Llnd nun, Men?
Vornan von Käthe Mehner.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Derlag, Halle (S.)
21. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Mit der Schnelligkeit, die den gedienten Soldaten verriet, stand der Doktor schon wenige Augenblicke später unten in der Diele und sah, wie die Dienerschaft änbstlich zusammenaedrängt stand.
Bei seinem Kommen strebten sie tief grüßend auseinander und gaben iym den Weg frei.
Rakenius ging, ohne sich um^uschauen. Scheu und verstört folgte das Personal.
Die Tür zum Wintergarten stand weit offen. Erstickend schlugen ihm der Duft der exotischen Pflanzen und die Wärme der Zentralheizung entgegen.
Mit blassen Lippen und zitternden Knien ging Rainer von Rakenius um das Rundteil der Palmen herum.
Dann ein unterdrückter Schrei. Er stand vor dem leblosen Körper seiner Frau.
„Evelyn!"
Die Diener waren stehengeblieben.
Rakenius griff nach dem Arm der Leblosen, richtete ihn hoch. Keine Bewegung mehr. Nur Blut sickerte dick und schwer aus einer kleinen Wunde an der Schläfe.
Jetzt erst begriff Rainer von Rakenius die furchtbare Wucht des Schicksals.
„Evelnn — Evelyn!" Es klang schauerlich in dem hoyen Glashause.
Da stand der kleine, runde Gartentisch. Und hier auf der langen Peddigrohrbank lag die schöne, elegante Frau mit starrem, unbeweglichem Gesicht, das Entsetzen und Angst noch im Tode verriet.
„Ein Verbrechen — ein gemeines Verbrechen. — Wer?"
Rakenius stöhnte zusammenhanglos Sätze. Dem ersten Schreck folgte jäher Schmerz. Mechanisch gab er Anordnungen.
„Alle bleiben hier. Nichts anrühren. Johann, ruf du den Arzt! Ruf meinen Vater! Ruf die Polizei! Ja, Johann?"
„Jawohl, Herr Doktor — jawohl!"
Wie im stummen Gebet saß Doktor von Rakenius neben seiner toten Frau. Er hatte sie nicht mehr lieben können. Hatte sie kaum geliebt, weil sie so grundverschieden waren.
Und doch. Sie war seine Frau gewesen. Gewohnheit hatte allmählich doch ein Band um sie gewoben. Sie war ein Mensch, der täglich um ihn war.
„Evelyn!" sagte er immer wieder matt vor sich hin, als warte er auf Antwort.
Die Polizei war früher da als der Arzt. Als dieser erschien, arbeitete die Mordkommission schon fieberhaft.
Man vernahm bte Dienerschaft.
Jetzt erst erfuhr Rakenius, daß bas ganze Personal für den vergangenen Abend beurlaubt gewesen war.
Warum?
Mit überstürzten Schritten kam der alte Geheimrat — und stand sprachlos da. Dann grub sich -ein bitterer Schmerz um seinen Mund. Er sah auf seinen Sohn, der teilnahmslos hinter dem Kommissar stand und ihn scheinbar gar nicht hatte kommen sehen.
Unter der Toten wurde der Revolver gefunden.
Ein Beamter faßte ihn vorsichtig an.
Da griff schon der Kommissar zu und nahm ihn an sich.
„Kennen Sie diese Waffe, Herr Doktor?"
Tödliche Blässe bedeckte plötzlich das Gesicht Rainers.
„Sie gehört mir — mein Gott — mir!"
Der Geheimrat wich zurück.
„Rainer! Deine Waffe? Deine...?"
Der Geheimrat rang verzweifelt die Hände, aber sprach nicht mehr.
„Der Tod muß etwa gegen zwölf Uhr eingetreten sein. Jetzt ist es vier Uhr", stellte der Arzt fest.
Beamte notierten.
Der Kommissar bohrte seine Blicke in die Gesichter der Umstehenden.
Geheimrat von Rakenius dachte an seine Gattin, wenn sie das erfahren würde — und er dachte an seinen Sohn.
„Sie sagten vorhin, daß Sie etwa gegen zwölf Uhr nach Hause gekommen sein wollen. Stimmt das, Herr Doktor?"
„Es stimmt, Herr Kommissar! Mein Gott, wie das alles jetzt klingt! Wie das klingt. Ich sehe plötzlich alles so anders. So sonderbar."
„Sie sind erregt, Doktor! Fassen Sie sich!" Der Arzt wollte beruhigen, doch der Kommisiar wehrte ab.
„Und wohin gingen Sie, als sie heimkamen?"
„Direkt in mein Zimmer natürlich."
„Das ist gar nicht natürlich, Herr Doktor! Sie pflegten für gewöhnlich lange zu arbeiten."
„Ich war abgespannt. Nervös — sehr nervös."
„Stimmt, Herr Kommissar!" fügte in diesem Augenblick der Geheimrat hastig hinzu. Er hatte plötzlich mit Entsetzen gespürt, worum es jetzt ging.
Der Kommissar beachtete den Einwurf kaum. Er zuckte uninteressiert die Achseln.
„Ja, ich bedaure! Zunächst wollen Sie mir bitte einmal in Ihr Arbeitszimmer folgen. Sie sagen, daß es sich um die Waffe handelt, die Sie unter Verschluß halten, so daß Ihre Frau Gemahlin eigentlich keine Möglichkeit hatte, an diese heranzukommen."
„Ich sagte es, wie es ist, Herr Kommissar!"
Mit der Wichtigkeit und Barschheit, die manchen Kriminalbeamten eigen ist, wenn sie sich starrsinnig in eine, wenn auch falsche Theorie verboyrt haben,
schritt der Kommissar voran. Die ein Trunkener folgte ihm Rainer von Rakenius.
Der Geheimrat schüttelte unentwegt den Kopf. „Unmöglich alles, unmöglich, Herr Geheimrat!" Der Arzt redete beruhigend auf den Vater ein. „Es mutz sich ja alles aufklären. Muß ..."
Auf der Platte des großen massiven Schreibtisches fanden sich zwei Briefe, der eine an den Geheimrat, der andere an Rainer von Rakenius adressiert.
„Bitte, öffnen Sie diese Briefe in meiner Gegenwart, Herr Doktor!"
Rakenius zögerte nicht einen Augenblick. Es war ja alles so ungeheuerlich, so unbegreiflich.
Und er las:
"... es soll genug sein des grausamen Spiels, Rainer! Nun hast Du diese Dame gar in Deinem eigenen Betrieb untergebracht. Es genügte Dir nicht, daß Du diese Reklameschönheit dauernd auf Plakaten und Prospekten vor Augen hattest — nein. Du willst mehr haben... mehr, sie täglich in Deiner Nähe haben. Und das machen Deine Eltern mit? Und dann wundert man sich über mein kühles Verhalten in unserer Ehe. Lange genug habe ich das ertragen. Ich mache es nicht mehr mit. Heute noch werde ich Dich für immer verlassen. Forsche nicht nach meinem Verbleib! An Deiner Seite unter solchen Umständen weiterzuleben, ist mir unmöglich. Ich müßte keinen Stolz in mir haben, wenn ich das ertragen könnte. Das Gleiche schreibe ich Deinen Eltern.
Evelyn."
Und wirklich. Als der Kommissar den zweiten Brief gelesen hatte, fand er den ersten nur bestätigt.
„Die Schrift mag zweifellos die Ihrer Gattin sein, Herr Doktor! Es klingt oder soll klingen wie Selbstmord, den ich nach Befund der Leiche und vor allem nach der Lage verneine. Die Schlüssel zum Schubfach des Schreibtisches fehlen. Vielleicht haben Sie sie doch noch in der Tasche? Wollen Sie mir einmal sagen, welchen Anzug Sie gestern abend trugen?"
„Frack."
„Und wo hängt er?"
„In meinem Zimmer."
Ein Beamter aing mit dem Diener hin und brachte die Schlüssel.
Atemlose. Gespanntheit.
Der Geheimrat war auf einen Stuhl gesunken. Rakenius biß auf die Zähne.
„Nach Aussagen der Dienerschaft empfing Ihre Gattin keinen Besuch, und Sie geben selbst zu, daß Sie sich nicht entsinnen, jemals in der Nähe Ihrer Gattin einen Menschen gesehen zu haben, der als Täter in Betracht kommen könnte. Herr Doktor von Rakenius, ich muß Sie bitten, mir sofort zu folgen. Vielleicht lassen Sie irgend welche Anordnungen für Ihren Herrn Vater hier!"
Grauen packte die Anwesenden.
Jetzt erst drang allen die Gefährlichkeit der Situation ins Bewußtsein.
„Daker!" Rainer von Rakenius macht« taumeküv einen Schritt auf den Vater zu.
Der Geheimrat aber saß stumm da, wie von einem Blitzschlag gelähM. Er hörte nicht mehr, was um ihn geschah. Nur die furchtbare Gewiß« heit schien in ihm zu sein.
Da richtetete sich der Gelehrte zu seiner ganzen Größe auf.
„Ich tyabe nichts mehr zu regeln. Ich bin im« schuldig. Ich werde bald wieder daheim sein müssen."
Er ging.
Jetzt erst schien Leben in den Geheimrat zurückzukehren.
Seine Augen irrten durch das Zimmer. Alles lag ordentlich und friedlich an feinem Platze — und doch, wie fremd mutete ihn plötzlich der vertraute Raum an.
Mit wehem Herzen nahm der alte Vater Abschied von dieser Umgebung. Ein letzter sehnsüchtiger Blick — er begriff das alles nicht mehr. Nur die Worte feiner Frau vom Abend zuvor klangen ihm noch in den Ohren: „Hältst du es für richtig, daß du dich so um eine fremde Dame bemühst? Könnte dir das nicht falsch ausgelegt nterden?" Und bann später noch: „Ich bange um den Jungen."
Es war, als ob dem alten Manne jemand bi« Kehle zubrückte, so befiel ihn furchtbare Angst.
Heber bas Haus Rakenius war jäh ein unheilvolles Schicksal hereingebrochen. Ein Schicksal, das im Nu alles zermalmen konnte — alles ...
Achtzehntes Kapitel.
Träge fiel der erste Schnee. Noch wässerig, ohne langen Bestand — aber doch schon die Freude der Kinder. Feuchtigkeitgesättigt war die Luft wie in einer Waschküche.
Geheimrat von Rakenius erschien wie immer als einer der ersten in seinem großen Werk draußen vor der Stadt.
Selbst dieser schwere Tag, der der furchtbarsten Nacht seines Lebens folgte, fing bei ihm mit der regelmäßigen Arbeit an.
Er stand in feinem Büro und sah auf den großen Doppelschreibtisch.
Dort saß noch gestern mein Junge!, mochte er denken und schüttelte sorgenschwer den Kopf.
Dann schien ihm etwas' einzufallen. Richtig —• seine liebe Frau, die er weinend daheim wußte, hatte ihm noch einmal die Einnerung an Rainers Worte und Verhalten zurückgerufen
„Dieses Mädchens wegen etwa?" Dem alten Geheimrat kamen Zweifel. Aber doch — hatten nicht oft genug schon leichtfertige Frauen einen ethisch fest verwurzelten Mann aus der Bahn geworfen?
Gewiß, er sah nicht klar. Konnte nicht urteilen« Doch schon die Möglichkeit, daß dieses Mädchen mit der grauenhaften Katastrophe irgendwie in Der« binbung stehen konnte, brachte sein Blut in Wallung. Vielleicht zum ersten Male in seinem Leben handelte Geheimrat von Rakenius ohne- nach Recht und Unrecht zu fragen. (Fortsetzung folgt.)
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