Kür vier Guide«
Aus der Geschichte des
„Das Tagebuch der Zeit" ist die Zeitung mit Recht genannt worden, und wer könnte ein solches Tagebuch entbehren, da das Leben des Einzelnen mit der Zeitgeschichte so eng verbunden istl So ist es nicht verwunderlich, daß fast jede deutsche Familie eine Tageszeitung hält, die ihr täglich ins Haus gebracht wird und die ihr sowohl in kultureller, als aud) in wirtschaftlicher Beziehung ein unentbehrlicher Berater und Freund geworden ist. Das Abonnieren von Zeitungen ist in anderen Ländern durchaus nicht so verbreitet wie bei uns. nur iyi Gebiet deutscher Zunge bildet es die herrschende Form des Vertriebs der Zeitungen, während sonst der Einzelverkauf vorherrscht. Das Wort „Abonnement", ursprünglich italienisch „abbonamento“, d. h. Vergütung, findet sich zwar in der deutschen Sprache nicht vor dem Ende des 18. Jahrhunderts. Die Sache freilich war schon sehr viel eher ba; als die ersten Zeitungen aufkamen, die aus geschriebenen Briefen und Briefbeilagen bestanden und bis ins 15. Jahrhundert zurückverfolgt werden können, da erhielt dieser Nachrichtendienst bald eine gewerbliche Form, und es bildeten sich einzelne Sammelpunkte für Nachrichten aus ganzen Ländergebieten, an denen die Nachrichtenvermittler saßen, die zu ihren Auftraggebern in einem festen Vertragsverhältnis standen und für die Uebermittlung der Neuigkeiten eine Jahresbesoldung empfingen. Die Zahlung erfolgte in Stücklohn: so lieferte der „Zeitungsschreiber" Jeremias C r a s s e r in Augsburg im Sommer 1588 dem Grafen Philipp Eduard Fugger 611/» Bogen Neuigkeiten aus aller Herren Länder und erhielt dafür 4 Gulden 6 Kreuzer, von anderen „Abonnenten" ober mehr. Auch als 1610 Kaiser Ferdinand II. dem Buchhändler Johann Theobald Schönwetter in Frankfurt a. M. ein Zeitungsprivileg erteilte, erbot sich dieser, seine „Wöchentliche Avis und neue Zeitungen" — „das Buch für 40 Kreuzer" — zu liefern. Zur Weiterbeförderung ihrer Nachrichten wurden die Posteinrichtungen benutzt, bei denen selbst auf den Hauptrouten der Verkehr damals nur wöchentlich erfolgte. Der Postmeister in den Hauptorten wurde allmählich zu einer Art Redakteur des Nachrichtenblattes, stellte die eingehenden Berichte zu Sammelzeitungen zusammen und bediente mit diesen gegen ein Jahrgeld seine Kunden. Nicht immer aber wurde bar Geld gezahlt. Oft wurden Zeitungsleute, „damit sie bei gutem Willen erhalten werden, mit etlichen geschaw Pfennigen Schaumünzen), Büchern und anderen dergleichen achen verehret." Die Posthäuser wurden zur „Avi- enzeit" (bei Ankunft der Posten) von den „Aus- orschern" belagert: „so traget auch solch eine geheime Communikation dem Zeitunger oft einen guten Wiltpretbraten in die Küche."
Die Ansätze zum Abonnement waren also schon bei den geschriebenen Zeitungen vorhanden, denn die Nachrichtenschreiber erhielten einen jährlichen Lohn für ihre Mitteilungen, und der Postmeister stellte gegen ein Jahrgeld die Zeitungen zu. Da die gedruckten Zeitungen, die Anfang des 17. Jahrhunderts zuerst aufkamen und sich in der zweiten Hälfte bereits stark vermehrt hatten, die Einrichtungen von den geschriebenen übernahmen, so wurde auch das Abonnement beibehalten. Die größere Zahl der Kunden konnte nicht von einer Schreibstube aus bedient werden, und so griff man immer häufiger zum Druck der Neuigkeiten, eine Vervielfältigung, die sich als billiger yerausstellte. Auch jetzt blieb das wöchentliche Erscheinen die Regel und die Verbindung mit der Post bestehen, so daß sich sogar gedruckte Wochenzeitungen häufig als „Postzeitung", „Postbote", „Postreiter", „Zeitungspost" usw. bezeichneten. Aus einer Nachricht von 1618 erfahren wir, daß diese gedruckte Zeitung von dem Abnehmer bis zur nächsten Messe bezahlt war. Die Messe war damals für die städtische Bevölkerung allgemeiner Zahlungstermin. Daß das Jahresabonnement als eine stillschweigende und selbstverständliche Vereinbarung bis zu Anfang des 19. Jahrhunderts üblich war, zeigt am deutlichsten
i Neuigkeiten...
Zeitungsabonnements.
die durchlaufende Paginierung der Zeitungen, sowie die Lieferung eines Titelblattes und alphabetischen Inhaltsverzeichnisses. Man setzte voraus, daß die Bezieher die Zeitung sammelten und den Jahrgang binden ließen, um ihn auch fernerhin als historisches Lesebuch zu benutzen. Diesem Umstände ist es vor allem zu verdanken, daß uns ganze Jahrgänge von alten Zeitungen erhalten sind.
Wenn in den Zeitungen des 17. und 18. Jahrhunderts Abonnementspreise nicht angegeben werden, so erklärt sich das daraus, daß diese Preise individuell verscyieden waren. Das Verhältnis der Zei- tung zu ihrem Kunden war ein g a n z p e r s önli - ches, und sie schloß mit jedem ein besonderes lieber» einkommen, mit dem beide Teile zufrieden waren. Aus Breslau beklagt sich ein Zeitungsdrucker, daß die Leute im Bezahlen des Zeitungsgeldes säumig seien, daß sie die Summe herabzudrücken suchten. Halbjährliche Vorausbezahlung wurde auch gefordert, aber die wenigsten Abonnenten hielten sich daran, und man mußte froh fein, wenn die Vierteliahrs- raten nachträglich ein liefen. Deshalb sind die Klagen über schlechte Zahler und Mahnungen sehr häufig. „Da man sich nicht mehr mit dergleichen
Neues für bei
— „Heimatland" und „Köpfe und Trachten": Unter diesem Titel hat der Verlag Fr. Lometsch in Kassel eine Sammlung von je 37 | Aufnahmen aus Hessen und Waldeck herausgebracht, die einen vielversprechenden Anfang für weitere Hcfte bildet. — (335) — Das Heft „Heimatland" bringt sehr gut gesehene und vortrefflich wieder- gegebene Bilder aus Hessen, vom sächsischen Hessengau bis nach Wilhelmsbad bei Hanau und Frankfurt; Bilder von unseren schönen Bauerndörfern und kleinen wie größeren Städten (z. B. Fritzlar, Alt- Hersfeld, um nur einige zu nennen), Burgen und Schlösser, Bäume, Wasser und stimmungsvolle Landschaften überhaupt. — Das zweite Bändchen mit Text von Dr. Helm, dem trefflichen Kenner der deutschen Volkstrachten, der ja als alter Marburger mitten im reichsten Trachtengebiet ausgewachsen ist, bringt eine zwar nicht erschöpfende — dazu ist der Stoff zu groß — aber eine reichliche Auswahl der meisten noch lebendigen Trachten unserer Heimat, aus der Marburger Gegend und der Schwalm, wie auch aus dem Hüttenberg südlich von Gießen, und dem Schützer Land. Welche Rassenkövfe sind da abgebildet! Man erkennt wieder, welcher kräftige, derbfeste Menschenschlag unser Land bevölkert. Gute Bekannte grüßen: Die beiden Alten, seinerzeit noch von Ubbelohde ausgenommen, und sollte nicht der Mann aus der Schwalm derjenige sein, der unserem leider auch schon verewigten T h i e l m a n n zu dem Titelblatt der „Hessenkunst 1926" gesessen hat? Auch diese Bilder verraten hohes technisches Können. Ganz hervorragend sind die beiden Innenaufnahmen (Gegenlicht!) der Großmutter am Spinnrad und des alten Handwebers aus La Udenhausen. — Der Preis von 1,20 Mark ist mäßia zu nennen. Karl v. Baumbacn.
— Die Verstädterung. Ihre Gefahren für Völk und Staat vom Standpunkte der Lebensforschung und der Gesellschaftswissenschaft. Von Prof. Dr. H. F. K. G ü n t h e r. Verlag von B. G. Teubner in Leipzig und Berlin 1934. — (270) — Das neueste Werk des berühmten Jenaer Rastenforschers behandelt eine der wichtigsten Lebensfragen unserer Zeit: Was ist das Schicksal eines Volkes, das der Verstädterung unterliegt, und wie kann es deren Folgen überwinden? Günther zeigt, wie die erblich hervorragenden, leistungsfähigen Familien, die vom Land in die Stadt ziehen, fast sämtlich dem schlimmsten Laster der Zivilisation, der Geburtenbeschränkung verfallen und in wenigen Generationen aussterben. Der Weg aus dieser unheilvollen Krise führt zurück aufs Land: Entstädterung tut not!
alten Resten chagrieren kann", heißt es z. B. in der Hallischen Zeitung von August 1763, „so werden selbige Interessenten hiermit nod)malen und allen Ernstes erinnert, ihre alten Reste binnen 14 Tagen abzutun, damit man sich nicht genötigt sieht, unangenehme Mittel zu deren Beitreibung zu gebrauchen." Aus jener Zeit sind einige Abonnementspreise bekannt. Die seit 1757 herausgegebenen „Schwerinschen Zeitungen von den merkwürdigsten Staatsgeschichten" kosteten jährlich einen Taler, vierteljährlich 12 Schillinge, die einzelne Nummer 1 Schilling. Die seit 1769 erscheinenden „Göthischen gemeinnützigen Anzeigen und Nachrichten" kosteten 6 Groschen für den halben, 9 für den ganzen Bogen im Vierteljahr, die einzelne Nummer 1 Groschen. Erhöhungen der Abonnementspreise waren nur bei der (Erneuerung von Privilegien unter gleichzeitiger Erhöhung der „Pachtsumme" durchzudrücken. So mußte die „Vossische Zeitung" auf die landesherrliche Genehmigung zur Erhöhung ihres Bezugsgeldes, „weil das Papier seit 1813 um 40 v. H. teuerer geworden mar", jahrelang warten. Zu Anfang des 19. Jahrhunderts setzte man die Vorausbezahlung des Abonnements durch, indem man bei vorheriger Bezahlung einen niedrigeren Preis gemährte. Um diese Zeit bürgerte sich das halbjährige Abonnement mehr und mehr ein, das bann im zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts durch ein vierteljähriges abgelöst mürbe und jetzt fast allgemein in ein monatliches übergegangen ist. C. K.
t Büchertisch.
Aber nicht allein Siedlung, Rassenpfleae der erblich Hochwertigen und all die großzügigen bevölkerungspolitischen Maßnahmen des neuen Staates genügen, um dem biologischen Verfall zu steuern, erforderlich ist auch eine (Erneuerung der Gesinnung durch jene aristokratische Hyltung der Persönlichkeit, die unser Führer Adolf Hitler so oft betont hat.
— In dem Verlage Bernard & Graefe, Berlin SW 68, erschien der erste umfassende Leitfaden für den Arbeitsdienst. Herausgegeben von Bodo Graefe. 328 Seiten, über 100 Abbildungen. — (309) — Das Buch mill das große Aufbau- merk, welches feit dem Frühjahr 1933 von der Reichsleitung des Arbeitsdienstes unter der Führung von Oberst a. D. Hierl geschaffen worden ist, geiftig unterbauen. Fachleute und Praktiker haben hier ein Buch aefdjrieben, das den Führern im Arbeitsdienst und jedem Arbeitsdienstwilligen ein Wegweiser beim Lehren und Lernen ist. Heinz Hauenstein schreibt einleitend eine aufschlußreiche Geschichte des Arbeitsdienstes. K. H. Schöpke hat den großen Abschnitt „Arbeitskunde für den deutschen Arbeitsdienst" verfaßt. „Die Leibeserziehung im Arbeitsdienst , verfaßt von Sportlehrer Henze gibt genaue Anweisungen für die Gestaltung der sportlichen Erziehung. „Die Freizeitgestaltung im Arbeitsdienst" ist von Dr. Raupach vielseitig und reickhaltig dargestellt. Endlich ist der wichtige Innendienst im Arbeitsdienst knapp, aber umfassend geschildert von Oberstfeldmeister Diestel, der an der Führerfchule des Arbeitsdienstes in Potsdam tätig ist. Der „Leitfaden" ist nicht nur den Männern Des Arbeitsdienstes, sondern auch Schülern und Studenten, die vor dem Eintritt in den Arbeitsdienst stehen, zu empfehlen.
— Rumpelstilzchen, Mang uns Mang ..., (Der Reihe 13. Band 1932/33). Broschiert 4.— RM., Seinen 5,50 RM. Brunnen-Verlag, Willi Bischoff, Berlin SW 68. — (431) — In dem ersten Teil des Buches wetterleuchten noch die Bruderkämpfe der damals ungeeinten nationalen Mehrheit herein. Wer eine Chronik schreibt, Woche um Woche, jedes Jahr hindurch, der soll nicht nachträglich alles radieren. Sonst wäre es keine Chronik mehr. Und die von Rumpelstilzchen hat uns durch die ganze Elendszeit seit 1920 hindurch kampfes- frisch erhalten. Auch in dem diesjährigen Bande phosphoresziert der Berliner Sumpf, schillern seine Blasen, bis dann mit einem Schlage der große Plan der politischen, moralischen, künstlerischen Trockenlegung Gestalt gewinnt. Von unverbildetem Berliner Humor ist das ganze Buch wieder durchtränkt.
Ueberall ist Rumpelstilzchen dabei. So ist dieser Band wieder eine kulturgeschichtliche Urkunde des Jahres der Erfüllung, die keiner, wird missen wollen.
Deutsche Angestelltenschaft noch nicht in DAI. eingegliedert.
LPD. Auf verschiedene Anfragen teilt die Deutsche Arbeitsfront mit:
Die Verbände der Deutschen Angestelltenschaft (DHV., VWA. usw.) sind noch nicht in die Deutsche Arbeitsfront eingegliedert. Die Angehörigen der DA brauchen deshalb die Fragebogen der DAF. nicht auszufüllen. Die Uebernahme der DA. in die DAF. erfolgt am 1. Dezember 1934. Nähere Anweisungen ergehen noch.
Rundfunkprogramm
Donnerstag. 4. Oktober.
6 Uhr: Bauernfunk. 6.15: Gymnastik I. 6.30: Gymnastik II. 6.45: Frühmeldungen. 6.55: Morgenspruch — Choral. 7: Frühkonzert. 8.30 bis 8.45: Gymnastik. 10: Nachrichten. 10.45: Praktische Ratschläge für Küche und Haus. 11.45 Sozialdienst. 12: Mittagskonzert I. 13: Saardienst, Nachrichten. 13.10: Nachrichten aus dem Sendebezirk. 13.15: Mittagskonzert II. 14.15: Nachrichten. 14.30: Wirtschaftsbericht. 15: Nachrichten. 15.15: Kinderstunde. 16: Nachmittagskonzert. 18: Spanisch. Sprachunterricht. 18.15: Frohes Leben. 18.45: Unterhaltungskonzert. 19.45: Tagesspiegel. 20: Nachrichten und Mitteilungen aus dem kulturellen Leben. 20.10: Saar-Umschau. 20.30: Konzert des Rundfunkorchesters. 21.20: Unser lieber Reiseonkel. Zu Baedekers 75. Todestag. 22: Nachrichten. 22.10: Nachrichten aus dem Sendebezirk. 22.20: Worüber man in Amerika spricht. Von K. G. Sell. 22.30: Kammermusik. 23: Tanzfunk. 24 bis 2: Nachtmusik.
Freitag, 5. Oktober.
6 Uhr: Bauernfunk. 6.15: Gymnastik I. 6.30: Gymnastik II. 6.45 Frühmeldungen. 6.55: Morgenspruch — Choral. 7: Frühkonzert. 8.30 bis 8.45: Gymnastik. 10: Nachrichten. 10.15: Schulfunk. 10.45: Praktische Ratschläge für Küche und Haus. 11.45: Sozialdienst. 12: Mittagskonzert I. 13: Saardienst. Nachrichten. 13.10: Nachrichten aus dem Sendebezirk. 13.15: Mittagskonzert II. 14.15: Nachrichten. 14.30: Wirtschaftsbericht. 15: Nachrichten. 15.15: Für die Frau: Die neuen deutschen Modestoffe, ein Zwiegespräch. 15.35: Kinder-Unarten, Eltern- Irrtümer. 16: Nachmittaaskonzert. 18: Jugendfunk: Taucher ahoi! (Eine Hörfolge. 18.15: Deutsche Gespräche. 18.35: Kleine Beobachtungen auf einer großen Straße. 18.45: Volksmusik. 19.45: Politi- cher Kurzbericht. 20: Nachrichten. 20.15: Stunde der Nation: „(Erbe", eine Komödie von Karl Schönherr. 21: Schöne Volksmusik. 22: Nachrichten. 22.10: Nachrichten aus dem Sendebezirk. 22.30: Lied. 23: Deutscher Wald, deutsches Feld, deutscher Strom, eine Funkfolge. 24: Nachtkonzert.
Briefkasten der Redaktion.
(Rechtsgutachten sind ohne Verbindlichkeit der Schriftleitung.)
h. D. in £. Gegen einen die Unfruchtbarmachung anordnenden Beschluß des Erbgesundheitsgerichts ist die Beschwerde binnen einem Monat nach Zustellung dieses Beschlusses gegeben; sie kann jedoch nicht von einem wegen Geistesschwäche Entmündigten selbst, sondern nur durch seinen Vormund erhoben werden.
2H. $. E. 300. Die für die Errichtung des Schießstandes in Frage kommende Schlucht führt am nordöstlichen Ortsrande entlang und hat eine Tiefe von 2 bis 21/j Meter. Falls entsprechende Schießscharten errichtet und der natürliche Kugelfang noch erhöht wird, läßt sich die Schlucht als Kleinkaliber-Schießstand ausbauen. Sicherheitspolizeiliche Gesichtspunkte stünden alsdann nicht mehr im Wege. (Eine Ge- fährdung der Bewohner, deren Gärten an die Schlucht angrenzen, wäre beim Schießen ausge- schloffen.
Weitlauf mit dem Kolosseum.
Von unserem römischen E.-Korrespondenien.
Rom, Ende September.
Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis, das Unzulängliche aber, in Rom wurde es Ereignis. Das Unbeschreibliche, hier ist's getan: ein Kolosseum tritt auf den Plan! Goethe hätte das erleben müssen.
Mussolini stellt das Gleichnis auf, das Unvergängliche dem Vergänglichen gegenüber, ein neues Kolosseum dem alten. Wohl sagt die alte Weissagung, daß Rom bestehen werde, so lange das Kolosseum bestehe, und so lange Rom bestehe, werde die Welt bestehen. Der „ewigen" Stadt ist damit immerhin eine Zeitschranke gesetzt, ihre Lebensdauer wird abhängig gemacht von einem Gebilde aus Menschenhand, Das zwar die hassenden Elemente, vor allem die Menschenhände selber noch nicht ganz zerstören konnten, das aber doch ein Menschenwerk bleibt. Was tut nun der lieber» mensch? Nun, er macht es ganz einfach so, wie der gewöhnliche Sterbliche in seinem Familienleben auch, er pflanzt sich fort. Er stirbt nicht, er vergeht nicht, solange sein Blut nicht vergeht. Das Kolosseum kriegt eben einen Nachfolger, einen Stammhalter, basta!
Das Unzulängliche wurde Ereignis, als man die Architekten zu einem Jdeenwettbewerb, zu einem Wettlauf mit dem alten Riesenbau einlud. Zu ihrer Entschuldigung muß gesagt werden, daß sie gehandicapt waren, wie wir so schön sportlich sagen, benachteiligt im vornherein durch die historische und tragische Wucht ihres Rivalen, denn ihre Aufgabe war es nicht etwa, irgendwo im weiten Rom einen Neubau zu erstellen, ein Riesenmassen- ftabion. Das wäre nicht schwer gewesen, das hätten die Amerikaner im Handumdrehen gemacht, denn schließlich wäre es bloß auf eine Geldfrage hinaus- gelaufen. Was man aber nicht kann, nicht mit sämtlichen Golddollars der Welt, das ist das: einen tausendjährigen Baum zu bauen. Zeit läßt sich nicht macken, sie muß abgewartet werden. Und ganz ähnlich ist es mit einem Bau, der neben den zweitausendfährigen des Kolosseums gestellt werden und dennoch eine gute Figur machen soll. Mussolini will, daß an der von ihm geschaffenen Prunk- straße, der Jmperiumsstraße, die vom neuen Kapitol wie vom alten ausgeht, schnurgerade durch die Kaiserfora hindurch, und vor dem Kolosseum endet, daß ausgerechnet an dieser Straße, dem Flaoier- zirkus gegenüber, der moderne Titanenbau entstehe, um die faschistische Revolution durch die kommenden Jahrtausende hindurch zu symbolisieren, wie es das Kolosseum für die vergangenen tut. Wann
ward so etwas jemals erhört? Wer vermöchte die Kühnheit eines solchen Gedankens zu überflügeln? Schaudernd stehen wir vor dem eben erwähnten Versuch einer früheren Generation, dem Versuch, das Kapitol, das nach Mussolini der heiligste Berg nach Golgatha ist, durch ein anderes, das Viktor- Emanuel-Denkmal, in den Schatten zu stellen. Wohl ist es um einige Meter höher geworden als der michelangeleske Platz, auf dem die antike Reiterstatue Marc Aurels steht, wohl schlägt es mit seinem Konditorschaum den ehrwürdigen Palazzo Venezia, die aus den Quadern des Kolosseums errichtete Residenz des Duce, wohl rasen seine Quadrigen herrlich durch den römischen Himmel, aber die Mitwelt hat bisher nur das einstimmige Urteil gefällt: Kitsch. (Für meinen Geschmack ein übertrieben hartes Urteil, denn dieses National- denkmal hat auch unbestreitbare Schönheiten, wie etwa die himmelstürmende Säulenhalle, und es ist später geadelt worden durch den mit dem unbekannten Soldaten eingelassenen Altar des Vaterlands, der Pilgerstätte einer ganzen Nation.)
Der größte, nicht wiedergutzumachende Fehler des Baues liegt jedoch nicht in seinem Aeußeren, sondern in der Tatsache, daß das Hochzeitstortenhafte Monstrum buchstäblich das Kapitol an die Wand gedrückt hat, so daß es nun, vom Venediger Platz aus gesehen, wie ein kümmerliches Anhängsel wirkt. Soll diese Bausünde sich am Kolosseum, diesem — noch — isolierten Quaderberg, wiederholen?
Das Unbeschreibliche, hier, in der Ausstellung der Bauprojekte, ist's getan.
Ein dem kolossalen Plan entsprechender Künstlerstreit ging voraus. Wahrlich, es geht uns alle an, aber deswegen brauchen wir uns in den Kampf nicht einzumischen, Mussolini und sein neues Italien haben sich mit ihm verpfändet, wir dürfen sicher sein, daß — wenn überhaupt das Ziel erreicht, der Bau unternommen werden sollte — etwas Großes entstehen wird, mindestens ein Zeitdokument. Und unsere Zeit ist ja groß.
Die Schöpfer des faschistischen Italiens geben zu, daß der Wettbewerb der bedeutendste, gefährlichste und kühnste unter allen Unternehmungen ähnlicher Art ist und sein muß. Die Romer sind mit Recht aufgeregt. Die Kritiker haben auf den ersten Anhieb fünfeinhalb von den sechs Dutzend Entwürfen abgelehnt und von den übriggebliebenen fünf oder sechs Stück nickt ein einziges als ausführungsreif angesprochen, so daß es ohne Zweifel zu einer Wiederholung des Wettbewerbs kommen wird. Diese Selbsterkenntnis ist schon viel, erinnern wir uns an den Fall des Forums Mussolini, zu dem jede Provinz Italiens Standbilder einschicken mußte: Mussolini ließ diese ersten Athleten, Ringkämpfer,
Gladiatoren samt und sonders hinrichten. Dann, nach der unerbittlichen Hekatombe, entstand Brauchbares. Und damals handelte es sich bloß um dekorative Figuren, heute um einen Rivalen zum Kolosseum.
Für die Phantastik der Künstler, von Phantasie kann man da kaum mehr reden, nur ein einziges Muster: lieber die vor dem Kolosseum in die Jmperiumsstraße einmündende Via Cavour sollte ein ungeheuerlicher Glasbogen gespannt werden, nicht ein Zweckbau also, sondern reines Symbol unseres Zeitalters. Gottlob wurden ähnlichen Höhenflügeln Die Flügel gestutzt durch die Bestimmung des Duce, daß Der Bau Sitz des Fascio werden und als solcher, Palazzo del Littorio wird das neue Kolosseum heißen, unter anderem auch die faschistische Revolutionsausstellung dauernd aufnehmen müsse.
Der Vorschlag eines mehr chronologischen Geistes ging dahin, einen monumentalen faschistischen Kalender zu errichten, bas heißt für jedes Jahr der faschistischen Aera — bekanntlich schreiben wir heute schon Anno XII — ein neues Stockwerk auf das vorherige zu türmen. Auch dieser Turm von Babel wuchs nicht in den Himmel. Mit Wolkenkratzern kann man das Kolosseum nur der Höhe nach überbieten.
Die beachtenswerten Entwürfe zeichnen sich weniger durch Neuerungssucht, als durch Beschränkung aus — das Kolosseum hat also zunächst einmal gesiegt. Groteskes bieten sie deswegen noch genug. Einer arbeitet mit himmelhohen Liktorenbundeln wie mit Bleistiften, als ob wir nicht schon genug von der Fassade der gegenwärtigen Revolutionsausstellung hätten. (Er multipliziert sie einfach und verwendet sie wie Filigran. Schauderhaft. Ein Frontalbau besteht nur aus einem ungeheuerlichen Schlund, als wolle er ganz Rom auf einen Zug verschlingen. Ein anderer hat von der Konstantins- bafilita die mächtigen Gewölbe als Leitmotiv übernommen, setzt sie aber, wie es sich für ein Leitmotiv gehört, oben hin, über den Kontrapunkt einer Kaserne. Dann wieder fällt eine Erinnerung an den Koloß des Nero auf, nur daß er, ein Schwarzhemdfaschist, nicht den Strahlenkranz des Jupiters um das Haupt hat, sondern den Arm zum römischen Gruß erhebt. Nicht ausgeschlossen übri- gens, daß tatsächlich Mussolini in Ueberlebensgröfje daraus wird. Der vierte Bau ist ein moderner Bahnhof, Novecentostil, der fünfte ein Ministerium, nehmt alles nur in allem, der sechste eine Art Sportakademie.
Hoffentlich wird nun nicht nach dem gestrigen System so vieler Staatsstreiche verfahren und aus den preisgekrönten Entwürfen ein Potpourri ge» macht. Daß Mussolini persönlich sehr für den |
Novecentostil eingenommen ist, wissen wir aus seinen Stadtgründungen in den pontinischen Sümpfen, doch darf das nicht ängstigen, denn dort entsteht bedingungslos Neues, an der Jmperiumsstraße verpflichtet die große Ueberlieferung.
Nichts wäre jedenfalls unangebrachter als Spott. Unsere Zeit braucht sich vor der Antike nicht zu verstecken und selbst das Erschrecken vor dem Mut oder Uebermut, der bas Kolosseum in bie Schranken forbert, muß ber Bewunberung für eine junge ober uralte, auf jeben Fall sich immer erneuernoe Nation Raum geben. Mussolini wirb mit sicherem Jristinkt bas Richtige finben unb befehlen.
Das »tägliche Srof" im Sprichwort.
Das tägliche Brot, bas als Gottesgabe überall eine hohe Wertschätzung erfährt, wirb auch im wörtlichen unb übertragenen Sinne im Sprichwort und in zahlreichen bilblichen Wenbungen gebraucht. Auf bem ßanbe finbet sich noch vielfach ber Brauch, vor bem Anschneiben bes Brotes auf beffen Rückseite mit einem „Segne's Gott!" ober auch schweigend drei Kreuze zu zeichnen, unb biefe Sitte zeigt schon an, in welch tiefer, rnahnenber Bebeutung vom täglichen Brot gesprochen wirb. „Salz unb Brot macht die Wangen rot" heißt es; wer aber mit solcher Einfachheit sich nicht zufrieden gibt, und in großen Hoffnungen schwelgt, dem ruft man wohl zu: „Aus dem nächstjährigen Korn kann man heuer kein Brot bacfenr Als den größten Halunken bezeichnet man einen Menschen, „von bem fein Hund ein Stück Brot annehmen will". Diese Wendung ist sehr alt, unb finbet sich bereits bei Hans Sachs: „Ein Hunb ein Brot kaum von mir nem." Von einem Geizhals sagt bas Sprichwort, baß er fein Brot „so bünn schneidet, baß man ben Psalter bin- burchlesen kann." Dom Bäcker, besten Brot viele Löcher aufweist, heißt es, er habe „seine Seele in bas Brot gebacken," womit man besagen will, baß er Betrug verübt, unb sich am geheiligten Brot vergangen habe. „Schnecke bas Brot gleich, so wirst bu reich", heißt es in einem Sprichwort. Mancherorts wird ber letzte Brotlaib, der gebacken wird, besonders gekennzeichnet und „Wirt" genannt; so lange dieser Brotlaib im Hause ist, besteht kein Mangel, wird er aber vor der nächsten Backzeit angeschnitten, so sagt man, es komme eine teure Zeit. Wenn jemanden „die Butter vom Brote fällt", so heißt das, daß er in seinen Erwartungen plötzlich getäuscht wurde. Daher rät man ihm, sich nicht „die Butter vom Brot nehmen" zu lassen. Die Unentbehrlichkeit des Brotes klingt auch in dem Sprichtwort an: „Freundliche Gesichter sind so nötig wie das liebe Brot."


