Hr. 152 Dritter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Dienstag, 3.ZulU934
Einsatztätigkeit seinerzeit alle Kräfte beanspruchte und wenig Zeit für die Berichterstattung oder Materialsammlung übrig ließ. Es ist an der Zeit, diese Lücken auszufüllen.
Alle alten N o t h e l f e r, ehemaligen Mitarbeiter und Freunde der Technischen Nothilfe, die an den ersten Einsätzen der Technischen Abteilung oder der Technischen Nothilfe mitgewirkt, oder aus den Händen ehemaliger Beteiligter entsprechende Unterlagen im Besitze haben, werden dringendst gebeten, das ihnen zur Verfügung stehende Material im Interesse der Sache zur Verfügung stellen. Erinnerungsstücke jeglicher Art sind erwünscht. In Betracht kommen vor allem Bilder. Ausweise, Abzeichen, Personalpapiere, Befehle, Meldungen, Karten, Zeitungen, Flugblätter, Handzettel, Plakate, Erlebnisberichte und sonstige Aufzeichnungen. Jeder, der etwas beisteuert, seien es auch scheinbar Unterlagen
Aus der Provinzialhauptstadt.
brachte der Vorsitzende ein begeistert aufgenommenes dreifaches Sieg-Heil auf unseren Reichspräsidenten Generalfeldmarschall von Hindenburg, unseren Führer Reichskanzler Adolf Hitler und unseren
Die Arbeitsbeschaffung in der ForsiwirWast
alle
kühnsten Träumen aus, wie es wohl wäre, wenn
ften Amtsverkündigungsblatt zur Kenntnis.
Llrkundenstempel und NSDAP.
Der Hessische Staatsminister Jung hat an
hessischen Behörden die nachstehende Verfügung gerichtet:
Durch das Gesetz gegen' die Neubildung von Parteien vom 14. Juli 1933 und durch das Gesetz zur Sicherung der Einheit von Partei und Staat vom 1. Dezember 1933 ist die politische Einheit von Staat und. Partei in der Weise gesetzlich festgelegt worden, daß die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei die alleinige und ausschließliche Trägerin des Staatsgedankens ist.
Luftfahrtminister Hermann Göring aus.
Eine Bitte der Technischen Nothilfe.
Von der Reichsführung der Technischen Nothilfe wird uns geschrieben:
In die Zeit der bolschewistischen und marxistischen Revolten des Jahres 1919 und der folgenden Jahre fällt die wichtigste Einsatztätigkeit der Technischen Nothilfe und ihrer Vorläuferin, der Technischen Abteilung bei der Garde-Kavallerie-Schützen-Division. Einsätze in den verschiedensten lebenswichtigen Betrieben und Gegenden folgten in fast ununterbrochener Reihenfolge aufeinander. Der Nachwelt ist hierüber verhältnismäßig wenig bekannt, weil die
können: Möbel, Kleider — eine Reise würden wir machen. Ja, wenn!
Aber liegt denn das „Wenn" so unglaublich weit entfernt? Man halte nur die Aug^n affen. Die diesjährige Arbeitsbeschaffungslotterie der NSDAP, bietet allen Volksgenossen einen braunen Schein, der leicht ein Tausender und zehn Tausender oder noch mehr werden kann. Schon am 21 und 22. Juli findet die Ziehung statt, und man beeile sich, die Arbe-itsbeschaffungslose zu 1 Mark zu erstehen.
Im Gegensatz zu den beiden vorjährigen Lotterien wurde der Gewinnplan um ein Beträchtliches erweitert. Die Anzahl der Gewinne ist um fast 50 v. H. erhöht worden, allerdings wurde dafür von einem einzelnen übergroßen Hauptgewinn abgesehen.
Aber man bedenke, welche Gewinnfreuden vielen Deutschen jetzt bevorstehen, lieber 400 000 Gewinne, 1% Millionen Mark, werden insgesamt ausgelost.
Luftschuh-Beratungen in Gießen.
Oer Gebrauch der Bezeichnungen „Führer", „Gauleiter" usw.
Die Ministerialabteilung la (Polizei) des Hessischen Staatsministeriums hat den Kreisämtern, den Polizeidirektionen und Polizeiämtern nachstehendes Rundschreiben des Reichsministers des Innern zur Kenntnisnahme mitgeteilt:
„Mein Runderlaß von 7. März 1934 — I A 2100/5. 3. — ist von einzelnen Stellen zu weitgehend ausgelegt worden. Jnbesondere sind Bezeichnungen wie „Vereinsführer", „Verbandsführer", „Bundesführer", „Gauführer", „Bezirksführer" beanstandet worden. Da diese Bezeichnungen in der NSDAP, nicht eingeführt sind, bestehen gegen die Verwendung solcher Bezeichnungen, die das Wort „Führer" in Verbindung mit einem anderen Wort enthalten, »keine Bedenken.
gez. Frick."
Das Kreisamt Gießen bringt dieses Rundschreiben den Bürgermeistereien des Kreises Gießen im neu-
Neben den regelmäßigen, d. h. jedes Jahr wiederkehrenden Arbeiten in der Forstwirtschaft, wie Holzhauerei, Kulturarbeiten usw., wurden zahlreiche zu- ätzliche Arbeiten ausgeführt, d. h. Arbeiten, die aus laufenden Etatmitteln nicht finanziert werden konnten. Bei den zusätzlichen Arbeiten erhält also der Träger der Arbeit entweder ein Darlehen unter der Bedingung, daß der Nachweis erbracht wurde, daß eine Verzinsung des aufgewendeten Kapitals in einer vorgeschriebenen Laufzeit durch eine Erhöhung des Holzpreises sichergestellt wurde — Sofortprogramm der Neichsregierung —, ober es werden dem Träger der Arbeit Zuschüsse zu dem Arbeitslohn bezahlt, die bisher bei der Notstandsarbeit 3 RM. je Tagewerk und bei dem freiwilligen Arbeitsdienst im geschlossenen Lager 2 RM. je Tagewerk betrugen.
Von allen drei zusätzlichen Arbeitsformen wurde in den staatlichen Forstämtern der Forstbezirks- gruppe Gießen Gebrauch gemacht. Es wurden 91000 zusätzliche Tagewerke geleistet. Heben anderen Arbeiten, wie Meliorationen und Aufforstungen, wurden 18,4 Kilometer Dege chauf- fiert und 12,2 Kilometer Wege planiert. Zu diesen zusätzlichen Arbeilen kommen die regelmäßigen, d. h. planmäßigen Arbeilen. Diese umfaßten in einem Jahre bei 12 Forstämtern 194 217 Tagewerke.
Große Arbeitsmöglichkeiten stecken noch in der Forstwirtschaft. Wurden doch im 10-Jahresplan allein für die Forstämter der Forstbezirksgruvpe Gießen (die etwa 20 bis 25 v. H. des hessischen Staats- und Gemeindewaldes umfassen) fast drei Millionen Tagewerke vorgesehen, wovon auf Wegebau allein 2 Millionen Tagewerke entfallen. Neben Wegebauarbeiten kommen Aufforstungen von Oedland, Reinigen von Hegen durch Aushieb wertloser und bessere Holzarten schädigende Hölzer, Aestungen junger Nadelholzbestände zur Erzielung astreiner Schnittware, die jetzt noch vielfach aus dem Ausland eingeführt werden muß, und andere Arbeiten in Frage.
Die Kapitalien, die in den Wald gesteckt werden, sind gut angelegt, denn welchen Wert der deutsche Wald in naher Zukunft haben wird, das ahnen heute noch die wenigsten.
Einmal wird durch den großen Raubbau, der in vielen holzreichen Ländern, in erster Linie Rußland und den Vereinigten Staaten von Nordamerika, bisher getrieben wurde, eine starke Holzknappheit eintreten, sodann hat die chemisch-technische Erforschung des Holzes in jüngster Zeit neue und zukunftsreiche Verwendungsmöglichkeiten für das Holz erschlossen. Wir erwähnen hier nur die Holzgas-Generatoren (Betriebskosten ein Sechstel der Benzinmotoren!), die Verzuckerung des Holzes und die Spiritusgewinnung aus Holz, das Holzpflaster u. a.
Leider werden Forstarbeiten als Notstandsarbeiten nicht mehr gefördert, so daß für die zusätzlichen Arbeiten zur Zeit nur der Arbeitsdienst übrig bleibt.
Die unlösliche politische Verbundenheit von Staat und Partei läßt es geboten erscheinen, die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei ft e m = pelrechtlich dem Reich gleichzustellen. Ich ordne daher an, daß die Befreiungen von ben |tUyU|U.ii iiuumcn uua, mit ta ivuyi wuic, lucim ßairbesftcmpelabgaben, die für das Reich (gemäß unverhofft ein Tausender auf dem Tisch läge. Ja — Artikel 7, Absatz 1, Ziffer 2 des Hessischen Urkunden- wenn —! Was würden wir da nicht alles kaufen stempelgefetzes oder auf Grund sonstiger Vorschriften) bestehen, im gleichen Umfange auch der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei eingeräumt werden. Die Gleichstellung beschränkt sich auf die Partei als solche.
Wenn schon die Nachfolger Bismarcks die sichere Grundlage des Agvarftaates verlassen hatten und die Umstellung Deutschlands vom Agrar- zum Industriestaat nicht nur auf dem Rücken der Landwirtschaft, sondern auch auf dem der Forstwirtschaft ausgetragen wurde (z. B. deutsch-russischer Handelsvertrag 1905/06), so verkannte man nach dem Zusammenbruch im Jahre 1918 noch viel mehr, welche hohe Bedeutung der Wald und die For st wirtschaft für Deutschland haben.
Erst unter der Kanzlerschaft Adolf Hitlers wurde die Forstwirtschaft nicht mehr als Aschenbrödel behandelt, und man muß immer wieder bewundernd anerkennen, wieviel auch hier in der kurzen Zeit von IV2 Jahren geleistet wurde.
Wir erinnern nur an das Gesetz gegen die Wald- verwüstung, an das nationale Aufforstungswerk des Reichsministers Darre, an die Stabilisierung der Holzpreise und daran, daß im Dezember vorigen Jahres in dem größten deutschen Lande, in Preußen, die Angelegenheiten der Landesforstver- waltung auf den preußischen Ministerpräsidenten Hermann Göring übergegangen sind und in ihm einen tatkräftigen Förderer gefunden haben.
Wo sonst in der Welt in der letzten Zeit tatkräftige und weitblickende Männer die Staatsführung übernommen haben, da haben sie auch die große Bedeutung des Waldes für die Gesamtheit erkannt. So hat Mussolini vor zehn Jahren die Miliza forestale oder die Forstmiliz geschaffen, er hat umfangreiche Aufforstungsarbeiten gemacht und es verstanden, dem italienischen Volk wieder Verständnis für den Wald beizubringen. In den Vereinigten Staaten von Nordamerika wurde unter der Präsidentschaft Roosevelts den unvorstellbar großen Waldverwüstungen Einhalt geboten, indem ein Forstgesetz geschaffen wurde, das neben anderem große Aufforstungen vorsieht und insgesamt einen Kostenaufwand von 750 Millionen Dollar erfordert. Wenn also, wie gesagt, die Forstwirtschaft im nationalsozialistischen Deutschland wieder den ihr gebührenden Platz erhielt, so sind sich auch die Forstleute der Verpflichtung bewußt geworden, der Beseitigung der Arbeitslosigkeit — als das vom Führer als dringlichste Forderung der Gegenwart bezeichnete Problem — ihre ganze Kraft zu widmen.
Bei einer vor kurzem stattgehabten Sitzung der Forstbezirksgruppe Gießen — die Forstbezirksgruppe Gießen umfaßt 13 staatliche oberhessische Forstämter und eine Reihe größerer Privatwaldungen — wurde neben rein forstlichen Fragen und einem allgemeinen Vortrag des Vorsitzenden des Arbeitsamts Gießen, Regierungsrat Dr. List, über Arbeitsbeschaffung auch die Arbeitsbeschaffung in der Forstwirtschaft behandelt.
Ein Rückblick über die im Laufe eines Jahres — der Betrachtungszeitraum umfaßte die Zeit vom 31. März 1933 bis 1. April 1934 — geleisteten Arbeiten zeigt auch jedem Laien, daß die Forstwirtschaft durchaus nicht fo arbeitsextensiv ist, wie man es gemeinhin annimmt.
Arn Sonntagvarmittag fand im „Bayerischen Hof" eine Tagung der Ortsgruppenführer der Reichsluftschutzortsgruppen Oberhessens statt, die von der Bezirksgruppe Oberhessen einberufen war. Der Tagung, die von dem Bezirksgrupvenführer Bürgermeister Dr.-Jng. E. Hamm (Gießen) geleitet wurde, wohnte als Vertreter der Landesgruppe Hessen-Rheinland-Süd e.V. Stabsführer Jäger bei. Alle Ortsgruppenführer, mit zwei entschuldigten Ausnahmen, waren anwesend und bezeugten so ihr reges Interesse an der so nötigen Luftschutzbewegung. Die Versammlung verlief sehr anregend und dauerte bis in die Nachmittagsstunden. In der Aussprache, an der sich zahlreiche Ortsgruppenführer, der Vorsitzende Dr. Hamm, der Stabsführer der Landesgruppe, Jäger, der Schulungsleiter der Bezirksgruppe, Gewerbelehrer Schuch ardt und der Adjutant der Bezirksgruppe Oberhessen, Diplom- Kaufmann Braubach, beteiligten, wurden alle Fragen des Luftschutzes eingehend behandelt und beachtenswerte Anregungen für die Führung der Ortsgruppen gegeben. Zum Schluß der Tagung
Aus parteiamtlichen Bekanntmachungen
Die Arbeitsgemeinschaft Volksschule des N SLB., Bezirk Hungen, hält am morgigen Mittwoch, 15 Uhr, im „Solmser Hof" in Hungen eine Sitzung mit Vortrag über „Hördt: Grundformen volkhaster Bildung" und mit anschließender Konferenz ab.
NS.-Gemeinschaft„KrastdurchIreude"
Erste Rheinfahrk am 8. Juli.
Für die Teilnehmer an der ersten Nheinfahrt ist noch zu melden, daß wir in Rüdesheim einen Aufenthalt von etwa 3 Stunden nehmen. In dieser Zeit kann das Niederwalddenkmal besichtigt werden. Der Fahrpreis mit der Zahnradbahn auf den Niederwald und zurück beträgt pro Person 70 Pfennig. Dieser Preis ist außerordentlich billig und bedeutet ein großes Entgegenkommen der Stadtverwaltung Rüdesheim. Um eine schnelle Abfertigung für die Züge am Zahnradbahnhof zu gewährleisten, ist es notwendig, daß jeder, der das Niederwalddenkmal besichtigen will, sich bei seinem Betriebszellenobmann bzw. der Geschäftsstelle der NSG. „Kraft durch Freude", Gießen, Schanzenstraße 18, meldet. Mit der Meldung ist auch der Preis von 7 0 P f. gegen Empfang eines Gutscheines zu bezahlen. Dieser Gutschein wird in Rüdesheim von den Bahnbeamten mit einer Fahrkarte eingelöst.
Die Karten sind morgen, Mittwoch, auf der Geschäftsstelle der NS.-Organisation abzuholen.
Zweite Rheinfahrt am 22. Juli.
Die zweite Rheinfahrt findet am 22. Juli, wie ursprünglich angenommen, statt. Diejenigen Polks- genossen, die die erste Rheinfahrt wegen zu großer Beteiligung nicht mitmachen konnten, sind für die zweite Fahrt vorgemerkt und erhalten in den nächsten Tagen Bestätigung ihrer Anmeldung. Betreffs
I des Besuches vom Niederwalddenkmal gilt das Gleiche wie oben erwähnt.
Der Fahrpreis beträgt ab Gießen 4,90 Mk. ohne Mittagessen und 5,50 Mk. mit Mittagessen. Abfahrt des Zuges gegen 8 Uhr. Jeder Teilnehmer bzw. Betriebszelle muß sich selbst darum kümmern, ob er rechtzeitig im Gießener Bahnhof sein kann. Die Zeit ist so gewählt, daß es wahrscheinlich allen ohne Schwierigkeiten möglich ist. Letzter Meldetermin Mittwoch, 18. Juli.
Sonderfahrt nach Marburg zum Besuch der Marburger Festspiele am Samstag, 7. Juli.
Die Stadtverwaltung Marburg ist der NS.-Ge- rneinschaft „Kraft durch Freude" dadurch sehr entgegengekommen, daß sie uns den Eintrittspreis für die Aufführung des „Sommernachtstraum" von Shakespeare bei 120 Teilnehmern von 1.50 RM. auf 0.70 RM. ermäßigt hat. Der Fahrpreis nach Marburg beträgt 1.60 RM. (Sonntagskarte). Abfahrt ab Gießen Samstag mittag 15.48 Uhr oder 18.25 Uhr. In Marburg Treffpunkt 20 Uhr auf dem Festplatz. Beginn der Vorstellung 20.30 Uhr. Rückfahrt 0.32 Uhr. Die Teilnehmer melden sich bis spätesten Freitag, den 6. Juli, 18 Uhr, auf der Geschäftsstelle der NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude", Gießen, Schanzenstraße 18.
Neichsbund Ao kstum und Heimat.
Samstag, 7. Juli: Besuch der Marburger F e stf p i e l e: „Sommernachtstraum". Abfahrt 15.48 Uhr (Eilzug), 15.54 oder 18.24 Uhr; Rückkunft 1.23 Uhr. Sonntagskarte 1,60 Mark. Spielbeginn 20.30 Uhr. 3. Platz ermäßigt, voraussichtlich auf 70 Pfennig. Anmeldungen bis spätestens Freitag erbeten an Dr. Michel, Weserftraße 4. Gäste willkommen!
„Ein Tausender."
Manchmal malen wir uns vielleicht in unseren
Der Markuslöwe.
Von unserem römischen E.-Korrespondenien.
In Venedig gibt es Gondeln, Tauben und Löwen. Ich hatte es aus historischen Gründen auf einen Löwen abgesehen.
Tippelte also ein Brückchen hinauf, winkte dem Gondoliere, der mich aufzufangen unten sogleich anhielt, ab, tippelte das Brückchen hinunter und steuerte mutig in einer der Lädelchen hinein, die genau so groß sind, wie es für einen Raubtierkäfig notwendig ist.
„Signorina", sagte ich zu der einladend lächelnden Dompteuse, „ich möchte den Markuslöwen kaufen."
„Sehr wohl, mein Herr!" Und ihre Augen streiften, die reiche Auswahl preisend, die Front ihrer funkelnden Lieblinge ab. Markuslöwen in jeder Größe und Preislage, vom einfachsten bis zum eleganteften Genre, in Messing, Silber, Blei und modernen Legierungen. Der Markuslöwe ist das Sinnbild der Dogenstadt, er hat Flügel wie ein Adler, er ist ein Löwe wie der Duce, der Münzen prägen ließ mit der Inschrift, es sei besser, einen Tag als ßäjpe zu leben, statt hundert Jahre als Schaf. Und die mächtige Tatze ruht auf einem aufgeschlagenen Buch, so daß jedermann lesen kann: Pax! Friede!
Ader die Löwen alle, wie sie da standen in Reih und Glied, befriedigten mich nicht. Viel zu unscheinbar. Wenn ich schön einen Löwen kaufe, müsse er groß sein.
Die Signorina schaute mich verwundert an. Der da für 28 Lire sei der größte, der hergestellt werde, Noch niemand habe bisher ein mächtigeres Exemplar verlangt. Den meisten Fremden — Einheimische kaufen natürlich keine Markuslöwen — könne er nicht klein, heißt das, billig genug fein. Sie verstehen, mein Herr, die Krisis! Und keiner wolle seine Koffer beschweren, geben sie zur Entschuldigung an. Am meisten ginge das Mittelgewicht. Das nehmen die Hochzeitspärchen. Die anderen Touristen wollen für das Souvenir ganz wenig ausgeben, es handle sich ja nur um ein Geschenk, die Gießereien gingen daher mit der Größe immer weiter herunter. Es gibt Markuslöwen so klein, daß man sie für Siegelringe hält, da darf man natürlich nicht nach feiner Ausführung fragen, das Buch mit der
bedeutsamen Inschrift kommt ganz in Wegfall. Nehmen Sie diesen, mein Herr, er ist unter Garantie ausgewachsen, nur 27 Lire, prego! 26 Lire! Zu teuer? Aber wir sind ja schon tutto bancarotta!
Ich blieb hartherzig und schlenderte weiter.
Es kam wieder ein Brückchen, wieder ein Rio, wieder ein Calle, wieder ein Lädelchen. Der Com- messo zerrte mich, kaum daß er meinen zögernden Schritt bemerkte, in die Löwengrube und fing die Reihe von unten an. Ein so winziger Löwe, daß er auf einem Dolchgriff Platz hatte. Es ist der Dolch der Desdemona! sagte er bedeutungsvoll. Nicht des Othello? gab ich zurück. Othello, bitte sehr, haben wir auch: 4 Lire nur Signore! Danke, ich mochte den größten Markuslöwen haben, den es gibt.
Er brachte ihn: 23 Lire.
Es kam wieder ein Brückchen, wieder ein Rio, wieder ein Calle. Der Löwe wurde immer kleiner — im Preis. Je weiter weg vom Markusplatz, um so wehr schrumpfte er ein. Jetzt hing ihm schon im Schaufensterchen ein Täfelchen um: 18 Lire. Die Maximalgröße blieb dieselbe.
Nun, es war verlockend, dieser Fährte nachzugeben. Brückchen, Kanal, Gasse.
Wieder einer: 16 Lire.
Je tiefer man in das Labyrinth der Gäßchen« eindringt, die immer wunderlichere, in keinem Wörterbuch zu findende Namen annehmen, Salizzada, Ruga, Rughetta, nm fo interessanter und — billiger wird es Da gibt es zehnfache Glasperlenketten für eine ober zwei Lire, Korallenketten für 50 Centefimi, man darf gar nicht daran denken, was wohl die Heimarbeiter für das Einfädeln kriegen. Unfaßbare Armut schaut aus den grauen Fensterhohlen wie aus erloschenen Augen. Die Kanäle fangen an, recht übel zu riechen. Klapperdürre Katzen strolchen herum, die Kinder spielen nicht mehr damit rote auf ben Campi und Campielli beim Canäle granbe, sie hocken' teilnahmslos in ben Winkeln, wenn sie nicht auch nach irgendetwas Eßbarem schnuppern, Orient, denkt man, Orient. Aber der Fremde wird mit hinreißender Liebenswürdigkeit behandelt und staunt immer aufs Neue darüber, daß eine Rughetta, die für zwei nebeneinandergehende Personen zu schmal wäre, die nicht selten als Sackgasse endet, so sauber sein kann. Selbst in die Obstlädelchen kann man getrost hineingehen.
Dem Kompaß nach mußte ich mich in der Gegend der Waldenserkirche befinden, als mir wieder ein anderer Dolch in die Augen fiel, der, den ich vor Jahren auf einer römischen Auktion für sieben Lire erworben hatte, echte Bronze. Damals schämte ich mich fast des lächerlichen Preises, jetzt sah ich ihn mit drei Lire ausgezeichnet und witterte meinen Löwen dahinter. Richtig, der Patrone in eigener Person, zu einem Kommis langte es in dieser Wildnis nicht, legte mir zunächst einen Haufen von verschiedenen Dolchen vor, einer bizarrer als der andere, mit geschlängelten Ungeheuern, mit verrückten Säulen und rätselhaften Figuren als Griff, jeder nach einem berühmten Original gearbeitet, der Dolch des Romeo, des Moro, des Dandolo, des Falieri, ein Geschichtsathlet müßte man sein, um alles auseinanberzuhalten. Dann, als ich mübe ge= rebet war, wählte er selbst drei der verdrehtesten aus, legte sie zusammen auf eine silberne Platte und bot sie mir mit unwiderstehlich wegwerfender Grandezza an, ein Geschenk, weil ich Fremder sei: acht Lire alle drei, sieben, sechs Lire! Ein Glück, daß ich noch schnell genug ein Zehnlirestück aus der Tasche fischen konnte, sonst hätte er den Nullpunkt unterschritten.
Dann forderte ich ben Markuslöwen. Na schön, sagte er nur, auch zehn Lire. Aber ich hatte nun schon meine fixe Jbee unb trottete ihr nach. Brückchen, Knäle, Calle. Der Schrumpfungsprozeß ging weiter.
9 Lire 20 Centisimi der nächste. Vielleicht fiel mir noch Alabins Wunderlampe in die Tasche. Sesam, tu dich auf! Und jungenhaft klapperte ich mit meinen Dolchen.
Wieder ein Löwenfräulein. 9 Lire. Ich muß aus- gesehen haben wie ein Kunde, dem man nichts recht machen kann, denn schließlich rief sie verzweifelt aus: „Sv nehmen Sie doch den heiligen Theodor!"
Der heilige Theodor ist auch ein Schutzpatron Venedigs und steht auf einem Krokodil, wenn ich nicht irre, aber ist ein Krokodil ein Löwe? Abgelehnt. Weiter.
Als es dunkel wurde, sank ich jagbmübe in eine Gondel. Links auf das Kiffen vor mir legte ich die Dolche, zu denen ein vierter sich gesellt hatte, mit einem Griff wie die Jrminsäule. Und rechts stellte ich den Löwen hin. meinen Markuslöwen,
Maximalgröße. 17 Zentimeter hoch, 20 Zentimeter lang, 4 Pfund schwer. Massiv, rein Messing.
Er kostete 8 Liere und 40 Centefimi.
„polizeiakte 909."
Das Lichtspielhaus Bahnhof st raße bringt seit gestern einen Kriminalfilm, für den ein recht interessantes Thema gewählt wurde. Eine Firma bemühte sich um die Herstellung eines Serums gegen die Pest, ein japanischer Klüngel stört aber um des Geschäftes willen die notwendige wissenschaftliche Arbeit durch den Diebstahl eines halb- fertigen Präparates. Aber die Diebe konnten sich nicht in den Besitz der chemischen Formeln setzen. Diese müssen sie sich erst erarbeiten. Ein gewiegter Kriminalist wird eingesetzt, er spürt den Japanern nach, stellt sie, verliert aber dabei sein Leben; er wird von einem der Japaner, und zwar von dem maßgeblichen Wissenschaftler ermordet. Damit aber der Mörder, der Wissenschaftler, zu Gunsten feines Landes seine Arbeit an dem gestohlenen Präparat vollenden kann, übernimmt ein anderer die Schuld, Aber das Gericht klärt, trotz aller Zurückhaltung der Japaner in ihren Aussagen, den Sachverhalt und zieht den wahren Mörder zur Rechenschaft.
Der Film hat seine Qualität in der klaren Behandlung des Stoffes. Einige Szenen gerieten durch den Versuch, japanischen Stoizismus und zur Schau getragene Gleichgültigkeit wiederzugeben, etwas lang. Den Höhepunkt der Handlung stellt die wirkungsvolle Gerichtsverhandlung dar. Der Film in feiner Gesamtheit ist szenisch von Akt zu Akt geschickt gesteigert und interessiert vom ersten bis zum letzten Bild. Die Darstellung ist sehr gut.
Viktor d e K o w a als der Kriminalist Bninsky beherrscht seine Rolle ausgezeichnet. Liane Haid, die Sängerin Laroche, die dem Kriminalisten behilflich ist, vermag ihre vermittelnde Rolle recht glaubhaft eigennützig zu gestalten. I n k i s ch n o f f als Dr. Thkeramo trifft den Charakter des Japaners und des ehrgeizigen Wissenschaftlers sehr gut. Veit Harlan als Hironari, der den Mord auf sich nimmt, macht eine sehr sympathische Figur. Zu nennen sind ferner Paul Mederow als Vorsitzender des Gerichts, Paul Henckels als Verteidiger und Bernhard G ö tz k e als Staatsanwalt. — Im Beiprogramm wird der Boxkampf Camera gegen Paolini gezeigt.


