriffsbefehl lidit ausführte unb bei ber nachfolgenben kriegs- Liichtlichen Untersuchung glänzenbe Rechtfertigung itib. Die seltene Tat geschah im Frühling 1916, «li bas Regiment auf ber Priafora, einem ber litten Berge vor bem lombarbischen Tieslanb, nicht lergr weit von Schio, aus bem Walbe auf eine Me Wiese hinausstieß unb unter schwerem Math nengewehrseuer Deckung suchen mußte, bas aus in verschanzten italienischen Stellungen ben steilen Hig nieberstrich. Das Jägerregiment grub sich am KLbranbe ein. Ehe es damit noch fertig war, m|'fingen die einzelnen Bataillone ben Befehl, ben Zu-,riff sofort weiterzutragen. Die Kompaniechefs ftin bie Unmöglichkeit jebes Vorgehens unb zögeren in ber Hellen Vormittaassonne bie mächtige Seigwiese hinaufzustürmen, aber bie Felbtelephone trogen neuerlich an, ber Angriff sei in ber gleichen Geiunbe zu unternehmen. Eine Kompanie erhob sh und stürzte vor. Die Nachbargruppen folgten. M wenigen Augenblicken lagen vier Abteilungen riti.g aufgerieben kreuz unb quer im jungen Gras. ^Prächtigem Sprung setzte Oberleutnant Graf M. Nr Sturm an, zehn Schritte vor seinen Leuten, 2tr Felbspaten in ber linken, bie brennenbe Ziga- iifc? in ber anberen Hanb. Er stürzte mit Kopf- W. Als ihn bie Welle seiner Kompanie, schon ii:i)tbar gelichtet, erreichte unb nehmen ihn sank, sein Antlitz frieblich zur Seite. Vor bem starren D.»;e blinkte noch bas Monokel.
■ Äa summte bei Oberleutnant Z. bas Telephon. /Unmöglich!" antwortete er in bie Muschel, ,,un» wEch, weil nutzlos... Pardon, Herr Oberst, das !m ich beurteilen. Ich trage dafür die Derant- roitung, gewiß." Unb mit seiner scharfen kalten Süiime setzte ber junge Offizier gleicysam als Besitzung hinzu: ,,Z., Obexleutnant!"
Der Regimentschef summte roieber an. Z. blickte l? bas Felb, tief gekrümmt unter bem Geschoh- |i Wl: „Ich bin kein Massenmörber, Herr Oberst!"
Unb setzte roieber scharf unb kalt hinzu: „Z., Cievieutnant!"
S ng, ting, tingtingting. Der Telephonist reichte b> Muschel. „Nein, Herr Oberst, solange bie 10. flirrpanie auf bem Bauche liegt, liegt auch Ober- hihiant Z. auf bem Bauche." Er lachte. Die 10. ftrapanie war Briqadereserve, weit hinten im Tale.
Nun begann ber Apparat wie närrisch zu klin- Seln. „Herr Oberleutnant, Sie greifen an. Herr Oberleutnant, ich stelle Sie vor das Kriegsgericht!"
„Geben Sie die Drahtschere her!" sagte Oberleutnant Z. Die Ordonnanz starrte ihn an. „Wird's bald!"
Der Telephondraht knackte. „Z., Oberleutnant!" In der Nacht nahm die Kompanie Oberleutnant Z. bie italienische Stellung mit brei Mann Verlust.
*
Vor Gorlice würbe ein Leutnant eines Berliner Garberegiments zu einem österreichischen Infanterieregiment abbefohlen, um bort weiter Dienst zu tun. Das Regiment lag knapp vor einem Angriff auf freiem Felde, ohne Graben und Unterstand, in knöcheltiefem Morast. Gegen Abend hatte überdies Reaen eingesetzt. Kalter Wind schauerte durch die Soldaten. Durch dies Höllenwetter schritt der Leutnant. Als er die Schützenlinie erreichte, fragte er sich, geduckt wegen der Nähe der feindlichen Stellungen, über die von Zeit zu Zeit Leuchtraketen aufgeisterten, bis zu der Kompanie vor, der er zugeteilt war. Seine norddeutsche Aussprache verstanden die Soldaten in Dunkelheit, Wind und Regen nur schwer, aber sie hoben ihm das Haupt doch freudig entgegen, denn schon damals ging das Wort durch die österreichische Front, daß kein Vormarsch glücke, bei dem sich die deutschen Korporale nicht zeigten. So stand er nach kurzem, jämmerlich durchnäßt, vor einem Mann, der auf dem Boden lag und mit einer Uhr in der Hand zu den Russen hinüberstarrte, dem Hauptmann der Kompanie, der auf die Sekunde des Angriffs wartete, die unmittelbar bevorstand.
Der Leutnant nahm Haltung, legte die Hand an den Helm und meldete gehorsamst seine Einteilung in die 10. Kompanie.
Der Hauptmann, von Lehm überzogen, reckte ihm die Hand entgegen, zeigte einladend auf die schlammige Erde unb meinte, währenb in seinen Worten bie Höflichkeit ganz Oesterreichs mitschwang: „Servus, servus! Bitte nimm Platz. Ich kann bir leiber nichts aufwarten!"
Es bauerte eine kleine Weile ehe ber Leutnant sein militärisches Gleichgewicht roieber gefunben hatte, aber ba lief er schon neben bem Hauptmann ben russischen Stellungen entgegen.
♦
Der Führer einer Sturmkompanie, Oberleutnant F., hatte befehlsgemäß eine italienische Stellung im Hanbstreich überfallen, aufgerollt unb Gefangene gemacht, bie sein Kommanbo aushorchen wollte, da brach plötzlich, noch ehe er und seine Leute den Graben verlassen hatten, ein vernichten
des, außerordentlich gut aezieltes Artilleriefeuer über den Trupp. Ohne recht zu überlegen, packte den Oberleutnant mitten im Heulen und Splittern die Gewißheit, daß dies Feuer durch jemanden geleitet werde, der sich noch in der eroberten Stellung befand. Er rannte, den Dolch in der Hand, von Unterstand zu Unterstand, um den Artilleriebeobachter zu entdecken. Er kam dabei in ein Felsloch, zu dem tiefe Treppen führten, stürzte hinein und sah einen italienischen Offizier im roten Lichte einer Petroleumlampe vor dem Periskop sitzen, ein Telephon vor dem Munde, in der Hand den Revolver...
Der Sturmoffizier wurde nach wenigen Augenblicken von seiner Mannschaft gefunden. Er lag ohnmächtig in blutiger Umarmung mit dem gleichfalls besinnungslosen Italiener. Die Jäger trugen beide in die eigenen Stellungen zurück.
Die Sanitätswagen konnten an diese Stellung leicht heranfahren, so daß die beiden verwundeten Offiziere schon einige Stunden später sorgfältig verbunden in einen Lazarettzug gelegt wurden. Der Zufall wollte es, daß keiner von ihnen das Be- wußtsein bis dahin wieder erlangte. Der Zug fuhr schon Bozen zu, als Oberleutnant F. erwachte und sich staunend im Bette wiederfand, in einem Zuge, der ihn aus der Betäubung geschaukelt hatte. Er bog sich über die Kante des Bettes und sah unter sich, in einem zweiten Bette, einen Mann, der die Augen offen hielt und dem er eben noch in furchtbarem Sturm der Granaten an die Gurgel gesprungen war. Die Krankenwärter hörten einen Sturz und Schrei. Sie liefen herbei und fanden die beiden Gegner wie Tiere ineinander veroissen.
Es braucht nicht mitgeteilt zu werden, daß sich Oberleutnant F. ganz wenige Augenblicke später bei dem italienischen Hauptmann S. mit etwas chwacher, aber doch sehr höflicher Stimme ent- chuldiate. Die beiden Herren stehen heute noch in reundschaftlichem Briefverkehr.
Schlechte Zeiten
für die Stadtmusikanten.
Der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. war den Stadtpfeifern und ihren Künsten weit weniger geneigt als seinen „langen Kerls". In Mylius' Corous Constitutionum Marchicarum findet sich „de dato Berlin, den 7. Martini 1720" ein „Edikt wegen des von den Musicanten und Spielleuten bey der Accis- Gaffe zu erlegenden Nahrungsgeldes". Denn König Friedrich Wilhelm I. hatte sich „aus besonderen Ursachen allergnädigst entschlossen, alle und jede sowohl in Städten als auf dem platten Lande woh-
ber Erwachsenen, einschließlich der Dienstboten macht weniger Sorge; da kauft man etwas Praktisches (Kleidungsstück) ober etwas für Geist unb Seele (schönes Buch) ober für ben Gaumen (Süßigkeiten, Zigarren usw.) Bei ben Kinbern ist es schon schwieriger, ba will bie Hausfrau manches selbst anfertigen, unb hier bürbet sie sich gewöhnlich zuviel Arbeit auf. Wer es machen kann, ber kaufe sich fertige Gegenstänbe unb verbringe nicht Tage und halbe Nächte mit Hanbarbeiten zu, bie gewöhnlich auch nicht viel billiger kommen. Anbers, wenn man etwas Gebrauchtes schenken unb es zuvor erst gut auffrischen muß, sagen wir z. B. Puppen ober aller- hanb Papp- unb Holzspiele usw., bie man bei einigem Geschick mittels Neueinkleibung unb Malkunststücke roieber wie neu machen kann. Gebrauchtes Spielzeug in nicht mehr ganz reinem Zustand nimmt ein gut erzogenes Kind mit Unbank auf. Mit vier Jahren bekam ich von einer richtigen Tante eine nicht mehr neue aber schön unb reinlich angezogene Puppe geschenkt; ich hatte sie am liebsten, weil sie ein schwerverletztes Beinchen hatte und meine Mutter zu mir sagte, bas „Kinbchen" fei bie Treppe heruntergefallen unb hätte sich arg verletzt; ich müßte es jetzt gut pflegen, bamit es ja roieber gefunb werbe.Ach, wie oft habe bas Bein gewaschen, bie Wunbe gesalbt unb nerbunben unb habet stets auf ihre beweglichen Augen geschaut, ob ich ihr auch ja nicht wehe tue! Die Nachbarsbuben meines Alters waren natürlich alle „Aerzte" und sie mußten kommen unb sie behanbeln, manchmal ftanb ein Dutzend Kinder, bie Mäbels selbstverstänb- lich in Krankenschwestertracht, um bie arme Kranke, bie wir unsagbare bemitleibeten. Dieselbe Puppe lag bei meiner Perheiratung zuoberst im Wäscheschrank — von meiner nun schon längst in Gott ruhenben Mutter als Ueberraschung gebacht.
Ein anberes Beispiel: eine mit uns gut befreun« bete Bäuerin sanbte mir für Anfertigung bes Weihnachtsgebäcks Butter, Eier unb Honig, und schrieb, ich möchte ihr etwa um denselben Wert Spielsachen für ihre sechs Kinder senden. Unter anderem legte ich für den fünfjährigen Ernst ein wunderschönes, bebildertes Kubusfpiel und für den zweijährigen Maxle ein halbes Dutzend Holztierchen (Schafe, Kühe, Zieaen, Pferde), die ein paar Pfennige kosteten, bei. Als ich acht Tage später, zu Neujahr, zur Bäuerin hinaus aufs Land kam, spielte der beinahe schulpflichtige Ernst selig versunken mit ben Holztierchen, währenb ber ^a£te (noch im Rock) mit ben bereits schwer befähigten Kubusklötzchen in ber Stube bauernb nach ben Katzen warf. — Nun war ich um eine wertvolle Erfahrung reicher.--
Die Bauersfrauen beschenken, ob zu Nikolaus ober zu Weihnachten, erfahrungsgemäß ihre Kinber vernünftiger; selten sieht man ein Lanbkinb, bas mit seinem Spielzeug nichts anzufangen weiß. Nach meinen Erfahrungen lohnt sich, baß sich gegebenen« falls bie Frau in der Stadt mit der Landfrau vorher genau verständigt, was sie sich gegenseitig für ihre Kinder sowohl an Spielzeug, wie an Kleidungsstücken schenken wollen, damit ihnen Enttäuschungen, ähnlich der meinigen, erspart bleiben. Das Alter bes Kinbes ist in erster Linie zu berücksichtigen unb barauf zu sehen, baß sich mit bem Spielzeug möglichst vielerlei (Baukasten aller Art usw.) anfangen läßt, baß man also Sachen schenkt, bie zerlegt unb immer roieber anbers zusammengesetzt werben können, woburch bie Phantasie und ber kinbliche Tätigkeitstrieb bauernb angeregt und befriedigt werden. Nicht weniger zu berücksichtigen ist bie Umgebungswelt bes Kinbes. Das Lanbkind beschäftigt sich mit anberen Dingen als bas gleichaltrige Stabtkind, wenn auch ihr Verstaub und ihre Phantasie gleich stark entwickelt sein sollten. Wer diese Tatsache nicht beachtet, begeht beim Schenken schwere Fehlgriffe.
Noch eine Frage: Soll man Kinder mit zum Spielwareneinkauf nehmen? — Nein, unb nochmals nein!! Stellt ein Kleinkind einmal mitten in einen Spielwarenladen, entweder wird es maßlos begehrlich unb unbescheiben, ober es verliert infolge ber allzuvielen unb hoher ermübenben Einbrücke jebes Interesse. Wer in einem «Spiel-
nende Musicanten unb Spielleute, wie sie auch Nahmen haben mögen, unb ohne Unterschieb ber Instrumente, auf ein gewisses Nahruudsgeld setzen zu lassen". Sie müssen „jebesmahl ba sie auf Hochzeiten, Kinbtauffen, Ehrenmahlen, Gelagen, und zum Tantz ober sonsten zur Lustbarkeit mit ber Music aufwarten wollen, zuvor von her Accise- Casse jeher Stabt einen gestempelten Zettel, her nur einen Tag gültig ist, nach ben vom Commis sario loci gesetzten unb Uns allergnäbigst appor- bierten Taxe lösen, ehe aber mit ber Music sich nicht hören lassen, ober in Entstehung besten bas erste Mahl in 6 Thlr. Strafe verfallen seyn, unb bas zweyte Mahl mit ber Music weiter aufzuwarten ihnen gäntzlich untersaget unb verbuchen seyn soll". Diese Steuer belief sich in einem Falle, wie wir aus einer Eingabe ersehen, bei einem Einkommen von 570 Talern auf 30 Taler, b. h. über 5 v. H. Aber nur eine Klasse ber Musikanten, bie Stabt- Pfeifer, waren zu dieser Abgabe verpflichtet. Die „Concerts de Musique“ vornehmerer Künstler und bie niebere Biermusik „in ben Schenken ber ©labte ober in ben aus ben Städten oder Aemtern verlegten SchanckfKrügen in Dörfern" waren von ber Zahlung bes „Nahrungs-Gelbes" befreit. Da bie wirtschaftliche Lage ber ©tabtpfeifer dei ber Nüchternheit unb Sparsamkeit Friebrich Wilhelms I. schon an sich nicht bejonbers günstig war, so mußten bie „Cultores" ber „Music" sich „mit Sorgen ber Nahrung" quälen; wir können banach auch nicht annehmen, daß damals die Musik „floriren konnte.
Hochschulnochnchten.
Professor Dr. Gustav Aubin, Ordinarius für wirtschaftliche Staatswissenschaften an der Universität Halle, wurde in gleicher Eigenschaft an die Universität Göttingen versetzt.
Der ao. Professor Dr. Girndt an der Universität Frankfurt ist zum Ordinarius für Pharmakologie und Toxikologie an der Medizinischen Akademie in Düsseldorf ernannt worden.
Der ao. Professor Dr. Gerhardt Fricke an der Universität Berlin ist zum ordentlichen Dro- feffor für deutsche Literaturgeschichte an der Universität Kiel ernannt worden.
Privatdozent Dr. W. T r o i t s ch an der Universität Rostock hat einen Ruf auf ben Lehrstuhl für Staats- unb Derwaltunasrecht als Nachfolger von Professor Dr. Wolgast in Rostock erhalten.


