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Vornan von Anny von panhuys.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.)
6. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Achtes Kapitel.
Donata hatte Schreibmaschine gelernt und sprach fließend Englisch und Französisch.
Sie hatte zwei Jahre eine gutbezahlte Stellung in einer Fabrik innegehabt: aber als der Betrieb verkleinert wurde, war sie freiwillig zurückgetreten zugunsten einer armen Kollegin, die ihre Mutter und zwei junge Geschwister miternähren mußte.
Das schöne inhaltsvolle Wort Nächstenliebe sprach sie nicht nur nach, wie es so viele tun, sondern sie handelte auch danach. Nun half sie der Mutter im Haushalt, unterrichtete zuweilen Anfänger, da sie auch ein wenig Klavier spielte, und arbeitete manchmal bei der Tante, die eine Kusine ihrer Mutter war.
Tante Röschen war schon lange Witwe: sie betrieb ein gutgehendes Restaurant in der Altstadt von tadellos solidem Ruf, das im „Baedeker" mit einem Stern ausgezeichnet war und oft von Fremden besucht wurde.
Vorhin hatte Tante Röschen telephoniert, ob Donata nicht gegen Abend kommen könnte. Deshalb machte sich das schlanke Mädchen am Spätnachmittag auf den Weg.
Immer, wenn sie in diesen Tagen aus dem Hause trat, spürte sie Herzklopfen — immer meinte sie, Detlef Westkamp müsse irgendwo in der Nähe auf sie warten.
Sie bereute« schon, daß sie an jenem Abend so brüsk davongelaufen war, weil er sie geküßt hatte. Sie konnte ja seinen Kuß und ihn selbst nicht vergessen, der ihren Kopf so plötzlich an sich gezogen und seine Lippen auf ihren Mund gepreßt hatte.
Detlef Westkamp liebte sie, und sie hatte ihn auch sehr gern. Sehr gern? War es nicht vielleicht mehr, das Gefühl, das sie für ihn empfand?
Sie ging durch die altgewohnten Gassen, und ihre Augen suchten umher; aber ihn, nach dem sie ausspähten, fanden sie nicht. Sie war traurig, und die Sehnsucht quälte ihr Herz. Detlef Westkamp würde nicht wiederkommen. Tränen traten ihr in die Augen.
Sie bestieg eine Elektrische und fuhr bis zur Zeil, von dort ging sie durch Straßen und über kleine Plätze, bog schließlich in eine Gasse ein, in der die Wirtschaft „Zur Krähe" lag, die alte berühmte Weinschenke.
Die Wirtin, Tante Röschen, wie sie von ihren Gästen genannt wurde — sie hieß Rose Grolenius—, stand hinter dem Ausschank. Ein paar Gäste blickten das schöne, schlanke Mädel interessiert an, das sich
um niemanden kümmerte und gleich nach kurzer Besprechung mit der Tante durch eine kleine Tur in der Prioatwohnung verschwand. Sie half hier beim Wäscheausbessern, beim Anrichten in der Küche; auch mußte sie die Bücher in Ordnung bringen oder wichtige Briefe schreiben.
„Dich kann man for alles verwende! lobte Tante Röschen sie oft.
Es handelte sich um einen wichtigen Brief, der plötzlich notwendig geworden war — und Donata befand sich nun im Wohnzimmer der Tante, das sehr niedrig war, und in dem, trotz aller Sauberkeit, die Luft alter Häuser herrschte, die in zu engen und zu dicht bebauten Großstadtstraßen stehen, wie uralte Menschen, die der Tod vergessen hatte.
Sie saß an einem Tische, über dem das elektrische Licht in grünbeschirmter Birne brannte, und setzte den Brief auf, las ihn dann der Tante vor, schrieb ihn danach ab. Später mußte sie noch Abendbrot essen, das ihr auf das Zimmer gebracht wurde; denn die gute, ältliche Wirtin litt es nicht, daß ihre schöne Nichte in dem Gastraum Platz nahm.
Sie pflegte zu sagen:
„Es komme viel anständige Leut bei mich; aber aach Zores. Was kann man da mache — ganz sauber kann man halt heutzutag net alles halte."
Gegen neun Uhr brach Donata auf. Sie ging diesmal durch den Flurgang aus dem Haus, und als sie vor der Tür stand, sah sie einen Herrn und eine ziemlich elegant gekleidete Dame in die „Krähe" eintreten. Das auffallend helle Haar der Frau machte sie stutzig, auch die Figur fiel ihr auf. Sie mußte unwillkürlich an ihres Vaters neue Klavier- fchülerin denken. Aber die trug die Locken zurückgekämmt, und diese hier hatte das helle Gelock tief in die Stirn und seitlich bis zur halben Wange gezogen. Auch hatte sie ganz lange, schmale, kohlschwarze Augenbrauen.
Nein, die einfache Betty Zolfmann hatte trotz oberflächlicher Aehnlichkeit nichts gemeinsam mit der reichlich auffallend zurechtgemachten Blondine, die eben die alte Weinschenke der Tante betrat.
Neuntes Kapitel.
Detlef Westkamp arbeitete am äußersten Ende des großen, sich weit ausdehnenden Gartens. Er holte Weißkraut aus der Erde. Auf feiner Stirn lag eine tiefe Falte, die sich tiefer und immer tiefer einzugraben schien.
Er überhörte den Schritt seiner Mutter, die ihm ein Weilchen zusah und ihn schließlich anrief.
Er fuhr wie aus schwerem Schlaf auf, und die Frau konnte deutlich beobachten, wie er sich zusammenriß.
Sie schüttelte mißbilligend den Kopf.
„Laß doch das gequälte Lächeln, Bub! Das tut dir weh und mir auch. Sei lieber offen und rede dir vom Herzen, was dich drückt! Läufst ja feit ein
paar Tagen herum, als ob —* Sie schob eine kurze Pause ein, ehe sie fortfuhr: „Man soll ja mit solchen Dingen nicht spotten, aber fast müßte ich meinen, das Mädel, in das du dich verliebt hast, wäre schon wieder gestorben!"
Er anroortete nicht, wischte nur seine Hände, an denen feuchte Erdkrume klebte, an feinen Arbeitshosen ab. Hörte nicht auf damit, als wäre das gerade jetzt etwas fehr Wichtiges.
Sie hielt ihm die Hände fest.
„Detlef, laß doch das — du arbeitest nachher ja doch noch weiter. Sage mir lieber, was dich quält."
Er druckste, und dann kam es über feine Lippen, was geschehen.
Frau Charlotte sah ihn groß an.
„Bub — Detlef — du riefengroßer Schafskopf! Deshalb läufst du feit Tagen umher wie ein Lohgerber, dem sämtliche Felle weggeschwommen sind? Um weiter nichts handelt es sich?"
Sie lachte, daß ihr die Tränen über die von der Herbstluft kräftig geröteten Wangen liefen.
„Das ist ja zum Radschlagen, Bub! Man könnte ja meinen, du wärst ein Kerlchen von sechzehn."
Sie schlug ihm auf die Schulter.
„Jetzt habe ich doch mal wieder so recht von Herzen lachen können — und Lachen ist immer gesund. Laß dich aber nicht wieder so ausiuchen, sonst bist du kein Bub nach meinem Gefallen. Glaub mir, den Mädels gefallt Waschlappigkeit am allerwenigsten. Du mußt es mit unserem Herrn Goethe halten, auf den feine Vaterstadt Frankfurt fo stolz ist. Der hat gesagt:
Komm den Frauen zart entgegen, Du gewinnst sie, auf mein Wort, Doch wer keck ist und verwegen, Kommt vielleicht noch besser fort!"
Detlef Westkamp erwiderte sehr ernst:
„Muttel, sie ist kein Mädel von der Sorte, von der vierzehn auf's Dutzend gehen! Ich habe schon ’ne ganze Menge Mädchen geküßt, aber ich habe auch immer gewußt: die überstanden's, wenn die kleine Liebe vorüber war, wenn sie gestorben war wie ein mattes Flackerlicht, das ein Windhauch auspustet. Die hab ich immer beim Kopf genommen und frisch drauflos geküßt, aber eine Donata Olden nimmt man nicht einfach beim Kopf und küßt sie ab wie die erste Beste. Die ist herb und spröde, der mußte ich Zeit lassen. Meine Ueberrumpelung war häßlich. Ich schäme mich vor ihr und vor mir selbst. Aber ich bin auch schwer genug bestraft. Ich habe sie verloren!"
Seine Mutter seufzte. „Ich glaube, mit den Krautköpfen, die du herausgemacht hast, könnte ich, wenn ich mir Mühe gäbe, vernünftiger reden als mit dir."
Sie dämpfte ihre Stimme, obwohl sich niemand in der Nähe befand.
„Bub, was für dummes Zeug babbelst du zu« fammen. Das Mädel mag die Beste im Lande fein — so verschieden ist sie aber bestimmt nicht von anderen Mädchen, wie du verliebter Gickelhahn glaubst. Wenn du ihr nicht gefallen würdest, hätte sie sich mit dir kein Stelldichein gegeben, und daß sie nach dem Kuß weggelaufen ist, beweist weiter nix, als daß sie sich plötzlich vor dir geniert hat."
Ein Heller Schein huschte über ihr frisches Gesicht.
„Weißt du, Bub, ich bin auch einmal so ein Gänschen gewesen. Als mich dein Vater unversehens beim Kopf genommen und geküßt hat, bin ich gelaufen und gelaufen, daß er mich mit feinen langen Beinen gar nicht hat einholen können. Bis ich schließlich so weit gelaufen war, daß keiner von uns mehr wußte, wo sich der andere befand. Weit draußen im Wald bin ich dann auf die Knie gefallen und hab gemeint vor unsinnigem Glück. Gar nicht gekränkt war ich, und ich denke, wenns bei deinem Mädel vielleicht auch nicht ganz so ist wie bei mir damals, so ist's doch wahrscheinlich: sie wartet jetzt auf dein Wiederkommen. Ich rate dir, versuche ihr zu begegnen, spaziere ober radele nach Bornheim nüber und such dir das Mädel. So — ich habe gesprochen!" schloß sie und sah den Sohn schalkhaft an.
Die tiefe Falte auf feiner Stirn war geschwunden, und seine Augen lachten die Mutter an.
„Du bist eine ganz famose Frau, und ich bin froh, daß du gerade meine Mutter bist! Ich werde Deinen Rat befolgen — heute noch!"
Er schüttelte die Rechte der Frau Charlotte so kräftig, daß sie es fast schmerzhaft fühlte, dann bückte er sich und begann weiterzuarbeiten.
Weißkrautkopf um Weißkrautkopf wurde der Mutter Erde entrissen. Anderntags früh sollte der Segen in die Markthalle. Nahrung war es für viele Menschen.
Detlef Westkamp fühlte den Blick seiner Mutter auf sich ruhen und schaute auf.
Sie lächelte.
mußte eben denken, dreihundert Jahre Familiengeschichte auf dem Stück Boden, auf dem auch wir leben, das ist doch etwas Wundersames. Stolz muß man darauf sein, ob man will oder nicht. Dein Vater hat so gearbeitet wie du, fein Vater auch, fein Großvater und Urgroßvater waren ebenfalls Sachsenhäuser Gärtner, und noch weiter zurück schaufelten, säten und ernteten Westkarnps hier, wo wir schaufeln, säen und ernten. Arbeit war ihr ganzes Leben, aber gefegnee Arbeit, sonst wäre der Grund und Boden nicht auf uns übergegangen."
Sie atmete den Geruch der frischen Erde ein und lächelte.
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