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Nachdruck verboten!

s. Fortsetzung.

(Fortsetzung folgt.)

Rosemarie aber hatte ein wenig überlegen ge­lächelt. Sie fühlte ganz fest, daß sie ihren Weg gehen würde. In ihrer Seele trug sie das Erbe ihrer großen Mutter, das zur Entfaltung drängte und sie vorwärts trieb. Aber sie wußte es nicht.

(Rosemarie, (Rosemarie...

Roman von Käthe Metzner.

Er konnte an jenem Abend nicht zu mir kommen, nachdem ich ihn so schwer enttäuscht hatte. So lieb hatte er mich wohl doch nicht, daß er mir bedingungslos hätte glauben können. Zu sehr sprach alles gegen mich.

Du fragst, wann ich wiederkomme, Du Gute. Ich muß Dir sagen, daß ich erst etwas erreicht haben muß, ehe ich zurückkomme und erst muß die furchtbare Schande vergessen sein, die mir anhängen wird bis an das Ende meines Lebens, und an der ich heute noch so schwer trage wie an jenem Tage, als ich Dich verließ.

Es ist gut, daß Du allen Bekannten gesagt host, daß ich hier eine Stellung angenommen hätte. Es war die beste Lösung. Die Herren von Bachstedt & Co. haben ja wenigstens insofern meinen Namen geschont, als sie die Sache nicht der Polizei übergeben haben. Wörtlich stand in dem Briefe, der bei meinen Sachen lag:Wir haben uns entschlossen, die Angelegenheit auf sich beruhen zu lassen. Wir nehmen an, daß Ihre Jugend Sie zu diesem Fehltritt getrieben hat und daß Sie von selbst versuchen werden, Ihre Schuld durch einen in Zukunft einwandfreien Lebenswandel zu büßen. Ein Schaden ist uns ja glücklicherweise durch das schnelle Handeln von Herrn Bachmann nicht entstanden."

Viele Tage später hatte ich erst den Mut, diesen Brief zu öffnen, aber dann hat es mich noch einmal gepackt, daß ich nicht wußte, was mit mir werden würde. Jetzt bin ich ruhiger, Tantchen; in harter Arbeit versuche ich zu vergessen. Diel ver­diene ich ja noch nicht, aber für eine Person reicht's schon. Und dann ich trage den Namen meiner Mutter. Rosemarie Neuß muß aus­gelöscht sein. So bin ich für alle hier die Rose­marie Bergmann. Es gibt auch hier gute und schlechte Menschen.

Aber jetzt will ich schließen. Acht Seiten sind schon voll. Morgen ist Heiligabend, da soll der Brief bei Dir sein und Dir von Deiner Rose­marie sagen, daß sie nun wieder tapfer ihren Weg geht. Behalte mich lieb, Du Beste. Wenn die Glocken das Fest einläuten, wollen wir an­einander denken und wenigstens im Geiste zu­sammen das hohe Fest der Liebe feiern.

Leb wohl, liebste Tante, und habe wie ich den starken Glauben an den Sieg des Guten über das Böse.

Innige Grüße und Küsse Deine Rosemarie. Rosemarie faltete den Brief und mußte acht- geben, daß nicht die schweren Tränen, die ihr über die Wangen liefen, auf das Papier rollten und zum Verräter wurden.

Schnell trug sie den Brief zum Kasten. Dann stieg sie wieder hinauf in ihr kleines, sauberes Hof­zimmer, das sie für wenig Geld bei guten älteren Leuten gemietet hatte.

Sie überdachte noch einmal den Inhalt ihres Briefes und war überzeugt, daß sie richtig handelte,

wenn sie Tante Berta in dem Glauben ließ, daß sie eine kleine Anstellung im Büro gefunden hatte. Oh, hätte die Tante geahnt, daß Rosemarie beim Theater gelandet war und als Statistin sauer ein paar Pfennige verdiente! Gleich mußte sie übrigens weg.

In Eile würgte sie das magere Abendessen hin­unter und eilte schnellen Schrittes durch die stark belebten, hell erleuchteten Straßen ins Theater.

Als sie die Tür zu der Garderobe öffnete, schlug ihr schon eine warme Welle jenen Atmosphäre ent­gegen, die, ein Gemisch aus Blumenduft, Schminke, Erregung und Lebensfreude, so prickelnd ins Blut drang und deren heimlichen Zauber auch Rosemarie sich nicht entziehen konnte.

Für diese Stunden am Abend, in denen sie, mit klopfendem Herzen, hinter der Kulisse stehend, das Schicksal fremder Menschen in sich erlebte, wich die Schwermut aus ihren schönen Zügen, und ihre wundervollen sprechenden Augen leuchteten wieder im alten Glanz.

Alles um sie versank. Sie war nur noch Auge und Ohr, wobei sie wie entrückt die großartigen mimischen Darstellungen auf den Brettern verfolgte und wie einen köstlichen berauschenden Wein die Worte der Dichter in sich hineintrank.

Rosemarie war nicht mehr die kleine Stenoty­pistin, die bei Bachstedt Briefe getippt hatte, die ihr so wesensfremd waren, daß sie sich manchmal begriffsstutzig vorgekommen war. Sie war aber auch nicht nur die kleine Statistin, die froh war, daß sie hier, wenn auch ganz bedeutungslos, so ein bißchen mitmimen konnte, und das Heil ihrer Seele darum gab, wenn einer der großen Schau­spieler einmal ein paar Wochen mit ihr spazieren ging.

Nein, das junge Menschenkind, das hier mit weit geöffneten Augen und Ohren hinter den Kulissen stand, war die Tochter der großen Helga Berg­mann, die in diesem selben Hause Triumphe ge­feiert hatte, von denen man in Bühnenkreisen heute noch sprach. Rosemarie fühlte, wie allmählich die Kunst ihre Seele erfüllte, wie sie mit linder Hand die schweren Wunden kühlte, die ihr das Schicksal geschlagen, und ihren Blick wieder frei machte für die Zukunft.

Rosemarie wurde von den Kollegen und Kolle­ginnen der Statisterie weidlich gehänselt, und oft mußte sie hören:

Willst wohl eine zweite Bergmann werden was, Küken? Schön genug bist du ja dazu, und den Namen hast du auch schon mitgebracht! Also halt dich mal ran! Was nicht ist, kann noch werden."

Rosemarie lachte über diese Sprache. Sie kannte das Völkchen der Statisten nun schon sehr gut und wußte, daß der Spott meist gutmütig war. Einmal aber sagte sie ganz ernsthaft:

Na, bei der Statisterie will ich mal nicht hängen­bleiben wie Ihr. Selbstverständlich will ich weiter." Da hatte es schallende Heiterkeit gegeben.

Heiligabend... Da war der Tag, dem sie schon seit Wochen mit heimlicher Angst entgegenjah. Am Nachmittag hatte es noch eine Kindervorstellung gegeben, bei der die Statisterie vollzählig mit­gewirkt hatte. Sie hatten unter der Maske von Teufelchen, Zwergen und allerlei phantastischen Tieren so tollen Unfug getrieben, daß die kind- lichen Zuhörer im Zuschauerraum gequiekt hatten vor Begeisterung, und des Tobens und Beifall- klatschens kein Ende gewesen war.

Zum Schluß war im Hintergrund der übliche Weinachtsbaum erschienen, unter dem Rosemarie mit vielen anderen als Engel verkleidet gestanden hatte. Die kleinen Zuschauer waren minutenlang von dem strahlenden Glanz der Kerzen geblendet gewesen und hatten nicht gemuckst, als das Orchester zu dem wunderschönen Bild die uralte, ewig neue WeiseStille Nacht, heilige Nacht" spielte.

Rosemaries Gedanken waren in die Heimat ge­eilt. In heißer Sehnsucht lauschte sie der lieben ver­trauten Weise. Hätte sie vor einem Jahre geahnt, daß ihr nächster Weihnachtsbaum im Großen Ber­liner Schauspielhaus stehen würde? In ihre Augen trat ein feuchter Glanz. Die Kolleginnen blinkten sich zu. Die Bergmann sah ja fast unirdisch schön aus in diesem Kostüm.

Aber noch ein anderer hatte sie beobachtet: der Alte", wie ihn das Bühnenvolk nannte, der Intendant.

Einsam und unbemerkt hatte er in . seiner Loge gesessen und sich an dem frischen Zusammenspiel seines Personals und der kindlichen Zuhörer er- götzt. Das waren entschieden die dankbarsten The­aterbesucher. Für die gab es nur eine Kritik, und die hieß: Wundervoll war das! . .

Ja, er hatte seine Erfahrungen hinter sich, der Alte. Andere Zeiten als diese hatte er erlebt. Gewiß, seine Besetzung war erstklassig. Die Schauspieler wurden verhimmelt. Aber es fehlte dem Berliner Schauspiel doch wieder einmal ein ganz großer Könner einer, der die Kassen füllte, das Publi­kum in Scharen ins Theater zog.

Helga Bergmann! Zu früh hast du deiner glänzenden Laufbahn entsagt. Nie wieder hat eine die Kunst so sehr zur göttlichen Kunst gemacht wie du, Begnadete. Dein Name auf dem Programm wirkte wie ein Magnet. Einen solchen Beifalls­rausch haben wir nicht wieder hier erlebt. Dieses Klatschen vom Parkett bis hinauf in die Galerie...

Der alte Herr lächelte in Erinnerung. Plötzlich wurden seine Augen starr. Narrte ihn ein Trug­bild?

Rosemarie wußte kaum, daß sie ihre Schritte zum Bahnhof lenkte. Mit stockender Stimme löste sie eine Karte nach Berlin. Berlin! Sie hatte nur unbestimmte Vorstellungen von dieser mächtigen Stadt; aber dort kannte sie keiner. Und wo Mil­lionen lebten, würde auch sie irgendwo eine kleine Derdienstmöglichkeit finden. Mit ihren sechzig Mark war sie ja für die allernächste Zeit vor der bittersten Not geschützt.

Als der Zug in die Nacht brauste, ahnte Rose­marie nicht, daß in entgegengesetzter Richtung vor wenig Stunden Wolfgang Wangenheim davon- gesahren war, und daß auch sein Herz Angst und quälende Ungewißheit erfüllt hatten.

Kein einziger Mitreisender stieg in ihr Abteil. Da fühlte sie sich so trostlos einsam wie nie zuvor in ihrem Leben, und sie überließ sich einem halt­losen Schluchzen.

3. Kapitel.

Berlin, im Dezember.

Du liebe, gute, einzige Seele, die an mich glaubt, und an die ich noch glauben kann. Nie­mals im Leben kann ich die Nacht wieder gut­machen, in der ich mich nicht in Deine schützenden Arme flüchtete, sondern mit meinen letzten sechzig Mark hierher nach Berlin fuhr. Ach, liebe, gute Tante Berta, Du kannst mir nur verzeihen, wenn Du mir nachfühlen kannst, wie es in mei­ner Seele aussah. Es gab nur zwei Wege für mich: untertauchen und durch mühsame Arbeit vergessen lernen im großen Berlin ober den Tod. Warum ich den ersten Weg wählte, weiß ich heute selbst nicht mehr. Ich glaube aber, es war das Bewußtsein meiner Schuldlosigkeit und der unversiegbare Glaube an eine große, aus­gleichende, göttliche Gerechtigkeit. Ich habe manche Nacht ohne Schlaf unter fremdem Dach gelegen und gemeint, daß am Morgen mein Kissen naß war, so eine unbändige Sehnsucht nach unserem lieben stillen Heim und Deinem guten, guten Gesicht war in mir... und, Du mußt mich ver­stehen nach Wangenheim, den ich lieben werde, solange noch ein Tropfen Blut in mir ist.

Aber ich danke Dir, Tantchen, daß Du seine Briefe mit dem VermerkAdressat unbekannt verzogen!" zurückgehen ließest. Er hat mich ver­raten in der schwersten Stunde meines Lebens. Ich verstehe, er konnte nicht anders handeln. Sein Ruf, seine Stellung wären ja hin gewesen, wenn er sich schützend vor eineDiebin" gestellt hätte.

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Gießen, den 1. März 1934.

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Die Verdingungsunterlagen liegen auf dem Kul­turbauamt Gießen offen, wo Angebotsoordrucke, so­weit der Vorrat reicht, unentgeltlich zu beziehen und wohin die Angebote verschlossen, mit entsprechender Aufschrift versehen, postfrei bis zum Eröffnungster­min am Samstag, dem 10. INärz 1934, vormittags 11 Uhr. einzureichen sind. Zuschlagsfrist 2 Wochen, freie Auswahl bleibt ausdrücklich vorbehalten.

Gießen, den 28. Februar 1934.

Kulturbauamt Gießen.

______H. Steinbach, Regierungsbaurat.______

Der vom Gemeinderat durchberatene Voranschlag für das Rj. 1934 liegt vom 2. März 1934 ab auf dem Amtszimmer der Bürgermeisterei acht Tage lang zu jedermanns Einsicht offen. Einwendungen können schriftlich oder mündlich vorgebracht werden.

Es wird eine Umlage erhoben, zu der- auch die Ausmärker beizutragen haben. 1291V

Steinbach, den 28. Februar 1934.

Hessische Bürgermeisterei Steinbach: Krämer.

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