Entwicklung gestört werden. Der Staat hat an der richtigen Entfaltung der guten Erbeigenschaften und einer Schadenoerhütung deswegen ein so großes Interesse, weil er es bei unserer schlechten Bevöl- kerungsbilanz sich nicht gestatten kann, daß ein Drittel an sich erbgesunder Menschen nur durch unsachgemäße Behandlung geschädigt werden. Er muß aber noch weiter denken und dazu erziehen, daß die Sorge nicht nur der allernächsten Zukunft gilt. Seine Maßnahmen in Gestalt von Arbeitslosen-, Kranken- und Invalidenversicherung stehen ja auch im Dienste dieser erzieherischen Aufgabe: daß der Gedanke der Vorsorge auch für den Teil des „Erb- strornes" gesichert wird, den der einzelne Mensch nicht mehr durchlebt. Gerade für den Fall, daß das persönliche Leben durch einen unglücklichen Zufall frühzeitig abgeschnitten wird, soll die private Fortsetzung des staatlichen Versicherungswesens die Brücke sein, um dem „überindividuellen Leben" in Gestalt der chm betonten und noch nicht bekannten Nachkommen, dieselbe Lebensgrundlage zu sichern, welche jeder sich sonst selbst wünscht.
Hinzu kommt aber noch, daß mit einer solchen vorsorgend weitsichtigen Pflege und Förderung der Erbanlagen zur möglichen Bestentwickluna gleichzeitig ein Aufbau in staats-, wie Wirtschafts- und sozialpolitischer Hinsicht geleistet wird. Für den Staat kommt es nicht allein darauf an, daß innerhalb feiner Grenzen und seines geographischen Raumes möglichst viele Menschen wohnen, sondern daß die Bevölkerung auch so h o ch w e r t i g e w i e nur möglich sei. Das ist nicht nur für die Sicherheit, sondern auch für die Produktionsleistung, besonders in qualitativer Hinsicht, von entscheidender Bedeutung. Schließlich liegt darin aber auch ein wesentlicher Vorteil für die Allgemeinheit bezüglich der sozialen Lasten. Werden die Kräfte des Menschen schon frühzeitig erschöpft und die Entwicklung damit gestört, so ist damit ganz zweifellos der Keim zu einer großen Reihe von gesundheitlichen Störungen gelegt. Wir wissen aus eingehenden Untersuchungen an Jugendlichen, daß diese bereits in den Entwicklungsjahren gesundheitlich teilweise geschädigt worden sind, wie dies früher nur bei den Erwachsenen der Fall war. So wird hier der Grund zu Krankheiten gelegt, die bald die Arbeitsund Leistungsfähigkeit des einzelnen erheblich herabsetzen und zu chronischen Schädigungen führen. Es ist fein Wunder, daß heute bereits die Erkrankungen des Herzens und des Blutkreislaufes weitaus an erster Stelle in der Liste der Todesursachen stehen, wenn wir sehen, daß die Zahl der Kreislaufgeschädigten bei den Jugendlichen bereits so erhebliche Ausmaße angenommen hat. Die Sozialversicherung wird damit in einer Weise vorbelastet, wie das keineswegs unser Wunsch sein kann. Darum gilt hier wiederum: „Vorbeugen ist besser und billiger als heile n!"
Der Gedanke der Schadenverhütung muß von der Allgemeinheit viel stärker als bisher ausgenommen werden — doch nicht nur für sich allein! Heute, wo wir erkannt haben, daß nicht das Individuum die Zelle des Staates ist, sondern die Familie — gilt es, für diese Gemeinschaft vorzusorgen. Es beißt also, der Nachkommenschaft die Lebensmöglichkeit zu sichern. Diese Dinge regelt der Staat nicht mehr mit der gesetzlichen Sozialversicherung, sondern er fordert sie von dem Verantwortungsbewußtsein der Eltern für ihre Kinder. Die Möglichkeit liegt hier in den verschiedenen freien Versicherungen, sei es als Unfall- und Lebens- oder als Ausbildungs- oder Ausstattungsversicherung. Dabei wird der Gedanke am deutlichsten, daß man nicht nur für fein eigenes Wohlergehen sorgt, sondern wirklich für die Zukunft der Volksgemeinschaft. Das heißt wirklich einer Idee dienen und nicht nur dem Eigennutz!
Wenn wir in der richtigen Entwicklung und Förderung der guten Erbanlagen eine bedeutsame Aufgabe des Staates sehen, so kann es ihm auch nicht gleichgültig sein, wie sich diese in Zukunft erhalten. Ganz naturnotwendig liegt hier die Fortsetzung der Arbeit, wenn wir qualitativ Bevölkerungspolitik so treiben wollen, daß dabei für jeden einzelnen wie auch für die Volksgemeinschaft eine nützliche Förderung entsteht. Zur Erhaltung der
Berufs- und Lebensleistung sind alle die vielen Dinge einer vernünftigen hygienischen Lebensweise erforderlich. Nicht nur Esten, Trinken, Schlafen und die Mäßigkeit in den Genußgiften (Alkohol, Nikotin) find dabei von Bedeutung, sondern auch die Frage der Freizeit und ihre Gestal- t u n g Hier liegen die großen Aufgaben der Reichsgesundheitsführung und der Organisation Kraft durch Freude". Wenn auch alle Maßnahmen 'auf diesem Gebiet zweckbetont sind, so sollen sie doch von einer freudigen Atmosphäre eingehullt sem denn nichts ist als1 Mittel zur Gesunderhaltung und Wiederherstellung so wichtig wie frohe Stimmung.
So ist die Aufgabe einer raffehygienisch einge
stellten Bevölkerungspolilik, wie wir sie zur Erhaltung unseres Volkstums benötigen, in einen ungeheuer weiten Nahmen eingespannt und es wäre eine geradezu verderbliche Kurzsichtigkeit, wollte man darunter nur die Ausmerzung der Minderwertigen begreifen. Das Wichtigste ist und bleibt für alle Zukunft die Sorge für ein gesund heranwachsendes neues Geschlecht, wie die Erhaltung der Lebensleistung bei den Erwachsenen. Um dieses in vollem Umfange zu erreichen, ist aber auch nötig, daß jeder einzelne sich der Verantwortung bewußt ist, die auf ihm in dieser Hinsicht ruht.
DeuWe Denkmäler in Memel vergraben.
"'.".Will.HUI I.'
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Das Denkmal Kaiser Wilhelms I.°unb das Borussia-Denkmal in Memel, die von Litauern bald nach ihrem Einfall ins Memelgebiet im Jahre 1923 umgestürzt worden waren und seitdem — wie unser Bild zeigt — hinter Stacheldraht auf dem Feuerwehrhof lagen, sind in den letzten Tagen auf Anordnung des jetzigen litauischen Oberbürgermeisters Simonaitis vergraben worden.
Reform des höheren Mdchenbildnngswesens.
Die Vorarbeiten für eine zeitgemäße Neugestaltung des höheren Mädchenfchulwefens sind im preußischen und im Reichsunterrichtsministerium im vollen Gange. In den Erlassen vom 9. und 11. Juli 1534 ist bestimmt worden, daß Anträge von Schulen, die einjährige Frauenschule bis Ostern 1935 mit dem bisher geltenden Stundenplan weiterzuführen, stattgegeben werden kann, wenn alle oder die weit überwiegende Mehrzahl der Schülerinnen der betreffenden Schulen nicht beabsichtigen, Ostern 1935 in die U I einer dreijährigen Frauenschule einzutreten-, ferner daß von Ostern 1935 ab die noch bestehenden zweijährigen Frauenschulen in ein- bzw. dreijährige Frauenschulen umgewandelt werden müssen. Es handelt sich übrigens bei der zweijährigen Frauenschule um eine praktisch nur ganz selten bestehende Schuleinrichtung, deren Daseinsberechtigung nunmehr verneint wird. Eine wichtige Vereinheitlichungsmaßnahme hat der weitere Erlaß des preußischen Unterrichtsministers vom 9. Juli 1934 gebracht, der „entsprechend der nationalsozialistischen Forderung, im Schulleben nur wenige, klar umriffene Schulformen herauszustellen", anordnet, daß von Ostern 1935 ab d i e Frauenoberschulen in die höheren Fachschulen für Frauenberufe zu einem Typus, der „Dreijährigen Frauenschule" vereinigt werden.
In Zukunft dürfte es hiernach voraussichtlich in
der Oberstufe der höheren Mädchenbildung neben dem Oberlyzeum bzw. der an seine Stelle tretenden neuen Schulform (Deutsche Mädchen-Oberschule oder dergleichen) die 3jährige Frauenschule und — als organischen Teil von ihr — -die ein jährige Z u b r i n g e r - F r a u e n s ch u l e mit Obersekunda-Charakter geben. Welche der beiden Oberstufenformen — Oberlyzeum bzw. Nachfolgeanstalt oder Frauenschule — künftig als die „R e - gelfor m" anzusprechen sein wird, läßt sich wohl nicht allgemein Voraussagen. Man wird die tatsächliche Entwicklung abwarten müssen. Der Rückgang des Frauenstudiüms und der Wandel der Anschauungen über Mädchenerziehung dürften sich dabei auswirken. Das örtliche Bedürfnis der Bevölkerung, die Wünsche der Sellbstverwaltungsorgane und der Elternkreise werden für die Gestaltung an den verschiedenen Orten wesentlich mitbestimmend fein.
lieber die künftigen Berechtigungen der dreijährigen Frauenschule steht Näheres noch nicht fest. Der Erlaß des Unterrichtsministers vom 6. März 1929 hatte dem Abschlußzeugnis dieser Anstalt einige Berechtigungen verliehen. Man wird wohl annehmen dürfen, daß die künftige dreijährige Frauenschule die bevorzugte Stätte für die Ausbildung zum Volkschullehrerinnenberuf werden wird. Als Vorbereitungsstätte für sonstige akademische Berufe wird dagegen die dreijährige
Frauenschule grundsätzlich wohl weniger in Frage kommen. Doch ist im einzelnen über ihr Verhältnis zu dem mehr wissenschaftlichen Zukunftstyp (Deutsche Mädchen-Oberschule oder dergleichen) Näheres noch nicht bekannt.
Es steht zu hoffen, daß die endgültigen Lehrpläne der dreijährigen Frauenschule frühzeitig im Herbst bekanntgegeben werden, so daß sich alle Beteiligten rechtzeitig vor Beginn des Schuljahres 1935 auf die Neuerungen einrichten können. Die Durchführung des Staatsjugendtages, die eine gewisse Kürzung der Unterrichtsstunden und Unterrichtsstoffe an allen Schulen mit sich bringt, wird auch in die Gestaltung der neuen Lehrplane der Frauenschule hineinspielen. Man darf aber, wie die „Landgemeinde" schreibt, erwarten, daß bei der Fünftagewoche die Zahl von 30 Wochenstunden keinesfalls überschritten werden wird. Die zu erwartende UmstellungvonOberstufen wird in gewissem Umfang auch eine Anpassung der Lehrkörper notwendig machen.
Daten für Samstag, 1. September.
1842: der Nordpolfahrer Julius von Payer in Schönau bei Teplitz geboren (gestorben 1915); — 1854: der Komponist Engelbert Humperdinck in Siegburg a. Rh. geboren (gestorben 1921); — 1870 (1. und 2.): Schlacht bei Sedan.
Daten für Sonntag, 2. September.
31 n. Ehr.: Oktavian schlägt mit feiner von Agrippa geführten Flotte Antonius in der Seeschlacht bei Actiurn; — 70: Titus erobert und zerstört Jerusalem; — 1870: Gefangennahme Napoleons III. und Kapitulation von Sedan; — 1933: Appell des Führers an die 151000 Amtswalter; Kundgebung der Hitlerjugend und Rede Adolf Hitlers.
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M.L
Reichsbankpräsident Dr. Schacht in Bad Eilsen, wo er vor der Internationalen Konferenz für Agrar« Wissenschaften seine aufsehenerregende Rede über das internationale Schulden- und Kreditproblem hielt. — Von links nach rechts: Professor Zörner von der Landwirtschaftlichen Hochschule Berlin; Professor W a r r e n (USA.), ein enger Mitarbeiter des Präsidenten Roosevelt; Reichsbankpräsident Dr. S ch a ch t.
Ein gefährlicher Spaziergang.
Don Wilhelm von Scholz
Der Zürichbergwald, der auf dem rechten Lim- matufer hoch über der Stadt liegt; bis zu dem in vielen Kehren die elektrische Straßenbahn hinauf- führt, ist für die Züricher ein wertvoller Besitz. Laubwaldwege und Tannenwaldschneisen führen durch ihn hindurch, ein Tobel mit Wasserfall lockt in kühle Taltiefe. Einsamkeit und Wipfelsummen umfangen den auf einer der vielen Bänke Rastenden. Ost genug begegnen dem Wanderer flüchtig über die schmalen Pfade setzende und im nächsten Unterholz verschwindende Rehe.
Die Verlassenheit des Zürichbergwaldes hat auch ihr Bedenkliches. Es ist nicht immer ganz geheuer und sicher dort oben. Man hat gelegentlich von gelungenen Uebersällen gehört. Ich aber weiß von einem mißglückten, der noch ein seltsames Nachspiel hatte, dem gefährdeten einsamen Spaziergänger zu einer guten Tat und dem anderen zu einem unverhofften Glück und zu seiner Rettung vor dem Verbrechen wurde.
Das schöne Endergebnis des kleinen Vorfalls bedurfte zu feinem Zustandekommen eines Sonderlings, eines Mannes, der anders war als die anderen und der auch den Mut hatte, das vor sich und den Leuten nicht zu verstecken. Daß er als ein wohlhabender, viel gereifter Geschäftsmann fromm war, das meine ich mit dem Sonderling nicht. Er war aber auch ein unbedingter Fatalist, ein Schicksalsgläubiger, was ja mit der Frömmigkeit, jedenfalls der kirchlichen Frömmigkeit, ein wenig im Streite liegt. Ihm stellte sich fein fast mohammedanischer Fatalismus aber als ein unbedingtes stetes Gottvertrauen dar, so daß er des Bedenklichen seiner Seeleneinstellung im Hinblick auf das Frommsein gar nicht gewahr wurde.
Auch das macht ihn gewiß noch nicht zum Sonderling. Wenn sich aber jemand von seinen inneren Ueberzeuqungen in seinem Tun leiten läßt, auch da, wo sie von den durchschnittlichen der Menge abweichen, und sie nicht bloß für sich heimlich im Innern hat, dann — das wird mir jeder zugeben! — ist er unbedingt ein Sonderling. Und daß der Mann, von dem ich hier erzähle, es war, läßt sich schon mit einer einzigen Handlung beweisen, die von ihm verbürgt ist. Er hatte sich über den mangelnden Wohltätigkeits- und Gemeinsinn eines sehr reichen Mannes in feiner Wohngemeinde am Zurich- fee geärgert und wollte den für die öffentliche Fiir- sorgetätigkeit gewinnen. Er ging zu dem reichen Manne und forderte ihn auf, ein Zehntel seines Vermögens für die Armen zu spenden; er, der — viel weniger begüterte! — Besucher verpflichte sich dann sofort, von seinem durch freiwillige Gaben schon sehr verminderten Besitz das Gleiche nochmals abzugeben. Der reiche Geizhals lachte den komischen
Bittsteller aus. Er jedenfalls bezweifelte keinen Augenblick, daß er in unserem Freunde einen der seltsamsten Käuze und ausgemachten Sonderlinge vor sich habe. In dieser Meinung, glaub' ich, können wir uns unbedenklich dem Geizhals anschließen.
Zu den Gewohnheiten des unbezweifelbaren Eigenbrötlers gehörte auch, daß er, wenn er auf Spaziergängen einkehrte, sich stets in die geringen Schenken und Wirtschaften setzte, nur einen Sprudel ober eine Tasse Milch trank und etwas Brot dazu aß. Ein solcher rasch genommener Vesperimbiß am Zürichberge wurde der Anlaß des folgenden Erlebnisses.
Frisch gestärkt stieg der Spaziergänger zum Wald hinan — in der beruhigten, ihm längst zur Gewohnheit gewordenen Seelenstimmung, die man am richtigsten wohl mit stiller und ergebener Dankbarkeit bezeichnen kann. Er hatte schon lange das Gefühl, von seinem Gott besonders sanft und milde geführt worden zu sein. Vor schweren Schicksalsschlägen war er viele Jahre bewahrt gewesen. Am besten läßt es sich so sagen: er war, weil es ihm nun lange gut ging, innerlichst bereit, auch einmal etwas Böses ohne Murren zu empfangen.
Gedanken darüber zogen beim Hinaufsteigen durch seine Seele und begleiteten ihn auch noch, als er jetzt ebener in den abendlich dämmernden Wald hineinschritt, um später erst an einer weit entfernten Stelle wieder den villenbesetzten freien Südhang des Berges und den Abstieg zu erreichen.
Sein Weg ging so einsam, so zwischen undurchsichtigem Unterholz und Hützeln hin, daß selbst jemand, der nie von Gefährlichkeit dieses Waldes gehört, plötzlich aus feinen Gedanken hätte auffahren und sich besorgt umsehen können, wenn nur ein später Vogel aufgeflogen ober im Laub irgend- ein Rascheln, im Geäst ein Knacken zu hören gewesen wäre. Unser Mann empfand nichts als die feierliche Kirchenstille des Abendwaldes, die seine Seele erhob, und nahe um sich jene ewige ge- ! glaubte Gegenwart einer unvorstellbaren Wesenheit, die ihm — wie Atemhauch in Winterluft — faft sichtbar war, die mit ihm schwebte und jeden Gedanken an Furcht von ihm fernhielt; durch die nichts hindurchdringen konnte, was jene göttliche Wesenheit nicht für ihn bestimmt hatte.
Da wo sein Weg, der bisher immer in den Wald hineingeführt hatte, wenbete und wieder die Richtung auf das jetzt ferne Zürich nahm, sah der Spaziergänger einen einzelnen Mann auf einer Bank sttzen. Das war um diese Stunde, wo man bald im Gehölz vor Dunkeln kaum den Weg mehr erkennen würde, wo unser Sonderling nicht einmal wehr heimwärts gehende Wanderer angetroffen hatte, auffallend.
Eine Anschauung besonderer Art mag sich vom geistigen Erlebnis aus so in einem Menschen festgewurzelt, ihn durchdrungen haben, daß sie ein Stück seiner Natur geworden ist ~ wird sie von
ernsten Ereignissen auf die Probe gestellt, wird sie doch erst wieder einen Augenblick um ihr Dasein kämpfen müssen. Denn in einet er igenben, gar gefährlichen Lage ist zuerst der längst unterdrückte natürlich empfindende Mensch wieder da.
So mußte das schicksalsgläubige Gottvertrauen des späten Spaziergängers sich kurz gegen einen aufzuckenden Schreck durchsetzen, gegen ein herzschlaglanges Stocken des Fußes, ehe fein Schritt weiterging, ehe die Gewohnheit und Zwang ge= wordenen Gedanken den Wandernden beruhigt wieder in ihrer Gewalt hatten.
Der lauernde, dabei unruhig flackernde Blick des auf der Bank Sitzenden, ja selbst eine durch feine Glieder fliegende unwillkürliche Bewegung, Die ein Aufspringen werden konnte und darauf in ein Wegsehen und Sich-zur-Seite-Wenden des ärmlich und hungrig ausschauenden Mannes überging, wurden in dem unbeschleunigt Vorüberschreitenden nicht mehr zum Schreck. Er hatte Schreck und Angst beim Ansichtigwerden des Sitzenden schon abgetan. Vielleicht klopfte jetzt nicht einmal sein Herz schneller. Es bereitete sich anders in ihm vor, das aus seiner Anschauung von den Pflichten gegen den Mitmenschen in ihm hochdrängte.
Er mochte etwa zweihundert Schritte weitergewandert sein, als er hörte, daß der Mann hinter ihm aufftanb und langsam folgte; nicht rascher als der Vorangehende, so daß der den Eindruck hatte, ihr Abstand bleibe sich gleich. Grund zur Besorgnis war nicht gegeben; der Sitzende konnte ja durch den Begegnenden aus Gedanken geweckt und wieder an den Heimweg erinnert worden fein.
An einer Bank, der gegenüber ein kleiner Brunnen riefelt, über der an den Stämmen mehrere Wegweiser angebracht sind und die her sich schneidenden Pfade erläutern, erkannte unser Freund, daß es nicht, allzu weit mehr bis zum Hsraustreten des Weges aus dem Walde sei, was ihn in seiner vertrauenden Beruhigung eben noch bestärken wollte — als er plötzlich hinter sich Laufen hörte und nun doch das Gefühl hatte, es komme zu einem UeberfalL Dem würde er nichts entgegenzusetzen haben als ein auch dem Verbrecher gegenüber verstehendes, liebevolles, brüderliches Wort. Sein Herz hatte heftig zu schlagen begonnen, so sehr in ihm gerade jetzt die Macht seiner lieber« zeugung um die Herrschaft über seine Seele kämpfte und in diesem Kampfe siegte.
Er mußte sich fast gegen seinen Willen umdrehen, wen auch ruhig-gelassen; nur um zu sehen, was fei, nicht in irgendeiner Haltung oder auch nur Absicht der Abwehr.
In diesem Augenblick stürzte der fremde Mann an dem sich gerade Wendenden vorbei, ohne den starren, vorwärts gerichteten Blick zu erheben, und lief bann, langsamer werdend, b»m Waldrande zu.
Von da ab wurde er zum Verfolgten.
Raschen Schrittes ging, ja lief fast der Spazier» ganger dem verstörten Gesellen nach, ließ ihn wenigstens nicht aus dem Auge und konnte ihn außerhalb des Waldes, wo die Wege noch begangen waren und der den Schritt verlangsamt hatte, unter den Gruppen der Leute mit dem Blick festhalten.
Der Flüchtende sah nicht zurück, so daß er den ihn unauffällig Verfolgenden nicht gewahr wurde; nicht bemerkte, daß der andere wenige Minuten, nachdem er selbst drunten in der Altstadt in einer engen Gasse in sein Haustor eingebogen war, auch in diesem selben Haustor stand und sich umschaute.
In dem Sonderling war ein unklares Gemisch von Gefühlen, vor allem aber der unabweisbare Trieb, dies Erlebnis, das wie ein nicht zum Ausbruch gekommenes Gewitter im Wald heraufgcdun- kelt, doch zu erleben; etwas von dem, was ihm an zu Sagendem durch den Kopf schoß, als der andere zu laufen begann, wirklich zu sagen. Eins über den schmutzigen Hof gehende Magd, der er den Mann beschrieb, wies ihn in ein oberes Stock« werk des hohen, düsteren, dicht von geringen Leuten bewohnten Hauses.
Als er an die ihm bezeichnete Tür, die er nicht leicht gefunden hatte, klopfte, auf ein mürrisches „Herein!" eintrat und „Guten Abend!" wünschte, schrie der im hinteren Zimmerdunkel auf einer Kiste sitzende Mann, der feinen Besucher zuerst nicht er» könnt hatte, plötzlich: „Ich habe Ihnen doch nichts getan!" und sprang auf.
„Ich habe aber gesehen, daß Sie in Not sind und es Ihnen schwer angekommen ist, mir nicht, zu tun. Nur deshalb bin ich hier. Erzählen Sie mir Ihre Lage! Ich will sehen, was sich für Sie tun läßt."
Der Mann erzählte; erzählte auch, daß er in der Wirtschaft bei dem Fremden, der dort nicht recht hinzugehören schien, eine Menge Geld gesehen, da' durch auf schlechte Gedanken gebracht ihm nach- und dann auf Seitenwegen vorangeschlichen fei, um ihm aufzulauern. Schließlich hätt' er's aber doch nit könnt!
Es wurde eine Stellung für den Mann gefun« den, in der es ihm nun nicht mehr schwer war, rechtlich zu bleiben. Sein Retter kümmerte sich noch Jahre um ihn, so daß der Schützling manche, von der Denkungsart und Anschauung seines Wohl' täters annahm. Seitdem hat der gesichert im Leben und Berus Stehende oft unfruchtbar darüber nach' gegrübelt: wie seltsam es doch fei, daß das Gute in feiner Seele ihn lange nicht aus seiner bedräng' ten Lage zu retten vermocht hatte, bis das Döst einer schlechten Gelegenheit ihn so weit schon vorn rechten Wege abgelockt, daß ein zufällig Vorüber« gehender seinen Kampf und den Sieg des besseren Menschen in ihm erkannte. Er sagte manchem kopfschüttelnd: „Ohne meine malefizschlechte 2IbpflJl würd's mir nie besser gegangen seinl


