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M.23l Zweites Blatt

Mittwoch, Z. Oktober |95<

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Aus -em Reiche der Frau.

Stadtfrau und Bäuerin auf dem Markt.

Von Elli Heese.

Es ist eine Binsenweisheit, daß die kleinen Ge­schehnisse des Alltags uns oft den Schlüssel für große, geschichtlich - bedeutsame Entwicklungen und Wandlungen geben. Es ist gut, sich von Zeit zu Zeit dieser Binsenweisheit zu entsinnen, gerade für die Frauen, weil ihr Verhalten stets stärker von persönlichen Erwägungen bestimmt wird als von dem Bewußtsein, daß das eigene Schicksal zugleich Volksschicksal ist. Und doch erfährt gerade die Hausfrau täglich, daß das Leben der Familie und des Einzelnen im Rhythmus des Lebens der Volksgemeinschaft schwingt. Aber verstehen die Frauen auch, daß der Rhythmus der Gegenwart von einem Gleichklang getragen wird, der die Lösung mancher Mißklänge der Vergangenheit bringt? Es scheint fast, daß vielen dies noch ver­borgen ist, weil die neue Melodie etwas ernst und schwer klingt. Dccher> ist es wohl notwendig, ein paar Worte darüber zu sagen.

Seit der Weltkrieg die Haushaltsführung und Bedarfsdeckung in Deutschland vor bis dahin un­bekannte Schwierigkeiten stellte, haben sich die Hausfrauen in Stadt und Land redlich bemüht, auf die Lebensnotwendigkeiten der deutschen Wirtschaft Rücksicht zu nehmen. Wir wissen wohl, daß es in all diesen Jahren auch verantwortungs­lose und recht törichte Hausfrauen gegeben hat, aber von ihnen soll hier nicht die Rede sein. Nur war es seltsam: die Stadtfrau hatte den besten Willen, die Erzeugnisse der deutschen Scholle zu bevorzugen, die Landfrau mühte sich redlich, beste deutsche Ware zu Markt zu brin­gen und doch brachte beider Bemühungen weder Gewinn für den deutschen Markt, noch führte es das ersehnte Verständnis zwischen Erzeuger und Verbraucher herbei. Wer entsinnt sich nicht noch der Kämpfe um den Eiermarkt, der ein besonders drastisches Beispiel gibt. Weder die Stempelung und Kenntlichmachung des deutschen Eies brachte der deutschen Ware den Sieg, noch alle staatlichen Hilfen für den Erzeuger die vom Verbraucher ge­wünschte Verbilligung. Und wir alle kennen noch ähnliche Erscheinungen auf dem Obst- und Gemüse­markt. Es stimmte etwas nicht, wenn das unter günstigeren Bedingungen erzeugende Ausland den Verbraucher über die Erntezeiten seiner deutschen Scholle täuschen konnte, und warum konnten Bedarf und Erzeugung im eigenen Lande einander nie richtig begegnen?

Es klingt so einfach, daß sich die Erzeugung nach dem Bedarf zu richten habe, und daß nicht jeder für sich mit seiner Ware auf den Markt kommen dürfe, wann es ihm gerade paßt, auch nicht will­kürlich den Preis bestimmen dürfe, aber wer hätte vor dem 30. Januar 1933 wohl die Folgerung aus dieser einfachen Erkenntnis gezogen? Heut haben wir den geregelten M a r k t, und nun müssen die Hausfrauen in Stadt und Land be­weisen, daß sie den Sinn der neuen Marktregelung verstehen. Noch kommt es wohl vor, daß eine Bäuerin nicht damit zufrieden ist, daß sie nicht mehr wie früher ihre Ware unkontrolliert, wann und wie es ihr gerade paßt, handeln kann, oder daß die Stadtfrau glaubt, der Festpreis bringe dem Verbraucher Nachteile. Die städtische Hausfrau führt als Beispiel meist die Verteuerung der Fette an. Es ist ihr oft gar nicht bekannt, daß ein einziger Walfisch so viel Fett liefert, wie 300 Bauernhöfe m einem Jahr erarbeiten. Sonst würde sie einsehen, daß die hemmungslose Einfuhr von Walfischtran in wenigen Jahren das deutsche Bauerntum restlos zerstört hätte und damit auch Handwerk, Gewerbe und Industrie. Die Bäuerin wieder kann überzeugt sein, daß die Verteilung der Waren über die Zen­tralstellen und die Eindämmung des stark aufge­blähten Zwischenhandels auch die Zwischen- spanne im Preis zu ihren Gunsten verkleinert. Die Durchgliederung der Milchwirtschaft z. B. in Wirtschafts- und Versorgungsverbände, die Einrichtung einer Ausgleichskasse, die für einen gerechten Preis sorgt, kann allein verhindern, daß der Erzeuger etwa wie früher 5 bis 6 Pfennig für den Liter Milch bekommt und der Verbraucher 25 Pfennig dafür zahlen muß. Bei der Festsetzung des Milchpreises ist auch dafür gesorgt, daß dem der Stadt nahewohnenden Erzeuger die Arbeit höher entlohnt wird als dem Bauern, der weiter von der Stadt wohnt, im nationalsozialistischen Staat sollen gleiche Arbeitsbedingungen und nicht Zufallsvorteile gelten.

Der Fleifchmarkt bietet ein gutes Beispiel dafür, daß nur noch die Mengen über die Grenze kommen, die der Eigenerzeugung zur Deckung des Bedarfs ^Entscheidend ist auch, daß mit den Nachbar­ländern keine starren Verträge abgeschloffen werden, sondern daß sich auch hier die zugelayenen Einfuhr­mengen stets nach dem Bedarf richten.

Die Neuregelung des Marktes unterwirft also Stadt- und Landfrau dem gleichen Gesetz daß nämlich Sonderwünsche und -forderungen sich dem Wohle der Allgemeinheit unterzuordnen haben. Die Forderung galt wohl auch früher, aber man wußte den Weg nicht zu if)r.

führt

Gesunde Frauen durch Leibesübungen

Von Ilse Warnick.

Unser Weg ist schwer, aber schön. Er uns über Höhen und Tiefen zum Urquell des Le­bens. Und Leben ist Bewegung: Bewegung des Geistes und Leibes. Gerade wir Frauen wollen an diesem Letzten nicht achtlos vorübergehen, denn unser seelisches Leben ist ganz besonders stark tritt unseremLeibesleben" verbunden. Durch wieviel innere Kämpfe müssen wir gehen, von denen die Männer kaum etwas ahnen, und wieviel unend- r.fUp Kraft brauchen wir dazu, heute mehr denn i * Der in den Nachkriegsjahren so verschüttete rainuhe an unsere innerste Berufung und unsere blonderen Aufgaben als Frau ist im neuen Deutschland wieder lebendig, stark und fest gewor- * nicht nur in den Männern, sondern vor allem ben:.nA 4/auen selbst. Wir wissen, daß in unseren Händen und in unserem Herzen.die Zukunft Deutsch-

lands geformt wird. Und wir wissen darüber hin­aus, daß wir stark und rein an Leib und Seele ein müssen, um diese Aufgaben ganz erfüllen zu können.

Einen Weg zum reinen und starken Frauentum ührt uns die L e i b e s ü b u n g. Unser Körper ist uns nicht nur geschenkt zu den reinen Mußbewe­gungen des Lebens. Er ist uns geschenkt zur Freude für uns und andere. Die Arbeit am Körper ist eine heilige Pflicht und sollte als solche von uns allen erkannt werden. Sie ist die Voraussetzung für die Arbeit, die wir an Leib und Seele unserer Kinder leisten müssen. Ist doch der Körper die schützende Hülle unserer Seele, ein Heiliges, durch das der Weg zum Allerheiligsten führt.

Wenn wir bedenken, wieviel gerade uns Frauen durch die Leibesübungen geschenkt worden ist, so können wir nicht dankbar genug dafür sein, und diese Dankbarkeit beweisen wir am besten dadurch, daß wir alle die, welche noch abseits stehen, für fie zu gewinnen suchen. Leibesübungen treiben heißt, seinen ganzen Körper in den Dienst einer natür­lichen, freien und doch wieder formgebundenen Be­wegung stellen. Dabei kann jeder mittun, denn das Gebiet'der Leibesübungen ist so unendlich vielsei­tig, daß für jeden etwas übrig bleibt. Die einen lieben mehr das Geräteturnen, andere die volks­tümlichen Uebungen wie Lauf, Sprung und Wurf im Freien, wieder andere mehr das Schwimmen, und nicht zuletzt wir alle die Gymnastik. Diese ist

für uns Frauen das Gebiet, das uns fast aus­schließlich allein gehört. Man wird es immer als eine tiefe Köstlichkeit empfinden, feinen Körper im Freien zu bewegen, nach bestimmtem Rhythmus zu schwingen, wenn der rauschende Wind die Musik dazu macht. Immer mehr vergessen wir dabei uns selbst, alle Hemmungen, alles Verkrampfte, in das uns das Leben nur allzu oft hineinpreßt, fällt von uns ab, Leib und Seele gehören wieder zusammen als eine Einheit. Leider haben wir es nicht immer so gut, auf grünem Rasen, in Freiluft, Licht und Sonne unsere Gymnastik zu betreiben. Dann heißt es eben in die Turnhalle ziehen, in gut gelüftete Räume. Nach Musik darf sich jetzt unser Körper bewegen. Musik ist etwas, das uns Frauen im Blut liegt. Von der anfänglichen Befangenheit und Un­geschicklichkeit werden wir ganz allmählich hinüber­geführt zu einer freieren, leichteren und flüssigeren Bewegung. Alle Muskelgruppen werden bean­sprucht, gleichmäßig durchgebildet, und alle Schwere und Müdigkeit ist aus unseren Gliedern wie fort­geweht.

Ein tiefer Quell der Freude sind die Leibes­übungen, Kraft gebend und inneren Schwung für die alltägliche Arbeit. Aus der Freude heraus wol­len wir schaffen im Haushalt, in der Familie, im Beruf, wohin uns das Leben stellt, immer Frau bleibend, mütterliche Frau voller Verantwortungs­gefühl, wissend, daß nur ein starkes, reines und gesundes Frauentum unserem Volke dienen kann.

PRAKTISCHE VORSCHLÄGE UNSERES MODEZEICHNERS

H I I

* DEN | MANGEL

I ii

Was sollen wir tragen zum Herbst? welche Formen und welche Stoffe? Fürs Haus, für die Straße und für die Geselligkeit?

Zunächst die Formen: Für sportliche und Lauf­zwecke wird sich vor allem die dreiviertel­lange Jacke noch weiterer Gunst erfreuen, schon deshalb, weil sie wirklich praktisch ist und leicht aus einem zu kurz gewordenen Mantel der letzten Jahre gearbeitet werden kann. Nur hat sich ihr Gesicht seit dem Sommer insofern verändert, als sie jetzt nicht mehr weit fällt, sondern die Figur betonend meist mit breitem Ledergürtel getragen wird. Während der siebenachtellange Mantel sehr weit geschnitten sein kann, gern mit großem Kragen getragen und mit großen Holzknöpfen ge­schlossen wird. Bei ihm besonders sieht man noch immer den Raglanärmel, nur im Schnitt jeweilig stark abgewandelt. Auch der Uebergangs- mantel und das Jackenkleid zeigen den breiten Ledergürtel, den großen Kragen und die großen Holzknöpfe. Oder zum Schließen die neu­artigen Lederriegel. Neu für die Jackenkleider werden die mannigfachen Lederbesätze sein, aber auch die Pelzkrawatte ist nicht etwa verschwunden! Die Röcke, einerlei ob vom Kleid ober ein­zeln, werden seitlich geschlitzt, gewickelt oder mit nur einer Falte geschneidert getragen. Die Weste für sportliche Zwecke ist aus Samt Leder, Affenhaut oder sogar Pelz, meist ohnerkermel, stark abweichend in der Farbe von Kleid oder Rock. Das lange Cape, vielfach ebenfalls sieben­achtellang, läßt die Vorderseite fast ganz frei, ist in der Hauptsache Ergänzung für das Jackenkleid, das sportliche Kleid aber auch für den einzelnen Rock gedacht! Zu letzterem sehr hübsch mit färb-, lich abstechender Weste! Das Cape ist immer

aus dem gleichen Stoff wie der zu vervollkomm­nende Anzug gefertigt.

Für den Vormittag wird immer noch das einfach geschnittene, oft sportliche Kleid, vielfach mit dreiviertellangen Aermeln bevorzugt sein. Reich ist dann der Ausputz, Leder in jeder Gestalt, Mono­gramme. Piquö, große Holzknöpfe und Schließen.

Am Nachmittag herrscht die st a r k weib­liche Note vor, es wird plissiert, drapiert, ge­schlungen und gebunden. Der Rock zeigt auch hier die lange, betont enge Linie.

Ebenso kommt abends dann in der Hauptsache die streckende, stark modellierende Form zur Gel­tung, wobei die Weite des Rockes ganz nach unten verlagert, oft nur durch einen Volant ange­deutet ist. Oft find die Kleider auch nur seitlich geschlitzt, sie verzichten dann ganz auf glockige Weite! Da aber auch neben den schweren, flie­ßenden Geweben viel Taft, besonders brochier- ter getragen wird, behauptet sich die von der Hüfte ab'stark an Weite zunehmende Form auch weiter­hin, vor allem für besonders jugendliche Figuren.

Die S t o f f e werden für M ä n t e l und Jacken­kleider unfertig in sich gemustert, stichelhaarig, geschoren oder stark plastisch gewebt sein. Ebenso die dünneren für die einfachen Kleider.

Für nachmittags kommen dann schwer fallender Seidenkrepp, Kravattenseide, eine Art Matelasse oder der kleidsame Samt in Frage. Samt überhaupt in jeder Art, besonders auch für abends, dann als gemusterter, oft mit Metall durch­webter oder schillernder Velourstransparent und als ein neuartiger stumpfer Seibenfamt. Für abends auch der oben schon erwähnte, in Form von Streifen, winzigen Blüten oder Karos b r o ch i e r t e Taft. h-

MiigeMschefürdasKleinkmd

Beim Wäscheeinkauf sind verschiedene Gesichts­punkte zu beachten. Gewiß möchte jede junge Mut­ter das Schönste für ihr zu erwartendes Kindlein be­sorgen. Doch Kinderwäsche ist immer hübsch, und es kommt mehr auf die Zweckmäßigkeit an, denn auf Ausstattung.

Das Kind unserer Zeit trägt nur weiße Wäsche. Bakterien und Bazillen werden durch das Kochen vernichtet, das Kind bekommt die keimfreie Wäsche, die es zur Gesunderhaltung benötigt. Aus feinstem Leinen-Batist ist das E r st l i n g s h e m d ch e n her- gestellt. Es wird am Halse auf dem Rücken mit einem zarten Band geschlossen, weil dadurch jeder Druck auf die empfindliche Haut des Kindes ver­mieden wird. Knöpfe werden an den Erstlingshemd­chen des Kindes nicht mehr gesehen. Neuerdings werden Hemdchen mit kurzen oder halblangen Aer­meln gewählt, weil diese das Anziehen des Kindes erleichtern.

Das Kind im ersten Lebensalter soll dem Wärmeverlust möglichst wenig ausgesetzt sein, und wenn die moderne Mutter ihr Baby auch nicht mehr in dicke Decken einhüllt und ängstlich vor jeder Luftzufuhr hütet, wird sie auf das schützende Jäckchen doch nicht verzichten. Diese Jäckchen sind engmaschig gearbeitet, umschließen den Körper des Kindes, ohne ihn einzuengen ober zu behindern. Die Aermel sind lang und durch eine kleine Man­schette am Handgelenk anliegend, doch immer so, daß sie von dem Kinde nicht als lästiger Druck emp­funden wird. Durch die Querstellung der Maschen an dieser Stelle ist die Manschette fester und hält den Puls des Kindes genügend warm.

Das Lätzchen entspricht der Serviette, es wird demzufolge nur dann umgelegt, wenn die Notwen­digkeit dafür vorhanden ist, also beim Trinken der Flasche und für die Zeit der kindlichen Aeußerungen des Wohlbefindens jede Mutter kennt das.

Das Windelhöschen hat das einschnürende Wickeltuch ersetzt: es umschließt den kindlichen Kör­per, läßt Erkältungsgefahren fast verschwinden und hält bie; barunter befinblichen Winbeln zusammen. Es hat zubem ben Vorteil, baß die Unterlagen im Bettchen unb im Wagen nicht fortgesetzt gewechselt werben müssen. Das Höschen aus einem imprägnier­ten Stoff ist porös, so baß es bie Transpiration ge­stattet unb bennoch bie Feuchtigkeit nicht burchläßt. Zur Ausstattung gehören einige Paar Winbelhös- chen. Dafür kann bie Mutter bie Ausgabe für bas Tragekissen" oermeiben, jenes unförmige, unhanb- liche unb bas Kinb einengenbe Bettzeug, bas einer be= fonberen Ausstattung beburfte.

Die Mutter hat meistens bie Art bes Haltens, Stützens unb Tragens ihres Kinbes gelernt. Das Kinb ruht vielfach sich selbst überlassen natürlich unter Aussicht ber Mutterauf feinem Lager. Es wird roeber gewiegt, noch wird es häufig herum­getragen. Damit es sich beim Strampeln nicht er­kältet, bekommt es die weichen Säuglings­strümpfe an und als letzte Ergänzung die groß­maschig gehäkelten Babyschuhe. So ist auch bei kühlerer Temperatur der Kopf- und Ohrenschutz in Form eines zweckentsprechenden Mützchens not­wendig. Es gibt in allen Größen und in den ver­schiedenartigen Ausführungen allerliebste kleine Kin­dermützchen, wärmend, kleidsam, die Ohren be­deckend, so daß sie sich vollkommen in den Dienst des Kindes stellen. Schü.

Vorratswirtschaft im Haushalt.

Vom reichen Segen des Herbstobstes darf nichts umkommen! Strichweise gibt es eine überreiche Herbstbirnenernte! Diese verderben rasch, wenn es cm Absatz mangelt. Vor allem sollten bie Haus­frauen jener Gegenden mit reichen Birnenernten diese, recht reif gepflückt, zuBirnenhonig" ver­werten.

Birnenhonig" nennt bie sparsame Bäuerin vom Vogelsberg ein dickes Latwerge von Süßbirnen, die teils geschält, teils überreif gekeltert werden. Da kommt die Jugend aus dem Dorfe auf dem Hofe zusammen, der gerade beim Honigkuchen ist. Die Mädchen und Frauen schälen bie Birnen, bie Män­ner richten bie Kelter her, um ben Saft der Birnen, ber den Zucker ersetzt, gewinnen zu können. Ist so ein Zentner Birnen verarbeitet und etwa ebensoviel geschält, bann wird die halbe Nacht gerührt im kupfernen Waschkefsel. Dazwischen gibt es einen guten Kaffee, Schnaps für bie Männer unb für alle guten Zwetschenkuchen. Graut bann ber Morgen, kann die Bäuerin gewichtige Steinguttöpfe mit dem schwer vom Löffel fallenden, braunen Birnenhonig beim Bäcker im Buckofen ober im Gemeindebackhaus nachtrocknen. Mit Bienenhonig hat ber Birnenhonig nichts zu tun. Aber er ist süß wie Honig unb wird als Brotaufstrich das ganze Jahr hindurch ebenso gern verspeist wie die dicke Fruchttunke zu Mehl­klößen ober die warme Obstsuppe mit Klößen am naßkalten Herbstabenb. So hilft man sich seit uralten Zeiten in den kleinen Dörfern im hohen Vogelsberg in wahrer Dorfgemeinschaft. Mancher könnte davon lernen, und wo Neusiedler eng zusammensitzen ober eine Stabtranbsieblung mit reichern Obstsegen be­glückt ist, könnte man ebenso handeln unb sich gegen­seitig bie Hilfskräfte zur Verfügung stellen, wenn im Großen eingekocht werben soll.

Wenn Ende September bie Zwetschen schon etwas überreif sind, können sie ohne Zucker zu dickem Mus int Wascykessel gekocht werden, besonders wenn ein Zusatz gekelterten Saftes überreifer Süßbirnen sie verbessert. Auch der Saft der reifen schwarzen Hollunder zu */» der Gesamtmasse gegeben, ist gut, da er bie Säure ber Zwetschen binbet. Ob man die Zwetschen zuerst mit Kernen gar kocht und bann burch ein Sieb mit erbsengroßen Löchern streicht, oder sie zuerst entfernt und bann kocht, ist gleich­gültig, nur müßte man im letzten Falle einen Lei­ne nbeutel, mit Kernen gefüllt, mitkochen, ba diese ben schonen Geschmack geben; ober man nimmt bie Wallnüsse, wie sie vorn Baurn kommen mit ber grünschwarzen Schale über der holzigen, die wie­derum dem Mus etwas Herbheit geben und Zimt ober Nelken überflüssig machen.

Solches Fruchtlatwerge, bas mir lange als ver­altet ansahen, hilft uns, im Winter ben Küchenzettel zu bereichern. Zur Regelung ber Verdauung ist be­sonders Zwetschenlatwerge zum Frühstück genossen, gesund. Der Birnenhonig ist bei Kindern außer­ordentlich beliebt. Darum sollte jede Hausfrau nicht nur Marmeladen, sondern auch Fruchtlatwerge ein­kochen, damit sie in jeder Jahreszeit genügend Obst- oorrat in ihrem Haushalt hat.

Therese Wagner.