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Nr. 126 Erstes Blatt

M. Jahrgang

Samstag, 2. Juni 1954

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JwölfZahre später.

Fast schon wie eine Leichenrede am Grabe der Abrüstungskonferenz klangen die düsteren Worte, die Englands Lordgeheimsiegelbewahrer unter dem niederschmetternden Eindruck der Rede Barthous von Genf aus durch den Rundfunk an seine briti­schen Landsleute richtete. Und auch die britische Presse daheim und in Genf ist ganz auf den glei­chen elegischen Ton gestimmt, ohne viel Hoffnung, datz noch irgendein geschickter diplomatischer Schach­zug die Konferenz m letzter Minute retten könne, nachdem der Appell an Gerechtigkeit, Vernunft und Verantwortungsgefühl, in den der amerikanische und der britische Delegierte ihre Stellungnahme zur gegenwärtigen kritischen Lage des Abrüstungs- Problems hatten ausklingen lassen, bei dem Wort­führer Frankreichs nichts anderes, als einen fast schon hysterisch anmutenden Ausbruch äußer ter Gereiztheit und offener Feindseligkeit gegen jedes tatsächliche, wenn auch in seinen Ausmaßen noch so bescheidene Abrüstungsabkommen ausgelöst hat. Derselbe Barthou, dessen Starrsinn und mißtrauische Enge mit den gleichen Charaktereigenschaften seines Meisters Doincarä wetteifern, hat schon einmal Steine auf den Weg des Friedens geworfen, den englische Staatsmänner in Ahnung des Kommen­den zu bahnen suchten. Es war in Genua im April 1922, als Lloyd George, damals Englands Premierminister, auf der ersten Konferenz, an der deutsche Delegierte amrunden Tisch" teilnahmen, die warnenden Worte sprach:Es steigen Wetter­wolken auf und steigen höher und höher. Das Un­glück ist sehr nahe. Ich bin ein alter Mann, sehen Sie meine weißen Haare, aber diese weihen Haare werden noch die Katastrophe miterleben, wenn es nicht gelingt, den Frieden 3U retten. Es gibt Poli­tiker, die das Verbrechen, die Weltkatastrophe her­beizuführen, nicht sehen und ihren eigenen Weg, ihre eigene Politik und ihre eigenen Sonderinter- essen durchsetzen wollen."

Die Beschwörungen Lloyd Georges haben damals In Genua Herrn Barthou so wenig irre gemacht in feiner Politik sturer Verneinung europäischer Zu­sammenarbeit wie heute in Genf die zwar rhetorisch weniger wirksamen, aber nicht minder ernsten War­nungen Sir John Simons. Damals wie heute be­harrt Frankreich eigensinnig auf feinemeigenen Weg" der vernunftwidrigen Rechtfertigung aus dem Buchstaben der Verträge und der nervös hastigen Anhäufung immer neuer Sicherheitsfaktoren in Ge­stalt eines von Schritt zu Schritt komplizierter wer- denden Bündnissystems und einer ins Gigantische wachsenden eigenen Aufrüstung. Dor zwölf Jahren haben Deutsche und Russen durch den Überraschen- den Abschluß des Rapallo-Vertrages Herrn Bar­thou wenigstens in den Augen der Weltöffentlichkeit vor dem Odium bewahrt, die Verantwortung für das Scheitern einer europäischen Schicksalsgemein- schaft zu tragen. Hinter den Kulissen lag die Sache vermutlich etwas anders. Mochte auch Tschitscherin, um den Coup zu landen, der den das bolschewistische Rußland von den westeuropäischen Mächten tren­nenden Ring sprengen sollte, die deutschen Dele­gierten Rathenau und Maltzahn mit der Falschmel­dung von einem bevorstehende^! Abschluß mit Frank­reich geblufft und damit den sehr verärgerten Lloyd George wieder an die Seite der Franzosen getrie­ben haben, so bleibt doch richtig, daß Lloyd Georges Entschlossenheit, gegebenenfalls Englands Sache von der Frankreichs zu trennen, nur in starken Worten coram publico zum Ausdruck kam, während hinter dem Rücken der Konferenz Barthou die Engländer nach wie vor fest an der Strippe hielt.

Damals war die Zeit noch nicht reif, Europa stolperte weiter der Katastrophe entgegen. Sind wir heute so weit, daß ein zur Besinnung mahnen­des Wort das rechte Echo und den Entschluß zur Umkehr findet? Seit Genua hat sich die politische Konstellation in manchen Zügen feüjanf verändert, in einem ist sie sich gleich geblieben. Die Franzosen sehen auch heute noch den europäischen Frieden am heften gewahrt durch unveränderte Aufrechterhaltung ihrer eigenen Militärhegemonie in Europa. Der auf eine direkte Verständigung der Völker gerichteten, gegenseitige Achtung der völkischen Grundrechte mit gesundem Wettbewerb in allen Arbeiten friedlichen kulturellen und wirtschaftlichen Ausbous verbinden­den außenpolitischen Linie des nationalsozialisti- schen Deutschlands stellt das offizielle Frankreich, aller neuen zukunftsträchtigen Ideen bar, in greifen baffem Mißtrauen befangen, die alte Verhängnis- volle, den Keim neuer Kriege in sich bergende Politik der Militärbündnisse, der Einkreisungen und Blockbildungen entgegen. Barthous maßlos ausfäl­lige Rede in Genf hat wenigstens das eine Gute gehabt Sie hat darüber völlige Klarheit gebracht, daß Frankreich niemals eine Konvention unterzeich­nen wird die Deutschlands Gleichberechtigung in der Rüstung 'sei es auch in dem denkbar bescheidensten Ausmaß, praktisch werden läßt Das ist ber Stern der französischen Politik, mag sie sich auch hmter dem lächerlichen Vorwand verschanzen d e vertrag- sich verbotene deutsche . Ausrüstung nicht Egalisieren zu können. Frankreich hat, wie die Times mit Recht sagt, schon den Hebel umgelegt um die Kon- serenz von dem Abrüstungsgleis auf das Sicher- heifsgleis zu schieben. Und hierbei sind ihm eine seltsame Umgruppierung seit den Tagen von Genua die Russen rührige Helfer. ,

Die Bolschewiken haben einst ZU Beginn Der Abrüstungskonferenz als laute Apostel per Welt- befreiung vom kapitalistischen Joch die Entwaffnung in ihrer radikalsten Form gepredigt. Davon ist es inzwischen still geworden. Die kritische Lage im Fernen Osten heischt von der Sowjetunion äußerste rüstungstechnische Anstrengungen. Die forcierte In­dustrialisierung Rußlands bient zu einem guten Xeii diesen Zwecken. Hand in Hand damit soll eine eifrig betriebene Paktpolitik, die wir im Einzelnen hier chon besprochen haben, die Rückendeckung im

(Simon hat Gens verlassen.

Oer französische Außenminister kündigt einen Versöhnungsbesuch in London an. Oie Abrüstungskonferenz macht bis Mittwoch Pause.

London. 1. Juni. (DJIB.) Wie Reuter aus Gens meldet, ist der britische Staatssekretär für Auswärtige Angelegenheiten. Simon, am Freitag aus Genf abgereift. (Er wird am Samstag in London eintreffen, um an dem am Montag aus Anlaß des Geburtstages des Kö­nigs stattfindenden Feierlichkeiten leilzunehmen. CE b e n wirb in Genf als Leiter ber briti­schen Abordnung bleiben. Der französische Außenminister Barthou teilte mit, baß er In­fo l g e feines ..sehr angenehm" ver­laufenen Sufammentreffens mit Sir John Simon am Freitag hoffe, bemnächst London zu besuchen. Dieser Reise werde ein Besuch des britischen Staatssekretärs in Paris vorangehen.

Man rechnet mit der Ankunft des englischen Außenministers Sir John Simon für Samstag­mittag oder -abend. Am Montag wird möglicher­weise eine Sitzung des Abrüstungsaus- schufses des englischen Kabinetts und vielleicht sogar eine Vollsitzung des Kabi­netts einberufen werden, um die Entwicklung in Genf zu erörtern. Wann und ob Simon nach Genf zurückkehrt, Ist zur Zelt noch ungewiß. Man weist darauf hin, daß nicht nur England, sondern äuch Amerika, Italien und Polen mit den Vertragskombinationen Litwinows nichts zu tun haben wollen, die sich in der Hauptsache gegen Deutschland und Japan richteten. Zur beabsichtigten Reife Barthous nach London meldet pertinax demDailyTelegraph": Ls sei klar, daß Barthou unter den gegenwärtigen Umständen hauptsächlich barum besorgt sei, den Eindruck zu verwischen, daß die Reden Simons und Barthous In Genf eine Ent­fremdung zwischen der englischen und der fran­zösischen Regierung herbeigeführt haben.

*

Der plötzlichen Abreise Simons von Genf wirb von ber Morgenpresse keine besonbere Bebeutung beigemessen. Es wirb erklärt, baß b i e Konfe­renz ohnehin vor bem A b s ch l u ß stehe, unb baß ber Lorbsiegelbewahrer als rechtmäßiger Vertreter ber englischen Regierung In Genf bleibe. NurDaily Expreß" unb bie liberaleNews Chro- nick" melden, Simon habe Genf verlassen, da er bie Hoffnung auf gegeben habe, baß zur Zeit irgenbeine nützliche Arbeit auf ber Abrüstungskonferenz geleistet werben könne. Vernon Bartlett schreibt, Simon glaube anscheinenb nicht, bah bie am Freitag vorgebrachten neuen Vorschläge von Nutzen seien. Die unerwartete Ab- reise werbe allgemein s e i n er E n t r ü st u n g z u - geschrieben, baß seine eigene Forberung nach einer sofortigen Beenbigung aller berartigen Erör­terungen nicht angenommen worben sei.

DieS i ch e r h e i t s" - V o r s ch l ä g e Litwi­nows werben in einer Reutermelbung sehr scharf kritisiert. Keiner bieser Vorschläge habe bie Meinungsverschiebenheiten zwischen England und Frankreich in Rechnung gestellt. Die Frage der Rüstungsherabsetzung sei vollkommen unberührt geblieben. Außerdem hätten bie Anregungen Litwinows nicht im geringsten zu einer Hoffnung Anlaß gegeben, baß eine Rückkehr Deutschlanbs zur Konferenz erleichtert würbe. Die franzosenfreundlicheM o r n i n g Po st" be­müht sich kräftig, bie Tatsache ber englich-sranzö- fischen Meinungsoerschiebenheit zu verwischen, bie ganze Schulb bem englischen Außenminister in bie Schuhe zu scheiben unb sogar seinen Rück­tritt zu verlangen. Das RotHermere-BlattDaily Mail" erneuert seine Forderung nach einem eng-

Westen schaffen, falls es im Fernen Osten zu einem kriegerischen Konflikt kommen sollte. Litwinows Vorschlag einerft ä n b i ß e n Friedenskon­ferenz" soll den Plan eines gegenseitigen Bei­standspakts ergänzen. Also kein Wort mehr von Abrüstung oder Rüstungsbeschränkung. Sicher­heit und automatische Sanktionen gegen einen An- greifet sind die Ziele ber russisch französischen Po­litik in Genf. Sie findet vermutlich die Unterstüt­zung der Kleinen Entente und der Türkei. Moskau, bas vor zwölf Jahren in Genua noch gänzlich iso­liert stand und erst durch den Napallovertrag mit Deutschland den eisernen Ring brach, der seit dem bolschewistischen Umsturz und den Ipterventions- kriegen der weißen Generale die Sowjetunion um­klammerte, ist heute Mittelpunkt eines engmaschigen Paktsystems jener selben kapitalistischen Möchte ge­worden, die einst zum Zweck der Ausrottung ber bolschewistischen Pest unb ber Befreiung Rußlands vom roten Terror sich zusammengetan hatten. Unb diese Nichtangriffspakte in gegebenenfalls praktisch wirksame Bündnisse umzuformen, ist Rußlands Ziel in Genf. Dabei findet es die wärmste Unter­stützung Frankreichs, wenn man sich auch in Mos­kau darüber klar sein muß, baß heute so wenig wie 1904 mit einer Hilfe Frankreichs im Falle eines Krieges mit Japan zu rechnen fein wirb.

Wo steht nun England in diesem großen Spiel? Seine Politik mar bis in bie letzten Tage hinein nicht weniger verschwommen, dögemb unb

lisch-französlschen Militärbünbnis, das sich aber nicht gegen Deutschland rich­ten solle.

Wiederanknüpfungsversuche der pariser presse.

Paris, 2.Juni (DRB.-Funkspruch.) Die Ab­reise des englischen Außen in in stets konnte den Eindruck entflöhen lassen, als ob zwi­schen England und Frankreich eine starke Miß­stimmung vorhanden sei, die nach bem Rededuell der beiden Außenminister nicht erstaunlich wäre. Die französische Presse weist deshalb daraus hin,

daß die gestrige Zusammenkunft Bar* t h o u s mit Slr Iohn Simon äußerst herzlich gewesen sei unb daß Simon im Gegen« teil auf die Dringlichkeit einer franzö­sisch-englischen Zusammenarbeit hin­gewiesen habe. Ein Beweis für das gute Einver­nehmen der beiden Außenminister sei außerdem di« Tatsache, baß man ernstlich die Möglichkeit eines baldigen Besuchs ins Auge gefaßt habe. Es sei da­her nicht ausgeschlossen, daß sich der französische Außenminister sosort nach seiner Besuchsreise auf den Balkan auch nach London begeben unb Sir John Simon kurz darauf diesen Besuch i n Paris erwidern werde.

Die Volksabstimmung im Saargebiet ist aus den !Z.Zanuar l93S festgesetzt worben.

Der baldige Abstimmungstermin ein erfreuliches Ergebnis der Order« bdprechungen in Genf.

Genf, 1. Juni. (DJIB.) In den heutigen Abend­stunden Ist über die Bedingungen der SaarabfHm- mung zwischen den Vertretern Deutschlands und Frankreichs durch die Vermittlung des italienlfä)en Delegierten Baron Aloifi eine Einigung er­zielt worden. Der A b st i in rn u n g s t errnin ist a u f den 13. Januar 1 935 festgefeht. Damit wird die Saarbevölkerung endlich von der auf ihr lastenden Ungewißheit über ihr Schicksal befreit.

Oer ^3. Januar wird ein Ehrentag des Gaarvolkes. Die Saarbrücker Presse sehr befriedigt. Saarbrücken, 2. Juni (DNB- Funkspruch). Die Saarbrücker Zeitung schreibt: Mit der Festsetzung des Abstimmungszeit- vunktes auf den 13. Januar ist eine Regelung getroffen, die bei ber deutschen Bevölke­rung des Saatgebietes ganz einmütige Billigung findet. Daß der Abstimmungszeit- punkt festgesetzt worden ist, wird sich politisch als die beste Sicherung der Ruhe und Sicherheit auswirken. Denn jetzt wird die Be­völkerung erst recht Disziplin halten, wird sich zu nichts hinreißen lassen, was diese Ruhe und Sicherheit gefährden konnte. Mit der Festsetzung des Tages der Abstimmung ist zugleich ein Faktor beseitigt, der sich als st a r k e s wirtschaft­liches Hemmnis erwiesen hat. Jndusttle und Handel sehen nun klarer. Sie können disponieren und planen. Die erhöhte Belebung des Wirtschafts­lebens wird sich bemerkbar machen. Zu erwarten ist, daß der Abstimmungsausschuß mög­lich st bald ernannt werde und sich um­gehend ins Saargebiet begebe, vor allem auch, um die widerlichen, jeden Deutschen verletzenden Exzesse der deutsch-feindlichen Presse im Saargebiet un­möglich zu machen.

DieSaarbrücker Landeszeitung" sagt, die wichtigste Vorentscheidung in der Saar­frage sei gefallen. Dadurch werde das Saarvolk endlich von der drückenden Ungewißheit befreit, die seit geraumer Zeit auf ihm laste. Es sei nun frei, um die umfangreichen Vorbereitungen für die Durchführung der Abstimmung zu treffen. Die Be­völkerung des Saargebietes habe nur den einen Wunsch, daß diese Vorbereitungen mit möglich­st er Beschleunigung in Angriff genommen und in Ordnung durchgeführt werden. Sie selbst werde ihre Pflicht tun und, wie bisher, mit eiserner

Disziplin auf den Tag warten, an dem sie sich für ihr deutsches Vaterland entscheiden könne. Der 13. Januar werde ein Ehrentag des Saar« Volkes in der deutschen Geschichte sein. Dem Baron A l o i s i fei es nicht zuletzt zu danken, daß Deutschland unb Frankreich sich auf eine ßöfurtg hätten einigen können, hegen die manche dunkle Kräfte eifrig gearbeitet hätten. Wir gehen unseren Weg weiter, an dessen Ende ein herrlicher Sieg für unser Deutschland stehen wird.

Oas Londoner Echo.

DieSaareiniaunader erste Erfolg in Genf"

London, 2. Juni. (DNB.-Funkspruch.) Die englische Presse verzeichnet mit Befriedigung, daß eine deutsch französische Einigung über die Saar­abstimmung erzielt worden ist. In dem Times- Bericht heißt es: Das deutsch-französische Abkom­men ift ber e r ft e Erfolg für die Methoden der Versöhnung und der freundschaftlichen Besprechung, die sich aus den gegenwärtigen Sitzungen in Genf ergeben hat. Es wird daher vielleicht den ersten Schritt aus der hoffnungslos ver­fahrenen Lage zwischen Deutschland und Frankreich darstellen.Daily Mail" meldet: Das Abkommen beseitige eine der Gefahren des europäischen Friedens, lieber das Ergebnis der Saarabstimmung könne natürlich kein Zweifel bestehen. Jedermann wisse, daß das Saargebiet zu Deutschland zurück­kehren werde.

Oie französische presse zufrieden.

Paris, 2. Juni. (DNB.-Funkspruch.) Die Blät­ter weisen darauf hin, daß Frankreich in der Saar- abftiinmungsfrage nicht mehr habe erreichen können als es erreicht habe. Pertinax stellt fest, daß es sich hier um eine diplomatische Klugheit handele, die selbstverständlich nicht alle französischen Wünsche befriedigen könne. Deutschland habe erreicht, daß die Volksabstimmung so früh wie möglich statt­findet. Der französische Außenminister habe es für angebracht gehalten, in der Saarabstimmungsfrage BaUast abzuwerfen", um sie nicht noch mehr zuzuspitzen. Man müsse jedoch trotz Des zu- stände gekommenen Abkommens daran zweifeln, ob nunmehr alle Meinungsverschiedenheiten als beige­legt betrachtet werden könnten. Die Blätter unter­streichen im übrigen bie große Aufrichtigkeit der Bemühungen bes italienischen Vertreters A 1 o i f i, ber bei feinen Verhandlungen völlig unpar­teiisch und unabhängig gewesen fei.

sich treiben lassend, als vor zwölf Jahren in Genua. Erst in Genf fand der britische Außenminister das Wort, daß England nach den jahrelangen Verhand­lungen jetzt ber bloßen Erörterungen um ber (Erörte­rungen willen überbrüssig sei. Der britische Außen­minister konnte Darauf Hinweisen, baß ber abgeän- berte Macbonald-Plan sich sowohl ben beutschen Vorschlägen beträchtlich nähere, wie auch in wesent­lichen Punkten bie Sympathie Amerikas und Ita­liens finde, wie schließlich auch mit der Ansicht der echs neutralen Mächte Spanien, Holland, der drei kandinavischen Reiche unb der Schweiz überein- timme. Damit ist alsv die Mächtegrupve umschrie­ben, die im Gegensatz zu bem auf bas Phantom der Sicherheit starrenden französisch-russischen Block an dem Gedanken der Abrüstung zumindest grundsätzlich festzuhalten wünscht unb, wenn biese im Augenblick nicht zu erreichen sein sollte, wenigstens eine Be­grenzung ber Rüstungen unb ein auch noch so be­schränktes Abkommen einem nach einem völligen Scheitern ber Verhanblungen unvermeidlichen un­kontrollierten unb hemmungslosen Wettrüsten Vor­lieben würde. Die Haupttriebfeder der britischen Politik seit dem Weltkriege ist der Wille, sich von jeder neuen europäischen Verwicklung, die zum Kriege führen könnte, fernzuhalten. Das Blutopfer, das England im Weltkriege bringen mußte, um das britische Imperium zu erhalten, ist nicht vergessen. Der Gewinn hat sich längst als so zweifelhaft her- ausgestellt» daß eine Wiederholung dieses kriege­

rischen Experiments nicht lockt. Deshalb stand Eng­land solange an der Seite Frankreichs, wie cs glaubte, durch eine Stabilisierung der in Versailles geschaffenen neuen Form Europas mochte diese auch sogar für britische Augen so mangelhaft fein, wie sie wollte bie Ruhe auf dem Kontinent er­halten zu können. Als die wirtschaftlichen Erschütte­rungen der folgenden Jahre die Erkenntnis van der Umnöglichkeit dieser Politik brachte, war Frankreich eine Militär- und Finanzmacht geworden, die nicht mehr mit sich reden ließ, wenn man von ihr Opfer zugunsten europäischer Gemeinschaftsarbeit forderte.

Seitdem betreibt England eine Politik ber kleinen Aushilfen. Aber bie Freunbfchaft mit Frankreich, ber man trotz aller Fährnisse in Lonbon stets treu zu bleiben suchte, hat erst einen bedenklichen Knax erhalten, als bie Franzosen im Frühjahr statt bie englischen Abrüstungsvorschläge wenigstens in Er­wägung zu ziehen, Sicherheitsgarantien über Lo- carno-Abkommen und Siedoggpaft hinaus verlang­ten, bie nach den Erfahrungen des Weltkrieges feine britische Regierung ihrem Volke zumuten könnte, ohne von ber öffentlichen Meinung hinweg- gefegt zu werden. Frankreich scheint nun in Ruß­land den Bundesgenossen gefunden zu haben, den es in England vergebens gesucht hat. Diese neue Wendung in ber Konstellation der Mächte kann England nicht ohne Sorge betrachten. Nicht nur erfahrt ber europäische Friede eine erhebliche Be­lastung, auch die überseeischen Interessen des brh